[103] S. „Hahn“.

[104] S. „Glied (männliches)“.

[105] S. „Kerl“.

[106] S. „Dietrich“.

[107] S. „Abendessen“.

[108] S. „Beinkleid“.

[109] S. „Mastpulver“.

[110] S. „Bank“.

[111] S. „Klinge“.

[112] S. „Beischläferin“.

[113] S. „Aas“.

[114] S. „Erdäpfel“.

[115] S. „Abend“.

[116] S. „ausstehlen“.

[117] Über das fem. Romane s. Näh. im W.-B. unter „Frau“.

[118] An einer anderen Stelle der „Einleitung“ hatte der Verf. auch die heute in der „jenischen Sprache“ veraltete Vokabel tschi = ja (vgl. übereinstimmend u. a. schm. Dolm. der Gaunerspr. 94, W.-B. des Konst. Hans 255, 256 [t’schi] u. Pfulld. J.-W.-B. 349) in Beziehung gesetzt zu dem zigeun. Ausdruck tschi = nicht(s) (nein) (vgl. Pott I, S. 274, 323; Liebich, S. 164, 225 [tsi, tschi = nicht, nichts]; Miklosich, Beiträge l/II, S. 26 u. Denkschriften, Bd. 26, S. 189 [či = nicht(s)]; Finck, S. 91 [tši = nicht]), das auch in die schwäbische Händlersprache eingedrungen ist (s. U. [214]: tschi = nein). Danach würde es sich dann hierbei um einen — bes. merkwürdigen — Fall der sog. Enantiosemie, d. h. der Umkehrung der Bedeutung in das gerade Gegenteil (vgl. Günther, Rotwelsch, S. 20, 21, Anm. 14) handeln. Es dürfte jedoch richtiger sein, mit Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 432 das italienische si (dial. ši [spr. schi]) = „ja“ (das auch in deutsche Mundarten eingedrungen ist [vgl. Lexer, Kärnt. W.-B., Leipz. 1867, S. 216: schi = ja]) als die Quelle zu vermuten.

[119] a) Über die Analogie in der Zigeunerspr. (mulo mass, eigtl. „totes Fleisch“ [s. Liebich, S. 147, 171]) vgl. schon „Vorbemerkung“, S. 18, Anm. 47. Das Adj. mufig od. muffich = stinkend gehört zu dem Zeitw. muffen = riechen („schmecken“), stinken; vgl. auch die Verbdgn. dof muffen (eigtl. „gut riechen“) = duften u. Toberich muffen (eigtl. „Tabak riechen“) = schnupfen (vgl. „Pfeife“). Eine Zusammensetzg. mit dem Stamme (muff-) des Zeitworts ist Muffkenem = Wanze (eigtl. „Stinklaus“; vgl. über Analogie im Zig. „Vorbemerkg.“, S. 18, Anm. 47 u. Näh. unter „Wanze“ bezw. „Filzlaus“). Als Subst. gebraucht ist Muffen = Geruch. Weitere Ableitungen sind: Muffer (eigtl. „Riecher“) = Nase (vgl. dazu Mufferhorboge, eigtl. „Nasenkuh“ = Nashorn [s. d. betr. Übereinstimmung mit d. Zigeun.; vgl. auch schon „Vorbemerkg.“ S. 18]) und Mufferei = Gestank, Witterung (daher: begerische Mufferei = Totengeruch; vgl. Näh. unter „absterben“). Ein Zeitw. vermuf(f)en setzt voraus das Partizip vermuft, eigtl. = verfault, dann (im übertragenen Sinne) = arm (ärmlich, armselig), heruntergekommen, bankerott, auch als Subst. gebraucht für Armut, Bedrängnis, Konkurs. Zu vgl. (aus dem bes. verwandten Quellenkreise): Dolm. der Gaunerspr. 96 (Muffer = Nase); Schöll 271, 272 (muffen = riechen, Muffer = Nase); Pfulld. J.-W.-B. 338, 340, 342, 343 (muffen = riechen, Muffer = Nase); Schwäb. Händlerspr. 479, 488 (Muffer = Nase, vermuft = bankerott, in Pfedelb. [210, 212] auch: muffen = riechen und Muffert = Mist, in Lütz. [215]: muffen = riechen, vermuffen = im Spiel verlieren u. Muffnagel = Zigarre, in Degg. [215]: Mufferling = = Schnupftabak). Zur Etymologie (von dem deutsch., mundartl. weit verbreiteten Zeitw. muffen = „übel, insbes. nach Moder oder Fäulnis riechen“ bezw. d. Adj. muffig od. mufficht) s. Pott II, S. 18 u. A.-L. 576 vbd. mit Grimm, D. W.-B. VI, Sp. 2625 und Sp. 2623 (unter „Muff“, I, Nr. 3), Schmeller, Bayer. W.-B. I, Sp. 1573 ff. u. Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1784; vgl. auch Weigand, W.-B. II, Sp. 326.

b) Bossert = Fleisch (auch speziell „Wellfleisch“), Braten, erscheint sehr beliebt in allerlei Zusammensetzgn. (oder Verbindgn.) und zwar bes.: α) ans Ende gesetzt, so: aa) für die Fleischarten nach den verschiedenen Tieren, wie: Babingbossert = Gänsefleisch (gesicherter Strohbutzerbossert = Gänsebraten), Kibe(n)bossert = Hundefleisch, Stupflengbossert = Igelfleisch, Schmalerbossert = Katzenfleisch, Horbogebossert = Kuh- oder Rindfleisch, Hornikelbossert = Ochsenfleisch, Trabertbossert = Pferdefleisch, Groenikelsbossert = Schweinefleisch; ferner bb) für die Art der Zubereitung: eingespronktes Bossert = Pökelfleisch, Hitzlingbossert = Rauchfleisch, Spronkertbossert = Salzfleisch, Schwäzlingbossert = Schinken, Schmunkbossert = Speck, Rondlingbossert = Wurstfleisch; cc) für menschl. Körperteile: Näpflingbossert = Zahnfleisch; dd) auch im übertragenen Sinne: Koelebossert = „Teufelsbraten“; β) am Anfang der Zusammensetzg. stehend; aa) für Gerätschaften, wie Bossertschottel = Fleischbüchse, Bossertnolle = Fleischhafen; bb) für gewisse Speisen: Bossertblättling = Gulasch (eigtl. „Fleischsalat“), Bosserträsling = Leberkäse; cc) Bossertschei, d. h. eigtl. „Fleischtag“ = Sonntag (s. d. betr. die Übereinstimmung mit d. Zigeunerischen, vgl. auch „Vorbemerkung“, S. 18). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkreise): Dolm. der Gaunerspr. 92, 99 (Boser = Fleisch, Speck); Pfulld. J.-W. B. 339, 340, 341 (Bosert = Fleisch, Schwarzbosert = geräuchertes Fleisch, B. von einem Horboge = Kalbfleisch); Schwäb. Gauner- u. Kundenspr. 69, 75 (Bossert = Fleisch, Schmunkbossert = Speck); Schwäb. Händlerspr. 480 (Bosset, Bôser od. Bôßert = Fleisch; dazu noch in Pfedelb. [209, 213] bes. Graunikels-, Hobuchen-, Trappertbossert = Schweine-, Kuh-, Pferdefleisch u. Schmunkbossert = Speck sowie in Lütz. [213]: Flūse-bosert = Ente). Zur Etymologie (vom hebr. bâsâr, jüd. bôsôr = „Fleisch“) sowie über weitere Belege im Rotw. (seit d. 15. Jahrh.) s. Groß’ Archiv, Bd. 46, S. 10 u. Anm. 2; vgl. auch Weber-Günther, S. 154 u. Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1316.

c) Mass (im wesentl. gleichbed. mit Bossert gebraucht) erscheint nicht ganz so beliebt in Zusammensetzgn., doch findet es sich z. B. (am Ende) in verschiedenen Bezeichnungen von Fleischarten nach Tieren, wie Babingmass = Gänsefleisch (gesicherter B. = Gänsebraten), Tschuggel-, Stupfleng-, Horboge-, Trabertmoss = Hunde-, Igel-, Kuh-, Pferdefleisch. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkreise); Dolm. der Gaunerspr. 92, 99 (Mas = Fleisch, Speck); W.-B. des Konst. Hans 245 (Mass); Pfulld. J.-W.-B. (nur in gewiss. Zusammensetzgn., z. B. [343] Horboge-Maß = Ochsenfleisch); Schwäb. Händlerspr. 480 (Maß; Maßfetzer = Metzger; in Pfedelb. [214]: Mast = Wurst). Vgl. auch Metzer Jenisch 216 (Mās = Fleisch). Zur Etymologie: Am wahrscheinlichsten ist es, daß das Wort ins Rotwelsch und die verw. Geheimsprachen unmittelbar aus der Zigeunersprache eingedrungen ist (vgl. „Einleitg.“ S. 30), welche mas od. (in Deutschl.) mass (schon altind. māsa) in gleicher Bedeutung kennt (s. die Angaben in Groß’ Archiv, Bd. 38, S. 257 unter „Masengero“ und dazu noch Finck, S. 72); doch mag auch das tschechische, ebenfalls gleichbed. maso mit eingewirkt haben. Über das (auf die gleiche indogerm. Wurzel zurückgehende) früher gemein-germanische, jetzt im wesentl. veraltete Mass = „Speise“ („zugemessene, ausgeteilte Kost für die Hausgenossen“, schon ahd. u. mhd. maz [vgl. Lexer, Mhd. Hand-W.-B. I, Sp. 2063], got. mats, angels. mete, engl. meat) s. Näh. bes. bei Grimm, D. W.-B. VI, Sp. 1721; vgl. auch Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1517 (unter „Mass“ II, Nr. 1 u. 2).

