Zweiter Gesang.

Hoffnung.

Einsam ging den stäubenden Weg der Thesbit, Helias,
G’en Samaria hinauf, wo Israels Könige herrschten.
Amri erbaute die Stadt und die Königsburg, der Erzeuger
Achab’s — beid’ ergeben der schändlichen Götzenverehrung:
D’rum verworfen vom Herrn, und ausgeschlossen vom Erbtheil
Abrahams, Isaaks, und Jakobs, der allverehreten Männer,
Das der Vater vererbt’ auf den Sohn: die Gnade Jehova’s.
Heut’, in dämmernder Frühe, verließ in dem stillen Sarepta
Endlich der Seher das Haus der gastlichen Witwe mit Rührung;
Schied, und segnete noch den schlummernden Sohn und die Mutter,
Die auf den Knie’n mit Thränen ihn bath, daß er weile noch länger
Unter dem freundlichen Dach, wo er Glück und Segen gespendet.
Aber er sprach: „Mich ruft Jehova’s Stimme; vor Achab
Muß ich erscheinen noch heut’, und ihn erschüttern im Herzen:
Auf daß er wiederkehre zu Gott, dem wahren und einen.
Zwei und ein halbes Jahr hast du mich, den Fremdling, beherbergt;
Aber dafür gab Gott dir Segen die Fülle: du hast ihm
Ehre gezollt; schwurst ab Vielgötterei, Trug und Verblendung;
Breitest Jehova’s Ruhm — den Glauben des Einigen Gottes,
Aus in deinem Geschlecht’, und Tausende wirst du beglücken.“
Sagt’ es, und ging. Sie stand, und barg ihr thränendes Antlitz,
Schluchzend, in beide Händ’, und zitterte. Kurz ist das Leben,
Dunkel die Zukunft: d’rum so schmerzlich das Scheiden für Seelen,
Die sich liebend gefunden am Weg’ in die ewige Heimath!
Furchtbar drückte die Hungersnoth Samaria, die Hauptstadt.
Tausende schmachteten, bleich vor Jammer und Elend, und Achab,
König, ach, mit dem Herzen von Stein, gewahrte die Noth kaum!
Aber die Mäuler und Ross’, von erlesener Schönheit und Abkunft,
Welche zu hunderten noch die Ställ’ ihm füllten — mit Ingrimm
Sah er sie steh’n vor der Rauf’, und darben. Er zog mit Gefolg jetzt
Selbst in die Hain’ und Thäler hinaus, wo, murmelnd, der Bach sonst
Ihm ergötzte das Ohr, nach grasumwucherten Räumen
Drüben zu späh’n. Umsonst war all’ sein Mühen und Forschen.
Jetzo rief er Obadia, wildempört in dem Busen,
Der, ein Hüther der fürstlichen Burg, in Eile herankam.
Sanft war dieser, und fromm: Jehova dienend in Einfalt
Seines Herzens mit Freudigkeit stets, und mit redlichem Sinne.
Als die Propheten des Herrn und die Schüler der göttlichen Lehrer,
Jesabels mordender Stahl hinopferte, barg er mit Vorsicht
Hundert Jünglinge Nachts in fernentlegene Höhlen:
Fünfzig in einer, und, gleich an der Zahl, in der andern gesondert,
Fünfzig, und schaffte die Speis’ in der Dämmerung, schaffte den Trunk hin:
Sie zu entreißen der Wuth des grausamgesinneten Weibes.
Achab rief ihm sogleich mit donnernden Worten entgegen:
„Fleug g’en Sidon voraus in die nördlichste Gegend, und forsche
Dort sorgfältig umher im Gehölz’: ob tief in der Bergschlucht,
Auf den mittleren Höh’n, und nahe dem sumpfigen Moorgrund
Sich nicht finde die Quell’ und die grasige Weide zur Rettung
Meiner Lieblinge hier, die ich weit mehr acht’ in dem Herzen,
Als dieß niedrige Volk, das mir vor allem verhaßt ist.
