— Es bricht der Wolf, o Deutschland,
In deine Hürde ein, und deine Hirten streiten
Um eine Hand voll Wolle sich!
Aber das römische Bündniß wird Unterdrückung, die verheißene Freiheit Knechtschaft, das Gebiet der Neutralen wird schonungslos verletzt, „es wird jedwedem Gräuel des Krieges Preis gegeben“, und die Abtrünnigen um den Lohn der fluchwürdigen Feigherzigkeit betrogen. Ausgepreßt wird das deutsche Land bis auf den letzten Blutstropfen, denn „für wen erschaffen ward die Welt, wenn nicht für Rom?“ Wie Elephant und Seidenwurm zu Roms Schmuck hergeben müssen, was die Natur ihnen verlieh, so der Deutsche; er ist eine Bestie, „die auf vier Füßen in den Wäldern läuft“, und ausgeweidet und dann gepelzt wird. Wer erkennte nicht in dem Latier, „der keine andere Volksnatur verstehen konnte und ehren als nur seine“ den Franzosen? Napoleon’s höhnende Politik, die mit zweizüngiger List die Schwachen umgarnt, Krieg führt mitten im Frieden, das Markten deutscher Fürsten in Paris um Fetzen deutschen Gebiets, das Anfachen der Eifersucht Oesterreichs und Preußens, die Kriecherei der Rheinbündler, das Hinzerren der Schwäche Preußens, die blutige Verwüstung Hessens, Thüringens, der preußischen Lande? Varus mit seinem schneidenden Wort:
Was bekümmerts mich? Es ist nicht meines Amtes
Den Willen meines Kaisers zu erspähn.
Er sagt ihn, wenn er ihn vollführt will wissen;
ist das lebendige Ebenbild jener eisernen Marschälle, Mortier, Ney, Davoust; und Ventidius, der galante Friseurkünste treibt, einer der jüngeren französischen Officiere, die im Boudoir der Damen die gefährlichste Politik geheimer Verführung trieben.[28]
In derselben Stimmung sind die satirischen Briefe entstanden. Nicht entschieden genug können die offnen oder geheimen Bundesgenossen der Feinde im Vaterlande selbst der Verachtung preisgegeben werden. Der rheinbündische Officier, der sich mit dem elenden Troste entschuldigt, ein Deutscher könne seinen Landsleuten im Hauptquartier Napoleon’s durch Milderung der Einquartirung die besten Dienste leisten; das Landfräulein, wie Kleist von seiner Thusnelda sagte, eins von den Weiberchen, die einfältig genug sind, „sich von französischen Manieren fangen zu lassen“, das den Verführer heirathen will, an dessen Rock das Blut ihrer Brüder und Verwandten klebt; der Festungscommandant, der die Häuser der Bürger verbrennt und die Vertheidigungsmittel aus der Stadt schafft; sie alle waren nur zu getreue Abbilder ganzer Classen von Verräthern. Man wußte ja, welche schmachvollen Eroberungen die Franzosen in den Familien gemacht hatten, und mochten auch manche Schilderungen böswillig übertrieben sein, so war es doch z. B. eine amtlich festgestellte Thatsache, daß eine sechszigjährige Wittwe einen zwanzigjährigen französischen Soldaten heirathete, und zu dessen Gunsten ihren eigenen Sohn enterbte. Was will des Dichters Satire bedeuten gegen diese furchtbarste Satire der Thatsachen? Die Commandanten von Cüstrin und Magdeburg hatten ja kurz vor der Capitulation die Vorstädte niederzubrennen gedroht oder wirklich niedergebrannt; und in dem Königlichen Publicandum vom 6. December 1806 waren sie, und diese ganze Gattung, bezeichnet worden als Knechte, „die ihre Pferde absträngen, um davonzujagen.“[29]
War diese Satire zermalmend, so war der Gedanke, die Trugpolitik des Feindes als System darzustellen und die Lügenkünste der französischen Journale nach Lehrsätzen zu entwickeln, vielleicht der geistvollste, den Kleist in dieser Ideenverbindung hatte. Er war im Sinne Swift’s gefaßt. Was ein politischer Weiser, der dies Treiben an der Quelle studiert hatte, der Graf Schlabrendorf davon sagte, stellte Kleist systematisch dar: „Es ist gar keine Kunst, eine Unwahrheit zu erfinden. Jeder Flachkopf kann das. Die eigentliche Kunst besteht darin, aus zweien Sätzen, die, jeder einzeln, wahr sind, durch arglistige Zusammenstellung einen dritten herauszubringen, der eine Lüge ist. Das ist die vornehmste Art der Rabulisterei, aber auch zugleich die gemeinste.“ Oder wie Kleist die Aufgabe stellt: „Alles was in der Welt vorfällt, zu entstellen, und gleichwohl ziemliches Vertrauen zu haben.“ Mit sarkastischer Folgerichtigkeit entwickelt er den ganzen Vorrath von Trug- und Gewaltmitteln, und der letzte Zweck ist: „die Regierung über allen Wechsel der Begebenheiten hinaus sicher zu stellen, und die Gemüther, allen Lockungen des Augenblickes zum Trotz, in schweigender Unterwürfigkeit unter das Joch derselben niederzuhalten.“[30]
Diesen geheimen Künsten des Feindes gegenüber konnte dem Volke nicht eindringlich genug wiederholt werden, was es zu thun habe, um sich aus dem Elende zu retten. Keine Form war dem furchtbaren Humor geeigneter als der Katechismus, der die christlichen Grundwahrheiten als Gebote Gottes lehrt, und in dem Alte und Kinder Trost und Heil suchen. Einige Jahre früher hatten die Gründer der romantischen Schule gar manches zur Religion machen wollen; hier sollte mit der Vaterlandsliebe als Religion Ernst gemacht werden. Hatte der Kosmopolitismus sich der religiösen Weihe gerühmt, so war auch das Volk, das deutsche Volk, die lebendige Darstellung eines Gedankens aus dem göttlichen Geiste, und die Heils- und Rettungslehre vom Vaterlande sollte Alten und Jungen eingeprägt werden.
Ein Mann wie Kleist konnte nur der Partei angehören, die Preußen je eher je besser in den Kampf führen, alles an alles setzen und lieber ruhmvoll untergehen, als schmählich leben wollte. Nur zu Stein, Scharnhorst, Gneisenau konnte er stehen, zu den sogenannten Exaltirten, wie damals die deutsche Partei genannt wurde. Volksbewaffnung, Volkskrieg war ihr Gedanke; der Norddeutsche konnte so gut, wie Spanier und Tiroler, sein Joch zertrümmern, Katt, Dörnberg, Schill erhoben sich, das Maß war übervoll, das Volk genug geknechtet, geschmäht, getreten, um endlich in voller Wuth hervorzubrechen. Was Staatsmänner beriethen und Generale vorbereiteten, sprach er 1808 in der Hermannsschlacht als letztes Rettungsmittel aus; wie Gneisenau wollte sein Hermann, die Germanen sollten Weib und Kind zusammenraffen, ihre Güter verkaufen, die Fluren verwüsten, die Heerden erschlagen, die Plätze niederbrennen, denn der That bedarf es, nicht der Verschwörung, Schwätzer mögen Deutschland zu befreien mit Chiffern schreiben und einander Boten senden, die die Römer hängen, er will einen Krieg
Entflammen, der in Deutschland rasselnd
Gleich einem dürren Walde um sich greifen
Und auf zum Himmel lodernd schlagen soll!
— —
Die ganze Brut, die in den Leib Germaniens
Sich eingefilzt, wie ein Insectenschwarm,
Muß durch das Schwerdt der Rache jetzo sterben.
— —
Die Guten mit den Schlechten. Was! Die Guten!
Das sind die Schlechtesten! Der Rache Keil
Soll sie zuerst vor allen Andern treffen!
