S. 234.

Die Schakalhöhle auf Ceylon.
„— brausend wie ein entfesselter Strom ergoß sich das rote Heer.“

Holm schoß immer noch in den Spalt, bis zuletzt auch die alten Weibchen der Schakale mit ihrer Nachkommenschaft sich zur Flucht entschlossen. Ganz junge Tierchen, kaum so groß wie ein neugeborener Pudel, noch unsicher gehend, aber doch mit Raubtierblicken um sich schauend, folgten den fliehenden Müttern, und eben darauf hatten die Singhalesen gewartet. Sie umringten zu vier oder sechs ein solches kleines Füchschen und ergriffen es trotz seines ängstlichen Sträubens, keineswegs aber ohne eigene Leibesgefahr. Die Weibchen gerieten in Wut, als sie die Not ihrer Kleinen sahen und wandten sich angreifend gegen die Singhalesen, welche indessen den Kampf mit diesen Tieren schon aus Erfahrung kannten und auf Gegenwehr von seiten der Mütter gefaßt waren.

Fünf oder sechs Spieße bohrten sich in den hundeähnlichen rot- und graubehaarten Körper des Schakals, sobald er zum Sprunge ansetzte, um den Räuber seines Kindes mit den Zähnen zu packen, zuweilen freilich nicht früh genug, nicht ehe das scharfe Gebiß die nackten Lenden der Männer erfaßt und furchtbar zerfleischt hatte, immer aber so rechtzeitig, daß das erbeutete Junge von anderen, die im Augenblick herzueilten, in Sicherheit gebracht werden konnte. Nachdem auf diese Weise sechs kleine Schakale gefangen waren, befahl Tippoo, die Jagd einzustellen, d. h. nur noch zu erlegen, was nahe genug kam, aber keine Jungen mehr zu ergreifen.

Franz und Rua-Roa schossen unaufhörlich den Fliehenden nach, wenigstens fünfzehn bis zwanzig tote Schakale lagen auf der Walstatt, ebenso viele und noch mehr schleppten sich mit Wunden bedeckt davon, um in den nächsten Gebüschen zu verenden, und wieder andere wanden sich im Todeskampfe zwischen den Dorfhütten. Negerinnen, Kinder und Geflügel waren, um die Wette schreiend und kreischend, entflohen, die Luft ringsumher von Pulverdampf erfüllt und der Boden schlüpfrig vom vergossenen Blut, unter den Bäumen verbanden die Singhalesen so gut sie konnten ihre zum Teil recht bedeutenden Wunden, und vom Spalt her näherten sich die drei, welche dort postiert gewesen, dem eigentlichen Kampfplatz.

Franz und der Malagasche hatten jeder mehrere von den großen Männchen erschossen; sie bedauerten lebhaft, daß es anstatt der wertlosen Schakale nicht lieber Leoparden gewesen; so hätten sie doch wenigstens die Felle als Siegeszeichen aufbewahren können; — mit den fuchsähnlichen, fahlgelben, rötlichen oder grauschwarzen groben Pelzen war eben gar nichts anzufangen, dennoch aber glühte die Jagdfreude in den beiden hübschen Gesichtern und einstimmig wurde beschlossen, ein Pärchen der jungen Tiere dem Singhalesen abzukaufen und nach Hamburg zu schicken.

Tippoo trieb zum Aufbruch. „Die schwarzen Hunde haben das alles mit angesehen,“ versicherte er, „sie wissen nun, was ihrer harrt.“

„Glaubst du denn ganz bestimmt, daß wir noch angegriffen werden, Häuptling?“

Der Singhalese nickte. „Warum wären sonst die Männer fortgegangen? — Überhaupt leben seit Jahr und Tag die Veddas mit meinem Volk im Krieg; wir erschlagen sie, wo wir ihnen begegnen.“

Holm unterdrückte einen Seufzer. Dieser Kampf mit vernunftlosen Wilden war ihm unerwünscht; er wollte weder die armen, vertierten Geschöpfe in ihrer Existenz bedrohen, noch sich und den Seinen von ihnen Schaden zufügen lassen; aber dergleichen Empfindungen hätte der braune Häuptling durchaus nicht verstanden, es war also besser, sie in sich zu verschließen und dem Unabwendbaren so gefaßt als möglich entgegen zu gehen.

Er wußte, daß dieses Volk die Wurfspieße nicht vergiftete, und vertraute darauf, daß die Feuerwaffen den Sieg bringen mußten; er beruhigte sich also mehr und mehr und vermochte das unbehagliche Gefühl, welches ihn überschlichen hatte, den Knaben gänzlich zu verbergen.

Während des ganzen Tages herrschte drückende Hitze, die sich gegen Abend in einem Gewitter entlud. Der Häuptling hatte auf kürzestem Wege eine ihm bekannte Stelle erreicht, wo sich Felspässe in- und durcheinander schoben, hier eine glatte Mauer den Pfad versperrte, dort eine Höhle das Nachtdunkel ihrer weiten Öffnung den Wanderern unheimlich darbot. Er lächelte grimmig, als im Dämmerlicht des scheidenden Tages die wildromantische Gegend vor seinen Blicken auftauchte. „Das ist Singhalesengebiet,“ sagte er, „die Schwarzen kennen es vielleicht gar nicht, aber auch selbst wenn sie bereits hier waren, fehlt ihnen doch jedenfalls nähere Kundschaft über die Örtlichkeit. Sie sollen alle mit dem Tode zahlen.“

Er ordnete nun, den Oberbefehl wie selbstverständlich an sich nehmend, zunächst an, daß keine Zelte oder Hängematten aufgeschlagen würden, daß auch kein Feuer brenne, vielmehr jeder einzelne Mann, so gut er es vermöge, mit Waffen und Kleidern auf dem nackten Erdboden schlafen und mit kalter Kost fürlieb nehmen solle. „Unserer sind alles in allem vierzig,“ setzte er hinzu, „der Schwarzen aber vielleicht zweihundert, es ist daher Vorsicht durchaus geboten. Komm, Herr, ich will dir zeigen, wie die Schmutzgesellen in die Falle laufen sollen.“

Er ließ zwei mit Fackeln aus einer Art wohlriechendem Harz versehene Sklaven vorangehen und folgte mit dem jungen Gelehrten in die Höhle, unter deren natürlichem Vorsprung man sich gelagert hatte. Wechselnde Lichter und Schatten trafen eine hohe, gewölbte Decke, Schlangen huschten an den Wänden hin, und Eidechsen schlüpften über das Gestein. Nachtschmetterlinge umflatterten neugierig das ungewohnte, helle Licht, große Eulen streiften schweren Flügelschlages die Köpfe der Wanderer, und Fledermäuse schwirrten nach allen Seiten durch die Luft.

Rechts im Hintergrunde dieser weitgedehnten Höhle zweigte sich ein enger Weg ab, den nur wenige Menschen zugleich betreten konnten. Vorspringende Felsstücke verdeckten ihn dem Auge; — wer nicht wußte, daß hier ein Pfad hinausführte in den Wald, der mochte tagelang suchen, ehe er ihn fand. Anderseits brauchte nur an der rechten Stelle einer dieser umherliegenden Blöcke etwas verschoben zu werden, und der enge Durchgang existierte nicht mehr.

Tippoo stand still; sein Auge glänzte, seine ganze Haltung war straffer geworden. Er deutete mit der Rechten zum anderen Ausgang. „Dort denken uns die feigen, schwarzen Hundesöhne zu überfallen und uns trotz der Feuergewehre durch ihre Mehrzahl zu erdrücken,“ sagte er. „Weißt du, was ihnen dafür zu teil werden soll? Wir flüchten in die Höhle hinein bis an diesen Seitenpfad und locken im Dunkel die Verfolger nach, während uns selbst der Engpaß sicher hinausführt. Sie kennen die Felsen nicht, sie drängen ungestüm vorwärts und wähnen, daß ihre List uns sämtlich in die Falle gelockt hat, — unterdessen aber sind wir schon auf Umwegen wieder hier, gedeckt durch die großen Blöcke; wir haben das Wild schußgerecht in der Höhle, aus der es kein Entrinnen gibt. Ihr feuert, feuert, bis es drinnen still wird, bis kein Angstschrei mehr die Luft zerreißt, — Schakale oder Neger, das ist gleichviel; heute morgen bei der Jagd auf die roten Räuber dachte ich an diese Felsen; — es soll kein Schwarzer entkommen; noch nachgeborne Geschlechter sollen mit Staunen von der Heldenthat Tippoos sprechen, — die Singhalesen werden ihre Hände baden in dem Blute der schlechten Veddas.“

Als er seine Rede beendet hatte, winkte der Häuptling den Sklaven wieder umzukehren. „Ihr Weißen bleibt zwischen den Felsspalten vorn am Ausgang der Höhle versteckt,“ sagte er. „Meine Leute und ich, wir locken die Schwarzen hinein. Erst wenn ihr mich rufen hört, gebt ihr Feuer.“

Holm nickte stumm. Er hielt es für unnötig, jetzt dem braunen Halbwilden zu widersprechen, aber dennoch stand der Entschluß, das beabsichtigte Blutbad um jeden Preis zu hintertreiben, in ihm vollkommen fest. Das „Wie“ mußte der Augenblick entscheiden.

Die Fackeln erloschen; im letzten Tagesschein wurde gegessen und getrunken und dann die Ruhe gesucht. Von den Negern war weit und breit keine Spur zu sehen.

Der Donner krachte, Blitze durchzuckten die dunkle Luft, ganze Fluten warmen Regens ergossen sich. Es hätte den unter dem natürlichen Wetterdach Gelagerten ganz behaglich zu Mute sein können, wäre nur nicht der Gedanke an die Schwarzen immer wieder als Störenfried in den Vordergrund getreten. Aber wer konnte denn behaupten, daß sie wirklich in der Nähe waren?

Eintönig rauschte es herab, und eintönig sang in den Laubkronen der Wind; man schloß die Augen, um sich vom Blitz nicht blenden zu lassen; man lebte seinen eigenen Gedanken und spann sich hinein in Traumfäden, die halb Wirklichkeit, halb Phantasiegebilde waren. Stunden vergingen, die Weißen schliefen, draußen am Eingang aber wachten und spähten die Singhalesen.

