Nunc est bibendum, nunc pede libero
Pulsanda tellus —
das Lied vom Trinken und Tanzen ist zwar schon nach der Schlacht bei Aktium gesungen und auf den Niederfall der Königin Kleopatra von Ägypten gemünzt; aber ich münze es häufig auf was anderes, und tausend Jahre nach mir wird man’s auch so halten. Item, man hat Jerusalem mehr als einmal wieder aufgebaut, Mutter Leah.“
„Doch die Fremden hausen auf der Wohnstätte des Samen Abrahams, junger Herr. Die Kinder von Juda und Israel irren als ein Spott und Spuk zerstreut; sie haben keinen Ort mehr, da sie Herren ihres Hauses und Leibes sind. Auch für Euch ist noch keine Zeit, den Siegestanz zu tanzen, junger Herr. Wollt Ihr wirklich dem Herrn von Fougerais und dem großen Marschall Turenne nachsingen und tanzen? Sie haben Höxter leer genug gemacht.“
„Meines hochwürdigsten Herrn zu Münster glorreiche Verbündete!“ murmelte der Bruder Henricus. „Lasset das Tanzen noch eine Weile, Herr Studente.“
In diesem Augenblicke erfüllte von neuem ein heftiges Getöse die Gasse und näherte sich dem Hause der Kröppel-Leah.
WWann die Hochwasser sich verlaufen haben, dann hängt der Schlamm noch für lange Zeit an den Büschen und überdeckt Wiesen und Felder, und es bedarf mehr als eines klaren Regens und heitern Sonnenscheins, um das Land der Wüstenei wieder zu entledigen. Und wenn die Flut gar in die Städte und Stuben der Menschen drang, dann ist das, was sie hineintrug und zurückließ, gleichfalls nicht so bald ausgekehrt und vor die Tore abgefahren.
In diesen schlechten und stinkenden Tagen sieht aber der Herr mit Vorliebe auf solche leichte, unverwüstliche Gesellen, die lachend über den Schmutz weghüpfen und ihre Hand zur Hülfeleistung gern und lachend da anbieten, wo sich mancher Ehrbare, Wohlweise und Hochansehnliche mit Ekel und Unlust abwendet und die Sache sich selber überläßt. Der Herr der Heerscharen hatte nach dem französischen Abzug in Höxter seine Freude an dem relegierten Helmstedter, Herrn Lambert Tewes.
„Inkommodieren sich Euere exzellenten Liebden nicht,“ rief der Student. „Redet das Beste hinter meinem Rücken von mir; ich werde mich erkundigen, was für einen neuen Unfug da die alte Bosheit, Meister Beelzebub, in Huxar ausgebrütet hat. Hab’ ich es nicht ein Dutzend Mal gesagt: — neque tectum neque lectum, das ist die einzig stichhaltige Devise für diese Nacht!“
Er sprang hinaus, doch die diesmaligen Hausfriedensbrecher kamen ihm bereits an der offenen Pforte entgegen, an ihrer Spitze sein Oheim Ehrn Helmrich Vollbort, der Pfarrherr bei St. Kilian.
Der, Ehrn Helmrich, hatte, während am Bett der Kröppel-Leah über den Handschuh Justs von Burlebecke gehandelt wurde, in der Stummerigenstraße sein Zwiegespräch mit dem Bürgermeister Thönis Merz eifrig fortgesetzt und willige Horcher im erbosten gemeinen Wesen von Huxar gefunden.
„So haben sie wiederum der Stadt Negotien nach ihrem Willen geordnet, die Herren von Corvey,“ hatte er zornig gesprochen. „Wird sich lutherische Bürgerschaft auch diesmal wieder den Maulkorb selber überhängen? Lutherisches Kirchenamt wird reden und sich nicht den Mund verbieten lassen!“
„Wir haben doch auch geredet, Ehrwürden; — aber was hilft’s?“ meinte der Bürgermeister.