Doch weh’ dir, so ich dich des Ungeschicks, oder des Saumsals
Zeihen sollt’. Ich folge dir bald zu dem dunkeln Gebirg nach.“
Jener beugte sich tief im Staub’, und eilte von dannen.
Sieh’, auf dem Heerweg kam ein Greis ihm entgegen: schon fernher
Däucht’ ihn, er kenne die hohe Gestalt. Die strahlende Sonne
War nicht günstig der Schau; er hielt die Fläche der Rechten
Ueber dem Aug’, und sah mit geschärfterem Blicke hinüber:
Ob er sich täusch’, ob nicht? Er war’s — der Seher Helias,
Ihm bekannt, und verehrt vor allen sterblichen Menschen!
Diesem genaht, warf sich Obadia erst auf das Antlitz,
Huldigend; dann erhob er sich rasch, und sagte mit Ehrfurcht:
„Triegt das Auge mich nicht? Ich sehe denn wirklich Helias,
Meinen Herrn, nach Jahren voll Grams und schrecklicher Noth hier?“
„Ja,“ sprach jener mit Ernst’, „ich bin’s! Doch kehre nur wieder,
Deinem Gebiether und Herrn von mir zu verkünden: Helias
Komme zu ihm. Du staunst — erblassest dem Worte vor Angst schon?“
Doch Obadia sprach in mitleidflehender Stellung:
„Herr! was hab’ ich verbrochen an dir, daß du mich, im Jähzorn
Achabs Rache zu opfern gedenkst? So wahr uns Jehova
Hört: er sandte die Späher jüngst in die Länder, und forschte,
Ringsum, gierig nach dir bei den Königen; heischte den Eidschwur,
Heischte Siegel und Schrift, wo es hieß: du wärst nicht zugegen,
Und du forderst von mir: ich soll nun gehen, und sagen
Meinem Gebiether: „Helias ist da.“ Kaum hätt’ ich den Rücken
Dir gewendet, entführte vielleicht ein brausender Sturmwind
Dich von hinnen; er fände dich nicht, und würde mich tödten.
Ich, dein Diener, o Herr, verehre Jehova von Jugend
Auf mit redlichem Sinn. Was that ich, du hast es erfahren,
Als die Propheten des Herrn dort Jesabel mordete? Hundert
Hab ich vor ihr — je fünfzig in einer Höhle, verborgen,
Und ernähret mit Speise und Trank in redlicher Sorgfalt;
Wie, und du willst, ich soll nun gehen, und sagen: Helias
Komme heran? Mein Herr, es würde das Leben mich kosten!“
Ihm antwortete d’rauf Helias mit flammenden Blicken:
„Ha, ich schwör’s bei Jehova, dem Gott des unendlichen Weltalls,
Dessen Diener ich bin, daß ich heut’ erscheine vor Achab,
Deinem Gebiether und Herrn! Nun magst du ihm künden die Bothschaft.“
Zweifelnden Muthes ging Obadia, jenem zu künden,
Was er gehört. Doch sieh’, auf dem vielbewanderten Heerweg
Fleugt nun weitumher, unendlichen Staubes Gewölk’ auf!
Wie in der schrecklichen Zeit des allzermalmenden Krieges,
Jetzo dahier, jetzt dort aufflammt ein friedliches Dörfchen,
Wo der zürnende Sieger im Zug hinschleudert den Mordbrand;
Aber vor allen die Stadt — der Rauch verfinstert den Luftraum:
So von dem Heerweg hier, so dort von den einsamen Pfaden
Wirbelte Staub empor: denn Achab kam mit den Scharen
Seiner Krieger und Rosse heran, und es drängte das Volk sich
Rings an den schwellenden Zug, und jammerte, hülfebegehrend,
Vor dem König im Staub. Zu Tausenden wuchs sein Gefolg’ an.
Tausende folgten dem Furchtbar’n nach: doch einer, Helias,
Trat, mit heiligem Muth’ in der edeln Brust, ihm entgegen.
