Begegnung mit den Alfuren auf Celebes.
„... worauf zwölf bis sechzehn Alfuren erschienen, sämtlich nackt,
voll bewaffnet ...“
„Haben wir ihn einmal, so wollen wir ihn auch essen,“ meinte Holm, „sein Fleisch ist ohnehin bekannt als das zarteste der gesamten Schweinefamilie. Wir lassen ihn hier liegen und nehmen ihn heute abend mit zum Alfurendorf; den Fang auf dem Meer möchte ich doch gern ansehen, nebenbei aber ist es auch klüger, jetzt, nun uns die Wilden einmal bemerkt haben, nicht geradezu vor ihnen zu flüchten. Unser Nachtlager können wir ja im Schutz der Uferfelsen vor den Dorfhäusern aufschlagen, und morgen an den Spießen der Alfuren das Schwein braten.“
Man warf also große Zweige und Blätter über den toten Körper und drang dann tiefer in das grüne Gewirre hinein. Ungeheure Bäume, wahre Riesen, versperrten in urweltlicher Fülle und Breite den Weg; manche Arten waren für die Weißen noch ganz neu, so besonders der Upasbaum, das Tekholz, das Sandelholz, die Zeder und Muskat- und Ebenholzbäume, sie sammelten überall Blüten und Blätter, ebenso unzählige Kletterpflanzen und große schöne Blumen, es begegneten ihnen aber auch mehrere Alfurendörfer, deren Einwohner bettelnd und neugierig hinterher liefen; alles, Häuser und Menschen, unter Schmutz vergraben. Die einzige Beschäftigung der Leute schien im Einfangen dessen zu bestehen, was die Natur freiwillig spendete; wenigstens arbeitete niemand, und als Holm in einem der wackelnden, trübselig verfallenen Dörfer eine diesbezügliche Frage stellte, da antwortete man mittels eines einzigen Lautes: „Trepang!“
Der Fang des Meerwurmes wurde also gewerbsmäßig betrieben; unsere Freunde wollten es keineswegs versäumen, sich die Sache anzusehen und nahmen zur sicheren Erreichung dieses Zweckes einen jungen Alfuren mit sich, der sie zum Dorfe der Strandbewohner geleiten sollte. So ziemlich kannten alle den Weg selber, es war daher gar kein Verrat möglich, auch konnte der eine Alfure gegen die Überzahl von sechzehn Männern natürlich nichts unternehmen.
Wilde Bienenschwärme bevölkerten die Luft; ein mattes, rosiges Glühen der untergehenden Sonne lag auf dem Gras und vergoldete die Zweige hundertjähriger Bäume; einige kleinere Singvögel zwitscherten im Laube ihr Abendlied; große Spinnen, Riesen ihrer Art, webten jene Netze, in denen sich sogar die geflügelten Sänger auf Augenblicke zu verstricken im stande sind; Ameisen zogen in langen Reihen, mit Beute beladen nach Hause; kurz, alle Zeichen deuteten auf das Hereinbrechen der Nacht, und eben daher beeilten sich unsere Freunde so sehr als möglich, die Küste zu erreichen. Der Trepangfang durfte ihnen nicht entgehen.
Da plötzlich raschelte es im Laube, eine Nuß flog herab, dem Doktor gerade an den Kopf, und als sich der alte Herr äußerst erstaunt nach dem unvermuteten Angreifer umsah, blickte zähnefletschend ein großer, schwarzer Affe vom Baum; kaum aber hatte diesen der Alfure bemerkt, als er mit einem Satz zurücksprang und sich auf beide Kniee warf. Seine Lippen murmelten abgebrochene Laute, seine Bewegungen deuteten auf lebhafte Furcht.
Der Doktor stand still und sah ihn an. „Herr des Himmels, betet der zu dem Affen?“ sagte er ganz aus aller Fassung.
Holm verbot den Matrosen das laute Gelächter und fragte dann den zitternden Eingebornen nach dem Grunde seines sonderbaren Benehmens. Der Alfure blinzelte verstohlen zu dem lauernden Vierhänder hinüber. „Der schwarze Verräter ist der Spion und Diener der Empongs,“ antwortete er, „von ihm erfahren sie, was die Menschen thun und treiben, er hält das Gute und das Böse in seiner Hand. Dem Schwarzen darf kein Leides geschehen, oder es entsteht ein Unglück.“
Holm schüttelte den Kopf. „Aber der Affe ist doch ein Tier wie jedes andere,“ bemerkte er.
Der Alfure fuhr immer fort zu beten. „Die Empongs haben ihm Menschengestalt und Menschenlist verliehen,“ sagte er, „dafür verrät er ihnen die Geheimnisse des Stammes, bei dessen Hütten er lebt. Thut ihm nichts zuleide, Herr, sonst schicken die Empongs einen Sturm, der in dieser Nacht alle Boote zerstört und die Trepangfischer ertrinken läßt.“
Holm wandte sich zu den jungen Leuten. „Laßt den Affen in Ruhe,“ sagte er auf deutsch. „Was nützt es uns, diese armen Wilden in ihrem Aberglauben zu stören; wir selbst würden den Schaden davon haben. Kommt nur und thut, als wüßtet ihr nichts.“
Das Jagdvergnügen mußte also diesmal geopfert werden, und während der Doktor sich alle mögliche Mühe gab, im schlechtesten Englisch den Alfuren vom ganzen Unwert seiner Anschauungen zu überzeugen, wanderte die kleine Schar dem Stranddorfe zu. Auf dem Wege dahin begegneten ihnen große, graue, langbeinige Kasuare, die ihre umfangreichen, grünfleckigen Eier in den Sand legen, sie lose bedecken und dann der Sonne zum Ausbrüten überlassen; häßliche Tiere mit bräunlich-schmutzfarbenem Gefieder und wie bei dem Truthahn vom Hals herabhängenden feuerroten und himmelblauen Hautlappen, große, behende Schnellläufer, mit denen es ein Windhund an Eile und Ausdauer nicht aufnehmen kann. Es war unmöglich einen von ihnen zu schießen.
Auch den Hirscheber in seinem Versteck fanden die Reisenden nicht mehr vor und schlossen daraus mit Recht, daß die Alfuren hinter den nächsten Bäumen gelauert und das Wild, sobald sie sich unbeobachtet sahen, schleunigst wieder an sich genommen hatten. Dieser Verlust war zu verschmerzen, aber er zeigte doch aufs neue, daß Treue und Glauben den Gelben ganz fremde Eigenschaften seien und die höchste Vorsicht ihnen gegenüber geboten schien. Als das Dorf im tiefen Thal am Strande auftauchte, wurde der junge Alfure entlassen und in geschlossenen Gliedern der Platz zwischen den drei oder vier langgestreckten Häusern besucht, um dann unter einem überhängenden Felsen das Nachtquartier aufzuschlagen.
Die Frauen und Kinder der Alfuren hielten sich in scheuer Entfernung, nur selten kam irgend ein altes, hinkendes oder blindes Weib, geführt von nackten Kindern, und streckte bettelnd die Hand aus; auch Greise näherten sich, um ein buntes Tuch oder ein Messer zu erhaschen; im ganzen aber waren die Leute zurückhaltend und bescheiden.
Vom Meer herüber glänzten Hunderte von Fackellichtern, der Trepangfang war im vollen Gange, und Boot an Boot trieb auf den ruhigen Wellen, während verhältnismäßig wenige Männer die kleinen, schlanken Fahrzeuge besetzt hielten. Wo hatten sich die übrigen versteckt? — Das Rätsel sollte sich sehr bald lösen. Unsere Freunde benutzten die Erlaubnis mehrerer Eingebornen, sich der am Strande befindlichen Kanots zu bedienen und befanden sich bald mitten unter den Alfuren in der Bucht. Was sie von fern nicht deutlich erkennen konnten, das lag jetzt offen vor ihren Blicken; die Wilden tauchten ununterbrochen und spießten mit dünnen, spitzen Bambusrohren das auf den Algen am Grunde lebende Tier; in jedem Augenblick erschien auf der Oberfläche der Kopf des Fischers; ein paar fußlange, vier Zoll dicke, walzenförmige Würmer von brauner Grundfarbe mit schwarzem Punktenschmuck und einer Reihe Fransen oder Fühler um den Mund wurden in das Boot spediert, und dann verschwand der Alfure, um neue Beute heraufzuholen. Die wenigen in den Fahrzeugen gebliebenen Männer hielten die Fackeln aus Kienspänen und sammelten die wurmartigen Stachelhäuter, welche auch eßbare Seegurken genannt werden. Sie besitzen eine lederartige, bräunliche, rötliche oder schwarze Haut, die sie vorm Austrocknen behütet, wenn sie auf den Strand geraten und wie lange Würste ohne Lebenszeichen im Sande von der Sonne beschienen werden. Getrocknet bilden sie unter dem Namen Trepang einen wichtigen Handelsartikel in der Südsee, zumal da die Chinesen diese Speise für einen Leckerbissen halten, der allerdings dem europäischen Gaumen wenig oder gar nicht zusagt. Holm hoffte später in den seichten Tiefen der Korallenriffe einige seltene und schöne Exemplare dieser Seewalzen oder Holothurien, wie sie wissenschaftlich bezeichnet werden, zu fangen. Die Wilden warfen die gespießten Seewalzen in bereitstehende Körbe und fischten eifrig in buntem Durcheinander.
Es war ein malerischer, unvergeßlicher Anblick, die vielen schaukelnden Fahrzeuge mit den Gestalten der braunen, nackten Wilden, die auf- und abtauchenden Köpfe, die Fackeln in wirbelnde Rauchsäulen gehüllt und als Hintergrund des Bildes die düsteren, hohen Felsmauern, unter deren Schatten das Dorf seine Hütten barg. Alles dieses scharf umrissen vom Helldunkel der Tropennacht, zuweilen grellrot angehaucht im Fackellicht, zuweilen silbern umsäumt im matten Glanz der Sterne, gewährte ein Gesamtbild, dessen poetische Schönheit die Herzen der Weißen entzückte. Sie verließen erst nach stundenlangem Schauen und mit den letzten Alfuren die Bai, konnten sich aber nicht entschließen, den dargebotenen gerösteten Trepang zu kosten, sondern warfen heimlich die widerwärtige Speise beiseite und begnügten sich mit ihren vom Schiff gebrachten Vorräten, worauf dann die Wolldecken ausgebreitet und zu später Stunde die Ruhe gesucht wurde. Holm zählte die Häupter seiner kleinen Schar, alle sechzehn waren vorhanden! Zwei Matrosen erhielten die erste Wache; das Verbot, sich in die Alfurenhäuser zu begeben, wurde nachdrücklichst wiederholt und den Leuten gesagt, daß sie sich gerade hier unter den wildesten, am wenigsten zivilisierten Bewohnern der ganzen Insel befänden; dann suchte jeder zu schlafen.