Und das sollte von der Bühne herab verkündet werden; am 1. Januar 1809 sandte Kleist die Hermannsschlacht dem Wiener Burgtheater; sein Schauspiel schien ihm des Erfolges sicher zu sein. Das ist auch der Grundton seines Katechismus.[31]
In sechszehn Capiteln spricht er von Deutschland überhaupt, von der Liebe zum Vaterlande, von der Zertrümmerung des Vaterlandes, vom Erzfeind, von der Erziehung der Deutschen, der Verfassung der Deutschen, den freiwilligen Beiträgen, den obersten Staatsbeamten, vom Hochverrathe. Die fehlenden Capitel handelten augenscheinlich von den Mitteln, den Erzfeind zu bekämpfen, von der Organisation des Kampfes, vom Aufstande des Volks. Auch hier geht er von der Gegenwart aus. Auf der Karte giebt es seit 1805 kein Deutschland mehr. „Wo find ich dies Deutschland? wo liegt es?“ lautet die bittere Frage. Dennoch hat es ein unverlierbares Dasein in der Liebe derer, die ihm anhangen, weil es das Vaterland ist. Aber es ist zertrümmert worden von dem Korsenkaiser, den die Deutschen nie beleidigt haben, und der sie mitten im Frieden unterjocht. Und warum that er es? „Weil er ein böser Geist ist, der Erzfeind, der Anfang alles Bösen, das Ende alles Guten!“ So braust der Strom eines vernichtenden Zornes hin, der umsonst nach Ausdrücken und Bildern sucht, durch die seine ganze Fülle sich ergießen könne. Der Deutsche soll sich vergegenwärtigen, was er gelitten habe, des Morgens, wenn er sich vom Lager erhebt, des Abends, wenn er zur Ruhe geht; die höchsten Güter, die Gott dem Menschen verliehen, „Gott, Vaterland, Kaiser, Freiheit, Liebe und Treue, Schönheit, Wissenschaft und Kunst“ soll er wieder erringen, den Erzfeind hassen, aus allen Kräften bekämpfen, alles entbehren, alles opfern, und wenn auch kein Mensch am Leben bliebe, dennoch müßte gekämpft werden, „weil es Gott lieb ist, wenn Menschen ihrer Freiheit wegen sterben, weil es ihm ein Gräuel ist, wenn Sclaven leben!“
So predigte er die Religion der volksthümlichen Selbständigkeit, des nationalen Hasses, so dachten und sprachen Stein, Blücher, Fichte. „Man muß der Nation das Gefühl der Selbständigkeit einflößen“, schrieb Scharnhorst an Clausewitz, „man muß ihr Gelegenheit geben, daß sie mit sich selbst bekannt wird, daß sie sich ihrer selbst annimmt; nur erst dann wird sie sich selbst achten, und von Andern Achtung zu erzwingen wissen!“ Und Stein an Wittgenstein: „Die Erbitterung nimmt in Deutschland täglich zu, und es ist rathsam, sie zu nähren und auf die Menschen zu wirken. — Die spanischen Angelegenheiten machen einen sehr lebhaften Eindruck und beweisen handgreiflich, was wir längst hätten glauben sollen. Es wird sehr nützlich sein, sie möglichst auf eine vorsichtige Art zu verbreiten.“ Endlich Blücher: „Mein Rath ist zu den Waffen unsere und die gantze deutsche Nation aufzuruffen, den vaterländischen boden zu verteidigen, die waffen im allgemeinen nicht ehender nieder zu legen, bis ein Volck, daß uns unterjochen wollte, vom dießseitigen Reinufer vertrieben sei; jeder deutsche der mit den waffen wider uns getroffen werde, habe den Tod verwürkt; ich weiß nicht, warum wihr uns nicht den Tihrollern und Spaniern gleich achten wollen!“ So der Held, der Staatsmann, der Dichter.
Doch dazu waren in Preußen die Dinge noch nicht reif; aber um so mächtiger erhob sich Oesterreich, das, seiner alten Natur entsagend, sich an die Kraft des Volkes wandte. Wie zündende Funken schlugen die Aufrufe des Kaisers und des Erzherzogs Karl ein, als deren Verfasser man Friedrich Schlegel und Gentz nannte. „Wir kämpfen“, sagte der Erzherzog in seinem Aufruf an die deutsche Nation, „um die Selbständigkeit der österreichischen Monarchie zu behaupten, um Deutschland die Unabhängigkeit und National-Ehre wieder zu verschaffen, die ihm gebühren. Dieselben Anmaßungen, die uns jetzt bedrohen, haben Deutschland bereits gebeugt. Unser Widerstand ist seine letzte Stütze zur Rettung. Unsere Sache ist die Sache Deutschlands!“ Und in einem andern: „Die Masse der Nation selbst hat sich in ihrem gerechten Unwillen erhoben und die Waffen ergriffen! — Der jetzige Augenblick kehrt nicht zurück in Jahrhunderten! Ergreift ihn, damit er nicht für Euch auf immer entfliehe! Ahmet Spaniens großes Beispiel nach! — Zeiget, daß auch Euch Euer Vaterland und eine selbständige deutsche Regierung und Gesetzgebung theuer sei, daß Ihr Entschluß und Kraft habt, es aus der entehrenden Sclaverei zu reißen, es frei, nicht unter fremdem Joche erniedrigt, Euren Kindern zu hinterlassen.“[32] Noch einmal erhoben die Habsburger das Banner des deutschen Volkes, sie gaben das Zeichen zum Kampf, und noch einmal leuchteten das alte Kaiserthum, das alte Reich in einem zauberischen Glanze volksthümlicher Größe, den sie seit dem Untergange der Hohenstaufen in Wirklichkeit nie gehabt hatten. Die Vergangenheit enthielt was die Zukunft versprach, was der Gegenwart fehlte. Daher, wie bei vielen Andern, die zum österreichischen Heere eilten, auch bei Kleist, dem Brandenburger, die Begeisterung für Oesterreich, für Franz den Zweiten, den alten Kaiser, den Vormund, Vater und Wiederhersteller der Deutschen, „der den großmüthigen Kampf für das Heil des unterdrückten und bisher noch wenig dankbaren Deutschland unternommen hat“; für den Erzherzog Karl, der „die göttliche Kraft das Werk an sein Ziel hinaus zu führen dargethan hat.“
Wohin dieser Kampf für Gottes heilige Ordnung endlich führen mußte, ahnte er; wie der Deutsche zum Deutschen zurückkehren, alle sich gemeinsam umwenden würden gegen den Feind, den Rhein ereilen, um „dann nach Rom selbst aufzubrechen, wir oder unsere Enkel“, damit der Weltkreis endlich Ruhe gewinne. Ueber diese Erfüllung hinaus sah er einen Herrscher an der Spitze des Vaterlands, von dem er im Prinzen von Homburg sagte:
Das wird sich ausbaun herrlich, in der Zukunft,
Erweitern unter Enkels Hand, verschönern,
Mit Zinnen, üppig, feenhaft, zur Wonne
Der Freunde und zum Schrecken aller Feinde.[33]
So eilte sein Seherblick über fünf verhängnißvolle Jahre fort; in seinem Prinzen von Homburg ahnte er den künftigen York und nahm die Siege von 1813 und 1815 voraus. Doch nicht so gut wie seinem Helden ward es ihm selbst. Den Glauben an den Sieg der ewigen Mächte, der den Dichter begeisterte, vermochte der Mensch nicht festzuhalten, und sein Zweifel führte ihn in den Tod. Weil sein Dichterglaube der Zeit voraneilte, verließen ihn die Zeitgenossen; und kraftlos schien sein Wort zu verhallen. Die Hermannsschlacht, der Prinz von Homburg kamen nicht zur Darstellung, nicht einmal zum Druck; seine Aufrufe, die ganz Deutschland galten, mußte er bei verschlossenen Thüren vorlesen, dann wurden sie vergessen. Er hatte gehofft, jetzt werde Deutschland sich erheben, es erhob sich nicht; er hatte gehofft, jetzt werde Oesterreich siegen, es ward geschlagen. Auch die Hoffnung auf die Rettung des Vaterlandes, an der er sich noch einmal aufgerichtet hatte, scheiterte, und er mit ihr. Hätte er sterben können auf dem Schlachtfelde, mit dem Degen in der Faust, wie sein Vorfahr Ewald von Kleist, wie Theodor Körner, er wäre glücklich gewesen. Er ist gefallen wie Schill, weil es noch nicht an der Zeit war; aber nicht wie der Held, dessen Untergang noch ein Sieg ist, sondern im Streite mit sich selbst. Zu seinem Verderben reichen sich jetzt Phantasie und Verstand die Hände, die Verzweiflung, die ihm von jener ausgemalt wird, beweist ihm dieser, und mit trügerisch kalter Ueberlegung, die er unaussprechliche Heiterkeit nennt, wird er fremden Blutes schuldig und giebt sich dann den Tod. Voreilig greift er in sein Geschick, beraubt sich des Höchsten, was er ersehnt hat, und in tragischer Ueberstürzung endet der tragische Dichter.
