Der prophetische Tanz der Masupia.

Am 20. besuchte ich Masangu, den schon erwähnten Häuptling, Vorstand der Metall-Handwerker in Sepopo’s Reich, der zugleich die Oberaufsicht über alle von dem Könige an seine Unterthanen abgegebenen Gewehre zu führen hatte. Er war eben mit dem Ausbessern eines Gewehres beschäftigt und bediente sich dabei seiner eigenen Instrumente; Hammer, Meißel, Zange und Blasbalg waren die best gearbeitsten ihrer Art, die ich bisher unter den Eingebornen Afrika’s angetroffen hatte. Er frug mich, ob ich schon die Masupia’s tanzen gesehen habe; als ich dies verneinte, machte er mich auf den Schall der aus den königlichen Gehöften ertönenden Langtrommeln aufmerksam und forderte mich auf, den Tanz der Masupia’s zu beobachten. Die Bewohner des Marutse-Reiches lieben den Tanz sehr, ich möchte sagen, daß jeder Stamm einen Specialtanz besitzt; mit den Betschuana’s haben sie den Pubertätstanz gemein, den die Mädchen feiern, wenn sie ihre Reife erlangt haben. Er wird Wochen lang und stets bis gegen Mitternacht ausgeführt, und dient auch dazu, um das Freundschaftsband unter den im Alter ziemlich gleichstehenden, in einer Ortschaft geborenen Mädchen inniger zu knüpfen. Der Tanz wird von Gesang und Castagnetten-Musik begleitet.

Andere Tänze sind der Trauungstanz, ferner der Elephantentanz, der zugleich mit dem größten Trinkgelage verbunden ist, bei welcher Gelegenheit ich auch den schädlichen Effect des Butschuala beobachten konnte. Die Fächerpalmen-Instrumente werden dabei rasch mit einem Rohrstäbchen gestrichen und mit den Stahlhandschuhen (klöppellosen Doppelglocken) der Tact dazu geschlagen. Ferner gibt es den Löwen- und Leopardentanz, welche nach glücklich ausgeführten Jagden von den heimkehrenden Jägern und den ihnen entgegenkommenden Dorfbewohnern ausgeführt werden. Wie an dem Elephantentanze, so betheiligt sich der König auch an dem Mokoro- oder Bootstanze.

Jener, den ich am 20. October in Schescheke beobachten konnte, war ein prophetischer Tanz und eine der vielen Gaukeleien, welche dem Stamme der Masupia’s eigenthümlich sind. Zwei Männer tanzten unter dem Schalle der größten Trommeln der königlichen Capelle und dem Gesange und Händeklatschen einiger dreißig sie eng umringender Landsleute vom frühen Morgen bis zum Sonnen-Niedergange, bis sie sozusagen besinnungslos niederstürzten; in diesem Momente mußten sie Worte ausstoßen welche sich auf das Vorhaben, eine große Jagd, Krieg oder Raubzug etc., bezogen, welches der König oder Statthalter auszuführen gesonnen war. Beinahe durchwegs lautet ihre Weissagung günstig und ein Geschenk von Glasperlen oder Kattun wird ihnen dafür zu Theil; straft der Zufall ihre Worte Lügen, so müssen sie sich aus dem Bereiche des erzürnten Hohen ferne halten, um nicht ein fühlbares Nachgeschenk zu erhalten. Masupia-Tänzer waren phantastisch mit Gnu- oder Zebraschwänzen am Kopfe, an den Armen und Hüften geschmückt und bildeten mit ihrem Tanze einen Uebergang zu den maskirten Tänzern. Der Tanz an sich selbst ist ein Hüpfen von einem Fuß auf den andern, unterbrochen von einem Sichausstrecken auf dem Boden, das plötzlich, oder so langsam mit kaum wahrnehmbarer Benützung der Gelenke geschieht, und mit einem Schütteln des Körpers und Kopfes, Verschieben des Kopfschmuckes etc. verbunden ist. Auch diese Tänzer benützen die Wadenschellen und einige kleine flaschenförmige, zu gleichen Zwecken gearbeitete Kürbisschalen. Zu Hause begehen die Masupia’s ähnliche Tänze mit Gaukeleien verbunden, welche sie oft geschickt einzufädeln wissen. So scheint es, als wenn sie sich während des Tanzes mehrmals tief in die Zunge schneiden und nach jedem Schnitt Blut hervorquellen würde; untersucht man aber die Zunge nach dem Tanze, so findet man sie nicht im Geringsten verletzt.

Abends kamen Boten von Dr. Bradshaw von Panda ma Tenka mit einem Briefe, worin wir mit der Nachricht überrascht wurden, daß der den Lesern schon von den Klamaklenjana-Quellen her bekannte Händler A. X., dem ich zwei Kistchen gesammelter Objecte nach Panda ma Tenka gesendet, am Nataflusse von Hyänen getödtet wurde. Der Mann hatte sein wenig glorreiches Leben damit zum Abschlusse gebracht, daß er einen seiner Diener wegen eines kleinen Vergehens niederschoß und in der Furcht, von den Genossen des ermordeten Dieners getödtet zu werden, im trunkenen Zustande seinen Wagen verließ und sich in den nahen Büschen verbarg. Die erschreckten Diener hörten sein Geschrei während der Nacht, doch wagten sie es nicht, ihm zu Hilfe zu eilen. Am nächsten Morgen sollen sie seine frisch abgenagten Gebeine und zu Fetzen zerrissenen Kleider gefunden haben. Zwei der Diener hatten sich, nachdem sie sich mit Nahrungsmitteln versehen auf den Weg nach dem Panda ma Tenka-Flüßchen gemacht, um hier den Compagnon des Verunglückten aufzusuchen und ihm den Unglücksfall zu berichten.

Am 21. setzte ich mein einige Tage zuvor angefangenes Studium der Fische fort, wobei ich diesmal meine Aufmerksamkeit dem auch im Zambesi vorkommenden schildköpfigen Wels (Glanis siluris) widmete. Ich erwähnte schon des Thieres und seiner Parasiten und will noch hinzufügen, daß mir seine Farbe hier dunkler erschien als die der südlicher vorkommenden Thiere. An Stellen, die uns von Krokodilen weniger dicht bewohnt zu sein schienen, warfen wir die Grundangel aus und in der Regel mit gutem Erfolg.

In der Nacht auf den 22. vernahm ich aus dem Dorfe des Häuptlings Ratau (dem westlichsten) Frauengeschrei und früh Morgens einige Gewehrschüsse. Das erstere bezeichnete das Ableben eines Marutse, das zweite, daß man ihn bestatte. Am 22. sandte der König einen Kahn, um Blockley und Bauren nach Impalera zu schaffen, damit der erstere den des Tauschhandels halber geplanten Ausflug nach dem Lande des Makalaka-Fürsten Wanke unternehmen könne. Die Sendung eines Kahnes für zwei Weiße und mehrere Diener wurde von Blockley als Beleidigung angesehen und diente nicht dazu, um das in letzterer Zeit durch das unfreundliche Auftreten von Seite Sepopo’s eingetretene Zerwürfniß zu mildern. Der König erschien diesmal von 120 der Seinen und seiner Capelle begleitet. Die Menschen füllten das kleine Höfchen vollständig, Sepopo wollte durch dieses imposante Auftreten den Händlern zu verstehen geben, daß sie vollkommen in seiner Gewalt seien.

