Dritter Gesang.

Liebe.

Aus zerrißnem Gewölk’, am schimmernden Thore des Abends,
Sah die scheidende Sonne heran, und hellte die Zinnen
Jesreels, als das Gespann des Königs durch räumige Hallen,
Donnernd, fuhr, und die stille Burg aufregte zum Leben.
Achab kam verstört vor Jesabel. Herrscherinn war sie
Ueber den Herrscher des Volks — er, feig’ ergeben den Launen
Des so grausamen Weibes, und leicht zum Bösen zu lenken.
Zwar erschütterte heut’ auf den Höh’n die Stimme Jehova’s,
Sprechend im Donnerruf, sein Herz, und der fromme Helias
Hoffte für Israels Volk heilbringende Tage der Zukunft.
Doch nur am Irdischen klebt das Herz des Irdischgesinnten,
Sündig, fest. Wie die leuchtende Sonn’ auf den Höhen des Nordpols
Von dem erstarrten Gefild nicht die Rinde des Eises hinweg schmelzt:
So nicht wärmt, nicht belebt sein Herz der himmlischen Wahrheit
Strahlendes Licht, bis ganz für das Ewig’ es stirbt, und erstarret.
Jesabel wüthete, als sie vernahm, daß Helias die Priester
Baals erwürgen ließ an dem Felsengestade des Kison.
„Ha, mich strafen die Götter,“ so rief sie vor ihrem Gefolg’ auf,
„Wenn ich an ihm nicht dort ein Gleiches mit Gleichem vergelte
Morgen im Abendlicht, zur Stunde des schändlichen Frevels!“
Furcht ergriff Helias, den Greis. Er wandte sich, flüchtend,
Nun g’en Berseba,[1] wo er den treuen Hakima zurückließ;
Dann nach der Wüste hinaus, wo Arabia’s Steppenbewohner,
Frei in dem freien Gefild, des Städters Sitte verachtet.
Dort im lastenden Alter, erschöpft von der Hitze des Tages —
Jeglicher Nahrung beraubt, ausruht’ er im lieblichen Schatten
Eines Genistbaums;[2] sah, nach dem Tode sich sehnend, zum Himmel;
Rang die Hände zu Gott, ein Flehender, auf, und begann so:
„Nimm mich, Jehova, zu dir! Genug ertrug ich des Schlimmen —
Habe schon lange gelebt, und erreichet die Jahre der Väter:
Bin ich besser denn sie? Laß hier mich sterben, Jehova,
Du, mein Gott — hinüberschlummern in’s bessere Leben,
Wo ich, auf immer entrückt den Wüth’richen, wonnegesättigt,
Ruh’ in Abrahams Vaterschooß’, in ewigem Frieden!“
Sprach’s; dann legt’ er sich dort im Schatten des dunklen Genistbaums
Nieder, und schlummerte sanft. Nun fächelten himmlische Lüftchen
Kühlung ihm zu, und ein höheres Licht erhellt’ ihm die Wangen
Und die erhabene Stirn’: denn sieh’, auf des rosigen Morgens
Fittigen war ihm jetzt der Unsterbliche wieder genahet,
Der schon einst von der waldumschatteten Höhle des Bergstroms
Karith, zieh’n ihn hieß g’en Sidon, zur Witwe Benaja’s!
Sanft berührt’ er sein Haupt, und lispelt’ ihm leis’ in die Ohren:
„Hebe dich auf, Helias, und iß!“ Er blickte verwundert
Um sich her, und ersah den Aschenkuchen, des Landes
Sitte gemäß, im Schooß der glühenden Asche gebacken,[3]
Und den Krug, voll blinkenden Wassers zum Haupt ihm gestellet.
Alsbald aß er, und trank, und legte sich nieder, zu schlummern.
Aber ihn rührte sanft der Unsterbliche wieder am Haupt’ an,
Rufend: „Hebe dich auf, Helias, und labe dich nochmals:
Denn nicht kurz ist der Weg in vierzig Tagen und Nächten,
Fern’ in der Wüst’ umher, zu besuchen die heiligen Stellen
Alle, wo Israels Volk der Herr durch Wunder erhöhte.
