Viertes Capitel.
Worauf es, zufolge dieses höchsten Grundsatzes, unserm Helden bei allen seinen Disputen angekommen sey.

So oft unser Held im Begriff war, seinen Mund öffentlich aufzuthun, um dem Zeitalter einen Rath zu geben, oder eine Thorheit zu misbilligen und zu züchtigen, so trieb ihn seine liebenswürdige Bescheidenheit immer an, zuvörderst sich zu entschuldigen, dass er gerade die Sache zur Sprache bringe, dass er sie jetzt, in diesem Zeitpuncte, bei dieser Veranlassung zur Sprache bringe. Hierüber gab er immer seine guten Gründe an. Dass er aber die Sache, wovon die Rede war, verstehe, und dass er die Wahrheit, die pure lautere Wahrheit sagen könne, darüber gab er nie einen Beweis, indem es ihm gar nicht beikam, dass über diesen Punct irgend ein Leser oder Gegner den mindesten Zweifel hegen würde.

So hub er, als er im 11. Bande seiner Reisebeschreibung von Tübingen aus auf die Horen, und von diesen aus auf die neue Philosophie schmälen wollte, damit an, dass er beklagte: es scheine nun einmal sein Beruf, dem Zeitalter unangenehme Wahrheiten zu sagen; und fuhr dann fort und sagte seine unangenehme Wahrheit; und alle Leser waren überzeugt und alle Gegner beschämt. Entweder hatten die letzten bisher, mit dem eignen guten Bewusstseyn, dass sie unrecht hatten, ihr Wesen getrieben, lediglich um etwas Neues, in der allgemeinen deutschen Bibliothek Unerhörtes anzubringen und Aufsehen zu erregen, und Nicolai wollte dies nun offenbaren; oder, wenn sie wirklich geglaubt hatten, recht zu haben, so sollten sie jetzt aus Nicolai’s Versicherung, dass er ihnen die wahrste Wahrheit sage, vernehmen, dass sie denn also doch unrecht hätten.

So sagt man, dass er allen mündlich geäusserten Vorstellungen und Bedenklichkeiten seiner Freunde, besonders wegen seiner spätern philosophischen Streitigkeiten, immer so zu begegnen gepflegt habe: man müsse überall mit der Sprache gerade herausgehn und die Wahrheit sagen. Ob sie gefalle oder nicht, ob man sich dadurch Feinde mache oder nicht, darnach könne nicht gefragt werden. Wenn die entgegengesetzte Maxime gelten solle, so hätten auch die Literaturbriefe nicht geschrieben werden müssen. So war er auf ewig gegen die Vermuthung befestigt und gesichert, dass irgend jemand glauben könne, er habe in der Sache selbst unrecht, und hielt jene Warnungen für nichts weiter, als für die zärtlichen Besorgnisse seiner schüchternen Freunde, durch die sie ihn verleiten wollten, aus Sorgfalt für seine persönliche Ruhe die Sache der Wahrheit zu verläugnen.

Fünftes Capitel.
Wirkliche Disputirmethode unsers Helden, aus diesem höchsten Grundsatze.

Kam es nun wirklich zum Dispute, so machte unser Held es sich zum einzigen Augenmerk, die Wahrheit des Factums zu constatiren und dem Gegner den Ausweg des Abläugnens seiner That oder seiner Aeusserung abzuschneiden. Hierbei verfuhr er mit seiner gewöhnlichen Sorgfalt und Genauigkeit. Hatte er nur diesen Punct erst ins Reine gebracht, so schritt er ohne weiteres zum Endurtheile; denn er konnte den Glauben an den gesunden Menschenverstand seiner Gegner nie so weit aufgeben, um anzunehmen, dass sie der Thaten oder Aeusserungen, die sie aus seinem Munde wieder hören müssten, und von denen sie leicht abnehmen könnten, dass er sie misbillige, nicht sogleich sich innigst schämen, die Unrichtigkeit derselben einsehen und sie bereuen sollten.

