Zu welchen abentheuerlichen Unternehmungen, sei es nun das Bedürfniß, sich auf eine oder die andere Weise zu ernähren, oder auch die bloße Sucht, neu zu sein, die Menschen verführen, und wie lustig dem zufolge oft die Insinuationen sind, die an die Redaction dieser Blätter einlaufen: davon möge folgender Aufsatz, der uns kürzlich zugekommen ist, eine Probe sein.
Allerneuester Erziehungsplan.
Hochgeehrtes Publicum,
Die Experimental-Physik, in dem Capitel von den Eigenschaften elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in die Nähe dieser Körper, oder, um kunstgerecht zu reden, in ihre Atmosphäre, einen unelektrischen (neutralen) Körper bringt, dieser plötzlich gleichfalls elektrisch wird, und zwar die entgegengesetzte Elektricität annimmt. Es ist als ob die Natur einen Abscheu hätte, gegen Alles, was, durch eine Verbindung von Umständen, einen überwiegenden und unförmlichen Werth angenommen hat; und zwischen je zwei Körpern, die sich berühren, scheint ein Bestreben angeordnet zu sein, das ursprüngliche Gleichgewicht, das zwischen ihnen aufgehoben ist, wieder herzustellen. Wenn der elektrische Körper positiv ist: so flieht aus dem unelektrischen Alles, was an natürlicher Elektricität darin vorhanden ist, in den äußersten und entferntesten Raum desselben, und bildet, in den, jenem zunächst liegenden Theilen eine Art von Vacuum, das sich geneigt zeigt, den Elektricitäts-Ueberschuß, woran jener, auf gewisse Weise, krank ist, in sich aufzunehmen; und ist der elektrische Körper negativ, so häuft sich, in dem unelektrischen, und zwar in den Theilen, die dem elektrischen zunächst liegen, die natürliche Elektricität schlagfertig an, nur auf den Augenblick harrend, den Elektricitäts-Mangel umgekehrt, woran jener krank ist, damit zu ersetzen. Bringt man den unelektrischen Körper in den Schlagraum des elektrischen, so fällt, es sei nun von diesem zu jenem, oder von jenem zu diesem, der Funken: das Gleichgewicht ist hergestellt, und beide Körper sind einander an Elektricität völlig gleich.
Dieses höchst merkwürdige Gesetz findet sich, auf eine, unseres Wissens, noch wenig beachtete Weise, auch in der moralischen Welt; dergestalt, daß ein Mensch, dessen Zustand indifferent ist, nicht nur augenblicklich aufhört, es zu sein, sobald er mit einem Anderen, dessen Eigenschaften, gleichviel auf welche Weise, bestimmt sind, in Berührung tritt: sein Wesen wird sogar, um mich so auszudrücken, gänzlich in den entgegengesetzten Pol hinübergespielt; er nimmt die Bedingung + an, wenn jener von der Bedingung -, und die Bedingung -, wenn jener von der Bedingung + ist.
Einige Beispiele, hochverehrtes Publicum, werden dies deutlicher machen.
Das gemeine Gesetz des Widerspruchs ist jedermann, aus eigner Erfahrung, bekannt; das Gesetz, das uns geneigt macht, uns, mit unserer Meinung, immer auf die entgegengesetzte Seite hinüber zu werfen. Jemand sagt mir, ein Mensch, der am Fenster vorübergeht, sei so dick, wie eine Tonne. Die Wahrheit zu sagen, er ist von gewöhnlicher Corpulenz. Ich aber, da ich ans Fenster komme, ich berichtige diesen Irrthum nicht bloß: ich rufe Gott zum Zeugen an, der Kerl sei so dünn, als ein Stecken.
Oder eine Frau hat sich, mit ihrem Liebhaber, ein Rendezvous menagirt. Der Mann, in der Regel, geht des Abends, um Triktrak zu spielen, in die Tabagie; gleichwohl, um sicher zu gehen, schlingt sie den Arm um ihn, und spricht: mein lieber Mann! Ich habe die Hammelkeule, von heute Mittag, aufwärmen lassen. Niemand besucht mich, wir sind ganz allein; laß uns den heutigen Abend einmal in recht heiterer und vertraulicher Abgeschlossenheit zubringen. Der Mann, der gestern schweres Geld in der Tabagie verlor, dachte in der That heut, aus Rücksicht auf seine Casse, zu Hause zu bleiben; doch plötzlich wird ihm die entsetzliche Langeweile klar, die ihm, seiner Frau gegenüber, im Hause verwartet. Er spricht: liebe Frau! Ich habe einem Freunde versprochen, ihm im Triktrak, worin ich gestern gewann, Revange zu geben. Laß mich, auf eine Stunde, wenn es sein kann, in die Tabagie gehn; morgen von Herzen gern stehe ich zu deinen Diensten.
Aber das Gesetz, von dem wir sprechen, gilt nicht bloß von Meinungen und Begehrungen, sondern auf weit allgemeinere Weise, auch von Gefühlen, Affecten, Eigenschaften und Charakteren.
Ein Portugiesischer Schiffskapitain, der, auf dem Mittelländischen Meer, von drei Venetianischen Fahrzeugen angegriffen ward, befahl, entschlossen wie er war, in Gegenwart aller seiner Officiere und Soldaten, einem Feuerwerker, daß sobald irgend auf dem Verdeck ein Wort von Uebergabe laut werden würde, er, ohne weiteren Befehl, nach der Pulverkammer gehen, und das Schiff in die Luft sprengen mögte. Da man sich vergebens, bis gegen Abend, gegen die Uebermacht herumgeschlagen hatte, und allen Forderungen, die die Ehre an die Equipage machen konnte, ein Genüge geschehen war: traten die Officiere in vollzähliger Versammlung den Capitain an, und forderten ihn auf, das Schiff zu übergeben. Der Capitain, ohne zu antworten, kehrte sich um, und fragte, wo der Feuerwerker sei; seine Absicht, wie er nachher versichert hat, war, ihm aufzugeben, auf der Stelle den Befehl, den er ihm ertheilt, zu vollstrecken. Als er aber den Mann schon, die brennende Lunte in der Hand, unter den Fässern, in Mitten der Pulverkammer fand: ergriff er ihn plötzlich, von Schrecken bleich, bei der Brust, riß ihn, in Vergessenheit aller anderen Gefahr, aus der Kammer heraus, trat die Lunte, unter Flüchen und Schimpfwörtern, mit Füßen aus und warf sie in’s Meer. Den Officieren aber sagte er, daß sie die weiße Fahne aufstecken mögten, indem er sich übergeben wolle.
Ich selbst, um ein Beispiel aus meiner Erfahrung zu geben, lebte, vor einigen Jahren, aus gemeinschaftlicher Kasse, in einer kleinen Stadt am Rhein, mit einer Schwester. Das Mädchen war in der That bloß, was man, im gemeinen Leben, eine gute Wirthinn nennt; freigebig sogar in manchen Stücken; ich hatte es selbst erfahren. Doch weil ich locker und lose war, und das Geld auf keine Weise achtete: so fieng sie an zu knickern und zu knausern; ja, ich bin überzeugt, daß sie geizig geworden wäre, und mir Rüben in den Caffe und Lichter in die Suppe gethan hätte. Aber das Schicksal wollte zu ihrem Glücke, daß wir uns trennten.
