Welch’ ein Getümmel erschallt auf Edoms sandigen Fluren?
Nächtliche Schatten umhüllen die Erd’, und es strömt aus dem Lichtmeer
Zahlloser Stern’ ihr nur ein schwachumleuchtender Schimmer,
Heute noch zu: denn weit erhellen den wölbenden Himmel
Lagerfeuer umher; das Wiehern der Ross’, und der Krieger
Lautes Geschrei durchfährt die gesonderten Heere mit Schauder.
Doch wie nahet dem wilden Gewirr’ umlagernder Gegner
Jetzt in der Stille der Nacht Elisa, der Seher Jehova’s?
Als Helias der Erd’, im wetternden Feuer entrissen,
Ihm der Prophetenwürd’ erlesenes Zeichen, den Mantel,
Gab an dem Jordan, zuvor: da erfüllt’ urplötzlich die Brust ihm
Heilige Gluth für Jehova’s Ruhm, und er eilte von dannen,
Sein verirretes Volk auf die früheren Pfade des Heiles
Wieder zu führen durch Lehr’, und mächtiger Thaten Vollendung.
Drüben zu Jericho gab er zuerst der schädlichen Quelle
Fruchtbarkeit und Geschmack: nur weniges Salz mit dem Wasser
Mengend, und blickend empor mit festem Vertrau’n zu Jehova,
Und erflehte von ihm die Straf’ auf die Knaben vor Bethel,
Die mit unbändigem Trotz’ ihn verhöhneten: grimmige Bären
Eilten vom Walde heran, und zerrissen Jehova’s Verächter:
Freunde des Bilderdienst’s, und darum die Feinde des Sehers.
Jetzo gewahrt’ er im Feld die Umlagernden. Israels Herrscher,
Joram, einte sein Heer mit Josaphats, Königs von Juda,
Scharen, und Gimals krieg’rischem Volk, der Edom beherrschte,
Daß er, im furchtbarn Bund, zerschmett’re die Völker von Moab,
[1]
Die, von Mesa, dem König’, empört, den Tribut von den Heerden
Ihm verweigerten, kühn gesinnt, und zum Kampfe gerüstet.
Erst an des Todten-Meer’s von Trauer umhüllten Gestaden,
Zog das verbündete Heer g’en Edom, und eilete rastlos
Vorwärts, bis es, verirrt in den Sandgefilden der Wüsten,
Und verschmachtend vor Durst, nach siebentägiger Wand’rung
Laut um Rettung schrie zu den Königen. Joram, der Herrscher
Israels, rief, verzweifelnd, zuerst mit jammerndem Laut’ auf:
„Weh’, im furchtbaren Zorn hat uns Jehova verleitet,
Durch die Wüste zu zieh’n, wo wüthende Feinde, vor Rachsucht
Tobend, uns weitumher die Spuren der Quellen zerstörten;
Wo kein Strom sich ergießt, kein Bach im sanften Gemurmel
Netzt, und kühlet den glühenden Sand: daß Menschen und Thieren
Schwinde der Muth und die Kraft, und wir, ein elendes Opfer,
Fallen durch Moabs Schwert im schmachgebärenden Kampf hier!“
„Wie,“ so entgegnete Josaphat ihm, „du sprichst von Jehova?
Wer ist zur Hand, der uns im Nahmen des Ewigen künde,
Was er im Geiste vernahm — ein gotterleuchteter Seher?“
Eben brachten in sorglicher Hast edomitische Krieger
Einen Fremdling heran, der fern’ an der äußersten Vorhuth,
Schweigend, vorüberging. Ein Späher schien er von Anseh’n,
Von dem Feinde gesandt, in geheim zu erforschen das Lager;
Aber geführt in Jorams Zelt, wo im wichtigen Kriegsrath
Saßen die Fürsten, vereint mit den Feldherrn, sah er die Augen
Aller gewendet nach ihm. Wie er stand, mit den feurigen Blicken:
Klein von Gestalt, ergraut und kahl in der Blüthe des Lebens:
Denn ihm kocht’ in den Adern das Blut, und sein Feuer verzehrt’ ihn,
Rief, ein Staunender, Josaphat aus: „Ha! seh’ ich Elisa,
Saphaths Sohn, vor mir? Dich leitete Gott in das Zelt her.“
Aber Joram begann, voll Hast und Ungeduld, also:
„Sprich, gerühmter Prophet, was hat Jehova beschlossen,
Welchem du dienst? Wird Moabs Volk uns erliegen im Schlachtfeld?