So kam in jenen Tagen zu Jena eine gewisse auch allgemeine Literaturzeitung heraus, welche sogleich in ihr Nichts verschwand, nachdem unser Held die Zügel der allgemeinen deutschen Bibliothek mit starken Händen wieder ergriffen hatte, und jener Zeitung die, bei Gelegenheit des Schellingschen und Schlegelschen Streits mit ihr zu Tage gekommene Abhängigkeit vorrückte. Dieser Zeitung sagte er in der oben angeführten unsterblichen Besitzergreifungsacte[6], zwar mit grossmüthigem Bedauern, dass dieses ihr Factum gewesen, jedoch übrigens kurz, fest und entschlossen, auf den Kopf zu, dass sie Kant gelobt hätte, und Reinhold gelobt hätte, er fügte jedesmal in Schwabacher hinzu, dass dies nicht zu läugnen wäre. Freilich hatte jene Zeitung gehofft und geglaubt, dass kein Mensch als Nicolai jenen Verstoss entdeckt habe, und dass dieser es nicht weitersagen werde.

So muss in jenen Tagen ein gewisser Fichte, von dem seit dem Jahre 1804 alle Nachrichten verschwinden, sein Wesen getrieben haben. Diesem führt unser Held in derselben klassischen Acte mehrere seiner höchststräflichen Aeusserungen kurz und gut zu Gemüthe; dass z. B. dieser Fichte, und noch dazu vom Anfange an, und noch dazu ganz laut gesagt habe, kein einziger von Kants zahlreichen Nachfolgern habe verstanden, wovon eigentlich die Rede sey, — ausser er, Fichte, wie sich verstehe, setzt unser Held dazu. (Wenn dieser Fichte nur die gemeinste Logik hatte, so versteht sich dies freilich; wie hätte er urtheilen können, dass alle übrigen es nicht verständen, wenn er nicht selbst es zu verstehen geglaubt hätte?) Um allen Zweifel über die Sträflichkeit und Absurdität dieser Aeusserungen zu heben, versichert er, es seyen dies wirklich Fichte’s eigne Worte, und citirt allenthalben Buch und Seite; und in einigen Blättern, welche dem allgemeinen Austilgungskriege gegen Fichte vom Jahre 1803 entgangen, findet sich auch wirklich, dass diese Citationen richtig sind.

Unser Held war ein unbarmherziger Gegner. Wie muss es den armen Fichte niedergedrückt haben, durch Nicolai an den Tag gebracht zu sehen, was von ihm zum Drucke befördert sey.

Anmerkung.

[6] Wir nennen die oft erwähnte Anzeige eine Besitzergreifungsacte; denn lasst uns nur in einer Note, die mancher Leser vielleicht auch nicht liest, bekennen, dass alle die getroffenen Anstalten nicht lediglich um der Herren Schelling, W. und F. Schlegel, Tieck, Fichte, und wie die Gezüchtigten noch alle heissen, unternommen sind; dass diese nur das Mittel sind zum höhern Zwecke, und die gegen sie aufgestellten Truppen nur dazu dienen, den Punct des eigentlichen Angriffs zu verdecken. Dieser geht, dass wir es nur zu unsrer eigenen Demüthigung gerade heraussagen, eigentlich — gegen die Jenaische Literaturzeitung.

Nicht von den anzuzeigenden Schriften — eigentlich den zwischen Schelling, A. W. Schlegel und der A. L. Z. gewechselten Streitschriften — nein, vom unsterblichen Stifter der A. D. B. hebt die Rede an, wie dieser zuerst die Idee gefasst, zur Verhütung aller Einseitigkeit und Parteilichkeit (!) Mitarbeiter aus allen deutschen Ländern und Provinzen einzuladen. S. 145. lässt sich zwar nicht läugnen, dass auch die Redactoren der A. L. Z. dieser Idee gefolgt. S. 150 aber sind bei ihr gerade die unangenehmen Fälle eingetreten, „welche der Stifter der A. D. B. eben durch die Einladung von Mitarbeitern aus allen deutschen Ländern und Provinzen — vom Anfange an — so vorsichtig zu vermeiden wusste.“ Es bekamen nemlich nun — wie denn nun? folgten denn nun die Redactoren der A. L. Z. nicht mehr der Idee des unsterblichen Stifters der A. D. B.? Ei, was weiss ichs: kurz — „es bekamen nun durch die individuelle Lage der Redactoren der A. L. Z. gegen Mitarbeiter, die mit ihnen in zu naher Verbindung an Einem Orte lebten, und gegen deren Freunde, persönliche Rücksichten einen merklichen Einfluss auf das Werk, welcher demselben sicher nicht vortheilhaft war, und — bei unparteiischen Lesern das Vertrauen zu demselben sicher verminderte.“ — In der ganzen Anzeige kann man weiter ersehen, wie eben durch jene Streitschriften der A. L. Z. und ihrer Gegner, „die freilich keinem von beiden Theilen vortheilhaft sind“ und deren deswegen, „gegen die sonstige Gewohnheit der D. B., in anderen gelehrten Zeitschriften erhobene Streitigkeiten aufzunehmen und fortzuführen,“ allerdings erwähnt werden musste — wie, sage ich, durch jene Streitschriften so recht an den Tag gekommen, dass die Schlegel und Schelling in die L. Z. Einfluss gehabt, dass diese von ihnen abgehangen. Nun kann der scharfsinnige Leser selbst ermessen, welch’ ein erbärmlicher Wicht die L. Z. seyn möge, da sie von so erbärmlichen Wichten, deren und ihrer Freunde Personalien eben deswegen hier wieder in frisches und geschärftes Gedächtniss gebracht werden mussten, abgehangen; — diese L. Z., von der sich ohnedies nicht läugnen lässt, dass sie Kant gelobt, und Reinhold gelobt.