Der König hatte sich kaum entfernt und ich war an die Ausführung einiger Zeichnungen geschritten, als zwölf Königinnen auf meine Hütte losstürzten. Sepopo hatte ihnen erzählt, daß ich unlängst ihn und Maschoku abgezeichnet, nun wollten sie sein und des Scharfrichters Bild sehen; da half kein Widerstreben und ich mußte mit der Zeichnung heraus, ja ich mußte ihnen auch zeigen, wie ich das Bild gezeichnet hatte, dabei wurde ich derart umlagert, daß mir das Athmen schwer wurde. Die eine wies auf das und frug die andere um jenes, während eine dritte nach dem Bleistifte griff und zwei andere wieder die Feinheit des Papieres bewunderten; die rückwärts Stehenden, die nicht viel sehen konnten, drängten hervor und zwei der Vordersten lehnten sich sans gène an meine Schultern und entfalteten dabei so viel Koketterie, wie ich sie nie an den schüchternen Betschuana- und Zulu-Frauen beobachten konnte. Da ich des Königs Eifersucht wohl kannte, hielt ich es für das Beste, einen der schwarzen Diener, der sich beim Eintreten der Frauen des Königs entfernen wollte, bleiben zu heißen. Nach einer halben Stunde verließen sie mich, um Westbeech in dem nebenan liegenden Waarenhäuschen anzubetteln. Nach ihrer Entfernung warf ich eine Matte gegen die Thüröffnung und ließ nur eine Spalte für das Licht offen, ich hoffte nun Ruhe zu haben, doch hatte ich die Neugierde der Töchter Eva’s nicht in Rechnung gebracht, denn kaum war dies geschehen, als abermals zwei Königinnen an der Thüre erschienen. Sie dachten mich wohl abwesend, denn aus den Worten der einen, »Sikurumela mo’ ndu, Njaka chajo« (der Deckel liegt an der Thüre, der Doctor ist abwesend), konnte ich ihre Enttäuschung entnehmen.

Besuch der Königinnen.

Von allen mir bis jetzt in Südafrika bekannten Eingebornenstämmen halte ich jene im Marutse-Reiche für die reinlichsten. Gerade an den am Flusse gelegenen größeren Ortschaften gibt es wenige sandige Untiefen; nichtsdestoweniger und trotz der Gefahr, welche den Badenden durch die zahlreichen Krokodile droht, lieben die Stämme des Marutse-Reiches das Bad. Ist das Ufer zu steil oder das Wasser zu tief, so wird das Wasser über den Kopf gegossen. Waschen ist ihnen eine Nothwendigkeit, sie reinigen sich selbst nach jedem Mahle Mund und Hände.

Am 23. machte ich einen Ausflug auf die angrenzende Wildebene (Blockley’s Kraal), wobei ich Gelegenheit fand, die Puku-, Letschwe- und Wasser-Antilopen beobachten zu können. Am Rande des Gehölzes (die Ueberschwemmungen des Zambesi setzen diese Ebenen bis an das Gehölz unter Wasser) beobachtete ich zahlreiche Felder der Eingebornen. Frauen und Kinder waren mit dem Umgraben, Männer mit dem Fällen der Bäume beschäftigt, um den Grundbesitz ihrer Herren (die auch sie ernährten) nach dem Gehölze hin auszudehnen. Heimkehrend fielen mir die an mehreren Stellen im Umkreise einiger schon errichteten Gehöfte erbauten Hütten auf, sie hatten eine Nachtmützenform und mußten in wenigen Stunden aus Gras und Schilfrohr errichtet worden sein. Sie waren für die Sklavinnen bestimmt und standen ohne alle Umzäunung da, damit ihr Eigenthümer leicht die Aus- und Eingehenden überblicken konnte.

Am 24. besuchte ich eine Hütte, in welcher einer der Mambari’s mit Hilfe der ihm von dem Masupia-Häuptling Masangu geliehenen Werkzeuge Schmiedearbeiten verrichtete. Einen Gehilfen Masangu’s fand ich damit beschäftigt, einige Hauen zu schärfen, und sah den von den Marutse verwendeten doppelten Blasebalg, welcher einen continuirlichen Luftstrom in das Feuer bließ. Dieser Blasebalg besteht aus drei Haupttheilen, einem hölzernen, theilweise mit Leder überzogenen, einem aus Horn verfertigten und einem thönernen Theile. Der hölzerne Theil ein Doppelgestell aus zwei mit Lederlappen bedeckten Rundschüsseln und je einer aus diesem parallel laufenden Holzröhre bestehend. Die Lederstücke sind in ihrer Mitte mit Stäbchen versehen, haben an der Seite je eine Oeffnung und werden abwechselnd gehoben oder gesenkt und auf diese Weise Luft eingelassen und ausgepreßt; diese wird abwechselnd in eine der hölzernen Röhren getrieben und tritt aus diesen in die aus den Hörnern der Säbel- oder Gemsbock-Antilope verfertigten. Die beiden Hornröhren sind kürzer als die hölzernen und stehen mit diesen in keinem festen Zusammenhange, sie laufen auch nicht mehr parallel zu einander, sondern sind an den vorderen Enden zu einander geneigt und münden in eine thönerne und diese unmittelbar auf den Feuerherd.

Mein Nachmittags-Spaziergang führte mich zum Flusse, an dem ich einen Haufen lebhaft gesticulirender Eingeborner antraf. Der Fluß hatte soeben die Leiche eines vor einigen Tagen von einem Krokodil beim Baden getödteten Mädchens an’s Land geschwemmt. Menschen, sowie größere Säugethiere werden von den Krokodilen ertränkt, da sie von dem Reptil nicht verschlungen werden können. Sowie das Krokodil durch das Aufhören der Zuckungen von der Widerstandslosigkeit seiner Beute überzeugt ist, öffnet es am Grunde des Wassers seine riesigen Kinnladen und läßt die Beute fallen. Das riesige Thier ist, außer es zerren zwei um das ertränkte Opfer, nicht im Stande, mit seinen Zähnen ein größeres Thier oder den Menschen als frischen Cadaver zu zerkleinern, es bleibt aber als Wächter bei dem Ertränkten liegen, bis der Verwesungsproceß beginnt und die Leiche, durch die Gase emporgehoben, zur Wasseroberfläche aufsteigt. Dann wird erst dieselbe zerstückelt und verschlungen. Hat jedoch ein Fisch oder sonst ein Gegenstand die Aufmerksamkeit des Thieres vom Fraße ab und auf sich gelenkt, und geschah dies während des Tages, so wird der gehobene Gegenstand vor der anbrechenden Dunkelheit nicht mehr berücksichtigt. Sepopo sowie seine Leute theilten mir mit, daß in keinem Theile seines Landes die Krokodile so schlimm und gefürchtet wären, als in der Umgegend von Schescheke. Kurz vor meiner Ankunft wurde ein Mann von denselben aus dem Boote herausgeholt, vor drei Tagen ein sechsjähriger badender Knabe erfaßt und während meines ferneren Aufenthaltes in Schescheke fanden mehr als dreißig Menschen ihren Tod durch diese räuberischen Saurier.

Kleine Krokodile werden zufällig im Netze mit Fischen, große erwachsene Thiere mittelst riesiger Angeln gefangen und getödtet. Die Construction dieser Fangvorrichtung ist sehr sinnreich ausgedacht und ausgeführt. Sie besteht aus einer eisernen Angel, mehreren dünnen Bastschnüren, einem Baststrick und einem Rohrbündel; eine eingehendere Beschreibung dürfte die folgende Skizze ersparen. Der den Angelhaken umhüllende Köder wird von einem Netze gehalten, mehrere vier bis 4½ Meter lange federspuldicke, sehr fest gedrehte Bastschnüre vermitteln die Verbindung zwischen dem Angelhaken und dem 3 bis 4½ Meter langen Basttau, welches an dem Rohrbündel befestigt ist.

Meine Hütten in Neu- und Alt-Schescheke.

