Vorn’ in dem Felseingang der umschatteten Höhle des Waldes
Saß, in düst’re Gedanken vertieft, der Thesbit, Helias,
[1]
Gottes Prophet. Am Karith, dem lautaufrauschenden Bergstrom,
War in des Waldthals Nacht die Höhle
[2] geborgen, und ringsher
Faßte die steilaufragende Wand das öde Gefild’ ein,
Wo nur selten die Spur sich wies umwandernder Menschen.
Schon entschwand ein Jahr im eilenden Laufe, daß dorthin
Jesabels Wuth ihn trieb, des fluchbeladenen Weibes:
Weil sie Gott, den ewigen, wahren, und einen verläugnend,
Baal,
[3] dem Götzenbild’, Altär’ in den Hainen und Tempeln
Weihte zum schändlichen Dienst’, erwürgte die Schüler der Seher,
Und noch immer zur Qual für Israel, Schande für Achab,
König und Gatten zugleich, der ihr nicht wehrte die Schandthat,
Wüthete, bis der Prophet, vom Geiste getrieben, vor ihn trat,
Ihm verkündend Jehova’s Gericht: „Nicht Thau und nicht Regen
Solle befeuchten das Land, bis er’s nicht selber versühnet.“
Jetzt entbrannte des Mittags Gluth. Kein kühlendes Lüftchen
Drang in die Schlucht. Ein Feuermeer durchwogte den Luftraum —
Hatte die starrenden Bäume schon lange des Laubes beraubet,
Lange verschlungen das Grün in der Niederung, lang’ auf den Höhen.
Oben am Felsriff stand, verschmachtend, die Gemse. Die Hirschkuh,
Und das flüchtige Reh, die keine Jungen geworfen
Seither, lagen, erschöpft, im vertrockneten Bette des Bergstroms
Karith, der die schäumende Fluth aus schwindligen Höh’n sonst
Durch sein Felsenbett’ herwälzte mit lautem Getümmel.
Gähnend öffnete sich der Grund, und lechzte nach Labung
Ringsum. Also verzehrte das Land der Fluch des Propheten.
Sieh’, nun kam ein Jüngling, hold und lieblichgestaltet,
Von den Höhen herab! Ein Pilger schien er von Anseh’n,
Der, voll Hast, mit ängstlichem Blick, durchforschte des Waldthals
Krümmungen: ob er, verirrt, nicht erspähte den Pfad in die Heimath?
Dürres Laub umhüllte den Grund; doch rauschet’ es leis’ nur
Unter dem Fuß des Schwebenden auf, wie ein fernes Geflüster.
Jetzt erhob Helias die gramerfülleten Augen
Von dem Boden, und sah dem nahenden Fremdling’ entgegen.
Dieser hielt, wie erstaunt, nicht ferne dem Felsen, und sprach so:
„Friede mit dir, holdseliger Greis, allhier in der Wildniß.
Kannst du mir sagen den Pfad, der sicher mich leite zur Heimath?
Fern’ ist sie. Wohl hörte ich dort den Nahmen Jehova’s
Preisen, und kam, und flehte zu ihm an heiliger Stätte;
Doch, heimkehrend, seh’ ich mich jetzt verirrt im Gehölz hier.
Heiß ist der Tag: o gib dem dürstenden Pilger die Labung!
Aber verkünde mir erst, warum denn weilst du hier einsam?“
„Labung verlangst du von mir,“ sprach jener, „nicht biethet des Bergstroms
Quelle sie mehr. Vernimm, und erzähle den Deinen den Jammer,
Heimgekehrt, der Israels Volk so schrecklich belastet.
Seit hier Jeroboam,
[4] der König, Gottes Gebothen
Treulos, Götzen Tempel erbaut’, und im Haine den Altar
Weihte zum schändlichen Dienst: seit jenem unseligen Zeitraum
Herrschten König’, ihm gleich gesinnt; doch keiner wie Achab
Frevelnd, weil er Jesabel sich erwählte zur Gattinn:
Eine Sidonierinn, Ethbaals, des Priesters Astartens,
Tochter, der den tyrischen Thron, ein schändlicher Mörder,
Sich gewann, da er meuchlings erwürgte den König Philetus.
Erbend die Mordlust schon von solchem Erzeuger, und Götzen
Dienend, war Jehova’s Ruhm dem Weibe zum Gräuel,
War es dem Manne denn auch, der feig dem Weibe gehorchet.