Als das Volk aufschrie: „Da kommt Helias, der Seher.“
Hielt der König, betroffen, vor ihm den eilenden Zug an;
Stand, und harrete dort des Kommenden. Jetzo vergaß er,
Was er gedrohet zuvor. Er konnt’ ihm Hülfe gewähren
Gegen den Jammer im Land, so er Regen erflehte vom Himmel?
Also dacht’ im Geist der Götzenverehrer, und rief ihm:
„Ha, bist du’s, der Israel stürzt in Jammer und Elend?
Doch nicht wirst du uns jetzt, wie jüngst, entkommen: du sollst uns
Regen erfleh’n von dem Himmel herab, vom Gotte Jehova,
Den du verehrst! Du hast zum Zorn ihn gereizet — versöhn’ ihn.“
„Nein,“ gab jener zurück, „nur du, dein Vater mit allen
Eures Geschlechts empörtet den Zorn Jehova’s, und brachtet
Jammer auf Israels Volk: dem Baal, dem nichtigen Götzen,
Dienend; ich kündet’ ihn nur, ein Seher Jehova’s, dem Volk’ an,
Daß euch Reue versöhne mit Gott — er Hülfe gewähre.“
Wie das stürmende Meer aufrauscht, Orkanengetümmel
Heulende Wälder durchtobt: so war des empöreten Volkes
Lautes Geschrei, und wechselnd erscholl’s: „Versöhne, Helias,
Uns mit Jehova, dem Gott, dem Einigen, daß er uns Regen
Sende vom Himmel herab! „Astarten die Ehre!“ „Dem Gotte
Baal sey Ruhm und Preis!“ „Versöhne die Götter, Helias!“
Also lärmte die Straß’ entlang, und rings im Gefild her,
Tausendzüngig, das Volk; nur spät, als häufig der König
Stille geboth, verhallte der Lärm und das wilde Getümmel:
Wie die brausende See nach dem langverschollenen Sturmwind
Noch hinwüthet zum Strand’, und Schaum aufspritzet g’en Himmel.
Groß und erhaben stand der heilige Greis in der Mitte
Des, ihn umlärmenden Volk’s. Da war ein Lächeln und Zürnen,
Wechselnd, in seinem Antlitz zu schau’n: der nahen Verachtung
Wehrte die Milde den Weg, und herzversöhnendes Mitleid.
Dräuend erhob er die Recht’, und sprach zu den Horchenden also:
„Schnell hast du vergessen, o Volk, wie gütig Jehova,
Dein sich von Anbeginn her erbarmend, mit deinen Erzeugern
Selber sich eint’ in dem Segensbund’, und ihnen zum Eigen
Gab das Gelobte-Land; wie er dich aus den schrecklichen Banden
Pharao’s führt’ aus Aegypten so, wie die liebende Mutter
Führt ihr strauchelndes Kind an der Hand, mit wachsamer Sorgfalt!
Hat sein mächtiger Arm nicht mitten im röthlichen Schilfmeer
Dir gebahnet den Pfad — ersäuft dort Pharao’s Völker?
Nicht durch die Wüste geleitet zum Ziel’, und durch Wunder genähret?
Du verließest den Gott, den ewigen, wahren, und hast dir
Götzengebilde gemacht. Ihr Sinnlichen, kommt, und erfahret,
Was Jehova’s Rechte vermag: in sinnlichen Zeichen
Sollt ihr’s schau’n, und zu ihm euch wenden mit reuigem Herzen!
König, sende die Bothen voraus: versammle die Priester
Baals: vierhundert und fünfzig sind’s, und die Priester Astartens,
Gleich an der Zahl, die im Hain durch Unzucht — Fluch der Verblendung,
Ehren die Göttinn im schändlichen Dienst’, und vom eigenen Tisch noch
Jesabel nährt! Weh’ dir, da ihr Lieblinge sind die Verruchten!
Schnell versammle sie jetzt auf dem Karmel, daß sich’s erweise:
Ob Jehova, ob Baal der wahr’ und ewige Gott sey?“
Eilig flogen die Bothen davon. Die unzähligen Scharen
Folgten dem Könige nach und dem Seher, der ihm voranging.