Oder entbrannte sein Zorn, und liefert er jetzo den Feinden
Uns in die Hand? Erforsche den Gott, und verkünde die Wahrheit.“
Finster blickt’ Elisa nach ihm, und sagte, voll Unmuths:
„Wie, du fragst, du Abgötter, mich, den Diener Jehova’s,
Nicht die Propheten Baals, die schon dein herrschender Vater,
Achab, emsig befragt’, und Jesabel nährt’ in der Hofburg,
Sie, die Mutter dir ist, und rathersinnende Freundinn?
Stünde nicht Josaphat hier, der, treu dem Schöpfer des Weltalls,
Keine Götzen verehrt, fürwahr, nicht würd’ ich dir Antwort
Geben, o Fürst! Nun hört: ich komme, gesandt von Jehova!
Schafft den Harfner herbei, daß er eine die Töne der Saiten
Meinem heil’gen Gesang’. Ich künde Jehova’s Gericht’ euch.“
Sagt’ es, und ließ sich am Zelteingang’ auf den wolligen Teppich
Nieder, harrend daselbst des hochgefeierten Harfners,
Der, ein Greis, in den Jahren unendlichen Jammers erblindet,
Schwermuth nährt’ in der wunden Brust, und im Haufen des Volkes
So, wie im traulichen Kreis’ der Freund’, ein Schweigender, weilte:
Denn ihm raffte der Tod die Gattinn und blühende Kinder
Frühe hinweg; er stand, verlassen im einsamen Leben!
Jetzo trat er in’s Zelt. Die Schulter des leitenden Knaben
Hielt er fest mit der Linken, und trug die Harfe mit Sorgfalt
Unter dem Arm, gesenkt in die Höhle der zitternden Rechten.
Sitzend dort auf der Bank, durchfuhr er mit prüfenden Fingern,
All’ die goldenen Saiten zugleich, und in Milde verkläret
Ward sein Gesicht, da er leis’ aufhorchte dem schwebenden Wohllaut.
Dann ertöneten hell und gedämpft, vereinet und einzeln,
Von der Linken und Rechten durchwühlt, die Saiten — es pochte
Allen das Herz in der Brust, bis jetzt, wie lieblicher Westwind
Folgt dem brausenden Nord, und melodisch säuselt am Abend,
Immer sanfterentwirrt aus vielverschlungenen Tönen,
Sich auflös’te dem Ohr die Weise des hehren Gesanges.
Erst aufhorchte dem Harfenklang der heilige Seher,
Ruhigen Blicks; doch jetzt entflammt’ er sich: glühender Purpur
Färbte sein blasses Gesicht; er hob in schwebender Haltung
Von dem Boden sich auf, und begann in hoher Begeist’rung:
„Groß ist Jehova, der Herr: denn Himmel und Erde verkünden
Seine Macht! Du hörst sie im brausenden Sturm’, in des Waldstroms
Lautaufrauschendem Ruf’, in des grünenden Waldes Gesäusel;
Sieh’st sie in wogender Saaten Gold’, in lieblicher Blumen
Glühendem Schmelz’, im Glanz des stern’erhelleten Himmels.
Furchtbar tönt sie im Donnergeroll, und flammt in des Blitzes
Schnellhinzuckendem Flug; doch kündet das pochende Herz dir,
Fühlbarer noch, Jehova’s Macht, des ewigen Gottes,
Blickst du, flehend, empor, und hoff’st von ihm Huld und Erbarmen!“
„Höret Jehova’s Wort, verbündete Völkerbeherrscher!
Grabt nun Gruben im Thal’, und Gruben auf Gruben im Blachfeld:
Denn nicht höret ihr rauschen den Wind;
[2] nicht seht ihr den Himmel,
Schwarzumflort vom Gewölk, das dauernden Regen im Schooß trägt:
Dennoch sollt ihr das Thal, und sollet das Lager erfüllet
Seh’n von gewaltiger Fluth, dem Menschen und Thiere zur Labung.
Moab fällt euch besiegt; doch weh’, ihr grausamen Sieger!
Ist’s nicht genug zu verwüsten die Städt’, und zerstören die Vesten?
Soll von eurem geschwungenen Beil noch jeglicher Fruchtbaum
Stürzen gefällt, in den Staub, und sollen die kühligen Brunnen
Voll mit Sande gefüllt, den Wanderer nimmer erquicken?