Tippoo war der Vorderste. Sein Gesicht lag auf dem Arm, er horchte! und als wieder der schwefelgelbe Schein aus den Wolken herabschoß, tauchte sein Blick bis tief in den gegenüberliegenden Waldesschatten. Nein, nein, er hat sich nicht geirrt, dort unter den Bäumen regte es Hunderte von schwarzen Gliedern; es drang im Schutz der Dunkelheit langsam vor, — jetzt waren sie da, die Veddas, die Verhaßten.

Seine Hand glitt über die Gesichter der Weißen, seine Lippen berührten fast ihre Ohren. „Auf! auf! — Seid still, wenn euch euer Leben lieb ist!“

Holm hatte sich am schnellsten aufgerafft. „Häuptling,“ sagte er, „bleib bei uns. Laß deine Leute die Schwarzen hierher locken und dann habe ich dir einen Vorschlag zu machen.“

„Welchen?“ fragte hastig der Singhalese.

„Davon später,“ entschied Holm. — „Ach, sie kommen!“

Wie eine Herde brüllender Teufel stürzten sich die Schwarzen in den Felspfad, welcher zur Höhle führte. Während die bei weitem größere Hälfte der Singhalesen versteckt blieb, entfloh die kleinere auf des Häuptlings Anordnung in das Innere den Negern voran, so daß diese bei dem Schein des Blitzes die weißen Gestalten verschwinden sahen und ihnen mit dem Geheul des höchsten Triumphes nachsetzten. Sie wußten ja, wie sehr ihre Anzahl den Gegnern überlegen war.

Dunkle Massen wälzten sich bergauf, die Höhle konnte viele Hunderte von Menschen fassen; mehr und immer mehr nackte schwarze Körper drängten nach, nun mußten alle im Innern des Berges sein, sie schrieen und jauchzten, heulten und brüllten wie Wahnwitzige.

Jetzt glaubte ihr Unverstand die Singhalesen wehrlos und zitternd im finsteren Winkel zusammengepfropft, jetzt hielten sie sich für die Herren des Schlachtfeldes und begannen ihren Siegestanz, noch ehe ein Tropfen Blut geflossen war. Nahe vor dem Versteck der Weißen am Ausgang der Höhle trieben sie ihre unsinnigen Sprünge, kreischten und warfen die Arme in die Luft, hüpften wie Tollhäusler auf einem Beine hin und her. —

Holms Rechte legte sich mit festem Griff um den Arm des Häuptlings. „Tippoo,“ sagte er leise, „willst du Geld verdienen? — viel Geld?“

Das Wort hatte für den schlauen Gelben einen wahren Zauberklang. „Womit?“ fragte er kaum hörbar, atemlos vor Begier, „womit, Herr?“

„Indem du deinen Leuten befiehlst, sich einzeln, verstohlen aus dem Bereich dieser rasenden Teufel zu schleichen und uns in einiger Entfernung an einer bestimmten Stelle zu treffen, Häuptling. Wir fliehen voraus, — dann haben die Neger im Dunkel unsere Spur verloren. Ich will kein Blutvergießen, Tippoo, hörst du, ich will es nicht. Fünfhundert Rupien sind dein, wenn du thust, was ich verlange.“

Der Häuptling kämpfte einen schweren Kampf zwischen Ehrgeiz und Habsucht. Fünfhundert Rupien waren eine große Summe, aber dennoch, dennoch, — die Veddas besiegt zu haben, galt noch mehr.

„Herr,“ ächzte er unschlüssig, „wenn uns die Schwarzen verfolgen und finden sollten, wäre der Ausgang unsicher, hier dagegen haben wir den Sieg in Händen.“

Er sprach noch, als plötzlich bei dem Schein eines Blitzes ein völlig unerwarteter Anblick sich zeigte und der ganzen Sachlage ein verändertes Antlitz gab. Drinnen in der Schlucht tobte der Höllenlärm der siegestrunkenen Schar, und draußen vor derselben, den Versteckten so nahe als den Schwarzen, funkelten glühende Katzenaugen durch die Nacht, dehnten sich scheckige Glieder und lechzten blutrote Zungen. Zwei große Leoparden streiften mit ihrem heißen Atem die Stirnen der Weißen. — —

„Tippoo, ich beschwöre dich, gib nach! An diesen Wächtern vorüber können uns die Neger nicht schnell genug verfolgen.“

Der Singhalese schwankte nicht länger. Ein paar Worte, seinem nächsten Sklaven zugeraunt, genügten, diesen zu verständigen; der Mann verschwand schattengleich und ebenso schnell huschten die übrigen den Weg durch die Felsen voran in den Wald hinab. Zwei Minuten später hielt das Dunkel unter den Bäumen die ganze kleine Gesellschaft in seinem Schutz, während die Singhalesen, immer einer nach dem anderen, laufend folgten. Als der letzte zu den Seinigen gestoßen war, verwandelte sich da oben im Berge das satanische Triumphgeheul in die Laute des höchsten Erschreckens. Wahrscheinlich hatten die Leoparden einen plötzlichen Angriff ausgeführt.

Tippoo seufzte. „Schade,“ sagte er, „schade, die Gelegenheit war so günstig.“

„Auf,“ ermahnte Holm, „auf Häuptling, wir müssen eilen.“

Der ganze Zug setzte sich in Bewegung, erst langsam, des tiefen Dunkels wegen, dann, als dichte Gebüsche den Rückweg deckten, im Schein von dreißig Fackeln so schnell als nur möglich. Gegen Morgen war jede Gefahr, welche von seiten der Schwarzen gedroht hatte, geschwunden.

„Ich möchte ihr Erstaunen gesehen haben,“ lachte Franz. „Wie sie wohl suchten und suchten und sich hundertmal an allen Felsecken stießen, gewiß glauben sie jetzt an Zauberei.“

„Natürlich. Da sie fast niemals Weiße sehen, halten sie dieselben ohnehin für Wesen, die mit den bösen Mächten in Verbindung stehen. Eins weiß ich gewiß, daß sie nämlich jetzt wie gehetzte Hasen in ihr Dorf zurückflüchten. Schade, schade, wir hätten einen ganzen Stamm ausrotten können.“

Holm lächelte und nickte mit den Augen dem Doktor, der eben seiner höchsten Entrüstung Worte geben wollte. „Du sollst es nicht bereuen, dich unseren Wünschen gefügt zu haben, Häuptling,“ sagte er, „wir werden dir den versprochenen Lohn unverkürzt auszahlen und außerdem auch noch einen anderweitigen für deinen Geldbeutel sehr ersprießlichen Vorschlag machen. Freilich im Augenblick ist uns nichts so nötig als Schlaf.“

Das erkannten alle, und im Schatten hoher Tamarinden und Arekapalmen, eingesungen vom Chor der buntgefiederten Waldbewohner, schlummerten sie diesmal dem Sonnenaufgang entgegen, obwohl freilich aus den regenschweren Zweigen bei jedem Windstoß ganze Schauer von Tropfen herabrauschten und stellenweise alle Kleider durchnäßten. Das konnte nicht nachteilig sein, Luft und Wasser waren warm, der Wind schaukelte die Hängematten wie auf hoher See, die Gefahr lag hinter den kecken Abenteurern, — sie schliefen bis Mittag, während die Singhalesen längst ein Feuer mit vieler Mühe entzündet hatten und daran ihre durchnäßten Kleider trockneten.

Nach einem erfrischenden Bade wurde die Reise fortgesetzt und das Dorf auf den Bäumen in einigen Tagen glücklich wieder erreicht. Hier kam nun Holms Vorschlag zur Sprache. Er wollte die beiden Matrosen, welche unterdessen eine wahre Küchenrevolution unter den Frauen veranlaßt hatten, in Begleitung einiger Sklaven zum Schiff zurückschicken und den Kapitän auffordern, ohne seine flüchtigen Passagiere nach dem Hafen von Galle zu steuern und dieselben erst da wieder an Bord zu nehmen. „Du, Freund Tippoo,“ setzte er hinzu, „bringst uns mit einem guten Gefolge nach diesem Hafenplatz und bekommst dort dein Geld. Ich möchte einmal mit eigenen Augen sehen, wie sich auf einer und derselben Insel Schritt um Schritt die tiefste Vertiertheit des Menschengeschlechts in europäische Kultur verwandelt. Bist du einverstanden, Tippoo?“

Der Singhalese nickte, und so machten sich denn die beiden Teerjacken in Begleitung mehrerer Sklaven, schmerzlich betrauert von der weiblichen Bewohnerschaft des Dorfes, an einem schönen Morgen auf den Weg, während die Herren mit dem Häuptling und einer Schar dienstbarer Geister den Marsch in der Richtung auf Galle antraten. Madame Tippoo und ihre Kleinen hatten reichliche Geschenke erhalten; von dem ganzen sauberen, gastlichen Dorfe ward ein freundschaftlicher Abschied genommen, und sowohl Schakale als auch die jungen, inzwischen tüchtig herangewachsenen Tiger und ein wildes Pfauenpärchen in Käfigen von Bambusgeflecht den Sklaven auf den Rücken geschnallt. Allen denen übrigens, die den Zug zu den Veddas mitgemacht, verabreichten Holm und der Doktor ein anständiges Geschenk, — Tippoo erlaubte gnädigst, daß sie es annehmen durften.

Und so wurde von Dorf zu Dorf der Weg durch das paradiesisch schöne Land zurückgelegt; erst einzeln, dann immer zahlreicher erhoben sich aus dem Grün der Wälder die stattlichen Kaffee- und Zimtpflanzungen; es erschienen Wirtshäuser, europäische Speisen, weiße Menschen und endlich zwischen Kolombo und Galle schaukelnd im gemächlichen Trott des Viergespanns ein Omnibus. Die Knaben wollten sich bei diesem Anblick ausschütten vor Lachen. Da wo sie noch so kürzlich mit Tigern und wilden Menschen gekämpft, ein Omnibus wie auf dem Pflaster von Hamburg! — Sie rasteten nicht, bis das Gefährt in Beschlag genommen war, und bis Weiße und Wilde, Raubtiere und kreischende Pfauen sehr zum Erstaunen der Bewohner von Galle auf dem Vierspänner dahergerasselt kamen.