Haben die Krokodile in Schescheke in kurzem Zeitraume nacheinander mehrere Opfer gefordert, so werden auf des Königs Geheiß die Krokodil-Angeln ausgelegt. Man legt das Rohrbündel auf das Ufer, den mit dem Köder (in Verwesung übergegangenes Hundefleisch)[12] versehenen Angelhaken auf drei Rohrstöckchen, so daß derselbe am Uferrande 1½ Meter über dem Wasserspiegel wie auf einem Stühlchen ruht. Wittert das riesige Reptil den Köder, so schwimmt es in seine Nähe und verhält sich hier ruhig bis zum Anbruche der Nacht. Sich aus dem Wasser emporschnellend, erfaßt es den Köder mit seinen riesigen Kinnladen und würgt ihn hinunter. Doch die vorstehenden Hakenspitzen verhindern dieß, wie auch das Schließen der Kinnladen, wodurch dann das einfließende Wasser in den Schlund und in die Luftröhre eindringen kann. Es stürzt damit in die Tiefe, nach und nach ermatten seine Anstrengungen, sich von der mit den Widerhaken im Schlunde festsitzenden Angel zu befreien und das Thier treibt stromabwärts. Von diesem Kampfe gibt das an der Wasseroberfläche schwimmende Rohrbündel treues Zeugniß. Nach einer halben bis einer Stunde hat der Saurier ausgerungen und wird vom Strome ab und an eine Sandbank oder gegen das Ufer getrieben, wobei das Rohrbündel den Fischern das geköderte Thier verräth. In Schescheke wurden zuweilen auf fünf aufgestellten Angeln zwei bis drei Krokodile in einer Nacht gefangen. Gespeert werden die Krokodile nur, wenn man die Geangelten noch lebend antrifft, oder wenn man ihnen zufällig beim Fischspeeren, auf der Nilpferd-, Elephanten- oder Otterjagd begegnet. Gleich den Fischnetzen sind auch die Krokodilangeln königliches Eigenthum. Als nach einigen Tagen die fünf Angeln ausgesetzt waren, fand ich mich zeitlich am Flußufer ein, um den Erfolg zu beobachten. Drei der Angeln waren verschwunden, dafür sah ich drei der größeren Kähne mit je zwei Bootsleuten bemannt, flußaufwärts nach Schescheke zusteuern. Ein jedes derselben barg ein riesiges Krokodil, in dessen Leibe ein Mensch füglich Platz finden konnte. Die Thiere wurden nun an’s Ufer geschleppt und einige von Sepopo’s Leuten machten sich daran, ihnen den Kopf abzuschneiden; die Augenlider und Luftwarzen, sowie einige Rückenkammschuppen wurden als Heil- und Zaubermittel dem Könige überbracht.

Krokodilangel.

Als ich eben daranging, die Leiche des vom Krokodile getödteten Mädchens beerdigen zu wollen, wurde ich von deren Verwandten mit den Worten daran verhindert: »Njambes Wille war es, daß sie das Krokodil tödtete, deßhalb muß sie auch dem Krokodile zur Beute werden.« Die Leiche wurde auch gegen Sonnenuntergang von den Krokodilen in die Tiefe gezerrt. An diesem Tage kam auch die Königin Lunga, um mir ihre vierzehnjährige Tochter, mit Namen Njama vorzustellen, sie war eben an Monalula, den ältesten Sohn Sepopo’s, einen Einfaltspinsel, verheiratet worden. Vor der Hochzeit wurde sie vier Wochen lang von ihrer Mutter sowie einigen anderen Königinnen in einem nahen Walde in einer Hütte einquartirt, wo sie die Zeit mit Fasten und Arbeiten zubringen mußte und von den Frauen in den Pflichten des Weibes unterrichtet wurde. Während dieser Zeit war ihr Wollhaar bis auf eine elliptische Stelle abgeschabt und mit Brauneisenstein eingerieben worden. Njama war eine Tochter des Makololo-Fürsten Sekeletu.

Am 25. fand ich auf einem Ausfluge im Walde ein Mankoë-Dorf. Die Leute, der schönste Menschenschlag im Marutse-Reiche, trugen bedeutend längeres Wollhaar, welches sie hoch aufkämmen, wodurch der Kopf wesentlich größer scheint. Sie waren nach Schescheke gekommen, um dem Könige bei dem bevorstehenden Elephanten-Jagdzug behilflich zu sein. Ich beobachtete bei ihnen nächst den Mabunda’s die schönsten Holz- und Hornschnitzereien, wenn diese Gegenstände auch nur Reise-Utensilien waren. Die Wohnungen dieser Leute bestanden in vier riesigen, zwei Meter hohen, zwei Meter breiten Längshütten, welche ein parallel laufendes Doppelhufeisen darstellten. Am Heimwege stieß ich auf mehrere Gräber der Masupia-Häuptlinge, welche mit Elfenbein geschmückt waren. Ferner fand ich Kalebassen, mit ihrer Oeffnung nach abwärts auf einem kleinen Termitenhügel ruhend, durch deren durchlöcherten Boden ein Stab eingeführt war, dieselben sollten mit dem in der Kalebasse befindlichen Knochenpulver nach der Ansicht der Marutse den Regen anziehen.

Im Laufe des Tages fand ich Gelegenheit, mir von Sepopo Aufklärungen über die Verwaltung des Landes und die Beamten-Hierarchie des Reiches geben zu lassen. Die letztere läßt sich in vier Kategorien scheiden, welche erstens am Hofe, zweitens in den verschiedenen Gebieten der einzelnen Stämme als Statthalter des Herrschers, Koschi, amtiren, drittens in Unterhäuptlinge, die diesen untergestellt als Kosana und Makosana das Amt eines Statthalters versehen, und viertens in Beamte, die sich nur mit der Person des Königs zu beschäftigen haben und im Range zwischen den beiden letztgenannten Classen stehen.

Zu den ersterwähnten Rangstellen gehören: a) der Höchst-Commandirende, zu Sepopo’s Zeiten war es ein Ehrenmann, mit Namen Kapella, ein dem König verwandter Marutse, der später von dem Letzteren zum Tode verurtheilt wurde; b) der Arsenal-Gouverneur, welcher das königliche Waffen- und Munitionslager unter sich hat, und im Auge behalten muß, wie viel und an wen die Gewehre vom Könige vertheilt werden. Unter Sepopo bekleideten zwei Masupia’s, Massangu und Ramakocan, diese Stelle; c) der Commandant der Leibgarde, der jedoch blos im Kriegsfalle seine Functionen ausübt; zu Sepopo’s Zeit war es dessen Cousin Monalula; d) der Commandant der jungen Krieger, die zur Kriegszeit eine besondere Heeresabtheilung bilden; unter Sepopo war es Sibendi.

In die zweite Rangklasse gehören die Statthalter, welche über die einzelnen von den verschiedenen bedeutenderen Stämmen bewohnten Provinzen gestellt sind und Civil- und militärische Gewalt in sich vereinigen. In Gebieten, wie in der Barotse, im Masupia-Mabunda-Lande, also in den umfangreicheren Provinzen, sind mehrere Chefs installirt und dann einem im Hauptorte der Provinz Residirenden unterstellt. Alle diese bisher genannten Würdenträger sind dem jedesmaligen Ober-Gouverneur der Barotse untergeordnet. Dieser Mann wird nach dem Regenten als die höchstgestellte Person betrachtet, unter Sepopo und auch nach seinem Tode bekleidete Ikambella diesen Posten.

In die dritte Rangclasse gehören die Unter-Häuptlinge, Vice-Statthalter, höhere und niedere Beamte über größere oder kleinere Städte und Dörfer, kleinere Landstriche und über Kolonien, welche ausschließlich für den König Viehzucht, Ackerbau, Jagd und Fischerei betreiben. Die Beaufsichtigung der regelmäßigen Ablieferung der dem Könige schuldigen Abgaben ist übrigens auch in allen anderen Provinzen eine hervorragende Amtspflicht der Beamten. Der größte Theil des Erträgnisses an Getreide wird an den Statthalter abgegeben, dieser sendet wieder den für den König bestimmten Theil dem Letzteren zu. Erlegen die Unterthanen ein Stück Wild oder schlachten Freie oder Sklaven, welche Vieh besitzen dürfen ein Stück davon, so wird das Bruststück an den Kosana, ist jedoch der Koschi im Orte oder auf der Jagd anwesend, an denselben, geschah es in des Königs Residenz oder in deren Nähe, an denselben als Königsstück abgegeben. Dies ist Gesetz. Die Unterhäuptlinge haben auch alle wichtigen Begebenheiten ihrem Koschi und dieser dem Regenten unverzüglich zu hinterbringen.

