II.
Eleazar.[**]

Hingebung.

Tief in des Gartens Schooß’, im Schatten der säuselnden Palmen,
Saß Eleazar, der Greis, und lächelte: heilige Wonne
Fühlend über die Stelle des Buch’s, die er eben gelesen.
Aber die Stelle hieß: „Und Abraham lud auf den Rücken
Isaaks das Opferholz, und hieß die Knechte verziehen.
Als er den Berg bestieg, in den Händen tragend das Messer
Selbst mit der Gluth: da folgt’ ihm sein Sohn, erkoren zum Opfer,
Keuchend unter der Last. Sie gingen zusammen, und schwiegen.
Doch nun rief ihm der Sohn: „Mein Vater!“ Und dieser: „Ich höre.“
Isaak begann: „Da seh’ ich die Gluth und das Messer, und nirgend
Wies das Opfer sich noch — wo findest du solches, o Vater?“
Abraham drängte die Thräne zurück’, und sagte beklommen:
„Still, mein Sohn: schon wird sich der Herr erlesen das Opfer!“
Aber er sah nicht zurück’, und sie stiegen empor auf Moria.
„Himmlische Unschuld,“ dachte der Greis, „ein glänzendes Vorbild
Meines Erlösers seh’ ich in dir! Wie selig die Menschen,
Welch’, erwählt, zu leiden für ihn, mit heiteren Blicken
Wandeln die Dornenbahn zu den Wonnegefilden des Himmels!“
Gar nicht ahnt’ er es noch, wie sein’ die schrecklichsten Leiden
Harreten, die er ertrug, ein Held, für den heiligen Glauben
Und das hohe Gesetz der gottgefälligen Wahrheit.
Sieh’, da kamen die Krieger, gesandt, und pochten gewaltig
Fort an die Thüre des still- und einsamlebenden Greises.
Freundlich öffnet’ er sie, und begann vor den Staunenden also:
„Waffen seh’ ich gezückt, und des Kriegers drohende Mienen?
Doch was sollen sie hier, in des Friedens stiller Behausung?
Den ihr sucht, ist ferne vielleicht: ihr habt ihn verfehlet.“
„Nein, wir suchen dich, Eleazar!“ so sagte der Hauptmann,
Der den Kriegern geboth, „Antiochos, Asia’s König —
Deiner denn auch? entsendet uns selbst, daß wir dich gefesselt
Brachten vor seinen Thron und des Volk’s versammelte Scharen.
Dort, wie Zeus dein Los mit dem ewigwaltenden Schicksal
Ordnete, wird es dir geh’n; verhüllt ist der Himmlischen Rathschluß.“
Lächelnd, sprach Eleazar zu ihm: „Mich willst du, gefesselt,
Hin zu Antiochos Thron und des Volk’s versammelte Scharen
Schleppen, mich, den zitternden Greis? Ich folge dir willig.“
Also führten sie ihn auf den Markt, wo Syriens König,
Sitzend auf goldenem Thron’ im Kreise bewaffneter Krieger
Und unzähligen Volk’s, den olympischen Göttern zu Ehren,
Opfer zu bringen, geboth, und ihnen durch Spiel’ an dem Festtag
Huldigte: denn er gab dem siegenden Lenker des Wagens;
Dem, der weit vor allen die lastende Scheibe geworfen;
Der mit dem Pfeil, von der Sehne geschnellt, das ragende Ziel traf;
Der in dem Faustkampf Gegner besiegt’, und dem hurtigsten Läufer —
Jeglichem gab er den Preis mit eigenen Händen zum Lohn hin.
D’rauf begann er, und rief: „Ruhm sey den unsterblichen Göttern
Von den Völkern gezollt; gestürzt, und auf immer vernichtet
Sey Jehova’s Altar; verflucht, wer diesen verehret,
Und dem Tode geweiht in den schrecklichen Qualen der Folter!“
Schauder ergriff das Volk von Jerusalem, als auf dem Marktplatz
Dort ertönte des Schreckens Ruf. Schon opferte mancher,
Scheuend Folter und Tod, als Feiger, den nichtigen Götzen;
Mancher, dem wahren Gott’ Abtrünniger, wurde die Geißel
Seines Volks. So Jason, ein Mann unbändiger Ehrsucht,
Der des Hohenpriesterthums Würd’ um sündiges Geld nur
Sich erst jüngst von dem König erkauft’. In grauser Verwildrung
Wüthet’ er gegen das Vaterland und den Glauben der Väter.