Vorüber an Häusern ohne Fensterscheiben und feste Dächer, vorüber an Menschen von allen Farben, Negern, Chinesen, Weißen, Indoarabern, Malabaren und Singhalesen, bis hinaus zum Hafen. Da lag schon die „Hammonia“ vor Anker, da begrüßte Papa Witt mit ein paar tüchtigen Böllerschüssen die Ausreißer, da fanden sich Briefe von Hamburg und da dehnte man so recht nach Herzenslust die Glieder in bequemen Betten wieder aus.

Tippoo wurde von dem Kapitän mit allen Ehren empfangen. Man gab ihm auf dem Schiffe ein Gastmahl, an dem die Offiziere aller im Hafen liegenden hamburgischen Fahrzeuge teilnahmen. Er aß auch bei dieser Gelegenheit keinen Braten und trank keinen Wein, aber man sah, wie sich sein Häuptlingsstolz geschmeichelt fühlte, wie er erhobenen Hauptes durch die Straßen ging, als wolle er sagen: „Seht, ich bin der, dem zu Ehren die Weißen ein rauschendes Fest veranstalteten.“

Nach einem herzlichen, beinahe innigen Abschied von dem Manne, der auf einem Baum wie ein Vogel wohnte, der ein Wilder war und doch ein so redliches, ehrenhaftes Herz besaß, nachdem Tiere und Briefe mit dem Postdampfer abgesandt und die Haufen von Blumen, Pflanzen, Insekten und Strandgeschöpfen, welche man gesammelt, erst vorläufig untergebracht waren, lichtete das Schiff die Anker und steuerte den Sundainseln zu.

Neuntes Kapitel.

„Kapitän,“ meinte Holm eines Morgens, während der Dampfer den Sundainseln zusteuerte, „Kapitän, ich hätte Ihnen einen Vorschlag zu machen.“

„So lassen Sie hören, mein Bester.“

„Ich möchte, ehe wir später nach Australien gehen, noch — bis zur südlichen Barriere vordringen.“

„Daß dich!“ rief voll Erstaunen der Alte. „Weiter nichts?“

„Nein Kapitän, weiter nichts. Das Geheimnis des Südpols mag immerhin noch unentdeckt bleiben, aber bis an das Packeis wollte ich doch gern kommen. Wir brauchen auch die Tiefseegeschöpfe der kalten Regionen, wir möchten Walfische und Robben, Eisberge und die Brandung der unzugänglichen Macdonaldinseln kennen lernen. Ein paar Monate werden es ja thun.“

„Gewiß,“ nickte der Kapitän. „Kleine tausend Meilen, was will das sagen?“

Alles lachte. Daß sich aber der gutmütige Führer dieser Expedition nicht sträuben würde, die allen Seeleuten so außerordentlich unliebsame Tour nach dem Südpolarkreise wirklich zu unternehmen, wußten sie trotzdem. Die Knaben entwarfen bereits lange Listen solcher Gegenstände, welche für die Tage des Frostes und Schneefalles unerläßlich waren, nämlich große Mäntel aus Schaffellen, Pelzstiefel und Pelzmützen, Fußdecken und ein Käfig für die beiden Affen, denen das Spiel im Tauwerk doch leicht zu ungemütlich werden könnte. Das alles sollte in der nächsten Hafenstadt gekauft werden, ebenso Harpunen und solche Vorräte, die durch außerordentlich hohe Kältegrade nicht leiden. „Es muß köstlich sein, einmal wieder nach Herzenslust zu frieren,“ meinte Franz. „Wenn ich Schnee fallen sehe, dann — könnte es mich überrumpeln wie Heimweh.“

„Nicht wahr, zu Hause ist’s doch am besten?“

„Möchtest du denn immer auf Reisen bleiben, immer fremd am fremden Orte, ohne eine Heimstätte, die dir gehört, Karl?“

„Gewiß nicht, mein lieber Junge. Andere Gegenden haben vielleicht hohe Reize, aber die Heimat hat doch den höchsten. Für den Grönländer sowohl wie für den Tropenbewohner.“

„Ob man sich aber nicht wieder hinaus sehnen wird in die bunte Ferne, Karl, ob man, nachdem an Auge und Geist die Schönheit aller Länder vorübergezogen, noch wieder ruhig in Hamburg im engen Kontor sitzen und — Profit und Schaden gegen einander abwägen kann?“

Holm lächelte. „Ich hoffe es,“ antwortete er nur.

Damit war die Unterhaltung beendet, namentlich weil man mit dem Schleppnetz fischen und die Tiefe untersuchen wollte. Was an bereits eingefangenen Krebsen und genießbaren Flossenträgern mit herauf kam, das wanderte in die Küche, alles andere dagegen wurde präpariert und verpackt, die Würmer, Schnecken, Quallen und die hübschen Anemonen, ebenso einige seltene Fische und einmal sogar eine kleine Wasserschildkröte, deren Art Holm völlig unbekannt war.

So zog die „Hammonia“ wochenlang durch den blauen Indischen Ozean dahin, erst südlich von Sumatra, dann längs der Küste von Java nach Norden.

Als der Hafen von Surabaja nach glücklicher Fahrt erreicht war, wurden Pferde gemietet und unter Begleitung von Malaien die neue Reise angetreten. Da hier die Eingebornen an den Verkehr mit Europäern vollständig gewöhnt und nirgends mehr wild waren, so gestaltete sich alles leichter, obwohl freilich Kapitän und Steuermann den Ausziehenden rieten, vor dem treulosen, hinterlistigen Charakter der Malaien auf ihrer Hut zu sein. „Sie sind sämtlich falsch wie Galgenholz, die gelben Kerle,“ sagte Papa Witt. „Ihren Profit kennen sie wie Juden, und Gewissen haben sie nicht mehr, als ein schlitzäugiger Chinese, — nun hüten Sie sich vor Schaden.“

Die Summe, welche der Anführer der kleinen Schar als Bezahlung empfangen sollte, wurde verabredet, ein Teil davon als Handgeld gegeben, und dann begann der Ritt durch weite Ebenen, in denen Reis, Mais, Indigo, Tabak und Baumwolle üppig gediehen. Alle diese Felder waren nett und sauber gehalten, die Wege gut im Stande, künstliche Kanäle hindurchgeleitet und von wilden Tieren keine Spur zu erblicken. Am interessantesten erschienen die Wohnhäuser der Malaien. Rund wie Bienenkörbe aus Bambus und einer anderthalb Meter langen Grasart, Alang-Alang genannt, künstlich geflochten, standen sie auf Pfählen 1¾ Meter hoch über dem Erdboden und waren ganz regelrecht von Zimmerleuten erbaut. Die Pfähle steckten in einer Entfernung von 1½ Meter im Boden und bildeten einen Kreis im Durchmesser von 10 Meter, während die Wand selbst vielleicht 3 Meter Höhe hatte. Das Dach wurde von drei Balken getragen und zeigte einen hübschen, wie eine Veranda gestalteten Vorbau, in dem jedesmal mehrere Vogelkäfige hingen, sowie ein eng bevölkerter Bienenkorb, dessen stachellose Insassen die Javanesen mit Wachs und Honig versorgen. Den Fußboden dieser nur für Verheiratete gebräuchlichen Wohnungen fanden die Reisenden in Ermangelung von Betten auf eigentümliche Art hergestellt. Zuerst grobe Feldsteine auf starken Bambusstäben, dann feinere Steine, endlich Kies und ganz oben gespaltene Bambusstäbe, die ihre platte Seite nach außen kehrten. Der Fußboden war also dicht und bequem, viel besser als ihn unsere Freunde irgendwo in den Dörfern der Eingebornen auf Ceylon bemerkt; auch befand sich des häufigen Regens wegen die Feuerstelle inmitten jeder Wohnung. Für Unverheiratete war ein größeres derartiges Haus, abgesondert von den übrigen, hergestellt.

Alle diese kleinen, gelben, beweglichen Menschen mit wenig schönen Gesichtern und struppigem, grobem Haar, schienen sorglos in den Tag hinein zu leben, ihre Arbeiten möglichst oberflächlich und träge zu bewerkstelligen und den Besuch der Fremden in ihren Dörfern sehr gern zu sehen. Von der zurückhaltenden Würde der Singhalesen, von ihrem religiösen Gefühl und ihrem Stolz war nichts zu entdecken, vielmehr boten alle, selbst die Kinder, den Weißen dieses oder jenes zum Kauf an, umdrängten sie und ließen nicht ab, bis ihr Besuch im Schauspielhause für denselben Abend zugesagt war. Die jungen Leute trauten ihren Ohren kaum. Ein Schauspiel unter den Wilden auf Java! Das übertraf allerdings die kühnsten Erwartungen. Mit gespanntem Interesse nahmen alle ihre Plätze in der großen, leicht und luftig erbauten, für die Wandertruppe auf dem Dorfmarkt errichteten Bude; die seltenen Gäste bezahlten hier zwar ihre Plätze verhältnismäßig höher als im teuersten europäischen Opernhause, aber dafür bot sich auch etwas nie Gesehenes, wobei nur die Gehörsnerven empfindlich litten. Die Musik war nämlich nichts mehr und nichts weniger als ein Höllenlärm, wobei der Ganelang (ein Glockenspiel) noch außerdem durch die beständige Wiederholung desselben Tones wahrhaft betäubend wirkte. Als das Schauspiel begann, jubelten und lachten, schrieen und jauchzten alle Zuschauer laut durch einander, so daß aus den Tönen rings umher ein Gewirr, Tosen und Brausen entstand, in dem jede Einzelheit verloren ging. Freilich hätten die Europäer ohnehin dem Gange des Stückes nicht folgen können, da ihnen das Verständnis der javanischen Sprache gänzlich fehlte, aber dennoch gehörte eine tüchtige Gesundheit dazu, um dies „Vergnügen“ ohne Schaden zu ertragen. Der Doktor klopfte auf Holms Schulter, seine Bewegungen sagten deutlich: „Ich bin einem Schlaganfalle nahe, lassen Sie mich hinaus!“ und Holm telegraphierte zurück: „Gehen Sie allein! ich stehe in der Brandung und werde aushalten.“

Dann verschwand der alte Herr, die Knaben stimmten mit der ganzen Heiterkeit ihres glücklichen Alters in den Jubel und Trubel mit ein, nur Rua-Roas Gesicht wurde länger und immer länger. Er begriff nicht, was da vorging, er hielt die Szene für Wirklichkeit und wollte durchaus einem von Panthern und Tigern verfolgten Eingebornen zu Hilfe eilen, was natürlich den Frohsinn der übrigen nicht weniger steigerte. Auf der Bühne wurde indessen der Spektakel immer ärger. Ein Held im vollsten einheimischen Putz, klirrend von Blech, Messing, Perlen und Schnallen, bunt von Malerei, mit grimmigen Gebärden und laut brüllendem Tone, besiegte alle möglichen Ungeheuer, während ein zitterndes, flüchtendes Mädchen bald auf die Kniee fiel, bald sang und einen sonderbaren Tanz vollführte; andere Gestalten flogen dazwischen, ein Zweikampf fand statt, wobei der Besiegte in wirklicher Wirklichkeit durchgebläuet wurde, und zuletzt schloß das Ganze mit einem Tanz, bei welchem die Schauspieler jeder nach seinem Belieben ohne Takt oder Ordnung nur wilde Sprünge und Lärm vollführten.