Kleist hat sich selbst gerichtet, aber seine Stelle in der Litteratur und Geschichte unseres Volkes bleibt ihm unvergänglich. Jene Zeit hat seinen Mahnruf überhört; desto eindringlicher tönt er zu uns herüber; es ist die Stimme des Propheten, die sich nach mehr als fünfzig Jahren warnend aus dem Grabe erhebt. Oder hätten wir etwa Veranlassung, sie heute zu überhören? Wäre sie wirklich nur ein geschichtliches Zeugniß vergangener Zeiten? Wollte Gott, wir könnten es sagen! Noch ist der Ueberwitz bei uns zu Hause, noch treiben wir Handel und Wandel im Schweiße des Angesichts, während andere die Früchte deutscher Arbeit genießen; noch hadern die Hirten um eine Hand voll Wolle, noch gilt das Ganze als Verrath am Einzelnen, und jeder Zoll will ein König sein. Wieder haben sich die Epigonen der Eroberer erhoben und werfen ihre lüsternen Blicke auf die deutsche Erde, wieder spinnt die Trugpolitik die unsichtbaren zähen Fäden ihres Netzes, wieder heulen die Wölfe an den deutschen Marken. Sollte das alte Chaos je wiederkehren? Wäre das möglich nach so vielen Opfern, schweren Kämpfen und schmerzlichen Erfahrungen? Nimmermehr! Auch Völker lernen aus der Geschichte, nur langsamer als der Einzelne; schwerer hat keines dafür gezahlt, als das deutsche. Möge es durch die That zeigen, es habe Kleist’s großes Wort endlich erkennen gelernt:
„Vergebt, vergeßt, versöhnt, umarmt und liebt euch!“
Nachtrag
zu
Heinrich von Kleist’s Werken.
Auf meine Ehre, mein vortrefflicher Freund, Sie irren sich. Ich will ein Schelm sein, wenn die Schlacht von Jena, wie Sie zu glauben scheinen, meine politischen Grundsätze verändert hat. Lassen Sie uns wieder einmal nach dem Beispiel des schönen Sommers von 1806 ein patriotisches Convivium veranstalten (bei Sala schlag ich vor,[35] er hat frische Austern bekommen und sein Burgunder ist vom Beßten), so sollen Sie sehen, daß ich noch ein ebenso enthousiastischer Anhänger der Deutschen bin wie vormals. Zwar der Schein, ich gestehe es, ist wider mich. Der König hat mich nach dem Frieden bei Tilsit auf die Verwendung des Reichsmarschalls Herzogs von Auerstädt,[36] dem ich einige Dienste zu leisten Gelegenheit [hatte],[37] zum Obristen avancirt. Man hat mir das Kreutz der Ehrenlegion zugeschickt, eine Auszeichnung, mit welchem ich, wie Sie selbst einsehen, öffentlich zu erscheinen, nicht unterlassen kann; ich würde den König, dem ich diene, auf eine zwecklose Weise dadurch compromittiren.
Aber was folgt daraus? Meinen Sie, daß diese Armseeligkeiten mich bestimmen werden, die große Sache, für die die Deutschen fechten, aus den Augen zu verlieren? Nimmermehr! Lassen Sie nur den Erzherzog Carl, der jetzt ins Reich vorgerückt ist, siegen, und die Deutschen, sowie er es von ihnen verlangt hat, en masse aufstehen, so sollen Sie sehen, wie ich mich alsdann entscheiden werde.[38]
Muß man denn den Abschied nehmen und zu den Fahnen der Oesterreicher übergehen, um dem Vaterlande diesen Augenblick nützlich zu sein? Mit nichten! Ein Deutscher, der es redlich meint, kann seinen Landsleuten in dem Lager der Franzosen selbst, ja in dem Hauptquartier des Napoleon, die wichtigsten Dienste thun. Wie mancher kann der Requisition an Fleisch oder Fourage vorbeugen; wie manches Elend der Einquartirung mildern?
Ich bin mit wahrer Freundschafft u. s. w.
N. S.
Hierbei erfolgt feucht, wie es eben der Courier überbringt, das erste Bülletin der französischen Armee. Was sagen Sie dazu? Die Österreichische Macht total pulverisirt, alle Corps der Armee vernichtet, drei Erzherzöge todt auf dem Platz![39] — Ein verwünschtes Schicksal! Ich wollte schon zur Armee abgehn. Herr von Montesquiou, hat, wie ich höre, das Bülletin nunmehr anhero gebracht, und ist dafür von Sr. Majestät mit einer Tabatiere, schlecht gerechnet 2000 Ducaten an Werth beschenkt worden.
Theuerster Herr Onkel,
Die Regungen der kindlichen Pflicht, die mein Hertz gegen Sie empfindet, bewegen mich, Ihnen die Meldung zu thun, daß ich mich am 8ten d. von Verhältnissen, die ich nicht nennen kann, gedrängt, mit dem jungen Hrn. Lefat, Capitain bei dem 9. französischen Dragonerregiment, der in unserm Hause zu P... einquartiert war, verlobt habe.[40]
Ich weiß, gnädigster Onkel, wie Sie über diesen Schritt denken. Sie haben sich gegen die Verbindungen, die die Töchter des Landes, so lange der Krieg fortwährt, mit den Individuen des französischen Heers vollziehn, oftmals mit Heftigkeit und Bitterkeit erklärt. Ich will Ihnen hierin nicht ganz Unrecht geben. Man braucht keine Römerinn oder Spartanerinn zu sein, um das Verletzende, das allgemeine betrachtet darin liegen mag, zu empfinden. Diese Männer sind unsere Feinde; das Blut unserer Brüder und Verwandten klebt, um mich so auszudrücken, an ihren Röcken, und es heißt sich gewissermaßen, wie Sie sehr richtig bemerken, von den Seinigen lossagen, wenn man sich auf die Parthei derjenigen herüber stellt, deren Bemühen ist sie zu zertreten, und auf alle ersinnliche Weise zu verderben und zu vernichten.
Aber sind diese Männer, ich beschwöre Sie, sind sie die Urheber des unseeligen Kriegs, der in diesem Augenblick zwischen Franzosen und Deutschen entbrannt ist? Folgen sie nicht, der Bestimmung eines Soldaten getreu, einem blinden Gesetz der Nothwendigkeit, ohne selbst oft die Ursach des Streits, für den sie die Waffen ergreifen, zu kennen? Ja, giebt es nicht Einzelne unter ihnen, die den rasenden Heereszug, mit welchem Napoleon von Neuem das deutsche Reich überschwemmt, verabscheuen, und die das arme Volk, auf dessen Ausplünderung und Unterjochung es angesehen ist, aufs Innigste bedauern und bemitleiden?