Ueber den Rücken des himmelemporgethürmeten Karmels
Führte der Felsenpfad die Keuchenden. Frisch wie ein Jüngling
Eilte der Greis: ihm stärkte die Brust und die wankenden Glieder,
Heiliger Eifer für Gottes Ruhm und die Rettung des Volkes,
Das er vom schändlichen Trug der götzendienenden Frevler
Wieder zum reinen Altar Jehova’s zu führen gedachte.
Jetzt war eine der Höh’n an des Berg’s südwestlichem Abhang
Mühsam errungen im Gluthenhauch des nahenden Mittags.
Dort in die Rund’ umher, sonst üppig mit Grase bewachsen,
War verbreitet ein Wiesenplan, und, gränzend, umgab ihn
Dunkeles Zederngehölz. Helias hielt in der Mitte
Jetzt mit thränendem Blick’ am frechzerstöreten Altar
Still, der, einst Jehova geweiht, nun, Jammer zu schauen,
Lag zerstreut in dem Schutt durch Jesabels frevelnde Rachsucht!
Sinnend stand der Prophet. Er sah, nach Westen gewendet,
Ueber die Zedern hinaus auf des Meer’s endlose Gewässer;
Doch nun ruhte sein Aug’ im Süden am bläulichen Oehlberg,
Nahe der heiligen Stadt Jerusalem; dann auf dem Hügel
Golgotha’s, wo er, im Geist, die Tage der herrlichen Zukunft
Sah, und Vollendung und Licht, wo jetzt nur dunkele Bilder
Wiesen an sie der Gegenwart verirrte Geschlechter.
Lauter pocht’ ihm die Brust, und heller flammte sein Aug’ auf,
Als er die Händ’ erhob, und, entzückt, Dank blickte zum Himmel.
Aber zum furchtbarn Ernst verwandelte sich des Propheten
Milder Blick, da er rings, die versammelten Scharen betrachtend,
Leichtsinn, Trug, Verblendung, und Schuld ersah in den Augen
Tausender. Jetzt bewegt’ er das Haupt, und rief zu den Scharen:
„Israels Söhne! Warum dient ihr mit wechselndem Sinne,
Nun Jehova, dann Baal, zum Hohne des ersten Gesetzes,
Das in den Doppelstein eingrub der göttliche Führer,
Moses: „Du wirst nebst mir nicht andere Götter erkennen?“
Wer euch Gott ist: Baal? Jehova? — dem solltet ihr dienen.“
Tief verstummte das Volk. Wohl traf die Herzen des Vorwurfs
Flammengewalt; doch Achab stand unferne dem Seher,
Wuthausstrahlenden Blick’s, und Tausende sah’n auf den Furchtbar’n,
Der als König geboth, und die Götzen selber verehrte.
Sieh’, da nahten die Priester Baals: vierhundert und fünfzig
Eileten rasch, mit Gesang und Lärm, von dem Zederngehölz her;
Jene des Götzenhains, hielt Jesabel, fest in der Hofburg:
Denn ihr dünkte der Ruf des verhaßten Helias gefahrvoll.
Jetzt umzog ihm den heiligen Mund ein bitteres Lächeln;
Wahrlich, er lachte sogar leis’ auf, und rief vor den Scharen:
„Seh’t, ich stehe allein! Da nah’n vierhundert und fünfzig
Mächtige Priester des Baal; Betrogene selbst und Betrieger,
Jauchzend heran. Sucht schnell die walddurchweidende Heerd’ auf;
Holt zwei Rinder herbei. Sie sollen dann eines sich wählen:
Auch ich wähle mir eins; nach Opferbrauch das Zerstückte
Legen auf Holz, und rufen zu dem, der ihnen ein Gott ist.
Auch ich thue wie sie; doch hört: das Feuer erflehen
Wir von unserem Gott. Der Feuer uns sendet vom Himmel
So, wie er dort auf Abels, nicht Kains, erhabenen Altar
Sendete, der ist Gott, dem Fragenden gibt er die Antwort.“
Laut aufjauchzte das Volk: „Das soll zum Zeichen uns dienen:
Weise hast du gesprochen, o Greis; wir wollen gehorchen!“
Achab winkte, verstört, dem Volk’ unwilligen Beifall.