[120] Das Zeitw. näpfen bedeutet: beißen, kauen, nagen (daher abnäpfen auch = abnagen), auch jucken. Weitere Zusammensetzgn. damit sind (außer abnäpfen) noch ausnäpfen = ausbeißen und wegnäpfen = wegnagen, Ableitungen davon: das Adj. näpfich (-ig) = bissig (beißend), krätzig, räudig (vgl. die Verbdg. näpfiger Schund [eigtl. „beißender Dreck“] = Kalk [s. d. betr. Übereinstmg. mit d. Zigeun.; vgl. auch „Vorbemerkg.“ S. 17]) u. das Subst. Näpfling = Zahn, Gebiß (vgl. die Zus. Ober- und Vordernäpfling = Ober- und Vorderzahn sowie Näpflingsins = Zahnarzt u. Näpflingbossert = Zahnfleisch). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkreise): nur Schwäb. Händlerspr. 479 (näpfen = beißen, in Pfedelb. [209] = coire, in Lütz. [215]: Näpfling = Zahn). Die Etymologie bleibt unklar. Auch Fischer, Schwäb. W.-B. IV., Sp. 1941 hat näpfen = beißen nicht bestimmt erklärt. Über die Bedeutg. coire s. ebds. vbd. mit Sp. 1914 unter „naffze(n)“ u. „Naffke“ (wozu zu vgl. Groß’ Archiv, Bd. 38, S. 233).

[121] Das Zeitw. dalfen bedeutet: betteln (begehren, fordern). Weitere Zus. damit: andalfen = anbetteln; Ableitungen davon: Dalfer = Bettler u. Dalferei = Bettelei. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 90 (talfnen = betteln); Schöll 273 (Talfer od. Talcher = Bettler); Pfulld. J.-W.-B. 336, 337, 338, 340 (dalven = abbetteln, dalfen = betteln, ausdalfen = ausbetteln, Dalver = Armer, Dalfer [Dalcher] = Bettler, Talfkunde = Handwerksbursche); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 67, 68 (dalfen = betteln, Kaff abdalfen = Dorf abbetteln, Dalfianus = Bettler); Schwäb. Händlerspr. 480 (dalfen = betteln). Zur Etymologie (wohl vom hebr. dal = „arm“) sowie über sonstige Belege im Rotw. s. die Angaben in Groß’ Archiv, Bd. 42, S. 9 (unter „Talfkunde“) vbd. mit Bd. 33, S. 241/42, Anm. 1. Nach Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 39 ist der Ursprung des Wortes „unklar“.

[122] Das Zeitw. derchen erscheint im wes. als Synon. zu dalfen (Bedeutg. also bes.: betteln, ferner begehren, bitten (daher abderche auch = abbitten), [er]flehen, fordern, verlangen); vgl. dazu die Verbindg. derchter Lehm = Bettelbrot (wörtl. „gebetteltes Brot“). Weitere Zusammensetzungen: anderchen = anbetteln, auch wohl bederchen = bedanken, danken. Ableitungen: die Subst. Dercher = Bettler (fem.: -ere) u. Dercherei = Bettelei (auch Gesuch) u. das Adj. dercherich = dürftig (ärmlich, bettelhaft), verarmt, das auch als Subst. gebraucht wird (Dercherich = Mangel, Not). Beliebt sind allerlei Zus. mit Dercher, so: Dercherbich (eigtl. = Bettelgeld, dann) = Almosen (s. d. betr. Übereinstimmung mit d. Zigeun.), Dercherulma = arme Leute (Bettelleute), Dercherkritzler = Bettelbrief, Dercherfiesel, -kaffer, -model, -moss = Bettelbube, -mann, -mädchen, -frau, Dercherrande, -stenz = Bettelsack, -stab. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 90, 93 (därgen = betteln, Daerge-stozem = Handwerksbursche); (Pfulld. J.-W.-B. 338 (türchen); Schwäb. Händlerspr. 479 (derchen, in Pfedelb. [213] auch: Dercherkitt = Bettelhaus). Die Etymologie ist unsicher (vielleicht zu hebr. dereq, jüd. derech = „Straße, Weg“, jedoch ev. mit Einfluß deutscher Wörter); s. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 38, S. 284/5 u. Anm. 2 u. 3 (unter „Derfen-Schin“); vgl. auch Fischer, Schwäb. W. B. II, Sp. 74 u. 159 (unter „därgen“ und „derchen“).

[123] Das Zeitw. schurele findet sich nur vereinzelt ohne weiteren Zusatz gebraucht, nämlich für „begatten“ oder „erzeugen“ (wozu der Gebrauch des Hauptw. Schure für „männliches Glied“ paßt), dagegen versieht es in Zusammensetzgn. die Funktion einer Art von Aushilfszeitw. (vgl. Wittichs „Einleitung“, S. 24 und meine „Vorbemerkung“, S. 16, Anm. 40). So bedeutet z. B. abschurele (außer „abbiegen“) noch: abbinden, ablesen, abmähen, abpflücken, abputzen, abreißen, abschirren, abschneiden, absondern, abwischen und abziehen; ferner anschurele: anbinden, anblasen, anfangen, anhalten, anschneiden; aufschurele: aufbewahren, aufbrechen, aufdecken, aufheben, aufladen, auflesen, aufmachen, aufsuchen; ausschurele: ausbürsten, ausfragen, ausrechnen; einschurele: einblasen, einbrechen, einfangen, einfüllen, eingeben, einschneiden, einschnüren, einschütten, einspannen. Zur Etymologie: Das Zeitw. ist offenbar eine (aus den sonstigen Geheimsprachen mir nicht bekannte) Ableitung des Hauptworts Schure, über dessen Gebrauch als Aushilfswort für die verschiedensten Begriffe, für die es im Jenischen an besonderen Bezeichnungen fehlt, schon in meiner „Vorbemerkung“ (S. 16) und in Wittichs „Einleitung“ (S. 24) kurz die Rede gewesen. Hier folgt nun eine genaue Aufzählung der einzelnen Fälle. Schure im allgem. = „Ding“ (ursprüngl. wohl [wie Sore] = „Ware“, obwohl es im Vokabular unter diesem Worte fehlt) kommt vor: a) für sich allein (ohne Zusatz), zunächst: α) für mancherlei Sachen (unbelebte Dinge), nämlich: Acker, Angel, Bindfaden, Brecheisen, Brei, Bremse, Brücke, Buch, Bürste, Decke, Deckel, Deichsel, Dorn, Dose, Draht, Eimer, Eis, Eisen, Faden, Fahne, Falle, Gitarre, Gürtel, Puppe (Docke); vgl. das Dimin. Schurele = Brett; ferner bes. noch β) für gewisse Pflanzen (Gemüse usw.), so: Binsen, Blume, Bohne, Gurke; γ) für den abstrakten Begriff „Eid“; δ) für menschl. Körperteile: Achsel, männliches Glied; ε) für Tiere: Affe, Bock, Bremse (? [s. d.]), Dohle; vgl. das Dimin. Schurele = Eidechse; b) in Zusammensetzungen: α) für Sachen (im w. S.): Sauftschure = Bettuch („Bett[über]züge“), Feberschure = Bleistift, Lehmschure = Brotschrank, Rutscherschure = Bürsten, Kehrbesen, Schmunk-Schure = Butterfaß (Schmalzfaß), Scheischure = Docht, Bich-, Kies- oder Lobeschure = Geldkasse oder -kästen, Begerschure = Gottesacker (Kirchhof), Grab, Gruft, Straubertsschure = Haarnadel, -öl oder Kamm, Dokschure = Hacke, Niklengschure = Harfe, Harmonika, Nikelschure = Klarinette (Nikleschure = Leierkasten), Stöberschure = Obst, Toberichschure = (Tabaks-)Pfeife, Zigarre, Streiflingschure = Strumpfband; β) für einen mehr abstrakt. Begriff, näml. Randeschure = Bauchgrimmen (Bauchweh); vgl. auch die Verbindung grandiche Schure = Reichtum, Überfluß, Vermögen (vgl. auch „vermögend“); γ) für ein Tier: Jahre- oder Kracherschure= Hirsch; δ) für Personen (Berufe): Schoffeleischure = Gerichtsvollzieher (Spr.), Groenikelschure = Sau- (Schweine-)Hirt, Jerusalemsfreundschure = Schafhirt, Schäfer. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): nur Schwäb. Händlerspr. 480, 481 (Schure = Ding, Gegenstand, nur in Wolfach [484] auch = Mund, in Lütz. [215] = Ware). Die gaunersprachl. Quellen, bes. der älteren Zeit, haben dafür meist die Form Sore (s. darüber Näh. unter „Brücke“). Über sonstige Formen sowie über die Etymologie des Wortes (vom hebr. sĕchôrâ = „Handelsverkehr“) s. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 38, S. 241 u. Anm. 1 u. S. 242 (unter „Sorar“).