So wird Jesabels mordender Stahl dich nimmer erreichen.“
Jener gehorchte dem Wort’. Er aß, und trank, und ermuthigt
Wurde sein Herz, und die Wunderspeis’ erfüllt’ ihm die Glieder
Schnell mit dauernder Kraft, zu ertragen die Mühe der Wand’rung.
D’rauf erhob er sich rasch; ging weiter, und wanderte rastlos,
Bis er den Horeb[4] erreichte, den Berg, der „Gottes“ genannt wird:
Ob der Erscheinung des Herrn auf ihm in den Tagen der Vorzeit.
Doch an dem Fuße des Berg’s, wo hochaufragend, die Felswand
Ueber den Pfad sich bog, ersah er die Höhle, vor welcher
Einst in dem brennenden Dornstrauch Gott dem erhabenen Führer
Israels, Moses, erschien. Schon zitterte goldener Schimmer,
Als die Sonn’ in den Schooß des Abendhimmels hinabsank,
Durch die Gebüsch’, und schaurig wehte der Wind aus den Thälern.
Freundliche Herberg schien die Felsenhöhl’ ihm zu biethen.
Rings verstummte die Welt. Er trat voll heiliger Ehrfurcht
Ein, und ließ auf dem Felsenblock sich nieder, zu ruhen.
Als er im Abendlicht hinstarrte zum Boden, und Bilder
Längstentschwundener Zeit ihn umflatterten: siehe, da scholl ihm
Plötzlich die Stimm’ an das Ohr, erschütternd und lieblich zu hören:
„Wie, Helias, du kommst, verlassend Israels Fluren,
Wo der Thaten so viel’ dein harreten, Gottesgesandter,
Hier in der Wüste zu ruh’n — für Jehova zu streiten, ermüdet?“
Aber er sprach: „Ich habe für Gott, Jehova, des Weltalls
Herrn, gestritten im Kampf’, und die Götzenverehrer gezüchtigt,
Als ich in Israel rings gebrochen sein heiliges Bündniß,
Sein’ Altäre zerstört, und seine Propheten ermordet
Sah mit empörtem Gemüth’. Ich Einziger lebe von diesen,
Glücklich entronnen dem Meuchelschwert; doch fürder gebricht mir,
Altersmüdem, die Kraft, dem Strom des Verderbens zu wehren.“
Sein unsterblicher Freund umschwebte den frommen Propheten,
Unsichtbar, und begann: „Tritt nun aus der Höhle, Helias:
Denn Jehova, dein Gott, barmherzig und gnädig, erscheint dir
Draußen am Berge, wie einst des Volk’s erhabenem Führer!“
Doch Helias erbebte vor Angst — er sollte vor Gott steh’n!
Welches Getümmel erschallt ringsher, urplötzlich auf Erden?
Brausend nahet ein Sturm — hilf Gott: er zertrümmert die Felsen,
Spaltet die Berg’ entzwei! Wohl brauste der Sturm vor Jehova
Mächtig einher, doch war Jehova im brausenden Sturm nicht.
Jetzo wankte der Berg, und bebte der Fels, und die Waldung
Schauderte: Staub flog auf — einstürzten die berstenden Hügel.
Wohl erschütterte rings des Kommenden Nähe den Erdkreis;
Doch nicht im qualmenden Staub, nicht im Erdbeben war noch Jehova.
Finst’res Gewölk umhüllet die Welt; der rollende Donner
Nah’t im Flug’ — ein Blitz, dann tausende, fahren, vereint ihm
Nieder, und d’rauf, urschnell, auch tausendfältiger Donner
Kracht, und wüthet, und tobt, als sollte zerstieben das Weltall.
Wohl ging Donner und Blitz einher vor Jehova, und noch war
Nicht in dem Wettergewölk, nicht im Blitz und Donner, Jehova.
