Und solche Nacht, die bleibt im Leben

Ein Denkmal, das auf Felsen ruht;

Der Schein, den sie in’s Herz gegeben,

Verlischt in keiner Thränenflut.

So kam der dritte Februar 1825 heran. Wir stehen in der nachfolgenden Erzählung wieder fast ganz auf dem Boden der Geschichte, deren Schuld es ist, wenn Manches dem Leser als zu kühnes Gemälde der Phantasie erscheinen sollte, was doch nur die Erfahrung an die Hand gab. Es ist gerade da, wo die Begebenheiten in’s Gebiet des Wunderbaren hinüberstreifen, am sorgsamsten darauf gehalten, nur die ungefärbte Thatsache zu geben, und deswegen auch der Stoff für die folgenden Schilderungen allein aus der Geschichte jener furchtbaren Nacht der Trübsal in der Gemeinde des Verfassers genommen.

Heftige Stürme aus Nordwesten trieben die Fluten über das Land hin, so daß selbst bei der Ebbe die Hallig vom Meere bedeckt blieb. Doch gewöhnt an solche Stürme, und ihre Kraft und Richtung vergleichend mit früheren, glaubten die Halligbewohner diesmal Nichts zu fürchten zu haben, und während die Wogen an die Werften heranbrausten und die Hütten erzitterten vor dem Anprall der Windsbraut, legten die Meisten am frühen Abend sich ruhig nieder. Hold saß noch etwas später auf, beschäftigt mit einer literarischen Arbeit. Seine Gattin, die in einigen Monaten zum zweiten Male Mutter zu werden hoffte, schlummerte sanft in der Nebenkammer an der Seite ihrer Erstgeborenen.

Da trat zu Hold’s Erstaunen Maria leise in’s Zimmer.

„Das Wasser steigt hoch,“ sagte sie mit bebender Stimme.

„Wie!“ rief Hold, und dämpfte aus Besorgnis für die Ruhe seiner Frau schnell den Ausruf des Schreckens: „Gegen zwei Uhr ist erst Flut! Jetzt ist es kaum zehn!“

„Und schon ist beinahe die ganze Werfte bedeckt,“ fuhr Maria fort. „Schon schlagen einzelne Wellen an Godber’s Wohnung hinauf, schon hat sich die eine Seite derselben gesenkt. Aus meinem Fenster sah ich ihn vor der Thür. Er blickte so starr nach mir herüber.“

Hold war schnell aufgesprungen und trat mit Maria vor die geöffnete Hausthür.

Ein wahrhaft blendender Mondschein goß sein Licht über das Meer aus, das mit vollen, breiten Wogen schäumend und rauschend, in dunklen Thälern und leuchtenden Höhen wechselnd, sich um die einzelnen Wohnungen gleichsam über sich selber ausschöpfte, als wollte ein Meer das andere überfluten.

„Gott sei unserer armen Seele gnädig in dieser Nacht!“ rief Hold, und blickte unwillkürlich zurück in dem Gedanken an seine Gattin. Da stand diese schon hinter ihm, und mit einer Fassung, wie sie gerade bei dem weiblichen Geschlecht in Stunden der höchsten Gefahr fast öfter gefunden wird, als bei Männern, sagte sie, indem sie den Arm um seinen Nacken schlang:

„Wir sterben doch zusammen, Du und ich und unser Kind. Ich bleibe nicht allein zurück, wie damals, als nur Dich diese Wogen bedrohten!“

In demselben Augenblick brach ein Teil von Godber’s Wohnung hinab in die Flut, und es war vorauszusehn, daß der jetzt schon so deutlich werdende schlechte Zustand der Werfte bald den völligen Untergang des Hauses und den schnellen Tod seines Bewohners herbeiführen würde. Godber aber schien, obgleich manche zu seinen Füßen brandende Woge ihn mit ihrem Schaum hoch bespritzte, ganz unempfindlich für die Gefahr. Noch stand er, im klaren Lichte des Mondes fast bis zu den Zügen seines Antlitzes kenntlich, auf derselben Stelle, wo Maria ihn zuerst gesehen; aber sein Blick war nicht mehr auf Hold’s Wohnung gerichtet, sondern starrte nach der Seite hinaus, wo der Kirchhof lag, von dem freilich kaum mehr der äußerste Kamm des ihn umgebenden Walles dann und wann noch sichtbar wurde. Daß ein Fach seiner Wohnung niederbrach, störte ihn nicht auf. Maria rief aus angstgepreßter Brust ihm zu. Er hörte es nicht. Da — war es ein zufälliges Ausgleiten auf dem glatten Rande der vom Wellenschlag gepeitschten Werfte, war es bedachter Versuch zu Godber hinzudringen, — sank Maria in die Flut hinab und tauchte in der nächsten Minute schon gegen zwanzig Schritt von der Werfte aus dem schäumenden Berge einer Woge auf und glitt dann wieder in dem langen dunklen Bogen der folgenden Welle fort.

Der Schrei des Entsetzens von den Lippen Hold’s und seiner Gattin weckte Godber aus seinem Brüten. Sein Blick flog rasch über die Fluten hin in der Richtung, die ihm der gellende Angstruf gegeben, und in demselben Augenblick rauschte die Welle, die Maria trug, wieder empor, und in dem glänzenden Schaumgewölk ihres Absturzes zeigten sich die hocherhobenen Arme und der Kopf der Jungfrau. Da stürzte Godber hinein in die rollende See, mit schneller Besonnenheit die Bewegung der Flut ermessend, die glücklicherweise fast gerade auf seine Werfte zutrieb. Einen langen Bootshaken hatte er eben in der Hand gehabt, um sich damit gegen den wütenden Sturm festzustemmen, und dieser diente ihm nun zu einem Ankerhalt in dem Kampfe mit den tobenden Wasserbergen, denen seine Kräfte nicht gewachsen waren, während er, wo seine Kraft ausreichte seinem Ziele in schräger Richtung entgegenstrebte. Und siehe! da er eben aus dem ihn hochüberdeckenden Strudel einer abbrechenden Woge aufathmete, schoß von dem Schaumrande der nächsten Wassermauer vor ihm eine dunkle Gestalt herab und schwebte, von der neuen Welle getragen, ihm entgegen, und — in wenigen Augenblicken stand Godber wieder auf seiner Werfte. Maria hing wie leblos in seinem Arm.