[124] S. abbetteln.

[125] Das Zeitw. funken bedeutet brennen (vgl. funkt = brennend, d. h. eigtl. „[es] brennt“), heizen, zünden; vgl. die Verbindg. g’funktes Gib = Malz (eigtl. „gebranntes Getreide“, in Übereinstimmung mit der Zigeunerspr. [vgl. schon „Vorbemerkung“, S. 17 sowie unter „Malz“]). Weitere Zus. sind: anfunken = anzünden (vgl. dazu a’gefunkter Spraus = Kohle), ausfunken = ausbrennen, verlöschen, einfunken = einbrennen, einheizen, niederfunken = niederbrennen, verfunken = verbrennen, versengen. Das Verbum gehört zu dem Stamme Funk = Feuer (Brand, Flamme, Glut); vgl. die Verbindgn. und Zusammensetzgn.: Funk anpflanzen und auspflanzen = anbrennen und (aus)löschen, grandicher Funk = Feuersbrunst (s. d. betr. d. Übereinstimmung mit der Zigeunerspr.; vgl. auch schon „Vorbemerkung“, S. 17); Funkkies = Feuerstein, Funkspreisle = Zündhölzer. Ableitungen: das Subst. Funker = Köhler, Kohlenbrenner (aber das Dimin. Funkerle = Zündhölzer) und das Adj. funkich = feurig. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 90, 100 (funken = brandmarken, gefunkt werden = gebrandmarkt werden, verfunkt werden = verbrannt werden); Schöll 274 (Funkbruder = Brandbettler); Pfulld. J.-W.-B. 336, 337, 339, 345 (Funk = Feuer, funken = brennen, feuern, ab-, verfunken = ab-, verbrennen); Schwäb. Gauner- und Kundenspr. 68 (funken = brennen; Funkerer = Brandstifter); Schwäb. Händlerspr. 480, 483, 488 (Funk [in Pfedelb. (209, 211): [Funkert] = Feuer, Licht, Funker [in Pfedelb. (214): Funkert] oder Funkerle = Zündholz; in Degg. [215]: Funkspraus = Zigarre; in Pfedelb. 208, 213]: funken = brennen, abfunken = abbrennen, anfunke[l]n = anbrennen [dieses auch in Lütz. (214)], verfunken = verbrennen). Vgl. noch Pfälz. Händlerspr. 437 (Funkert = Feuerzeug); Metzer Jenisch 216, 217 (Funkert = Feuer, funke = kochen, sieden). Zur Etymologie der Vokabeln (die sämtl. deutsch. Ursprungs sind) s. das Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 42, S. 48 unter „Funker“; vgl. auch Weber-Günther, S. 187 (unter „Funkert“), sowie Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1832 (unter „Funk“ Nr. 3) und Sp. 1833 (unter „Funker“).

[126] Diese Bezeichnung setzt ein Zeitw. flu(h)ten voraus, das aber (für sich allein) in Wittichs Vokabular nicht vorkommt. Das Stammwort ist das Subst. Flu(h)te (masc. gen.), hier im Sinne von „Brühe“ (s. d.), sonst bes. = Wasser (Bach, Bad, Fluß, Flut, Gewässer, Quelle, See, Strom, Teich), das auch als Adj. (= naß) gebraucht wird. Es erscheint beliebt in Verbindungen, wie biberischer Flu(h)te (Biberischerflute) = Eiswasser (eigtl. „eisiges Wasser“), bostender Flu(h)te = laufendes Wasser (und dazu die Redensart: Flu[h]te bostet mer herab = ich schwitze (eigtl. „das Wasser läuft mir herab“, in Übereinstimmung mit der Zigeunerspr. [vgl. das Näh. unter „schwitzen“]) und grandich Flu(h)te (eigtl. „großes [oder größtes] Wasser“) = Meer (vgl. „Vorbemerkung“, S. 19, Anm. 49), namentlich aber in Zusammensetzgn., wie a) am Anfang stehend: Flu(h)tesore = Brücke (s. d.), aber auch Wasserfaß, Flu(h)tekies (eigentl. „Wasserstein“) = Insel (s. d. betr. Analogie im Zigeunerischen), Flu(h)tefläderling (eigtl. „Wasservogel“) = Bachstelze, Flu(h)tekupfer = Meergras oder Schilf, Flu(h)tegroenikel = Meerschweinchen, Flu(h)tefu(h)l oder -schund = Schlamm, Flu(h)tekib = Seehund, Flu(h)tegachne oder -stierer = Wasserhuhn, Flu(h)tenolle = Wasserkrug, Flu(h)terolle = Wassermühle; b) ans Ende gesetzt: Scheinlingflu(h)te = Augenwasser, Flösselflu(h)te = Harn (Urin), aber auch Regenwasser, Pfladerflu(h)te = Waschwasser, Süßlingflu(h)te = Zuckerwasser; über Biberischerflu(h)te (in einem Wort geschr.) s. schon oben unter a. Eine weitere Ableitung von Flu(h)te (außer abflu[h]ten) ist das Adj. flu(h)tich = feucht, wässerig, auch als Subst. (Flu(h)tich gebr. = Nässe. — Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): W.-B. des Konst. Hans 254 (Flude = Wasser); Pfulld. J.-W.-B. 337, 342, 346 (ebenso, Bedeutg. auch: Bach; grandig Flotte = Meer); Schwäb. Händlerspr. 482, 488 (Flude oder Flute, auch Flôte = Wasser, Fludi = Kaffee [in Pfedelb. (210) dafür Schwarzflude od. -floße]; in Lütz. [215]: flude[n] = regnen). Der Etymologie nach gehört das (auch sonst im Rotwelsch bekannte) Wort (vgl. z. B. schon Basl. Gloss. 1733 [202: Flodi]) wohl zweifelsohne zu unserem deutschen „Flut“. Vgl. Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1597 vb. mit Weigand, W-B. I, Sp. 564/65.

[127] Leile hat die Grundbedeutg. „Nacht“, kommt aber auch spezieller für Mitternacht, sowie ferner (außer für Abend) noch für Dämmerung oder Finsternis vor, sodann als Adj. gebraucht für dunkel oder finster. Auch sind damit ziemlich viele Zusammensetzgn. gebildet (und zwar sämtl. so, daß das Wort am Anfange steht), nämlich: Leilebiken = Abendessen (während Nachtessen durch Leilebikus u. -achilerei wiedergegeben), Leileschenagel = Nachtarbeit, Leileschei(n) = Nachtlicht, Leilesitzling = Nachtstuhl, Leilekaffer = Nachtwächter, Leilekitt = Wachthaus, Leileschrende = Wachtstube; bes. interessant sind noch die Umschreibungen Leilefläderling = (eigtl. „Nachtvogel“) = Eule (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeun.; vgl. auch „Vorbemrkg.“, S. 18), Leileschei(n) (eigtl. „Nachtlicht“ [s. oben]) = Mond (s. d. betr. Analogie im Zigeun.; vgl. auch „Vorbemerkg.“, S. 18, Anm. 47) oder auch Stern (daher Leilescheischund [eigtl. „Nachtlichtschmutz“] = Sternschnuppe). Zu vergl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 96 (Leile = Nacht); W.-B. des Konst. Hans 258 (z’ leili schefte = „logieren“, heute leile = heut’ Nacht); Schöll 271 (Leile); Pfulld. J.-W.-B. 342 (Beily [vedr. für Leily]); Schwäb. Händlerspr. 484 (Laile od. [in Pfedelb. (211) Leile). Vgl. auch Pfälz. Händlerspr. 438 (Laile). Zur Etymologie (vom hebr. lailâ[h] = „Nacht“) s. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 38, S. 229 (unter „Leilest“); vgl. auch noch Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1148/49.