Stille herrschte darauf. Und jetzt, ein wehendes Lüftchen,
Wie nach Gewitterregen im Lenz, es die thauenden Wälder
Sanft bewegt, erklang mit lieblichem, holdem Gesäusel.
Als Helias das Säuseln vernahm, verhüllt’ er sein Antlitz
Schnell mit dem Mantel, und trat aus der Höhle mit pochendem Herzen,
Stand an dem Felseingang, und harrete. Sieh’, ihm erschollen
Wieder die Worte: „Warum weilst du hier einsam, Helias?“
Aber er sprach: „Ich habe für dich, Jehova, des Weltalls
Herrn, gestritten im Kampf mit den Frevlern; doch jetzo gebricht mir,
Lebensmüdem, die Kraft, dem Strom des Verderbens zu wehren.“
„Kehre,“ so rief ihm der Herr, „nun heim durch die Wüste Damaskus;
Schütte das Salböhl aus auf Hasaels Scheitel, und Jehu’s:
Jenem Syriens Thron, und Israels diesem verheißend.
Weih’ Elisa darauf, Sohn Saphats von Abel-Mehola,[5]
Ein in des Sehers Amt: sie werden die Sünder vertilgen.
Tausende dienen mir noch in Israel — beugten die Knie’ nicht,
Flehend, vor Baal, und verehrten ihn nie mit frevelnden Küssen;[6]
D’rum verschon’ ich es noch, dieß Volk; barmherzig und gütig,
Gnädig und mild, langmüthig und treu ist Jehova, sein Gott ihm.“
Tief zum Staube gebückt, anbethete jetzo Helias;
Dann ergriff er den Stab, und wanderte fort durch die Wüsten,
Bis er grünende Fluren ersah, g’en Abel-Mehola.
Dort an dem herbstlichen Tag ging eben der rüstige Pflüger,
Für die ernährende Frucht sein Ackerfeld zu bestellen,
Lenkend die Stiere, gepaart, mit weitumschallender Stimme,
Hinter dem Pflug’ einher. Das regsame Leben erweckte
Freud’ in der Brust des wandernden Greises nach langer Entbehrung.
Doch welch’ mächtiger Landmann ist’s, der, nahe dem Heerweg,
Pflüget sein Feld? Ihm zieh’n eilf Männer gesonderte Furchen
Emsig voraus; er zieht die zwölfte, mit schaltendem Ernst nach.
Ist er den eilfen Gebiether und Herr? Er ist es: Elisa!
Schweigend, blickte Helias nach ihm — er, schweigend, nach diesem
Hin, der jetzo genaht, ihm seinen gewaltigen Mantel
Rasch um die Schultern hing. Elisa erkannte das Zeichen
Hohen Prophetenamt’s; hieß kehren die Pflüger, und eilte
Hinter dem Greis’ einher. Doch jetzt begann er mit Ehrfurcht:
„Gönne es mir, mein Herr, daß ich erst von Vater und Mutter
Scheide mit freundlichem Gruß; dann will ich dir folgen für immer!“
„Wohl,“ sprach jener, „es sey; doch mögen dir häusliche Sorgen
Nicht entrücken das Ziel, das ewige! Denke, was ich dir
Eben verlieh’n, der erhabenen Würde des Amt’s der Propheten!“
Sagt’ es, und ging. Elisa kehrte mit eilendem Schritt heim;
Rief die Freunde herbei, daß sie schlachteten eines der Rinder,
Welche durchpflügten das Feld, und briet das Fleisch an dem Pflug dann,
Den er gelenkt, zerbrach, und zum Feuer aufhäuft’ in dem Hofraum:
Also entsagend dem Pflug und den Sorgen des häuslichen Lebens.
D’rauf genoß er das Mahl mit den Seinigen; drückte die Hand noch
Allen umher zum Abschiedsgruß’, und eilte Helias
Nach, dem er sich geweiht, ein treunachfolgender Schüler.
Trauer erfüllte das Volk: denn Schreckliches war in dem Land dort
Eben gescheh’n durch Jesabel selbst, und des Königes Mitschuld.