Als sich unsere Freunde draußen wiedersahen, als ihnen vom Lagerplatz her der Doktor mit teilnehmendem Gesicht entgegenkam, da lachten alle, daß ihnen die Seiten weh thaten. Einmal in einem Javanesentheater und nie wieder! Sie hatten sämtlich das Gefühl, als stehe eine Mühle, deren Rauschen und Dröhnen bis dahin ihre Nerven betäubt, jetzt plötzlich still.

„Kinder, genießt erst ein wenig,“ ermahnte der alte Herr, „die Nüchternheit der landesüblichen Speisen wird euer Blut bestens abkühlen. Reis ohne Fett oder Gewürz und ein trockener Fisch, das ist alles, was sich auftreiben ließ.“

Man erstand gegen teuren Preis von den Eingebornen dazu einige Kokosnüsse, und dann nach beendetem Mahle wurde die Nachtruhe gesucht. Franz und Holm lagen in der Nähe der offenen Thür auf ihrem Mattenlager, als plötzlich der Knabe die Schulter seines Lehrers berührte. „Du, Karl, ich bitte dich, hier fliegt alles, was anderswo auf vier Beinen läuft. Sieh doch einmal dorthin, ein Hund — große Frösche, alles segelt durch die Luft.“

Die beiden jungen Leute sahen vor ihren Augen ein Bild sich entrollen, das allerdings seltsam genug war. An den Zweigen hingen Tiere von nicht völlig einem halben Meter Länge und mit dunkelbraunem, dicht behaartem Körper, der in eine vollständige Hundeschnauze auslief. Hundeohren, Hundestirn und große gutmütige Hundeaugen, alles vereinte sich, um die Täuschung zu vollenden; erst der schwarze mantelartige Hutschirm über dem ganzen Körper, die Flugbreite von wenigstens 1¾ Meter verrieten die Fledermaus, deren riesigstes Exemplar, der Kalong oder fliegende Hund, hier massenhaft vorkam. Rechts und links schossen die großen Tiere durch die Luft, an allen Fruchtbäumen in den Gärten hingen ihre langen Krallen; kein Zweig, keine Sorte blieb unbenascht. Die sonderbaren Tiere mußten sehr friedlicher, zahmer Natur sein, da sie sich so in die unmittelbare Nähe der menschlichen Wohnungen wagten.

„Ob ich schieße?“ zögerte Holm. „Haben möchte ich ein solches Exemplar um jeden Preis, aber man weiß nicht, wie die Sache aufgenommen wird.“

„Hm, — im Freien darf man am Ende doch schießen.“

Nach kurzem Besinnen kletterte der junge Gelehrte zur Thür hinaus und wollte eben hinter einer Palme Posto fassen, als, wie aus dem Boden gewachsen, mehrere Eingeborne vor ihm standen. „Was wünschest du, Herr?“ hieß es.

Holm blieb ganz gelassen. „Einen Kalong zu schießen,“ versetzte er. „Weiter nichts.“

„Dann lege dich nur ruhig wieder schlafen, Herr. In allen Hütten leben zahme Kalongs, du kannst sie kaufen.“

„Desto besser. Gute Nacht, mein Freund!“

Und Holm schwang sich in die treppenlose Thür wieder hinein. „Siehst du,“ raunte er, „wir werden bewacht. Umsonst gibt es hier nichts, auch keine Jagdfreiheit, wie mir scheint; die Eingebornen betrachten uns wie ihre gute Beute.“

Er legte sich wieder hin, heimlich geärgert von den vielen, die Fruchtbäume nach Herzenslust plündernden Kalongs, die er nicht schießen durfte; endlich aber lachte er doch mit dem Knaben und zwar über die großen Frösche, welche zahlreich unter den Bäumen einher flogen. Zwischen den Zehen befand sich eine Haut, und der ganze Körper war zur dreifachen Größe aufgebläht; unten gelb, oben grün mit schwarzen Schwimmhäuten, segelte das unförmliche Geschöpf wie ein Pfeil durch die Luft, während eine kleine Eichhörnchenart lustig von einem Baume zum anderen hüpfte und sich die Nüsse schmecken ließ. Kleinere Fledermäuse schwirrten zu Tausenden umher.

Allmählich kam der Schlaf und verwischte im bunten Durcheinander des Traums die verschiedenen wechselnden Bilder dieses Tages; es ruhte sich bequem auf den weichen Matten, und unsere Freunde erwachten erst wieder, als die Sonne hoch am Himmel stand.

Jetzt überzeugte sich Holm von dem Vorhandensein zahlreicher gezähmter Kalongs; er kaufte daher vorerst noch keinen derselben, sondern beschloß diesen Handel bis zum Rückwege hinauszuschieben. Es galt heute, eine der Gifthöhlen Javas zu besehen. Während des ganzen Tages ritten die Weißen mit ihren Begleitern über schattenlose, meilenweit gedehnte Grasflächen, auf welchen ihnen Spuren von Rhinozerossen, Hirschen und Wildschweinen begegneten; dann kam eine dürre, felsige Gegend; himmelhohe Abhänge, grünbewachsene, von den wundervollsten, farbenprächtigsten Vögeln belebt, erhoben sich zu beiden Seiten des steinigen, abschüssigen Weges; Papageien, Pfauen, Turteltauben, der wilde Hahn, der Ziegenmelker, der Reisdieb, der Manuk Kasu, ein entzückend singender, kleiner Vogel, und endlich die Schwalbe, welche jene berühmten eßbaren Nester baut, alle flatterten und flogen, hüpften und standen unter den schönbelaubten Bäumen verschiedenster Art, inmitten zahlloser blühender Orchideen und anderer wuchernder Zierpflanzen. Die Krone von allen aber bildete der Königsparadiesvogel. Sechs Zoll lang, mit tiefpurpurnem Gefieder, einem breiten, grüngoldenen Querband auf den Flügeln, grünen Seiten, grüner Brustbinde und weißem Bauche, erschien er den Reisenden einigemale auf flüchtige Sekunden und in ziemlicher Entfernung, dann war er davongeflogen, ehe noch ein Schuß ihn ereilen konnte. Das Gefieder blitzte im Sonnenlichte wie mit Edelsteinen übersäet; besonders die spiralförmig gewundene Schwanzfeder war von überraschender Schönheit.

„Der Manukodiata,“ sagten die Eingebornen, deren Pfeile ebenso rasch und ebenso vergeblich angelegt wurden, wie die Gewehre der Weißen, „seine Federn machen hieb- und schußfest in allen Schlachten.“

Dadurch war denn das seltene Erscheinen des Vogels genügend erklärt. Wenn ihn die Eingebornen als Federbusch auf dem Kopfe tragen, so mußte wohl seine Ausrottung schnell genug von statten gehen. Die unschönen Weibchen zeigten sich häufiger. — Noch mehrere andere Spielarten derselben Gattung wurden wahrgenommen: der rote und der stolze Paradiesvogel, aber keine war zu erlangen; ebenso Schmetterlinge vom schönsten, prächtigsten Farbenspiel und der karmoisinrote Pirol. Weiterhin durch die Ebenen jagten stampfend Herden von wilden Stieren, hoch hinauf in das ewige Blau ragten die Felsgipfel und südlich kosende, von Blumendüften erfüllte Luft fächelte die Stirnen. Es war eine Erholung für alle Sinne, nach dem meilenweiten Ritt durch das Alanggras, jetzt in dieser wundervollen Umgebung Auge und Ohr schwelgen, die angespannten Kräfte träge ruhen zu lassen. Bisweilen wurde der Weg zwischen den hohen, oft von Staubbächen überrieselten Gebirgswänden so eng, daß die Pferde eins hinter dem andern gehen mußten; weicher Halbschatten, linde, wohlthuende Dämmerung lag dann auf der blühenden Landschaft. Häufig fanden sie an den Zweigen der Büsche jene seltsam gestaltete Gespenstschrecke, welche die dornfüßige genannt wird, und deren Vorkommen bis jetzt nur auf Java beobachtet wurde. Das mit stummelhaften Flügeln ausgerüstete Weibchen derselben wird bei einem Leibesdurchmesser von etwa einem Zentimeter gegen zweiunddreißig Zentimeter lang und besitzt eine braungraue Farbe. Den Kopf kann dieses Tier in eine tiefe Ausbeugung der vorgestreckten Vorderbeine legen und sieht dann in der Nähe einem dürren Aste zum Verwechseln ähnlich. Diese Ähnlichkeit des Tieres mit dem Orte, an welchem es sich aufzuhalten pflegt, findet sich bei den Kerbtieren nicht selten und ist als ein Schutzmittel zu betrachten, das die Natur auch diesen ihren Kindern verliehen hat, um sie vor den Augen der Feinde zu verbergen. Bei Nacht verzehren sie die Blätter des Unterholzes, bei Tage dagegen ruhen sie von ihrer nächtlichen Arbeit aus und können nur dann leicht erkannt werden, wenn sie vorwärts kriechen. Man hat die Gespenstschrecken auch wandernde Äste genannt. Holm war erfreut, diese seltene und seltsame Art vorzufinden, und da sich günstige Gelegenheit bot, wurden viele Exemplare derselben gesammelt, um teils trocken aufgespießt und mit Tabaksaft vergiftet, teils in Spiritus aufbewahrt zu werden. Die Vogelwelt war auf das reichste vertreten. Goldglänzende Pfauen schlugen ihr Rad, vom Nest lockte das Turteltäubchen und auf blumengeschmückten Ranken wiegte sich die buntgefiederte Schar. Ein kleiner, scheuer Hirsch, der Kantschil, erschien auf unnahbarer schwindelnder Klippe; ein Affe lugte aus verborgenem Schlupfwinkel hervor; vom Baume warf mit wütenden Gebärden der graue Manjet-Affe die reifen Früchte den Vorüberreitenden nach, und aus dem Felsspalt zischte die pantherartig gefleckte, wilde Katze. Überall reges Leben der Wildnis, überall Tiere und der Krieg des einen Geschöpfes gegen das andere; hier Termiten, die geschäftig bauten, dort das Schuppentier, welches die eben fertigen Wohnungen zerstörte und die kleinen braunrändigen Baumeister zu Hunderten verspeiste; dazu auf allen Bäumen, in allen Höhlen und Spalten Fledermäuse ohne Zahl. Der Blick irrte von Schönheit zu Schönheit, von Reiz zu Reiz, hier lagen ganze Beete blühender Orchideen, dort brauste ein Gebirgsbach durch die Schlucht; hier senkte sich das Thal zur tiefen dunklen Mulde, dort führte der Weg über zackige, scharf am Abgrunde dahingleitende Bahnen.