[128] Ratte, für dieselben Bedeutungen wie Leile (also z. B. auch als Adj. für „dunkel“) gebraucht, kommt in Zusammensetzgn. seltener vor, doch findet sich Rattekahla = Abendessen, Rattebutterei = Nachtessen u. die Umschreibg. Rattefläderling = Eule (s. Anm. 127). Zu vergl. (aus d. verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 96 (Ratte = Nacht); W.-B. des Konst. Hans 255, 256, 257, 258 (Ratiginger = Nachtdiebe, Ratte = Nacht, zwei Rattene = zwei Nächte); Schöll 272 (Ratte); Pfulld. J.-W.-B. 342 (ebenso); Schwäb. Gaun.-u. Kundenspr. 73 (desgl.); Schwäb. Händlerspr. 480 (ratt[e] = dunkel, in Pfedelb. [214] auch Ratte = Nacht. in U. [214]: Rattebutte[n] = Nachtessen). Zur Etymologie (vom gleichbed. zigeun. rat oder [in Deutschl.] ratt, schon altind. ratri) s. die Angaben in Groß’ Archiv, Bd. 47, S. 212, Anm. 1, u. dazu noch Finck, S. 82.

[129] Das (hier substantivisch gebrauchte) Zeitw. biken bedeutet: essen (kauen, schmausen, verzehren); vgl. dazu: grandich bikt = satt (eigtl. „viel gegessen“). Weitere Zusammensetzgn.: ab-, auf-, ausbiken = ab-, auf-, ausessen. Ableitungen: die Substantive Bikerei = Essen (Frühstück, Gastmahl, Gericht, Mahlzeit, [das] Speisen) oder (in latinis. Form) Bikus = Essen (Gastmahl, Gericht, Kost, Mahlzeit, Schmaus, Speise), beide (namentl. aber das letztere) auch in Zus. beliebt; vgl. Schimmerlingsbikerei od. Flößlingbikus = Fischessen, Strohbuzerbikus = Gansessen, Langohrbikus = Hasenessen, Stupfelbikus = Igelessen, Rondlingbikus = Wurstessen; ferner: Groenereibikus = Hochzeitsschmaus, Begerbikerei od. -bikus = Leichenschmaus, Leilebikus = Nachtessen (vgl. oben Anmerkung 127]. Vermutlich dürfen zu biken aber auch noch in Beziehung gesetzt werden das Zeitw. bikern = hungern (mich bikert[’s] = mich hungert [wofür früher mich kohlert gebräuchlich gewesen; s. Wittichs „Einltg.“, S. 21]) sowie das Adj. bikerich = gierig, hungrig, dann auch = habgierig, geizig. Zu vergl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 92 u. 94 (bicken = essen u. Bicker = Hunger); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 69, 74 (bicken = essen, Bikus = Kost, Bickerle = Sparsamer [der nichts gibt]); Schwäb. Händlerspr. 480, 482 (bicken = essen, Bickerei od. Bickus = Essen [in Pfedelb. (211): Pickus = Kost]; bikerisch = hungrig [in Pfedelb. (210)]: bikerischer Klob = Geizhals). Zur Etymologie des (auch sonst im Rotwelsch sowie in den verw. Geheimspr. [z. B. bei den Pfälz. Händlern (437)] verbreiteten) Wortes (wohl jedenfalls vom deutsch. Zeitw. picken, älter bicken [so schon mhd. neben becken], d. h. eigtl. [zunächst von Tieren gebr.] „mit der Schnabelspitze zufahrend stoßen oder aufnehmen“ [Weigand, W.-B. II, Sp. 425]) s. Näh. bei Weber-Günther, S. 184 (unter „picken“); vgl. auch A.-L. IV, 69 u. 524/25 vbd. m. Wagner bei Herrig, S. 227 u. Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1096 (unter „picken“). Die Latinisierung Pickus hat m. Wiss. zuerst Zimmermann 1847 (373, 383) verzeichnet.

[130] Das Zeitw. butten wird in denselben Bedeutungen gebraucht wie biken (daher z. B. auch grandich buttet = satt sowie die Zus. ab-, auf-, ausbutten). Desgl. entspricht die Ableitg. Butterei im wes. den Substantivierungen Bikerei u. Bikus, während es in Zusammensetzgn. seltener vorkommt (vgl. aber Matschebutterei = Fischessen u. Rattebutterei = Nachtessen (s. oben S. 37, Anm. 128). Über das stammverwandte Pu(t)lak = Hunger s. das Nähere unter „Appetit“. Zu vergl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 92 (butten = essen); W.-B. des Konst. Hans 258 (ebenso; vgl. [255] Buttschnurr = „Steigbettler“); Pfulld. J.-W.-B. 337 (butten = essen, schlucken, abbutten = abfressen); Schwäb. Händlerspr. 480 (butten = essen, Butterei = [das] Essen, in U. [214]: Rattebutte[n] = Nachtessen); s. auch Pleißlen der Killertaler (nach Kapff [212]: butten = essen) u. Metzer Jenisch 216 (butte). Zur Etymologie: Nach A.-L. 528 vbd. m. Wagner bei Herrig 226 ist butten wohl eine Nebenform zu ndd. biten = „beißen“ (vgl. schon Ndd. Lib. Vagat [75]: botten, wie noch jetzt im Hennese Flick von Breyell [457]). Vgl. auch Günther, Rotwelsch, S. 52 sowie (über die Verbreitg. des Ausdr. in den südd. Mundarten) Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1564, Nr. 2, der indessen über die Etymologie schweigt.

[131] Auch das (hierin substantivierte) Zeitw. kahla (seltener -le) bedeutet „essen, verzehren“; dazu die Zus. ab-, auf-, auskahla. — Mit der Ableitg. Kahlerei (im wes. gleichbed. mit Bikerei u. Butterei) sind gebildet worden die Zus. Flotschekahlerei = Fischessen u. Groenereikahlerei = Hochzeitsschmaus. Zu vergl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 92 (kahlen = essen); W.-B. des Konst. Hans 259 (z’ kahlet = zu essen); Pfulld. J.-W.-B. 337, 339, 340 (kahlen = abessen, abfressen, kohlen = essen, z’ viel kahlen = überfressen); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 69 (kahlen); Schwäb. Händlerspr. (U. [214] u. Lütz [214]: khäle[n]). Zur Etymologie (aus der Zigeunerspr. [vgl. oben „Einleitg.“, S. 30]) s. Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 576 (unter „kole[n]“) u. Sp. 165 (unter „kale[n]“) (der übrigens auch „eine Mischung“ mit dem gleichbed., aus d. Hebr. stammenden achlen für möglich hält) vbd. mit Liebich, S. 130, 195 u. 241 (chāwa = ich esse, speise), Miklosich, Beiträge I/II, S. 22 (unter „khād“) u. Denkschriften, Bd. 26, S. 217/18 (unter „cha“: bei d. deutsch. Zig. chāva altind. khād), Jühling 220 (Chalo = Fresser, Chaben = Essen, aber chala = es beißt [anders oben „Einltg.“, S. 30), Finck, S. 67 (Wurzel: xā-).