Dicht an der Sommerburg von Jesreel grünte der Weinberg
Naboths, des frommen Bewohners der Stadt. Ihm hatte der König
Reichen Ersatz an Geld und Gütern für selben gebothen:
Aber der Israelit verschmäht’, ein heiliges Erbgut
Seiner Väter für Geld und entfremdetes Eigen, zu tauschen.[7]
Achab härmte sich drob; doch Jesabel sandte des Königs
Siegel[8] und Schrift, und ließ (vor Gericht sich dingend der Männer
Lügenbezeugende Schar: als hab’ er Jehova gelästert,
Und den König geschmäht) ihn steinigen draußen am Heerweg,
Auf dem grünenden Rain des kühnverweigerten Weinberg’s.
„Geh’ nun hin,“ sprach sie zu dem Könige, „dein ist der Weinberg:
Naboth lebet nicht mehr.“ Er hieß anspannen die Rosse,
Eilte hinaus, und labte sein Aug’ an dem schnöden Besitz nun.
Doch schon kam, von Jehova gesendet, der furchtbare Richter
Solchen Frevels heran. Ihm nahte Helias am Weinberg;
Stand entrüstet vor ihm, und sprach mit zermalmenden Blicken:
„Deine Hand ist geröthet von Blut. Wie hast du gefrevelt
Jetzt an dem heiligsten Recht’, und, meuchlings, errungen das Eigen
Naboths! Horch, von Jehova verkünd’ ich es: hier an dem Weinberg,
Wo den Gerechten im Volk du ermordetest, sollen die Hund’ einst
Lecken dein Blut; zerreißen voll Wuth, in Jesreels Zwinger
Dein unmenschliches Weib, als, dort aus dem Fenster gestürzet,
Unter des Rosses zermalmendem Huf’, an die Mauer ihr Blut spritzt!“
Achab zittert’, und sprach: „Hab’ ich ermordet den Bürger
Jesreels? Ich vergossen sein Blut? Wann bin ich denn strafbar
Vor Jehova gewandelt? Mein Feind, deß’ kannst du mich zeihen?“
„Ja, deß’ kann ich dich zeih’n, du Abgötter,“ sagte Helias
Jetzt voll Zorn, „du hast, ein niedriger Sclave, dem Weib dich
Feig’ ergeben, und Böses verübt vor des Ewigen Antlitz!
Zitt’re vor ihm: bald wird er dich und die Deinen zerschmettern.“
Als der König die Worte vernahm, da fiel er auf’s Antlitz,
Preßte die Stirne zum Staub’, und weinete laut vor Helias.
Dieser begann von Neuem, und sprach: „Ich sehe die Thränen
Achabs; sehe den Reuigen bald, zerreißend den Leibrock,[9]
Wandeln im här’nen Gewand’, und in Buß’ aufseufzen, und fasten.
D’rum, so spricht Jehova der Herr, verschon’ ich für heut noch,
Wie auch sein Leben lang sein Haus; doch mit dem Erzeugten
Achabs, treffe Verderben es: ja, so soll es geschehen!“
Doch wie erfüllte Jehova das Wort, von Helias verkündet?
Achab zog in den Krieg mit Josaphat, König von Juda:
Auf daß er Benhadad, dem syrischen König, die Freistadt
Ramoth,[10] in Gileads Flur, entrisse vor allen, als Sieger.
Juda’s Herrscher dienete Gott mit redlichem Herzen.
Denkend des Schlachtengeschicks, des wandelbaren, begann er:
„Achab, erforschen wir nicht, ob Huld uns wird von Jehova?“
Jener lieh nur Götzendienern sein Ohr, die ihm Siegsruhm
Kündeten; doch der König von Juda verlangte: Jehova’s
Diener rathe zum Kampf, zum Frieden, wie Gott es bestimmet.