Franz und jener junge Matrose, der am Morgen die Alfuren verspottet, lagen zufällig hart nebeneinander. Nachdem alles still geworden, stieß der Hamburger leise gegen den Arm seines Genossen. „Schlafen Sie, Herr Gottfried?“
„Nein — was ist los?“
„Pst! Nichts, gar nichts, wecken Sie doch nur den Doktor und Ihren anderen Lehrer nicht auf, die thun ja, als ob die gelben Kerle hier herum Menschenfresser wären. Wissen Sie, ich möchte gar zu gern das Innere eines solchen Alfurenhauses sehen! — was ist denn auch weiter dabei, und wen geht es an, ich trage meine eigene Haut zu Markt.“
Franz schüttelte den Kopf. „Lassen Sie sich dazu nicht verleiten, Hartmann,“ warnte er. „Die Sache könnte ihnen doch gefährlicher werden, als Sie denken, und überdies ist wahrhaftig der Aufenthalt in einem solchen Familienhause nichts weniger als angenehm. Schreckliche Luft, Ungeziefer, Kindergeschrei und Hahnenkämpfe, das ist das Bild einer Nacht unter diesen Dächern; ich habe es auf Borneo kennen gelernt.“
Der Matrose schien nicht überzeugt. „Man kann aber doch seinen Spaß haben,“ versetzte er. „Ich möchte hinein.“
„Das dürfen Sie nicht, Hartmann, und Sie thun es auch nicht.“
Der Matrose lachte. „Hm, schwören Sie nicht darauf, junger Herr. Ich hatte übrigens gehofft, daß gerade Sie heimlich mit mir gehen würden.“
Franz errötete bis unter die Haarwurzeln. Also man hielt ihn jedes tollen Unternehmens ohne weiteres für fähig.
„Gute Nacht, Hartmann,“ sagte er etwas kurz. „Ich möchte schlafen.“
Dabei drehte er dem jungen Menschen den Rücken und bekümmerte sich nicht weiter um ihn. Daß der Bursche in ihm den Teilnehmer einer Unklugheit vermutet, beleidigte seinen Stolz. Aber wahrhaftig, in Zukunft sollte das anders werden.
Erst sehr spät schlief er ein; die wachthabenden Matrosen saßen rauchend und leise plaudernd in halbliegender, bequemer Stellung im Gras, die laue stille Luft wirkte fast betäubend, ringsumher störte kein Laut die Ruhe. Auch jenes Flüstern der Blaujacken drehte sich um die Vorsicht, welche der Steuermann und Holm den Leuten so dringend empfohlen hatten. „Narretei,“ sagte der eine, „es ist lächerlich, hier zu sitzen und zu wachen. Die Kerle denken an keine Feindseligkeiten, sie waren ja ganz höflich, brachten uns sogar die vertrakten Würmer zum Essen! Aber weil vor einem halben Jahrhundert einmal ein Mord passiert ist, muß man am Lande über Stock und Stein klettern und darf nachher nicht einmal schlafen.“
Ein herzhaftes Gähnen schloß den Satz, der andere legte sich etwas bequemer, übersah die ganze Reihe der Schlummernden, brummte Unverständliches aber offenbar wenig Schmeichelhaftes in den Bart, und dann schwieg auch diese Unterhaltung.
Es war alles still wie in einer Welt ohne lebende, atmende Wesen.
— — — — — — — — — —
Am andern Morgen erwachte Holm, nachdem die Sonne schon hoch am Himmel stand. Sein erster Blick suchte die Wachen, — sie lagen lang ausgestreckt im Gras und schnarchten vernehmlich. Holm lächelte; die Leute mußten schon geschlafen haben, ehe sie ihre Kameraden wecken und von diesen abgelöst werden sollten, wenigstens bemerkte er kein Zeichen, das die Nähe eines wachenden Menschen verkündet hätte. Alles schlief den festen Schlaf der Jugend und Ermüdung.
Aber mochten sie doch! Es war nichts passiert, die Gefahr glücklich vorübergegangen, der ganze Tag bis zum Abend, wo in der Einfahrt die Boote ihre Passagiere erwarteten, konnte noch zum Ausflug in die Umgebung auf der anderen Seite verwendet werden.
Holm richtete sich höher auf. Wieder wie am gestrigen Abend zählte er, heimlich besorgt, immer im Bann von Papa Witts schauerlichem Erlebnis, halb ohne Absicht; aber er zählte maschinenmäßig — — eins, zwei, drei, — nun, wo steckte denn der sechzehnte?
Er überzeugte sich, daß der Doktor und die Knaben unversehrt an seiner Seite lagen, und etwas ruhiger geworden zählte er nochmals. Der sechzehnte fehlte.
Jetzt stand er auf, sein lauter Zuruf weckte die übrigen, er wollte eben fragen, welcher von den Leuten vermißt werde, als sein Blick im Hintergrunde des Lagers die Stelle streifte, wo alles Gepäck aufgehäuft worden war. Dort unter dem Felsen hatte es gelegen, die Waffen, die Vorräte; aber jetzt befand sich auf dem ganzen Gebiet des Nachtquartiers davon auch kein einziges Stück mehr. Was nicht die Reisenden an ihrem Körper getragen hatten, das war fort.
„Herr des Himmels, — unsere Gewehre!“
Holm fühlte, wie es ihm kalt über den Rücken herablief. „Still!“ rief er mit lauter Stimme. „Still! Wer ist der Mann, welcher in unserer Zahl fehlt?“
Sekunden genügten, um festzustellen, daß es Hartmann sei, den die kleine Expedition vermißte. Franz erzählte erbleichend, was er mit ihm während der Nacht gesprochen.
Eine unbeschreibliche Aufregung und Erbitterung hatte sich aller Gemüter bemächtigt. Nach rechts und links schallte der Name des Verschwundenen durch die stille Morgenluft, die Matrosen verwünschten den Schlaf, der sie überfallen, Holm war stumm vor Schmerz und Zorn, der Doktor trieb wiederholt zum Aufbruch und Franz und sein Bruder verlangten energisch jetzt am hellen Tage die Durchsuchung der Alfurenhäuser.
Rua-Roa nahm die Spur des verlorenen Leichtmatrosen da auf, wo er während der Nacht gelegen, und verfolgte sie über Gras und Blumen hinweg mit dem Instinkt des Wilden bis hinab zum Dorfe, wo vor der Thür des einen Pfahlbaues jedes kleinste Merkmal endete. Es erschien unzweifelhaft, daß der junge Mensch hier seinen Tod gefunden.
„Vielleicht halten sie ihn nur gefangen, um ein Lösegeld zu erpressen,“ meinte einer der Männer. „Wir sollten doch nachsehen!“
„Damit sie uns mit unseren eigenen Gewehren erschießen? — Ohne Waffen können wir gar nichts ausrichten.“
„Ich möchte mich selbst ohrfeigen,“ rief der Matrose. „Wären mir nicht die Augen zugefallen, so hätten wenigstens die Kugelbüchsen nicht gestohlen werden können.“
Holm suchte ihn zu trösten. „Darüber beruhigen Sie sich, Schwarz,“ sagte er. „An eine Gefangenschaft des armen, jungen Menschen, an Wiederfinden und Lösegeld ist nicht zu denken. Hätten wir alle Waffen der Welt, so könnten uns dieselben das geraubte Leben nicht zurückgeben. Nur finden und ehrlich begraben möchte ich den Ermordeten.“
„Sollten auch wir eine kopflose Leiche an Bord bringen, Karl?“ fragte Franz.
Der junge Gelehrte wandte sich ab. „Er wurde gewarnt,“ sagte er seufzend. „Weshalb suchte er im Ungehorsam eine Art von Ehrgeiz?“
Franz sah stumm über das Meer hinaus. Der arme Schelm hatte so fröhlich dreingeschaut, sein lebensfrisches Bild stand so klar vor der Seele des Knaben, — er fühlte, wie Thräne um Thräne über die Wangen herabrollte. Dies Ereignis machte auf ihn einen Eindruck, stärker und erschütternder als alle früheren.
„So laß uns suchen,“ ermahnte er endlich. „Laß uns wenigstens den toten Körper finden.“
Es wurde nun eine Kette gebildet und rings im Halbkreise das Waldgebiet durchforscht; kein Gebüsch, keine Niederung blieb unbeachtet, aber nichts war zu finden, bis am späten Mittag der Malagasche eine Stelle entdeckte, an der er stehen blieb. „Hier ist in der letzten Nacht die Erde aufgegraben worden,“ sagte er. „Das Gras und das Moos wachsen nicht, sie sind nur lose in den Boden gesteckt.“
Er lockerte mit der Hand den Pflanzenwuchs, unter welchem sich sogleich die frisch umbrochene Erde deutlich zeigte, und wo schon nach geringer Mühe, in einer Tiefe von kaum sechs Zoll, die Leiche des unglücklichen jungen Menschen gefunden wurde, — kopflos wie man erwartet hatte.
Schweigend umstanden alle das offene Grab, besonders Franz war tief im Herzen erschüttert. Noch immer hörte er den Toten sagen: „Ich hatte gerade gehofft, daß Sie heimlich mit mir gehen würden!“ —
O wie inbrünstig dankte er dem Himmel, hier nicht nachgegeben zu haben; wie demütig gestand er dem eigenen Bewußtsein, daß nur der Mangel an Neugier, nicht aber ruhige Überlegung ihn zurückgehalten. Hätte er nicht auf Borneo das Innere eines solchen Familienhauses genügend kennen gelernt, wer weiß, ob nicht die Versuchung auch ihn überwältigt haben würde. Es war ein stilles, aber festes Versprechen, das er an diesem Grabe sich selbst leistete.