„Was es hilft? O ihr närrischen Leute, klingt es euch denn noch nicht genug in die Ohren von dem Gnaden- und Segen-Rezeß, den euch der von Galen, so sich Bischof von Münster und euer Landesherr nennt, über dieselbigen gleich einer Schlafhaube ziehen wird? Behaltet nur das Wort in der Kehle und die Faust im Sack nach eurer faulen Art und wartet das nächste Jahr ab. Den Hechtsfang und sonstige schnöde Nichtigkeiten wird man euch wohl lassen; aber eure Kirchen und Schulen wird man euch vor den Nasen schließen; dann sehet, ob ihr die Schlüssel mit euren Netzen wieder auffischen werdet aus dem Fluß.“
„Was sollen wir tun?“ rief der Bürgermeister, und — „Was sollen wir tun, Ehrwürden?“ klang es im Haufen zornig und weinerlich nach.
„Der Herzog —“ wollte Herr Thönis Merz schwachmütig von neuem beginnen, doch der alte eifrige Prediger unterbrach ihn sogleich:
„Redet mir nicht von dem Braunschweiger. Der rückt euch nicht mehr über die Weser zur Hülfe. Ihr krochet vor ihm, wie ihr vor dem Münsterer krochet, und sie lachten hinter eurem Rücken über euch. Greifet selber an und zu, wie und wo ihr könnt, weichet nur zollbreit, rücket immer wieder zu, Artikul für Artikul; lasset euch das Geringste als das Höchste sein. Was wollt ihr noch viel verlieren?“
„Das weiß der liebe Gott!“ ächzte die lutherische Bürgerschaft von Höxter.
„Der weiß es und hilft denen, die sich selber helfen wollen,“ sprach Ehrn Helmrich Vollbort feierlich. „Lasset diese Nacht nicht vergehen, ohne daß ihr euch rührt gegen Corvey. Sie sind heimgezogen und zu Bett, wir aber sind wachgeblieben. Werfet Panier auf gegen das Stift; fordert mit heller Stimme, sei es, was es sei; lasset den Kampf nicht schlafen gehen, wie die Mönche schlafen gegangen sind. Bei Sankt Veit schwören sie, wir aber rufen den allmächtigen Gott, — voran gegen Corvey!“
„Sie haben uns der Jüden Geleit genommen; wir aber haben es auf dem Papier,“ meinte zaghaft der Bürgermeister.
„Lasset den Tag nicht dämmern, ohne daß die Abtei sich einem neuen Factum, Actum et Gestum gegenüber finde; wir sind in dem Kriege, den sie wollen, und den letzten Frieden wird Gott der Herr machen.“
„Die Jüden aus der Stadt!“ schrie gell eine Stimme aus dem Haufen, und hundertstimmig folgte der Ruf: „Fort mit den Jüden aus Höxter! Unser Recht! unser Recht! unser Recht!“
Schon drängten sich wütend die Weiber vor:
„Sie standen mit den Franzosen auf du und du! Sehet ihre Häuser, — sie blieben unversehrt, während in unseren kein Stuhl und keine Bank heil blieb! — Sie zahlten dem Turenne! sie zahlten dem Schandkerl, dem Fougerais — sie konnten sich loskaufen, und die hohen Offiziere lagen bei ihnen und ließen bei uns ihr wüstes Volk nach Belieben hausen. Die Jüden, die Jüden aus der Stadt! Weg mit den Jüden aus Höxter!“
Nun stehen auch wir abermals einem Faktum gegenüber: das Wort, das in der lutherischen Bürgerschaft fiel, fand seinen vollen Widerhall in der katholischen. Zum zweiten Mal in dieser Nacht stürzte sich ganz Höxter auf seine Juden, und selbst der Gubernator, der Herr Hauptmann Meyer, ging mit, — widerwillig freilich; aber sie zogen ihn freundlich, an jedem Arm einer — rechts die katholische, links die evangelische Kirche.
Den Meister Samuel samt seiner Familie nahmen sie von der Gasse vor seinem brennenden Hause, die zwei oder drei anderen Familien holten sie zusammen, und so kamen sie im greulichen Gedränge, das elende jammernde Häuflein halbnackter Menschen in ihrer Mitte, und hielten mit ohrzerreißendem Lärmen vor dem Hause der Kröppel-Leah, um auch die mit ihrem Enkelkinde abzurufen und mit den übrigen, Corvey zum Trutz, vor das Tor zu führen.