Vergeben Sie, mein theuerster und beßter Oheim! Ich sehe die Röthe des Unwillens auf Ihre Wangen treten! Sie glauben, ich weiß, Sie glauben an diese Gefühle nicht; Sie halten sie für die Erfindung einer satanischen List, um das Wohlwollen der armen Schlachtopfer, die sie zur Bank führen, gefangen zu nehmen. Ja, diese Regung, selbst wenn sie vorhanden wäre, versöhnt Sie nicht, Sie halten den Ihrer doppelten Rache für würdig, der das Gesetz des göttlichen Willens anerkennt und gleichwol auf eine so lästerliche und höhnische Weise zu verletzen wagt.
Allein, wenn die Ansicht, die ich aufstellte, allerdings nicht gemacht ist, die Männer, die das Vaterland eben[41] vertheidigen, zu entwaffnen, indem sie unmöglich, wenn es zum Handgemenge kömmt, sich auf die Frage einlassen können, wer von denen, die auf sie anrücken, schuldig ist oder nicht: so verhält es sich doch, mein gnädigster Onkel, mit einem Mädchen anders; mit einem armen schwachen Mädchen, auf dessen leicht bethörte Sinne, in der Ruhe eines monatlangen Umgangs, alle Liebenswürdigkeiten der Geburt und der Erziehung einzuwirken Zeit finden, und das, wie man leider weiß, auf die Vernunft nicht mehr hört, wenn das Herz sich bereits für einen Gegenstand entschieden hat.
Hier lege ich Ihnen ein Zeugniß bei, das Hr. v. Lefat sich auf die Forderung meiner Mutter von seinem Regimentschef zu verschaffen gewußt hat. Sie werden daraus ersehen, daß das, was uns ein Feldwebel von seinem Regiment von ihm sagte, nämlich daß er schon verheiratet sei, eine schändliche und niederträchtige Verläumdung war. Hr. v. Lefat ist selbst vor einigen Tagen in B.— gewesen, um das Attest, das die Declaration vom Gegentheil enthält, formaliter von seinem Obristen ausfertigen zu lassen. Ueberhaupt muß ich Ihnen sagen, daß die niedrige Meinung, die man hier in der ganzen Gegend von diesem jungen Manne hegt, mein Herz auf das Empfindlichste kränkt. Der Leidenschaft, die er für mich fühlt, und die ich als wahrhaft zu erkennen, die entscheidendsten Gründe habe, wagt man die schändlichsten Absichten unterzulegen. Ja, mein voreiliger Bruder geht soweit mich zu versichern, daß der Obrist, sein Regimentschef, gar nicht mehr in B.— sei —, und ich bitte Sie, der Sie sich in B.— aufhalten, dem Ersteren darüber nach angestellter Untersuchung die Zurechtweisung zu geben. Ich leugne nicht, daß der Vorfall, der sich vor einiger Zeit zwischen ihm und der Kammerjungfer meiner Mutter zutrug, einige Unruhe über seine sittliche Denkungsart zu erwecken geschickt war. Abwesend, wie ich an diesem Tage von P.— war, bin ich gänzlich außer Stand über die Berichte dieses albernen und eingebildeten Geschöpfs zu urtheilen. Aber die Beweise, die er mir, als ich zurückkam und in Thränen auf mein Bette sank, von seiner ungetheilten Liebe gab, waren so eindringlich, daß ich die ganze Erzählung als eine elende Vision verwarf, und von der innigsten Reue bewegt, das Band der Ehe, von dem bis dahin noch nicht die Rede gewesen war, jetzt allererst knüpfen zu müssen glaubte. — Wären sie es weniger gewesen, und Ihre Laura noch frei und ruhig wie zuvor!
Kurz, mein theuerster und beßter Onkel, retten Sie mich!
In 8 Tagen soll, wenn es nach meinen Wünschen geht, die Vermählung sein.
Inzwischen wünscht Hr. v. Lefat, daß die Anstalten dazu, auf die meine gute Mutter bereits in zärtlichen Augenblicken denkt, nicht eher auf entscheidende Weise gemacht werden, als bis Sie die Güte gehabt haben ihm das Legat zu überantworten, das mir aus der Erbschaft meines Großvaters bei dem Tode desselben zufiel, und Sie, als mein Vormund bis heute gefälligst verwalteten. Da ich großjährig bin, so wird diesem Wunsch nichts im Wege stehn, und indem ich es mit meiner zärtlichsten Bitte unterstütze, und auf die schleunige Erfüllung desselben antrage, indem sonst die unangenehmste Verzögerung davon die Folge sein würde, nenne ich mich mit der innigsten Hochachtung und Liebe u. s. w.
Sr. Excellenz der Hr. Generallieutenant von F., Commendant der hiesigen Garnison, haben sich auf die Nachricht, daß der Feind nur noch drey Meilen von der Festung stehe, auf das Rathhaus verfügt, und daselbst, in Begleitung eines starken Detaschements von Dragonern, 3000 Pechkränze verlangt, um die Vorstädte, die das Glacis embarrassiren, danieder zu brennen.
Der Rath der Stadt, der unter solchen Umständen das Ruhmvolle dieses Entschlusses einsah, hat, nach Abführung einiger renitirenden Mitglieder, die Sache in pleno erwogen, und mit einer Majorität von 3 gegen 2 Stimmen, wobei meine wie gewöhnlich für 2 galt, und Sr. Excellenz die 3 supplirten, die verlangten Pechkränze ohne Bedenken bewilligt. Inzwischen ist nun die Frage, und wir geben Euch auf Euch gutachtlich darüber auszulassen,
1. Wie viel an Pech und Schwefel, als den dazu gehörigen Materialien, zur Fabrication von 3000 Pechkränzen erforderlich sind; und
2. ob die genannten Combustibeln in der berechneten Menge zur gehörigen Zeit herbeizuschaffen sind?
Unseres Wissens liegt ein großer Vorrath von Pech und Schwefel bei dem Kaufmann M. in der N..schen Vorstadt, P..sche Gasse Num. 139.
Inzwischen ist dies ein auf Bestellung der Dänischen Regierung aufgehäufter Vorrath, und wir besitzen bereits, in Relation wie wir mit derselben stehen, den Auftrag dem Kaufmann M. den Marktpreis davon mit 3000 fl. zuzufertigen. Indem wir Euch nun, diesem Auftrage gemäß, die besagte Summe für den Kaufmann M. in guten Landespapieren, demselben auch sechs Wägen oder mehr und Pässe, und was immer zur ungesäumten Abführung der Ingredienzen an den Hafen-Platz erforderlich sein mag,[42] bewilligen, beschließen wir zwar von diesem Eigenthum der Dänischen Regierung Behufs einer Niederbrennung der Vorstädte keine Notiz zu nehmen; indessen habt Ihr das gesammte Personale der untern Polizeibeamten zusammenzunehmen, und alle Gewölbe und Läden der Kauf- und Gewerksleute, die mit diesen Combustibeln handeln oder sie verarbeiten, aufs Strengste und Eigensinnigste zu durchsuchen, damit, dem Entschluß Sr. Excellenz gemäß, unverzüglich die Pechkränze verfertigt und mit Debarrassirung des Glacis verfahren werden möge.