[132] Diese Ausdrücke werden wohl alle drei (am häufigsten aber die beiden ersten) als miteinander gleichbedeutend gebraucht, und zwar (außer in der obigen. Bedtg. noch) für: albern, blöde (= blödsinnig), dämlich, dumm, geisteskrank, irrsinnig, läppisch, närrisch, schwachsinnig, töricht, unklug, unsinnig, unvernünftig, unverständig, wahnsinnig. Zusammensetzungen damit sind: Nillicheschei od. Ni(e)sicheschei (d. h. eigtl. „närrischer [oder Narren-] Tag“) = Fastnacht (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.) und Nillichegiel, Ni(e)siche- und Nuschichegiel (d. h. eigtl. „närrisches Maul, Gesicht“) = Fastnachtsmaske, dann einerseits noch spezieller = „Affengesicht“ (s. d.) als Bezeichnung einer besonderen Art von Fastnachtsmasken, andererseits allgemeiner = Larve oder Maske überhaupt. Die genannten Adjektive sind Ableitgn. von den Hauptw. Nille, Ni(e)se, Nusche = Dummkopf (dummer Mensch), Geck, Narr, Tor, Tropf (dazu die Zus.: Nille- od. Ni[e]sekitt = Irrenhaus [Narren-, Tollhaus] u. Nille- od. Ni[e]seki[e]bes = Tollkopf). Eine weitere (substant.) Ableitg. von Nille, Ni(e)se, Nusche ist endlich Nillerei, Ni(e)serei od. (seltener) Nuscherei = Blödigkeit (d. h. Blödsinn), Dummheit, Kinderei, Irrsinn, Wahnsinn. Zu vergl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 96 (Nille = Narr); ebenso: Schöll 271 u. Pfulld. J.-W.-B. 342 (hier [339] ferner das Adj. nilli = einfältig). Zur Etymologie: Nach Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 2082 (unter „Nülle“ I) ist Nülle (od. Nille) = Narr, Dummkopf usw. identisch mit Nolle = dicker Mensch, Einfältiger, das wohl zu Knoll(en), schwäb. auch G’noll, Noll = „rundlicher harter Körper“, „zusammenhängende runde Masse“ (schon mhd. knolle = „Erdscholle, Klumpen“ und „grober, plumper Mensch“; vgl. ahd. hnol = „Erhöhung“, angels. cnoll = „Bergspitze“, engl. knoll = „Hügel“) gehört; s. Fischer, a. a. O., Sp. 2055 (unter „Nolle“, Nr. 3) vbd. mit Sp. 541 (unter „Knoll[e(n)]“, bes. Nr. 3c) u. Weigand, W.-B. II, Sp. 1080 (unter „Knollen“). Schon A.-L. 578 hat Nille = „Narr, Geck, Spaßmacher“ und „penis“ gleichfalls auf „Knolle“ zurückgeführt. Auch bei der letzteren Bedeutung, die (neben der selteneren von „vulva“) auch sonst volkstümlich ist (s. Müller in d. „Anthropophyteia“, Bd. VIII, S. 4 u. 10, u. Günther, ebds. Bd. IX, S. 31, Anm. 2 vbd. mit Grimm, D. W.-B. VII, Sp. 980), handelt es sich wohl um dasselbe Wort, denn Grimm, a. a. O. leitet es zwar zunächst von dem Zeitw. nollen (od. nullen) = „futuere“ her, stellt dieses aber zum mhd. nol = „mons Veneris“ (s. Näh. a. a. O., Sp. 879 unter „nollen“). Überhaupt werden die Begriffe „Dummkopf“ u. „penis“ öfter ja durch denselben Ausdruck wiedergegeben (vgl. z. B. Schmeller, Bayer. W.-B. II, Sp. 642 betr. d. Wort „Schwanz“). — Die Bezeichnung Niese = Dummkopf hat Fischer, a. a. O., IV, Sp. 2044 vbd. mit Sp. 2050 zu Nise als Kurzform des Eigennamens Dionysius — freilich nur mit einem Fragezeichen — in Verbindung gebracht. Über Nusche wage ich keine Vermutung aufzustellen.

[133] S. Abendessen.

[134] Das Zeitw. ruadle(n) (-la, ruedle) = fahren ist auch noch enthalten in den Zus. aus-, darüber-, ein-, heraus-, nach-, um- u. wegruadle(n). Es gehört zu dem Subst. Ruadel (od. Ruedel) = Wagen, bes. Fahrzeug auf dem Lande, Karren. Zu vergl. (aus dem verw. Quellenkr.): Schwäb. Händlerspr. 488 (Rudel = Wagen). Das in älteren rotw. Quellen vorkommende Zeitw. rodeln (s. z. B. auch W.-B. des Konst. Hans 259 u. Schöll 272) dürfte wegen seiner Bedeutung („führen, mit sich führen“) nicht ohne weiteres zum Vergleiche herangezogen werden, jedenfalls dagegen aber gradeln od. radeln = fahren, das z. B. Schintermicherl 1807 (288) u. Karmayer 63 u. 129 haben. Denn seiner Etymologie nach ist das Zeitw. ruadle(n) wohl nur aufzufassen als eine dialektische Färbung von „radeln“ (s. dazu Günther, Rotw., S. 98, 99, Anm. 118), ebenso wie Ruadel (Ruedel) eine solche von „Radel“, Dim. von „Rad“, sein dürfte. Über das Symn. Rädling (-leng) s. Näh. unter „Eisenbahnwagen“.

[135] Das Zeitw. bohle(n) (-la) = fallen, werfen (Spr.) kommt noch vor in den Zus. ab-, auf-, einbohlen (= einstürzen), hin-, nach-, nieder-, umbohlen. Zu vergl. (aus d. verw. Quellenkr.): Schwäb. Händlerspr. (in Pfedelb. [209, 210]: bohlen = fallen, nausbolen = hinauswerfen). Für „werfen“ ist bohlen auch in rotw. Quellen des 19. Jahrh. bekannt (s. z. B. Pfister bei Christensen 1814 [317]; v. Grolman 10 u. T.-G. 133; Karmayer G.-D. 192). Etymologie: Nach Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1271 handelt es sich um ein schwäbisches Wort mit der Grundbedeutung „rollen, im Bogen werfen“, ahd. bolôn, mhd. boln = „rollen, werfen, schleudern“ (Lexer, Mhd. Hand-W.-B. I, Sp. 324), das transit. u. intransit. gebraucht wird, so daß daraus auch die Bedeutg. „fallen“ entstehen konnte. Über das stammverwandte Bolle = Kartoffeln s. unter „Bratkartoffeln“.

[136] Das einfache dogen (-ga), auch doken, kommt vor in dem Sinne von: a) geben (hergeben); b) beschenken; c) schlagen (hauen, fechten). Zu der Bedeutg. unter a) gehören (außer abdogen [s. auch unter „abliefern“]) die Zus. aus-, heraus- u. vordogen = aus-, herausgeben und vorschießen (leihen), zu der unter c): zudogen = zuschlagen sowie das Subst. Dokschure (eigtl. „Hauding“) = Hacke (s. d. betr. die Übereinstimmung mit der Zigeunerspr.). Als Ableitg. ist wohl anzusehen Doge = Schläge (falls nicht etwa = Doge[n] als subst. Zeitwort). In dem bes. verw. Quellenkreise ist das Wort m. Wiss. unbekannt, dagegen kommt es sonst vereinzelt vor im Rotw. des 19. Jahrh. (s. z. B. v. Grolman, Akt. Gesch. 1813 [312: Koberment gedockt = Schläge gegeben] u. W.-B. 16 u. T.-G. 95 u. 118 [docken = geben, schenken]; Christensen 1814 [320, 331: tocken = geben, die Vehm tocken = die Hand geben]; Karmayer 30 [docken = reichen, geben) sowie in d. Krämerspr. (s. Eifl. Hausierspr. (491: geduckt = gegeben). Die Etymologie bleibt unklar. Auch Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 241 (unter „docke[n]“) gibt keine Erklärung.

[137] Das Zeitw. bosten (wofür früher holchen gebräuchl. [s. oben „Einltg.“, S. 26]) = gehen, fliehen, folgen, kommen, laufen, spazieren (gehen) kommt noch vor in den Zus.: aufbosten = auflaufen, ausbosten = ausgehen, auslaufen, darüberbosten = darübergehen, ei’bosten = einlaufen, herabbosten = herabgehen, -laufen, hinausbosten = hinausgehen, nachbosten = nachfolgen, umher-, unterbosten = umher-, untergehen, verbosten = verlaufen, wegbosten = weglaufen, zurückbosten = zurücklaufen; ferner in den Verbindungen: schiebes bosten = davongehen, sich entfernen, entspringen, entweichen, fliehen, fortgehen (früher dafür malochen [s. „Einltg.“, S. 27]), schenzieren bosten = hausieren gehen, Jahre bosten = jagen (eigtl. [in den] Wald gehen [um zu jagen]), begerisch bosten = lahm gehen, ins Sauft bosten (eigtl. „ins Bett gehen“) = niederkommen, grandiche Rande bosten (eigt. „[mit einem] dicken Bauch gehen“) = schwanger gehen, endl. noch in der längern Umschreibung Flu(h)te bostet mer herab = ich schwitze (s. darüber schon oben S. 36, Anm. 126 vbd. m. S. 17, Anm. 44). Eine Ableitg. ist das Subst. Boster = Läufer. Zu vergl. (aus d. verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 337, 339, 340, 342 (posten = gehen, boschen = laufen, auspostet = ausgelaufen, durchbosten = durchlaufen, verposten = entfliehen); Schwäb. Händlerspr. 481 (pō̆schten [in Pfedelb. (210): boschten] = gehen, plæ̂te poschten [in Pfedelb. (209): boschten] = fortgehen, durchgehen, in Pfedelb. [208/9]: naus- u. abboschten = auslaufen u. durch- od. fortgehen). — Die Form boschen (bôschen) = gehen hat auch schon v. Grolman, Akt. Gesch. 1813 (312) u. W.-B. 11 u. T.-G. 96, das Subst. Boster findet sich in der Zus. Leili-Boster = Nachtdieb bei Pfister bei Christensen 1814 (325). Etymologie: Nach Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1318 bedeutet poste(n) (bošte) im Schwäb. „herumlaufen, kleine Aufträge besorgen“ u. ä., eigentl. soviel wie „Postgänge machen“, so daß es also zu unserem Lehnwort Post (aus dem ital. posta, mlat. posta = „[Post-] Standort“, aus posita, zu lat. ponere [s. Weigand, W.-B. II, Sp. 456, vbd. m. Seiler, Lehnwort III, S. 186) gehört. Näheres (auch über andere südd. Mundarten) s. ebds. vbd. mit Grimm, D. W.-B. II, Sp. 267 (unter „besten“) u. VII, Sp. 2025 (unter „posten“, Nr. 1)