Hinauf, immer weiter hinauf in den rauschenden Hochwald, stundenweit empor, bis die Nacht kam und zum Ausruhen zwang. Affen in ganzen Scharen bevölkerten die Bäume, Stier und Nashorn brüllten in den Ebenen, Schlangen krochen durch das Gras, neugierige Eidechsen wagten sich ganz in die Nähe des Lagers, und schöne Stachelschweine wurden ohne viele Mühe eingefangen. Am nächsten Morgen ging es weiter, immer bergan, bis allmählich die Landschaft ihren Blütenglanz und ihr Tierleben verlor. Große Adler traten an Stelle der Pfauen und des Pirol, Bergziegen weideten das spärlicher gewordene Grün, und einmal erhob sich aus dem Gestrüpp fast vor den Füßen der Pferde ein großer Königstiger. Noch ehe einer der Männer schießen konnte, war er mit ungeheurem Satz hinter den nächsten Gebüschen verschwunden; nur sein wütendes Brüllen schallte über die Umgebung dahin. Ein einzelner Mann, selbst zu Pferde, wäre von der gereizten Bestie in Stücke zerrissen worden; der größeren Anzahl gegenüber wagte sie keinen Angriff.

S. 250.

Ins Hochgebirge von Java.
„Hinauf, immer weiter hinauf in den rauschenden Hochwald.“

Einer der Führer deutete hinauf in die Luft, wo sich auf halber Höhe des Berges eine Art Lücke, eine Unterbrechung der glatten Wand zeigt. „Das ist Pakaraman, das Totenthal!“ sagte er feierlich.

„Da oben auf der Höhe?“

„Ja. In einer Stunde werden wir dort sein. Gefahr ist um diese Zeit nicht dabei.“

„Wie kommt es,“ sagte Franz, „daß das Totenthal nicht immer seine tödliche Wirkung auf die Besucher ausübt?“

„Dieses Thal,“ antwortete Holm, „liegt in unmittelbarer Nähe von Vulkanen, und in demselben sammelt sich von Zeit zu Zeit Kohlensäure an, welche von vielen Vulkanen fast ununterbrochen ausgehaucht wird. Diese Kohlensäure — ihr kennt sie alle als das perlende Gas, welches in dem bekannten Selterswasser enthalten ist — wirkt eingeatmet auf die Lungen als tödliches Gift. Wenn nun kein Luftzug sich regt und die vulkanischen Ausdünstungen sehr heftig sind, so sammelt sich im Grunde der trichterförmigen Schlucht so viel Kohlensäure an, daß der Besuch derselben gefährlich wird. Wenn dagegen die Ausströmung des Gases sich vermindert und ein starker Wind in die Schlucht dringt, so kann dieselbe ohne schlimme Folgen betreten werden. Übrigens,“ fuhr er fort, „gibt es auch in Europa eine Grotte, deren Boden etwa ein bis zwei Fuß hoch mit Kohlensäure bedeckt ist, die, weil ihr spezifisches Gewicht das der atmosphärischen Luft an Schwere übertrifft, sich nur unten aufhält.“

„Ah, ich weiß schon,“ rief Franz, „es ist die Hundsgrotte bei Neapel. Der Mensch betritt sie, ohne von der Kohlensäure belästigt zu werden, Hunde dagegen, die man mitnimmt, ersticken, weil ihre Atmungsorgane sich im Bereich des giftigen Gases befinden, sobald sie auf den Boden gesetzt werden.“

„Ganz recht,“ bestätigte Holm. „Die Ursachen beider Merkwürdigkeiten sind dieselben, nur die Form, in der sie sich äußern, ist eine verschiedene.“

Der steil ansteigende Weg wurde in beschwerlichem Ritt auf den kleinen javanischen Pferden zurückgelegt, und dann standen die Wanderer vor einem überraschend schönen Anblick. Ein breiter blauer Strom sandte seine Wellen zu Thal, Krokodile, Leguane, und Wasserschlangen bevölkerten die röhrichten Ufer, und zur Seite des rollenden Stromes senkten sich die Bergwände zum tiefen, trichterförmigen Kessel. Eine breite Rundung gab den Blick frei in die schwindelnde Tiefe des Totenthales. Zuweilen entströmen hier der Erde so furchtbare Ausdünstungen, daß alles Pflanzen- und Insektenleben während einer einzigen Nacht zu Grunde geht, zuweilen grünt und blüht es da unten bis zum mittelsten flachen Kreise von etwa fünf Metern Durchmesser; dieser innerste, unterste Fleck ist gleichsam durchseucht von dem Gift in seinem Schoße; er trägt nie einen grünen Halm, nie eine Blüte; auf ihm lastet ewig unfruchtbare Dürre.

Die Pferde wurden an Bäume gebunden, und Holm und Franz mit dem Malagaschen versuchten das Hinabsteigen, während Hans und der Doktor oben blieben. Die Führer kletterten voran, an ihren Ledergürteln lange Knotenstöcke tragend, die bei dem Wege bergab für die Weißen als Stützen und später bergan als Handhabe dienen sollten. Oben am Rande wuchsen von allen Seiten knorrige, wildverschlungene Baumstämme über die Schlucht hinaus, der Pfad bergab lief schräg an der Felswand hin, das helle Tageslicht fing schon nach den ersten fünfzig Schritten an, in Dämmerung gehüllt zu erscheinen. Große Eidechsen schlüpften über das Gestein; eine kalte Luft wehte von unten herauf.

Die Javanesen und der Malagasche sprangen mit jener überlegenen Geschicklichkeit der wilden Völker ziemlich ohne Mühe von Ast zu Ast, von Klippe zu Klippe bis auf den untersten Grund hinab; weniger leicht folgten ihnen die Europäer. Nur mit blutenden, geschundenen Händen gelang es diesen letzteren, die dunkle Tiefe im Schoße des Berges überhaupt zu erreichen; klopfenden Herzens standen sie unter dem gewaltigen Eindruck einige Augenblicke sprachlos; nur mit Mühe konnten sie in der kalten, schweren Luft Atem schöpfen. Hundert Meter hoch über ihnen lag auf dem Rande der finsteren, unheimlichen Schlucht blitzend und glühend das Sonnenlicht, kaum erkennbar, nur wie ein funkelnder Streif, von den schwarzen Tiefen hier unten gänzlich ausgeschlossen, keinen Strahl hinabsenkend, keinen warmen Hauch, kein noch so schwaches Leuchten.

Wahrlich, das Totenthal verdiente mit Recht seinen Namen. Der gleiche beklemmende Eindruck, den es verursachte, lag auf allen Teilnehmern dieser gefährlichen Expedition. Als in Holms Hand die mitgebrachte Wachskerze aufflammte, beleuchtete ihr schwaches in der Kellerluft da unten kaum die nächste Umgebung erhellendes Glimmen lauter blasse Gesichter und ernste Mienen. Es war doch ein seltsames Gefühl, so von allen Lebenden getrennt, abgeschieden von Luft und Licht, da unten allein in schweigender Öde die nassen Wände und die verkümmerten wenigen Gewächse anzusehen, letzte Spuren der Pflanzenwelt, letztes welkes Grün, grau und fahl gesprenkelt, kaum noch lebend, ohne Saft und Mark am verknoteten dürren Rankgeflecht. Eine große Schlange glitt ringelnd über das verwitterte Gestein dahin, Unken und Frösche glotzten aus den Winkeln, Eulen mit runden gelben Augen schossen auf, gespenstigen Fluges die Stirnen der Männer streifend; auch hier schwirrten Fledermäuse wie Mücken im Sonnenschein.

Holm brach zur Erinnerung an die Stunde im Bauch des Hexenkessels, dessen todbringender Hauch schon so oft Verderben über die Umgebung gebracht, vom Gestein der Wand ein Stück, das er in die Tasche steckte, ebenso aus dem mittleren, wüsten Bodengrund etwas Kies; dann wurde der Rückweg angetreten.

Jetzt ging es leichter; die schweren Stöcke der Eingebornen dienten den Weißen als eine Art von Treppengeländer; sie hielten sich, wo es nötig war, daran fest und gelangten so nach und nach an die Oberfläche, wo schon der Doktor und Hans ungeduldig gewartet hatten. „Nun, nun,“ drängte ersterer, „ihr seht ja aus, als sei euch da unten — der Himmel vergebe mir die Sünde! — der leibhaftige Teufel begegnet!“

Holm lächelte. „Da unten aber ist’s fürchterlich!“ citierte er. „Ich möchte doch um keinen Preis die Tour noch einmal machen. Und du, Franz?“

Der Knabe schauderte. „Mir ist es immer noch, als fühlte ich die kellerkalte, drückende Luft,“ antwortete er.