„Auf!“ ermahnte der Doktor. „Hüllt die Leiche in unsere Wolldecken, Kinder, und tragt sie abwechselnd, damit wenigstens ein ehrliches Seemannsbegräbnis dem Armen zu teil werde. Ich übernehme es, zuerst an Bord zu gehen und dort unsere Freunde vorzubereiten.“
Vier Matrosen nahmen den Körper ihres Kameraden, banden ihn mit ihren Riemen an ein paar derbe Stangen und trugen ihn so schweigend, in unheimlicher Stille, gefolgt von den übrigen, bis zur Bucht am Strande. Keiner dachte an Essen, obwohl ihnen seit dem gestrigen Abend nichts mehr zu teil geworden war; keiner dachte an eine Bestrafung der hinterlistigen Alfuren, die sich heute morgen alle sorgfältig versteckt gehalten hatten, oder an die verlorenen Waffen; — sie beeilten sich nur, so schnell als möglich das Gebiet des tückischen Stammes zu verlassen und atmeten voll Erleichterung auf, als ihnen durch das Buschwerk des Strandes der Ozean blau und friedlich entgegenschimmerte.
Der Dampfer lag hart an der Küste, und auf dem Verdeck stand der Steuermann, — er musterte wie in Gedanken verloren das felsige Ufer. Erst als ein lautes „Schiff Ahoi!“ der Matrosen sein Ohr traf, fuhr er zusammen. Schon die nächste unwillkürliche Handbewegung zeigte den Schrecken, welcher ihn durchbebte.
Das abstoßende Boot brachte den Alten selbst, und da war es denn der Doktor, welcher ihm entgegenging, um in schonender Weise das Unglück zu berichten. Papa Witt schüttelte den Kopf. „Ich weiß es schon,“ sagte er, „ich wußte es, seit wir in den malaiischen Archipel kamen. Bin nicht hier gewesen seit jener Unglücksnacht, hab’s immer vermieden, obgleich ich tausendmal im Traum diese scharfe Ecke und die unruhigen schwarzen Wellen am äußersten Vorsprung sah, — aber daß es geschehen würde, wußte ich. Solch ein Vorgefühl täuscht nicht. Na, nun sagen Sie mir nur, wer es ist; Hartmann, nicht wahr, Herr Doktor?“
„Konnte es mir denken,“ fuhr er fort, „gerade er war der helläugigste, frischeste Bursche unter allen, ihn trieb die kecke Lebenslust ins Verderben, wie damals meinen Kameraden. — Steigen Sie nur ein, Herr Doktor, das große Boot soll die Leiche holen.“
Er hatte dem alten Theologen zu keiner Antwort Zeit gelassen, hatte auf dem Gesicht desselben die Richtigkeit seiner Vermutung schon gelesen und drängte ihn jetzt in das kleine Fahrzeug hinein. So kam es, daß der Doktor auch den Kapitän vorbereiten konnte, ehe nach einer Viertelstunde das große Boot die Leiche mit den übrigen Reisegenossen wieder an Bord brachte.
Von den Alfuren zeigte sich auch jetzt kein einziger; sie mochten, ihrem eigenen wilden und rachsüchtigen Denken nach, wohl annehmen, daß jetzt die Weißen ihre Kanonenkugeln in das Dorf hineinschicken würden, und waren alle landeinwärts in die Wälder geflohen. Natürlich aber geschah dergleichen nicht; das Schiff verließ die Küste, und erst als der letzte Streifen Landes dem Auge entschwunden war, versenkten die Kameraden auf hoher See den Leichnam des Vorwitzigen, der so kecklich seinem Übermute die Zügel schießen ließ und vielleicht die schrecklichsten Martern erlitten hatte, ehe ihn der Tod aus den Händen der Alfuren erlöste.
Noch einmal grüßte, langsam hinauf und herab gleitend, Deutschlands Flagge vom Mast den toten Sohn der Vaterstadt, noch einmal sahen die Genossen zurück zu der Stelle, wo die Celebessee den kopflosen Leichnam verschlungen — dann drehte sich der Eisenrumpf, und das Schiff steuerte den Inseln Australiens entgegen, zunächst der kleinen, wenig bekannten Nightinsel zu, wo ein friedliebender, harmloser Papuastamm auf allerunterster Stufe, fast im Zustand der Tierheit, leben oder besser vegetieren sollte.
Wie wohlthuend berührte nach der brennenden Hitze in der Celebessee die immer frischer und frischer werdende Kühle jede Stirn! Jetzt ging es mit gleichem Schritt über Australien bis zur antarktischen Barriere, und die beiden Knaben freuten sich schon im voraus des Schnees, mit dem sie nach so langer Entbehrung wieder Ball spielen wollten. Es war höchst komisch, welche Mühe sie sich gaben, dem Malagaschen begreiflich zu machen, was Schnee sei. „Gefrorenes Wasser,“ sagte Hans, „kleine zarte, sechseckige Sterne.“
„Der Übergang zwischen Wasser und Eis,“ setzte Franz hinzu.
Rua-Roa schüttelte immer wieder den Kopf. „Aber was ist denn gefroren?“ fragte er.
Da winkte ihm der Koch, eben jener gemütliche Sohn Hammonias, der auf Ceylon den Singhalesinnen Pfannkuchen buk. „Komm mal heran, Gelber! Sieh, mein Sohn, hier ist Butter, die ich eben geschmolzen habe. Sie fließt wie Wasser, nicht wahr? Das that die Hitze, weißt du; wenn ich sie aber wieder kalt stelle, läuft sie zusammen und wird ein Klumpen. Das macht das Wasser ebenso, und dieser Klumpen heißt Eis, — wenn’s sehr kalt ist nämlich. Und kalt sein, mein Junge, das heißt, wenn man eine bläuliche Nasenspitze hat und Kribbeln in den Fingern.“
Und jetzt hatte Rua-Roa begriffen! Also eine Temperatur, die das Wasser erstarren ließ! — Er wandte sich kopfschüttelnd zu seinen Erziehern. „Wenn es nur keine Fabel ist von diesem Lande,“ sagte er bedenklich. „Ich kann schwören, daß auf Madagaskar nie Eis getroffen wurde.“
Ein helles Gelächter klang über das Schiff dahin, und eine Extrastunde Geographie war die Folge. Jetzt wurde übrigens der junge Hova in den verschiedenen Lehrfächern schon so fest, daß er hübsch lesen und erträglich schreiben konnte; nur wenn so ganz Unerwartetes ihn aus der Bahn warf, griff seine Phantasie unwillkürlich zurück zu den Verhältnissen und Anschauungen der Heimat, als dem einzig Sicheren, was er besaß. Holm errettete ihn aus der verlegenen Situation, indem er die anderen darauf hinwies, wie schwer es sei, sich von etwas Ungesehenem einen Begriff zu machen; dann brachte er das Gespräch auf die Nightinsel, der nun das Schiff entgegensteuerte. „Kapitän, waren Sie früher schon einmal dort?“
Der Gefragte nickte. „Das ist die Kannibalengegend,“ antwortete er, „freilich nicht die Nightinsel selbst, aber doch die Gruppe, zu der sie gehört. Ich habe einmal hier Schiffbruch gelitten und mit dreißig Mann gegen über hundert Wilde gefochten, bis ein Schiff vorbeikam und durch seine Kanonen die Neger in die Flucht schlug. Zwei von uns, die unglücklicherweise vom Hauptquartier abgeschnitten worden waren, ließen ihr Leben am Bratspieß der Wilden, — wir fanden später die abgenagten, verkohlten Überreste.“
„Sollte uns denn dergleichen auf der Nightinsel nicht geschehen können?“ fragte schaudernd der alte Theologe.
„Unter keiner Bedingung. Da leben die Makadamas, eine Horde gutmütiger Geschöpfe, die sich durch nichts von harmlosen Tierarten unterscheiden, die keine Kleider oder Gesetze, kein Oberhaupt, keine Wohnung oder Ehe, ja nicht einmal eine Arbeit kennen; sie laufen nackt umher, stellen sich beim Regen unter einen Baum, schlafen ein, wo sie müde werden, und essen, was sie finden; Feuer dagegen unterhalten sie der Kälte wegen immer und sind auch sehr geschickt in allem, was das Leben auf dem Wasser betrifft.“
„Bewohnt denn dies Naturvölkchen die Insel ganz allein?“
Der Kapitän schüttelte den Kopf. „Das treffen Sie nirgends,“ antwortete er. „Ist eine Insel überhaupt groß genug, um Menschen zu ernähren, so hausen auch auf ihr zwei Stämme, die einander hassen und bekämpfen. Auf Nighteiland leben außer den Makadamas noch die Echaus, weshalb Kriege, bei denen man sich gegenseitig mit langen Spießen zu durchbohren sucht, hier gar nichts Seltenes sind. Auch die Frauen kämpfen, diese aber bedienen sich schwerer Holzblöcke, welche eine der anderen auf den Kopf schlägt.“
„Sehr einladend!“ lachte Holm. „Wir werden also Gelegenheit finden, ganz neue Menschen und Verhältnisse kennen zu lernen.“
„Wollen wir vorher nach Timor anlaufen?“ fragte Franz.
„Nochmals zu den Alfuren? — Ich danke, nein.“
„Aber jenes kleine Koralleneiland, an dem die Wogen hoch aufschäumen, möchte ich inspizieren,“ sagte Holm, „es kann uns der Besuch desselben höchstens einen halben Tag aufhalten. Ich hoffe dort ziemlich reiche Beute, gerade in diesem Meere zu machen.“
Das Schiff drehte bei, dann wurde ein Boot ausgesetzt und die Naturforscher erreichten das Innere der Koralleninsel von der brandungsfreien Seite aus. Ein stiller, ruhiger Salzwassersee bildete das Innere der Insel. Während sich an den Korallenriffen die Woge in furchtbarer Brandung brach, herrschte hier Ruhe und Frieden, und in dem klaren Wasser lebte eine eigene Tierwelt ihr vergnügtes Stillleben. Papageifische zermalmten mit ihren harten Kiefern die Korallenzweige. Schnecken aller Art weideten förmlich die Korallenfelder ab, indem sie die weichen Tiere erwischten, welche aus ihrem harten Kalkbau hervorkamen, um auf Nahrung zu lauern. Seesterne, Seeigel und Haarsterne mit nach unten gerichtetem Munde belebten den See, in dem die von Holm vermuteten Holothurien sich ebenfalls in reicher Anzahl und mannigfaltigen Arten vorfanden. Sie alle ließen es sich wohl sein unter dem Schutze des Korallenriffes, das sie vor der Vernichtung durch die Wellen des Meeres bewahrte, indem es einen festen Wall, gleichsam eine Schanze gegen das anstürmende Meer bildete.