[138] Das Zeitw. pfiche(n) = gehen, folgen findet sich noch in den Zus. auspfichen = ausbrechen, herabpfichen = herabgehen, hinauspfichen = hinausgehen sowie in den Verbindgn. schiebes pfichen = davongehen, fortgehen (entrinnen) und schenzieren pfichen = hausieren gehen. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 337, 339, 340 (pfichen = gehen [ausgehen, entfliehen, herumziehen]); Schwäb. Händlerspr. 481 (u. Lütz. [214] pfiche[n] = gehen, pficht = er ist fort). Die Etymologie des Wortes (das bei Fischer, Schwäb. W.-B. nicht angeführt ist) bleibt zweifelhaft. Nur unsichere Hypothesen bei A.-L. IV, 245/46.

[139] a) Das in dieser Verbindung enthaltene Wort Gleis = Milch kommt auch noch in folgenden Zus. vor: α) am Anfang stehend: in Gleisnolle = Melkfaß (oder Milchtopf, -napf), Gleisschottel = Melkgefäß (eigtl. Milchschüssel), Gleiskechelte = Milchbrötchen (Spr.), Gleisglansert = Milchglas, Gleisschnall = Milchsuppe und Gleisschund (eigtl. „Milchdreck“) = Rahm oder Sahne (dem das obige abgeschunde Gleis entspricht!; β) am Ende stehend: Schmunkgleis = Buttermilch. Zu vgl. (aus d. verw. Quellenkr.) Dolm. der Gaunerspr. 96 (Glais); Pfullend. J.-W.-B. (Gleis; Gleiskittle = Milchhaus, Gleispolifska oder -schnalla = Milchsuppe); Schwäb. Händlerspr. 484 (Gleiß); s. auch Metzer Jenisch 216 (Gleiss). Zur Etymologie des Wortes (höchstwahrscheinlich von unserem deutsch, gleißen, d. h. glänzen) sowie über weitere Belege im Rotw. usw. s. Näh. Groß’ Archiv, Bd. 33, S. 256, Anm. 2 verbd. mit Bd. 42, S. 49 (unter „Gleißer“); vgl. auch Weber-Günther, S. 177/78 (unter „Klais“) und Fischer, Schwäb. W.-B. III, Sp. 689. — b) Zu abgeschunde, das ein Zeitw. abschunden voraussetzt, vgl. das ähnliche einschunden = einsalben, einschmieren, während das einfache schunden im W.-B. durch „austreten (schwer“), d. h. cacare, wiedergegeben ist. Es ist (gleich dem Adj. schundich [schondich (Spr.)] = beschmutzt, dreckig, kotig, schmierig, schmutzig, trübe, unflätig, unreinlich, unsauber) abgeleitet von dem Hauptw. Schund od. Schond = Dreck, Kot, Schmutz, Unflat, Unrat, auch spezieller noch Asche, Dünger (Mist), Exkremente, Lehm. Dazu die Verbindg. näpfiger Schund = Kalk (worüber das Näh. schon oben S. 17) sowie mannigfache Zusammensetzgn., so: a) mit Sch. am Anfang: Schundkitt = Abort, Schundschottel = Aschenbecher, Schundbolle = Kartoffeln (eigtl. etwa „Dreckknollen“), Schundfurschet = Mistgabel, Schundfläderling = Mistkäfer (eigtl. „Mistvogel“), Schundsitzling = Nachtstuhl; b) mit Sch. am Ende: Gleisschund = Rahm, Sahne (s. oben lit. a), Flu(h)teschund (eigtl. „Wasserdreck“) = Schlamm, Leilescheischund = Sternschnuppe (worüber Näh. schon oben S. 37, Anm. 127). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 89, 92, 93, 97 (Schund = Exkremente, Schund-Kitte = Abtritt, Schompolle [dial. statt: Schundbolle] = „Grundbirnen“, d. h. Kartoffeln; schunden = Notdurft verrichten; vgl. [90]: beschunden = betrügen [also ähnl. wie unser „bescheißen“ gebr.; vgl. Weigand, W.-B. I, Sp. 213]); Pfulld. J.-W.-B. 339, 341, 344 (Schund = Dreck, Kot, Schutt; vgl. auch [342] Schunplotzer = Maurer); Schwäb. Händlerspr. 479, 480, 482, 484, 486 (Schund = Dreck, Schmutz, aber auch = Acker, Feld; schundig = dreckig, schmutzig, Schumbolle = Kartoffeln, Schundplutzer oder Schunplotzer [in Degg. (215): Schundblozer] = Maurer, in U. [214]: schunde[n] = cacare, beschunden [in Lütz. (214): b’schunderle(n)] = betrügen). S. auch noch Metzer Jenisch 216 (schunde = cacare und Schund-Bais = Abtritt). Zur Etymologie (vom deutsch. Stammwort „schinden“, daher Grundbedg. von Schund eigtl. „Abfall beim Schinden“) sowie über weitere rotw. Belege s. d. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 47, S. 139.

[140] Das Stammwort ist basche(n) = kaufen; vgl. einbaschen (Spr.), verbaschen. Ableitungen davon sind die Subst. Bascher = Käufer, Verbascher = Handelsbursche, Verbaschere = Handelsfrau. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 337, 341 (baschen = kaufen, verbaschen = ausbieten); Schwäb. Händlerspr. 487 (verpassen oder verpâschen = verkaufen). S. auch Metzer Jenisch 217 (verpasse = verkaufen). Zur Etymologie sowie über weitere Belege im Rotw. (schon 1687: verpassen = verkaufen) s. Groß’ Archiv, Bd. 43, S. 62 u. Anm. 1. Der dort (im Anschluß an Schmeller, Paul, Kluge u. a.) vertretenen Ansicht, die das Wort paschen (= schmuggeln usw.) vom französ. passer oder ital. passare (= „[die Landesgrenze] überschreiten“) herleitet (dafür auch z. B. Seiler, Lehnwort III, S. 101 u. Anm. 2), steht noch eine andere gegenüber, die hebräischen Ursprung annimmt; s. darüber Näh. bei H. Klenz, W.-B. nach der neuen deutsch. Rechtschreibung, Leipzig 1904, S. 173, Sp. 3 und Weigand, W.-B. II, Sp. 379. Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1261 (unter „verpaschen“ u. „verpassen“, Nr. 4) hat keine Erklärung gegeben.

[141] Stammwort: bikeren = kaufen; Ableitung: das Subst. Bikerer = Käufer. In den verw. Quellen unbekannt, ebenso m. Wiss. auch sonst im Rotw. Auch über die Etymologie läßt sich nichts Gewisses sagen; ein Zusammengang mit d. Adj. bikerich (s. oben S. 37, Anm. 129) dürfte kaum anzunehmen sein.

[142] Mit dem Zeitw. greme(n) = kaufen (erkaufen) sind noch gebildet die Zus.: ausgremen = auskaufen und vergremen = handeln. Dazu die Ableitungen: Gremer = Käufer (Zus.: Trabertgremer = Pferdehändler), Vergremer = Handelsbursche, Vergremere = Handelsmädchen (Zus.: Vergremerskaffer = Handelsmann, fem. aber Vergremmoss [= Handelsfrau]). Zu vgl. (aus d. verw. Quellenkr.): Schwäb. Händlerspr. 487 (vergrimmen = verkaufen; in Lütz. [215]: kremen = kaufen). Die Etymologie ist unsicher. Auch Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1200 (unter „verkräme[n]“) und Sp. 1202 (unter „verkrümme[n]“ Nr. 2) gibt keinen näheren Aufschluß darüber.