Wer dies Gesetz recht begreift, dem wird die Erscheinung gar nicht mehr fremd sein, die den Philosophen so viel zu schaffen giebt: die Erscheinung, daß große Männer, in der Regel, immer von unbedeutenden und obscuren Eltern abstammen, und eben so wieder Kinder groß ziehen, die in jeder Rücksicht untergeordnet und geringartig sind. Und in der That, man kann das Experiment, wie die moralische Atmosphäre, in dieser Hinsicht, wirkt, alle Tage anstellen. Man bringe nur einmal Alles, was, in einer Stadt, an Philosophen, Schöngeistern, Dichtern und Künstlern, vorhanden ist, in einen Saal zusammen: so werden einige, aus ihrer Mitte, auf der Stelle dumm werden; wobei wir uns, mit völliger Sicherheit, auf die Erfahrung eines jeden berufen, der solchem Thee oder Punsch einmal beigewohnt hat.
Wie vielen Einschränkungen ist der Satz unterworfen: daß schlechte Gesellschaften gute Sitten verderben; da doch schon Männer wie Basedow und Campe, die doch sonst, in ihrem Erziehungs-Handwerk, wenig gegensätzisch verfuhren, angerathen haben, jungen Leuten zuweilen den Anblick böser Beispiele zu verschaffen, um sie von dem Laster abzuschrecken. Und wahrlich, wenn man die gute Gesellschaft, mit der schlechten, in Hinsicht auf das Vermögen, die Sitte zu entwickeln, vergleicht, so weiß man nicht, für welche man sich entscheiden soll, da, in der guten, die Sitte nur nachgeahmt werden kann, in der schlechten hingegen, durch eine eigenthümliche Kraft des Herzens erfunden werden muß. Ein Taugenichts mag, in tausend Fällen, ein junges Gemüth, durch sein Beispiel, verführen, sich auf Seiten des Lasters hinüber zu stellen; tausend andere Fälle aber giebt es, wo es, in natürlicher Reaction, das Polar-Verhältniß gegen dasselbe annimmt; und dem Laster, zum Kampf gerüstet, gegenüber tritt. Ja, wenn man, auf irgend einem Platze der Welt, etwa einer wüsten Insel, Alles was die Erde an Bösewichtern hat, zusammenbrächte: so würde sich nur ein Thor darüber wundern können, wenn er, in kurzer Zeit, alle, auch die erhabensten und göttlichsten, Tugenden unter ihnen anträfe.
Wer dies für paradox halten könnte, der besuche nur einmal ein Zuchthaus oder eine Festung. In den von Frevlern aller Art, oft bis zum Sticken angefüllten Kasematten, werden, weil keine Strafe mehr, oder doch nur sehr unvollkommen, bis hierher dringt, Ruchlosigkeiten, die kein Name nennt, verübt. Demnach würde, in solcher Anarchie, Mord und Todtschlag und zuletzt der Untergang Aller die unvermeidliche Folge sein, wenn nicht auf der Stelle, aus ihrer Mitte, welche aufträten, die auf Recht und Sitte halten. Ja, oft setzt sie der Commendant selbst ein; und Menschen, die vorher aufsätzig waren gegen alle göttliche und menschliche Ordnung, werden hier, in erstaunenswürdiger Wendung der Dinge, wieder die öffentlichen geheiligten Handhaber derselben, wahre Staatsdiener der guten Sache, bekleidet mit der Macht, ihr Gesetz aufrecht zu erhalten.
Daher kann die Welt mit Recht auf die Entwikkelung der Verbrecher-Kolonie in Botany-Bay aufmerksam sein. Was aus solchem, dem Boden eines Staats abgeschlämmten Gesindel werden kann, liegt bereits in den nordamerikanischen Freistaaten vor Augen; und um uns auf den Gipfel unserer metaphysischen Ansicht zu schwingen, erinnern wir den Leser bloß an den Ursprung, die Geschichte, an die Entwikkelung und Größe Roms.
In Erwägung nun1)
1) daß alle Sittenschulen bisher nur auf den Nachahmungstrieb gegründet waren, und statt das gute Princip, auf eigenthümliche Weise im Herzen zu entwickeln, nur durch Aufstellung sogenannter guter Beispiele zu wirken suchten;2)
2) daß diese Schulen, wie die Erfahrung lehrt, nichts eben, für den Fortschritt der Menschheit Bedeutendes und Erkleckliches hervorgebracht haben;3)
das Gute aber 3) das sie bewirkt haben, allein von dem Umstand herzurühren scheint, daß sie schlecht waren, und hin und wieder, gegen die Verabredung, einige schlechten Beispiele mitunter liefen;
in Erwägung, sagen wir, aller dieser Umstände, sind wir gesonnen, eine sogenannte Lasterschule, oder vielmehr eine gegensätzische Schule, eine Schule durch Laster, zu errichten.4)
1) Jetzt rückt dieser merkwürdige Pädagog mit seinem neuesten Erziehungsplan heraus.
(Die Redaction.)
2) So! — Als ob die pädagogischen Institute nicht, nach ihrer natürlichen Anlage, schwache Seiten genug darböten.
(Die Redaction.)
3) In der That! — Dieser Philosoph könnte das Jahrhundert um seinen ganzen Ruhm bringen.
(Die Redaction.)
4) Risum teneatis, amici!
(Die Redaction.)
Demnach werden für alle, einander entgegenstehende Laster, Lehrer angestellt werden, die in bestimmten Stunden des Tages, nach der Reihe, auf planmäßige Art, darin Unterricht ertheilen; in der Religionsspötterei sowohl als in der Bigotterie, im Trotz sowohl als in der Wegwerfung und Kriecherei, und im Geiz und in der Furchtsamkeit sowohl, als in der Tollkühnheit und in der Verschwendung.
Diese Lehrer werden nicht bloß durch Ermahnungen, sondern durch Beispiele, durch lebendige Handlung, durch unmittelbaren praktischen, geselligen Umgang und Verkehr zu wirken suchen.
Für Eigennutz, Plattheit, Geringschätzung alles Großen und Erhabenen und manche anderen Untugenden, die man in Gesellschaften und auf der Straße lernen kann, wird es nicht nöthig sein, Lehrer anzustellen.
In der Unreinlichkeit und Unordnung, in der Zank- und Streitsucht und Verläumdung wird meine Frau Unterricht ertheilen.
Lüderlichkeit, Spiel, Trunk, Faulheit und Völlerei, behalte ich mir bevor.
Der Preis ist der sehr mäßige von 300 Rthl.