So weit waren die ängstlichen Blicke Hold’s und seiner Gattin den Bewegungen Beider gefolgt, jetzt erinnerte aber eine hochrauschende Woge, die die Hausflur überspülte, sie daran, die nötigen Vorkehrungen für die eigne Rettung zu machen. Hold schloß alle Fensterläden fester und verriegelte die Hausthür. Die besten Schafe hätten auf den Boden gebracht werden sollen, aber dazu sahen sich Beide ohne anderweitige Hülfe unfähig. Daher wurden nur sonstige wertvolle Dinge, die leichter zu transportieren waren, hinaufgebracht, und um ihr Kind nicht oben der Kälte ohne Not auszusetzen, und um bereit zu sein, wenn vielleicht durch kleine Nachhülfe die Thüren gegen die heranbrechenden Fluten haltbarer gemacht werden könnten, entschlossen sie sich, so lange als möglich unten zu bleiben. Wol fingen bald leichtere Gegenstände um sie her zu treiben an, da die Zugänge in’s Haus nicht gegen die dasselbe umgebende Wassermasse ganz verstopft werden konnten; aber doch war dem wogenden Element noch kein solcher Zugang geöffnet, der demselben eine zerstörende Macht über das Inwendige der Wohnung gegeben hätte. Nur hatte die Pastorin für jeden Fall ihr Kind in den Arm genommen, das nach einem schläfrigen, aber freundlichen Blick auf die Eltern ruhig fortschlummerte. Diese sprachen wenig, sondern saßen neben einander auf dem schweren Eichentisch, der ein Erbstück des Pastorats wol schon öfter die See um sich her gehabt hatte, und drückten bei jedem Wogenschlag, der die Grundfesten des Hauses erschütterte, sich fester an einander. In der nächsten halben Stunde trieben schon alle Koffer und Kasten im ganzen Hause, und das Wasser stand an dem Rande des Tisches. Da mußten sie sich entschließen, ihren Platz zu verlassen, um der Bodentreppe zuzuwaten. Allein ehe sie diese noch erreichten, schlug es wie mit gewaltigen Donnerschlägen gegen die Thür an der Westseite des Hauses; diese brach zugleich mit einem ganzen Fachwerk der Mauer ein, und das Vorderende eines mächtigen Balkens drang mit einem rasenden Flutenschwall in’s Haus und zersplitterte im furchtbaren Anprall die Bodentreppe. Im starren Schreck standen die Unglücklichen einige Minuten regungslos und athemlos; sie umklammerten sich fest und bargen die todesbleichen Gesichter Einer an des Andern Brust. Da hörten sie laute Klagetöne neben sich, und aus dem Halbdach, das jener Balken hinter sich schleppte, und das in dem Augenblick in Trümmer zerriß, wurde der Nachbar, dessen Werfte nur in einem geringen Abstande vom Pastorat lag, mit seiner Frau auf das erschreckte Paar hingeworfen.

„Mein Kind, mein Kind!“ schrie die Nachbarin mit dem herzzerreißendsten Jammer, als sie sich von der ersten Betäubung erholte. Ach! das Kind war auf eine Heudieme festgebunden, da der Vater den Sturz seines Hauses vorausgesehen, und die armen Eltern wußten nicht, ob es von dem Fall der Mauer zerschmettert sei oder mit dem Heu in den Wogen treibe.

„Mein Kind, mein Kind!“ schrie die Mutter wieder und wieder, und der Vater jammerte mit ihr. Beide vergaßen, daß sie, wenigstens für den Augenblick, gerettet, Beide vergaßen, daß die nächste Minute auch sie als Opfer der tobenden See auf schäumenden Wellen forttreiben könne.

Die Lage der Armen ward zur furchtbarsten Angst gesteigert. Um sie her fluteten die Wellen mit schrecklicher Gewalt, schlugen nach und nach alle Seitenmauern im Innern des Hauses ein, warfen sich mit rasendem Spiel die schwersten Lasten wie leichte Federbälle zu, und jeden Augenblick in Gefahr, von den umhergeschleuderten Massen zerschmettert zu werden, standen die schon halb dem Tode Verfallenen vor der offenen Bodenluke, von der eine längere Lebenshoffnung wie neckisch herabschaute, da keine Stiege mehr hinaufführte. Einige Erleichterung gewährte es ihnen, daß ein Teil der Mauer an der dem ersten Einbruch entgegengesetzten Seite jetzt niederstürzte, während gerade hinter ihnen die Wand noch fest hielt. Nun trieben doch wenigstens die bisher ohne bestimmte Richtung umhergeschleuderten Kisten, Balken und Mauerstücke in wildem Gedränge diesem Ausgang zu, und sie hatten bald nur allein mit den immer höher schwellenden Wogenstürzen zu kämpfen, da nur noch nackte Pfähle um sie her waren. Wäre die Wand hinter ihnen gebrochen, dann freilich hätten die Wellen auch sie hinausgerissen in die weite Tiefe. Doch immer höher und höher stieg die Flut, und immer gewisser ward der Untergang, auch wenn jene Wand nicht nachgab, da kaum mehr die höchste Anstrengung die Unglücklichen aufrecht zu halten vermochte, und keine Möglichkeit da war, auf den Boden hinaufzukommen; und schon schlugen einzelne Wellen über ihr Haupt hin; und Hold’s Gattin mußte das weinende Kind, das sie selbst nicht ihrem Manne abgeben wollte, höher halten, um es vor dem Ertrinken im Arm der Mutter zu bewahren.

Aber lange vorher, ehe solche Gefahr von einem Sterblichen geahnt werden konnte, war die Hülfe schon bedacht und bereitet. Das Weinfaß, das Mander ihm aufgedrungen, schlug, da vermutlich die Wasser den Grund, wo es gestanden, untergraben, von einer schweren Woge gefaßt, vorne über und stand aufrecht gerade vor der so sehnsuchts- und verzweiflungsvoll angestarrten Oeffnung im Boden. Auf diesem Fasse retteten sich die mit neuer Hoffnung nun Beseelten nach Oben. Welche Zuflucht aber? Ein vom Sturm schon hie und da zerrissenes Dach auf schwankenden, von jedem Wellenschlag erschütterten Pfählen. Rings um und unter sich den empörten Ocean, dessen Wellen ihren Schaum oft hoch über das zitternde Obdach hinspritzten und reiche Wasserstrahlen durch die Löcher desselben hereingossen. In dieser, gegen die frühere unten im Hause ruhigeren Lage sank Hold’s Kleine wieder in ihren sanften Schlummer und wurde selbst nicht von den heißen Thränen erweckt, die aus den Augen der Mutter auf die teure Bürde in ihren Armen herabfielen; aber die Nachbarin erwachte hier aus ihrer dumpfen Hingebung und jammerte von Neuem laut um ihren Sohn. Jetzt stürzte die Kirche, die mit Hold’s Wohnung, wie schon erwähnt, ein Haus ausmachte, zusammen. Es würde Allen unbemerkt geblieben sein, da im Heulen des Sturmes und im Brausen der Wellen, wie im Knarren und Krachen aller Fugen des Gebälks auch selbst des Himmels Donnerschläge aus dem betäubenden Gemisch von Tönen nicht heraus gehört worden wären, wenn nicht mit dem Sturz der Kirche auch an zwei Seiten das noch bisher das Obdach tragende Pfahlwerk weggerissen, und somit nicht allein der Bodenraum auf ein paar schmale Bretter mit einigen Sparren über sich, um welche das Ried des Daches in Fetzen flatterte, beschränkt worden, sondern auch eine freie Aussicht nach Norden und Osten hin gegeben wäre.