„Hier in diesem glasklaren See wollen wir das seltsame Wesen der Seewalzen beobachten,“ sagte Holm, „und dann nach Herzenslust fischen. Seht hier die violette Seewalze, wer hat Lust, sie zu ergreifen?“
Kaum hatte Holm die Frage gethan, als auch schon Hans sich niederbeugte und die lange Seewalze mit festem Griff der Hand umklammerte. Nun aber ereignete sich etwas sehr Seltsames.
Kaum bemerkte die Seewalze, daß ein Feind sie gepackt hielt, als sie sich krampfhaft zusammenzog und durch den Mund ihre sämtlichen Eingeweide ausspie. Hans kümmerte sich jedoch nicht darum, daß das Tier ihn mit seinem klebrigen, anhaftenden Inhalt besudelt hatte, sondern suchte seine Beute aufs Trockene zu bringen, aber dies Vorhaben wurde ihm von dem Tiere gründlich vereitelt, denn es schnürte sich ein und teilte sich in mehrere Enden, als wenn es eine Wurst wäre, die der Metzger durch Abdrehen in mehrere Teile zerteilt hätte. Nur ein Stückchen Haut behielt er in der Hand.
„Sieh einer doch solche Bosheit,“ rief er, „das Tier vierteilt sich selbst, um der Gefangenschaft zu entgehen.“
„Es schnürt sich ab bis auf den Kopfteil,“ sagte Holm. „Dort liegt ein ringförmiger Nerv, und so lange dieser unzerlegt bleibt, ist es der Seewalze möglich, wieder nachzuwachsen. Die Zerstörung durch freiwillige Abschnürung geht bei einigen Arten so weit, daß noch kein Naturforscher sich rühmen konnte, ein vollständiges Exemplar aus dem Meere heraufgeholt zu haben.“
„Aber warum übt es solche Selbstverstümmlung aus?“ fragte Hans.
„Diese Abschnürung ist ein wunderbares Auskunftsmittel, um bei der gänzlichen Widerstandslosigkeit gegen Angriff und Verfolgung wenigstens das Leben zu retten. Selbst im Rachen eines gierigen Räubers vermag die Seewalze sich in zwei Hälften zu teilen, deren eine sie als wertlos dem Feinde überläßt, während das Kopfende das Meer zu erreichen sucht, um auf dem Grunde desselben einen Ruheplatz zum Neuwachstum und Ersatz des preisgegebenen Körpers zu suchen. Selbstwillige Zerstörung und rasches Wiederherstellungsvermögen sind es, die bei der Seewalze die Verrichtung eigentlicher Verteidigungsorgane höherer Tiere ersetzen.“
„Wir wollen uns jedoch durch dieses Gebaren der Seewalzen nicht beirren lassen, sondern so viele Bruchstücke derselben zu erlangen suchen, wie nur möglich, denn die übrigbleibende Haut liefert dem Mikroskopiker das Material zu Präparaten, die jedes Auge erfreuen.“
Es wurde nun eifrig Jagd auf Seewalzen gemacht, und die Stücke, welche nach der freiwilligen Vierteilung übrig blieben, wanderten nach Holms Anleitung in den Spiritusbehälter. Holm versprach den Knaben, während der nächsten Fahrt auf dem Schiffe ihnen die Wunder der Holothurienhaut unter dem Mikroskop zu zeigen.
Von den Papageifischen, die sich durch die Eigentümlichkeit ihres Gebisses ebensowohl auszeichnen als durch die Farbenpracht ihrer Schuppen, wurden mehrere Exemplare gefangen. Die Tiere, welche weder den Menschen noch das Netz kannten, waren mit leichter Mühe zu erlangen.
Holm fand an einer Stelle die rote Orgelkoralle, bei der die kalkigen Wohnungen der Einzeltiere als schlanke Röhren wie die Orgelpfeifen neben einander stehen. Auch die elegante Seefeder sowie der Neptunsfächer wurden erbeutet, zierliche Korallenstöcke, die sich ausnahmen wie Hutfedern oder wie riesige Fächer von bräunlicher, rötlicher und gelber Farbe.
Der Ausflug nach diesem kleinen Koralleneilande war ein überaus lohnender gewesen. „Wir wollen diesem Punkte im Ozean einen Namen geben,“ schlug Hans vor. „Was meint ihr, wenn wir ihn „die Schatzkammer der Naturforscher“ nennen?“
Alle waren damit einverstanden, und als sie wieder an Bord waren, trug der Kapitän das Inselchen und seinen Namen in die Seekarte ein.
Das Schiff setzte seine Fahrt fort, bis endlich nach kaum drei Wochen die kleine, wenig bekannte Insel an der Nordküste Australiens erreicht war. Viele gefährliche Klippen starrten himmelhoch und von Brandungen umtobt den Seefahrern entgegen, viele stille Baien, anmutig in flaches, grünes Land verlaufend, schienen aber auch zur Einkehr zu locken, und als das Schiff langsam zwischen den Korallenfelsen hindurchlief, zeigten sich auch schon gleich beim ersten Erblicken des Innern die Bewohner vom Stamme der Papuas. Kleine, gedrungene Gestalten, die Weiber von ungeheurer Häßlichkeit, die Männer mit dick aufliegenden Stammesnarben geschmückt, rot und weiß angemalt, im Haar den gelben, dick mit Thran aufgestrichenen Ocker, beide Geschlechter aber bis auf den zerfaserten Grasgürtel der Frauen ganz wie Gott sie erschaffen, so standen die Wilden scharenweise am Ufer, vielleicht hoffend, daß das Schiff stranden und ihnen seine Eisenteile zum Verbrauch überlassen solle, jedenfalls aber ohne irgend eine böse Absicht, etwa einer Rinderherde gleich, die ahnungslos den Fremden an sich herankommen läßt, ihn kaum beachtend, gleichgültig und ruhig.
Hätten nicht diese schwarzen, schauderhaft beklecksten Gestalten deutlich den entlegenen Weltteil verraten, so würden sich unsere jungen Freunde nach Europa zurückversetzt geglaubt haben. Hohe, schlanke Nadelhölzer, besonders die prächtige Kaurifichte, spendeten kühlen Schatten, das Gewirre des Unterholzes und der Schlinggewächse fehlte gänzlich, den Boden bedeckte üppiges Gras, und aus seiner grünen Fülle hervor sah das bescheidene, deutsche Maßliebchen. Auch die parkartige Ähnlichkeit der Hölzer unter einander, die gleichmäßigen Stämme und die Einförmigkeit des ganzen Pflanzenwuchses erinnerten lebhaft an deutsche, stille Wälder mit ihrem Sonnenschein und ihrem tiefen, nur zuweilen durch Vogelstimmen unterbrochenen Frieden. Die Vogelwelt freilich bot wieder ganz fremde und noch dazu neue Erscheinungen, nämlich Strauße so klein wie Truthühner, aus Erdlöchern hervorsehend und schnell in dieselben zurückschlüpfend, Papageien und schöne Reiher, die an den Uferklippen ihrer Beute harrten.
Das Gesamtbild trug den Charakter des ländlichen Stilllebens. Als die Weißen ausgeschifft waren, kamen ihnen die Wilden vertraulich entgegen und betasteten sowohl ihre Anzüge als auch ihre Gesichter, wie um sich zu überzeugen, daß lebende Wesen dahinter steckten; sie lachten laut und ahmten nicht selten den Gang, die Haltung oder gar die Worte ihrer plötzlich erschienenen Gäste nach, was jedenfalls auf gänzliche Unbekanntschaft mit der weißen Menschenrasse schließen ließ. Ebenso vergeblich war es, ihnen in englischer Sprache irgend etwas zu sagen, sie verstanden davon keine Silbe, sondern lachten wie Kinder, denen das Fremde Spaß macht; viele von ihnen sprangen auch sogleich in das Wasser und versuchten es, den Dampfer zu erklettern, andere eilten zu ihren Booten und umfuhren das Schiff; nirgends aber trafen sie Vorkehrungen, den Weißen irgend etwas anzubieten; in dieser Beziehung standen sie offenbar ganz auf der niedrigsten menschlichen Stufe.
„Wir wollen doch die Insel durchwandern,“ erklärte Holm, „unsere Zelte und Lebensmittel auf den Rücken nehmen und wie die Köhlerkinder des Märchens Zeichen in die Bäume hauen, um später den Rückweg wiederzufinden. Es ist gerade angenehm warm, der Boden nicht durch Hindernisse versperrt, die Tierwelt ungefährlich; also laßt uns sehen, ob denn tatsächlich keine feste Hütten vorhanden sind.“
Es wurde ein deutsches Lied angestimmt; im kräftigen Chor durchhallte das „Freiheit, die ich meine“ den australischen Wald, und gefolgt von einer Menge schwarzer, arg bemalter und tättowierter Gestalten zogen unsere Freunde im hellsten Sonnenschein dahin, vergeblich ein Dorf oder eine Niederlassung suchend, vergeblich nach genießbaren Baumfrüchten ausspähend, vergeblich hinter jeder neuen Lichtung, jedem Busch oder Fluß bebaute Felder erwartend. Nur Fichten und Fichten, dazwischen der amerikanische Hickory, schönblühende Myrthaceen, Kasuarinen, sowie der Gummibaum mit seinen steifen, lederartigen, glanzlosen Blättern; aber nie Fruchtbäume. Am Boden blühten viele schöne Blumen, doch waren sie geruchlos und von großer Einförmigkeit der Erscheinung, den Tropen gegenüber geradezu ärmlich.
Dieser helle, lichte, sonnendurchschienene Wald wechselte stellenweise mit dem berüchtigten, australischen „Busch“, einer Wildnis von Dornen, Akazien, großen Immortellen und Protaceen, auf deren Boden kein Halm sproßte, die dagegen aber bewohnt waren und zwar von verschiedenen, meist unbedeutenden Tiergattungen, namentlich den Dingos (wilden Hunden) und den zahllosen größeren oder kleineren Beuteltieren, marderähnlichen Geschöpfen mit langem, buschigen Schwanz und dem bekannten, an der Unterseite des Körpers liegenden Hautbeutel, worin die Weibchen ihre Jungen tragen, bis dieselben ausgewachsen sind, und wohin diese selbst dann noch zurückkehren, wenn ihnen während ihrer ersten Jugend draußen irgend eine Gefahr droht.