Wollt ihr, erboßt, auch noch die reichernährenden Felder
Ueberdecken mit Sand und Gestein, und in Wüsten verwandeln?
Also wüthet ihr bald, getrieben von schrecklicher Rachgier.“
Tief verstummte Jehova’s Prophet; die tönenden Saiten
Schwiegen: er kehrte zurück — dorthin, wo am Rande des Himmels,
Schimmernd in Wolkenhöh’n, ihm winkte der bläuliche Karmel.
Fern’, an des Ostens Thor erhob sich der dämmernde Morgen,
Glühendroth: Verkündiger so des unendlichen Regens,
Oder des erdumbrausenden Wind’s. Doch hatte die Nacht durch
Weder gestürmt der Wind, noch schütteten schwangere Wolken
Dort auf die Erd’ ersehnete Fluth, und sieh’, in des Morgens
Heiliger Opferstunde begrub aufquellendes Wasser,
Klar und kühl, wie Elisa zuvor verhieß von Jehova,
Rings das Gefild’, und labte das schmachtende Volk in dem Lager!
Moabs tapferer Fürst entboth die erlesensten Scharen:
Kühn zu begegnen der Macht der drei verbündeten Fürsten.
Zahllos standen umher an den Marken die rüstigen Männer
Moabs; aber auch wankende Greis’ und Jünglinge harrten,
Kampfgefaßt, und bereit zum Sieg’ und zum Tode, des Feindes.
Als in dem Morgenroth den wachebesorgenden Kriegern
Dort die röthliche Fluth ein See von gährendem Blut schien,
Griffen die Jünglinge, Männer, und Greis’, im Lärm und Getümmel
Schnell zu den Waffen, im Wahn: die jüngst verbündeten Scharen
Hatten, entzweit, sich gemordet im Kampf’, und drüben das Blachfeld
Also bedeckt mit Blut. Sie rannten heran an das Lager,
Rufend: „Moab, dein ist der Sieg, nun sammle die Beut’ ein!“
Aber Juda, vereint mit Israel, brach auf die Gegner
Los mit des Sturmes Gewalt, und so, wie er wüthet im Eichwald,
Zahllos schleudernd herab von der Wurzel die krachenden Stämme:
Also warf das verbündete Heer mit der Schärfe des Erzes
Tausende hin: entsetzlich war der Getödteten Anblick.
D’rauf verfolgten sie mit empörterer Wuth die Verzagten
Rasch durch Moabs Flur; verstopften die rieselnde Quelle;
Deckten den Acker mit Sand und Gestein, und zerhieben des Gartens
Fruchterzeugenden Baum, wie Elisa, der Seher, verkündet.
Kir-Hareseth,
[3] die Königsstadt (unzählige lagen
Schon verwüstet im Schutt) von ragenden Mauern umfangen,
Barg in dem Felsenschooß die Flüchtigen. Mesa, der König,
Both den Schleuderern Trotz, und schlug die stürmenden Scharen
Muthig zurück; doch jetzt, so viele der Gegner auch sanken,
Schwand ihm jegliche Hoffnung dahin. Im nächtlichen Dunkel
Sucht’ er mit tapferem Volk, das kühn dem Tode sich weihte,
Durchzubrechen — umsonst! Da trübt’ ihm den Geist die Verzweiflung:
Denn nicht dienend dem Herrn, Jehova, dem einigen Gotte,
War das Gesetz ihm fremd des Ewigen. Kostbares Blut nur
Könne die Götter allein, so wähnt’ er thöricht, versöhnen:
Nahm den einzigen Sohn, den Erben des Throns, und erwürgt’ ihn,
Opfernd, im Angesicht des umlagernden Heer’s, auf der Mauer.
Josaphats mildes Herz erbebte dem gräßlichen Anblick;
Gimal schäumte vor Zorn: sich schnell von Israels König,
Der sie entboth zu dem furchtbarn Kampf’, und den Jammer herbeirief,
Trennend, zogen sie heim, und Moab athmete freier.
Freudig ging Elis’ aus Sunems
[4] lachenden Fluren
Nach dem Karmel hinauf. Er hatte der Witwe so eben
Rettung verschafft, da zwei holdblühende Söhne der Schuldherr
Ihr entriß, auf dem Markt sie feil zu biethen, entschlossen:
Denn kaum faßten die Krüg’ die unendliche Menge des Oehles,
Das, von Jehova erfleht, der Dürftigen schaffte die Lösung.