Welche Aussicht! Ein weites unübersehliches Wogenfeld, das bald zu einem Bogen sich vor ihnen auftürmte, der ihre Zuflucht mit seiner mächtigen Last mit einemmale niederzumalmen drohte, bald in einem tiefern Zuge darunter hinschäumte, als wollte es dieselbe hoch in die Luft drücken und in fliegende Trümmer aus einander sprengen. Dabei jagten sich Balken, Bretter, Kisten, Betten, Wiegen, tote Schafe durcheinander, gleichsam in ängstlichem Wetteifer, wer zuerst eine Ruhestätte hinter den Deichen des festen Landes erreiche, die vom Sturm und Wellenschlag gebotene Richtung verfolgend. Aus diesem Gewirre, welches das Schicksal auch der übrigen weiter nach Nordwesten gelegenen Halligen beurkundete, tauchte dann und wann eine Gestalt auf, die den aller Lebenshoffnung Entsagenden ihr eignes Schicksal in einem schauerlichen Bilde malte. Das grelle Licht des Mondes breitete einen fürchterlich hellen Schein auf dies Schreckensgemälde, als hätte die Nacht darum des Tages Schimmer geborgt, um mitleidlos dem Menschen kein Entsetzen zu ersparen. Von den Häusern der Hallig hätte nur Godber’s Wohnung von der offenen Seite gesehen werden können, und diese war verschwunden. Doch sieh! standen nicht dort zwei Gestalten eng umschlungen, gleichsam nur von der Brandung getragen, denn kein fester Punkt war zu sehen, worauf die Füße hafteten. Es waren Godber und Maria. Mit übermenschlicher Kraft schien er sich gegen Sturm und Wogendrang zu stemmen. Er bog sich bald dem Stoß der tollen Windsbraut entgegen, daß mit ihr die Wasser ganz über ihn hinrauschten, bald hob er sich und die Jungfrau in seinem Arm wieder empor, um aus dem Wogenschwall herauszuatmen zu neuen Anstrengungen. Aber vergebens! Der Stand unter seinem Fuß — war es ein Mauerwerk, war es Gebälk, — hielt nicht länger. Eine fürchterliche Woge rauschte wie ein gieriges Meerungeheuer heran, und einen Augenblick schwebten Godber und Maria, ein vereintes Paar, als würden sie so gen Himmel gehoben, noch über den Wassern und hinauf bis zu dem äußersten Höhenschaum der langgestreckten Woge; dann sanken sie hinab in den brausenden Strudel, aus dem keine Rettung mehr möglich. Ueber diesen Anblick hatten die, welche Zeugen des Unterganges der Liebenden waren, ihre eigne Gefahr eine Zeit lang vergessen; aber jetzt dachten sie wieder an sich selbst zurück, wie Leute, die den Tod, den sie selber erleiden müssen, an andern sahen, und die nun die Nächsten in der Reihe der Opfer sind. Furcht vor dem Tode war nicht mehr das vorherrschende Gefühl, obwohl bei jeder starken Erschütterung des schwankenden Asyls diese Furcht mit dem Beben der schauerlichen Erwartung des letzten Augenblicks durch Geist und Gebein flog. In den kurzen Momenten der Erwartung eines neuen Todesboten ging die gewisse Aussicht des Unterganges beinahe in Hoffnung, ja in Sehnsucht auf baldige Erlösung aus der Schreckensstunde durch ein schnelles Ende über. Nur lenkte Godber’s und Maria’s Versinken in die Fluten die Gedanken der Nachbarin wieder auf den Verlust ihres Kindes, von dem sie auch nicht anders erwarten konnte, als daß es zum Spiel der Wellen eine Leiche auf dem Meere treibe; und ihr Jammer wurde von Neuem laut. Da verfinsterte sich die Aussicht, als zöge eine dunkle Wolke vorüber. Es war eine Heudieme, die noch von dem Flechtwerk, an welchem von beiden Seiten schwere Lasten herabhingen, zusammengehalten wurde, nun aber an einen vorragenden Balken hinangeschleudert, überschlug und aus einander ging. Der obere Teil schoß unter das Dach, und überschüttete die auf dem Boden liegenden mit nassen Heuhaufen. Und siehe! zu den Füßen der Mutter lag ihr längst verloren gegebenes Kind lebend und unverletzt! O, wer faßt die Wonne der Eltern. Mit tausend Küssen bedeckte sie den Knaben, mit Lob und Dank feierten sie des Herrn Güte und Barmherzigkeit. Jeder Gedanke, daß der Tod Allen noch immer gleich nahe sei, war verschwunden. Selbst Hold und seine Gattin hob die Teilnahme an der Freude der Eltern zu einer völligen Vergessenheit der gemeinsamen Lage; und hätte in diesem Augenblick das leichte Gebälk dem Stoß der Wellen nachgegeben, sie würden mit einander, noch voll von der Wonne des Entzückens über die Rettung des Kindes, von den Fluten bedeckt worden sein. Als die Gedanken an die durch jene Rettung nicht verminderte Gefahr zurückkehrten, war diese schon vermindert. Der Sturm tobte nicht mehr so heftig und sänftigte sich mit jeder Minute. Die Wogen gossen nicht mehr so gewaltige Massen über das gebrechliche Dach aus und rauschten bald nur noch darunter hin. Doch wurde der Jubel der mit neuer Lebenshoffnung Erfüllten dadurch sehr gemäßigt, daß die Stützen der wenigen Querbalken und Bretter, durch die sie über der Tiefe gehalten wurden, jetzt kaum mehr auch den kleinsten Stößen und Schlägen gewachsen schienen, sondern heftiger als vorher schwankten und in ihre Fugen sich mehr und mehr lösten; ja daß mit dem Rückgang der Flut der Grund, auf dem die tragenden Ständer ruhten, in großen Brüchen abfiel und daher die eine Seite des kleinen Bodenraums sich so sehr neigte, daß es den Bedrängten nur durch das Umklammern der einzeln stehenden Sparren allein möglich ward, sich noch eine Zeit lang auf den schrägen und glatten Brettern zu halten. Das Meer aber schlug noch mit einzelnen schweren Wogenzügen nach der Beute hinauf, die es ungern zurückließ, und wühlte, als es immer tiefer sank, den Grund um die Stützpfähle so gierig ab, daß diese fast allen Halt verloren, und die Gefahr der bis dahin gesparten Opfer jetzt erst den höchsten Grad erreichte. Je höher deren Hoffnung gestiegen, das Leben zu retten, desto ängstlicher ergriff sie der Gedanke, nun der immer mehr und mehr abfallenden Macht der Sturmflut doch zuletzt noch zu unterliegen. Wie langsam flossen die Minuten hin! Wie langsam ging die See zurück! Doch die Zeit zählte sich an dem Pulsschlag der pochenden Herzen ab, und nach sechs Stunden, in denen jede Minute ein Todesbote in der furchtbarsten Gestalt gewesen, standen die Geretteten wieder auf dem Boden der Mutter Erde.