Alsbald trieben sie vom Gehölz zwei blöckende Rinder
Durch das umdrängende Volk in die Nähe des ernsten Propheten,
Haltend fest bei’m Horn die Sträubenden. Aber er sah jetzt,
Schaudernd vor innigem Schmerz, Baals festlichgeschmückete Priester
Vor dem König’, und rief, ergrimmt, den Versammelten also:
„Jetzt nur muthig herbei! Ihr habt es vernommen, wie leicht hier
Baal erringe den Sieg. Erbau’t den Altar, und zerstücket
Eines der Rinder nach Opfergebrauch, dem Gotte zu Ehren,
Den ihr verehrt. Beginnet vor mir: euch werde der Vorzug;
Rufet zu ihm mit Macht, daß er spende zum Opfer die Flamme,
Und ich vor euch ein Thor, als Jehova’s Diener erscheine.“
Jene standen verwirrt, und sah’n mit zweifelnden Blicken
Aengstlich sich an. Da trat Asnad, der oberste Priester,
Aus den Reihen hervor, und knirschte laut mit den Zähnen.
Trotz umwölkt’ ihm die finstere Stirn’, und das struppige Haupthaar
Hielt die Binde von Gold, mit dunkeln Zeichen beschrieben.
Auch umfing ihm das schneeige Kleid ein goldener Gürtel,
Das, von Wolle gewebt, ihm gefaltet zur Ferse hinabfloß.
Jetzt erhob er den Stab, und geboth den zagenden Priestern,
Selber nur heuchelnd den Muth, als Angst ihm füllte den Busen;
„Opfert das Rind! Ruft auf zu Baal, dem mächtigen Gotte,
Eifernden Laut’s, daß der thörichte Greis hier stehe, beschämt, dann!“
Rief’s; doch lächelnd still für sich hin, ließ jetzo Helias
Vor Jehova’s zerstörtem Altar’, im Grase sich nieder;
Stützte das Kinn auf die Hand, und sah, wie die hurtigen Priester
Trugen die Steine herbei, und erhoben in Eile des Altars
Viereck, oben den Bau noch mit Erd’ und Rasen bedeckend;
Wie das blöckende Rind sie schlachteten, dann das Zerstückte
Ordneten auf gespaltenes Holz, und das Opfer bestellten.
Jetzo begann, dem Ohr’ entsetzlich zu hören, der Priester
Baals vereintes Geschrei. Sie wütheten, tobten vor Unsinn,
Hüpfend um den Altar, und schreiend: „Baal, du, erhör’ uns!“
So bis zur Stunde des Mittags schrie’n, und lärmten die Priester
Rastlos fort; doch Niemand war, der höret’, und Antwort
Gab vom Himmel herab in Flammen und Donnergetümmel.
Dort erhob sich der Greis, und rief den eifernden Priestern,
Die schwer athmend, und triefend von Schweiß, ihm horchten, noch laut zu:
„Nun wie kommt es, daß Baal nicht höret, nicht sieht, und verstummet?
Ist er vielleicht vertieft in Betrachtungen? Ist er auf Reisen?
Durch Geschäfte zerstreu’t? Ruft laut zu dem Mächtigen. Oder,
Schläft er vielleicht? Ach, ruft zu dem Gott, daß er endlich erwache!“
Höhnte sie so, und lehnte mit vorgebogenem Leib sich
Dann auf den knotigen Stab, die empörteren Priester betrachtend:
Denn sie geberdeten sich gleich Rasenden; riefen, und lärmten
Fort mit erneueter Wuth. Doch ach, nun ritzten die Thoren
Sich mit Messern und Pfriemen den Leib, daß er grauenerregend,
Blutete:[1] so, nach dem Brauch der Götzendiener im Land dort.