Nichts ist nothwendiger, als in diesem Augenblick der herannahenden Gefahr Alles aufzubieten, und kein Opfer zu scheuen, das im Stande ist dem Staat diesen für den Erfolg des Kriegs höchst wichtigen Platz zu behaupten. Sr. Excellenz haben erklärt, daß wenn ihr auf dem Markt befindlicher Pallast vor dem Glacis läge, sie denselben zuerst niederbrennen und unter den Thoren der Vestung übernachten würden. Da nun unser, sowohl des Burgemeisters, als auch Euer, des Unterbeamten, Haus, in dem angegebenen Fall sind, indem sie von der Q...schen Vorstadt her mit ihren Gärten und Nebengebäuden das Glacis beträchtlich embarrassiren, so wird es bloß von Euren Recherchen und von dem Bericht abhangen, den Ihr darüber abstatten werdet, ob wir den Andern ein Beispiel zu geben, und den Pechkranz zuerst auf die Giebel derselben zu werfen haben.
Sind in Gewogenheit u. s. w.
Erlaube mir, Vetter Pescherü, daß ich Dir in der verwirrten Sprache, die kürzlich ein Deutscher mich gelehrt hat, einen Artikel mittheile, der in einer Zeitung dieses Landes, wenn ich nicht irre, im Nürnberger Correspondenten gestanden hat, und den ein Grönländer, der in Island auf einem Kaffeehause war, hierher gebracht hat. Der Zeitungsartikel ist folgenden sonderbaren Inhalts:[43]
„Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Freiheitsschlacht, die bei Regensburg gefochten ward, entschieden haben, als vielmehr die Deutschen selbst. Der tapfere Kronprinz von Bayern hat zuerst an der Spitze der rheinbündischen Truppen die Linien der Oesterreicher durchbrochen. Der Kaiser Napoleon hat ihn am Abend der Schlacht auf dem Wahlplatz umarmt, und ihn den Helden der Deutschen genannt.“[44]
Ich versichere Dich, Vetter Pescherü, ich bin hinausgegangen auf den Sandhügel, wo die Sonne brennt, und habe meine Nase angesehen stundenlang, und wieder stundenlang, ohne im Stande gewesen zu sein den Sinn dieses Zeitungsartikels zu erforschen. Er verwischt Alles, was ich über die Vergangenheit zu wissen meine, dergestalt, daß mein Gedächtniß wie ein weißes Blatt aussieht, und die ganze Geschichte derselben von Neuem darin angefrischt werden muß.
Sage mir also, ich bitte Dich:
1. Ist es der Kaiser von Oesterreich, der das deutsche Reich im Jahre 1805 zertrümmert hat?[45]
2. Ist er es, der den Buchhändler Palm erschießen ließ, weil er ein dreistes Wort über diese Gewaltthat in Umlauf brachte?[46]
3. Ist er es, der durch List und Ränke die deutschen Fürsten entzweite, um über die Entzweiten nach der Regel des Cäsar zu herrschen?
4. Ist er es, der den Kurfürsten von Hessen ohne Kriegserklärung aus seinem Lande vertrieb, und einen Handlungscommis — wie heißt er schon? — der ihm verwandt war, auf den Thron desselben setzte?[47]
5. Ist er es, der den König von Preußen, den ersten Gründer seines Ruhms, in dem undankbarsten und ungerechtesten Kriege zu Boden geschlagen hat, und auch selbst nach dem Frieden noch mit seinem grimmigen Fuß auf dem Nacken desselben verweilte?[48]
6. Ist es dagegen der Kaiser Napoleon, der durch unglückliche Feldzüge erschöpft, die deutsche Krone auf das Machtwort seines Gegners niederzulegen genöthigt war?[49]
7. Ist er es, der mit zerrissenem Herzen Preußen, den letzten Pfeiler Deutschlands, sinken sah, und, so zerstreut seine Heere auch waren, herbei geeilt sein würde ihn zu retten, wenn der Friede von Tilsit nicht abgeschlossen worden wäre?[50]
8. Ist er es, der dem betrogenen Kurfürsten von Hessen auf der Flucht aus seinen Staaten einen Zufluchtsort in den seinigen vergönnt hat?[51]
9. Ist er es endlich, der sich des Elends, unter welchem die Deutschen seufzen, erbarmt hat, und der nun, an der Spitze der ganzen Jugend, wie Anteus, der Sohn der Erde, von seinem Fall erstanden ist, um das Vaterland zu retten?
Vetter Pescherü, vergieb mir diese Fragen; ein Europäer wird ohne Zweifel, wenn er den Artikel liest, wissen was er davon zu halten hat. Einem Pescherü aber müssen, wie Du selbst einsiehst, alle die Zweifel kommen, die ich Dir vorgetragen habe.
Bekanntlich drücken wir mit dem Wort Pescherü Alles aus, was wir empfinden oder denken, drücken es mit einer Deutlichkeit aus, die den andern Sprachen der Welt fremd ist. Wenn wir z. B. sagen wollen: es ist Tag, so sagen wir: Pescherü; wollen wir hingegen sagen: es ist Nacht, so sagen wir: Pescherü. Wollen wir ausdrücken: dieser Mann ist redlich, so sagen wir: Pescherü; wollen wir hingegen versichern: er ist ein Schelm, so sagen wir: Pescherü. Kurz, Pescherü drückt den Inbegriff aller Erscheinungen aus, und eben darum, weil es Alles ausdrückt, auch jedes Einzelne.
Hätte doch der Nürnberger Zeitungsschreiber in der Sprache der Pescherüs geschrieben! Denn setze einmal der Artikel lautete also Pescherü, so würde Dein Vetter[52] nicht einen, nicht einen Augenblick bei seinem Inhalt angestoßen sein. Er würde alsdann mit völliger Bestimmtheit und Klarheit also gelesen haben:
„Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Schlacht, die das deutsche Reich dem Napoleon überliefern sollte, gewonnen haben, als vielmehr die bemitleidenswürdigen Deutschen selbst. Der entartete Kronprintz von Bayern hat zuerst an der Spitze der rheinbündischen Truppen die Linien der braven Oesterreicher, ihrer Befreier, durchbrochen. „Sie sind der Held der Deutschen!“ rief ihm der Verschlagenste der Unterdrücker zu; aber sein Hertz sprach heimlich: „ein Verräther bist Du, und wenn ich Dich werde gebraucht haben, wirst Du abtreten!“
Ein Gärtner sagte zu seinem Herrn: „Deinem Dienst habe ich mich nur innerhalb dieser Hecken und Zäune gewidmet. Wenn der Bach kommt und deine Frucht-Beete überschwemmt, so will ich mit Hacken und Spaten aufbrechen, um ihm zu wehren; aber außerhalb dieses Bezirkes zu gehen, und, ehe der Strom noch einbricht, mit seinen Wogen zu kämpfen, das kannst du nicht von deinem Diener verlangen.“
Der Herr schwieg.
Und drei Frühlinge kamen und verheerten mit ihren Gewässern das Land. Der Gärtner triefte von Schweiß, um dem Geriesel[53], das von allen Seiten eindrang, zu steuern; umsonst; der Seegen des Jahrs, wenn ihm die Arbeit auch gelang, war verderbt und vernichtet.
Als der vierte kam, nahm er Hacken und Spaten und gieng auf’s Feld.
„Wohin?“ fragte ihn sein Herr.
„Auf das Feld, antwortete er, wo das Uebel entspringt. Hier thürm’ ich Wälle von Erde umsonst, um dem Strom, der brausend hereinbricht, zu wehren: an der Quelle kann ich ihn mit einem Fußtritt verstopfen.“
Landwehren von Oesterreich! Warum wollt ihr bloß innerhalb eures Landes fechten?[54]
Einleitung.
§ 1.
Die Journalistik überhaupt ist die treuherzige und unverfängliche Kunst das Volk von dem zu unterrichten, was in der Welt vorfällt. Sie ist eine gänzliche Privatsache, und alle Zwecke der Regierung, sie mögen heißen wie man wolle, sind ihr fremd. Wenn man die französischen Journale mit Aufmerksamkeit liest, so sieht man, daß sie nach ganz eignen Grundsätzen abgefaßt worden, deren System man die französische Journalistik nennen kann. Wir wollen uns bemühen den Entwurf dieses Systems, so wie es etwa im geheimen Archiv zu Paris liegen mag, hier zu entfalten.