Die Würdenträger der letztgenannten Rangclasse bilden zum größeren Theile den »engen Rath des Königs« und stehen nach landläufigen Begriffen höher als die der dritten Rangclasse, thatsächlich aber sogar in des Herrschers Gunst höher als die Statthalter. In diese Kategorie gehören der Scharfrichter, zur Zeit Sepopo’s der bereits erwähnte Maschoku, fünf bis sechs Leibärzte, unter denen der alte Liva und sein Bruder besonders berüchtigt war, ferner des Königs Mundschenk, ein bis zwei Detective, der Aufseher, der in der Residenz stationirte Fischer und der oberste Kahnaufseher. Obgleich Sepopo die Verwaltung des Mabunda-Reiches seiner Tochter Moquai aus den Händen nahm, hatte sie doch, vom Volke als die eigentliche Herrscherin angesehen und geehrt, ihren eigenen Hofstaat, in welchem ihr Gemahl Manengo die höchste Stelle bekleidete, auch hatten sie einen Kanzler, einen Garde-Commandanten, die Statthalter ihres Reiches waren jedoch von Sepopo installirt worden. Außer den genannten Würdenträgern lernte ich noch die Häuptlinge Sambe, Premier der Königin Moquai, Nubiana, einen Marutse, ebenso Moquele und Mokoro, auch die beiden Masupia-Chefs Monamari und Simalumba kennen.

Sepopo umgab ein engerer und großer Rath. Der erstere war das »Werkzeug des Herrschers«, ein Haufe nicht minder grausamer Creaturen als der König es selbst war (unter Regentinnen ist er nicht vorhanden), der große Rath aber, der zum Theile aus Ehrenmännern besteht, war ziemlich machtlos und fristete unter Sepopo eine bloße Scheinexistenz, da die milden Urtheile der Mitglieder desselben, sowie sie dem Herrscher nicht zusagten, einfach ignorirt wurden, oder der engere Rath, der stets dem Könige gehorcht, zu den Berathungen zugezogen, wodurch der große Rath stets überstimmt wurde. Der große Rath bestand aus den Hof-Würdenträgern, aus Häuptlingen und Unterhäuptlingen, die zufällig die nächste Umgebung des Königs bewohnten. Obgleich Sepopo seinen Wohnsitz mehrmals wechselte, machte er doch die Erfahrung, daß ihm zwar anfangs die Mitglieder des großen Rathes zu Willen waren, später sich jedoch seinen Grausamkeiten, namentlich den zahlreichen Hinrichtungen der von ihm ob des geringsten Verdachtes schon des Hochverrates Angeklagten, widersetzten. Um den Widerstand des großen Rathes zu brechen, verfiel Sepopo auf den Gedanken, den großen Rath im Masupia-Lande, sowie die Häupter jenes der Barotse zum Tode zu verurtheilen, es war dies eine Gewaltmaßregel, welche nicht wenig seinen Sturz beschleunigte. Bei den Stämmen im Marutse-Reiche stand der große Rath in bedeutendem Ansehen, während man mit sklavischer Demuth zu dem engeren emporblickte.

Unter Sepopo’s Regierung führten zwei mumienartig aussehende Zauberdoctoren, der eben genannte Liva und sein Bruder, das Wort. Sie, welche schon mehreren Herrschern gedient hatten und eine mehr denn sechs Decennien dauernde Praxis hinter sich hatten, wußten dem mißtrauischen und äußerst abergläubischen Sinne Sepopo’s zu schmeicheln und ihn in seinem Aberglauben zu bestärken. So hatten sie sich in der Gunst der Stämme vom Vater auf den Sohn zu erhalten gewußt und waren weniger gehaßt denn gefürchtet, wenn sie auch oft die schrecklichsten Grausamkeiten anriethen. Wenn sich die Stämme nicht früher schon gegen Sepopo, diesen ungewöhnlichen Despoten erhoben, so beruht diese Schonung in dem Ansehen, das er als das Haupt des engen Rathes genoß und darin, daß er als ein Mann betrachtet wurde, der mit seinen Zaubermitteln leicht die gegen ihn ersonnenen Pläne entdecken und vereiteln konnte. Seine Grausamkeiten nahmen indeß an Häufigkeit zu. Die höchsten Beamten des Reiches waren vor ihm nicht mehr sicher, und doch wagte es Niemand, gegen ihn einen Assagai zu erheben. Da traf es sich, daß er öffentlich Zaubermittel ausstellte und dem Volke die Wirkung derselben erklärte, die jedoch ausblieb. Nun fielen den Leuten die Schuppen von den Augen, sie erkannten, daß die ganze Zaubermacht des Tyrannen Humbug sei, verloren die Furcht vor derselben und vertrieben ihn endlich.

Als ich am 26. mit Westbeech und einem Koschi über die Würdenträger des Marutse-Reiches sprach, theilte mir der erstere eine Episode aus dem Leben eines portugiesischen Händlers mit, welcher periodisch das Marutse-Reich zu besuchen pflegte. Ein nebenan stehender Häuptling warnte mich jedoch, vor dem Könige Anspielungen auf diese Episode zu machen, da es diesen immer in furchtbare Wuth versetze. Der genannte Händler, von den Eingebornen Intschau genannt, kam in der Regel mit hundert bis hundertzwanzig männlichen und zwanzig weiblichen Trägern nach der Barotse, er hielt einen förmlichen Hofstaat und trug seinen Reichthum an Prätiosen zur Schau, beschenkte auch den damals in der Barotse geladenen W., der ihm als Gegengeschenk ein Doppelgewehr übergab. Als nun Westbeech im Jahre 1874 Senhor Intschau in der Barotse traf, ordnete der König eine der großen Jagden an, wie sie jährlich während der Zambesi-Ueberschwemmungen abgehalten zu werden pflegen. Während derselben flüchten sich die Wasser-Antilopen des Zambesi-Thales (der Letschwe und Puku) in die überschwemmten, dem Flusse anliegenden Partien, was ihnen aber zum Verderben gereicht, da auf manchen Jagden bis zu vierzig Stück gespeert werden. Sie werden mit Kähnen gejagt und diese Jagden gestalten sich zu einem wahren Festtage der Marutse. Der König Sepopo hatte für seinen Gebrauch ein eigenes großes Boot, das eine Hütte trug, in welcher in den freien Augenblicken während der Jagd Bier getrunken wurde, welches die Städte und Dörfer, an denen man vorüberfuhr, liefern mußten. Jenes floßartige Riesenboot wurde von vierzig Bootsleuten gesteuert.[13]

Als sich nun Sepopo auf jene Jagd begab, lud er Westbeech ein, an derselben theilzunehmen, nicht aber den Portugiesen, worüber der letztere so erbittert war, daß er sich an dem Könige zu rächen beschloß. Wie schon erwähnt, standen in dem vom Könige allein bewohnten Gehöfte drei Häuser, jene in der Stadt Sola, die Sepopo damals bewohnte, waren namentlich solid ausgeführt. In Abwesenheit des Königs nahm sich nun Intschau die Freiheit, von dem königlichen Gehöfte Besitz zu ergreifen, wobei er dessen Schlafgemach in einen Düngerhaufen verwandelte. Die Bewohner von Sola hielten den Portugiesen im Besitze der königlichen Erlaubniß und berichteten dem Könige nicht eher die Invasion seines Gehöftes, als bis sie durch das Vorgehen des Fremden die königlichen Gebäude entehrt sahen. Als sie hörten, daß der König auf der Rückfahrt begriffen sei, reisten ihm die Solaner entgegen und berichteten ihm, was geschehen war. Der König wollte den Leuten nicht Glauben schenken und schickte einige Männer seiner Begleitung voraus, welche sich von der ihm angethanen Schmach überzeugen sollten. Die Abgesandten konnten nur die Aussagen der Solaner bestätigen, worauf der König Intschau auffordern ließ, Sola und sein Reich überhaupt sofort zu verlassen, welchem Befehle der Elfenbeinhändler auch wohlweislich nachkam.