Der Mönch war aufgestanden von seinem Schemel und hatte auch das hussitische Schwert vom Boden wieder aufgegriffen; der Student aber trat den eindringenden Höxterschen Würdenträgern im Vorgemach entgegen, kümmerte sich um den Bürgermeister und den Hauptmann gar nicht, nahm dafür jedoch den Pfarrherrn von Sankt Kilian mit zärtlicher Unverschämtheit in die Arme und rief:
„Mon Dieu, der Herr Onkel — nach zwei Uhr morgens noch in der schädlichen Winterluft! Was verschafft mir die Ehre in meinem schlechten Quartier?“
„Fort, Narrenspiel!“ sagte der Alte, mit kräftiger Faust den Neffen vor die Brust schlagend und ihn von sich stoßend.
„Was wünschen die Herren?“ fragte der Bruder Henricus von der Schwelle der Kammer des Sergeanten; und der Gubernator Meyer trat geduckt vor, mit dem Federhute in der Hand, und stotterte:
„Ehrwürdiger Pater, das Haus und die Gasse ist voll von ihnen — von den Unsrigen und Ihrigen. Sie kommen und fordern alle dasselbige. Sie kommen Arm in Arm gegen die Jüden und wollen sie in dieser Nacht noch vor die Mauer setzen.“
„Und wir nehmen nur unser Recht, ehrwürdigster Herr Pater,“ rief der Bürgermeister. „Wir haben der Juden Geleit gehabt vor und nach dem Jahre Vierundzwanzig und sind durch den Frieden auch in specie dieses Punktes ganz und gar restituieret. Das weiß man zu Münster wie zu Corvey, und zu Höxter ist da kein Unterschied des Glaubens. Wir kommen alle um unser Recht.“
Der Pfarrherr von Sankt Kilian stand mit untergeschlagenen Armen und sah finster auf den Mönch; der Bruder Henricus aber sah einzig und allein auf ihn.
„Sie stehen in einem schlimmen Schein, Herr Pastore,“ sprach der Mönch. „Die Flamme des Brandes züngelt noch hinter Ihrem Rücken; hatte dieses nicht Zeit, bis die Asche und der Schutt dieser Nacht kalt geworden waren?“
„Ich komme mit den Leuten, die mir in dieser selbigen Nacht das friedliche Haus stürmten und mit Steinen auf mich und mein Weib warfen. Ändert es, Herr; — das ist Höxter und Corvey!“
Es hatte sich während dieses Gesprächs immer mehr des Volkes in das Gemach eingeschoben. Schrill rief eine Weiberstimme den Namen Leahs und auf der Straße schrien Hunderte ihn nach. Der Bruder Henricus hatte den Stadthauptmann zornig am Arm gepackt und schüttelte ihn: „Wo sind Eure Leute — sendet einen Boten nach Corvey — o Sankt Veit und — Kreuz Element, bei meiner Reiterehre, der erste, der einen Schritt voran tut, liegt mit blutiger Platte am Boden! Hier für Corvey! Münster und Corvey!“
„Höxter und Corvey! Her mit den Jüden! Weg mit den Jüden! Höxter und Corvey!“ schallte es zurück; und nun tat der Student einen Satz fast bis an die schwarze Decke des Zimmers:
„Höxter und Corvey! Kann ich den Ozean still brüllen und sollte Huxar nicht stillen?! Bei meiner Burschenehre, wer im Tummel kennt mich als guten Kameraden und den einzigen Höxteraner mit Grütze im Hirnkasten? Wollt ihr nun Vernunft annehmen oder nicht? He Wigand — Wigand Säuberlich, tu’s mir zuliebe und bring mir die Zeter-Liese da vor dir zur Räson und nach Hause. An die Kröppel-Leah wollt ihr? Et tu Brute, mein Sohn Hans Rehkop?! Donner und Teufel, seid ihr für Höxter und Corvey, so bin ich, Lambert Tewes, diesmal für Juda und Israel. Helmstedt gab mir consilium abeundi, — Höxter relegatio in perpetuum, nicht wahr, Herr Onkel? Aber Jerusalem hat mich seit Jahren ernähret, getränket und gekleidet; — hier für Juda und Israel, und wer’s gut meint mit Höxter und Corvey, der schreie mit: Vivat Hierosolyma!“
Nun hatte er die Lacher auf seiner Seite und damit ein Großes gewonnen. Schon aber hatte er sich im engeren Kreise umher gewandt, und da schlug er den Bruder Henricus auf die Schulter:
„Wissen Sie noch ein und aus in Höxter, Herr Pater?“
„Sankt Veit!“ rief der Mönch, ratlos nach der Decke aufschauend.