Schnell zu vernichten den Dienst des Herrn, und, gleich der Hyäne
Dürstend nach Blut, warf sie die Prophetenschulen in Trümmer;
[5]
Würgte die Jünglinge dort, zu entreißen die künftigen Lehrer
Unseres Volks im Dienste Jehova’s, des einigen Gottes.
Doch nun trieb mich der Geist des Einigen, daß ich vor Achab
Stand, erfüllet von heiligem Muth’, ihn zur Rede zu stellen:
Rügend an ihm die Schuld und Verblendung, weil er nicht abließ
Noch von unsinnigem Götzendienst, der Israels Herrscher
Schon vor ihm, mit den Ihren zugleich, in Verderben gestürzt hat,
Und verkündend Jehova’s Gericht: „Nicht Thau und nicht Regen
Solle befeuchten das Land, bis ich’s nicht selber versühne:“
Ob er nicht also sich wende zu Gott, die schreckliche Geißel
Fühlend, mit seinem Volk’, und Reu’ errette den Sünder.
D’rauf entfloh ich, Jehova geboth’s, zu entgehen der Rachsucht
Jesabels; floh, geleitet durch ihn, in’s einsame Thal hier,
Wo die Höhle mich barg; wo Raben, vom Vater gesendet,
Fleisch und Brot mir brachten zur Kost am Morgen und Abend,
Und den brennenden Durst ich kühlt’ in den Wellen des Bergstroms.
Schrecklich erfüllte sich schon der Fluch, du hast es erfahren,
Rings im versengten Gefild’, wo Thier’ und Menschen verschmachten.
Aber auch mir versagte der Strom die kühlende Welle:
Denn ach, schon aufleckte der Strahl des glühenden Himmels
Jeglichen Tropfen am moosigen Stein. Was frommt mir das Leben
Fürder? Ich lege mein Haupt zur Erd’, und gedenke, zu sterben.“
„Wie,“ sprach jener erschütternd, „so oft erfahren, durch Wunder,
Hast du Jehova’s Macht, und verzagst, für jetzt an der Rettung?“
Sieh’, und als er es sprach, da ward verjünget sein Antlitz,
Und verkläret sein Leib in glänzender Himmelsgestaltung!
Wenn die Sonne die weitumkreisende Scheib’ an des Ostens
Duftigem Thor’ erhöht im lieblichen Schimmer der Rosen,
Da schau’n wir entzückt, mit thränenumflossenen Augen,
Noch hinüber nach ihr; doch bald aufschwingt sie voll Hoheit,
Sich in des Himmels Blau: vom strahlenden Glanze geblendet,
Sinken die Blicke zum Staub’, und, bethend, bewegt sich die Lippe:
Also sah der Greis in des schnellverkläreten Jünglings
Augen, erstaunt, und senkte den Blick dann, bethend, zum Boden.
Aber der Himmlische sprach zu ihm jetzt mit lieblicher Stimme:
„Mache dich auf, o Greis, den Wink zu erfüllen Jehova’s,
Der g’en Sidon hinaus dich eilen heißt, nach Sarepta,
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Jener phönikischen Stadt, die noch des grausamen Ethbaal’s
Zepter gehorcht! Du staunest dem Wort, weil rings in den Landen
Achab forschte nach dir, und Jesabel glühend vor Rachgier
Wüthet? Fürchte dich nicht. Ein mächtiger Hort ist Jehova,
Der die Witwe erfüllt mit Freudigkeit, daß sie den Abend
Dir ein gastliches Obdach beut, und heimlich ernähret.
Dort den Nahmen des Herrn verherrlichen wirst du, Helias!“
Sagt’ es, und schwand aus den Augen des tieferschütterten Sehers.
Wie uns des Morgens Traum, voll holdumgaukelnder Bilder,
Schwindet, und wir, erwacht, nachsinnen: ob uns nur Täuschung
Also entzück’, ob nicht? — so dünkte dem Greis’ die Erscheinung.
Aber er säumte nicht; schnell ergriff er den Stab mit der Rechten:
Denn die Link’ erhob den weitumhüllenden Mantel
Von dem Boden, und schlang ihn umher an den Schultern und Lenden,
Ueber dem langen Kleid’ aus Lämmerfellen bereitet.