Darauf berief der König den kleinen Rath. Seine Lieblinge, die vom Aberglauben umnachteten Rathgeber, hielten eine geheime Sitzung und kamen zu folgendem Beschlusse, den sie dem Könige und später auch dem Volke kundgaben. Sie sagten: »Intschau hätte nie eine solche Beleidigung gewagt, wenn er nicht im Besitze von sehr starken und ganz wundersamen Medicinen gewesen wäre. Der König dürfe daher nie mehr Sola und um so weniger seine Wohnung aufsuchen, es würde ihm, sowie auch seinen Unterthanen und dem ganzen Lande sehr großen Schaden bringen. Um all’ dies abzuwenden, hielten sie es für das Beste, daß die Einwohner Sola verlassen, daß sie wie der König all’ ihr Hab und Gut mit sich nehmen sollten und daß dann die Stadt dem Boden gleichgemacht, d. h. an allen Seiten angezündet, damit auf diese Weise die Gewalt der von den Portugiesen schon angewendeten oder noch hie und da verborgenen Medicinen und Zaubermittel vernichtet werde.« So geschah es auch.

Am 27. sollte endlich die lang besprochene Elephantenjagd abgehalten werden. Ein ungewöhnlich reges Leben herrschte schon mit dem ersten Morgengrauen in Schescheke. Das Königsgehöft war so mit Bewaffneten überfüllt, daß ich mich kaum durchdrängen konnte. Der König war eben im Begriffe, an dieselben Schießpulver und Kugeln auszufolgen. Ich eilte zu meinen englischen Freunden, um ihnen die Nachricht zu bringen, doch sie waren von einem Häuptlinge schon davon in Kenntniß gesetzt, ohne jedoch formell vom Könige dazu eingeladen worden zu sein, und rüsteten sich eben zur Jagd. Am lebhaftesten ging es zwischen dem königlichen Gehöfte und dem Flusse, sowie an demselben her, schreiend und lachend zogen und liefen einzelne zum Flusse herab, ich sah die Männer von Schescheke nie vorher so gesellig und dienstfertig einander begegnen. Es war wohl die Aufregung des Augenblickes, denn nur selten wurden solch’ große Jagden unternommen, man hatte sich schon seit Monaten dazu vorbereitet und ihr Reiz war um so höher, weil sie einestheils mehrmals aufgeschoben war und andererseits weil der König selbst mit drei Weißen sich an der Jagd betheiligen sollte. Am Ufer lagen Kahn an Kahn, auf dem jenseitigen hatte sich eine ganze Flottille eingefunden, deren Bemannung auf dem Sande campirte und jeden Augenblick abzustoßen bereit war. Auch den Fluß entlang zogen Schaaren, welche weiter abwärts an dem Flusse Kaschteja die herabkommende Flottille erwarten und von ihr auf das jenseitige Ufer übergesetzt werden sollten. Es waren meist Mankoë, Mabunda’s und die westlichen Makalaka’s, welche landeinwärts in Karawanen nach Schescheke gekommen waren. Am Ufer vor Schescheke hatte jeder Häuptling seine Leute geordnet, d. h. seine und die Kähne seiner Untergebenen waren an bestimmten Stellen aneinander gereiht und ihre Insassen harrten in denselben oder am Ufer, oder sie waren mit dem Einladen ihrer Karossen, Wassergefäße und Waffen beschäftigt, namentlich waren es ihre Gewehre, mit denen sie sich viel zu schaffen machten.

Jagd auf Wasser-Antilopen.

Schon war der König im Begriffe sein Gehöfte zu verlassen, als er von meinen englischen Freunden an sein ihnen so oft gegebenes Versprechen gemahnt wurde. Hier zeigte es sich nun deutlich, wie abscheulich der König an den Engländern gehandelt; trotzdem er sie so lange vertröstet und sie förmlich ausgesogen, hatten die Herren Alles willig gethan, um nur jedem seiner Wünsche nachzukommen, sie hatten kaum ordentliche Kleider mehr am Leibe, zweimal waren sie von Panda ma Tenka nach Schescheke nur dieser ihnen so angepriesenen Jagd halber herüber gekommen und nun trachtete Sepopo nochmals sie davon abzuhalten. Er that dies aus zwei Gründen, erstlich weil er gewohnt war, die erlegten Elephanten als seine Jagdbeute zu betrachten, wenn er auch selbst nicht einen einzigen erlegt hatte; es hieß immer, der König habe alle Elephanten geschossen, und dann, weil er die Neugierde der Weißen fürchtete, welche durch den Reichthum des Landes an Elephanten leicht zu öfteren Besuchen verleitet werden konnten. Von mehreren Häuptlingen gedrängt, gab er endlich nach und stellte den drei Jägern, sowie einem Händler mit Namen Dorehill, der den König schon ein Jahr zuvor besucht hatte, einen Kahn zur Verfügung.

Gegen Mittag reiste der König ab und die Flottille — am Ufer vor Schescheke standen allein etwa zweihundert Boote — setzte sich unter den Klängen von Sepopo’s Capelle in Bewegung. Ich bedaure nur, daß ich die Jagd selbst nicht mitmachen konnte, ohne des Königs Verdacht zu erregen, auf meiner Weiterreise durch sein Reich seine Elephanten belästigen zu wollen.

Die Abendstunden, welche ich nun in Gesellschaft W.’s zubrachte, benützte ich mit seiner Hilfe, um mit den Eingebornen über deren Sitten und Gebräuche zu sprechen und Erkundigungen einzuziehen. Während des Mahles am ersten Abende fand sich ein Marutse mit Namen Uana ca Njambe, d. i. Kind Gottes, ein, er hielt sich für sehr weise und wurde von Sepopo oft zu Rathe gezogen.

Am 29. blieb ich in unserem Gehöfte als Wächter zurück, während W. mit seinen Dienern auf die Jagd auszog, sie waren glücklicher als ich am Tage vorher, denn sie brachten einen Letschwebock heim, das arme Thier hatte nicht weniger als zehn Kugeln im Leibe. Ich glaube, daß keine Antilope so stark und mächtig entwickelte Halsmuskeln besitzt wie der Letschwe. Am 30. kamen mehrere Marutse in unser Gehöft, welche um die Stirne und Brust aus Schlangenhäuten gearbeitete Binden zu dem Zwecke trugen, um den Kopf- und Brustschmerz zu verscheuchen; sie belehrten mich, daß sie dieselben auch zur Abwehr des Hungers trugen, ähnlich wie dies die Makalaka’s mit Riemen und die Matabele mit Kattunstücken thun, indem sie sich damit den Unterleib zusammenschnüren. Am Abende kamen zwei Bootsleute von den vier auf die Elephantenjagd ausgezogenen Weißen, um ihnen Nahrung nachzuführen. Sie brachten die Nachricht, daß die Jagd bisher ohne Erfolg gewesen sei und am folgenden Morgen fortgesetzt werden solle. Nach einer Stunde kehrte Herr Dorehill und H. Cowley unerwartet zurück, sie schienen höchst enttäuscht und entrüstet. Sie waren mit Sepopo und den hervorragendsten seiner Leute in einem Schilfdickicht postirt, in welchem sie die zuerst von der Vorhut angetroffene Elephantenheerde erwarteten. Der König war unvorsichtig genug, schon aus einer Entfernung von sechzig Schritten zu feuern, so daß sich die Heerde sofort zur Flucht wandte, und nach allen Seiten in das Dickicht auseinanderstob. In des Königs Nähe lagen über achthundert Schützen und eben so zahlreich waren die Antreiber gewesen. Kaum daß sich die Elephanten zur Flucht wandten, feuerten nun alle ihre Gewehre auf diese los, viele legten dabei die Waffe gar nicht an die Wange an und so war es nicht zu verwundern, daß blos fünf Elephanten dabei getödtet wurden. Die beiden Jäger erzählten, daß sie sich zur Erde werfen mußten, um den Geschossen auszuweichen, denn die Kugeln flogen wie Hagel nach allen Seiten. Die ganze Masse der Antreiber benahm sich sehr ungeschickt und erzielte einen viel geringeren Erfolg, als ihn zwei Masarwa’s erreicht haben würden. Der König machte seiner Entrüstung über den Mißerfolg der Jagd in der gewohnten Weise Luft, indem er mit einem Stocke seine schwarzen Unterthanen so lange schlug, bis sein Arm erlahmte. Der König war mit allerlei Salben beschmiert auf die Jagd gegangen, welche Vorsichtsmaßregel er ein Molemo nannte, um sich leicht der Elephanten zu bemächtigen.