N. S.
Eltern, die uns ihre Kinder nicht anvertrauen wollten, aus Furcht, sie in solcher Anstalt, auf unvermeidliche Weise, verderben zu sehen, würden dadurch an den Tag legen, daß sie ganz übertriebene Begriffe von der Macht der Erziehung haben. Die Welt, die ganze Masse von Objecten, die auf die Sinne wirken, hält und regiert, an tausend und wieder tausend Fäden, das junge, die Erde begrüßende, Kind. Von diesen Fäden, ihm um die Seele gelegt, ist allerdings die Erziehung Einer, und sogar der wichtigste und stärkste; verglichen aber mit der ganzen Totalität, mit der ganzen Zusammenfassung der übrigen, verhält er sich wie ein Zwirnsfaden zu einem Ankertau, eher drüber als drunter.
Und in der That, wie mißlich würde es mit der Sittlichkeit aussehen, wenn sie kein tieferes Fundament hätte, als das sogenannte gute Beispiel eines Vaters oder einer Mutter, und die platten Ermahnungen eines Hofmeisters oder einer französischen Mamsell. — Aber das Kind ist kein Wachs, das sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen Gestalt kneten läßt: es lebt, es ist frei, es trägt ein unabhängiges und eigenthümliches Vermögen der Entwickelung, und das Muster aller innerlichen Gestaltung, in sich.
Ja, gesetzt, eine Mutter nähme sich vor, ein Kind, das sie an ihrer Brust trägt, von Grund aus zu verderben: so würde sich ihr auf der Welt dazu kein unfehlbares Mittel darbieten, und, wenn das Kind nur sonst von gewöhnlichen, rechtschaffenen Anlagen ist, das Unternehmen, vielleicht auf die sonderbarste und überraschendste Art, daran scheitern.
Was sollte auch, in der That, aus der Welt werden, wenn den Eltern ein unfehlbares Vermögen beiwohnte, ihre Kinder nach Grundsätzen, zu welchen sie die Muster sind, zu erziehen: da die Menschheit, wie bekannt, fortschreiten soll, und es mithin, selbst dann, wenn an ihnen nichts auszusetzen wäre, nicht genug ist, daß die Kinder werden, wie sie; sondern besser.
Wenn demnach die uralte Erziehung, die uns die Väter, in ihrer Einfalt, überliefert haben, an den Nagel gehängt werden soll: so ist kein Grund, warum unser Institut nicht, mit allen andern, die die pädagogische Erfindung, in unsern Tagen, auf die Bahn gebracht hat, in die Schranken treten soll. In unsrer Schule wird, wie in diesen, gegen je Einen, der darin zu Grunde geht, sich ein andrer finden, in dem sich Tugend und Sittlichkeit auf gar robuste und tüchtige Art entwickelt; es wird Alles in der Welt bleiben, wie es ist, und was die Erfahrung von Pestalozzi und Zeller und allen andern Virtuosen der neuesten Erziehungskunst, und ihren Anstalten sagt, das wird sie auch von uns und der unsrigen sagen: „Hilft es nichts, so schadet es nichts.“
Rechtenfleck im Holsteinischen,
den 15. Oct. 1810.
C. J. Levanus,
Conrector.
Man hat, in diesen Tagen, zur Beförderung des Verkehrs, innerhalb der Gränzen der vier Welttheile, einen elektrischen Telegraphen erfunden; einen Telegraphen, der mit der Schnelligkeit des Gedankens, ich will sagen, in kürzerer Zeit, als irgend ein chronometrisches Instrument angeben kann, vermittelst des Elektrophors und des Metalldraths, Nachrichten mittheilt, dergestalt, daß wenn jemand, falls nur sonst die Vorrichtung dazu getroffen wäre, einen guten Freund, den er unter den Antipoden hätte, fragen wollte: wie geht’s dir? derselbe, ehe man noch eine Hand umkehrt, ohngefähr so, als ob er in einem und demselben Zimmer stünde, antworten könnte: recht gut. So gern wir dem Erfinder dieser Post, die, auf recht eigentliche Weise, auf Flügeln des Blitzes reitet, die Krone des Verdienstes zugestehn, so hat doch auch diese Fernschreibekunst noch die Unvollkommenheit, daß sie nur, dem Interesse des Kaufmanns wenig ersprießlich, zur Versendung ganz kurzer und lakonischer Nachrichten, nicht aber zur Uebermachung von Briefen, Berichten, Beilagen und Packeten taugt. Demnach schlagen wir, um auch diese Lücke zu erfüllen, zur Beschleunigung und Vervielfachung der Handels-Communikationen, wenigstens innerhalb der Gränzen der cultivirten Welt, eine Wurf- oder Bombenpost vor; ein Institut, das sich auf zweckmäßig, innerhalb des Raums einer Schußweite, angelegten Artillerie-Stationen, aus Mörsern oder Haubitzen, hohle, statt des Pulvers, mit Briefen und Paketen angefüllte Kugeln, die man ohne alle Schwierigkeit, mit den Augen verfolgen, und wo sie hinfallen, falls es ein Morastgrund ist, wieder auffinden kann, zuwürfe; dergestalt, daß die Kugel, auf jeder Station zuvörderst eröffnet, die respektiven Briefe für jeden Ort herausgenommen, die neuen hineingelegt, das Ganze wieder verschlossen, in einen neuen Mörser geladen, und zur nächsten Station weiter spedirt werden könnte. Den Prospectus des Ganzen und die Beschreibung und Auseinandersetzung der Anlagen und Kosten behalten wir einer umständlicheren und weitläufigeren Abhandlung bevor. Da man auf diese Weise, wie eine kurze mathematische Berechnung lehrt, binnen Zeit eines halben Tages, gegen geringe Kosten von Berlin nach Stettin oder Breslau würde schreiben oder respondiren können, und mithin, verglichen mit unseren reitenden Posten, ein zehnfacher Zeitgewinn entsteht, oder es eben soviel ist, als ob ein Zauberstab diese Orte der Stadt Berlin zehnmal näher gerückt hätte: so glauben wir für das bürgerliche sowohl als handeltreibende Publicum, eine Erfindung von dem größesten und entscheidendsten Gewicht, geschickt, den Verkehr auf den höchsten Gipfel der Vollkommenheit zu treiben, an den Tag gelegt zu haben.
Berlin d. 10. Oct. 1810.
rmz.
10 Uhr Morgens.
Der Wachstuchfabrikant Hr. Claudius will, zur Feier des Geburtstages Sr. Königl. Hoheit, des Kronprinzen, heute um 11 Uhr mit dem Ballon des Prof. J.[74] in die Luft gehen, und denselben, vermittelst einer Maschine, unabhängig vom Wind, nach einer bestimmten Richtung hinbewegen. Dies Unternehmen scheint befremdend, da die Kunst, den Ballon, auf ganz leichte und naturgemäße Weise, ohne alle Maschienerie, zu bewegen, schon erfunden ist. Denn da in der Luft alle nur mögliche Strömungen (Winde) übereinander liegen: so braucht der Aëronaut nur, vermittelst perpendikularer Bewegungen, den Luftstrom aufzusuchen, der ihn nach seinem Ziele führt: ein Versuch, der bereits mit vollkommnem Glück, in Paris, von Hrn. Garnerin, angestellt worden ist.