Mürrisch geboth dann Achab, daß Micha,[11] der göttliche Seher,
Schnell erscheine vor ihm und Josaphat. „Künde doch Gutes,“
Sagte der Führer zu ihm, „schon haben vierhundert Propheten
Sieg verheißen im Kampf den Königen.“ Micha versetzt’ ihm:
„Wie Jehova gebeut, so werd’ ich enthüllen die Zukunft.“
Und er trat mit ruhigem Blick vor die mächtigen Herrscher.
Achab begann: „Soll ich um Ramoth in Gilead kämpfen?“
„Sieg,“ so Micha, „verhießen dir schon die weisen Propheten;
Aber Jehova sagt: Ganz Israel seh’ ich wie Lämmer
Auf den Bergen umher zerstreut, die hirtenberaubt sind.
Herrnlos mögen sie nun heimzieh’n, und der Ruhe gedenken.“
Achab rief voll Zorn, zu Josaphat: „Wie ich dir sagte,
Stets weissagt sein Mund nur Böses: ihn treffe Verderben.“
„Wohl denn,“ sprach der Prophet, „so vernimm die Gerichte Jehova’s:
Ein Gesicht, erschütternd und hehr, enthüllte die Nacht mir.
Hoch in den Himmel vezückt, sah ich auf erhabenem Thronstuhl
Sitzen Jehova, den Herrn, und ihm zur Rechten und Linken
Stehen das ganze versammelte Heer der himmlischen Geister.
Von den Stufen des Throns kam rastlos Donner und Blitz her;
Ueber ihm wölbete, gleich dem siebenfarbigen Bogen,
Eine schimmernde Decke sich auf, und es glänzte, verbreitet
Weit, vor den Stufen die Flur, als ruht’ er auf bläulicher Meer’sfluth.
Jetzo erscholl von dort, wie Brausen der stürzenden Wasser,
Wie Posaunenklang und Rollen des Donners, die Stimme:
„Wer bringt Achab dahin, daß er thöricht nach Gilead ziehe,
Ramoth dort zu erringen im Kampf’, und erliege den Feinden?“
Links und rechts begann, wie das Rauschen der Blätter im Sturmhauch,
Unter der Meng’ umher, ein unverständliches Flistern.
Dann aufschwang sich ein Geist auf die glänzende Flur an dem Thronsitz.
So wie ein Stern, vom Nebel umflort, nur düster herabblinkt,
War sein Schimmer erbleicht. Er sah zum Boden, und sagte:
„Ich bring’ Achab dahin: denn ihm weissagen Propheten,
Die ich bethört’, nur Falsches. Er kämpft, und erlieget den Feinden.“
Achab bebte vor Wuth, und sagte: „Du sollest den Hohn mir
Büßen in schrecklicher Haft, mit lastenden Eisen beschweret!“
Und sie führten den Lächelnden fort. Im edelen Herzen
Fühlt’ er sich frei, obgleich den Leib ihm drückten die Fesseln —
Frei von Tyrannenmacht und den Banden des irdischen Lebens:
Denn, erkoren vom Herrn, der tiefverborgenen Zukunft
Ferne Gefilde zu schau’n, entschwang sein himmlischer Geist sich
Freudig der Erdennacht, und schwelgt’ in lichteren Räumen.
Achab’s Ruf empörte die Schlacht. Der niedrige Treubruch,
Weil er mit Benhadad erst jüngst den Frieden beschworen,
Der vor allen auf ihn vordrängte die muthigsten Führer,
Macht’ ihn feig’. Er tauschte die eiserne Wehre des Söldners
Gegen die seine von Gold, jetzt um, und hoffte, vermummet,
So zu entgehen des Todes Geschick’. Doch siehe, von fern her
Schwirrte der Pfeil, und traf ihn fest in die Weiche des Bauches!
„Führt mich heim aus der Schlacht,“ so rief er, und sank in dem Wagen
Auf sein Antlitz hin, und blutete. Aber die Heer’smacht
Floh, zerstreut. Wie, hirtenberaubt, die furchtsamen Lämmer
Irren auf Bergen umher: so floh’n die entmuthigten Krieger.