Aber schon rückte die Stunde heran, wo Jehova’s Verehrer,
Nach dem Gesetz’, im Tempel das Abendopfer zu weihen
Pflegten,[2]und sieh’, noch kam von Baal nicht Stimme, nicht Antwort.
Jetzt entbrannte der Greis: er warf den knotigen Stab hin;
Winkte dem Volk’, und es trat voll banger Erwartung ihm näher.
Schweigend, mit Thränen im Blick, las er zwölf Steine zusammen
Von dem zerstörten Altar des Herrn (so viele der Stämme
Hatte Jehova erwählt, aus Jakobs Söhnen, und hieß sie
Israels Volk) und ordnete sie zum Opfer mit Sorgfalt.
Rüstige Männer bewegte sein Wink: sie zogen den Graben
Rings so breit, daß der Raum des kornerfülleten Scheffels
Viertheil faßte zur Saat. Er ordnete kundig das Holz dann
Auf dem Altar; zerstückte das Rind, und legt’ es darauf hin.
Jetzt nach vollendetem Werk’ erhob er die Stimme gebiethend:
„Holt vier Kübel Wassers herbei — dann zweimal so viel noch,
Und begießt den Altar, das Holz, und das Opfer Jehova’s.“
Also geschah’s. Da floß von dem Opfer, dem Holz’, und dem Altar,
Strömend, das Wasser hinab in den dunkelen Graben, und füllte
Voll ihn zum Rand’: ein Staunen ergriff die umdrängenden Menschen.
Als die heilige Zeit des Abendopfers genaht war,
Trat Helias, mit Würd’ und ernstumwölketen Augen
Hin zum Altar’; erhob die Hände zum Himmel, und flehte:
„Künde, Jehova, du, Gott Abrahams, Isaaks, und Jakobs —
Ihnen der ein’- und ewige Gott, und Allen und Jeden,
Die mit redlichem Sinn dich suchen, erkennen, und lieben:
Künd’, allmächtiger Gott, dem Volke dich heut’ in des Feuers
Urkraft an, daß es dir, von den Flammen der Liebe durchdrungen,
Diene hinfort, und jetzt nicht zweifle, was ich begonnen,
Sey dein heiliger Wink! Erhöre, Jehova, erhör’ mich
Flehenden, daß es zu dir sich bekehre mit redlichem Herzen!“
Sieh’, in dem Augenblick’ ein Blitz, ein Feuer, unendlich,
Furchtbar, allbetäubend umher im Donnergetümmel
Leuchtete, krachte herab: des Karmels Scheitel erbebte;
Schauernd wogte der Grund; laut heulten die schwankenden Wälder —
Rauschte das Meer! O, Wunder: verzehrt vom rollenden Feuer
War Brandopfer, und Holz, und Stein, und Erde; das Wasser
Leckte sein Flammenhauch aus dem tiefgehöhleten Grund’ auf!
Bleich, und bebend vor Schreck, stand lange das Volk, und besann sich,
Was da gescheh’n? Doch jetzt warf sich die Menge zum Boden;
Achab beugte die Knie’; Baals Priester sah’n sich voll Angst an;
Lautes Weinen erscholl, und Israels Kinder bekannten:
„Herr, Jehova, du bist alleiniger Gott, und Erbarmer!“
Also versöhnete Volk und Land vor Jehova Helias.
Seinem furchtbarn Blick zu entkommen, schlichen die Priester
Baals sich in Eile davon; doch schrecklich entflammte sein Aug’ sich,
Als er die Recht’ erhob, und rief mit zermalmenden Worten:
„Haltet die Schändlichen fest! Hier steh’ ich im Nahmen Jehova’s
Richtend, vor euch, der über den Tod und das Leben gebiethet.
Gottes erlesenes Volk seyd ihr, und Achab, der König,
Nur der Gesalbte vor ihm. Warum verleiten die Frevler,
Höhnend Jehova’s Gesetz, zur Meute, zur Wuth, und Empörung
Also das Volk — verleitend zu Baals unheiligem Dienst hier?