§ 2.
Die französische Journalistik ist die Kunst das Volk glauben zu machen, was die Regierung für gut findet.
§ 3.
Sie ist bloß Sache der Regierung, und alle Einmischung der Privatleute, bis selbst auf die Stellung vertraulicher Briefe, die die Tages-Geschichte betreffen, verboten.
§ 4.
Ihr Zweck ist die Regierung über allen Wechsel der Begebenheiten hinaus sicher zu stellen, und die Gemüther, allen Lockungen des Augenblicks zum Trotz, in schweigender Unterwürfigkeit unter das Joch derselben niederzuhalten.
Die zwei obersten Grundsätze.
§ 5.
Was das Volk nicht weiß, macht das Volk nicht heiß.
§ 6.
Was man dem Volke dreimal sagt, hält das Volk für wahr.
Anmerkung.
§ 7.
Diese Grundsätze könnte man auch Grundsätze des Talleyrand nennen. Denn ob sie gleich nicht von ihm erfunden sind, so wenig wie die mathematischen von dem Euklid: so ist er doch der Erste, der sie für ein bestimmtes und schlußgerechtes System in Anwendung gebracht hat.
§ 8.
Eine Verbindung von Journalen zu redigiren, welche 1. Alles, was in der Welt vorfällt, entstellen, und gleichwohl 2. ziemliches Vertrauen haben?
Lehrsatz zum Behuf der Auflösung.
Die Wahrheit sagen heißt allererst die Wahrheit ganz und nichts als die Wahrheit sagen.
Auflösung.
Also redigire man zwei Blätter, deren Eines niemals lügt, das Andere aber die Wahrheit sagt: so wird die Aufgabe gelößt sein.
Beweis.
Denn weil das Eine niemals lügt, das Andere aber die Wahrheit sagt, so wird die zweite Forderung erfüllt sein. Weil aber jenes verschweigt was wahr ist, und dieses hinzusetzet was erlogen ist, so wird es auch, wie jedermann zugestehen wird, die erste sein. q. e. d.
Erklärung.
§ 9.
Dasjenige Blatt, welches niemals lügt, aber hin und wieder verschweigt was wahr ist, heißt der Moniteur, und erscheine in officieller Form; das Andere, welches die Wahrheit sagt, aber zuweilen hinzuthut was erstuncken und erlogen ist, heiße Journal de l’Empire, oder auch Journal de Paris, und erscheine in Form einer bloßen Privat-Unternehmung.
§ 10.
Die französische Journalistik zerfällt in die Lehre von der Verbreitung 1. wahrhaftiger, 2. falscher Nachrichten. Jede Art der Nachricht erfordert einen eigenen Modus der Verbreitung, von welchem hier gehandelt werden soll.
Cap. I. Von den wahrhaftigen Nachrichten.
Art. 1. Von den guten.
Lehrsatz.
§ 11.
Das Werk lobt seinen Meister.
Beweis.
Der Beweis für diesen Satz ist klar an sich. Er liegt in der Sonne, besonders wenn sie aufgeht; in den ägyptischen Pyramiden; in der Peterskirche; in der Madonna des Raphael, und in vielen andern herrlichen Werken der Götter und Menschen.
Anmerkung.
§ 12.
Wirklich und in der That: man mögte meinen, daß dieser Satz sich in der französischen Journalistik [nicht] findet. Wer die Zeitungen aber mit Aufmerksamkeit gelesen hat, der wird gestehen, er findet sich darin; daher wir ihn auch dem System zu Gefallen hier haben aufführen müssen.
§ 13.
Inzwischen gilt dieser Satz doch nur in völliger Strenge für den Moniteur, und auch für diesen nur bei guten Nachrichten von außerordentlichem und entscheidendem Werth. Bei guten Nachrichten von untergeordnetem Werth kann der Moniteur schon das Werk ein wenig loben, das Journal de l’Empire aber und das Journal de Paris mit vollen Backen in die Posaune stoßen.
Aufgabe.
§ 14.
Dem Volk eine gute Nachricht vorzutragen?
Auflösung.
Ist es z. B. eine gänzliche Niederlage des Feindes, wobei derselbe Kanonen, Bagage und Munition verloren hat und in die Moräste gesprengt worden ist, so sage man dies, und setze das Punctum dahinter. (§ 11) Ist es ein bloßes Gefecht, wobei nicht viel herausgekommen ist, so setze man im Moniteur eine, im Journal de l’Empire drei Nullen an jede Zahl, und schicke die Blätter mit Courieren in alle Welt. (§ 13)
Anmerkung.
§ 15.
Hierbei braucht man nicht nothwendig zu lügen. Man braucht nur z. B. die Blessirten, die man auf dem Schlachtfelde gefunden, auch unter den Gefangenen aufzuführen. Dadurch bekömmt man zwei Rubriken, und das Gewissen ist gerettet.
Art. 2. Von den schlechten Nachrichten.
Lehrsatz.
§ 16.
Zeit gewonnen, Alles gewonnen.
Anmerkung.
§ 17.
Dieser Satz ist so klar, daß er, wie die Grundsätze, keines Beweises bedarf, daher ihn der Kaiser der Franzosen auch unter die Grundsätze aufgenommen hat. Er führt in natürlicher Ordnung auf die Kunst dem Volk [eine] Nachricht zu verbergen, von welcher[55] sogleich gehandelt werden soll.
Corollarium.
§ 18.
Inzwischen gilt auch dieser Satz nur in völliger Strenge für das Journal de l’Empire und für das Journal de Paris, und auch für diese nur bei schlechten Nachrichten von der gefährlichen und verzweifelten Art. Schlechte Nachrichten von erträglicher Art kann der Moniteur gleich offenherzig gestehen, das Journal de l’Empire aber und das Journal de Paris thun als ob nicht viel daran wäre.
Aufgabe.
§ 19.
Dem Volk eine schlechte Nachricht zu verbergen?
Auflösung.
Die Auflösung ist leicht. Es gilt für das Innere des Landes in allen Journalen Stillschweigen, einem Fisch gleich. Unterschlagung der Briefe, die davon handeln, Aufhaltung der Reisenden, Verbote in Tabagien und Gasthäusern davon zu reden, und für das Ausland Confiscation der Journale, welche gleichwohl davon zu handeln wagen; Arretirung, Deportirung, und Füselierung der Redactoren; Ansetzung neuer Subjecte bei diesem Geschäfft: Alles mittelbar entweder durch Requisition, oder unmittelbar durch Detaschements.
Anmerkung.
§ 20.
Diese Auflösung ist, wie man sieht, nur eine bedingte, und früh oder spät kommt die Wahrheit ans Licht. Will man die Glaubwürdigkeit der Zeitungen nicht aussetzen, so muß es nothwendig eine Kunst geben dem Volk schlechte Nachrichten vorzutragen. Worauf wird diese Kunst sich stützen?
Lehrsatz.
§ 21.
Der Teufel läßt keinen Schelmen im Stich.
Anmerkung.
§ 22.
Auch dieser Satz ist so klar, daß er nur erst verworren[56] werden würde, wenn man ihn beweisen wollte, daher wir uns nicht weiter darauf einlassen, sondern sogleich zur Anwendung schreiten wollen.
Aufgabe.
§ 23.
Dem Volk eine schlechte Nachricht vorzutragen?
Auflösung.