Achabs rollender Wagen hielt unferne dem Weinberg
Naboths, triefend von Blut: denn dort verhaucht’ er das Leben,
Und die Hunde leckten sein Blut, nach den Worten Helias.
Jetzo ging der heilige Greis mit Elisa von Gilgal[12]
Nach den Höhen von Gaas, in Sarone’s lieblichen Fluren.
Als sie erklommen den Berg, und ruheten, blickte Helias,
Staunend, um sich: er sah den unsterblichen Freund (er allein nur)
Der, von Jehova gesandt, ihm rief: „Der Tag ist gekommen,
Wo Jehova im Sturm und brausendem Feuer dem Erdkreis
Dich entrückt — aufnimmt in die Wohnungen seliger Geister,
Die, nach vollendeter Pilgerschaft, die Krone dir reichen
Ewigen Glück’s, verherrlicht, zum Trost noch später Geschlechter;
Seinem Nahmen zum Ruhm, zur Ermunterung seinem Bekenner:
Auszuharren treu dem Gesetz’, in der Stunde der Prüfung.
Bald vernimmst du den Ruf. Doch siehe, da kommen des Königs
Bothen — Ahasja’s, der, gleich Achab, seinem Erzeuger,
Götzen verehrt! Er fiel, und liegt, verwundet, im Bette.
Hemmend den Lauf der Eilenden, sprich, was Jehova dir eingibt.“
Rief’s, und verschwand. Helias trat den Männern entgegen.
„Ist dem König Jehova nicht Gott? Ihr sollet befragen
Ob er gesunde, ob nicht? Er wird, so richtet Jehova,
Bald aushauchen den Geist, ein niedriger Götzenverehrer.“
Als er’s rief, aufthürmte sich schnell am bläulichen Himmel
Schwarzes Gewittergewölk’, und umnachtete völlig den Erdkreis.
Röthliche Blitze durchzuckten die Luft, und der rollende Donner
Murrete dumpf umher in den tiefverstummenden Thälern.
Jene flohen zurück. Bald sandte der König der Krieger
Scharen herbei mit dem Hauptmann, ihm den Helias zu fahen;
Dennoch wagten sie nicht dem hochbegnadigten Seher
Nah’ in die Augen zu schau’n. Sie riefen hinauf aus dem Thalgrund:
„Gottes Prophete, der König gebeut, schnell komme herunter!“
„Bin ich Gottes Prophet,“ sprach jener, „so fahre der Blitzstrahl
Aus den Wolken herab, und vernicht’ euch, schändliche Söldner!“
Plötzlich zerriß das Gewölk; die weitverbreitete Flamme
Zischte herab; kein Donner rollt’, und siehe, die Krieger
Lagen, entseelt, in dem Staub! So höhnte die folgende Kriegsschar
Gottes Propheten. Auch sie verzehrte die schreckliche Flamme.
Aber der Führer der dritten kam; er sank vor Helias
Nieder, und sprach mit Thränen im Blick: „Verschone mein Leben,
Und das Leben des Volk’s, Prophet des Ewigen, folg’ uns!“
„Folg’ ihm beherzt,“ so rief, unsichtbar, leis’ in das Ohr ihm
Sein unsterblicher Freund. Er folgte den Scharen zum König:
Stand mit strafendem Blick’ an dem Lager des Kranken, und sagte:
„Also spricht Jehova zu dir: Nicht hast du mit Ehrfurcht
Dich gewendet zu ihm, dem Ewigen, sondern vom Götzen
Baal-Sebub, dem Fliegengott’ im Gefilde von Ekron,
Hülfe gehofft; d’rum wirst du nicht mehr verlassen das Lager:
Denn dich ereilet der Tod. Den Abgöttern dien’ es zur Warnung!“
Und Ahasja starb alsbald, wie ihm drohte der Seher.