Aber nicht sollen sie künftig mehr euch Lehren des Unsinns
Pflanzen in’s Herz. Ergreift, und führt sie hinab an den Kison;
Würgt sie gesammt, daß ihr Blut mit den rauschenden Fluthen verrinne!“
Achab winkt’ ihm Beifall zu. Da braus’te des Volkes
Menge den Priestern nach, und that, wie Helias gebothen.
Aber, zu Achab gekehrt, begann er ermunternden Blickes:
„Hast du bereuet die Schuld? Wohl dir! Jetzt eile hinüber
Nach dem Gehölz; dort halte das Mahl mit erheitertem Herzen:
Denn mich däucht, schon rauscht fernher gewaltiger Regen,
Und der schreckliche Fluch wird nun von dem Lande genommen.“
Als sich der König entfernt’, da stieg Helias des Karmels
Höhen empor. Er ließ auf dem moosigen Felsen sich nieder;
Senkte das Haupt auf die Knie’, und rief dem Knechte Hakima:
„Schaue vom Felsenrande hinaus auf des Meeres Gewässer,
Während ich bethe, mein Knecht, und künde mir, was du gesehen.“
Sechsmal sendet’ er schon den Knecht, zu erforschen die Meerfluth;
Stets kam dieser, und sprach: „Ich gewahrete nichts, mein Gebiether!“
Aber zum siebenten Mal, vernehmend die Stimme Helias,
Sprang er heran, und rief: „Ich sah aus den Fluthen des Meeres
Steigen ein winzig Gewölk, wie die Faust des Mannes an Umfang.“
„Nun,“ gab jener zurück, „nun eile hinunter zu Achab:
Möge er spannen die Ross’ an den Wagen, und denken der Heimkehr,
Sonst ereilet ihn noch auf dem Weg’ unendlicher Regen.“
Kaum lief dieser dahin, so stieg empor an dem Himmel
Schwarzumnachtendes Wettergewölk. Des Windes Vermögen
Braus’te heran. Nicht lange, so stürzen des Himmels Gewässer
Nieder im prasselnden Flug’, und tränken die dürstenden Fluren.
Achab schirrte die Ross’, und eilte gen Jesreels Mauern,[3]
Flüchtend, hinab. Helias sann, aufschürzend den Leibrock,
Ihn mit begeisterndem Sang vor allem Volke zu ehren,
Weil er sich abwandte von Baal, dem nichtigen Götzen.
Freudig sah er zuvor, des sanftherrauschenden Regens
Fluthen betrachtend, hinaus nach Bethlehems Hügel, und rief so:
„Groß sind deine Erbarmungen, Gott, Jehova, mein Retter,
Dein’ Erbarmungen groß! Du tränkst den lechzenden Boden
Wieder, und lässest ihm das Gras und die Saaten zur Wohlfahrt
Deiner Geschöpf’ entkeimen, und blüh’n, und Früchte gewinnen.
Auch des Sünders gedenkst du mit Huld! Ich schaue die Hügel
Bethlehems dort, und möcht’ ausrufen in jauchzender Wonne:
„Thauet, ihr Himmel, sanft! Strömt, Wolken, herab den Gerechten![4]
Oeffne dich, Erde, dem Keim’: ihm entsprieße der Retter Ihr Stämme
Israels, streckt die Zweige nur aus, und blühet, und traget
Köstliche Frucht: der Tag des Herrn ist nahe!“ So ruft einst
Laut ein Seher im Volk von Israel. Glühend verlang’ ich
Seine Tage zu schau’n — verklärt ihn am Tabor zu schau’n, ich,
Seliger! Doch Jahrhunderte flieh’n noch dunkel vorüber,
Eh’ er zerstöret das Reich der Sünd’ und des ewigen Todes;
Gründet des Lichtes Reich, und, der Wahrheit Segen verbreitend,
Völlig vernichtet den Götzendienst. Wie lechzen die Frommen
Glühend nach ihm! Was stillt den Hunger und Durst nach Erfüllung
Seiner Verheißungen? Sie — der qualbeladenen Menschheit
Milde Trösterinn, sie, des Himmels Segen: die Hoffnung!“