Dieser haßt’ Eleazar schon lang, deß’ leuchtende Tugend
Seiner Seel’ entsetzliche Nacht und die ganze Verruchtheit
Seines Gemüth’s noch mehr, noch erschütternder, furchtbarer, zeigte —
Allwärts auch des Würdigen Feind der unwürdige Mensch ist.
Aber, von Rach’ empört, weil ihn Eleazar verworfen
Von dem Gesetz’, und unwürdig des Hohenpriesterthums nannte,
Gab er Antiochos kund: „Eleazar schmähe des Königs
Herrschaft laut, und ihn selber, da er hellenische Sitten
Rings in dem Land von Israel, er, ein Syrer, gebiethe!“
Jetzt durch drängende Haufen heran auf den wimmelnden Marktplatz
Führten die Krieger den Greis, und überall wich ihm, voll Ehrfurcht,
Aus die Meng’, und seufzt’: erwägend das schreckliche Schicksal
Solch’ ehrwürdigen Mann’s, dem keiner in Israel gleich kam.
Jason stand auf den Stufen des Thron’s, und lächelte grimmig
Hohn der Höll’ ihm entgegen, und doch vergab ihm der Dulder.
Abgewandten Gesicht’s, des tiefaufgährenden Herzens
Wuth zu bergen, und stützend den Arm auf den goldenen Armstuhl,
Saß Antiochos dort auf dem Thron’. Er winkte, gebiethend,
Jason, dem Frevler, und sprach: „Er opfere jetzt an dem Altar
Zeus, dem Beherrscher der Erd’ und des Himmels, dem mächtigsten Gotte,
Hier vor dem harrenden Volk’; auch allen unsterblichen Göttern
Zoll’ er, anbethend, Ruhm, so wird ihm noch heute vergeben.
Säumt’ er, unserem Herrscherwink zu gehorchen in Demuth:
Dann auf die Folter mit ihm: in Qualen verhauch’ er das Leben.“
Und sie führten sogleich den Helden des Herrn auf den Kampfplatz.
Gegenüber dem Thron’, auf sieben Stufen erhöhet,
Wies sich das Steingebild des Olympiers. Ueber ihm wölbte
Eine Kuppel sich auf, von Marmorsäulen getragen.
Von dem runden Altar’, an dem Fußgestelle des Götzen
Dampfte der Opferrauch empor, und erfüllte den Marktplatz
Doch mit der goldenen Bind’ um die Stirn’, und in festlichen Kleidern,
Standen die Priester umher, und sangen die Hymne des Opfers.
Sieh’, nun stieg der heilige Greis in erschütternder Hoheit,
Allen sichtbar, dort auf die oberste Stufe des Tempels;
Wandte den Flammenblick, voll unaussprechlicher Anmuth,
Nach der starrenden Menge hinab, und es preßte das Mitleid
Thränen ihm aus, die schnell von seinen gerötheten Wangen
Nach dem Busen hinab in schimmernden Tropfen sich drängten.
Doch nun fuhr er betroffen zurück: die geöffneten Lippen
Bebten ihm; bald verlosch, bald flammte sein Auge nur heller:
Wie der Mond, den, flugs, ein schwindendes Wölkchen verhüllet;
Jetzt umschwebt’ ihm den Mund ein Himmelslächeln: er starrte
Vor sich hin in die bläuliche Luft — so däucht’ es dem Volk dort:
Denn vom Erbarmer gesandt, war ihm der Himmlischen einer,
Uriel, liebend, genaht. Auf goldenen Fittigen schwebt’ er,
Eilend, herab. Er trug herbei zwei goldene Becher;
Nahte dem staunenden Greis’, und lächelt’ ihm mild in die Augen;
Dann begann er, und sprach: „Eleazar, der Jahre schon neunzig
Sind dir entfloh’n, und nur zehn erübrigen dir vor dem Grab’ noch!
Sieh’, in der Linken dahier die Macht, das irdische Leben
Weit hinaus zu dehnen nach Wunsch, und hier in der Rechten
Nahen und schrecklichen Tod, doch kommenden Menschengeschlechtern
Noch zum Heil und begeisterndem Trost. Was wählst du von beiden?“
Weit vorbog sich der Greis, und zitterte — bebte vor Sehnsucht
Nach dem seligen Augenblick des unsterblichen Lebens.