Nur die Eingebornen waren sehr gleichmütig; sie hatten die Fahrt in den Höllenschlund schon mehr als einmal bewerkstelligt und behielten bei der ganzen Sache ausschließlich den Verdienst im Auge. Auch Rua-Roa erklärte, in seiner Heimat oft noch ganz andere Streifzüge unternommen zu haben; er würde sich nicht bedenken, jetzt gleich und zwar allein wieder hinunter zu klettern. Das wilde Element in ihm trat auch so recht zu Tage, als es galt, an der entgegengesetzten Seite des Hochgebirges wieder ins Thal zu gelangen. Der Weg war äußerst beschwerlich, Steinwildnis folgte auf Steinwildnis; erst nach längerem, mühsamen Ringen, wobei die kleinen, einheimischen Pferde, des Steigens gewöhnt, die besten Dienste leisteten und gleitend, rutschend und springend über Abstürze gelangten, vor denen ihre Reiter schaudernd die Augen schlossen, — verwandelte sich der rauhe Pfad wieder in den bewachsenen, von Bäumen beschatteten Waldweg. Man war immer noch im Gebirge; die Führer vermieden absichtlich das tiefere Thal, und zwar um den Reisenden das „Moro Api“ oder ewige Feuer von Java zu zeigen; aber dennoch blühte und grünte üppige Pflanzenwelt rings umher und plätscherte in munteren Sprüngen ein Fluß, der Gunang Morio, zur Seite des Weges dahin. Breiter und breiter dehnte sich die blaue Fläche, mehr und mehr umhüllten die Schatten mit grauen Schleiern das schöne Landschaftsbild. Es wurde dunkler Abend, der Vogelgesang verstummte, die Blumen dufteten stärker, Eulen und Fledermäuse belebten die Luft, Wildkatzen begannen ihre Jagd, Marder von ungewöhnlicher Größe kletterten den Tauben bis auf die höchsten Kronen nach, und fernher schallte das Bellen der wilden Hunde; — da erschien zwischen den Baumwipfeln ein unsicheres, flackerndes Licht, noch kaum erkennbar; wie ferner Feuerschein, wie wenn jemand mit der brennenden Lampe kommt und geht, ohne an einem Orte zu verweilen.

„Das kann kein Dorf sein,“ rief Franz, „sonst müßten ja die Leute im Wasser wohnen. Das Licht schwebt über dem Flusse.“

„Moro Api!“ sagten die Javaner.

Neugierig gemacht, eilten die Weißen so schnell als möglich vorwärts, ohne Bedenken den Eingebornen nach, als diese in das Flußbett hineinritten und quer über eine breite, ganz mit Wasser bedeckte Ebene dahinsprengten. Jenseits des murmelnden, silbernen Elementes fing das Gewirre von Klippen und Abgründen wieder an, zerstreute Blöcke und phantastisch geformte Zackenreihen sprangen weit in das Wasser hinaus vor, natürliche Bogen und Säulen wechselten mit senkrecht abfallenden Wänden, und spitze einzelne Felskegel ragten wie Leuchttürme aus den Fluten empor. Dieses ganze wildromantische Bild war erhellt gleich dem Feengarten des Märchens; überall auf Spitzen und Dächern, in den Tiefen und zwischen den Säulen spielten die violetten, purpurnen oder ganz weißen, goldglänzenden Lichter des Moro Api; überall glitten Flammen und Flämmchen, von jedem Luftzug lang aufflatternd wie Bänder, an den Felswänden dahin, die vielzackigen, wunderlichen Formen in ihren Strahlen badend, Schattenbilder malend und über verworrene Trümmer huschend wie Fabelwesen aus uralter Märchenzeit. Wenn zuweilen ein leichter Wind das Wasser kräuselte, dann schwebten die bläulichen und roten Lufttänzerinnen im Kreise empor, gaukelten hierhin und dorthin, beleuchteten plötzlich eine dunkle Spitze oder eine tiefere Schlucht und kehrten dann nickend und sich biegend zu ihren früheren Standpunkten zurück.

Das erhabene Naturschauspiel bannte die Zungen aller; ein fast andächtiges Schweigen beherrschte die kleine Schar. Rings das blaue stille Wasser und darüber in geheimnisvoller Schönheit jene körperlosen, lichtspendenden Wesen, jene ewigen, seit dem ersten Schöpfungsmorgen brennenden Lampen, deren Licht unter allem Wechsel fortglühte und fortglühen wird bis an das Ende, — alle diese Bilder ließen nur lautlose Bewunderung aufkommen.

„Am hellen Tage,“ erklärte endlich einer der Eingebornen, „ist das Moro Api nicht sichtbar oder doch im Sonnenglanz nur sehr schwer zu unterscheiden. Wir müssen uns jetzt aber beeilen, das Nachtlager im Gebirge zu erreichen. Alle Anzeichen deuten auf einen Gewittersturm, wie sie hier zu Lande üblich sind.“

„Können wir denn den Ausbruch desselben nicht gerade an dieser Stelle erwarten?“ fragte Holm. „Ich wäre neugierig, die Flammen wie rasende Kobolde an den Felsklippen hinauf klettern zu sehen, ich möchte ihre tolle Jagd im Sturme kennen lernen.“

Aber die Eingebornen schüttelten mit den Köpfen, obgleich sämtliche Knaben ihre Bitten der des jungen Gelehrten hinzufügten. „Die Fremden wissen nicht, was ein Gewittersturm in den Bergen zu bedeuten hat; es ist ein Spiel um Leben oder Tod. Felsblöcke werden herabgerissen, Bäume niedergebrochen, der flache Gebirgsfluß wird zum tosenden Strome, die Blitze bedrohen alles, was lebt. Wir müssen schleunigst die sichern Höhlen aufsuchen.“

„Sind die denn weit von hier?“ fragte Franz.

„Nein, im Gegenteil ganz nahe.“

„So laßt uns aufbrechen,“ ermahnte der Doktor. „Diese Leute kennen doch das Land und das Klima besser als wir.“

Holms und des Knaben Blicke begegneten sich. Beide nickten wie im Einverständnis, und dann ritt die kleine Schar unter Vortrab der Javanen tiefer in das geklüftete Gebirge des Gunong Morio hinein, bis nach vielleicht fünf Minuten eine enge, dunstige Höhle erreicht war. Hoch in die Wolken erhob sich über der niederen Wölbung die Felskuppe; dichte, moosbewachsene Wände sicherten vor allen möglichen Angriffen; massive granitne Pfeiler stützten eine Art von Vorhof, und weiterhin gegen das Innere öffnete sich Gang nach Gang, aber die Luft war drückend, weshalb alle beschlossen, so lange als thunlich draußen zu bleiben.

Die Eingebornen entzündeten mehrere Wachskerzen und warnten dann die Reisenden, sich über eine bestimmt bezeichnete Grenze nach rechts hinaus zu wagen. Ein sonderbarer Anblick wartete hier der staunenden Beschauer; überall war der Steinboden durchlöchert und zerklüftet, überall schoß unter demselben in wildem Toben ein Gebirgsbach zu Thal, etwas weiter hin als breiter, glänzender Wasserfall über rundgeschliffene, glatte Wände in den Abgrund stürzend, tausend kühle Tropfen den Wandernden entgegenspritzend, jene köstliche, unnachahmliche Frische des kalten Quellwassers der heißen Luft mitteilend, schön und großartig im wechselnden Licht der Kerzen, donnernd und grollend, gleich einem fernen Gewitter.

„Morgen können Sie sich, wenn sie schwindelfrei sind, bis an den Abhang hinauswagen,“ erklärte der Führer, „die Felsblöcke liegen sicher, aber am Abend ist die Sache unmöglich.“

Es blieb also nur übrig, unter dem Rauschen und Brodeln des Falles, unter dem leise anhebenden Singen des erwachenden Sturmes die Ruhe zu suchen und einstweilen auf weitere Ausflüge zu verzichten. Man speiste, die Pferde wurden etwas weiter draußen in einer der Vorhallen an Bäume gebunden und die Wolldecken ausgebreitet. In einer Höhle lagen sämtliche Javanen, in der zweiten die Weißen; von wilden Tieren hatte sich nichts gezeigt, der Sturm heulte sein großartiges Wiegenlied, langgezogener murrender Donner erhob die Stimme, und rauschend in schweren Tropfen fiel der Regen herab. Die Augen der Menschen schlossen sich, obwohl zuweilen falber Schein den Wolkenschleier zerriß, und einzelne Stöße brüllend und schnaufend den gewaltigen Anlauf des Orkanes verrieten. Bis hierher drangen weder Regen noch Sturm, dies Dach ließ keine Tropfen durchsickern, diese Wände konnten dem Anprall aller Erdenkräfte Trotz bieten. — Das Gefühl der Sicherheit schläfert ein, Leib und Seele wiegen sich in Schlummer, alle Spannung ist gelöst, die Augen fallen zu, ehe es der Träumer weiß.

Holm und Franz schliefen nicht. Als es rings umher still geworden war, schlichen sie zusammen unter tausend Gefahren und Mühen auf dem Wege zum Moro Api zurück. Jene hüpfenden Flammen bildeten den Punkt, nach welchem sich ihre Schritte lenkten, und unbekümmert, ob ihnen der Sturm die Sprache raubte und der Regen ihre leinenen Kleider bis auf die Haut durchnäßte, drangen sie vorwärts. Der Aufruhr aller Elemente war von wilder Schönheit. Einmal draußen, dem Schutze der Felsmauern entrückt, hörten sie Sturm und Donner im unentwirrbaren Tonganzen ihre betäubende Stärke entfalten, Blitz auf Blitz zerriß die drückende Luft, schwefelgelb und bläulich fuhren Zacken und Strahlen über den Horizont dahin, und hochauf spritzten die Wellen des Flusses. Das Schönste von allem aber blieben die Flammen des Moro Api. Unausgesetzt drang aus dem vulkanischen Erdinnern das Gas hervor und unausgesetzt entzündete es sich durch die Berührung mit der atmosphärischen Luft, wieder und wieder schlugen züngelnde Feuer aus den Spalten herauf, vom Wind erfaßt, sobald sie entstanden waren, hierhin und dorthin entführt, in zahllose Teilchen gerissen, bald klein, bald groß, bald in dieser, bald in jener Form. Bis auf die höchsten Punkte der Klippen jagten einander die Luftgestalten, nicht mehr spielend, gaukelnd wie vorhin in der linden, stillen Gewitterluft, sondern tobend wie toller Märchenreigen, wie eine Schar entfesselter Höllengeister, die sich erfassen und wieder verlieren, die einander wutentbrannt folgen und im Kampfe zum Knäuel verschlungen untergehen.