„Ihr, Herr Burgemeister?“
„O je, o gütiger Himmel!“ ächzte Herr Thönis Merz.
„Ihr, Herr Gubernator?“
„Du hast mich gekannt, ehe mir der braunschweigische Algierer, der Noht, die Trommel abnahm, Lambert; das ist mein Trost und meine Reputation. Jetzo gehe ich nur, wie man mich schiebt.“
„So gehet Euren Weg, Herr Oheim,“ sprach der Student zu dem Prediger bei Sankt Kilian, und —
„Ja!“ antwortete Ehrn Helmrich Vollbort und trat über die Schwelle in das Kämmerchen der alten Jüdin.
Vernunft? Wer ist eine Stunde nach der Sündflut imstande, Vernunft anzunehmen?!
AAuf das „Ja“ des Predigers hatte der Bruder Henricus die Achseln gezuckt, aber er war zur Seite getreten und hatte ihm weiter kein Hindernis in den Weg gelegt. Der Student sagte:
„Nicht einmal ein Citatum aus dem Flacco fällt einem ein.“
Am Bette der Großmutter saß Simeath und blickte angstvoll zu dem finstern Mann im schwarzen Chorrock auf:
„Großmutter ist eingeschlafen!“
Ehrn Helmrich Vollbort beugte sich über das Stroh und das kümmerliche Kleiderbündel darauf; dann nahm er die Lampe des Meisters Samuel vom Tische und ließ den Schein auf das Bett fallen:
„Erhebe dich, Weib. Willst du in dieser elenden Stadt die einzige sein, die da schläft in dieser Nacht?“
Wahrlich, das war so: die Kröppel-Leah schlief! Da hielt der Bruder Heinrich von Herstelle die übrigen nicht mehr; — sie drangen in das Gemach, so viel ihrer es halten wollte. Lambert Tewes schlug den Arm um die zitternde Simeath:
„Fürchte dich nicht, Juda hat seit der Makkabäer Zeit keinen bessern Kavalier gehabt als mich. Das Stift ist zu Bett; treiben sie es noch weiter, so können auch noch andere Leute als der luthersche und päpstliche Küster Sturm in Höxter läuten. Machen sie es allzu bunt, so steht der Besen immer in der Ecke, und wir kehren und fegen mit den Juden auch Höxter wie Corvey doch noch in die Weser!“
Das war ein freches Wort; aber es war Wahrheit dahinter. Es wurde gelacht im Haufen, und eine haarige Faust hob einen ansehnlichen Knotenstock gegen die Decke:
„Immer mit dem Zaunpfahl, Bruder Lambert! Gib du das Feldgeschrei, du Sakermenter. Es sind genug vorhanden, die endlich Ruhe in der Wirtschaft haben wollen. Höxter und Corvey in die Weser, und — Vivat der heilige Veit am Corveytor! Nimm du das Kommando, Lambert!“
Vernunft!? — —
Sie machten ein großes Geschrei und schüttelten das schlafende alte Judenweib an der Schulter. Sie hob noch einmal den Arm, als wolle sie das Gesicht gegen einen Schlag schützen; aber dann fiel der Kopf schwer zurück und auch der Arm wieder herab, der Leib streckte sich, und der, welcher sie an der Schulter gerüttelt hatte, trat betroffen zurück und rief:
„Zum Donner, die weckt keiner mehr in Höxter und Corvey!“
Da stieß das Kind einen Jammerruf aus und warf sich über die Großmutter, doch die Großmutter konnte auch auf die arme Simeath nicht mehr achten.