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Also stieg er die Felsen empor, nicht achtend des Schweißes,
Der von der glühenden Stirn’ ihm träufelte, dann von den Wangen
Strömend, hinunter sank in die Silberwellen des Bartes
Ueber der Brust umher, und ging, nicht des Hungers und Durstes
Achtend, der ihm die Zung’ anklebt’ an den trockenen Gaumen:
Denn Jehova geboth, und Muth erhöhte die Kraft ihm,
Freude das Herz, und Wonne die Seele, dem Herrn zu gehorchen.
Mild g’en Westen hinab mit rosenumhülleten Wangen
Sank die Sonn’ im eilenden Lauf’, und liebliche Kühlung
Wehte vom Meere heran, als er mit wankenden Schritten
Jetzt den Thoren Sarepta’s naht’. Aufquoll von den Straßen
Finsteren Staubes Gewölk’, wo, zahllos blöckende Heerden
Von der Weide zum Stall heimkehrten. Sie blöckten so kläglich:
Denn nicht stillte den armen die Trifft, versenget, den Hunger,
Nicht den quälenden Durst der langvertrocknete Quell mehr.
Abgehärmten Gesicht’s, und mit flehendgefalteten Händen,
Standen die Stadtbewohner am Rain. Sie blickten nach Westen,
Blickten nach Süden hinaus, und forscheten: ob nicht am Himmel
Endlich sich weis’ ein Regengewölk’, und der nahen Verzweiflung
Wehre? Nicht bellend mehr, nur winselnd schleppte der Haushund
Langsam dem Eigner sich nach auf der Spur, und legte verschmachtend
Sich vor ihn hin. Sein Aug’ umhüllten von neuem die Thränen.
Nahe dem Thor’ ersah der Greis die Witwe Benaja’s
Häufend das Reisig im Schooß mit rothgeweineten Augen.
Bald von dieser und bald von jener Seite des Weges,
Trug Adoniram, ihr Sohn, die dürren Zweige herüber,
Welch’ er fand, laut schreiend vor Freud’: ein liebliches Kind noch,
Hold an Körper und Geist, der Mutter ergeben und folgsam.
Schnell enthüllt’ ein Himmelsstrahl, vor den Augen Helias
Theilend den Nebelflor, der noch den sterblichen Blick deckt,
Die, von dem Herrn Bezeichnete sey’s, die jetzo sich aufhob,
Und mit zweifelndem Blick’ ihn maß, den seltsamen Fremdling.
Aber er sprach mit wichtigem Blick zu der Staunenden also:
„Friede mit dir, o Weib! Dir Heil, der Witwe Benaja’s!
Heil auch deinem Sohn’, Adoniram! Gib mir zu trinken,
Holend das Wasser im ird’nen Gefäß, das dir noch erübrigt.
Heiß ist der Tag: der Greis ermattete, kommend von fern’ her.“
Jene staunte dem Wort. Nicht unbekannt war ihr, der Heidinn,
Selbst in Sarepta, Jehova’s Macht, und der Ruhm des Propheten
Längst erschollen im Land; doch hatte der heilige Mann sie
Nie gesehen zuvor — und er nannte Geschlecht ihr und Nahmen?
Schweigend ergriff sie des Knaben Hand, und wandte die Schritte
Heimwärts, daß sie den Labetrunk, den dürftigen, letzten,
Holte herbei: sich mild an dem flehenden Greise bewährend.
Lächelnd blickt’ er ihr nach; er dacht’ im Geiste des Segens,
Den der Himmelsbothe verhieß, und freute sich innig.
Laut nachrief er zugleich der Eilenden: „Bringe vor allem
Auch ein Stückchen Brot mit dem Krug, mir den Hunger zu stillen.“
Jene wandte betroffen sich um. Ihr bebten die Lippen
Ob des unendlichen Weh’s in der Brust, und mit Thränen begann sie:
„O, so wahr Jehova, dein Gott, der lebende Gott ist —
Denk’ ich der Götter hier, die taub und stumm, nicht erhören
Unser Gebeth, ich habe daheim kein Brot und Gebäck mehr;
Nur des Mehles im Kasten so viel, als ich mit den Händen
Faßte zur Noth, und das Oehl?
[8] — kaum deckt es im Kruge den Boden!