Aber in Sunem fand der Prophet stets freundliche Herberg’
Bei dem redlichen Paar, das dort Jehova mit Ehrfurcht
Dienete; nur vermißt’ es im Glück sich mehrenden Wohlstand’s,
Noch den Erben, betrübt. Nun wurde der Wunsch ihm gewähret:
Denn Elisa erbath den überseligen Aeltern
Von Jehova den Sohn, der blühender Schönheit heranwuchs.
Draußen im Aehrenfeld’, umgeben von fröhlichen Schnittern,
Saß der Vater im Schatten des Baums, und blickte mit heißem,
Innigem Dank’, empor zu dem Ewigen. Goldener Aehren
Fülle wogte vor ihm, und heiter lachte die Zukunft.
Siehe, da lief der muntere Knab’ in der Schwüle des Mittags,
Sehnlich, zum Vater hinaus; er drückte die glühenden Wangen
Ihm an die Brust, und der Vater wiegt’ ihn mit Lieb’ auf den Knieen!
Plötzlich entfuhr: „Weh’ mir!“ den erblassenden Lippen des Knaben,
Und er sank, wie entseelt im Schooße des Vaters zusammen.
„Trage sogleich,“ geboth er dem Knecht’, „ihn heim zu der Mutter:
Denn der Knab’ erkrankte, vom Strahl der glühenden Sonne
Schwer getroffen am Haupt’: er wird in der Kühle gesunden.“
Alsbald eilte der Knecht mit der theuren Last zu der Mutter,
Heim. Dem Bebenden schien: nicht athme das liebliche Kind mehr.
Bleicher, denn ihr verblichener Sohn, und stumm vor Entsetzen,
Hob ihn die Mutter sofort auf den Arm, und mit zitternden Knieen
Stand sie, gefoltert von Angst, die noch die Thränen zurückhielt;
Starrete bald auf das Kind, und bald, um Erbarmen und Rettung
Flehend, empor zum schweigenden Himmel. Die Augen verglommen
Ihr, wie die Stern’ im Herbst, die ein fliehender Nebel verhüllet,
Als sie voll Angst dort stand; doch plötzlich flammten sie hell auf.
Ihres Jammers Nacht durchfuhr ein leuchtender Blitzstrahl:
Rufen wollte sie laut, und die bebenden Lippen bewegten
Sich nur leis’. Im Geist’ ermuthiget, flog sie die Treppen
Aufwärts nach dem Gemach’ im Obergebäude des Hauses,
Das dem Propheten sie einst erbaut’, und mit schicklichem Hausrath
Selber versah. Sie legte das Kind mit verwendeten Blicken
Auf sein Lager; verschloß die Thür’, ermuthigt, und eilte
Schnell nach dem Aehrenfeld, wo ihr Gatt’ in den Reihen der Schnitter
Schaltete. „Heiß’ mir den Knecht,“ sprach sie mit verhaltenen Thränen,
„Eilig das Saumthier jetzt aufsatteln: denn zum Propheten
Drängt mich ein wichtig’ Geschäft; bald kehr’ ich wieder von dort heim.“
Jener staunte dem Wort: nur im Neumond, oder am Sabbath,
Ging sie sonst, aus dem Mund des Propheten, die Worte des Heiles
Von Jehova dem Herrn und seinem Gesetze, zu hören;
Winkte dem Knecht’, und bald empor den ragenden Karmel
Trabte das Saumthier hin, geleitet vom redlichen Diener
Sorglich am Zaum’, und tragend die Frau zur Wohnung Elisa’s.
„Siehe, die Sunemitinn kommt,“ so sprach zu Ghiesi,
Seinem Knecht, der Prophet, „lauf’ ihr entgegen, und frage:
Steht es noch gut mit dir, mit dem Gatten, und gut mit dem Knaben?“
Hurtig nahte der Knecht, und stellte dem Weibe die Fragen;
Doch sie, die erst zuvor den emsigen Führer des Saumthiers
Rastlos fort zum ersehneten Ziel, des frommen Propheten
Wohnung, eilen hieß, vernehmend die schrecklichen Fragen:
„Steht es noch gut mit dir, mit dem Gatten, und gut mit dem Knaben?“
Dachte zu sterben vor Schmerz, und dennoch heftete fester
Sie die Blicke zur Erd’, und sprach mit erzwungenem Laut: „Gut.“
Jetzt erreichend die Höh’n, wo im Schatten des säuselnden Ahorns,
Dicht an Felsen gelehnt, die Hütte des frommen Propheten
Ruhete, sprang sie vom Sattel herab, und stürzte, vergehend,
Hin in den Staub; umfaßte die Knie’ Elisa’s, und schluchzte.