XXIV.

Gott siehet herab! und — horch! die Wetter schweigen,

Errettung kommt, woher Verderben kam;

Des Tages langersehnte Blicke zeigen,

Wie Gott uns schützte und was Gott uns nahm.

Aus der „Ueberschwemmung“ 1825.

Aber mit welchen Gefühlen sahen sich die dem Tode Entronnenen auf der Stätte ihres früheren, bei allen Entbehrungen ihnen doch so freundlichen, häuslichen Stilllebens! Wer möchte sie richten, daß nicht gleich der erste Aufblick Dank war. Kaum konnte das Leben als eine willkommene Gabe erscheinen, da ihnen Alles genommen, was das Leben in dieser Erdenzeit zur Erhaltung und zum Genuß fordert. Ausgeschwemmt war der Boden, wo die Mauern des Hauses gestanden, die das genügsame, und darum so reiche Glück eines liebenden Paares umschlossen. Das Gotteshaus war fort und damit der Verkünder des Evangeliums in dem innersten Leben seines Berufes auf’s Tiefste verwundet und von seinem zweiten Heiligtum, von dem stillen Herde seines häuslichen Glücks, waren ihm nur einige Trümmer geblieben, die kaum noch die Stätte desselben bezeichneten. Er und seine Gattin sahen mit Thränen auf die Verwüstung. Er gedachte seiner Bücher, auch nicht eins war ihm geblieben; sie dachte an die tausend kleinen Mittel und Zeugnisse der Wirtschaftlichkeit, auch keine Spur war übrig gelassen, woran sich ein neuer Hausstand anknüpfen ließ. Was Beide verloren, konnte eine Geldrolle aufwiegen; aber die Freude an Dem, was sie unter Sorgen und Mühen erworben, die Liebe zu Dem, was freundliche Erinnerungen ihrem Herzen teuer gemacht, das Band, mit welchem die Gewohnheit uns auch an ein sonst wenig beachtetes Eigentum bindet, die alte Traulichkeit, mit der uns ein Besitz anblickt, der gleichsam als treuer Freund und Genosse zu den Freuden und Leiden unseres häuslichen Lebens gehört, das Alles konnte kein Gold wieder erstatten. Und wäre dies auch möglich gewesen, woher der Ersatz? Standen sie nicht arm und bloß da? — Ohne Aussicht für die Zukunft! Ohne Aussicht auch nur für des Tages Bedürfnis! Das Leben aus der tobenden See gerettet, mußte es nicht vielleicht schon in den nächsten Tagen dem Hunger und dem Froste unterliegen? Durften sie jetzt schon vertrauend hinüberblicken zu den Küsten des festen Landes, von wo die Hülfe kommen sollte, ehe sie wußten, wie weit die Ueberschwemmung sich auch über Deiche und Dämme ergossen, wie weit die Milde und die Mittel ihrer Nebenmenschen reichen und wie schnell die Blicke von jenen Ufern auf ihren Zustand geleitet werden würden? Hatte doch wohl damals Keiner in unserm Vaterlande erwartet, daß für die Halligen so viel rasche Thätigkeit sich entwickeln, so reichliche Unterstützung ihnen zufließen werde, als die Folge bewährte; wie viel weniger konnten im ersten Augenblick, in dem vollen Gefühl ihrer furchtbaren Lage, die unglücklichen Halligbewohner selbst erwarten?

Hold und seine Gattin weilten trostlos auf der nun wüsten Stätte ihres früheren Glückes, und ihr Kind weinte vor Kälte. Sie wandten ihre Blicke umher und allenthalben sahen sie dieselbe Verwüstung. Leere Werften oder noch einzelne Pfähle hier und da, die ein zerrissenes Dach trugen! Nur eine Wohnung war weniger zerstört und konnte einigermaßen noch Schutz und Obdach bieten. Dahin lenkten sie ihre wankenden Schritte. Als Hold von der zerlöcherten Werfte hinabstieg, bemerkte er eine Platte von dem umgestürzten eisernen Ofen, unter der ein Buch hervorragte. Und er stand still, und eine dunkle Röte, wie die Glut der Scham, goß sich über sein bleiches Gesicht. — Dann aber flossen seine Thränen stärker, doch aus den Thränen hob sich ein leuchtender Blick zu dem umwölkten Himmel. Er faßte die Hand seiner Gattin, drückte sie fest und innig und sprach:

„Siehe, da redet der Herr wieder zu uns! Nein,“ und damit schloß er Weib und Kind in seine Arme, „wir wollen nun und nimmer verzagen. Er will, daß wir Ihn hören. Wie klar hat Er auf’s Neue geredet! Er selber hat mir am Abend zu schreiben gegeben, was mir am Morgen dienen sollte zur Stärkung meines schwachen Glaubens.“

Und nun erzählte er auf dem Wege zu der Zufluchtsstätte, was er in das Buch seiner „Gesichte“, denn dies war das gefundene, am gestrigen Abend zuletzt geschrieben:

„Und wieder war der Himmel geöffnet wie in der Zeit, da Jakob, der Sohn Isaaks, schlummerte auf dem Felde. Aus dem lichten Gewölk, das den Eingang zu der Stätte der Engel, die das Antlitz Gottes schauen, umwallte, ging herab die Himmelsleiter hinein in die schweigende Nacht der winterlichen Erde. Die Strebesäulen der Leiter waren wie zwei breite, von Morgendüften umflossene Sonnenstrahlen, und die Stufen wie Mondenschimmer, durchblitzt von Sternenlicht. Niederstieg ein Bote Gottes, anfangs anzuschauen wie ein weißes, duftiges Gewölk, das sich wieget am Sommertage in dem blauen Himmelsmeer; dann näher zur Erde schwebend erschien seine Gestalt, wie den Himmlischen die Gestalt einer frommen Seele erscheinen mag, wenn sie in dem verklärten Leibe, für den unser Auge keinen Blick hat, der Heimat beim Vater zueilt. Mein Auge aber sollte geöffnet werden, den Engel zu schauen auch in dieser Gestalt, denn eine feurige Kohle war mir bereitet in des Vaters Rat, weil meine Schwachheit gezagt hatte in Sorgen der Nahrung. Und der Engel betrat die Erde, winkte und schwebte mir voran leise und leicht, wie Sommerfäden durch die Lüfte ziehen. Wir wandelten über Berg und Thal hin durch die stille Winternacht, und mein Fuß strauchelte nicht auf der glatten Eisdecke und wurde nicht müde in dem weichen Schnee, als berührten meine Sohlen nicht den Grund unter mir. Auch an einzelnen nächtlichen Pilgern kamen wir vorüber, aber sie sahen uns nicht, denn auch meine Gestalt war vor Menschenaugen nicht da. Kam es mir doch selber vor, als hätte ich den schweren, dunklen Erdenschatten zurückgelassen auf seiner Schlummerstätte, und es pilgerte meine Seele in dem Kleide der zukünftigen Heimat. So kamen wir in eine große Stadt und die Thore öffneten und schlossen sich ohne Geräusch, wie eine Nebelwand auseinanderfließt und den Sonnenstrahl durchläßt, der, eine schlummernde Knospe zu wecken, mit raschem Blick auf die Flur niederleuchtet. In den Straßen war es öde und still, und wir schritten durch die langen Häuserzeilen wie zwei Lustwandler, die, verspätet auf ihrer Ausflucht, nun die Pforten ihrer Wohnung verschlossen fanden und eine gastliche Stätte suchen bei einem entfernten Freunde. So wandelte der Engel Gottes mit mir durch die weite Stadt, und die da schliefen in den hohen Palästen, träumten von dem Reichtum, den Ehren und den Wollüsten dieser Erde, wie zuvor; und die da schliefen in den Hütten der Armut, sorgten auch im Schlafe in Sorgen der Nahrung und waren voll Neid und Gier, wie am Tage; aber der Engel Gottes ging vorüber und Niemand merkte ihn. Nur über des Kindleins Angesicht, das noch unbekannt mit der Welt in der Wiege schlummerte, und noch nicht wußte, ob es reich oder arm geboren sei, mochte ein Lächeln hinwallen, schöner und lieblicher, als das Lächeln der Braut, die im Traum den Verlobten sieht. Da lag am andern Ende der Stadt eine hohe Kirche, deren schlanke Thürme sich in die Wolken streckten, durchbrochen vom leuchtenden Schein des Mondlichts, und deren breite Seiten und Säulenhallen dahin gebaut schienen, um die dahinterliegenden engen Gäßchen, die Heimat der Elenden und Verachteten, zu bedecken. Durch die hohen Fensterbogen glänzte Lampenschimmer, und wie wir an der gewölbten Pforte standen, läutete ein liebliches Glockenspiel zur Frühmette. Mich ergriff das Geläute vom Thurm und der Gesang der Priester am Altar mit heiligen Schauern, und es drängte mich hineinzugehen mit den einzelnen Andächtigen, die zum Gebet eilten. Der Bote Gottes aber winkte zu bleiben und wandte seinen Blick hinauf zu dem Gesimse des stattlichen Tempels. Da fiel ein Sperling, erstarrt in dem scharfen Winterfrost, herab vom Dache zu den Füßen des Engels. Dieser aber hob ihn auf und barg ihn mitleidig in die Falten seines Gewandes, ihn zu erwärmen an seinem Busen. Und als ob damit sein Geschäft aus wäre an dieser Stätte, schritt er rascher, und wie es mir schien, mit freudigerem Antlitz weiter vorwärts, hinein in das geächtete Viertel der Stadt, hinein in die dunklen, schmalen und gewundenen Gassen bis an die äußerste Ringmauer. Da stand eine Hütte, also verfallen, daß mir bange war, nur vorüberzugehen. Aber der Bote Gottes ging hinein und ich mußte ihm unwillkürlich folgen. Eine morsche Stiege hinauf, und noch eine, da traten wir in eine schmale Bretterkammer unter dem Dache. Das einzige Fenster der ärmlichen Behausung hatte über die Ringmauer hinweg die Aussicht auf das offene Feld und bot mit seinen geborstenen Scheiben dem rauhen Winde freien Eingang, zugleich aber auch dem vollen Mondstrahl, also daß ich alle Gegenstände deutlich erkennen konnte, als wäre es heller Tag. Vielleicht mochten auch meine Augen klarer sein, denn sonst. Auf dem Strohlager in der einen Ecke lag ein Sterbender, ich hörte es an dem Röcheln seiner Brust. Ach! er war der Versorger, der einzige, letzte Versorger der Seinen, die um sein Lager standen, sein Weib mit sechs Kindern und das siebente an ihrer Brust. Die Kinder rangen die Hände und weinten laut. Die Mutter aber blickte mit dem bleichen, starren Antlitz vor sich hin und hatte keine Thräne mehr. Nur der Säugling lag am Busen der Verzweiflung und sog die wenige Nahrung. Der Sterbende richtete sich mit matter Anstrengung auf und blickte mit den hohlen Augen hin auf die Seinen. In allen seinen Zügen lag die martervolle Sehnsucht nach einer Tröstung für sie, er pflückte krampfhaft mit den hagern Fingern in den Strohhalmen vor ihm, als hoffte er, noch eine Aehre zu finden, die ihn erinnere an den Gott, der den Hungrigen Brot giebt; aber die Halme waren leer, und sein Seufzer ward zum Verzweiflungsgestöhn. Die Kinder weinten lauter, und der Mutter brachen die Kniee, daß sie niedersank neben dem Gatten.