Eben las ich das Reisig mir auf, den dürftigen Vorrath
Will ich daheim für mich und das Kind nun backen, und essen —
Essen, und dann? Wir wollen zur Ruh’ uns legen, und sterben.“
Schluchzend sprach sie das Wort; Helias entgegnete sanft ihr:
„Fasse Vertrauen zu Gott, dem Ewigen! Brot noch die Fülle
Backst du für dich und das Kind dann später: mir sollst du bereiten
Einen Kuchen zuvor, und heraus ihn bringen zur Labung.
So spricht Israels Gott, Jehova: „Nicht sollst du im Kasten
Missen das Mehl, nicht im Kruge das Oehl, bis, gnädig, Jehova
Wieder zur Erde herab euch sendet gedeihlichen Regen.“
Nicht begriff die Weinende noch den heiligen Seher,
Der, die Trauer ihr bald in Freude zu wandeln, herankam.
Aber sie naht’ ihm schnell, und begann mit leiserer Stimme:
„Wohl erscholl uns der Ruf: daß rings, in den Reichen der Völker
Achab forsche nach dir, und selbst nach dem Leben dir strebe,
So zur Rache empört durch Jesabel. Siehe, die Nacht sinkt
Dunkel herab; ein Fremdling stehst du im fremden Gebieth hier!
Möchte es dir gefallen, o Herr, in der armen Behausung
Deiner Magd für heut’, und die künftigen Tage zu weilen!
Sicher wohnst du bei mir, der Witwe. Wir wollen dich bergen
Vor dem lauernden Feind’, und pflegen mit Lieb’ und Ergebung.“
Sagt’ es, und eilte voran. Ihr folgte der Greis in den Vorhof,
Dann die Treppe hinauf in die Kammer des Oberen Hauses,
Das von dem Vorhof sich erhob: der stillen Betrachtung,
Wie des Gebethes Stunden geweiht, und dem Fremdling zur Herberg’.
[9]
Als er den Stab gelehnt an die Wand, und den wolligen Mantel
Hin auf das Lager gelegt: da brachte geschäftig die Hausfrau
Wasser im Krug’, und das Becken herbei. Sie dünkte: der Krug sey
Voller denn erst, und reichte den Trunk dem Greise zur Labung.
D’rauf, als dieser, nach Lust, mit zurückgebogenem Nacken,
Schlürfte vom labenden Krug’, und ihn, dankend, wieder zurückgab,
Sank sie vor ihm auf die Knie’, und begann ihm die Füße zu waschen,
Rufend auch ihren Liebling herbei, mit ermahnenden Worten:
„Komm, mein Kind, und wasche mit mir die Füße des Greises,
Daß du den Fremdling einst bei dir gastfreundlich zu ehren
Lernest, und so durch Mild’ und Erbarmung dir Segen bereitest!“
Alsbald eilte das Kind, den Lehren der Mutter gehorsam,
Näher; sank auf die Knie’, und hielt mit den Händchen die Füß’ ihm:
Heftend den Unschuldsblick auf den Lächelnden. Aber er legte,
Segnend, ihm die Händ’ auf das Haupt, und sagte mit Rührung:
„Mögest du, treu dem Gesetz, vor Jehova wandeln in Unschuld:
Dann ist Fried’ in deinem Gemüth’, und Segen die Fülle
Blüht um dich her, und blüht um die Deinigen immer und ewig!“
Als sie jetzt, ihm trocknend die Füße, die freundliche Handlung
Endete, ging sie hinaus, auf dem Herde den Kuchen zu backen.
Dort eröffnend den Kasten — starr, und des Athems beraubet,
Stand sie den Augenblick: denn voll von der Blüthe des Mehles
War der Kasten, und voll vom köstlichen Safte der Oehlkrug.
Ach, sie vergaß im freudigen Schreck des Kuchens und Backens;
Eilte die Treppe hinauf, und schlug die Hände zusammen;
Jubelte, schrie, und weint’, und lachte zugleich vor dem Seher;
Schauend den Ueberfluß nach drückender Noth und Entbehrung!
Jener lächelte nur, und pries im Geiste Jehova’s
Nahmen. Sie ging; bereitete nun die köstliche Nahrung
Schnell, und sie aßen darauf. Nicht schmolz das Oehl in dem Krug mehr,
Nicht in dem Kasten das Mehl in des Jahr’s umrollenden Tagen.
Sieh’, auf dem Söller erging sich einst, in der Stille des Abends,
Bethend, der Greis! Ihm pochte die Brust in freudiger Rührung:
Denn schon nahte der Augenblick, wo, kräftig im Glauben
An Jehova, den Herrn, sich erhebe die Witwe Benaja’s,
Da verherrlicht vor ihr sich erwies die Macht des Propheten.