[143] Stammwort: kemere = kaufen; vgl. verkemere = verkaufen, handeln. Ableitungen: Kemerer = Käufer, Krämer (Zus.: a) mit K. vorne: Kemererskitt = Kauf- oder Krämerladen; b) mit K. hinten: Trabertkemerer = Pferdehändler, Groenikelkemerer = Schweinehändler), Verkemerer = Verkäufer, Handelsmann, fem. Verkemere = Handelsfrau (Zus. damit: Verkemerers-Benk oder -Fiesel = Handwerksbursche und Verkemeresmodel [sic] = Handelsmädchen [aber Verkemerskaffer = Handelsmann]). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 337, 341 (kimmern = kaufen, verkimmern = anbieten). Häufigere Belege im sonstigen Rotwelsch seit dem Lib. Vagat (54, 55). S. Näh. darüber sowie über die (nicht ganz sichere) Etymologie in Groß’ Archiv, Bd. 42, S. 58 (u. Anm. 1), 59 (unter „Kümmerer“). Nur Hypothesen bei Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 832, nach welchen d. Ausdr. „kaum zu beurteilen“ ist. — Während verkümmeln = verkaufen (s. Schwäb. Händlerspr. in Pfedelb. [215]) wohl bloß eine Weiterbildung von verkümmern ist (s. auch Fischer, a. a. O., Sp. 123), sind dem Stamme nach davon zu sondern die Zeitw. kündigen = kaufen (s. z. B. ähnl. schon: Dolm. der Gaunerspr. 94 [künnigen]) und verkündigen = verkaufen (s. z. B. auch Schwäb. Gauner- u. Kundenspr. 77). Näh. hierüber im Archiv, a. a. O., S. 58, 59, Anm. 1; vgl. auch Fischer, a. a. O., Sp. 1204 vbd. mit Sp 1189 (unter „verkenne[n]“).

[144] S. abbiegen.

[145] S. abgeben.

[146] S. abbeißen.

[147] Fu(h)lkitt bedeutet (ebenso wie Schundkitt) wörtl etwa „Kothaus“, zu Kitt = Haus u. Fu(h)l = Dreck, Kot (Exkremente), Mist. Weitere Zusammensetzgn. damit sind noch: a) mit F. vorne: Fu(h)lnolle = Nachthafen; b) mit F. hinten: Flu(h)tefu(h)l = Schlamm. Ableitungen davon sind: das Subst. Fu(h)lete = „Abweichung“ (Diarrhöe) u. das Zeitw. fu(h)la = „austreten (schwer)“, d. h. cacare. Zu vergl. (aus dem verw. Quellenkr.): Schwäb. Händlerspr. (Lütz. [214]: fūle[n] = cacare, Fūl-kitt = Abtritt, Fūl-nolle = Nachttopf). Zur Etymologie (vom zigeun. fūl = Kot, Dünger u. dgl. [vgl. Einleitg. S. 29]), s. Fischer, Schwäb. W.-B. II, Spalte 1821 (unter „fūle[n]“) vbd. mit Pott II, S. 391/92, Liebich, S. 135, 190, 216, Miklosich, Beiträge I/II, S. 10 u. Denkschriften, Bd. 26, S. 238/239 (unter „khul“) u. Finck, S. 58. Bei Jühling, S. 220 (unter „Chen“) ist auch fuhlen (od fuhla) = „schwer austreten“ als zigeun. angeführt. — Kitt bedeutet Haus (Landhaus), ferner: Gebäude, Obdach, Wohnung, auch Käfig od. Stall (für Tiere). Das Dimin. Kittle ist angeführt für: Gartenhaus sowie für Arrest, Gefängnis, Haft oder Kerker; dazu: im Kittle = gefangen. Verbindungen mit Kitt sind: grandiche Kitt (d. h. „großes Haus“) = Hof u. dofe Kitt (d. h. „schönes Haus“ = Schloß (vgl. „Vorbemerkung“, S. 19, Anm. 49.) Sehr zahlreich sind die Zusammensetzungen, so a) mit Kitt voran: Kittkaffer = Hausherr, Kittpatris = Hausvater, Kittmoss = Hausfrau, Kittmamere = Hausmutter, Kittschenegler (fem. -ere) = Hausknecht (-magd), Kittkenluf od. -kib = Haushund, Kittglitschin = Hausschlüssel; b) mit Kitt hinten (außer den obigen drei Synon. für Abort) noch: Schenagelskitt = Arbeitshaus, Dercherkitt = Armenhaus, Bich- oder Lobekitt = Bank (d. h. Bankhaus; dazu: grandiche Lobekitt = „Münze“, d. h Münzwerkstätte, Syn.: Bichpflanzerskitt), Ruechekitt = Bauernhaus, Zschorkitt = Diebesherberge, Schlumerkitt = Herberge, Sinsekitt = Herren-(od. Herrschafts-)haus, Finkelkitt = Hexenhaus, Nille-, Ni(e)se- od. Nuschekitt od. Hegelkitt = Irrenhaus, Narrenhaus (vgl. auch „Tollhaus“), Kemererskitt = Kauf- od. Krämerladen, Nikel- od. Schnurrantekitt = Komödien- od. Schauspielhaus (Theater), Begerkitt = Krankenhaus (Siechenhaus, Spital) od. Leichenhaus (vgl. grandich Begerkitt = Hospital, Lanenger-Begerkitt [eigtl. „Soldaten-Krankenhaus“] = Lazarett), Bommer- od. Keifkitt = Leihhaus, Kaflerkitt = Metzgerhaus (vgl. grandiche Kaflerkitt = Schlachthaus), Gallach- oder Kolbekitt = Pfarrhaus (vgl. grandich Kolbekitt = Kloster [s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.], Buzereikitt = Polizeiamt, Sturmkitt = Rathaus (s. Näh. unter dies. Wort), Klasskitt = Schießhaus, Plauderkitt = Schule (auch: Lehrerhaus), Blibelkitt = „Stundenhaus“ (d. h. „Versammlungshaus der Methodisten“), Patriskitt = Vaterhaus, Leilekitt = Wachthaus (wörtl. „Nachthaus“), Pfladerkitt = Waschhaus, Johlekitt = Weinhaus, Schofelkitt = Zuchthaus. Während in allen diesen Fällen Kitt mehr oder weniger die Bedeutg. von „Haus“ im gewöhnl. Sinne des Wortes hat, erscheint es etwas spezieller gebraucht in den Ausdrücken Gachne-, Stenzel- od. Stiererkitt = Hühnerhaus, Keiluf- od. Kibekitt, Hundehütte, Fläderlingskitt = Vogelbauer u. Luberkitt = Uhrgehäuse. Mit dem Dimin. Kittle sind gebildet: a) im Sinne von „kleines Haus, Häuschen“: α) am Anfang: Kittlekies = Backstein od. Dachziegel; β) am Ende: Ruchekittle = Bauernhäuschen(Spr.), Begerkittle (d. h.„Totenhäuschen“) = Sarg (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeun., vgl. schon „Vorbmrkg.“, S. 18); b) im Sinne von „Gefängnis“ u. dergl.: Kittlebuz = Gefangenwärter. Zu vergl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 89-93, 97, 98, 101 (Kitt = Haus u. kittlen = schlafen; ferner schon mehrere Zus. mit Kitt [Kitte], näml.: Sefle- od. Schund-Kitte = Abtritt, Prinzen Kitt = Amtshaus, Ruochen Kitt = Bauernhaus, Kocheme-Kitt = Diebesherberge, Sturmkitt = Rathaus u. Baiskitt = Wirtshaus; mit engerer Bedeutg. von K. noch: Flotschen-Kitt = Fischkasten); W.-B. des Konst. Hans 253-255, 257, 258 (Zus.: Ruoche-Kitt = Bauernhaus, T’schorr-Kitt = Diebesherberge, Gallacha-Kitt = Pfarrhaus, Sturm-Kitt = Rathaus, Baiserkitt = Wirtshaus, Schofelkitt = Zuchthaus); Schöll 272, 274 (die Kitteren = die Häuser u. Kitts = Herbergen [der „Stappler“]); Pfulld. J.-W.-B. 337, 338, 340, 342, 343, 345, 346 (Kitt = Aufenhaltsort, Haus [Bauernhaus]; Zus.: a) mit Kitt: Bäkerischkitt od. Bollerskitt = Krankenhaus, Kollachekitt = Pfarrhaus, Rauschkitt = Strohhaus, Baiserkitt = Wirtshaus, Schofelkitt = Zuchthaus; b) mit Kit[t]le: Schmelzkittle = Abtritt, Gleiskittle = Milchhaus); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 67, 69 (Kittchen = Arrest, Gefängnis, Kittchenbos = Arrestaufseher); Schwäb. Händlerspr. 479, 482, 488 (Kitt = Haus, Arrest, Kittle = Arrest, Drîfekitt = Arrest od. Zuchthaus, in U. [213]: Schmelzkitt [in Pfedelb. (213): Schmelzkittle] = Abtritt u. Derches- od. Mangkitt = Bettelhaus; in Lütz. [214]: Fūl-Kitt od. Schofel-Kitt = Abtritt [hier letzteres also in anderem Sinne gebraucht als sonst üblich!]). S. noch Pfälz. Händlerspr. 438 u. Metzer Jenisch 216 (Kittche = Gefängnis bezw. Arrest). Die Etymologie des Wortes (das schon im Rotwelsch des 17. Jahrh. auftritt [vgl. Schütze, S. 74, unter „Kittchen“]) ist noch nicht sicher festgestellt (vgl. Stumme, S. 19 sowie Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 426), jedoch erscheint es wohl immer noch besser, deutschen Ursprung zu vermuten (s. Näh. darüber bei Günther, Rotwelsch, S. 51 vbd. mit O. Weise in d. Zeitschr. des Allgem. Deutsch. Sprachvereins, Jahrg. XVI [1901], Sp. 328; vgl. auch Weber-Günther, S. 177, unter „Kittche“) als (wie neuerdings z. B. wieder Seiler, Lehnwort IV, S. 491 u. Anm. 1 in Übereinstimmg. mit A.-L. 558 befürwortet hat) es herzuleiten von dem jüdischen kissê = „Sitz, Sessel“, dessen Form und engere Bedeutung dagegen Bedenken erregen müssen.