Der Sturm blies mit vollen Backen unter die Flüchtenden. Hier malte er aus dem zitternden weißen Flämmchen ein Menschenantlitz und dort ein laufendes, langgestrecktes Tier, hier einen Riesenvogel mit ausgebreiteten Schwingen und dort ein Zwergenmännchen mit Keule und Schild; überall aber hetzte und verfolgte er die lockere Schar, Klippen hinauf und Klippen herab, durch Schlünde und Abgründe, über schmale Brücken und auf einsamen Pfeilern, überall zerriß er die glänzenden Lichter in Streifen und Fetzen.

Dazwischen schlugen Blitze in das Wasser und zuweilen in die höchsten Bäume des Waldes. Erschrockene Vögel flatterten ängstlich durch den Sturm, Papageien kreischten wild mit anderen Vögeln um die Wette, hier und da stürzte ein Jahrhunderte alter Riese, im Falle zahllose Rankengeflechte zerreißend und das Wasser hoch aufspritzend, daß ganze Schauer die beiden jungen Leute überfluteten. Zu sprechen war unmöglich, sie konnten sich, hinter den letzten Ausläufern des Gebirges einigermaßen geschützt, nur durch Zeichen verständigen, ihre Haare flogen wild um die Köpfe, das Zeug klebte am Körper, die Stiefeln waren schwer wie Blei, und bei jedem neuen Windstoß überlief eine unangenehme Kälte die Haut. Sich jetzt in die Wollendecken zu hüllen, und an trockener, geborgener Stätte ausruhen zu dürfen, mußte doch recht behaglich sein! Einer hinter dem anderen krochen sie, das Schauspiel der ewigen Flammen nur ungern verlassend, Schritt für Schritt im Toben des Wetters zum Lagerplatz hinauf, länger als eine Stunde brauchend, wo vorhin fünf Minuten, freilich auf den Rücken der behende kletternden Pferde, genügt hatten. Noch schlief alles, selbst da, wo die Eingebornen lagen, rührte sich nichts, und auch die Tiere waren merkwürdig still. Wenn irgend ein Angriff kam, traf er die Gesellschaft durchaus unvorbereitet.

Holm ging zu der etwas entfernten Stelle, wo die Pferde standen; helle Blitze zeigten ihm den Weg, er konnte nicht irren. Merkwürdig, daß sie so still blieben! —

Jetzt war er da, gewiß, er erkannte deutlich den Baum, an welchem er sein eigenes Tier befestigt, aber dennoch — von den Pferden keine Spur.

Zehn Schritte weiter und das Plateau fiel steil ab ins Thal. Wohin waren die Tiere gekommen? — Ein furchtbarer Gedanke durchzuckte sein Inneres, im Nu stand er vor der Schlafstätte der Eingebornen; — auch hier alles leer.

„Franz!“ rief er mit unterdrückter Stimme. „Franz!“

„Nun? — Was hast du, Karl?“

„Sieh her, die Javanen sind mit den Pferden über die Berge. Auch sämtliche Lebensmittel haben sie mitgenommen.“

Die beiden sahen einander starr vor Schreck ins Auge. Das war hier, wo es die gefährlichsten Raubtiere in furchtbarer Anzahl gab, ein schwerer, ja entsetzlicher Schlag. Ohne Pferde ließ sich bei den meilenweiten, von Alanggras bedeckten Ebenen und namentlich bei den Wegen über zackigen, abschüssigen Boden die Rückreise gar nicht denken.

„Laß die anderen schlafen, Karl,“ sagte endlich der Knabe. „Sie erfahren es morgen immer noch früh genug. Und nebenbei, — ich habe auch einen Gedanken, der mich wenigstens über das Ärgste tröstet. Wir werden bald neue Führer wieder haben, wenn auch für wahre Unsummen.“

„Weshalb glaubst du das, Junge?“ fragte voll Erstaunen der andere.

„Nun, die Lumpenkerle müssen doch mit ihrer Flucht irgend einen Plan verbinden! Sie haben gleich anfangs im Dorfe einigen anderen aufgegeben, ihnen zu folgen und die Stelle verabredet, wo sie uns mitten im Urwaldsgebirge verlassen wollen. Wenn die Lage bedenklich wird, erscheinen von ungefähr ein paar dieser gelben Schurken und erbieten sich, uns gegen doppelten Führerlohn nach Surabaja zurückzubringen, — das ist alles beschlossene Sache, und der Raub wird gütlich von den Spitzbuben geteilt.“

Holm lachte. „Wahrhaftig, du kannst recht haben,“ antwortete er. „Dann ist es ohne Zweifel das beste, hier zu bleiben und die Helfershelfer der gelben Betrüger zu erwarten. Einstweilen aber laß uns schlafen, — ich bin todmüde.“

Der Malagasche wurde geweckt und ihm, der nun schon einige Stunden geruht, die Wache übertragen, in welcher ihn gegen Morgen Hans als letzter in der Reihe ablöste. So verging die Nacht, und am folgenden Morgen saßen alle einander gegenüber, hungrig und ratlos, in schlimmster Laune. Hier zu bleiben war ganz notwendig; aber wovon leben? Wovon nach der Überschwemmung der letzten Nacht ein Feuer entzünden? Allerdings hatten die Gewehre im Trocknen gestanden, auch ließ sich leicht dieser oder jener Braten erlegen, aber er mußte roh gegessen werden, und das war äußerst unangenehm.

Der Doktor blieb als Hausherr und Platzkommandant allein in der Höhle zurück, wohlversehen mit Pulver und Blei, aber sonst auf die Sicherheit zwischen den Felswänden und seine eigene Vorsicht angewiesen, — die vier jungen Leute zogen aus, um Lebensmittel herbeizuschaffen. Wasser gab es da oben genug, man brauchte sich nur zu bücken, um es in köstlicher Klarheit zu erhalten, aber dafür stieg auch der Hunger von Stunde zu Stunde.

Das erste was heraufgeschafft wurde, waren Kokosnüsse; ihnen folgten die Eier verschiedener Vogelarten, Beerenfrüchte, eine kleine Schildkröte und endlich ein Hirsch, dessen Ziemer Franz im Schweiße seines Angesichtes keuchend nach Hause schleppte. Dann begann die Thätigkeit des Doktors. Er mußte mit dem Taschenmesser das Fleisch schaben; einige kleine Zwiebeln, die im Thale wuchsen, wurden dazu gehackt, das Ganze mit Salz und Pfeffer, welche jeder einzelne bei sich führte, reichlich vermengt und nun gegessen, dazu Nußkern und rohe Eier.

„Der Mückenkuchen auf Madagaskar schmeckte schlechter!“ meinte Holm.

„Der Flußpferdbraten in Dahomey war zäher!“

„Das Dürsten im Kaplande weit schrecklicher!“

„Ja, das ist wahr!“ sagten wie aus einem Munde alle Anwesende.

„Nun, so laßt uns dies rohe Fleisch mal ohne Bitterkeit verzehren. Vielleicht schmeckt auch das Fleisch der Schildkröte im Naturzustande erträglich.“

„Wenn nur vor Nacht die Eingebornen wirklich kämen!“ seufzte der Doktor. „Eure Berechnung könnte auch täuschen!“

„Ganz unmöglich, bester Doktor. Franz hat recht, es ist auf Plünderung abgesehen; ich glaube aber nicht, daß sich die Javanen blicken lassen werden, ehe wir durch Hunger und Gefahren tüchtig mürbe gemacht worden sind. — Einstweilen wollen wir den Rest des Fleisches in die Schildkrötenschale legen und einsalzen. Franz, du bist wohl so gut, die Eier und die Nüsse in eine sichere Ecke zu bringen; ich denke, wir essen zur Nacht nur frische Früchte, ihrer besseren Verdaulichkeit wegen. Hans und Rua-Roa haben vortreffliche Melonen und Erdbeeren heraufgebracht, sie müssen davon noch mehr holen.“

Das geschah, und so zog durch die angestrengte, körperliche Thätigkeit sowohl als auch durch das Zureden Holms einige Ruhe und Zufriedenheit in die Herzen wieder ein. Gegen Abend, als noch ein paar erlegte Vögel und ein Hase die Vorratskammer anfüllten, als sich Berge von Beeren und Eiern häuften, gewann sogar die alte fröhliche Reiselaune die Oberhand. Zwei von den jungen Leuten sollten wachen, zwei schlafen, und am folgenden Morgen wollte man auch ein Feuer entzünden. Die heißen Sonnenstrahlen des letzten Tages hatten Zweige und Gräser vollständig getrocknet, Wachskerzen und Streichhölzer waren genug vorhanden; also ließ sich mit Recht erwarten, daß die Eier hart gekocht und das Fleisch gebraten werden könne. Von dem Gepäck der Weißen hatten die Javanen nichts mitgenommen, daher fand sich auch der Blechkessel nebst Pfanne noch vor, ebenso Gabeln und Löffel; alles wurde schönstens an den Wänden der „Küche“ geordnet, trocknes Holz und Gras herbeigeholt und Steine zum Herd aufeinander gelegt. Was von Insekten, Fledermäusen und Schlangen in den Winkeln umherkroch, das beförderte ein schneller Griff mit dem künstlich aus Gras und Reisern hergestellten Besen in die Tiefe des Wasserfalles hinab oder in die Freiheit des Hochwaldes hinaus, und als so das Haus wohl bestellt war, setzten sich die beiden ersten Wachhabenden, Holm und Hans, mit geladenen Kugelbüchsen unter den Eingang, während die übrigen schliefen.

Das ungewisse Licht des Mondes fiel zuweilen in die Schluchten hinein, zuweilen versteckte es sich unter Wolken und ließ alles in um so schwärzerer Dunkelheit zurück; die Baumkronen flüsterten und rauschten, reife Früchte fielen von den Zweigen, und mehr als eine Tiergattung zeigte sich den Blicken. Affen plünderten die Fruchtbäume, namentlich die Tamarinden; Schuppentiere mit ihrem sonderbaren länglichen und von dreieckigen Panzerplatten bedeckten Körper verfolgten emsig die Ameisen und Termiten in den unteren Schichten des bewaldeten Berges; kecke, gefräßige Wanderratten gingen dem Geruche der frisch geschlachteten Tiere nach, und nicht selten erschien sogar zähnefletschend ein grauer Affe oben auf dem Berge.