Aber in Westen sank die wolkenumhüllete Sonne
Tiefer hinab, und sah nur zuweilen mit röthlichem Antlitz
Durch den finsteren Qualm, der, donnerschwer in den Lüften
Gohr. Verstummend ging nach des Jordans schimmernden Fluthen
Mit Elisa Helias hinab. Schon nahte der Zeitraum,
Wo er, der Erd’ entrückt, im Sturm und Donnergewitter
Scheiden sollte von ihm. Dem treuergebenen Schüler
Wollte der mildgesinnete Greis ersparen der Trennung
Bittere Qual. Er stand, hinsinnend, und sagte dann eilig:
„Kehre nach Bethel zurück, zu besuchen die Schulen der Jugend,
Die zu Lehrern des Volk’s erlesene Männer erziehen:
Denn, Jehova gebeut — g’en Jericho muß ich mich wenden.“
Jener begann: „So wahr Jehova der einige Gott ist,
Will ich von dir nicht weichen, o Greis!“ Da liefen aus Bethel
Ihnen die Jünglinge nach, und seitwärts führend Elisa,
Fragten sie ihn: „Weißt du, daß Jehova noch heute Helias,
Deinen Herrn und Meister, von uns und der Erde hinwegnimmt?“
„Ja,“ sprach er, „ich weiß es; doch schweigt!“ und eilte von neuem
Hinter Helias einher. Vor Jericho sagte der Greis ihm:
„Bleibe du hier — mich ruft Jehova’s Geboth an des Jordans
Rauschende Fluthen hinab.“ Sogleich entgegnete jener:
„Bei dem lebendigen Gott, mein Herr, ich weiche von dir nicht!“
Jünglinge standen am Weg’, und fragten, und hörten die Antwort,
Jenen gleich, die heut’ an Elisa sich drängten vor Bethel.
Doch an der Zahl wohl fünfzig, folgten den Beiden zum Jordan,
Schweigend, nach, und erklommen voll Hast dort einen der Hügel,
Der sein grünendes Haupt hoch über die Fluthen emporhebt:
Zeugen zu seyn, wie Gott den erhabnen Propheten hinwegnahm.
Jetzo stand am Gestad des lautaufrauschenden Stromes
Er mit dem Schüler still, und sah mit flehenden Blicken
Himmelempor. Dann rollt’ er den Mantel zusammen, und legt’ ihn
Nieder; schlug in den Strom — o Wunder: da theilten die Fluthen
Links und rechts sich entzwei; gleich festgefügten Mauern
Starrten die grünlichen Wände des Stroms, und, trockenen Fußes,
Wanderten Beide hinab in’s tiefgehöhlete Flußbett,
Und dann jenseits wieder hinauf zum ragenden Ufer.
Hinter dem eilenden Fuß der Wanderer stürzten die Fluthen
Wieder zusammen. So, wie segelnde Nebel des Morgens,
Weitgetrennet von Windeshauch, die Tiefe des Himmels
Zeigen im dunkleren Blau; dann schnell vom brausenden Sturmwind
Wieder vereint, fortzieh’n an dem weitumkreisenden Erdball:
Also stürzten auch hier die Fluthen zusammen, und eilten
Rastlos fort in des ewigen Meer’s verschlingende Tiefen.
Glühend, leuchtete durch das Gewölk die sinkende Sonne;
Hohl her brüllte der Sturm, und, empörend ringsum die Fluren,
Peitscht’ er die Fluth, die blutigroth aufschäumt’, und die Wogen,
Wirbelnd, von einem zum andern Gestad fortschleuderte grimmvoll.
Feurige Blitze zischten umher, und der furchtbare Donner
Rollete nah’ und fern’. Im Aufruhr gohr noch die Schöpfung,
Als der erhabene Greis am östlichen Ufer des Jordans
Bethend, stand. Doch über ihm, hoch in den Lüften, erglänzte,
Nun das dunkle Gewölk’, und der dumpfummurrende Donner
Scholl dort hell, mit ehernem Laut, wie in nächtlichen Stunden
Schallt der Stämme Gekrach, die ein Sturm hinstreckt in dem Waldthal.