Aber des Weibes Kind, voll zartaufblühender Schönheit,
Welkte dahin, wie Rosenblüth’ im frostigen Nordwind
Welkt, und athmete matt, und matter, und hauchte den Geist aus.
Unten im Vorhof scholl urplötzlich ein Heulen und Weinen —
Scholl des Weib’s Weh’ruf, in der Still’, erschütternd den Ohren.
Alsbald hörte der Greis die Jammernde; sah mit Vertrauen
Auf zu dem Himmel, und stieg die Treppe herab in des Vorhofs
Halle. Er saß auf der Bank, und sah, verstummend, vor sich hin.
Aber mit losgewühletem Haar, mit bebenden Lippen,
Starrem Schmerz und Verzweif’lung im Blick, todbleich und vergehend,
Trug die Mutter den Sohn auf den Armen heraus in die Halle,
Nahte dem Seher mit wankendem Schritt’, und legte den Knaben
Ihm zu Füßen. Sie sank mit brechenden Knieen der Last nach,
Stöhnt’ im Fall’, und preßt’ auf die eisigen Lippen des Kindes
Ihren Mund, und bebte vor Schmerz, und weinete laut auf.
Doch nun fuhr sie empor: sie blickt’ umher in dem Vorhof;
Sah dem Propheten in’s Aug’, und begann, mit gefalteten Händen,
Leis’ erst; rief dann laut, schnell, zögernd, entschlossen, und furchtsam:
„Gottes Prophet! Was hattest du hier mit der Witwe... wie sagt’ ich,
Witwe? ja, doch jetzt auch kinderlos! — was zu verkehren
Du mit mir, o Prophet? Betratest du darum die Schwelle
Meines Hauses, daß du Jehova, dem Furchtbaren, Strengen,
Aufhüllst meine Sünden von einst — er strafe die Sünden?
Doch ist die Strafe zu groß, und zu hart dieß entsetzliche Schicksal!
O, du sahst ja dieß Engelskind, die Blicke voll Unschuld,
Sanftmuth, Leben, und Geist! So oft hörtest du selber, wie süß ihm
Tönte vom Munde das Wort, wie gut mein liebliches Kind war.
Doch, nun liegt es entseelt! Da liegt mein Reichthum, mein Alles:
Jetzo bin ich erst arm, Prophet — mein Kind ist gestorben!“
Also jammerte hier die Mutter im schrecklichen Herzleid
Wegen des Sohns, und beugte die Stirn’ jetzt wieder nach ihm hin:
Ihren Augen entfloß ein Strom von Thränen, und netzte
Ihm das bleiche Gesicht, die erstarreten Wangen und Lippen.
Nun erhob sich der Greis: sein Blick voll düsteren Ernstes,
Ruhete lang’ auf dem jammernden Weib; dann sprach er, verweisend:
„Wie, vergaßest du schon der Noth, der Hülf’, und Errettung,
Die Jehova dir schafft’ in der Noth? Des Guten vergißt nur
Also der Mensch, und labt die Erinnerung nur an dem Uebel,
Das ihn manchmal ereilt auf wechselndem Pfade des Lebens?
Hast du Glauben an Gott, den Einigen? Hast du Vertrauen
Auf Jehova’s Macht, unendliche Huld, und Erbarmung?
Hast du solches, o Weib, dann wirst du erringen die Rettung!“
Langsam erhob sie ihr Haupt, und dann den Blick von dem Knaben
Nach dem Greise hinauf, bis jetzt, in der Einung der Seelen,
Ruht’ auf seinem, ihr Aug’; dann sank es wieder hinunter,
Thränenumhüllt. Doch bald gewahrt’ er mit heiliger Wonne,
Wie die Gebeugte die Recht’ aufhob zu dem Himmel, und dorthin,
Erdwärtsblickend, wies, mit verständlichen, stummen Geberden.
„Mutter, gib mir das Kind!“ so rief er, und hob es vom Boden
Alsbald auf, und trug’s (sie sank ohnmächtig zusammen)
Ueber die Treppe hinauf in die Kammer des oberen Hauses
Auf sein Lager. Er fleht’, auf die Kniee gesunken, zum Himmel:
„Herr, Jehova, mein Gott, Alleiniger, Ewiger, Höchster!