Die beiden jungen Leute plauderten halblaut. Hans war es im Stillen zufrieden, daß die Weltreise jetzt zur Hälfte hinter ihm lag, er sehnte sich nach geordneten bürgerlichen Zuständen und sprach mit dem Freunde über dessen eigene fernere Pläne, als stärker und stärker werdend, aus dem Thale ein Geräusch herauftönte. Es klang wie der Schritt vieler kletternder, scharrender Füße, ja sogar Laute, die dem lechzenden Atem eines jagenden Hundes glichen, durchdrangen erkennbar die nächtliche Stille. Holm und Hans sprangen auf, ihre Gewehre lagen im selben Augenblick schußgerecht, sie riefen mit lauter Stimme die anderen.

Vielleicht hatten diese überhaupt nicht so ganz sicher geschlafen; in wenigen Augenblicken standen alle kampfbereit den Genossen zur Seite. Wo aber war nun der Feind? — Weit und breit zeigte sich kein lebendes Geschöpf.

Holm legte den Finger auf die Lippen. „Still! von da unten her kam es. Ich bin meiner Sache ganz sicher.“

Auch Hans bestätigte, daß lebende Wesen im Anzuge sein müßten; alle Glieder der kleinen Gesellschaft horchten daher gleich gespannt, beobachteten mit gleicher Aufmerksamkeit den breiten Paß, durch welchen heraufkommen mußte, was sich ihnen in ihrer Felsenburg als Besucher nahen wollte. Eine Viertelstunde verging in dieser Weise ohne irgend ein Ergebnis zu bringen; schon wurde flüsternd beraten, ob es nicht das Klügste sei, einige Schüsse abzufeuern und so die Tiere, welcher Art sie wären, zur Flucht zu veranlassen, als ganz plötzlich in dicht gedrängten Haufen die Angreifer auf dem Kampfplatz erschienen. Wilde Hunde, vielleicht zwanzig bis dreißig an der Zahl stürmten den Berg hinan; die roten, lechzenden Zungen hingen aus den Mäulern hervor, die Augen funkelten bösartig unter den langen, struppigen Haaren; die Gestalten waren durchweg mager und von Mittelgröße; die Erscheinung sowohl dem Fuchs als dem Wolfe ähnlich und das Fell von schmutzig rötlicher, schwarzgesprenkelter Färbung. Die Meute, sonst vor dem Menschen flüchtend, war von dem Geruch der oben aufgespeicherten Tiere angelockt worden und wälzte sich jetzt gleich einer Lawine durch den Gebirgspaß heran, dabei von den Männern durchaus keine Notiz nehmend, sondern unter einander kämpfend und beißend um das frische Fleisch. Alle diese dunkeln Gestalten waren zum Knäuel geballt; ein Bellen und Schreien, ein Toben und Stürzen, das wahrhaft betäubend wirkte, lähmte jeden Entschluß. Menschen und Tiere rangen um den engen Raum des Felsens, Menschen und Tiere vermischten ihre Stimmen zum unentwirrbaren, dämonischen Lärm.

Wieder war es Franz, den die ungestüme Leidenschaft hinriß, einen argen Fehlgriff zu begehen. Er legte an und schoß ohne zu zielen in den Haufen der wilden Hunde hinein. Jetzt kam, was kommen mußte! Wütend gemacht durch den plötzlichen Angriff, wandten sich die Tiere den Jägern zu, und es entspann sich ein Kampf, bei dem die Männer schießend und schlagend, ja sogar mit ihren großen Messern stechend bis an die Felswand zurückwichen und nur unter Aufbietung aller Kräfte das Leben retteten. Während die Hunde niemals ihrerseits angegriffen hätten, wurden sie durch den ersten Schuß in Wut versetzt und kannten nun keine Scheu mehr. Rechts und links füllten ihre Leichen, ihre zuckenden, schwer verwundeten Körper den Weg, aber auch sämtliche Männer bluteten. Der Doktor hatte eine Wunde im Oberarm, Franz war gefallen und in die Schulter gebissen, Holms Stiefel klaffte weit aus einander, während der Fuß blutete, und Hans seinerseits hatte genug zu thun, um mit der arg zerfetzten Rechten überhaupt noch Notwehr zu leisten. Nur der Malagasche war gut davon gekommen. Auf einen Felsblock springend und von dort schießend, kämpfte er tapfer mit, ohne selbst in Gefahr zu geraten, der Instinkt des Wilden leitete ihn an, vorerst für seine Person Deckung zu suchen.

Als etwa eine Viertelstunde erbitterten Kampfes verflossen war, als Blut von allen Seiten über das Gestein herabtroff, wichen die letzten noch überlebenden Hunde, von Schüssen und Kolbenschlägen verfolgt, verwundet und heulend, kaum ein Viertel jener stattlichen Anzahl, die den Berg mit eiligen Sprüngen erstürmt hatte; jetzt erst konnten die Weißen im Schutze der überhängenden Wände ihre Kerzen entzünden und den erlittenen Schaden feststellen. Eine wahre Wüstenei breitete sich vor ihnen aus. Tierleichen, Stücke zerfetzter Körper, geronnenes und fließendes Blut, Büschel Haare, alles stapelte über- und neben einander, alles zusammen bot einen trostlosen und grauenhaften Anblick, dessen Beseitigung jetzt die erste Sorge sein mußte.

Nachdem die Wunden einen notdürftigen Verband erhalten, ging man ans Werk. Gewehre und Decken, kurz alles Gepäck wurde in eine der inneren Höhlen geschafft, und dann befahl Holm, aus einzelnen Felsblöcken vor dem Eingang derselben eine Art Barrikade mit Schießscharten herzustellen. „Der entsetzliche Blutgeruch bringt uns ohne allen Zweifel auch von den Tigern und Wildkatzen noch einen Besuch,“ seufzte er. „Also rasch! wir müssen den Zugang verrammeln, ehe der Feind eindringt.“

„Sollen wir denn bis zum hellen Tage da drinnen gefangen sitzen, Karl?“

„Hättest du nicht so voreilig geschossen, dann wäre es überflüssig, mein Bester!“ war die etwas scharfe Entgegnung.

Franz wechselte die Farbe. Er hatte längst seinen Irrtum erkannt und beeilte sich daher jetzt so viel als möglich wieder gut zu machen. Den Schmerz in der Schulter verbeißend, half er eifrig die zerstreut umherliegenden Blöcke auf einander zu schichten, und so eine breite Mauer herzustellen, die, nach außen hin etwas geneigt, jeden, der etwa an ihrem Bau rütteln würde, sogleich unter schweren, stürzenden Massen zerschmettern mußte. Nur ein kleines Schlupfloch ließen die emsig Schaffenden offen, einen schmalen Gang, durch den sich einer nach dem anderen hineindrängen konnte, und dann begannen sie die Tierleichen in den Abgrund zu stürzen. Der Besen fegte Ströme von Blut in das Wasser hinab, während Kochkessel und Bratpfanne unaufhaltsam frische, reinigende Fluten schöpften und nachspülten. Es galt ja den gefährlichen, verderbenbringenden Blutgeruch schnellstens zu entfernen.

„Schlafen können wir in dieser Nacht nicht mehr,“ erklärte Holm. „Kommt mir nach, wenn draußen das Hauptsächlichste geschehen ist, und dann müssen zwei von uns den Eingang, die übrigen die Schießscharten mit geladenem Gewehr bewachen.“

„Für so unvermeidlich hältst du den Angriff, Karl?“

„Ich fürchte, ja. Der Wind trägt die Ausdünstungen des geronnenen Blutes hinab in das Thal, wo ohne Zweifel eine Menge Raubkatzen leben. Auch die Hunde waren ja schon dadurch heraufgelockt, wie ich überzeugt bin.“

Man widersprach ihm nicht; vielleicht trieb auch der Gedanke an einen Kampf mit Königstigern zur größtmöglichen Beschleunigung des angefangenen Werkes; diese Zähne richteten doch ganz andere Verwüstungen an, als die der wilden Hunde.

Nach wenigen Minuten fanden sich alle in dem engen Raume versammelt. Jetzt stand der Vollmond über dem Gebirge, alles in bläulichem und silbernem Glanze badend, jede Schlucht erhellend: die Nacht war still, als sei die ganze Schöpfung nur ein einziger, großer Tempel; fliegende Frösche glitten durch die Luft, und fernher zwischen den Bäumen glitzerte im Thale wie ein Irrlicht das Moro Api.

Da schlichen zwei Gestalten den Berg herauf, kurze Schatten werfend, vorsichtig mit gespitzten Ohren und spähenden Blicken. Voran die größere, das Männchen mit dem braungelben, gestreiften Fell und dem abstehenden Bartkranz um das kluge Gesicht, leicht erhoben die Vordertatze und zurückgelegt über den Rücken den glatten Schweif, — es sog die Luft ein, witterte, es duckte sich wie zum Sprunge — da hinter den Steinen atmeten Menschen!

Ihm nach schlich das Weibchen. Weniger derb gebaut, ohne Bart und minder kräftig gezeichnet, war es doch nicht minder blutdürstig, glühten auch seine Augen wie Kohlen im gelben, falschen Glanze des Katzengeschlechtes. Ein leises Brummen, ein Lechzen der Zunge verrieten die Kampflust, welche beide beseelte.

„Aufgepaßt!“ raunte Holm. „Doktor, Sie nehmen mit Hans zugleich das Weibchen aufs Korn — wir drei das Männchen. — Feuer!“

Die Schüsse krachten, Pulverdampf drohte die Eingesperrten zu ersticken, ein wildes Heulen durchdrang die Luft, und außen wälzte sich das Weibchen des Tigers sterbend im letzten Kampfe; auch das Männchen war getroffen, von allen drei Kugeln sogar, aber trotzdem nicht tödlich. Eine Wendung, die es im entscheidenden Augenblick gemacht, hatte das Ziel verrückt und die Schüsse, anstatt in Kopf und Brust, vielmehr nur in die Beine und den oberen Teil des Rückens eindringen lassen.

Jetzt erst war die Gefahr nahe. Während drinnen in fieberhafter Eile die Büchsen wieder neu geladen wurden, sprang der gereizte Tiger außer sich vor Schmerz und Wut gegen die aufgeschichteten Steine, mit seinen gewaltigen Pranken die Blöcke niederreißend, so nahe, so furchtbar nahe, daß die Eingesperrten seinen heißen Atem auf ihren Stirnen fühlten. Zwei Kugeln trafen in seine Brust; immer noch lebte er, und immer mehr Blöcke riß er herab, rasend, schäumend vor Wut. — —