„Wohin führst Du mich?“ sprach ich leise zu dem Engel. „Hilf hier, wenn Du kannst, oder laß uns von hinnen gehen, laß mich weinen über das Elend des menschlichen Lebens.“

Der Engel aber antwortete, und seine Worte tönten wie das Wehen, das dem erwachenden Morgen vorangeht:

„Das Auge unseres himmlischen Vaters schauet herab auf alle seine Kinder im Staube. Die Hülfe ist in seinem Rat. Er wird auch hier Keinen verlassen und versäumen. Ich aber bin von ihm nur gesandt, daß die Seele des Sterbenden im Frieden von hinnen fahre.“

Bei diesen Worten lüftete er die Falten seines Gewandes, und der Sperling, neubelebt an seiner Brust, flatterte hervor und dem Fenster zu. Auf der Fensterbank lag der Rest einer Brodrinde, der letzte Vorrat der Armen. Und der hungrige Vogel ließ sich nieder und machte sich an die Brodrinde, und pickte geschäftig eine Krume nach der andern ab. Da floß es wie ein Strahl der Verklärung über das Antlitz des Sterbenden. Sein Auge beobachtete mit leuchtendem Blick jede Bewegung des Vogels, der bald an die eine, bald an die andere Seite hüpfend von der gefundenen Nahrung kostete. Und immer glänzender spiegelte sich die Freude, immer seliger der Friede in den Zügen des dem Tode nahen. Höher richtete er sich auf, als wäre ihm die jugendliche Kraft zurückgekehrt, eine Thräne des Dankes schimmerte in seinem nun zum Himmel gewendeten Auge; Vertrauen, Zuversicht, Hoffnung thronten auf seiner heitern Stirn. Dann schaute er zurück auf die Seinen, streckte die Hand aus über die Gattin und die Kinder hin, wies auf den Sperling am Fenster und rief mit voller, fester und klarer Stimme:

„Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen und euer himmlischer Vater nähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr, denn sie?“

Er sprach’s und sah nur noch, wie aus der Gattin Auge, das so lange thränenleer gewesen war, wieder eine milde Zähre floß, da — schied seine Seele in Frieden.“

XXV.

Hinauf zum Himmel, tiefgebeugte Seele,

In Thränen reift die Saat der Ewigkeit,

Daß sich der Mensch das bessre Teil erwähle,

mahnt ihn des irdischen Vergänglichkeit:

Das Zeitliche vergeht der Zeit zum Raube,

Doch ewig bleibt die Liebe und der Glaube.

Aus der „Ueberschwemmung“ 1825.

Am Morgen nach dieser Nacht der Verwüstung war die ganze Gemeinde, Männer, Frauen, Greise, Kinder, in dem einen Hause versammelt, das allein noch obdachfähig geblieben war! Alle übrigen Wohnungen waren teils gänzlich weggerissen, teils zu einem blosen Pfahlwerk geworden. Welche Aussicht für die Zukunft der unglücklichen Halligbewohner! Hab und Gut und Herden dahin! Für die kommenden Tage kein Obdach, kein Erwerb; für den Augenblick nicht einmal trockene Kleidung und Nahrungsmittel! Krankheit, Hunger, Frost, Blöße, Verzweiflung oder Tod in den Wellen mit der nächsten wiederkehrenden Flut: das war das Geschick, dessen Vorboten schon zu nahe waren, um sie zu übersehen. So lange noch nicht Alle die Zuflucht erreicht hatten, gaben die Erzählungen der einzeln Ankommenden immer neue Nahrung zur lauten Bewunderung der göttlichen Macht und Güte. — So war unter Andern eine Frau mitten in der ernsten Stunde, die zum ersten Male ihre mütterlichen Hoffnungen erfüllen sollte, von den Wellen auf ihrem Lager überrascht worden. Auf den Boden getragen, stürzte sie mit dem niederbrechenden Hause auf eine Heudieme hin. Hier klammerte sie sich an und hielt, von schweren Balken belastet, die mit jeder Woge sich hoben und senkten, die ganze Nacht aus, watete dann gegen Morgen bis über die Kniee im Wasser hin zu dem Hause, in welchem sie jetzt sogleich nach ihrer Ankunft eines gesunden Kindes[3] genas. — Als aber, außer Godber und Maria, Niemand mehr fehlte, wandten sich Aller Gedanken und Gefühle auf den Verlust, den sie erlitten, auf die Hoffnungslosigkeit ihres Zustandes, und Alle klagten, weinten und schluchzten mit einander. Nur Hold, dessen Aussicht für die Zukunft, nach Ueberwindung der ersten Not, weniger betrübend war, der seit dem Antritt seines gefahrvollen Kirchendienstes auf der Hallig sich oft ähnliche Lagen gedacht, und den der Herr, wie wir gesehen, bereits mächtig getröstet in seiner Trübsal, gewann bald wieder das Gedächtnis der Verpflichtungen, die sein Amt ihm auferlegte; und nie war ihm die Herrlichkeit seines Berufes so klar gewesen, als sie ihm in diesen Stunden ward. Er wandte sich bald an Alle, bald wieder an Einzelne; machte auf die wahrhaft wunderbaren Errettungen aufmerksam, von denen vorher Einer dem Andern erzählt; suchte das Vertrauen zu dem Vater zu wecken, der die Vögel unter dem Himmel nährt und die Blumen des Feldes kleidet; zeigte, wie so viele köstliche Sprüche gleichsam gerade für die Lage geredet seien, in welcher sie sich befänden, und ermunterte, da seine ersten Vorstellungen, eine Zuflucht auf dem festen Lande mit Hülfe des einzigen Schiffes zu suchen, das noch unzertrümmert an seinem Anker lag, zurückgewiesen waren, nun selbst dazu, mit voller Hingebung auf dem geliebten Boden der Heimat Alles zu erwarten, was im Rate Gottes beschlossen sei. Dem Tiefgebeugten floß seine Rede wie Manna in der Wüste und erinnerte ihn an den glimmenden Docht, der nicht verlischt, an das geknickte Rohr, das nicht zerbricht. Die Verzweifelnden strafte er mit mächtigem Wort: „Demütiget Euch unter die gewaltige Hand Gottes! Wer ist jemals zu Schanden worden, der auf Gott gehoffet? Wer ist jemals verlassen, der in der Furcht des Herrn geblieben ist? Haben wir Gutes empfangen von Gott, warum sollten wir denn auch nicht Uebles annehmen? Darum seid geduldig in der Trübsal!“ Und über Alle hin rief er: „Wenn ich nur Dich habe, Allmächtiger, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir auch Leib und Seele verschmachten, so bist doch Du, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Heil!“ Allmälig gewann seine Tröstung Eingang in die bekümmerten Gemüter, immer mehr schlossen sich ihm an und stimmten in seine Reden ein; und die Klagen verstummten, die Thränen flossen linder, und die Seufzer wurden zu stillen Gebeten.