[148] Der Ausdr. Schmelzkitt gehört zu dem Stamme schmelz- des Zeitworts schmelza = „austreten (schwer)“, d. h. cacare. Eine ähnl. Zus. damit ist auch Schmelznolle = Nachthafen. Ableitungen davon sind: die Subst. Schmelzer = After, Hinterer u. Schmelzede = „Abweichung“ (d. h. Diarrhöe). Nicht zu Schmelzer im obigen Sinne zu stellen, sondern unmittelbar von dem Zeitw. schmelzen abzuleiten ist die Zus. Buxenschmelzer = Feigling, die wörtlich dem gleichbed. südd. „Hosenscheißer“ (vgl. dazu Groß’ Archiv, Bd. 56, S. 183) entspricht. Zu vergl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 37 (schmelzen = Notdurft verrichten); Pfulld. J.-W.-B. 337 (Schmelzkitle od. Schmelzköhrle = Abtritt); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 66, 68, 74 schmelzen = cacare, Schmelzer = Podex, Schmelzgusch = Abtritt [vgl. betr. -gusch, wohl zu franz. coucher: Fischer, Schwäb. W.-B. III, Sp. 936)); Schwäb. Händlerspr. 479, 480, 485 (hat ebenfalls schmelzen, Schmelzer u. Schmelzgusch [od. -kanti, in U. (213): Schmelzkitt, in Pfedelb. (208): Schmelzkittle] in gleichem Sinne). Die Etymologie des Wortes ist zwar nicht ganz sicher, doch dürfte es kaum zu gewagt sein, darin nur eine Begriffsverengerung zu erblicken von unserem gemeinsprachl. schmelzen = „flüssig werdend zergehen“ od. vielmehr von dessen transit. Bedeutg. „schmelzen machen, in Fluß bringen“. S. Näh. bei Weigand, W.-B. II, Sp. 747. (bes. (für die Bedeutg. im Jenischen) zu beachten dort: altnord. melta = „verdauen“); vgl. ferner bei Grimm, D. W.-B. IX, Sp. 1025 (unter „schmelzen“, Nr. IV): ndl. smelten - „stercus liquidum egerere“.

[149] S. (betr. Schund) das Näh. schon unter „abgerahmte Milch“.

[150] Richtiger dürfte die Bedeutg. wohl durch „sich abschaffen“, volkstüml. für „sich abarbeiten“, wiederzugeben sein, da schenegeln = arbeiten ist; vgl. dazu als Gegensatz: nobis schenegla = faulenzen (eigtl. „nichts arbeiten“). Das Zeitw. stammt her von dem Subst. Schenagel = Arbeit (auch Beruf, Geschäft, Gewerbe). Weitere Ableitungen davon sind: das Subst. Schenegler = Arbeiter (Dienstbote, Dienstknecht, Gesinde, Knecht. Lohndiener), fem.: Scheneglere = Magd u. das Adj. scheneglich = fleißig. Mit den Hauptw. Schenagel u. (bes.) Schenegler sind mancherlei Zus. gebildet worden, so a) mit Schenagel: α) am Anfang: Schenagelskitt = Arbeitshaus, Schenagelsbich, -lobe od. -kies = Lohn (eigtl. „Arbeitsgeld“); β) am Ende: Griflingschenagel = Handarbeit, Leileschenagel = Nachtarbeit; b) mit Schenegler (nur am Ende u. bes. für Gewerbe od. Berufe beliebt): Stradeschenegler = Chausseearbeiter, Straßenarbeiter, Rutschenegler = Eisenbahnarbeiter, Glansertschenegler = Glaser, Kittschenegler = Hausknecht (fem.: -ere = Hausmagd), Bichschenegler = Münzarbeiter, Hitzlingschenegler = Ofensetzer, Trabertschenegler = Pferdeknecht, Jerusalemsfreundschenegler = Schäferknecht (zur Erklärg. s. d. Näh. unter „Hammel“). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 89 (schinnageln = arbeiten); Schöll 271 (schönegle); Pfulld. J.-W.-B. 337-348 (schinepeln [sic] u. Schineplerei = Arbeit, aber [richtig] Schinegglerei = Handwerk; vgl. auch Schiankterei = Kanzlei; für: „Manobisch, schinegeln“ = „Faulenzer“ [339] ist wohl zu lesen: „[ma] nobisch schinegeln“ = „faulenzen“; vgl. noch Schineller[in] = [Bauern] Knecht [bzw. -Magd], Fuchsschineller = Goldarbeiter); Schwäb. Gaun. u. -Kundenspr. 66, 67 (schenägeln, Schenagel = Arbeit, Schenagelswinde = Arbeitshaus); Schwäb. Händlerspr. 479 (schenig[e]len oder [seltener] schineg[e]len [in Pfedelb. (208): auch schenegln], Schenachel = Arbeit, auch Handwerkszeug, vgl. dazu in Degg. [215]: de[n] Schenagel reiße[n] = arbeiten; in U. [214]: Schenal-penk u. -mŏs = Knecht u. Magd). Vgl. auch noch Pleißlen der Killertaler 416 (schenēge[n]), Pfälz. Händlerspr. 438 (Schineggel = Arbeit, schenigle = arbeiten) u. Metzer Jenisch 216 (schinnegle = arbeiten). Zur Etymologie (vom rotw. Schinagole = Schubkarren, Zus. vom Schin = hebr. schîn, dem Anfangsbuchstaben des Wortes „Schub“ und Agole = „Karren, Wagen“, vom gleichbed. hebr. agâlâ[h], jüd. agôlô) s. das Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 46, S. 304 ff. vbd. mit Bd. 38, S. 22 (unter „Aglon“) u. 283 (unter „Schien“); vgl. auch Weber-Günther, S. 164 (unter „schenägeln“).

[151] Mit schnellen = schießen (auch knallen) sind noch zusammengesetzt: herab- und niederschnellen, ferner — als Substantivierung — Fläderlingschnellen = (das) Vogelschießen. Ableitungen: Schnelle oder Schneller = Büchse, Flinte, Gewehr (Schießgewehr), Pistole (dazu Schnellepflanzer = Büchsenmacher). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 99, 101 (schnellen = schießen, geschnellt = geschossen, verschnellen = verschießen); W.-B. des Konst. Hans 255 (g’schnellt = geschossen); Pfulld. J.-W.-B. 344 (schnellen = schießen, als Subst. Schnellen = Schuß); Schwäb. Händlerspr. 485 (schnellen, in Lütz. [214]: Schneller = Gewehr). Zur Etymologie des (schon seit dem 17. Jahrh. im Rotw. auftretenden) Wortes s. A.-L. 602 vbd. mit Grimm, D. W.-B. IX, Sp. 1296 unter „schnellen“, Nr. I, 1, bes. lit. δ sowie Weigand, W.-B. II, Sp. 764, wonach schnellen, mhd. snellen (Ableitg. vom Adj. schnell) = „durch starken Widerdruck in hohem Grade sich fortbewegen machen“ besonders von Bogen und Pfeilen, dann auch von Kugeln gebräuchl. gewesen; vgl. auch Schneller u. a. = „die Vorrichtung zum Abdrücken am Schießgewehr“ (1691 bei Stieler).