Jetzt ergriff er die Hand des theuern Gefährten, und rief ihm,
Schneller athmend vor Hast und Erschütterung, also zum Abschied:
„Segen mit dir, Elisa, mein Sohn! Du wandeltest redlich
Vor den Augen des Herrn. Ermüde nicht, muthig zu kämpfen,
Und zu streiten für ihn — zu verbreiten des einigen Gottes
Heiligen Dienst. Lebt dir ein Wunsch noch im Herzen, so künd’ ihn
Schnell und offen mir an. Gott ruft. Wir sehen uns wieder!“
Jener begann: „In dir, du herrlicher, wohnte Jehova’s
Mächtiger Geist: o würd’ er in doppeltem Maße doch jetzo
Mir Verlass’nem, zu Theil, daß ich kämpfte für ihn, wie Helias!“
„Wahrlich, du forderst viel,“ entgegnete jener, „so höre:
Wirst du mich seh’n, da ich scheide von hier, dann soll es geschehen!“
Jetzt erbraus’te der Sturm, und wirbelte hoch in den Luftraum
Staub vom Gefild’ umher. Des schwarzumnachteten Himmels
Thor flog auf, ein Blitz — wohl tausend Blitze mit einmal,
Tausend Donnern vereint, herstürzten im prasselnden Eilflug:
Faßten, und hoben Elias vor ihm, wie im feurigen Wagen
Durch gluthschnaubende Ross’, empor. Da sah ihn Elisa,
Jauchzenden Rufes, und lief, und schrie: „Helias, mein Vater,
Israels Heer’smacht, du uns entrückt? Der Blitz und der Sturmwind
Sind dir Wagen und Ross’. O Preis dem Lenker Jehova!“
Sagt’ es, und eilte zurück. Da sah er den Mantel Helias
Liegen im Staub’. Er nahm, und küßt’ ihn mit heiliger Ehrfurcht;
Schlug in den wogenden Strom, und, sieh’, dem erkor’nen Propheten
Wich gehorsam die Fluth, daß er trockenen Fußes hinüber
Wanderte! Dort umringten ihn jetzt die Jünglinge, jauchzend,
Weinend vor Freud’ und Schmerz: weil Jehova den Frommen, verherrlicht,
Auf in die ewigen Wohnungen nahm. Elisa begann so:
„Preiset Jehova, den Herrn, in lauten Jubelgesängen;
Ihn mit des Wortes geflügeltem Laut — mit des pochenden Herzens
Heißem, innigem Dank! Barmherzig, und gnädig, und gütig
Ist Jehova. Sein mächtiger Arm erhöhet den Schwachen;
Wirft den Stolzen in Staub. Wie die liebende Mutter des Säuglings
Sich erbarmt, und ihn pflegt mit Liebe: so hat sich Jehova
Seines Volkes erbarmt: verzieh’n Verblendung und Undank.
Habt ihr geseh’n, wie furchtbar groß und erhaben der Herr ist?
Rief dem flammenden Blitz’ und dem brausenden Sturm, und, gehorsam
Seinem Ruf’, entrückten sie schnell den hohen Propheten
Hier mit erschütternder Macht dem armen Leben hienieden.
Mögen die Flammen, die ihr geseh’n, euch mahnen auf immer
An die Liebe des Herrn. Die irdische wird in des Menschen
Brust ein Feuer, verzehrenden Grimms, und, ähnlich des Samums[14]
Glühendem Hauch versengt sie den Keim all’ ewigen Glückes.
Aber der göttlichen Lieb’ uns milderwärmender Lichtstrahl,
Läutert von Schlacken das Herz; verscheucht die finsteren Schatten
Völlig aus ihm, und erhellt es mit nievergehender Klarheit.
Einst, o seliger Tag, wird Gott die läuternden Flammen
Senden vom Himmel herab, gleich feurigen Zungen gestaltet,
Auf sein neues Geschlecht, das er, von Anbeginn liebend,
Sich erkor! Das Alte vergeht, und alles erneut sich
Hier in dem heiligen Reich’ der allerbarmenden Lieb’ einst!“