Soll die Witwe in Jammer vergeh’n, die gütig mich aufnahm —
Vor Verfolgung und Noth, in ihrem Hause verbergend,
Rettete? Soll sie vergeh’n, ihr Kind in den Armen des Todes
Schauend? Von dir kommt Hülfe; du bist allmächtig und gütig.“
Als er die Worte gesagt, da beugt’ er sich über den Knaben
Dreimal hin. Er hauchte mit kraftaussprühendem Odem
Ihm in das toderblaßte Gesicht, und drückte die Lippen
Dreimal ihm auf den Mund; dann knieet’ er wieder, und rief so:
„Herr, du sprichst zu dem Berg: stürz’ ein — und er sinket zusammen!
Rufest dem Sturm’: er fährt in brausendem Flug’ auf des Meeres
Fluthen einher, und wühlt sie, entsetzlich, rings aus dem Grund’ auf.
Du gebiethest dem furchtbar’n Blitz, und in rauchenden Trümmern
Liegt, vernichtet, die Stadt. Dein mächtiger Odem beweget
Sonn’, und Mond, und die Sternenheer’ im unendlichen Weltall:
Hauch’ in dieß Kind, Allmächtiger, jetzt den Athem des Lebens!“
Als er es rief: da fuhr ein Strahl in Windesgesäusel
Durch die Decke herab, und hellte die Stirne des Knaben.
Alsbald regten zum Leben sich die erstarreten Glieder:
Liebliches Roth umzog die erbleichten Wangen. Nicht anders
Wie die rosige Früh’ auf die schneeigen Lilienblätter
Hauchet den Purpurglanz: so erglühten die Lippen und Wangen
Ihm; doch jetzt aufschlug er die festgeschlossenen Lieder;
Sah mit verkläretem Blick den Himmel, den weinenden Greis an;
Setzte sich auf in dem Bett’, und schlang mit leisem Gewimmer,
Festumklammernd, ihm die Händ’ um den Nacken, und küßt’ ihn.
Freudig erhob ihn der Greis auf den Arm, und trug ihn die Stufen,
Eilenden Schrittes, herab, daß sie dröneten. Doch Adoniram’s
Mutter saß, schwerathmend noch, nach dauernder Ohnmacht,
Dort auf der untersten Stuf’, und senkt’ ihr Haupt zu dem Busen.
Aengstlich horchte sie jetzt dem Geräusch’: ihr bebten die Glieder —
Schlug das ermattete Herz in empörteren, stärkeren Schlägen
Bis zum Halse hinauf, und droht’ ihr schnelle Vernichtung.
Sterbend vor Angst, nicht wagte sie, hin die Blicke zu wenden;
Doch als —„Mutter!“ erscholl aus dem Munde des jauchzenden Kindes,
Fuhr sie empor: denn Schreck, und Schauder, und kaltes Entsetzen,
Faßten, wechselnd, sie an, und, als ihr Wiedererweckter
Lebend, und warm, und hold, und reizender als er zuvor war,
Ihr an dem Hals hing, o, da stürzte sie schnell auf die Knie’ hin,
Hielt ihn dankend empor, und sagte dem göttlichen Manne,
Der an der seligen Schau sich weidete, laut und entschlossen:
„Ha, nun glaub’ ich fest, daß Jehova der Einige Gott ist,
Der durch dich, den wahren Propheten, des ewigen Lebens
Heiligen Pfad mir wies — barmherzig, und gütig, und mild ist!“
„Recht, o Weib,“ so rief Helias, „du sagtest die Wahrheit!
Manches beginnen wir hier in den Tagen der irdischen Wandrung —
Schaffen, und bau’n gar viel des Nichtigen; suchen, und irren;
Dünken uns oft am Ziel’, in des Fleisches enger Begränzung
Fern’ umirrend von ihm — des ungehorsamen Stolzes
Frühes Geschick’! Als dort der Schöpfer hinaus in das Dunkel
Stieß das Geschöpf, da gab zur Leiterinn er ihm den Glauben.
Hoch vom Himmel herab, in die Nacht all’ endlichen Strebens,
Strahlt sein Licht, und leitet allein zum Ziel’ uns hienieden:
Denn es leitet zu Gott, dem Ewigen, Wahren, und Einen.
Folg’ ihm getrost: dir hat, o Weib, geholfen der Glaube!“