Gleichwohl scheint dieser Mann, der während mehrerer Jahre im Stillen dieser Erfindung nachgedacht hat, einer besondern Aufmerksamkeit nicht unwerth zu sein. Einen Gelehrten, mit dem er sich kürzlich in Gesellschaft befand, soll er gefragt haben: ob er ihm wohl sagen könne, in wieviel Zeit eine Wolke, die eben an dem Horizont heraufzog, im Zenith der Stadt sein würde? Auf die Antwort des Gelehrten: „daß seine Kenntniß so weit nicht reiche,“ soll er eine Uhr auf den Tisch gelegt haben, und die Wolke genau, in der von ihm bestimmten Zeit, im Zenith der Stadt gewesen sein. Auch soll derselbe, bei der letzten Luftfahrt des Professor J. im Voraus nach Werneuchen gefahren, und die Leute daselbst versammelt haben: indem er aus seiner Kenntniß der Atmosphäre mit Gewißheit folgerte, daß der Ballon diese Richtung nehmen, und der Professor J. in der Gegend dieser Stadt niederkommen müsse.
Wie nun der Versuch, den er heute, gestützt auf diese Kenntniß, unternehmen will, ausfallen wird: das soll in Zeit von einer Stunde entschieden sein. Hr. Claudius will nicht nur bei seiner Abfahrt, den Ort, wo er niederkommen will, in gedruckten Zetteln bekannt machen: es heißt sogar, daß er schon Briefe an diesem Ort habe abgeben lassen, um daselbst seine Ankunft anzumelden. — Der Tag ist in der That, gegen alle Erwartung, seiner Vorherbestimmung gemäß, ausnehmend schön.
N. S.
2 Uhr Nachmittags.
Hr. Claudius hatte beim Eingang in den Schützenplatz Zettel austheilen lassen, auf welchen er, längs der Potsdammer Chaussee, nach dem Luckenwaldschen Kreis zu gehen, und in einer Stunde vier Meilen zurückzulegen versprach. Der Wind war aber gegen 12 Uhr so mächtig geworden, daß er noch um 2 Uhr mit der Füllung des Ballons nicht fertig war; und es verbreitete sich das Gerücht, daß er vor 4 Uhr nicht in die Luft gehen würde.
Der, gegen die Abendblätter gerichtete, Artikel der Haude und Spenerschen Zeitung, über die angebliche Direction der Luftbälle ist mit soviel Einsicht, Ernst und Würdigkeit abgefaßt, daß wir geneigt sind zu glauben, die Wendung am Schluß, die zu dem Ganzen wenig paßt, beruhe auf einem bloßen Mißverständniß.
Demnach dient dem unbekannten Hrn. Verfasser hiemit auf seine, in Anregung gebrachten Einwürfe zur freundschaftlichen Antwort:
1) daß wenn das Abendblatt, des beschränkten Raums wegen, den unverklausulirten Satz aufgestellt hat: die Direction der Luftbälle sei erfunden; dasselbe damit keineswegs hat sagen wollen: es sei an dieser Erfindung nichts mehr hinzuzusetzen; sondern bloß: das Gesetz einer solchen Kunst sei gefunden, und es sei, nach dem, was in Paris vorgefallen, nicht mehr zweckmäßig, in dem Bau einer, mit dem Luftball verbundenen, Maschiene eine Kraft zu suchen, die in dem Luftball selbst, und in dem Element, das ihn trägt, vorhanden ist.
2) Daß die Behauptung, in der Luft seien Strömungen der vielfachsten und mannigfaltigsten Art enthalten, wenig Befremdendes und Außerordentliches in sich faßt, indem unseres Wissens, nach den Aufschlüssen der neuesten Naturwissenschaft, eine der Hauptursachen des Windes, chemische Zersetzung oder Entwickelung beträchtlicher Luftmassen ist. Diese Zersetzung oder Entwickelung der Luftmassen aber muß, wie eine ganz geringe Einbildung lehrt, ein concentrisches oder excentrisches, in allen seinen Richtungen diametral entgegengesetztes, Strömen der in der Nähe befindlichen Luftmassen veranlassen; dergestalt, daß an Tagen, wo dieser chemische Prozeß im Luftraum häufig vor sich geht, gewiß über einem gegebenen, nicht allzubeträchtlichen Kreis der Erdoberfläche, wenn nicht alle, doch so viele Strömungen, als der Luftfahrer, um die willkührliche Direction darauf zu gründen, braucht, vorhanden sein mögen.
3) Daß der Luftballon des Hrn. Claudius selbst (in sofern ein einzelner Fall hier in Erwägung gezogen zu werden verdient) zu dieser Behauptung gewissermaßen den Beleg abgiebt, indem ohne Zweifel als derselbe ½5 Uhr durchaus westlich in der Richtung nach Spandau und Stendal aufstieg, niemand geahndet hat, daß er, innerhalb zwei Stunden, durchaus südlich, zu Düben in Sachsen niederkommen würde.
4) Daß die Kunst, den Ballon vertical zu dirigiren, noch einer großen Entwickelung und Ausbildung bedarf, und derselbe auch wohl, ohne eben große Schwierigkeiten, fähig ist, indem man ohne Zweifel durch Veränderung nicht bloß des absoluten, sondern auch specifischen Gewichts (vermittelst der Wärme und der Expansion) wird steigen und fallen und somit den Luftstrom mit größerer Leichtigkeit wird aufsuchen lernen, dessen man, zu einer bestimmten Reise, bedarf.
5) Daß Hr. Claudius zwar wenig gethan hat, die Aufmerksamkeit des Publikums, die er auf sich gezogen hat, zu rechtfertigen; daß wir aber gleichwohl dahingestellt sein lassen, in wiefern derselbe, nach dem Gespräche der Stadt, in der Kunst, von der Erdoberfläche aus die Luftströmungen in den höheren Regionen zu beurtheilen, erfahren sein mag: indem aus der Richtung, die sein Ballon anfänglich westwärts gegen Spandau und späterhin südwärts gegen Düben nahm, mit sonderbarer Wahrscheinlichkeit hervor zu gehen scheint, daß er, wenn er aufgestiegen wäre, sein Versprechen erfüllt haben, und vermittelst seiner mechanischen Einwirkung, in der Diagonale zwischen beiden Richtungen, über der Potsdammer Chaussee, nach dem Luckenwaldischen Kreise, fortgeschwommen sein würde.
6) Daß wenn gleich das Unternehmen vermittelst einer, im Luftball angebrachten Maschiene, den Widerstand ganz contrairer Winde aufzuheben, unübersteiglichen Schwierigkeiten unterworfen ist, es doch vielleicht bei Winden von geringerer Ungünstigkeit möglich sein dürfte, den Sinus der Ungünstigkeit, vermittelst mechanischer Kräfte, zu überwinden, und somit, dem Seefahrer gleich, auch solche Winde, die nicht genau zu dem vorgeschriebenen Ziel führen, ins Interesse zu ziehen.