Nun mahnten Frost und Hunger, eine nährende und wärmende Speise zu bereiten. War es auch möglich, ein Feuer anzuzünden, so fehlte es doch an Nahrungsmitteln, die nicht völlig vom Meerwasser durchnäßt waren, und vor Allem fehlte es an süßem Wasser zum Kochen, da die Ueberschwemmung alle Brunnen mit ihrer Salzflut gefüllt. Doch Hold erinnerte an das Weinfaß, das ihm und den Seinen zur Rettung gedient, und einige junge Leute gingen hin, es zu suchen.

Diese stießen bei ihrem Herumwandern auf Godber’s Leiche, die ihren Ruheplatz in der durch die Sturmflut wieder aufgerissenen Gruft des Kapitäns und der beiden Matrosen gefunden hatte. Gleichsam als sicheres Zeichen der Versöhnung war er also gebettet! Hätte er sich selber eine Grabstätte wählen sollen, er würde keine andere gewählt haben.

Der Mensch ist in Stunden besonderer Aufregung gar leicht geneigt, dem Zusammentreffen einzelner Umstände eine tiefere Bedeutung unterzulegen, als es vielleicht für ihn haben sollte. Wir wollen daher gern dem Leser das Urteil frei lassen, ob Hold Recht hatte, als er später im Gespräch mit seiner Gattin über die Auffindung der Leiche Godber’s in jener Gruft seiner früheren Schiffsgenossen sich dahin äußerte:

„Mir ist, als habe Gott mir dadurch eine große Beruhigung geben wollen. Ich kann nun an Godber denken ohne den geringsten Zweifel, daß ihm vergeben ist. Diese Vereinigung im Tode mit allen Denen, welche er mit Recht oder Unrecht als Opfer seiner Untreue betrachtete, kommt mir als eine bejahende Antwort vor auf die Frage der Ueberlebenden: ‚Ist seine Reue angenommen im Gericht?‘ Wir sollten in Frieden sein gedenken, darum sahen wir seine Leiche in Frieden schlummern neben Denen, deren Tod sein Gewissen beunruhigte. Ich wenigstens muß Gott danken, daß Er es also gefügt, und möchte um keinen Preis Godber’s Leiche an einer andern Stelle gefunden wissen. Er mußte erst den Weg dahin machen, wohin ihn die Sühne rief. Maria gehörte nicht dahin. Darum wurden ihre Leichen getrennt. Mit ihr versöhnten ihn die letzten Augenblicke seines Lebens; und sie sind nun vereint in den ewigen Hütten.“

Gewann unsere Erzählung Deine Teilnahme, lieber Leser, so scheide auch Du von Godber, ohne mit Unwillen seiner Schwäche zu gedenken. Wer hat die Gewalt der Leidenschaft ermessen, deren lodernde Flamme oft in einem unseligen Augenblick Alles verzehrt, was an Pflicht und Treue wir unser nennen, und wir stehen vor dem Aschenhaufen und fragen verwundert: „Wie konnte es doch so kommen?“ Richten wir uns selber, dann sei keine Strenge zu streng; urteilen wir aber über Andere, dann flüstere das Bewußtsein unserer Schwachheit das Gebet uns zu: „Herr, führe uns nicht in Versuchung!“

Das gesuchte Faß ward glücklicherweise wohlbehalten aufgefunden, geöffnet, und darauf wurden in Wein die vorrätigen Nahrungsmittel gekocht, deren Genuß nun den Durchnäßten und Durchkälteten eine erquickende Lebenswärme zurückgab.

„Bis hieher hat der Herr geholfen!“ rief Hold, nachdem Alle gesättigt waren. „Lasset uns hinziehen zu der Stätte, wo Sein Heiligtum stand, daß wir Ihm dort danken, wo wir so oft Seinen heiligen Namen angerufen haben. Dort im Angesicht der Zerstörung alles Dessen, was wir von Ihm hatten an zeitlichem Gut, wollen wir Ihn preisen, daß er unsere Lieben erhalten und Seine Liebe uns bewährt auch da, als Seine Hand schwer auf uns lag.“

Und er stimmte aus Luther’s Kernliede: „Aus tiefer Not schrei’ ich zu Dir!“ die folgenden Verse an, in welche die ganze Gemeinde auf dem Zuge zu der Stätte, wo die Kirche gestanden, mit einfiel:

Und währt es auch bis in die Nacht,

Und wieder an den Morgen,

So soll mein Herz an Gottes Macht

Verzweifeln nicht, noch sorgen.

So thut der Fromme rechter Art,

Der aus dem Geist erzeuget ward,

Und seines Gottes harret.

Ob bei uns ist der Sünden viel,

Bei Gott ist viel mehr Gnade.

Sein Arm zu helfen hat kein Ziel,

Wie groß auch sei der Schade.

Er ist allein der gute Hirt,

Der Israel erlösen wird

Aus seinen Nöten allen.

Als Hold die Kirchenwerfte betrat, die kaum in ihrer Zerstörung noch eine Werfte heißen konnte, und auf der auch kein Stein und kein Balken zurückgeblieben, die daran erinnern konnten, daß hier ein Haus gestanden, war das Erste, das ihm in die Augen fiel: Maria’s Leiche. Diese mußte mit der rückgehenden Flut hierher getrieben sein und lag in einer der Höhlungen der zerrissenen Werfte in einer fast sitzenden Stellung, so daß sie beim ersten Anblick als eine Lebende erschien, die hier einen Schutz vor den rauhen Winden gesucht. Alle drängten sich um Hold her, als er sich mit einer Thräne im Auge über den Leichnam niederbeugte. Er war so weich und wehmütig geworden, daß er die freudige, gottvertrauende Stimmung, in welcher er die Gemeinde hierhergeführt, vergebens wieder suchte.