Aber Ghiesi (wie oft die Diener der besten Gebiether,
Hart und grausamgesinnt, vor Flehenden schließen der Großmuth
Milderöffnetes Thor) sprang näher, und wollte mit Unmuth
Sie wegdrängen von ihm. „Laß’ sie,“ so rief ihm Elisa,
Zürnend, „ihr Mutterherz beschwert unendlicher Jammer.
Zwar enthüllete mir Jehova’s heilige Stimme,
Was da gescheh’n, noch nicht; doch Schreckliches kündet ihr Aug’ an.“
„Ach!“ so jammerte laut die Unglückliche, „hast du den Sohn mir
Selber nur darum erbethen von Gott, daß ich, elende Mutter,
Seiner so frühe beraubt, vergehe vor schrecklichem Herzleid?
Weh’, nun liegt er entseelt! Wer rettet vor Angst und Verzweiflung?“
Schweigend ging Elisa von ihr in die trauliche Hütte;
Weilete nicht, und kam, in der Rechten tragend das Stäbchen,
Von Tamariskenzweig geschnitzt, und gedörret mit Vorsicht
Dann an der Gluth, daß es, leicht, aufflog im Hauche des Windes.
Dieses reicht’ er dem Knecht’, und sprach mit gebiethender Stimme:
„Gürte dich schnell; dann rastlos fort in die Mauern von Sunem!
Wohl ist des Grüßens und Dankens kein End’ auf bewanderten Pfaden:
Stets von neuem beginnt der Wanderer, gehet, und kehret
Wieder zurück’, und grüßt, und dankt, der Sitte geziemend;
[5]
Aber nicht wollest du jetzt des Grußes und Dankes gedenken,
Bis du erreichest das Haus der tiefbekümmerten Mutter.
Dort auf das schlummernde Kind dann legst du den Stab, und bemerkest:
Ob er, leicht, wie ein schwebender Flaum, auf dem Herzen des Kindes
Steiget, und sinkt, und ob er, vom Hauche des Mundes beweget,
Noch das Zeichen dir gibt vom tiefverborgenen Leben?“
Jener gürtete sich, und ging. Da stürzte die Mutter
Aengstlicher denn noch zuvor, zu den Füßen des Sehers; umschlang ihm,
Weinend, die Knie’, und rief: „So wahr Jehova, des Weltalls
Gott, uns siehet, und hört, ich weiche von dir nicht, erwählter,
Machtbegabter Prophet, bis du nicht, erbarmend, mir folgest!“
Rief es, und hob die Augen zu ihm mit
erschütternder Angst auf.
Aber er gürtete sich, und folgte der weinenden Mutter
Schnell nach Sunem hinab. Da kam, unferne dem Stadtthor,
Ihm, unmuthigen Blick’s, Ghiesi entgegen, und sagte:
„Siehe, was half mein Laufen herab in die Wohnung des Todes
So, daß der Athem mir stockt’, und in Strömen der glühende Schweiß rann?
Was der Stab, auf den Todten gelegt, und all das Erforschen:
Ob er, leicht, wie ein schwebender Flaum, auf dem Herzen des Kindes
Steiget, und sinkt, und ob ihn des Mundes Hauch noch beweget?
Denn da war kein Laut, kein Leben, Gefühl und Empfindung!“
Finster blickte der Seher nach ihm, und eilte die Stufen
Aufwärts, schnell zu der Kammer hin, wo auf wolligen Decken
Lag das verblichene Kind, in todannahender Ohnmacht.
Jetzo verschloß er die Thüre, daß ihn die erschütterte Mutter
Nicht im Gebeth zu Jehova, dem mild Erbarmenden, störe;
Sank auf die Knie’, und rief: „Ach, Herr, nicht verschmähe das Flehen
Deines Dieners im Staub! Lass’ wiedergenesen das Kindlein,
Liebenden Aeltern zum Trost’, und deinen Verehrern zur Stärkung
Hier in dem Glauben an dich, den gütigen Vater im Himmel!“
Rief’s, und streckte, wie ihn sein liebender Meister gelehret,
Auf den Knaben sich aus. Er preßte den Mund auf den Mund ihm;
Auf das Auge das Aug’, und hielt die erstarreten Händchen,
Mitten im heißen Gebeth’ und vertrauendem Muth zu Jehova,
Fest in die Hände gedrückt, bis er dort auf dem Lager erwärmt war.