Die behenden Tiere zeigten sich nie im Freien, sondern lugten aus den Erdlöchern der Buschpartieen vorsichtig herauf, um dann eben so schnell wieder zu verschwinden; sie ohne Hunde zu jagen, war ganz unmöglich. Holm postierte bei einer dieser Höhlen die jungen Leute so, daß ihnen das flüchtende Beuteltier jedenfalls zu Schuß kommen mußte; dann begann er selbst mit Hilfe des Malagaschen den Erdhügel oberhalb der Wohnung durch Axtschläge und Spatenstiche abzuräumen, während ein Trupp Wilder daneben stand und neugierig beobachtete, was die Weißen thaten.
Zuweilen zeigte ein leises Geräusch unter der Erde, daß die Tiere höchst wahrscheinlich schon in Unruhe gerieten, daß ihnen vielleicht bröckelndes Gestein auf den Kopf fiel oder die Wahl zwischen Flucht und Tod ihren erschreckenden Einfluß ausübte; dann geschah etwas, worüber alle Weißen lachten, bis ihnen der Atem versagte. Das Männchen des Beuteltieres, der marderähnliche Rotschwanzbeutler, schoß mit einem plötzlichen, gewaltigen Sprung aus dem Eingang hervor; schon mochte er glauben, sich durch seine kecke That der Gefahr glücklich entzogen zu haben, als im selben Augenblick zwei Schüsse krachten und der schlanke, aufbäumende Körper sterbend zu Boden stürzte, — außer ihm, den die Kugeln durchbohrten, waren aber auch alle Wilden wie ein Haufen Kartenmännchen hingefallen und zumeist auf das Gesicht. Höchst wahrscheinlich hatten sie die Büchsen für Stöcke gehalten und waren bei dem doppelten Knall dermaßen erschrocken, daß ihr bißchen Nachdenken sie vollständig im Stich ließ, ja, daß sie die dämonischen Mächte ihrer dunklen, halbverworrenen Vorstellungen verkörpert vor sich zu sehen glaubten.
Es war komisch und bedauernswert zugleich, diese hingestreckten schwarzen Gestalten zu beobachten, wie sie, weit mehr Tier als Mensch, so hilflos dalagen, aller vernünftigen Vorstellung bar, außer sich vor Angst unter dem Eindruck eines Büchsenschusses; der Doktor ging von einem zum andern, sprach hier deutsch und dort jenes fabelhafte Etwas, das er englisch nannte; er versuchte auch, die rotbemalten Schultern aufzuheben und riskierte endlich sogar einen zornigen Befehl, aber das alles half nichts, bis Holm vorschlug, es mit einem andern Verfahren zu probieren. „Zeigen Sie einmal die Knöpfe und Metallringe, welche wir mitgebracht haben, Doktor,“ riet er.
Und das half über Erwarten. Der alte Herr setzte sich auf eine Erhöhung des Weges, in seiner Hand glänzten allerlei Spielereien, womit in zivilisierten Ländern kleine Kinder belustigt werden, — und siehe da, Kopf nach Kopf tauchten aus dem Gras die schwarzen Gesichter herauf. Hier erhob sich vorsichtig eine Gestalt, deren Ocker und Mennig den Boden klumpenweise färbte, hier rang sich ein Laut des Entzückens von den schnalzenden Lippen einer Frau, dort flüsterten Kinder, unfähig, dem erwachten Verlangen zu widerstehen.
Und der alte Theologe hielt mit einer Hand seine Messingknöpfe in das Sonnenlicht, mit der andern winkte er den Zögernden. „Nur her, ihr Ärmsten unter den Armen, nur her, verirrte Wesen, was fürchtet ihr denn eigentlich? — Da, da, — und da! — Aber nun seht euch auch die Gewehre an; hier!“
Er hatte die Waffe aus dem Grase genommen und wollte sie jetzt den Wilden in aller Ruhe zeigen, aber weg, wie vom Wind entführt, war plötzlich die ganze Schar, der nächste Busch hatte sie verschlungen.
Franz hatte unterdessen seine Jagdbeute in Sicherheit gebracht, worauf sich sämtliche junge Leute vereinigten, um nun aus dem Bau das wahrscheinlich noch darin befindliche Weibchen des Rotschwanzbeutlers lebend hervorzuziehen. Vor allen Dingen wurde zu diesem Zweck der Ausgang verschüttet und nun vorsichtig weiter und weiter gegraben, bis die letzte Erdschicht einstürzte und dadurch die Weißen die Möglichkeit erhielten, das kleine, mit den andrängenden Massen kämpfende Tier einzufangen. Es sollte seine Freiheit zurück erhalten; nur wollten die jungen Naturforscher gern den seltsamen Beutel des Muttertieres in der Nähe sehen und womöglich die kleinen Jungen darin entdecken; daher mußte es gefesselt und zur Flucht unfähig gemacht werden. Die Sache gelang nur nach vieler Mühe und einigen von den scharfen Nagezähnen erlittenen derben Bißwunden, dann aber waren glücklich die Vorder- und Hinterfüße, je zwei zusammen, mit starken Stricken gebunden, und zum Überfluß die Schnauze mit einem starken Taschentuch umwickelt. Das Tier pfauchte und zischte, aber es konnte sich nicht wehren, als zwei von den jungen Leuten seinen Körper in ausgestreckter Lage erhielten, während Holm den breiten, unförmlichen Beutel untersuchte.
Diese mit einem engen Spalt versehene Hauttasche umgab rings im Kreise eine Anzahl sehr langer Milchzitzen, an deren jeder ein unausgewachsenes, bewegungsloses und nur mit undeutlichen Gliedmaßen versehenes Junges hing, das dort thatsächlich festgewachsen war und erst, nachdem das kleine Mäulchen die nötige Weite erreicht haben würde, die mütterliche Zitze wieder verlassen konnte. Der Spalt wurde sehr vorsichtig geöffnet, so daß es dem gefesselten Tier keinen Schmerz verursachte, und dann, nachdem alle die kleinen, saugenden Wesen bewundert, die geängstete Mutter wieder in Freiheit gesetzt. Ein einziger, trotz der fünffachen Last gewandter und schneller Sprung brachte den Pelzträger aus dem Bereich der verfolgenden Blicke.
„Eine neue Höhle mag sich das Tier selbst wieder herstellen,“ meinte Holm, „wir wollen uns jetzt etwas näher an das Ufer zurückbegeben und dann unsere Zelte aufschlagen. Die Sonne sinkt, es ist Zeit!“
„Da sehe ich Feuer!“ rief plötzlich Hans. „Ob es ein Dorf ist?“
„Und da! — und da!“ setzten die übrigen hinzu, als heller Schein von allen Seiten den Wald durchleuchtete. „Wie seltsam!“
In der That war dieser Anblick ein nie gesehener, und so im Zwielicht, ohne die Anwesenheit der Wilden, vom kälteren Hauch bereits durchzogen, trug die Landschaft den Charakter des Nordischen, ja fast des Düsteren, Unheimlichen. Wie Soldaten in Reihe und Glied standen die schlanken, astlosen Stämme der Kaurifichten, dicht gedrängt und in den Wipfeln jenes Rauschen verursachend, das so herbstlich, so wehmütig stimmt, das wie ein Wiegenlied über den ganzen Wald von Krone zu Krone dahinklingt; unter ihrem monddurchschienenen Dach erhoben sich die Feuersäulen der brennenden Holzstöße, wallende Rauchwolken strebten empor zum ewigen Blau, und ein eigentümlicher, bald heller, bald dunkler leuchtender Schein traf die ganze Umgebung des Feuers. Hier lag er purpurn auf den Blüten der Myrthaceen, dort rosig auf den Blättern des Gummibaumes, die holzigen, ledernen verjüngend, die glanzlosen mit sanftem Schimmer überziehend; am Fuß der alten Stämme aber fiel sein vollstes Glühen auf die Gruppe der Schwarzen, welche jedesmal dort im Moos oder Gras lang ausgestreckt Nachtruhe hielt und sich so nahe als thunlich um die wärmenden Strahlen geschart hatte. Nicht einmal ein Fell wärmte die nackten Glieder, nicht einmal einen Haufen trockener Blätter hatten sich die Wilden als Lagerstatt zusammengetragen; viel weniger besaßen sie irgend etwas, das einem Dache glich; ja, als die Reisenden näher kamen und den Raum neben dem Feuer überblicken konnten, sahen sie, daß dort von den Eingebornen Fische und Vögel sowie die Wurzeln verschiedener Kräuter in rohem Zustande gegessen wurden.
Als die Weißen ihre kleinen Geschenke auskramten, liefen die Wilden herzu und nahmen dieselben, ohne zu bitten oder zu danken, wie ein Tier das Futter nimmt. Sie standen auch umher, ohne begreifen zu können, was ihre Augen sahen, als später die Weißen Zelte aufschlugen und Decken ausbreiteten. Von den gebotenen Näschereien wie Cakes, Wein, gebratenem Fleische und eingemachten Früchten nahmen sie nur zögernd und ließen nach dem ersten Bissen das übrige wieder fallen. Die Eier, welche sie roh genossen, wiesen sie in gekochtem Zustande schaudernd zurück.
Das Lager der Papuas im Kaurifichtenwalde.