Büffeljagd.

Am 1. November machte ich einen größeren Ausflug nach dem Westen in den Schescheker Wald. Schon vor Sonnenaufgang passirte ich die Stelle, an welcher Alt-Schescheke gestanden und zog dann in westlicher Richtung weiter. Zu meiner Linken breitete sich das Thal des Zambesi, eine unabsehbare mit Bäumen und Schilfdickichten bewachsene Ebene aus, von zahlreichen hie und da bis Meilen langen, tiefen Flußarmen durchfurcht. Der Gehölzrand, an dem ich mich vorwärts bewegte, lag etwa zwanzig Fuß über dem Flußniveau. Manche der Lagunen erstreckten sich vom Flusse in nordwestlicher Richtung bis an das Gehölz, welches sie bis auf einige Meilen begleiteten, während sich der Fluß stellenweise bis drei Meilen von dem Gehölze entfernte. Etwa zehn Meilen von Schescheke ober einer der genannten Lagunen, erblickte ich zwei Schlangenhalsvögel. Diese Thiere bieten, auf einem kahlen, überhängendem Aste sitzend, einen eigentümlichen Anblick. Der niedrige gedrungene Körper und die kurzen Füße stehen in keiner Proportion zu dem dünnen langen Halse, der keinen Moment ruhig, meist schlangenförmige Bewegungen ausführt. Noch wunderlicher erscheint uns dieser Vogel, wenn wir ihn im Wasser schwimmen sehen, der gesammte Körper ist dann bis zur Hälfte des langen Halses in das Wasser eingesunken, nur das schmale mit einem sehr scharfen Schnabel versehene Köpfchen und die dünnste Halspartie ragt über das Wasser empor. Ich begegnete dem Plotus congensis in der östlichen Cap-Colonie und dann erst wieder am Zambesi. Es scheint kaum glaublich, daß das Thier seinen Hals derart erweitern kann, daß es handbreite Fische ohne besondere Beschwerden zu verschlucken vermag; es gelang mir, einige derselben zu erbeuten, obgleich sie in’s Wasser fielen und das Herausholen derselben mir und meinen vier Dienern der Krokodile halber, von welchen die Lagune wimmelte, etwas beschwerlich wurde. Weiter ziehend erlegte ich einen Francolinus nudicollis und nach einigen weiteren Schritten stießen wir auf frische Büffelspuren; diese führten vom Walde zum Flusse herab.

Wir folgten ihnen und kamen in den Wald zurück, dann an einem Eingebornendorfe vorüber und tiefer in den Wald hinein. Etwa drei Meilen vom Dorfe fanden wir neben den Spuren frische halbzerkaute Grashalme, die unsere Aufmerksamkeit auf das Aeußerste spannten weil wir uns die Thiere in unmittelbarer Nähe dachten. Der Niederwald von Schescheke ist in dieser Richtung zwar ziemlich dicht, doch sind die Bäume nicht hoch. Er umschließt viele hochbegraste Lichtungen und bildet gegen dieselben zu oft Gebüschdickichte von Unterholz welche das Vorwärtskommen äußerst erschweren.

Wir hatten nun in einer Partie des Waldes ganz frische Spuren bemerkt und bewegten uns mit größter Vorsicht vorwärts. Gebeugt gingen wir etwa drei Schritte von einander entfernt und musterten scharf die Umgebung. Tschukuru, der Matonga-Diener, war der erste, welcher den übrigen Dienern ein Halt gebot und sich vorbeugend, mir Wort »Narri« (Büffel) zuflüsterte. »Okaj (wo)?« frug ich, »kia hassibona narri (ich sehe keinen Büffel).« Tschukuru drückte leise an meine Schulter um mich zum Niederbengen zu bewegen, was die Anderen auch verstanden und sich je hinter einem Baume niederhockten. Der mir angegebenen Richtung folgend, sah ich etwa 120 Schritte vor mir einige dunkle auf der Erde liegende Körper, es waren vier Büffel, von welchen einer mit der Stirne zu mir gekehrt lag. Auf diesen legte ich nun an und feuerte. Wir erhoben uns sofort nach dem Schusse, um dessen Wirkung zu sehen; das in das Dickfleisch des Nackens getroffene Thier wälzte sich auf der Erde herum, doch im nächsten Momente sprang es wieder auf und mit ihm die Gefährten, die wir jedoch nicht deutlich zählen konnten, da sich die Büffel ziemlich dicht aneinander drängend zur Flucht gewendet hatten. Ich konnte nicht annehmen, daß das getroffene Thier schwer verwundet worden war.

Wir verfolgten die Thiere äußerst vorsichtig, denn mir sowohl wie den Dienern war die List eines erzürnten oder verwundeten Büffels wohlbekannt. Der Büffel vermag besser als das Nilpferd Feinde von fremden Gegenständen, die es nicht zu fürchten hat, zu unterscheiden und ist auch ungereizt dem unbewaffneten Menschen gegenüber ungefährlicher als das Hyppopotamus. Verwundet trachtet der Büffel bis zum letzten Momente seinem Gegner beizukommen, um ihn zu vernichten. Um dieses zu erreichen, befolgen die Thiere eine und dieselbe Methode, das Thier wendet sich zur Flucht und sucht sich hinter einem Gebüsch zu verstecken, um den folgenden Jäger zu erwarten, dann stürzt dasselbe hervor, um sich auf ihn zu werfen. Unglücksfälle solcher Art sind ziemlich häufig und selbst erfahrene Jäger, welche diese List des Thieres kannten, sind von dem südafrikanischen Büffel überlistet und schwer verwundet worden. In manchen Fällen begnügt sich dann das erzürnte Thier, mit gesenktem Kopfe auf diesen zu stürzen und ihn emporzuwerfen, was in der Regel eine Ausrenkung des Fußes oder einen Arm- oder Beinbruch zur Folge hat, doch manchmal macht das Thier auch von seinen Hufen Gebrauch und preßt den Körper des Niedergeworfenen mit den Hörnern zur Erde. So ist mir ein Fall, der sich am Limpopo ereignete, bekannt, in welchem ein Weißer und drei Schwarze getödtet und ein vierter Schwarzer von einem und demselben Büffelstier schwer verwundet wurde.

Zweihundert Schritte von der Stelle, an der wir die Stiere zuerst aufgejagt hatten, blieben dieselben stehen, und als wir uns näherten, konnten wir deutlich sehen, wie die vordersten unsere Witterung zu gewinnen suchten; als wir um fünfzig Schritte näher gekommen waren, wandten sie sich mit Ausnahme eines einzigen zur Flucht. Dieser folgte ihnen zuerst langsam einige Schritte nach und dann blieb er stehen, indem er sich hinter einem Baumstamme zu decken suchte. Ich hieß meine Begleiter stehen bleiben, um die Aufmerksamkeit der Thiere auf sich zu lenken, während ich tief gebeugt näher kroch, und dem Büffel eine Kugel in den Leib sandte; das Thier sank für einen Moment, erhob sich jedoch gleich wieder. Ich schlich abermals näher, indem ich mich unter dem Winde hielt, und von links, von der Seite her, dem Thiere aus fünfzig Schritte Entfernung eine Kugel zusandte. Dieser Schuß traf das Thier in die Brust und rasch folgte ein zweiter, der das linke Blatt durchbohrte, nach diesem Schusse wankte das Thier auf eine freiere Stelle, wo es in die Knie sank. Tanzend und singend liefen nun die Diener herbei. Ich aber sandte dem sterbenden Thiere aus einer Entfernung von zwanzig Schritten eine Kugel hinter das Ohr, worauf der Kopf zurückfiel, die mächtigen Füße sich ausstreckten und der Büffelstier unsere Beute war. Jetzt ließen sich die Diener nicht mehr halten und waren mit mehreren Sprüngen oben auf dem Cadaver, um es sich daselbst für einen Moment bequem zu machen. Ein großes Feuer wurde nun angezündet, und ein Stück des Büffelherzens am Feuer gebraten, dann ein Schenkelknochen herausgeschnitten und das Mark geröstet.