Zudem bemerken wir, daß wenn 7) der Luftschifffahrer, aller dieser Hülfsmittel ungeachtet, Tage und Wochen lang auf den Wind, der ihm passend ist, warten müßte, derselbe sich mit dem Seefahrer zu trösten hätte, der auch Wochen, oft Monate lang, auf günstige Winde im Hafen harren muß: wenn er ihn aber gefunden hat, binnen wenigen Stunden damit weiter kommt, als wenn er sich, von Anfang herein, während der ganzen verlornen Zeit, zur Axe oder zu Pferde fortbewegt hätte.
Endlich selbst zugegeben 8) — was wir bei der Möglichkeit, auch selbst in der wolkigsten Nacht, den Polarstern, wenigstens auf Augenblicke, aufzufinden, keinesweges thun — dem Luftschiffer fehle es schlechthin an Mittel, sich in der Nacht im Luftraum zu orientiren: so halten wir den von dem unbekannten Hrn. R. berechneten Irrthum von 6 Meilen, auf einen Radius von 30 Meilen, für einen sehr mäßigen und erträglichen. Der Aëronaut würde immer noch, wenn x die Zeit ist, die er gebraucht haben würde, um den Radius zur Axe zurückzulegen, in x/5 den Radius und die Sehne zurücklegen können. Wenn er dies, gleichviel aus welchen Gründen, ohne seinen Ballon, nicht wollte, so würde er sich wieder mit dem Seefahrer trösten müssen, der auch oft, widriger Winde wegen, statt in den Hafen einzulaufen, auf der Rhede vor Anker gehen, oder gar in einen andern ganz entlegenen Hafen einlaufen muß, nach dem er gar nicht bei seiner Abreise gewollt hat.
———
Was Hr. Garnerin betrift, so werden wir im Stande sein, in Kurzem bestimmtere Facta, als die im 13ten Abendblatt enthalten waren, zur Erwiderung auf die gemachten Einwürfe, beizubringen.
rm.
Der Herr, als er auf Erden noch einherging,
Kam mit Sanct Peter einst an einen Scheideweg,
Und fragte, unbekannt des Landes,
Das er durchstreifte, einen Bauersknecht,
Der faul, da, wo der Rain sich spaltete, gestreckt
In eines Birnbaums Schatten lag:
Was für ein Weg nach Jericho ihn führe?
Der Kerl, die Männer nicht beachtend,
Verdrießlich, sich zu regen, hob ein Bein,
Zeigt auf ein Haus im Feld’, und gähnt’ und sprach: da unten!
Zerrt sich die Mütze über’s Ohr zurecht,
Kehrt sich, und schnarcht schon wieder ein.
Die Männer drauf, wohin das Bein gewiesen,
Gehn ihre Straße fort; jedoch nicht lange währt’s,
Von Menschen leer, wie sie das Haus befinden,
Sind sie im Land’ schon wieder irr.
Da steht, im heißen Strahl der Mittagssonne,
Bedeckt von Aehren, eine Magd,
Die schneidet, frisch und wacker, Korn,
Der Schweiß rollt ihr vom Angesicht herab.
Der Herr, nachdem er sich gefällig drob ergangen,
Kehrt also sich mit Freundlichkeit zu ihr:
„Mein Töchterchen gehn wir auch recht,
So wie wir stehn, den Weg nach Jericho?“
Die Magd antwortet flink: „Ei, Herr!
Da seid ihr weit vom Wege irr gegangen;
Dort hinterm Walde liegt der Thurm von Jericho,
Kommt her, ich will den Weg euch zeigen.“
Und legt die Sichel weg, und führt, geschickt und emsig,
Durch Aecker, die der Rain durchschneidet,
Die Männer auf die rechte Straße hin,
Zeigt noch, wo schon der Thurm von Jericho erglänzet,
Grüßt sie und eilt zurücke wieder,
Auf daß sie schneid’, in Rüstigkeit, und raffe,
Von Schweiß betrieft, im Waizenfelde,
So nach wie vor.
Sanct Peter spricht: „O Meister mein!
Ich bitte dich, um deiner Güte willen,
Du wollest dieser Maid die That der Liebe lohnen,
Und, flink und wacker, wie sie ist,
Ihr einen Mann, flink auch und wacker, schenken.“
„Die Maid, versetzt der Herr voll Ernst,
Die soll den faulen Schelmen nehmen,
Den wir am Scheideweg im Birnbaumsschatten trafen;
Also beschloß ich’s gleich im Herzen,
Als ich im Waizenfeld sie sah.“
Sanct Peter spricht: „Nein Herr, das wolle Gott verhüten.
Das wär’ ja ewig Schad’ um sie,
Müßt’ all’ ihr Schweiß und Müh’ verloren gehn.
Laß einen Mann, ihr ähnlicher, sie finden,
Auf daß sich, wie sie wünscht, hoch bis zum Giebel ihr
Der Reichthum in der Tenne fülle.“
Der Herr antwortet, mild den Sanctus strafend:
„O Petre, das verstehst du nicht.
Der Schelm, der kann doch nicht zur Höllen fahren.
Die Maid auch, frischen Lebens voll,
Die könnte leicht zu stolz und üppig werden.
Drum, wo die Schwinge sich ihr allzuflüchtig regt,
Henk’ ich ihr ein Gewichtlein an,
Auf daß sie’s beide im Maaße treffen,
Und fröhlich, wenn es ruft, hinkommen, er wie sie,
Wo ich sie Alle gern versammeln möchte.
Der Herr und Petrus oft, in ihrer Liebe beide,
Begegneten im Streite sich,
Wenn von der Menschen Heil die Rede war;
Und dieser nannte zwar die Gnade Gottes groß,
Doch wär’ er Herr der Welt, meint er,
Würd’ er sich ihrer mehr erbarmen.
Da trat, zu einer Zeit, als längst, in beider Herzen,
Der Streit vergessen schien, und just,
Um welcher Ursach weiß ich nicht,
Der Himmel oben auch voll Wolken hieng,
Der Sanctus mißgestimmt, den Heiland an, und sprach
„Herr, laß, auf eine Handvoll Zeit,
Mich, aus dem Himmelreich, auf Erden niederfahren,
Daß ich des Unmuths, der mich griff,
Vergess’ und mich einmal, von Sorgen frei, ergötze,
Weil es jetzt grad’ vor Fastnacht ist.“
Der Herr, des Streits noch sinnig eingedenk,
Spricht: „Gut; acht Tag’ geb’ ich dir Zeit,
Der Feier, die mir dort beginnt, dich beizumischen;
Jedoch, so bald das Fest vorbei,
Kommst du mir zu gesetzter Stunde wieder.
Acht volle Tage doch, zwei Wochen schon, und mehr,
Ein abgezählter Mond vergeht,
Bevor der Sanct zum Himmel wiederkehrt.
„Ei, Petre,“ spricht der Herr, „wo weiltest du so lange?
Gefiel’s auch nieden dir so wohl?“
Der Sanctus, mit noch schwerem Kopfe, spricht:
„Ach, Herr! Das war ein Jubel unten —!
Der Himmel selbst beseeliget nicht besser.