„... am Fuß der alten Stämme aber fiel sein vollstes Glühen auf die
Gruppe der Schwarzen ...“
So wurde denn das Lager aufgesucht, auf allen Seiten umgeben von den Feuern der Wilden, kühl, beinahe kalt selbst unter dem Schutz der Wolldecken, auf einer waldumsäumten, kleinen Ebene belegen, inmitten hundertjähriger Baumriesen, deren Kronen das Schlummerlied rauschten. Hier brauchte keiner für die Sicherheit der anderen zu wachen, nirgend bot sich die Möglichkeit einer Gefahr; es lebte in der Nähe kein Tier, das fähig gewesen wäre, den Menschen zu schaden. Nur wenige rote, kleine Papageien saßen in den Bäumen, in der Ferne bellten wilde Hunde, und zuweilen segelte durch die Luft ein Tier, das dem fliegenden Hunde der Sundainseln verwandt war, ein fliegender Fuchs mit spitzer Schnauze und klugem Gesicht, ein fledermausartiges Beuteltier von rotbrauner Farbe. Das Hübscheste aber, was die Augen der Weißen vor dem Einschlafen noch erblickten, war ein großes weibliches Beuteltier mit feinem, grauen Pelz und einem langen Schwanz, um dessen Ansatz sich die Schwänze mehrerer Jungen, welche die Mutter auf dem Rücken trug, festgeklammert hatten. Das Tier kam schnuppernd heran und fraß dann begierig die Überreste der verschiedenen Mahlzeiten, während seine Sprößlinge auf dem Rücken hockten und warteten, bis sich die gesättigte Alte ins Gras lagern und ihnen zu saugen gestatten würde. —
Am andern Morgen ging es wieder in die Wälder, um Jagd auf die Vögel zu machen, die auf den australischen Inseln sowie auf dem australischen Festlande in großer Mannigfaltigkeit vorkommen. „Wir werden uns so wenig als möglich von der Vogeljagd ablenken lassen,“ sagte Holm, „und Wald und Busch auf das sorgfältigste absuchen. Größere Exemplare werden sofort abgehäutet, kleinere Vögel werden wir an Bord präparieren. Die neuholländischen Inseln sind eine wahre Fundgrube für den Zoologen in bezug auf die Vogelwelt.“
Das erste, was ihnen bei ihrer Wanderung aufstieß, war ein Schwarm prächtiger Kakadus mit blendend weißem Gefieder und gelbem Schopf. „Wir wollen von diesen herrlichen Geschöpfen keines erlegen,“ sagte Holm, „denn der Kakadu ist in Europa hinreichend bekannt, und wir würden uns nur unnötig mit den Getöteten beladen. Wenn ihr jedoch einen großen schwarzen Papagei sehen solltet, so zögert keinen Augenblick und sucht ihn zu erlegen.“
Der ersehnte Papagei zeigte sich nicht. Wohl aber schoß Franz einen schön gefärbten Papagei, die Rosella, der bunt war wie ein Harlekin. Oberkopf, Halsrücken, Brust und Unterschwanzdecke waren scharlachrot, die Wangen weiß, die Rückenfedern schwarzgelb gesäumt, der Hinterrücken, die Oberschwanzdeckfedern und der Bauch, mit Ausnahme eines gelben Fleckes, grasgrün, die Flügelmitte hochblau, die Schwingen dunkelblau mit blauem Rande, die Schwungfedern grün, blaugrün und am Ende lichtblau mit weißer Spitze.
Alle waren über diese Beute erfreut, und auch Doktor Bolten äußerte sein Wohlgefallen über die Farbenpracht dieses Vogels. „Die Natur übertrifft oft die Phantasie des Menschen,“ sagte er. „Kein Seidenweber in Lyon ist imstande, ein so herrliches Gewand zu weben, als dieser Vogel trägt, wie denn anderseits noch kein Komponist solche Töne finden konnte, wie die, mit denen daheim die unscheinbare Nachtigall unser Herz erfreut.“ Er wollte weiter sprechen, als ein Schuß seine Rede unterbrach. Hans hatte geschossen und stieß einen Freudenruf aus, als er sah, daß sein Ziel glücklich getroffen war. „Der schwarze Papagei!“ rief er, „ich habe ihn erlegt!“
Er eilte auf die Stelle zu, an welcher der Papagei im Grase lag, und hob ihn auf.
„Fürwahr,“ rief Holm, „ein Rüsselpapagei — der Kasmalos!“ Der Vogel war größer, als alle bekannten Papageien und übertraf selbst den Arra an Länge und Flügelweite. Sein Gefieder war gleichmäßig tiefschwarz gefärbt und schillerte etwas ins Grünliche. Sein Kopf trug eine ebenfalls schwarze Federholle, der große Oberschnabel bedeckte den kleineren Unterschnabel vollkommen. Holm zeigte nun den Knaben den eigentümlichen Bau der Zunge. Diese war ziemlich lang und fleischig, nicht breiter als dick, aber oben ausgehöhlt und vorne an der Spitze abgeflacht. Sie kann weit aus dem Schnabel vorgeschoben und von dem Vogel wie ein Löffel gebraucht werden, mit welchem er die vom Schnabel zerkleinerten Nahrungsmittel aufnimmt und der Speiseröhre zuführt. Die Ränder der Zunge sind sehr beweglich und können vorne von rechts nach links her gegen einander gewölbt werden, so daß sie den ergriffenen Speisebissen wie in einer Röhre einschließen, in welcher er leicht zum Schlunde hinabgleitet. Wegen dieser Eigentümlichkeit der Zunge ist ihm der Name Rüsselpapagei zuerteilt worden. Da der Rüsselpapagei zu den größten Seltenheiten der europäischen Sammlungen gehört, war Holm besonders froh über den glücklichen Schuß, den Hans gethan hatte, der seine Beute nicht ohne Stolz betrachtete.
„Fast könnte ich eifersüchtig auf den Schützen werden, wenn es nicht mein Bruder wäre,“ sagte Franz. „Paßt nur auf, noch ist nicht aller Tage Abend, vielleicht gelingt es mir, ein zweites Exemplar dieser seltenen Art zu erlegen, oder ich schieße ein Geschöpf, das eben so wertvoll ist, wie dieser Rüsselvogel!“
„Ein edler Wettstreit, aus dem die Naturforschung Nutzen ziehen wird,“ meinte Holm lachend.
„Das ist die wahre Konkurrenz,“ sagte der Doktor, „sie fördert und regt an, sie — —“
Schon wieder fiel ihm ein Schuß in die Rede. „Nehmen Sie’s nicht übel, Doktor, daß ich Sie unterbrach!“ rief Franz, „aber hier in der Wildnis geht leider die Notwendigkeit über die Höflichkeit. Ich mußte schießen!“ Er sprang davon und holte die erlegte Beute — einen prachtvollen Leierschwanz.
„Das nenne ich ein Jagdglück,“ rief Holm, „denn dieser Vogel mit seinen wundervollen langen Schwanzfedern, die wie eine Leier gestaltet sind, kommt nur selten zum Schusse. Mancher Jäger hat sich schon tagelang im Busche aufgehalten und hörte die laute, helle Stimme der scheuen Vögel, war aber nicht imstande einen derselben zu Gesichte zu bekommen. Merkwürdig ist, daß wir diesen Vogel hier antrafen, der sonst in Gegenden wohnt, die schwer zu erreichen und wegen tiefer, nur mit vermodernden Pflanzen bedeckter Felsenspalten dem Jäger lebensgefährlich sind.“ Als Holm den Leierschwanz näher untersuchte, ergab sich, daß der Vogel ein verletztes Bein hatte, was ihn am Laufen verhindert haben mußte. Holm mahnte zur Vorsicht beim Betreten des Bodens, denn schon oft sei ein Jäger in die heimtückischen Felsenspalten geraten, in deren Nähe sich die Leierschwänze aufhalten, und nichts sei dem Unglücklichen übrig geblieben, als sich vermittelst eines Schusses durch den Kopf vom langsamen Verschmachten zu befreien, denn auf eine Hilfe von Menschenhand kann niemand in diesen Einöden rechnen, der tief in eine steile Felsenspalte geraten ist.
Kaum hatte er diese Warnung ausgesprochen, als der Doktor vor ihren Augen verschwand und mit einer dichten Masse von moderndem Laub in die Erde sank. „Hilfe!“ rief er aus der Tiefe. Sie eilten rasch an den engen Schlund, der sich vor ihren Augen öffnete.
„Haben Sie sich verletzt, Doktor?“ fragte Holm besorgt.
„Gott sei Dank, nein,“ scholl es herauf; „aber die Felsenwände sind so glatt und schlüpfrig, daß ich mich nirgends anhalten kann. Ich sinke allmählich tiefer. Helft mir rasch.“
Mit größter Eile wurden die Riemen der Gewehre an einander geknüpft und hinabgelassen, sie erreichten jedoch den Doktor nicht, da sie nicht lang genug waren. Was nun beginnen? Woher einen Strick nehmen, um den Verunglückten heraufzuziehen, der langsam weiter in die Tiefe glitt und flehend um Hilfe rief? Mit jeder Sekunde nahm die Gefahr zu, die Felsenspalte konnte unergründlich sein und sich nach unten erweitern. Dann war der Doktor verloren. In solchen Augenblicken der höchsten Not kommen dem Menschen jedoch oft Gedanken zur Rettung und zwar so plötzlich, als hätte sie ihm jemand zugerufen, der unsichtbar ihm zur Seite stände. Wie mit Wundermacht wird dann das Unscheinbarste zum wichtigen Hilfsmittel, und wer nur Augen hat zum Sehen und Ohren zum Hören, der erfährt zu solcher Stunde, daß immer noch Zeichen und Wunder geschehen, daß Gott den Menschen zur Zeit der Prüfung nicht verläßt.
Franz war es, in dem sich blitzschnell der Gedanke zur Rettung des Doktors offenbarte. Ehe noch jemand begriff, was er wollte, hatte er den leichten Rock abgeworfen und sich des starken Leinenhemdes entledigt, das er rasch mit dem scharfen Jagdmesser in Streifen zerschnitt, die er wie einen Strick zusammendrehte und an einander knüpfte. „Wenn es nur ausreicht?“ flüsterte er bange.
Rua-Roa hatte sofort begriffen, was Franz im Sinne hatte, und folgte seinem Beispiele. Auch er warf sein Gewand ab und zerschnitt es mit dem Messer, das Franz ihm damals geschenkt hatte, als er so tapfer die Prozedur des Gipsens über sich ergehen hatte lassen. „Ich helfe dir, mein weißer Bruder,“ rief er, „Doktor Bolten muß gerettet werden und sollte ich meine ganze Habe, ja mein Leben für ihn hingeben. Er hat mich gelehrt, daß alle Menschen Brüder sind und daß der arme Waisenknabe Rua-Roa einen Vater im Himmel hat, dessen Kind er ist. Ich wollte sein Sklave sein, er aber hat mich freigegeben. Retten wir den guten Doktor!“
Die Stricke aus dem Zeug waren in fieberhafter Eile geflochten, alle legten sie Hand an, und nachdem dieselben an die Lederriemen der Gewehre geknüpft waren, wurde das so erhaltene Seil in die Felsenspalte hinabgelassen. „Geben Sie acht, Doktor,“ rief Holm, „und suchen Sie das Seil zu erhaschen!“
Eine ängstliche Pause entstand. „Haben Sie das Seil?“ rief Holm.