„Sie hat nun freilich die Stadt verlassen, und es war nicht nötig, daß wir mit Stangen und Schießgewehr kamen, sie zu holen,“ sagte der Bruder Henricus gegen Herrn Helmrich Vollbort gewendet. „Es sind nur Minuten, da fragte sie mich, ob ich den Frieden gefunden habe.“
Der Pfarrherr von Sankt Kilian antwortete nichts, aber der Bürgermeister murmelte:
„Selbst Herr Christoph von Galen müßte sie jetzo liegen lassen, wie sie liegt. Herr Pastore, lasset uns zu den Bürgern sprechen und morgen auf dem Rathause ein weiteres bereden. Ihr Leute, wer von euch will diese Leiche vor die Mauer schaffen?“
Da ging ein Murren durch die rohe Gesellschaft in der Schlafkammer des Sergeanten vom Regiment Fougerais, und es kam die verdrossene Entgegnung:
„Dazu ruft die Gildemeister auf oder ladet sie Euch selber auf den Buckel.“
Es wurde Raum im Gemach und Platz auf der Treppe; vergeblich hatte sich schon seit einiger Zeit der Bruder Heinrich von Herstelle nach seinem Studenten umgesehen. Im richtigen Augenblicke erschien dieser wieder auf der Schwelle, des Meisters Samuel zitterndes Weib, die Siphra, vor sich herschiebend:
„Jetzt laßt das Heulen, Mutter. Die Kinder schaffe ich Euch auch, und wenn’s den Trost vollkommen macht, den Alten gleichfalls. Da, hebt das arme Mädchen auf und sprecht zu ihr. Euer Haus liegt nieder, also nehmt hier Quartier und richtet Euch ein; es wird Euch niemand mehr stören. Höxter geht zuletzt doch auch zu Bett, also haltet Eure Totenwacht.“
Vernunft! — Wenn einer in dieser Nacht in Höxter an der Weser Vernunft gesprochen hatte, so war das der Tod gewesen.
Die gute Munizipalstadt Huxar benutzte in dieser Nacht nicht mehr ihre Judenschaft, um einen politischen Widerhaken in das Fleisch des Stiftes Corvey und des Bistums Münster zu schlagen. Wir wären vollkommen zu Ende, wenn wir nicht aus vielfacher Erfahrung wüßten, daß der hochgünstige Leser deutschen Geblütes sich so leicht nicht zufrieden gibt.
Im großen Refektorium der berühmten Benediktiner-Abtei Corvey sah’s um diese frühe Morgenzeit wunderlich aus. Nachdem der Vater Adelhardus von Bruch von seinem Bogenfenster aus den Feuerschein über Höxter zur Genüge beobachtet und glossiert hatte, täuschte er das Vertrauen des Subpriors Herrn Florentius von dem Felde nicht. Behaglich schaudernd hatte er an seine geistlichen Brüder in der rauhen Winternacht gedacht, und bei der Heimkehr hatte des Stiftes Armada wirklich ihr Warmbier in den dampfenden Krügen auf den langen Eichentafeln aufgetischt gefunden; dazu die Öfen in Glühhitze und den Cellarius item und bereit, jegliches Lob von Prior und Probst bescheidentlich, aber seines Wertes bewußt, entgegenzunehmen.
Nun lag die Abtei zum zweiten Male in den Federn, aber der Vater Adelhardus hatte sich noch größer erzeigt: er war nicht mit den andern zu Bett gestiegen; einsam und allein hatte er inmitten der Halle, gerade unter der großen Kupferlampe, Stand gehalten und auf seinen Sohn Heinrich gewartet.