Die Erndte, reich, du weißt, wie keine je gewesen,
Gab alles was das Herz nur wünscht,
Getraide, weiß und süß, Most, sag’ ich dir, wie Honig,
Fleisch fett, dem Speck gleich, von der Brust des Rindes;
Kurz, von der Erde jeglichem Erzeugniß
Zum Brechen alle Tafeln voll.
Da ließ ich’s, schier, zu wohl mir sein,
Und hätte bald des Himmels gar vergessen.“
Der Herr erwiedert: „Gut! Doch Petre sag’ mir an,
Bei soviel Seegen, den ich ausgeschüttet,
Hat man auch dankbar mein gedacht?
Sahst du die Kirchen auch von Menschen voll?“ —
Der Sanct, bestürzt hierauf, nachdem er sich besonnen:
„O Herr,“ spricht er, „bei meiner Liebe,
Den ganzen Fastmond durch, wo ich mich hingewendet,
Nicht deinen Namen hört’ ich nennen.
Ein einz’ger Mann saß murmelnd in der Kirche:
Der aber war ein Wucherer,
Und hatte Korn, im Herbst erstanden,
Für Mäus’ und Ratzen hungrig aufgeschüttet.“ —
„Wohlan denn,“ spricht der Herr, und läßt die Rede fallen,
„Petre, so geh; und künft’ges Jahr
Kannst du die Fastnacht wiederum besuchen.“
Doch diesmal war das Fest kaum eingeläutet,
Da kömmt der Sanctus schleichend schon zurück.
Der Herr begegnet ihm am Himmelsthor und ruft:
„Ei, Petre! Sieh! Warum so traurig?
Hat’s dir auf Erden denn danieden nicht gefallen?“
„Ach, Herr,“ versetzt der Sanct, „seit ich sie nicht gesehn,
Hat sich die Erde ganz verändert.
Da ist’s kurzweilig nicht mehr, wie vordem,
Rings sieht das Auge nichts, als Noth und Jammer.
Die Erndte, ascheweiß versengt auf allen Feldern,
Gab für den Hunger nicht, um Brod zu backen,
Viel wen’ger Kuchen, für die Lust, und Stritzeln.
Und weil der Herbstwind früh der Berge Hang durchreift,
War auch an Wein und Most nicht zu gedenken.
Da dacht ich: was auch sollst du hier?
Und kehrt ins Himmelreich nur wieder heim.“ —
„So!“ spricht der Herr. „Fürwahr! das thut mir leid!
Doch, sag’ mir an: gedacht’ man mein?“
„Herr, ob man dein gedacht? — Die Wahrheit dir zu sagen,
Als ich durch eine Hauptstadt kam,
Fand ich, zur Zeit der Mitternacht,
Vom Altarkerzenglanz, durch die Portäle strahlend,
Dir alle Märkt’ und Straßen hell;
Die Glöckner zogen, daß die Stränge rissen;
Hoch an den Säulen hiengen Knaben,
Und hielten ihre Mützen in der Hand.
Kein Mensch, versichr’ ich dich, im Weichbild rings zu sehn,
Als Einer nur, der eine Schaar
Lastträger keuchend von dem Hafen führte:
Der aber war ein Wucherer,
Und häufte Korn auf lächelnd, fern erkauft,
Um von des Landes Hunger sich zu mästen.“
„Nun denn, o Petre,“ spricht der Herr,
Erschaust du jetzo doch den Lauf der Welt!
Jetzt siehst du doch was du jüngsthin nicht glauben wolltest,
Daß Güter nicht das Gut des Menschen sind;
Daß mir ihr Heil am Herzen liegt wie dir:
Und daß ich, wenn ich sie mit Noth zuweilen plage,
Mich, meiner Liebe treu und meiner Sendung,
Nur ihrer höh’ren Noth erbarme.
Als Kalb begann er; ganz gewiß
Vollendet er als Stier — des Phalaris.
st.
„Geld!“ rief, „mein edelster Herr!“ ein Armer. Der Reiche versetzte:
„Lümmel, was gäb’ ich darum, wär ich so hungrig als er!“
Treffend, durchgängig ein Blitz, voll Scharfsinn, sind seine Repliken:
Wo? An der Tafel? Vergieb! Wenn er’s zu Hause bedenkt.
xp.
Des Satyrs Geißel schmerzt von Rosenstrauch am meisten;
Wer nur den Knieriem führt, der bleibe ja beim Leisten.
st.
Wahrheit gegen den Feind? Vergieb mir! Ich lege zuweilen
Seine Bind um den Hals, um in sein Lager zu gehn.
xp.
Einleitung.
[1] Das letzte Lied; H. v. Kleist gesammelte Schriften III, 373, der zweiten Ausgabe von Tieck und J. Schmidt.
[2] So schrieb Kleist an Zschokke; s. E. v. Bülow, H. v. Kleists Leben und Briefe S. 27.
[3] Die umfassendste Sammlung von Briefen Kleists sind die an seine Schwester Ulrike gerichteten, 57 an der Zahl, aus den Jahren 1795 bis zum Augenblick seines Todes, nebst einem an Pannwitz aus dem Jahre 1802, von Koberstein 1860 herausgegeben; 23 Briefe aus der Zeit von 1799 bis 1811 an seinen Lehrer, seine Braut, deren Schwester, seinen Freund Rühle und Fouqué, gab Bülow heraus; 6 Brieffragmente von 1807 bis 1811 Tieck in der Einleitung zu Kleists Schriften; ein Brief von 1809 an H. v. Collin steht in Hoffmanns Findlingen I, 320, ein von Bülow nicht gekannter von 1811 an Fouqué, in den Briefen an F. Baron de la Motte Fouqué, herausgegeben von H. Kletke I, 223; 6 aus den Jahren 1810 und 1811 an F. v. Raumer in dessen Lebenserinnerungen und Briefwechsel I, 229. Anekdotenhaft ist was Peguilhen von Kleist erzählt in der Sammlung Berühmte Schriftsteller der Deutschen Berlin 1854 I, 309; die Denkschrift desselben über Kleists Tod, die dem Staatskanzler vorlag aber nicht erscheinen durfte, scheint verloren. Umfassende Charakteristiken Kleists sind neuerdings gegeben worden in den Preußischen Jahrbüchern II, 599, 1858, und von J. Schmidt in seiner Einleitung zu den gesammelten Schriften Kleists, 1859; Nachträge dazu von Koberstein in der Einleitung zu Kleists Briefen an seine Schwester.
[4] Tiecks Ausgabe von 1826 I, S. XX.
[5] S. X Vorrede.
[6] In der Inhaltsanzeige des Februarheftes. Dadurch widerlegt sich Bülows Angabe S. 44 eine Novelle der Madame de Gomez habe dem Dichter den Stoff in Paris geliefert. Sucht man in einer fremden Litteratur nach einer Parallele zu dieser Geschichte, so könnte man auch an Cervantes’ de la fuerça de la sangre erinnern, wo ähnliche Verhältnisse freilich maßvoller dargestellt werden.