Man schweige davon (§ 5) bis sich die Umstände geändert haben. (§ 15). Inzwischen unterhalte man das Volk mit guten Nachrichten, entweder mit wahrhaftigen aus der Vergangenheit, oder auch mit gegenwärtigen, wenn sie vorhanden sind, als: Schlacht von Marengo, von der Gesandschafft des Persenschachs[57] und von der Ankunft des Levantischen Kaffes, oder, in Ermangelung aller, mit solchen die erstunken und erlogen sind; sobald sich die Umstände geändert haben, welches niemals ausbleibt, (§ 20) und irgend ein Vortheil, er sei groß oder klein, errungen worden ist, gebe man (§ 14) eine pomphafte Ankündigung davon, und an ihren Schwanz hänge man die schlechte Nachricht an. q. e. des.
Anmerkung.
§ 24.
Hierin ist eigentlich noch der Lehrsatz enthalten: wenn man dem Kinde ein Licht zeigt, so weint es nicht; denn darauf stützt sich zum Theil das angegebene Verfahren. Nur der Kürze wegen, und weil er von selbst in die Augen springt, geschah es, daß wir denselben in abstracto nicht haben aufführen wollen.
Corollarium.
§ 25.
Ganz still zu schweigen, wie die Auflösung fordert, ist in vielen Fällen unmöglich, denn schon das Datum des Bülletins, wenn z. B. eine Schlacht verloren und das Hauptquartier zurückgegangen wäre, verräth dies Factum. In diesem Fall antedatire man entweder das Bülletin, oder aber fingire einen Druckfehler im Datum, oder endlich lasse das Datum ganz weg. Die Schuld kommt auf den Setzer oder Corrector.
Frage. Sprich, Kind, wer bist Du?
Antwort. Ich bin ein Deutscher.
Fr. Ein Deutscher? Du scherzest. Du bist in Meißen gebohren, und das Land, dem Meißen angehört, heißt Sachsen!
Antw. Ich bin in Meißen gebohren, und das Land, dem Meißen angehört, heißt Sachsen; aber mein Vaterland, das Land dem Sachsen angehört, ist Deutschland, und Dein Sohn, mein Vater, ist ein Deutscher.
Fr. Du träumest! Ich kenne kein Land, dem Sachsen angehört, es müßte denn das rheinische Bundesland sein.[59] Wo find ich es, dies Deutschland, von dem Du sprichst, und wo liegt es?
Antw. Hier, mein Vater. — Verwirre mich nicht.
Fr. Wo?
Antw. Auf der Karte.
Fr. Ja, auf der Karte! — Diese Karte ist vom Jahr 1805. — Weißt Du nicht, was geschehn ist im Jahr 1805, da der Friede von Preßburg abgeschlossen war?
Antw. Napoleon, der korsische Kaiser, hat es nach dem Frieden durch eine Gewaltthat zertrümmert.[60]
Fr. Nun? Und gleichwohl wäre es noch vorhanden?
Antw. Gewiß! — Was fragst Du mich doch!
Fr. Seit wann?
Antw. Seit Franz der Zweite, der alte Kaiser der Deutschen, wieder aufgestanden ist, um es herzustellen, und der tapfre Feldherr, den er bestellte, das Volk aufgerufen hat, sich an die Heere, die er anführt, zur Befreiung des Landes anzuschließen.
Fr. Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn?
Antw. Ja, mein Vater, das thu ich.
Fr. Warum liebst Du es?
Antw. Weil es mein Vaterland ist.
Fr. Du meinst, weil Gott es geseegnet hat mit vielen Früchten, weil viele schöne Werke der Kunst es schmücken, weil Helden, Staatsmänner und Weise, deren Namen anzuführen kein Ende ist, es verherrlicht haben?
Antw. Nein, mein Vater; Du verführst mich.
Fr. Ich verführte Dich?
Antw. Denn Rom und das ägyptische Delta sind, wie Du mich gelehrt hast, mit Früchten und schönen Werken der Kunst und Allem, was groß und herrlich sein mag, weit mehr geseegnet als Deutschland. Gleichwohl, wenn Deines Sohnes Schicksal wollte, daß er darin leben sollte, würde er sich traurig fühlen, und es nimmermehr so lieb haben, wie jetzt Deutschland.
Fr. Warum also liebst Du Deutschland?
Antw. Mein Vater, ich habe es Dir schon gesagt!
Fr. Du hättest es mir schon gesagt?
Antw. Weil es mein Vaterland ist.
Fr. Was ist Deinem Vaterlande jüngsthin widerfahren?
Antw. Napoleon, Kaiser der Franzosen, hat es mitten im Frieden zertrümmert, und mehrere Völker, die es bewohnen, unterjocht.
Fr. Warum hat er dies gethan?
Antw. Das weiß ich nicht.
Fr. Das weißt Du nicht?
Antw. Weil er ein böser Geist ist.
Fr. Ich will Dir sagen, mein Sohn: Napoleon behauptet, er sei von den Deutschen beleidigt worden.
Antw. Nein, mein Vater, das ist er nicht.
Fr. Warum nicht?
Antw. Die Deutschen haben ihn niemals beleidigt.
Fr. Kennst Du die gantze Streitfrage, die dem Kriege, der entbrannt ist, zum Grunde liegt?
Antw. Nein, keineswegs.
Fr. Warum nicht?
Antw. Weil sie zu weitläuftig und umfassend ist.
Fr. Woraus also schließest Du, daß die Sache, die die Deutschen führen, gerecht sei?
Antw. Weil Kaiser Franz von Oesterreich es versichert hat.
Fr. Wo hat er dies versichert?
Antw. In dem von seinem Bruder, dem Erzherzog Carl, an die Nation erlassenen Aufruf.
Fr. Also wenn zwei Angaben vorhanden sind, die Eine von Napoleon, dem Korsenkaiser, die Andere von Franz, Kaiser von Oesterreich, welcher glaubst Du?
Antw. Der Angabe Franzens, Kaisers von Oesterreich.
Fr. Warum?
Antw. Weil er wahrhaftiger ist.
Fr. Wer sind Deine Feinde, mein Sohn?
Antw. Napoleon und, so lange er ihr Kaiser ist, die Franzosen.
Fr. Ist sonst niemand, den Du haßest?
Antw. Niemand auf der ganzen Welt.
Fr. Gleichwohl, als Du gestern aus der Schule kamst, hast Du Dich mit jemand, wenn ich nicht irre, entzweit?
Antw. Ich, mein Vater? Mit wem?
Fr. Mit Deinem Bruder; Du hast es mir selbst erzählt.
Antw. Ja, mit meinem Bruder! Er hatte meinen Vogel nicht, wie ich ihm aufgetragen hatte, gefüttert.
Fr. Also ist Dein Bruder, wenn er dies gethan hat, Dein Feind, nicht Napoleon der Korse, noch die Franzosen, die er beherrscht?
Antw. Nicht doch, mein Vater! — Was sprichst Du da?
Fr. Was ich da spreche?
Antw. Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll.[61] — — — —
Fr. Das hab ich Dich schon gefragt. Sage es noch einmahl mit den Worten, die ich Dich gelehrt habe.
Antw. Für einen verabscheuungswürdigen Menschen, für den Anfang alles Bösen und das Ende alles Guten; für einen Sünder, den anzuklagen die Sprache der Menschen nicht hinreicht, und den Engeln einst am jüngsten Tage der Odem vergehen wird.
Fr. Sahst Du ihn je?
Antw. Niemals, mein Vater.
Fr. Wie sollst Du ihn Dir vorstellen?
Antw. Als einen der Hölle entstiegenen Vatermörder, der herumschleicht in dem Tempel der Natur, und an allen Säulen rüttelt, auf welchen er gebaut ist.
Fr. Wann hast Du dies im Stillen für Dich wiederholt?
Antw. Gestern Abend, als ich zu Bette gieng, und heute Morgen, als ich aufstand.
Fr. Und wann wirst Du es wieder wiederholen?
Antw. Heute Abend, wenn ich zu Bette gehe, und morgen früh, wann ich aufstehe.