Dagegen kann jeder Leser wissen, dass die D. B. der neuen und neusten Philosophie von jeher im Wege gestanden; die unartigen Schleifwege, auf denen sich doch einmal ein gutes Wörtchen über sie in diese B. eingeschlichen, sind nun auch entdeckt und, besonders seit Nicolai wieder das Regiment führt, sicherlich verhauen. Es ist der Bescheidenheit, die alles Selbstlob verschmäht, angemessen, dieses anonym in den letzten Heften der bei Bohn herauskommenden neuen B. zu der Zeit, da die ersten Bände der wieder alt gewordenen B. bei Nicolai erscheinen, und das Vertrauen der Leser zur A. L. Z. durch den Schellingschen Streit in frischer Verminderung begriffen ist, gehörig auseinanderzusetzen, damit die Leser wissen, wohin sie sich nun mit ihrem Vertrauen zu wenden haben.

Jene Anzeige ist sonach, ihrer wahren Bestimmung nach, eine Besitzergreifungsacte des alten Vertrauens für die alte Bibliothek, von dessen Verminderung der alte Herausgeber doch einige Spur haben muss.

Wir wünschen sehr, dass der scharfsinnige und scharftreffende Herr Hofrath Schütz diese wahre Tendenz jener Anzeige ja nicht merke, sondern sie unbefangen als eine blosse Ausstäupung dieser Schlegel, dieses Schellings, dieses Fichte hinunterschlucke; auch, dass nicht etwa diese unsere Note ihm zu Gesichte komme: denn sonst — möchten wir nicht an Herrn Nicolai’s Stelle seyn. Auch dürfte sodann vielleicht uns selbst unser Eifer für die Ehre und den Flor jenes grossen literarischen Instituts nicht zum Besten bekommen.

Sechstes Capitel.
Eine der allersonderbarsten Meinungen unsers Helden, zufolge jenes höchsten Grundsatzes.

Mag der Grund in einer ursprünglichen Unfähigkeit der Natur unsers Helden, oder in einer frühern Verbildung desselben gelegen haben, kurz, es war unter seinen grössten Verehrern und wärmsten Freunden darüber nur Eine Stimme, dass er für die Philosophie ganz untauglich sey. Sein Geist war ein dürrer Chronikengeist. Nie vermochte er sich über die Erfahrung, und zwar über die Erfahrung im allerniedrigsten Sinne des Worts, über das blosse Aneinanderknüpfen von Sinneseindrücken und den Erzählungen davon hinweg, bis zum Begriffe eines allgemeinen Gesetzes, nach dem jene Erscheinungen erfolgten, oder erfolgen sollten, als dem Materiale aller Philosophie, zu erheben. Doch was rede ich von dem Begriffe eines Gesetzes? Nicht einmal zu dem Begriffe eines Vordersatzes wusste er sich zu erheben; wie hätte er sonach jemals die leiseste Ahnung, auch nur von dem Formalen der Philosophie, von dem Zusammenhange der Gedanken in einer philosophischen Untersuchung, von dem Werthe und der Bestimmung, die sie von der Stelle erhalten, da sie stehen, von einem organischen Ganzen des Denkens, haben können? Jeden möglichen Gedanken, den er äusserte, trug er vor als unmittelbar gewiss, und durch sich selbst klar; ob, weil er ihn sagte, oder durch die Art, wie er ihn sagte, lassen wir an seinen Ort gestellt. Diese alle gleich unmittelbar gewissen Gedanken setzte er nun zusammen, wie sie ihm unter die Hände kamen, jeden möglichen an jeden andern möglichen, und so verwandelte sich ihm alles menschliche Denken in einen grossen Sandhaufen, in welchem jedes Körnchen für sich besteht, und alle durcheinander geworfen werden können, ohne dass in dem Einzelnen etwas verändert wird. Wir werden tiefer unten Belege dieses Verfahrens anführen.