„In ihrer Selbstsucht sind sie hingegangen, nach genossenem Guten; mich aber soll er finden, so er labente lingua, mit lechzender Zunge, anlangt!“ Und der Bruder Henricus hatte seinen geistlichen Vater auf seinem Posten gefunden, nachdem er mit seiner Schar den Pförtner zum zweiten Male herausgeschellt hatte; und jetzo wollten wir, wir hätten des weißen Papieres noch so viel vor uns als zu Anfang dieser echten und rechten Geschichte, denn mit dem Bruder Henricus kam nun doch der Bruder Studio gen Corvey, und sie schüttelten einander die Hände über dem Tisch, der Pater Kellermeister und Meister Lambert Tewes.
Erst um fünf Uhr morgens dann hatte der Cellarius geseufzt:
„Molliter, molliter! sachte, o sachte, mein Kind!“ und die Warnung war vonnöten gewesen, denn es war eben der Studente, der ihn zu Bette brachte; — und an des Kellermeisters Tür küßten sie einander, und der Vater Adelhard schluchzte:
„Nach Wittenberg willt du, mein Junge? Junge, was willt du in Wittenberg? — Bleibe bei mir — eine Bi-bli-ooo-thek haben wir auch, — ich will sie dir morgen zeigen; — bleibe du in Corvey, mein braves Kind — ich zeige dir auch den Keller.“
„Na, alter Bursch, dieses wollen wir beschlafen. Seht Ihr aber, Pater Henrice, so haben uns die Götter nach ihrem Ratschluß, dem Ihr schnöde ins Angesicht sprangt, doch diesen Hafen zubereitet!“
Der Bruder Heinrich von Herstelle aber hatte das Haupt geschüttelt, als er vor seiner Zellentür sein hussitisch Schwert gegen die Wand lehnte:
„Es ist nur eine gewesen, die den Hafen in dieser Nacht in Höxter oder in Corvey erreicht hat.“
Der gute alte Mönch trug noch immer den Handschuh Justs von Burlebecke an seiner linken Hand; jetzt zog er ihn ab und schlang ihn in den Griff der Hussitenwaffe; er nahm das alte Angedenken nicht mit in seine Zelle. Dem Studenten wies er ein Bett an, und zehn Minuten später sägte, sang und raspelte Lambert, wie im Wettkampf mit ganz Corvey, Horen und Metten zu gleicher Zeit. Da raschelte es im Abteihofe in einem Reisighaufen; fürsichtig schob sich ein scharfbeschnäbeltes, rotkämmig Haupt hervor, der eine Hahn, den der Gallier übriggelassen, das heißt, der dem Küchenmesser sich entzogen hatte, wagte sich halb verhungert zum ersten Mal aus seinem Versteck, schwang sich auf die Höhe des Reisigs und krähete: Da horchte der Vater Adelhardus im tiefen Schlafe auf, — und es war [eine>>ein] neuer Tag geworden, gerade so grau und winterlich stürmisch wie der letztvergangene.
In Höxter hielt das hebräische Völklein der toten Leah die Leichenwacht, und die Weiber sangen den Trauergesang und sprachen der Simeath Trost zu. Der Meister Samuel aber hatte noch ein anderes zu schaffen. Er war mit Hammer, Säge und Axt beschäftigt, die Tür des Hauses der Kröppel-Leah wieder einzurichten. Der Herd war bereits notdürftig in Ordnung gebracht, und es flackerte auch schon ein Feuerchen darauf und sang das Wasser in einem Kesselchen. Durch die Fenster zog freilich noch immer der Wind; wenn jemand im siebenzehnten Jahrhundert in Deutschland schwer zu beschaffen war, so war das der Glaser.
Ehrn Helmrich Vollbort saß eingeschlossen in seinem Studierstüblein, welches nach dem Garten zu gelegen war und seine Scheiben noch unversehrt hatte. Wahrlich ein Mann, so saß der Pfarrherr von Sankt Kilian inmitten seines Rüstzeugs und spitzte scharfe Keile zum Eintreiben in die Paragraphen und Fugen des drohenden Gnaden- und Segen-Rezesses Christoph Bernhards von Galen, Bischofs zu Münster und Administrators von Corvey, der eben mit dem französischen Louis Krieg gegen Holland führte und gern das Seinige tat und riet, so beiläufig Kolmar französisch zu machen. — Der Bürgermeister von Höxter aber hub eben an, die Gassen seiner Stadt nach dem französischen Abmarsch zu kehren: — er, Herr Thönis Merz, hatte des guten Exempels halber selber einen Besen genommen und den zweiten Herrn Wigand Säuberlich höflich in die Hand genötigt.