Fr. Gleichwohl, sagt man, soll er viel Tugenden besitzen. Das Geschäfft der Unterjochung der Erde soll er mit List, Gewandtheit und Kühnheit vollziehn, und besonders an dem Tage der Schlacht ein großer Feldherr sein.
Antw. Ja, mein Vater, so sagt man.
Fr. Man sagt es nicht bloß; er ist es.
Antw. Auch gut; er ist es.
Fr. Meinst Du nicht, daß er um dieser Eigenschafften willen Bewunderung und Verehrung verdiene?
Antw. Du schertzest, mein Vater.
Fr. Warum nicht?
Antw. Das wäre ebenso feig, als ob ich die Geschicklichkeit, die einem Menschen im Ringen beiwohnt, in dem Augenblick bewundern wollte, da er mich in den Koth wirft und mein Antlitz mit Füßen tritt.
Fr. Wer also unter den Deutschen mag ihn bewundern?
Antw. Die robusten Feldherrn etwa und die Kenner der Kunst.
Fr. Und auch diese, wann mögen sie es erst thun?
Antw. Wenn er vernichtet ist.
Fr. Was mag die Vorsehung wohl damit, mein Sohn, daß sie die Deutschen so grimmig durch Napoleon, den Korsen, aus ihrer Ruhe aufgeschreckt hat, bezweckt haben?
Antw. Das weiß ich nicht.
Fr. Das weißt Du nicht?
Antw. Nein, mein Vater.
Fr. Ich auch nicht. Ich schieße nur mit meinem Urtheil ins Blaue hinein. Treffe ich, so ist es gut; wo nicht, so ist an dem Schuß nichts verloren. — Tadelst Du dies Unternehmen?
Antw. Keineswegs, mein Vater.
Fr. Vielleicht meinst Du, die Deutschen befanden sich schon, wie die Sachen stehn, auf dem Gipfel aller Tugend, alles Heils und alles Ruhms?
Antw. Keineswegs, mein Vater.
Fr. Oder waren wenigstens auf guten Wegen, ihn zu erreichen?
Antw. Nein, mein Vater; das auch nicht.
Fr. Von welcher Unart habe ich Dir zuweilen gesprochen?
Antw. Von einer Unart?
Fr. Ja; die dem lebenden Geschlecht anklebt.
Antw. Der Verstand der Deutschen, hast Du mir gesagt, habe durch einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen; sie reflectirten, wo sie empfinden oder handeln sollten, meinten Alles durch ihren Witz bewerkstelligen zu können, und gäben nichts mehr auf die alte geheimnißvolle Kraft der Hertzen.
Fr. Findest Du nicht, daß die Unart, die Du mir beschreibst, zum Theil auch auf Deinem Vater ruht, indem er Dich catechisirt?
Antw. Ja, mein lieber Vater.
Fr. Woran hiengen sie mit unmäßiger und unedler Liebe?
Antw. An Geld und Gut, trieben Handel und Wandel damit, daß ihnen der Schweiß ordentlich des Mitleidens würdig von der Stirn triefte, und meinten ein ruhiges, gemächliches und sorgenfreies Leben sei Alles, was sich in der Welt erringen ließe.
Fr. Warum also mag das Elend wohl, das in der Zeit ist, über sie gekommen, ihre Hütten zerstört und ihre Felder verheeret worden sein?
Antw. Um ihnen diese Güter völlig verächtlich zu machen, und sie anzuregen nach den höhern und höchsten, die Gott den Menschen beschert hat, hinanzustreben.
Fr. Und welches sind die höchsten Güter der Menschen?
Antw. Gott, Vaterland, Kaiser, Freyheit, Liebe und Treue, Schönheit, Wissenschafft und Kunst.
Fr. Sage mir, mein Sohn, wohin kommt der, welcher liebt? In den Himmel oder in die Hölle?
Fr. Und der, welcher haßt?
Antw. In die Hölle.
Fr. Aber derjenige, welcher weder liebt noch haßt: wohin kommt der?
Antw. Welcher weder liebt noch haßt?
Fr. Ja! — Hast Du die schöne Fabel vergessen?
Antw. Nein, mein Vater.
Fr. Nun? Wohin kommt der?
Antw. Der kommt in die siebente, tiefste und unterste Hölle.
— — — —
wo sie sie immer treffen mögen, erschlagen.
Fr. Hat er dies Allen oder den Einzelnen befohlen?
Antw. Allen und den Einzelnen.
Fr. Aber der Einzelne, wenn er zu den Waffen griffe, würde offtmals nur in sein Verderben laufen?
Antw. Allerdings, mein Vater, das wird er.
Fr. Er muß also lieber warten, bis ein Haufen zusammengelaufen ist, um sich an diesen anzuschließen?
Antw. Nein, mein Vater.
Fr. Warum nicht?
Antw. Du scherzest, wenn Du so fragst.
Fr. So rede!
Antw. Weil, wenn jedweder so dächte, gar kein Haufen zusammenlaufen würde, an den man sich anschließen könnte.
Fr. Mithin — was ist die Pflicht jedes Einzelnen?
Antw. Unmittelbar auf das Gebot des Kaisers zu den Waffen zu greifen, den Anderen, wie die hochherzigen Tyroler,[63] ein Beispiel zu geben, und die Franzosen, wo sie angetroffen werden mögen, zu erschlagen.
Fr. Wen Gott mit Gütern geseegnet hat, was muß der noch außerdem für den Fortgang des Kriegs, der geführt wird, thun?
Antw. Er muß, was er entbehren kann, zur Bestreitung seiner Kosten hergeben.
Fr. Was kann der Mensch entbehren?
Antw. Alles bis auf Wasser und Brod, [das] ihn ernährt, und ein Gewand, das ihn deckt.
Fr. Wie viel Gründe kannst Du anführen, um die Menschen, freiwillige Beiträge einzuliefern, zu bewegen?
Antw. Zwei. Einen, der nicht viel einbringen wird, und Einen, der die Führer des Kriegs reich machen muß, falls die Menschen nicht mit Blindheit geschlagen sind.[64]
Fr. Welcher ist der, der nicht viel einbringen wird?
Antw. Weil Geld und Gut gegen das, was damit errungen werden soll, nichtswürdig sind.
Fr. Und welcher ist der, der die Führer des Kriegs reich machen muß, falls die Menschen nicht mit Blindheit geschlagen sind?
Antw. Weil es die Franzosen doch wegnehmen.
Fr. Die Staatsbeamten, die dem Kaiser von Oesterreich und den ächten deutschen Fürsten treu dienen, findest Du nicht, mein Sohn, daß sie einen gefährlichen Stand haben?
Antw. Allerdings, mein Vater.
Fr. Warum?
Antw. Weil, wenn der korsische Kaiser ins Land käme, er sie um dieser Treue willen bitter bestrafen würde.
Fr. Also ist es für jeden, der auf einer wichtigen Landesstelle steht, der Klugheit gemäß, sich zurückzuhalten, und sich nicht mit Eifer auf heftige Maasregeln, wenn sie ihm auch von der Regierung anbefohlen sein sollten, einzulassen?[65]
Antw. Pfui doch, mein Vater; was sprichst Du da!
Fr. Was? — Nicht?
Antw. Das wäre schändlich und niederträchtig.
Fr. Warum?
Antw. Weil ein Solcher nicht mehr Staatsdiener seines Fürsten, sondern schon, als ob er in seinem Sold stünde, Staatsdiener des Korsenkaisers ist, und für seine Zwecke arbeitet.
Fr. Was begeht derjenige, mein Sohn, der dem Aufgebot, das der Erzherzog Carl an die Nation erlassen hat, nicht gehorcht, oder wohl gar durch Wort und That zu widerstreben wagt?
Antw. Einen Hochverrath mein Vater.
Fr. Warum?
Antw. Weil er dem Volk, zu dem er gehört, verderblich ist.