Nun ist zwar demjenigen, der zu einer gewissen Sache absolut unfähig ist, nicht füglich anzumuthen, dass er diese seine Unfähigkeit erkenne; denn gerade dasselbe, was ihn zur Sache unfähig macht, macht ihn auch unfähig, seine Fähigkeit zur Sache zu beurtheilen. Aber bei gewöhnlichen Menschen wird durch ein dunkles Gefühl ersetzt, was ihnen an klarem Urtheil abgeht. So ist es in Absicht des Faches, wovon wir hier sprechen, nichts Seltenes, Personen, wenn sie nur nicht als Professoren der Metaphysik, oder als philosophische Recensenten an der A. D. B. ihr Brot verdienen müssen, gestehen zu hören, dass Metaphysik ihr wahres Kreuz sey, dass es ihnen damit noch nie recht habe gelingen wollen, oder wenn sie mehr Eigendünkel haben, dass dies leere Spitzfindigkeiten seyen, mit denen sie sich den Kopf zerbrechen, — nur nicht möchten. — Ferner hat ja jeder Mensch irgend einen vertrautern Bekannten oder Freund; und Nicolai hatte deren so viele unter seinen Zeitgenossen, die sich doch auch ein Urtheil über Philosophie zuschrieben. Sollte denn niemals einer von diesen unserm Helden mit aller Bescheidenheit zu verstehen gegeben haben, dass er zwar in andern Geschäften des menschlichen Scharfsinns, in der Fähigkeit, die feinsten Machinationen der Jesuiten zu wittern, den seltensten Zuschnitt eines Predigerüberschlags oder einer Perrücke auszuspüren, seines Gleichen nicht habe; dass er aber in der eigentlich sogenannten höhern Philosophie nicht dieselbe Stärke besitze? Setzte nicht Kant, dem unser Held doch auch nicht allen Scharfsinn absprach, zutrauungsvoll von ihm voraus, er werde wohl selbst eines Urtheils über Gegenstände der höhern Speculation sich bescheiden?

Was that unser Held? Leistete er etwa, durch jenes dunkle Gefühl gewarnt, gleich von vornherein Verzicht auf dieses ihm durch seine Natur verschlossene Fach, oder achtete er auf jene Warnungen, und gab späterhin seine Theilnahme an demselben auf?

Wie konnte er? Gehört denn nicht die Philosophie zum Umfange der menschlichen Kenntnisse, und ist sie nicht von jeher von allen Besitzern dieser Kenntnisse sogar an die Spitze derselben gestellt worden? Hatte nicht die Bibliothek von jeher auch das Fach der Philosophie umfasst? War es denn möglich, dass jemand Redacteur dieser Bibliothek, sonach die Seele derselben, sonach die Seele aller Geistesbildung wäre, der nicht eben darum der erste untrüglichste und allumfassendste aller Philosophen sey? Das Höchste, was er aus Herablassung gegen den alten Mann, den Kant, thun konnte, war, dass er einen historischen Bericht über seine philosophische Bildung abstattete. Aber gerade das, dass man fähig gewesen war, jenen Zweifel über unsers Helden Fähigkeit zu erheben, zeigte am deutlichsten den tiefen Verfall und die schreckliche Verwilderung in diesem Fache, und machte es ihm zur dringendsten Pflicht, von nun an alle seine Kräfte der Wiederherstellung desselben zu widmen.