Siehe, da löste das Band des gehirnumstrickenden Uebels,
Durch Jehova’s Huld, zur Wonne des heiligen Sehers,
Plötzlich sich auf: denn siebenmal laut nieste das Kind jetzt;
Oeffnete, lächelnd, die Augen, und sah in der dämmernden Kammer,
Staunend, umher, erhob sich, und saß auf den Knieen Elisa’s.
Aber er herzte das Kind, und rief in die Halle: „Ghiesi,
Leite die Sunemitinn herauf in die Wohnung des Lebens!“
Und mit geflügeltem Schritt, von Angst und Hoffnung getrieben,
Stürzte die Mutter herein in die Kammer. Sie schrie, zu dem Himmel
Hebend die zitternden Händ’ empor, den jauchzenden Dankruf,
Als den Sohn sie erweckt, im blühenden Leben erblickte;
Drückt’ ihn fest an die Brust, und küßt’ ihn, und sank zu den Füßen
Seines Erretters hin, und weinete selige Thränen.
D’rauf, der Stimme beraubt vor Wonn’, und der Kammer enteilend,
Trug sie ihn auf dem Arm dem kehrenden Vater entgegen.
Hinter dem fernen Gebirg verglomm der freundlichen Sonne
Allbelebender Strahl; der Puls des geschäftigen Lebens
Ruhete; Grau’n der Nacht umhüllte die schweigenden Fluren
Rings, und der hohe Prophet sah lang’ aus der einsamen Kammer
Nach den Sternen empor. Ernstweckende Todesgedanken
Regten den Busen ihm auf. Jetzt rief er in wechselnder Stimmung:
„Tag, und Nacht, wie Leben, und Tod. Zur dunkelen Grabsnacht
Sinkt das Leben hinab, und ewige Schauer umhüllen
Seinen schnellverlöschenden Glanz. Doch, ewige Schauer?
Nein! Mein Heiland lebt, ich weiß es: am jüngsten der Tag’ einst,
Werd’ ich erstehen vom Staub’, im hellverkläreten Leib’ ihn
Anzuschaun, ihn selbst, auf den ich gehofft, den Erbarmer!
[6]
Wäre das nicht? — wie schrecklich! Noch heut, wie hüpft in den Adern
Mir das kreisende Blut, wie leicht bewegen die Glieder
Sich umher, wie schau’ ich so munter hinaus in des Lebens
Buntes Gewirr, wie erfüllet mein Ohr der lieblichste Laut noch;
Aus der Brust so kräftig, so hell erschallet des Wortes
Völkerbewegende Macht, und morgen?... liegt auf dem Bahrtuch
Starr, und weiß, und erkaltet die Leich’, und bald, wie entsetzlich
Anzuschau’n, zerfällt sie in grausenumhüllter Verwesung!“
Nun verstummt’ er wieder, und sann; doch endlich begann er:
„Hohes erringet des Menschen Geist auf dem Pfade des Lebens,
Schauend in sich, um sich her, und empor zu dem ewigen Urlicht,
Und es erfüllen sein Herz die Empfindungen heiliger Tugend,
Wenn von jenem erhellt, nach jeglichem Guten und Wahren
Strebt hienieden Vernunft und Wille in würdiger Freiheit...
Dieses von ihm, dem verwesenden Fleisch, verschiedene Wesen:
Seele, unsterblicher Geist, wohin entflieht es — und kehret
Nimmer, nimmer zurück’, uns Sterblichen Kunde zu bringen
Von dem furchtbarn Jenseits, das in Dunkel gehüllt ist?
Einst, o Seligkeit, wird der Erstgeborne der Todten
[7]
Ruh’n drei Tag’ in dem Felsengrab’, und am dritten erstehen!
Dann erschallt ein Ruf, daß des Erdballs Vesten erzittern!
„Ha, vernichtet im Sieg’ ist der Tod, vernichtet auf immer:
Wo ist dein Sieg, o Tod? dein grausamer Stachel, o Tod! wo?“
[8]