Nach Mittag inspizierte der Corveysche Gubernator und bischöflich Münstersche Hauptmann Herr Meyer wieder einmal die Wacht am Brucktore und warf spähende, argwöhnische Blicke über den Fluß nach dem verdächtigen, nebeligen jenseitigen Ufer; er traute dem Oberstwachtmeister Noht immer noch nicht, und dieser heimtückische Nebel war ihm äußerst unbehaglich. Der alte Fluß rauschte und grollte wie gestern über die zertrümmerte Brücke fort; doch ein neuer Fährmann war bestellt worden und zwängte seinen Weg, keuchend, wie gestern Hans Vogedes den Wassern ab.
Der Fährkahn schwamm auf der Weser, und in ihm stand, mit einer Scholarenzehrung des Stifts Corvey in der Tasche und seinen Horaz unter dem Arm, der Student Lambert Tewes und schwang den Hut dem Bruder Henricus zu, der dem tollen Lateiner wohlwollend nachwinkte. Der Student ging doch nach Wittenberg, obgleich er den Keller des Vaters Adelhardus kennen gelernt hatte.
Nun trat eben der Hauptmann zu dem Bruder Heinrich von Herstelle, ihn zu begrüßen; und der Bruder wendete sich zu ihm und sagte:
„Über Sie ist noch geredet im Konvent, Herr Gubernator. Man wird Sie bei erster passender Gelegenheit Seiner fürstlichen Gnaden von Münster zur Promotion vorschlagen, zum Avancement.“
Da lächelte der Hauptmann gerührt und meinte:
„Ein Gnadengehalt, vielleicht mit dem Titul Major, wäre mir wohl das Annehmlichste. Ich bin und bleibe ein halber Mensch seit der verfluchten Trommelgeschichte.“
Der alte, tapfere Mönch zuckte die Achseln und blickte wieder seinem Freunde Herrn Lambert nach.
Zu dem sagte eben, als der Kahn drüben ans Ufer stieß, der Fährmann:
„Du willst also doch nochmalen in das gelehrte Wesen hinein, Tewes? Tu’s nicht; laß dir raten, bleib in Höxter. Wir stehen alle zu dir und machen dich seinerzeit zum Burgemeister, du passest uns ganz und gar auf den Leib.“
Da lachte der Student und zitierte noch einmal den Flaccus, doch jetzt nicht in schlechten Reimen, sondern, wie er meinte, in guter poetischer Prosa, selber verwundert ob des klassisch-melodischen Tonfalls:
„Unsinn trieb ich lange genug und tappte im Irrsal; ging um die Kirche herum, ein Verächter der Götter und Menschen. Doch nun wend’ ich das Segel und rückwärts steur’ ich bedenklich.“
„Na, noch ist’s Zeit,“ brummte der Fährmann, „besinn dich, Lambert. Es ist nichts Kleines, Bürgermeister von Höxter!“
„Für heute lassen wir den alten Merz in Ruhe auf seinem kurulischen Lehnstuhl, Jochen,“ rief der Student, dem Schiffer die Hand drückend, „dem Herrn Onkel und der Frau Tante möchte ich freilich schon das Vergnügen und die Überraschung gönnen. Weißt du was? — Ich komme wieder!“
Damit sprang er ans Ufer und ging raschen Schrittes auf Lüchtringen zu.
Ich komme wieder! das wird oft und leicht gesagt. Dieser Helmstedter Studiosus der Rechtsgelahrtheit ist zwei Jahre nach der Krönung des ersten Königs in Preußen als Professor der Beredsamkeit zu Halle gestorben, und sein Horatius soll sich in den vierziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts in der Bibliothek des ersten Professors der Ästhetik, Alexander Gottlieb Baumgarten, wiedergefunden haben.
Anmerkungen zur Transkription
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einem anderen Schriftstil markiert.
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