„Ich halte es!“ ertönte die Antwort aus der Tiefe.
„Nun zieht an,“ kommandierte Holm.
Alle faßten das Seil und taktmäßig, mit lautem Ahoi, wie auf dem Schiffe, förderten sie ruckweise den Doktor langsam in die Höhe, bis nach einiger Zeit der Gerettete wieder festen Boden unter seinen Füßen hatte.
Doktor Bolten sank auf die Kniee, als er glücklich wieder oben war, und seine Lippen sprachen ein leises Dankgebet. Dann reichte Hans ihm die Feldflasche, aus der er einen tüchtigen Schluck nahm, der ihn nach der überstandenen Angst und Gefahr sichtlich erquickte. Als er erfuhr, auf welche Weise die Rettung zustande gebracht war, reichte er Franz und Rua-Roa beiden die Hand. Er war zu bewegt, um sprechen zu können. Dann faßte er sich und sprach nur die wenigen Worte: „Der Segen eines alten Mannes ruhe auf eurem Haupte!“
Holm schlug nun vor, diese gefährliche Gegend zu verlassen und den Wald aufzusuchen, wo kräftiger Baumwuchs von dem Nichtvorhandensein der tückischen Naturfallgruben Zeugnis ablegte. Alle waren mit diesem Vorschlage einverstanden, und bald war die Gefahr, in welcher der Doktor geschwebt hatte, vergessen. Die Jagdlust und das Vorkommen reichlichen Vogelwildes stellte bald wieder den alten Frohsinn her. Holm erlegte einige der zierlichen Diamantvögel und einen der schwer zu erlangenden Emuschlüpfer. Der Schwanz dieses allerliebsten Vogels besteht nur aus sechs mit zerschlissenen Fahnen besetzten Federn. Seine Behendigkeit vereitelt fast immer die Nachstellungen, wozu noch kommt, daß er in der Kunst des Versteckens außerordentlich erfahren ist.
Als sie vorwärts schritten und in eine Niederung gelangten, auf der immergrüne Zedergebüsche sich ausbreiteten, machte Holm plötzlich Halt und winkte den andern mit der Hand zu, sich ruhig zu verhalten.
Die Knaben hielten ihre Gewehre in Anschlag. „Ein Raubtier?“ fragte Hans.
„Nein,“ erwiderte Holm leise. „Kommt behutsam an meine Seite, uns bietet sich ein reizendes Schauspiel dar.“
Alle traten mit leisen Schritten näher, und in der That nahmen sie durch die dichten Zweige, welche Holm vorsichtig zurückbog, einen merkwürdigen Gegenstand wahr, den sie früher noch niemals gesehen hatten.
Unter einer ziemlich großen Zeder sahen sie aus feinen und biegsamen Reisern erbaut eine kleine Hütte, die in ihrem Aussehen einer spitzdachigen Laube glich und an jeder Seite einen offenen Eingang besaß. Vor der Laube lagen bunte Schneckenschalen, Muscheln, weißgebleichte Knochen und glänzende Kieselsteine. Das Innere der Laube war mit roten, gelben und blauen Papageienfedern dekoriert, als sollte in derselben ein Fest gefeiert werden.
„Sollte das Hüttchen von den Kindern der Eingebornen im Spiel erbaut sein?“ fragte der Doktor.
„Wir haben den merkwürdigen Bau des Atlasvogels vor uns,“ erklärte Holm. „Die Vögel sind soeben davon geflogen, wenn wir uns ruhig verhalten, wird es uns hoffentlich gelingen, Augenzeuge von ihrem Thun und Treiben zu sein.“ Kaum hatte er diesen Wunsch geäußert, als es durch die Luft schwirrte und ein Vogel mit einem Reisigzweig im Schnabel sich vor der Laube niederließ. Sein wie Atlas glänzendes Gefieder war tief blauschwarz, die Flügel- und Steuerfedern samtschwarz, blau an der Spitze, das hellblaue Auge besaß einen roten Ring, die Füße waren rötlich.
Der Vogel, seiner Größe und glänzenden Farbe nach zu urteilen das Männchen, nahm nun den Zweig und verflocht ihn gar künstlich und geschickt in die Wand der Laube, und ließ, als er die Arbeit vollbracht, einige wohllautende Töne hören, als freue er sich des gelungenen Werkes. Nach einiger Weile kam das minder schön gefärbte Weibchen hinzugeflogen, das eine hochrote Papageienfeder im Schnabel hielt, die es im Innern der Laube anbrachte. Als dies geschehen war, lockte es das Männchen, welches in die Laube hüpfte und durch allerlei Gebärden seinem Wohlgefallen an dem neu erworbenen Zierat Ausdruck verlieh. Die beiden Vögel hüpften in der Laube auf und ab, schlugen mit den Flügeln und spielten vergnügt mit einander in dem kleinen Palast, den sie sich erbaut hatten, so gut ein Vogel es nur irgend kann.
„Ihr Nest haben die Atlasvögel an einem anderen Orte,“ sagte Holm, „dies hier ist ihr bestes Zimmer oder, wenn wir wollen, ihr Museum, an dessen Schätzen sie sich erfreuen. Wollen wir die Vögel schießen?“
„Schenkt ihnen das Leben,“ bat der Doktor. „Ihr ganzes Betragen hat so etwas Harmloses und Freundliches, daß es mir fast ein Unrecht erscheint, sie zu töten.“
„Nun so mögen sie leben bleiben,“ versetzte Holm, „obgleich ich gerne ein Exemplar für unser Museum in Hamburg gehabt hätte.“
In diesem Augenblicke kam ein dritter Atlasvogel angeflogen, der sich vor der Laube niederließ und eine blanke Muschelschale zu stehlen suchte, trotz der Abwehr der Eigentümer der Laube.
„Oha,“ rief Holm, „du willst hier annektieren. So ein Sozialdemokrat, der das Eigentum auch teilen will, soll seinen ihm gebührenden Lohn empfangen.“ Ein wohlgezielter Schuß aus der Vogelflinte streckte den unberufenen Gast und Räuber danieder. „Nun haben wir alle unseren Willen,“ sagte Holm. „Der Doktor sieht das Leben seiner Schützlinge erhalten und wir haben einen Atlasvogel für unser Museum.“ Die beiden anderen Atlasvögel waren davon geflogen, und die beste Gelegenheit zum Inspizieren der Laube war gegeben. Franz zeichnete dieselbe, während Holm sich anschickte ein frugales Mahl zu bereiten. Nachdem dieses eingenommen, machte man sich auf den Rückweg, und zur rechten Zeit, noch vor Sonnenuntergang, erreichten sie das Lager.
Am folgenden Tage begann die Durchforschung des Strandes. Schwarze Austernfische fanden sich reichlich, viele hübsche Reiher und weiße schwanenartige Vögel, ebenso auf den Klippen der nur in Australien lebende weiße Hummer und sehr schöne Schnecken und Muscheln, welche die Flut zu hoch hinauf geworfen, als daß ihnen der Rückzug ins Meer noch möglich geworden wäre. Hier sah man auch die Makadamas auf dem Gebiet ihrer eigenen Thätigkeit; sie zimmerten Kanoes, sogenannte Einbäume von alten umgewehten Baumstämmen und zwar mit den Eisenteilen gestrandeter Schiffe. Ohne alle Meßinstrumente, ohne Beil oder Säge, nur mit eisernen Faßreifen, die spitz und scharf geschliffen waren, brachten die Wilden schlanke, schnell dahinschießende Fahrzeuge zu stande; auch platte Doppelruder, die blitzartig von einer Hand zur andern flogen und bei jeder Drehung über den nackten Körper des Schiffers einen Tropfenregen ergossen, hatten diese Boote, denen die Sitzbretter gänzlich fehlten, und deren hinterer Teil zollhoch mit Wasser überspült war. Die dreizackige Harpune des Ruderers brachte nach jedem Stoße einen zappelnden Fisch aus der Tiefe mit herauf.
Während die Weißen über den klippenreichen, vielfach ganz unpassierbaren Strand dahingingen und sich an solchen Punkten, deren Ausläufer wie Kaps bis ins Meer vorsprangen, wieder landeinwärts schlugen, entdeckten sie in den Kronen der Bäume eine Anzahl längliche Pakete, deren Form unschwer erkennen ließ, daß hier auf die Weise der Dajaks Leichen dem Verfall ausgesetzt worden waren, nur insofern anders, als man dort die Gestorbenen den Raubvögeln preisgab, während hier, wo diese fehlten, der Körper in Baumrinde gewickelt, mit Bast umschnürt und am Waldrande aufgehängt wurde, damit ihn die Sonne vertrockne.
Nachdem der Ankerplatz erreicht worden, nahmen die Reisenden, so gut als dies bei der gänzlichen Unkenntnis der Sprache möglich war, Abschied von den Wilden, die auch hierher nachgelaufen kamen und sich bei den vielen Schüssen, welche sie an diesem Vormittag schon gehört, einigermaßen mit Klang und Wirkung vertraut gemacht hatten. In der Bai, wo das Schiff lag, apportierten sie sogar, wie gut geschulte Hunde. Sich hinter Bäumen versteckt haltend, so oft einer der Weißen zielte, sprangen sie in das Wasser und brachten den getroffenen Vogel zwischen den Zähnen herbei.
Alle blanken Knöpfe, Kattunstückchen, Metallringe und namentlich ein Spiegel wurden unter die bemalten Gestalten verteilt; — den kleinen Rasierspiegel erhielt eine Frau, die sogleich, als sie ihr eigenes, nie gesehenes Antlitz erblickte, hinter das Glas griff und die vermeintlich Fremde aus dem Versteck hervorziehen wollte. Erst durch verschiedene Versuche über den Irrtum dieser Anschauung belehrt, schien sie zu glauben, daß hier etwas Geheimnisvolles, Geisterhaftes vorgehe; sie gab das Glas einem der anwesenden Männer, dessen Gesicht sich vor Schreck zusehends verlängerte. Er legte den Spiegel auf den Rand eines Felsens und schlich leise herzu, ganz geräuschlos, als wolle er den Zauber da drinnen überlisten, — Zoll um Zoll hob sich der schwarze Kopf, endlich hatten die Augen den Rand des Glases erreicht, zaghaft sah er hinein und fuhr eben so schnell zurück, — wieder das feindliche Gesicht!