[7] Eine quellengemäße geschichtliche Darstellung der Kohlhasischen Händel hat Klöden gegeben in Gropius’ Beiträge zur Geschichte Berlins, Berlin 1840 S. 61 ff. Wenn er im Vorwort sagt, zu Kleists Erzählung habe die Geschichte nichts als einige Namen beigesteuert, so ist dagegen zu bemerken, daß nicht die wesentlichen Thatsachen, sondern gerade die Namen unhistorisch sind; denn der Junker hieß Günther von Zaschwitz auf Melaun bei Düben. Man möchte doch vermuthen, nicht Pfuels Erzählung, sondern irgend einem älteren Buche habe Kleist den Stoff entlehnt, vielleicht dem von B. Mentz, Kurtze Erzehlung vom Vrsprung vnd Hehrkommen der Chur vnnd Fürstlichen Stämmen, Sachsen, Brandenburg, Anhalt vnd Lawenburg, Wittenberg 1597, das Klöden außer Hafftiz besonders benutzt hat.
[8] III, 71.
[9] III, 48.
[10] III, 124.
[11] Ich führe einige Beweisstellen für die im Text hervorgehobenen Lieblingsworte Kleists an: „dergestalt daß“ Kohlhaas III, 39, 47, 57, 75, 104, 109, 114; das Erdbeben in Chili S. 164; die Verlobung in St. Domingo S. 188; das Bettelweib von Locarno S. 224, 225, 226; die heilige Caecilie S. 249, 250; der Zweikampf S. 272, 273; Käthchen von Heilbronn II, 132. „Gleichwohl“: Kohlhaas III, 22, 35, 63, 75, 102, 109; Marquise v. O. S. 151; Findling 235; die heilige Caecilie 252; Käthchen von Heilbronn I, 123, 125, 130; die Hermannsschlacht 397; der Prinz v. Homburg 325, 345; Amphitryon I, 374, 375. „Nicht sobald — als“: Kohlhaas III, 34, 39, 58. „Falls“: Kohlhaas III, 27, 64, 77, 94. „Gleichviel“: Kohlhaas III, 57, 60, 79; Marquise v. O. 153; die heilige Caecilie 251; der Zweikampf 286; Prinz v. Homburg II, 279, 281, 315, 320, 323, 327, 331; die Hermannsschlacht 509; Amphitryon I, 417. „Inzwischen“: Kohlhaas III, 34, 43, 77, 98, 106, 111; Marquise v. O. 124, 125; der Zweikampf 266, 287.
[12] Penthesilea I, 201, 224; die Hermannsschlacht II, 383; an Franz den Ersten III, 374.
[13] Akt III. Sc. 1. II, 188.
[14] Käthchen v. Heilbronn A. V. S. 1. II, 248; die Hermannsschlacht A. II, S. 1. II, 402; III, 379.
[15] III, 376, 377, 372.
[16] A. III, S. 6. II, 443.
[17] Kleist an seine Schwester 17. Sept. 1807 und die folgenden Briefe S. 129 ff. 144. Adam Müller an Gentz 6. Febr. 1808, Briefwechsel S. 126.
[18] Kleists ges. Schriften I, S. XX.
[19] Bülow S. XI.
[20] Brief an seine Schwester o. D. S. 157.
[21] Phöbus I, 39.
[22] Hans Sachs Worte I, 189 der Kemptener Ausgabe, wo sich indeß nur die Legende der Welt Lauf findet. Es scheint Kleist hat seine Originale nicht sowohl in einer Gesammtausgabe der Werke von Hans Sachs als in einem Einzeldruck gelesen; in einem solchen, wovon ein Exemplar im Besitz des Herrn W. v. Maltzahn ist, finden sich neben zwei andern Erzählungen gerade die beiden von Kleist nachgedichteten; es ist: Das erst Gesprech, Von der Welt lauff; und das dritt Gespräch, von eim | faulen Bawrenknecht, vnd einer | endlichen Bauren Maidt. | Der Haupttitel lautet: Vier schöne Gesprech zwischen | Sanct Peter vnd dem Herren, | sehr nützlich zu lesen, vnd | zu hören — Hanß Sachs. Gedruckt zu Nürnberg | durch Valentin Newber kl. 8. 16 Bll.
[23] S. die Briefe an seine Schwester o. D. und von 1799, 1801 S. 5, 20, 49, 51; an seine Braut 1801, Bülow S. 145; 1806 S. 243.
[24] Briefe von 1801, Bülow S. 226, 210, 204, 27; Koberstein S. 46, 50. Katechismus der Deutschen 8. I, 1, 7; von der Ueberlegung I, 2, 5.
[25] Brieffragment bei Bülow S. 66; 1801 S. 207, 227; 1803 Koberstein S. 90.
[26] 1801, 1803 Koberstein S. 45, 90.
[27] Briefe an seine Schwester S. 110, 145.
[28] Hermannsschlacht A. I, S. 3. I, 1; II, 394, 386, 391, 434, 444; III, 3, 6.
[29] Kleists Wort über die Thusnelda zu Dahlmann in J. Schmidts Einleitung S. XCV; (v. Bassewitz) die Kurmark Brandenburg während der Zeit von 1806 bis 1808 II, 709; v. Höpfner der Krieg von 1806 und 1807 II, 326, 332.
[30] Lehrbuch der Journalistik 4, 8. Die Worte des Grafen Schlabrendorff hat Jochmann aufbewahrt, Reliquien, herausgegeben von Zschokke, I, 135.
[31] Hermannsschlacht A. I, 3, 10, 4, 9; II, 397, 399, 456, 467. Hoffmann Findlinge I, 320.
[32] Häusser deutsche Geschichte III, 151, 183, 439. Europas Palingenesie Leipzig 1810 I, 147, 149.
[33] Hermannsschlacht V, 24, 14. II, 519, 499; Prinz von Homburg IV, 1. S. 340.
[34] Wahrscheinlich dachte sich Kleist unter dem rheinbündischen Officier einen sächsischen, denn kaum ein anderer hätte im Sommer 1806 mit einem preußischen Officier in Berlin ein patriotisches Convivium halten können, in einer Zeit, wo über ein preußisch-sächsisches Bündniß, als Grundlage des nordischen Reichsbundes unter Preußens Führung, verhandelt wurde. Kurz vor dem Ausbruch des Kriegs kam es bekanntlich zu einer Vereinigung der preußischen und sächsischen Armee. Der König, der durch Ablehnung des Kreuzes der Ehrenlegion nicht kompromittirt werden soll, ist also der König von Sachsen, der diesen Titel seit dem Posener Vertrage 11. Dec. 1806 führte.
[35] Eine in Berlin noch jetzt bestehende bekannte Weinhandlung, in der Kleist viel verkehrt haben soll.
[36] Davoust, der bei Auerstädt siegte.
[37] Die eingeklammerten Worte sind in der Abschrift irrthümlich ausgelassen.