Viel zu gering’ ein Leben voll Schmach — zu nichtig die Qualen
Achtend, und höher schon nichts als den Tod im Segen Jehova’s,
Griff er schnell nach des Engels Recht’; entriß ihr den Becher,
Hob ihn zum Mund’, und trank, und fühlte sich wundergestärket:
Freudig zu kämpfen den Kampf, zu vollenden die herrliche Laufbahn,
Und zu erringen am Ziel die lohnenden Kränze des Siegers.
Doch der Engel umschlang in höherem Glanz’ Eleazars
Nacken, und rief mit erhebendem Blick’: „Ich werde dir nahen,
Mutheinhauchend, im Kampf’, und versüßen die Stunde des Todes.“
Also rufend entschwand er schnell in den höheren Räumen.
Jason naht’, ein Stück unrein geachteter Nahrung
Ihm in den Mund, mit Gewalt zu drängen, und sagte: „Verzehr’ es,
All’ den unsterblichen Göttern zum Ruhm, so will ich dich retten!“
Aber er faßt’ ihn am Arm, und stieß ihn die Stufen hinunter.
Als er im schrecklichen Zorn nun flucht’, und tobte vor Ingrimm,
Kam Nikanor heran, Feldoberst’ in Syriens Heersmacht,
Dem Eleazar einst, huldflehend, am Throne genaht war.
Dieser führt’ ihn beiseit’, und sagte mit ängstlichen Blicken:
„Herrlicher Greis, gedenke der Zeit, wo wir uns im Burghof
König Antiochos, den die Welt den Großen genannt hat,
Sahen, und der dich, Gesandten des Volk’s von Israel, ehrte;
Denke der Tage denn auch, die uns dort in traulicher Einung
Selig entfloh’n, als ich, Eleazars Freund, vor dem König
Selber, die Rechte des Volk’s von Israel, wegen des Freundes,
Kühn und muthig vertrat, und jenem erwirkte die Freiheit
Von unendlichem Druck, von Schmach, und zermalmender Knechtschaft:
Solches bedenk’, o Greis, und schone dein Leben, so theuer
Deinem Volk, dem Könige selbst, und deinem Nikanor!
Schaue den Rettungsweg, und folg’ ihm. Wie das Gesetz dir
Gönnet des Fleisches Genuß, laß solches dir holen, und koste
Hier, am Altare des Zeus davon — so handelnd zum Schein nur:
Denn der Ruf: du habest der Opferspeise genossen,
Macht den König dir hold, und du bist gerettet auf immer.
Folge mir. Sieh’, mir rinnet der Schweiß in glühenden Tropfen
Von der Stirne herab! Ich weiß es, mit ernster Gesinnung
Haltest du fest am ererbten Gesetz... doch will ich dich retten.
Schone dein Haupt, das allerverehrete; habe doch Mitleid
Mit dir selber, dem Volk’, und dem treugesinneten Freund hier.“
Also sprach er, bewegt, und sein Aug’ umhüllten die Thränen;
Doch Eleazar ergriff ihn am Arm’, und führt’ ihn hinüber
Nach dem Platz, wo er heute zu steh’n von Jehova erwählt war:
Denn er trat zu dem Bild des Olympiers; stand, und bedachte
Jetzo den Adel seines Geschlechts; den erhabenen Vorzug,
Den sein Alter ihm gab, im Schmuck des grauenden Haupthaars,
Und die Jahre gesammt des frommen, unsträflichen Lebens —
Dacht’ es im freudigen Muth’, und sprach zu den Seinen gewendet:
„Israels Volk, merk’ auf! Mir both unedeles Mitleid
Rettung von Qualen, vom Tod’: Erlaubtes sollt’ ich zum Schein nur
Kosten, und mir erheucheln damit ein schmähliches Leben?
Ich den Frevel begeh’n? Eleazar, der Lehrer des Volkes,
Er, der neunzigjährige Greis, erkaufe sich feig hier
Einige Jahre vielleicht, um solchen Preis der Verdammniß?
Weise damit der Jugend den Pfad der niedrigen Falschheit,
Arger Verstellung und List, und der Wahrheit freche Verachtung
Lehre dem zartaufblüh’nden Geschlecht durch sündiges Beispiel,
Daß Verwünschung und Fluch im dunkelen Grab’ ihn noch treffe?