So war denn dies jugendliche Leben dahin, das vom irdischen Glück nur geträumt. Als der Traum in Erfüllung gehen sollte, breitete der Morgen seinen scharfen Winterfrost über die Blüten der bräutlichen Hoffnung und sie welkten alle. Auch Du mit Deinem bescheidenen, einfachen Wesen, die Du geschaffen schienst, um friedlich über die Erde hinzugehen, unbeachtet vom Geschick, das die stolzen Herzen trifft und die reichen Gemüter prüft, auch Du mußtest bluten, ein stillduldendes Opfer der von Leidenschaften bewegten Welt. Doch der Stern eines schönern Morgens war ja aufgegangen in Deinem Herzen und weckte Blüten, die die Erde nicht geboten, wider die der feindliche Winterfrost nichts vermochte, die von dem Tau des himmlischen Friedens und von den Thränen des irdischen Schmerzes zugleich genährt, nur desto reicher sich entfalteten und desto lieblicher aufdufteten der Heimat zu. Nicht in ein anderes Land ist Deine Seele übergegangen, sie war ja schon hienieden losgebunden von den Fesseln zeitlicher Wünsche, war hienieden schon eine Pilgerin nicht zum Himmel, sondern im Himmel. Die Thräne, die auf Deine Leiche fällt, gilt nicht Dir, deren Glaube zum Schauen geworden ist, sie gilt der Welt, die nicht einmal für Dein anspruchsloses Herz eine ruhige Stätte hatte. Ja, wir sind Gäste und Fremdlinge auf Erden!

Indem Hold sich tiefer hinabbeugte, weniger um die Tote näher zu betrachten, als vielmehr, um seine Thränen zu verbergen, sah er neben Maria den goldenen Abendmahlskelch liegen, der seit 1459 der Gemeinde gedient[4]. Dieser Fund ergriff ihn wie eine Botschaft aus der Höhe. Mit siegender Kraft kehrte sein heiterer Glaubensmut in seine Brust zurück. Er faßte schnell das ihm und der Gemeinde so werte Kleinod, hob es hoch empor in der Linken, während seine Rechte wie segnend über den Häuptern der ihn umgebenden Gemeinde lag. Sein freudeverklärter Blick ruhte am Himmel, durch dessen leichte Wolken eben die Sonne brach, deren Strahl die grause Zerstörung umher beleuchtete, zugleich aber über das Antlitz Hold’s einen Schimmer ergoß, in welchem sich seine innere Gottesfreudigkeit klar und glänzend abspiegelte. So stand er auf der höchsten Stelle der zertrümmerten Werfte, den Mittelpunkt eines wunderbaren Gemäldes bildend. Zunächst an ihm Maria’s Leiche in halbsitzender Lage, wie eine fromme Schülerin zu den Füßen ihres Lehrers, das Gesicht mit dem mildesten Frieden des Todes in den Zügen gleichfalls dem Himmel zugewendet. Die Gemeinde ringsum in den mannigfaltigsten Stellungen mit mehr oder minder deutlichen Zeichen der Ermattung; Alle nur in leichter Kleidung, der man die Verwirrung der Nacht ansah, die Männer mit freiem Nacken und offener Brust, die Frauen und Mädchen mit dem langen, nassen Haar, das über die Schultern herabfiel; bei dem Einen das Antlitz ganz verklärt im Aufschauen zum Herrn, bei dem Andern ein Zug von Trauer und Wehmut beim neuen Anblick der Vernichtung ihres irdischen Glückes; die Kinder furchtsam umschauend und den Eltern sich anschmiegend, als sähen sie die Schreckbilder der vergangenen Nacht noch einmal zurückkehren. Dabei die zerrissene Werfte, hier in tiefen Höhlungen ausgewaschen, dort in steilen Abbrüchen und herumliegenden Erdhaufen einem gesprengten Festungswall gleichend. Auf der einen Seite das halbgesunkene Balkengerüst, der einzige Ueberrest der Wohnung Hold’s; auf der andern die Aussicht über die glatte Fläche des Landes hin, voll zerstreuter Trümmer, die durch einzelne Streifen des am Morgen gefallenen Schnees von dem dunklen, feuchten Grunde gehoben wurden. Weiterhin das Meer, dessen Wellen nach der Erschütterung des letzten Sturmes noch in ungewöhnlicher Bewegung waren und die Macht bezeugten, die solche Zerstörung angerichtet. Das Ganze gab ein Gemälde, das in seiner Wahrheit jede Schöpfung der Phantasie weit hinter sich zurückließ.

„Fürchte Dich nicht, Du kleine Gemeinde!“ rief Hold. „Siehe der Herr ist Dir nahe! Wie der Regenbogen nach der Sündflut der Welt ein Zeichen und Zeugnis war, daß Gottes Gnade fortan größer sein werde als ihre Schuld, so giebt Gott uns diesen Kelch, der so vielen Geschlechtern gedient, und der so manche Sturmflut überdauert hat, heute wieder zum Zeichen und Zeugnis, daß er sich unser erbarmen will mit alter Lieb’ und Treue. Fürchte Dich nicht, Du kleine Gemeinde! Der Gott, der Jesum Christum in die Welt gesandt, daß Er den Kelch der Versöhnung fülle mit Seinem Blute, der Gott spricht durch dies Gefäß der heiligsten Feier zu Dir: Ich will Dich nicht verlassen, noch versäumen! Herr, wir halten fest an Deinem Worte! Herr, wir bauen auf Deine Zeugnisse! Wer mag noch daran gedenken, was diese Nacht ihm genommen? Wessen Brust ist nicht durchströmt von dem Trost aus der Höhe? Wessen Herz schlägt nicht kindlich froh dem Vaterherzen droben entgegen? Er hat Seinen Boten vorausgesandt, diesen Kelch. Er ist da und teilet einem Jeden aus Seiner reichen Fülle. Er ist da und mit Ihm weltüberwindende Kraft und freudige Hoffnung. Er ist da, Du Tochter Zions, und hat aufgerichtet in Deinem Herzen Sein Heiligtum, dessen Grund ist der Fels der Zuversicht, dessen Säulen sind Licht und Gnade, dessen Altar ist Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens, dessen Zinne ist Friede und Seligkeit. Arm und hülflos, wie wir aus dem Mutterschoße hervorgegangen sind, stehen wir wieder vor Ihm. Er will uns neugeboren werden lassen, daß wir fortan ganz die Seinen sind, genährt nur von der lautern Milch des Glaubens, stark nur in Seiner Stärke, reich nur in Seinem Reichtum, selig nur in Seiner Liebe. Herr, unser Gott, hier sind wir! Wir sind Dein; Deines Reiches Erben, nicht mehr Kinder der Zeit!

Das Zeitliche vergeht der Zeit zum Raube;

Doch ewig bleibt die Liebe und der Glaube!


[3] Dieser Knabe, in dem Kirchenbuche der nun der nächstgelegenen Insel zugepfarrten Gemeinde das vorletzte Kind, — die nach dem frühen Tode der erstgeborenen jetzt älteste Tochter des Verfassers dieser Novelle ist das letzte, — wurde in der Taufe: Johannes (Gott ist gnädig) genannt.

[4] Dieser Becher befindet sich jetzt in der Kunst- und Antiquitätenkammer in Kopenhagen.