[38] Am 9. April 1809 eröffneten die Oesterreicher unter dem Erzherzog Karl den Krieg, indem sie in Baiern einrückten. Zu einem Massenaufstande hatte der Erzherzog in einem undatirten Aufruf an die „Völker Deutschlands“ aufgefordert; der in demselben Sinn abgefaßte Armeebefehl ist vom 6. April. S. Europas Palingenesie I, 147, 152.
[39] Das erste Bülletin Napoleons über die einleitenden Gefechte vom 19. bis 23. April ist vom 24. April. S. Europas Palingenesie II, 39. Der gleich darauf erwähnte Montesquiou war Napoleons Kammerherr und zu ähnlichen Sendungen mehrfach gebraucht worden. Kurz vor der Schlacht von Jena war er in preußische Gefangenschaft gerathen.
I, 1, 2.
[40] Diese Scenen spielen also während des Krieges von 1806 und 1807, und ihr Schauplatz soll, wie leicht ersichtlich, Potsdam und Berlin sein. In Potsdam war das große Cavalleriedepot der Franzosen; s. (v. Bassewitz) die Kurmark Brandenburg während der Zeit von 1806 bis 1808 I, 266.
[41] Aber hat die Handschrift.
I, 1, 3.
[42] Dies scheint darauf hinzuweisen, daß Kleist hier etwa die Vorgänge in Stettin im Auge hatte, dessen Uebergabe an eine schwache Abtheilung französischer Cavallerie am 29. Oct. 1806 die Reihe schmachvoller Capitulationen der Hauptfestungen im östlichen Theile der preußischen Lande eröffnete. Dagegen scheint die Niederbrennung der Vorstädte auf Küstrin oder Magdeburg zu deuten. S. v. Höpfner Krieg von 1806 und 1807 II, 326, 332.
I, 1, 4.
[43] Den Nürnberger Correspondenten von 1809 habe ich nicht auftreiben können.
[44] Am 23. April hatte die französische Armee nach heftigem Kampfe Regensburg genommen. Die Hauptmasse bestand aus Baiern und Würtembergern, denen Napoleon am 30. in einer Anrede, die der Kronprinz von Baiern verdollmetschte, diesmal die ausschließliche Ehre des Kampfs gegen die Oesterreicher zugesprochen hatte; Europas Palingenesie II, 12, 38.
[45] Durch den Frieden von Preßburg am 26. December 1805, der auf Oesterreichs Kosten Baiern, Würtemberg und Baden vergrößerte, den beiden ersten die souveraine Königswürde zusprach, und ein deutsches Reich nicht mehr, sondern nur noch eine confédération Germanique kannte.
[46] Am 26. August 1806.
[47] Am 1. November 1806 besetzten die Franzosen Kassel. Vous avez cessé d’exister, sagte Napoleon in seinem 13. Bülletin dem Kurfürsten.
[48] Hier ist wohl die entgegenkommende Anerkennung gemeint, die Napoleon als Konsul seit Durocs Sendung im November 1799 in Berlin fand, und die Vermittlung, welche Preußen in Folge dessen zwischen ihm und dem Kaiser Paul einzuleiten suchte. — Erst anderthalb Jahr nach dem Tilsiter Frieden, am 5. Dezember 1808, räumten die Franzosen Berlin.
[49] Am 6. August 1806.
[50] Dazu war man österreichischer Seits doch nicht geneigt, wohl aber wich man einem französischen Bündniß auf Kosten Preußens aus.
[51] In Böhmen.
[52] Vatter hat die Handschrift.
I, 1, 5.
[53] Gewinsel, die Handschrift.
[54] Durch Patent vom 9. Juni 1808 wurde die Errichtung einer Landwehr „zur Vertheidigung des vaterländischen Bodens“ angeordnet.
I, 1, 6.
[55] auch — welchem, die Handschrift.
[56] vernommen, die Handschrift.
[57] Am 7. Mai 1807 schloß Napoleon ein Bündnis mit dem Schach von Persien, dessen Gesandter zu diesem Zweck nach Elbing kam.
I, 1, 7.
[58] Die Volkserhebung in Spanien begann im Mai 1808.
[59] Sachsen war dem Rheinbunde im Posener Vertrage beigetreten.
[60] Der Rheinbund vom 12. Juli 1806.
[61] Hier fehlen zwei Blätter, die den Schluß des vierten, das fünfte, sechste und den Anfang des siebenten Capitels enthielten.
[62] Fehlen abermals zwei Blätter, das zehnte, elfte und den Anfang des zwölften Capitels enthaltend.
[63] Am 9. April 1809 erhoben sich die Tiroler.
[64] Wenn man nicht annehmen will, zwischen diesem und dem folgenden Satze sei durch Schuld des Abschreibers eine Frage und eine Antwort ausgefallen, in denen der erste Grund unmittelbar angegeben wurde, und daß dann erst die nähere Erläuterung folgte, warum er nicht viel einbringen könne, so sind die letzten vier Sätze des Capitels von dunkler Spitzfindigkeit nicht frei zu sprechen. Es würden dann die freiwilligen Beiträge einmal als geringfügig bezeichnet werden, weil sie als Geld und Gut, dem Vaterlande und der Freiheit gegenüber, an sich keinen Werth haben, und doch zugleich als ein einträgliches Mittel, wenn die Menschen es lieber dem gönnen, von dem sie zur Freiheit geführt werden, als den Feinden, die ihnen das Eigenthum mit Gewalt entreißen.
[65] Dies scheint ein bitterer Seitenblick auf die zurückhaltende Politik des preußischen Ministeriums, das seit Steins Abgang am 24. Nov. 1808 Dohna, Altenstein und Beyme leiteten. Es ist bekannt, wie sehr Oesterreich schon damals Preußen zum entschiedenen Handeln zu bestimmen suchte, aber auch zugleich, daß Preußen schwerlich stark genug dazu war.
[66] In der Schlacht bei Aspern am 21. und 22. Mai 1809.
[67] bewußt, die Handschrift. Der Schluß fehlt.
I, 2, 2.
[68] Woher dies Citat sei, vermag ich nicht zu sagen.
[69] sind fügt die Handschrift überflüssig hinzu.
I, 2, 3.
[70] ist fügt die Handschrift hinzu.
[71] Die letzten drei Worte wiederholt die Handschrift. In Bülows Abdruck, Kleists Leben und Briefe S. 254, fehlen die Worte: „Alles was sie Vortreffliches fand in sich aufzunehmen gleich“ —.
[72] Bülow liest für Dienstleistungen Einflüsterungen!
[73] Die Worte: „die dem ganzen Menschengeschlecht angehört“ fehlen bei Bülow.
[74] Jungius, Professor am Friedrich-Wilhelms Gymnasium.
[75] Dieser Artikel von einem ungenannten Verfasser brachte eine wissenschaftlich gehaltene Widerlegung der in dem Schreiben aus Berlin I, 5, 2 ausgesprochenen Ansichten Kleists, und schloß mit einem Ausfall gegen die trügerischen Terminologien neuer und unverschämter Lehrer, die sich auf erdichtete Facta stützen.
Berlin, Druck von Gustav Schade.
Marienstraße Nr. 10.