Nein, ich wähle den Tod von eurem geschwungenen Mordbeil:
Denn nicht brächte mir solches Gewinn, so ich jetzo der Menschen
Henkergewalt entrönn’, und mich des erheuchelten Lebens
Freuete, da ich nicht hier im irdischen Leben, nicht jenseits
Gottes furchtbarer Hand entrönn’, ein frevelnder Sünder!
Fort in den Tod! Der Abend des heiterentschwundenen Lebens,
Und der Himmel im rein- und schuldlospochenden Herzen,
Werd’ auch jetzt nicht getrübt durch seelenverderbende Thorheit.
Jünglingen will ich zum Muster steh’n, daß sie, fürchtend Jehova’s
Zorn allein, nicht fürchten den Trotz des sterblichen Menschen,
Der heut’ wüthet, und lärmt, und morgen, verstummt, in dem Grab liegt;
Daß sie wandeln die herrliche Bahn, die ich ihnen voranging:
Für das Gesetz, das Vaterland, und den Glauben der Väter
Freudig aushauchend den Geist im heldenmüthigen Tod nur!“
Sagt’ es, und eilte herab, in den Tod zu gehen, entschlossen.
Jason sah mit höhnendem Blick nach dem Helden Nikanor,
Der ihm Rettung ersann; doch plötzlich wurde sein Mitleid
Umgewandelt in Haß, und sein Erbarmen zur Blutgier
Gegen den heiligen Greis, der sein’, so wähnte der Syrer,
Spottete. D’rauf erforscht’ er schnell den Willen des Königs,
Der im empörten Gemüth’ ihm längst nur Folter und Tod sann,
Und jetzt wüthender rief: „In den Tod mit dem Frevler! Zermalmt ihn!“
Alsbald, von dem Altare hinaus zum dunkelen Stadtthor
Führten sie ihn, und lautaufweinend, eilte das Volk nach.
Doch Eleazar sah auf dem Todeswege vor sich hin
Starr, mit flammendem Blick, und höherer Gluth auf den Wangen:
Denn der Unsterbliche ging vor ihm her. Nach dem Greise herüber
Hatt’ er die huldausstrahlenden Augen gewendet, und streute
Himmlische Rosen vor ihm auf den Weg, voll wonnigen Duftes.
Draußen warfen die Wüthriche jetzt Eleazar zu Boden;
Streckten die Glieder ihm aus, und schlugen mit eisernen Stäben
Ihm die Glieder entzwei. Er rief, vertrauend, zu Gott auf:
„Jenseits leid’ ich nicht mehr. Allmächtiger, stärke den schwachen,
Bebenden Greis! Du weißt es: nicht wählt’ ich des niedrigen Treubruch’s
Schmählichen Rettungsweg — ich wählte den Tod des Gerechten!
Lös’, o, gütig das Band des seel’umengenden Fleisches,
Daß sie sich schwing’ empor, und dir auf immer vereint sey!“
Doch der Unsterbliche beugte sich jetzt nach dem sterbenden Greis’ hin,
Und ein zitternder Tropfen sank ihm herab aus den Augen,
Deß’ ätherischer Glanz des Mitleids innige Wehmuth
Spiegelte; kühlt’ ihm sofort die Gluth der thauenden Wangen
Sanft mit dem fächelnden Schwung der goldenen Flügel, und haucht’ ihm
Muth und Vertrau’n auf den Herrn, in das angsterschütterte Herz ein.
Wie von dem Alpengebirg des Morgens schimmernder Nebel
Auf g’en Himmel sich schwingt, und schnell in den bläulichen Luftraum
Fortzuschweben, sich sehnt; doch hält ihn des ragenden Felsens
Scheitel noch fest: er haftet mit zartem Fuß’ auf den Höhen:
Also schwebte sein Geist, nun los- von dem Leibe sich ringend,
Leis’ empor, da stets ermattender’n Schlages sein Herz schlug,
Jetzo nur schwach mehr zitterte, stand — und ruhte für immer.
Doch nun stürzte der himmlische Freund an die selige Brust ihm;
Drückte den Seelenkuß, zum Pfand des unsterblichen Lebens
Ihm auf den Mund. Sie standen, entzückt, in hehrer Umarmung,
Und entschwebten, vereint, den düstern Gefilden des Erdballs.
Seine sterbliche Hülle, vom Staub’ und Blut’ an dem Waldbach
Reinigend, trug das Volk mit Thränen hinaus an den Heerweg,
Und bestattete sie in dem festummauerten Grab dort.