Und dann machte er es anders. Er trat hinter den Spiegel, er ließ eine längere Pause vergehen; der Bursche da drinnen sollte offenbar denken, daß jetzt niemand mehr in der Nähe sei. Ein Lächeln des Triumphes flog über die wulstigen Lippen; plötzlich wie der Blitz sah er wieder hinein, noch dazu mit schadenfroh hervorgestreckter Zunge. —
Aber was war das? Vor Schreck und Furcht blieb er zum Ergötzen der Weißen in seiner einmal angenommenen Stellung unbeweglich stehen. Im Haar, triefend von Thran, den gelben Ocker, Nase und Kinn feuerrot, am ganzen Körper streifenweise rot und weiß beschmiert, den einen Fuß unternehmend vorgestreckt, die Zunge lang heraushängend, so sah er zornfunkelnden Auges in das Glas. Jener andere unterstand sich, die Herausforderung zu erwidern; ja mehr noch, er äffte ihn; er machte ihm alles nach, selbst die kleinste Bewegung.
Das sollte er bereuen. Der Wilde legte den Spiegel platt auf den Felsen und führte mit einem Ruder, welches sich in der Nähe befand, einen so wuchtigen Hieb, daß nun nach seiner Berechnung der feindliche Schädel in Stücke zerschmettert war; dann trat er herzu, um mit der Miene befriedigter Rache die Splitter noch ein paarmal zu treffen, besonders einen, welcher der Vernichtung bis auf die Größe eines halben Groschens entronnen war. Er hob das Stückchen vom Boden und brachte es nahe ans Gesicht — wieder der spukhafte Gegner!
Das ging denn doch über den Spaß. Die verhängnisvolle Scherbe mit einem einzigen Ruck weit hinaus schleudernd in das Meer, floh er hasengleich zurück zum Walde und verschwand zwischen den Bäumen auf Nimmerwiedersehn. Wahrscheinlich erfreute sich dieser Tapfere bei seinem Stamme eines besonders hohen Ansehens, denn nachdem er in der bezeichneten Weise das Signal gegeben, rannten ihm alle wie die Schafe dem Leithammel nach, so schnell sie konnten, bis kein einziger mehr zu erblicken war. Die Weißen riefen und pfiffen, um sich noch länger mit den Naturkindern zu unterhalten; aber es nützte alles nichts; der Strand war und blieb ausgestorben.
Man häufte noch einige alte Waffen, Eisengeräte und Ketten als Abschiedsgeschenke an sicherer Stelle auf, und dann wurde die kleine Insel umfahren, späterhin aber der Besuch bei den Echaus sehr abgekürzt, weil sich dort in bezug auf Land und Leute gegenüber der anderen Inselhälfte durchaus nichts Neues ergab. Hier wälzte sich ein breiter Fluß vom Walde her bis in den Ozean; die Gelegenheit, das Innere kennen zu lernen, war also günstiger als vorhin im Lande der Makadamas. Unsere Freunde bestiegen das große Boot und ruderten, vom schönsten Südwind getrieben, langsam stromauf in den schweigenden Wald hinein. Der Matrose, welcher sich als Taucher schon in der Bucht von Celebes bewährt hatte, war samt dem Apparat mitgenommen worden, und Holm freute sich auf neue Tiefseegeschöpfe, vorher aber mußte man den Grund kennen lernen, um zu erfahren, ob er auch nicht etwa verschlammt sei. Das Patentlot glitt in die Tiefe hinab und brachte günstigen Bescheid; etwa acht Meter Wasser und fester Kiesboden; außerdem offenbar Korallenbildungen, — besser konnte es gar nicht sein.
„Wir wollen zweimal nachsuchen,“ rief der Matrose, „erst hier, wo noch das Wasser salzhaltig ist, und später mitten in der Insel. Zwischen den Korallenstöcken am Strande sitzen gewöhnlich die großen schönen Muscheln.“
Holm sah bedenklich über das Meer hinaus. „Aber die Haie!“ warnte er.
„Bah, die kommen nicht so nahe an die Grenze des süßen Wassers. Wir sind schon über hundert Schritt in den Fluß hinein. Nebenbei bemerkt man auch ein solches Ungeheuer zeitig genug.“
Die Rüstung wurde also angelegt und der moderne Ritter über Bord gelassen. Die Wellen zogen große Kreise, der Apparat that seine Schuldigkeit und schon nach wenigen Minuten kam das Zeichen zum Hinaufziehen. Eine Sammlung wundervoller Pflanzentiere gelangte in das Boot, vielverzweigte, braune Stämme mit goldgelben Blumen und zarten Rosarändern, Geschöpfe, die in der Naturgeschichte zwischen Korallen und Quallen stehen, außerdem Schwämme wie feines gesponnenes Glas, große Seltenheiten in den Museen, und wieder andere wie riesige Handschuhe, andere wie Blumenkörbe; — Holm hätte vor Vergnügen gern einen Luftsprung gemacht, wenn nur ein Boot auf hohen Wellen dazu der geeignete Schauplatz gewesen wäre. „Da unten sind wahre Unmassen,“ berichtete der Matrose, „ich kann Ihnen ganze Säcke voll heraufschaffen. Und dieses Getier, diese Spinnen, Krabben, Würmer, Schnecken! — jeder Punkt hat seinen Bewohner. Nur die Algen sind ganz dieselben von der Celebessee.“
Er wurde wieder hinabgelassen, die jungen Leute bewunderten und sortierten emsig das nasse Durcheinander auf den Brettern; besonders der Schwamm wie eine Blume aus Glasfäden erregte ungeteilten Beifall; Holm erzählte eben, daß ihn die Frauen der Südseeinseln als Kopfputz tragen, da wurde plötzlich von unten her das Signal zum Heraufziehen gegeben, aber so hastig, so wiederholt, daß der Eindruck des Außergewöhnlichen, des Erschreckens sich im selben Augenblick bei allen Anwesenden geltend machte.
„Großer Gott,“ rief Holm, „wenn es ein Hai wäre!“
Alle Arme spannten sich an die Taue, alle zogen mit der Kraft der Angst, — wie ein Ball hätte nach ihrer Berechnung der Taucher an die Oberfläche gelangen müssen, — aber dennoch rührte sich da unten nichts, dennoch hing es bleischwer in der Tiefe und schien aller Bemühungen der Matrosen zu spotten. Wieder und wieder kam aus dem Wasser das Signal.
Kalter Schweiß stand auf Holms Stirn. Hatte etwa ein Hai den Unglücklichen gepackt, und hing er selbst mit seiner ganzen Schwere an dem nur für einen Menschen berechneten Seile?
„Zieht! Zieht!“ rief er mit erstickter Stimme. „Um Gottes willen, thut euer Möglichstes, den Mann zu retten!“
Diesmal hingen sich sogar der Doktor und Hans mit an die Taue, alle Hände bluteten, alle Muskeln spannten sich auf das äußerste, langsam, ganz langsam wurde die Last heraufgehoben. Unheimliche Stille lag auf dem ganzen kleinen Kreise; es schien, als fürchte jeder, den entsetzlichen Vermutungen, welche er hegte, durch Worte Ausdruck zu verleihen. Was würde man binnen wenigen Minuten vielleicht sehen, was zog man Unheimliches, Vielhundertpfündiges da aus dem verborgenen Schoße des Meeres hervor?
Jetzt, jetzt mußte es kommen.
Über dem Wasser erschien der Kopf des Tauchers, die Rüstung war unversehrt, aber als der Mann emporsah, sprachen aus seinem blassen Gesicht Furcht und Verwirrung. — Ein Ruck noch, dann zeigte sich aller Augen das Geschehene.
Um den Körper des Tauchers hatte sich von hinten her eine der größten Quallen, eine Sepie mit vier furchtbaren Armen festgeklammert. Diese letzteren, anderthalb Meter lang und von der Dicke eines starken Ofenrohres, besaßen einen gemeinsamen Mittelpunkt, den mißgestalten Körper, an welchem der befranste, unförmliche Mund ohne Kopf zwischen den Vorderarmen saß und immerwährend mit den Fühlern nach einer offenen Stelle zum Saugen tastete. Offenbar hatte das Ungeheuer der Tiefe den Mann so fest umfaßt, daß ihm der Atem auszugehen drohte; wenigstens schien er beinahe leblos.
Die Sepie ließ auch außerhalb des Wassers nicht von ihrem Opfer; sie mußte aus stärkerem Stoff sein, als ihre kleinen Verwandten; die Axthiebe, welche jetzt Rumpf und Arme trennten, trafen auf eine ziemlich widerstandsfähige Masse, die mehr zähe als fest war und unglaublich viele Saughaken besaß.
Das alles ging zauberschnell, ohne Worte oder Befehle, ohne irgend welche Hindernisse von statten. Die Rüstung wurde abgestreift, der Körper des Scheusals am Rumpf zerschnitten und der Taucher von allen beengenden Einflüssen frei gemacht. Nachdem man ihn gerieben, gewalkt und ihm etwas Rum eingeflößt, kam er langsam wieder zu sich. Ihm war außer der erlittenen Todesangst kein weiterer Schaden geschehen. Erst jetzt wandte sich die Aufmerksamkeit der Reisegefährten dem Untier zu, Franz legte die einzelnen Glieder wieder aneinander, und Holm maß die stattliche Länge von drei und einem halben Meter, wobei jedoch der Matrose versicherte, daß er die häßlichen Geschöpfe schon doppelt so groß gesehen. Er erzählte nun auch, wie sich der Polyp ihm von hinten unbemerkt genähert und ihn umfaßt habe, als wolle er ihm alle Rippen zerbrechen. „Ich versuchte es, den ersten Arm abzulösen,“ sagte er, „aber das war unmöglich; im Gegenteil faßten drei andere nach, und nun ging mir der Atem aus. Was geschehen ist, nachdem ich ein paarmal das Zeichen zum Aufziehen gegeben, kann ich mich nicht mehr erinnern, jedenfalls aber hat mich die Rüstung vor dem sichern Tode geschützt. Diese Saugapparate lassen gutwillig nichts, was sie einmal erfaßt haben, wieder los.“