Gegen Abend verließ ich mit Narri die Stelle, um heimzukehren, während die übrigen Diener zurückblieben, um das Thier vollends zu zerlegen. Der wilden Thiere halber — Löwenspuren gab es in Menge und an dem Gehölzrande gegen die nächste Lagune zu Leopardenspuren — mußte das Fleisch auf einem Baume aufgehangen werden; da sich jedoch mit Einbruch der Nacht ein heftiges Gewitter entlud, waren sie nicht im Stande, Feuer anzumachen und mußten ebenfalls, auf dem Baume hockend die Nacht zubringen.

Löwenjagd bei Schescheke.

Als ich auf der Heimkehr eben die Stadt betrat, ward ein von zwei Fischern gelenktes, mit Fischen beladenes Boot von dem sich erhebenden Orkan umgeschlagen. Wunderbarer Weise gelangten beide unbeschädigt an’s Ufer dafür aber war der Fluß von einer Menge todter Fische bedeckt, welche die Strömung rasch dem Ufer zutrieb. Wie aus dem Boden gewachsen tauchten nun rechts und links am Ufer Jungen auf, welche es sich angelegen sein ließen, die ausgeworfene Beute sofort in Beschlag zu nehmen. Manche hatten schon ihr kleines von der Schulter herabgerissenes Ledermäntelchen vollgefüllt, als sich plötzlich unter ihnen eine wilde Bewegung bemerkbar machte und die mir zunächst Stehenden die Fische von sich warfen und die obere Uferpartie rasch zu gewinnen suchten. Der durch seine rothe Wolldecke gekennzeichnete Aufseher der Fischer nämlich war wie ein Raubvogel zwischen die beutelustige, am Strande versammelte männliche Jugend Schescheke’s eingefallen und ließ wacker den Stock auf dem Rücken der kleinen Freibeuter tanzen.

Am Morgen des 2. November war ich nicht wenig erstaunt, zahlreiche Bewaffnete nach dem im Westen der Stadt liegenden Walde eilen zu sehen; es konnte doch unmöglich ein Feind sein, dem es zu begegnen galt. Einige auf uns zuschreitende Männer lösten bald diesen Zweifel. Es waren Abgesandte, welche uns den Gruß ihres Häuptlings entboten und uns zu einer Löwenjagd einluden. Vier Löwen waren in des Königs Heerden eingefallen und hatten vier Rinder getödtet. Der von Westen fließende Zambesi machte etwa 150 Schritte oberhalb unseres Gehöftes eine plötzliche Wendung nach Norden, um sich nach einer kurzen Strecke unter einem rechten Winkel nach Osten zu wenden, und so Neu-Schescheke zu umspülen. An dem letzterwähnten scharfen Buge nach Osten zweigt sich eine Lagune nach Westen ab, welche sich in Arme theilt und an deren linkem nördlichen Ufer auf einer Halbinsel der Schauplatz der von den Löwen begangenen Unthat lag. Westbeech und Walsh fanden kein Vergnügen an der Jagd und lehnten die Einladung ab, Cowley und ich folgten derselben.

Cowley war ein angenehmer, achtzehnjähriger Jüngling mit einem rosigen Mädchengesicht; er war sehr zuvorkommend und hatte meiner Ansicht nach nur den einen Fehler, daß er um jeden Preis ein Gordon Cumming werden wollte. Auf einer Löwenjagd hätte er um ein Haar sein Leben eingebüßt; so jung er auch war, hatte er bereits zwei Löwen erlegt, ich fand nun seine Eile erklärlich, den dritten hinzuzufügen. Außer dem Häuptling waren etwa 170 Eingeborene anwesend, davon jedoch nur vier mit Gewehren bewaffnet. Später hatte ich Gelegenheit, zu beobachten, daß die Marutse nur in Fällen, wenn der Löwe ihnen einen Schaden zugefügt hat, mit einigem Muth auf denselben losgehen. Als ich nach einer halben Stunde um die Lagune bog, kam mir der ganze Troß entgegen, man folgte eben der größten der vier Löwenspuren, nachdem man noch zuvor die Hirten über den Vorgang befragt und den Thatbestand bis in’s kleinste Detail aufgenommen hatte. Da man es für unmöglich hielt, daß sich die Löwen so nahe an die Stadt wagen würden, wurden die königlichen Heerden auch in der Nacht auf einer freien Stelle gehalten, während die Hirten in kleinen gebrechlichen Grashütten schliefen.

Nachdem wir uns dem Zuge angeschlossen hatten, brach der ganze Haufe auf, einige Eingeborene, welche von zwei Hunden unterstützt wurden, verfolgten die Spur der Raubthiere. Dann kam Marancian in unserer Begleitung und hinter uns wälzte sich laut schreiend und gesticulirend der übrige Troß. Lange konnten wir indeß diese Marschordnung nicht beibehalten, sie war nur in unbebuschten Partien möglich, doch als die Spur durch Dorndickichte führte, durch welche kaum die Hunde durchschlüpfen konnten, suchte sich jeder durchzuarbeiten, so gut er konnte, dabei war es schwer möglich, sich schußbereit zu halten; noch unangenehmer war unsere Lage dort, wo die Spur durch ausgetrocknete, hochbeschilfte Vertiefungen führte. Indem wir nicht sofort des Thieres ansichtig wurden, sondern es erst nach einer mehr denn einstündigen Verfolgung erblickten, wuchs der Muth unserer schwarzen Begleiter, da sie der Meinung waren, daß der Löwe seiner Schuld bewußt, auf voller Flucht begriffen sei. Wir waren eben aus einer solchen Vertiefung auf eine mit Dornenbüschen bewachsene Düne gelangt, als die Hunde wüthend gegen eine zweite, unseren Weg kreuzende und in die erstgenannte einmündende beschilfte, etwa drei Meter tiefe und acht Meter breite Einsenkung lossprangen. Die Fährte war hier so frisch, daß das Raubthier sich eben verborgen haben mußte. Hier ließen wir den Troß der Eingebornen zurück und forderten sie auf, möglichst viel Lärm zu machen; ich umging die Terrainmulde an ihrem Beginne und stellte mich am gegenüberliegenden Rande schußbereit auf, während mein Begleiter seine Hunde in das Röhricht hetzte. Mehrere Eingeborne, darunter auch Marancian, hatten sich indeß zu mir gesellt.

Das Gebell der Hunde belehrte uns bald, daß das Raubthier uns umgangen und in unserem Rücken Posto gefaßt hatte. Da wir von dieser Seite dem Thiere nicht beikommen konnten, hoffte ich es von dem gegenüber und tiefer liegenden Rande des Röhrichtes zu erblicken und stieg deshalb nach abwärts, um es zu durchschreiten, wobei mir auch der ganze Schwarm der Schwarzen folgte. Wir standen nun etwa hundert Mann an der bezeichneten Stelle und suchten vergebens das Raubthier. Cowley hatte sich am linken Flügel aufgestellt, ich wählte mir die zum Schusse geeignetste Stelle, und zwar dem vermeintlichen Verstecke gegenüber. Da jedoch weder Schreien, noch das Werfen von Holzstücken und Assagaien irgend welchen Erfolg hatte, so ließ ich die noch immer nachströmenden Schwarzen die von mir erst wenige Augenblicke zuvor eingenommene Stelle, wo ich von dem Löwen umgangen worden war, dicht besetzen und mit ihren langgestielten Assagaien das Dickicht durchwühlen. Es war ein Höllenlärm, alle schrieen aus Leibeskräften und hielten ihre Wurfspeere zum Gebrauche bereit. Marancian stand etwa zwanzig Schritte vor mir, von seinen mit Gewehren bewaffneten Unterthanen umgeben. Je länger das Thier in seinem Verstecke verharrte, desto mehr wuchs der Muth der Angreifer. Plötzlich, wie das Aufleuchten eines Blitzes, wirft sich eine Löwin mit einem Satze aus dem Gebüsch in das Schilfdickicht vor uns und bevor noch die Wurfgeschosse sie erreichen konnten, erfolgte ein zweiter Satz, mit welchem die Löwin laut aufbrüllend fünfzehn Schritte rechts von mir mitten in die Doppelreihe der schwarzen Jäger sprang. Leider war es mir in diesem sonst günstigen Momente des dichten sich zwischen mir und dem Thiere befindlichen Menschenknäuels halber nicht möglich, das Gewehr abzufeuern. Die Löwin hatte die Menschen nieder- und auseinandergeworfen, ohne sie arg verletzt zu haben und war dann mit einem dritten Satze in einem überaus dichten, zwei Schritte hinter uns beginnenden, an zwölf Fuß hohem Dickichte verschwunden. Sofort wandten wir uns alle dem neuen Schlupfwinkel der Löwin zu. Marancian befahl seinen Leuten, das Schilfrohr niederzubrechen und das Raubthier nach der entgegengesetzten Seite zu drängen. Was uns alle befremdete, war das Verstummen der Hunde, sie waren inzwischen in das Dickicht eingedrungen und erst, als sich die Leute an das Brechen des Schilfrohres machten, hörten wir ihr von der Wiese herüberschallendes Gekläffe.

Wir eilten so schnell, als uns unsere Füße nur trugen, auf die Wiese und sahen die Löwin in weiten Sätzen dahinjagen und die Hunde unmittelbar auf ihren Fersen. Ich sah meinem armen Freunde den Verdruß an, seine früher eingenommene Stelle verlassen zu haben. Die Scene, die nun folgte, wäre wohl des Griffels eines Künstlers werth gewesen. Vergegenwärtigen wir uns eine nach Südwest und West von Schilfrohr-Dickichten, nach Norden von einem Gebüsch umsäumte, an 800 Meter lange und 600 bis 700 Meter breite, hochbegraste Wiesenfläche. Auf dieser als den vordersten Gegenstand der sich dahinbewegenden Gruppe die gelbliche, sich momentan über das hohe Gras emporschnellende Gestalt der flüchtenden Löwin, dann die kleineren, jedoch nur seltener sichtbaren der Hunde und dann der gesammte Troß der Verfolger, an zweihundert dunkle Menschengestalten, die einen trabend, die letzten raschen Schrittes folgend, die vordersten jedoch einander in schnellem Laufe überbietend. Die meisten bis auf die rothen, weißen, carrirten oder ledernen, braunen Schürzen, vollkommen entblößt, nur wenige mit über die Schulter geworfenen Karoßmäntelchen, die bei dem raschen Laufe und den hohen Sprüngen lustig im Winde flatterten. Die Einen schwingen die langen Waffen, die Anderen haben ihre Speere geschultert, und während die vorderste durch die Flucht der Löwin ermuthigte Schaar lautgellende Schreie ausstößt, beginnt die Nachhut die Melodie zum Löwentanz. Etwa 800 Meter von ihrem letzten Schlupfwinkel nahm die Löwin abermals in einem Schilfrohr-Dickicht von dreieckiger Form, im Umfange von siebzig Metern, ihre Zuflucht. Dieses Dickicht war an seiner nördlichen, langen Seite von einer zehn Fuß hohen, bebuschten Sanddüne begrenzt. Marancian faßte mit seinem Stabe von etwa sechzig Schwarzen circa acht Meter vor dem Röhricht Posto; ich etwa fünf Meter der Basis des schilfigen Dreieckes gegenüber (an seinem Ostrande). Cowley stand etwa dreißig Schritte hinter mir und hinter einem Busche auf der Düne, da er sich dachte, daß die Löwin von unten gedrängt, nach aufwärts längs der Düne zu entkommen trachten werde. Etwa zehn Eingeborne hatten sich zu meiner Seite postirt. Nun folgte die vielleicht interessanteste Episode dieses Abenteuers. Von Marancian theils durch Worte aufgemuntert, theils auch fühlbar mit seinem langen Stabe dazu angespornt, begannen die meisten der Jäger von seiner Seite her das Schilfrohr in der Mitte seiner Höhe zu brechen und sich darauf zu schwingen. Das Schilfdickicht vor mir verwandelte sich nach und nach in eine schwankende, dunkelgrüne, prasselnde, vier Fuß hohe Gerüstdecke, auf der sich vierzig schwarze Gehalten in einer so eigenthümlichen Weise herumtummelten, daß man trotz des Ernstes der Situation das Lachen nicht unterdrücken konnte. Dabei wurde geschrieen und mit der freien Hand gesticulirt, daß man eine Schlachtscene vor sich zu sehen glauben konnte. Bei allen den Bewegungen war es jedoch für die Leute äußerst schwierig, das Gleichgewicht auf der schwankenden Rohrdecke zu behaupten, hier fiel einer der Länge nach kopfüber, dort zwei nach rückwärts.

Die Scene änderte sich jeden Augenblick. Man hatte von der Spitze des Dreieckes begonnen und arbeitete gegen seine Basis, gegen uns zu, und hatte so allmälig das ganze Dickicht bis auf eine kleine Ecke (Dünenecke) niedergebrochen; die Löwin war unstreitig immer mehr zurückgewichen und wir mußten sie jeden Augenblick hervorstürzen sehen. Um so gespannter und aufgeregter schien alles, nur Marancian nicht, der noch immer auf seinem Platze in aller Gemüthsruhe saß. Plötzlich erschallt ein zorniges Brummen und aus dem noch ungebrochenem Schilfe stürzt die Löwin auf ihre Angreifer hervor. Von diesen feuert einer einen Schuß ab, die Kugel schlägt in den Sand zwischen die Leute zu meiner Rechten ein, die meisten der Braven auf der schwankenden Decke fallen aus Bestürzung zurück, ein guter Theil wird unsichtbar, von den Hintersten werfen einige die mächtigen Wurfspeere auf das Thier, welches nach dem Ausfalle sofort wieder in seinen Schlupfwinkel zurückkehrt und sich hier niederkauert, um einen rettenden Sprung auf die Düne zu wagen. In diesem Momente den Kopf des Thieres erblickend, springe ich heran und feuere aus einer Entfernung von zwei Metern, drei Speere fallen zu gleicher Zeit in das Dickicht ein und treffen das Raubthier, dessen Brummen aufgehört hat. Das Thier war todt, doch um sicherer zu sein, feuern ich und Cowley zu gleicher Zeit und zwanzig Speere senken sich noch überdies in den Körper der Löwin, bevor man sie herauszog. Nun kam jeder der Schwarzen herbei und einen Spruch murmelnd bohrte er seinen Assagai in den Leib des Thieres. Da die Löwen des Königs Ochsen getödtet hatten, mußte der Schädel des Thieres als ein Beschwörungsmittel dienen und über dem Viehkraal in Schescheke aufgehangen werden.

Ich kehrte mit Cowley heim, während unsere Trophäe am Nachmittage unter Sang und Klang zur Stadt gebracht wurde. Vier kräftige Männer trugen an zwei Pfählen (die Vorder- und Hintertatzen des Thieres waren zusammengebunden worden) die Löwin, so daß ihr Kopf beinahe auf der Erde schleifte. Bei ihrer Annäherung — es war beinahe um dieselbe Zeit, als meine Diener mit dem Büffelfleisch heimkehrten — zog ihnen der Rest der männlichen Bevölkerung entgegen. Man musizirte auf der schon erwähnten Löwentrommel und führte dabei den Löwentanz auf. Die Menge ordnete sich hierbei in zwei Gruppen, die Träger der Beute und die Jäger. Diese wurden von dem Würdenträger, der den Kampf geleitet, eröffnet; ihm folgten diejenigen Jäger, die dem Thiere am nächsten gestanden hatten, während sich in der Mitte der Menge der Musiker, ein Tambour, befand. Die Tänzer bildeten plötzlich aus der Gruppe nach rechts, links und vorne hinausrennende, mit Schild und Speer den Löwenkampf versinnlichende Jäger, die den regsten Antheil an der Jagd genommen hatten. Der Gesang der zweiten oder tanzenden Gruppe, der von der vorderen beantwortet wird, ist nicht so monoton wie bei anderen Gelegenheiten, wird jedoch durch die Töne des Instruments, die ihn begleiten, sehr verunglimpft.