Auch hier, so wie allenthalben ging unser Held von dem Princip aus: ich, Friedrich Nicolai, bin anderer Meinung als ihr; und daraus könnt ihr ersehen, dass ihr unrecht habt. Er hat diesen höchsten Grundsatz seines speculativen Systems mehrere Male in bestimmten Worten ausgesprochen, ohnerachtet er sonst mehr für den rhapsodischen als für den systematischen Gang war. Es gehört zur Geschichte des Helden, wenigstens einige jener Aussprüche anzuführen.

Jacobi hatte geäussert, und durch eine mit Lessing gehabte Unterredung belegt, dass der letztere in der höhern Speculation den Spinozischen Principien zugethan gewesen. Jene Aeusserung Jacobi’s musste — so wollten es die Freunde und — Ehrenretter des Verstorbenen — nicht wahr seyn; Lessing musste von den gesunden und moderaten Begriffen eines Nicolai und Mendelssohn nicht abgewichen seyn. Auch unser Held brachte seinen Beweis gegen Jacobi an. Und was für einen Beweis brachte er an? — Er, Nicolai, könne am gewissesten sagen, dass Jacobi Lessing sicherlich misverstanden hätte, indem er sagen könne, dass — Er selbst mit Lessing über jene Materie disserirt hätte[7]. Freilich war Jacobi nun hinlänglich beschämt. Welcher Leser hätte nach einem solchen Zeugnisse noch ein Wort von ihm angehört; und was hätte er auch vorbringen können, ohne vor sich selbst bis in die innerste Seele zu erröthen? — Auf dieselbe Weise fürchtete er in der erwähnten berühmten Acte, dass freilich wohl andere Gelehrte glauben möchten, hinter den spitzfindigen Grübeleien der Ichphilosophie und der daraus gefolgerten speculativen Physik und Poetik stecke vielleicht etwas Wichtiges verborgen. Er aber, Er Nicolai wusste sehr wohl und verkündigte laut, dass die Nullität jener Philosophie nur immer deutlicher erhellen werde, und dass man im Jahre 1803 darüber mehr würde sprechen können[8].

Aus diesem hier und da deutlich ausgesprochenen Princip führte nun unser Held unverrückt sein Richteramt in der Philosophie; auch da, wo er jenes Princip nicht deutlich aussprach. Alle seine Beweise beruhten allein darauf. Er hatte, seiner Bildung zufolge, einst gleichfalls Philosophie studirt, die philosophische Wahrheit ausgemessen, umfasst und in sich aufgenommen. Was damit übereinstimmte, — war freilich nie so stark, so durchgeführt, so trefflich gesagt, als er es gesagt haben würde, wenn er nur Zeit dazu gehabt hätte, aber da er diese nun einmal nicht hatte — mochte es doch existiren! Was damit nicht übereinstimmte, bei jener allgemeinen Ausmessung des philosophischen Gebiets von Nicolai nicht mit ermessen war, — Jacobi’s, Kants, der transscendentalen Idealisten Philosopheme — welche Frage, ob sie falsch seyen? Wie konnten sie anders? — indem ja, wenn sie wahr wären, Nicolai sie schon ehedem, eh’ von allen diesen Menschen etwas gehört wurde, gefunden haben müsste. Falsch waren sie, das verstand sich, und unser Held musste, seinem beständigen Kriegsplane nach, ohne weiteres mit den Waffen des Lächerlichen dagegen vorschreiten.

Kant war, als er mit seinem Systeme hervortrat, schon bejahrt, und dieses Verdienst blieb in den reifern Jahren unsers Helden nie ohne Wirkung auf ihn. Auch mochte vielleicht jener Philosoph, der bekanntlich sehr verschiedene Stufen der Bildung durchgegangen war, auf einer der frühern dieser Stufen einigen Wohlgefallen an der Aufklärerei der Bibliothekare gefunden und geäussert haben. Kant war daher ein übrigens (inwiefern er Nicolai’s Grundprincip anzuerkennen schien) vernünftiger und gelehrter Mann, an welchem es umsomehr zu bewundern war, dass er Sätze als wahr behaupten könne, die Nicolai nicht aufgefunden. Die Streiche des Lächerlichen konnten ihm freilich nicht geschenkt, sondern mussten vielmehr, gerade weil er ein übrigens vernünftiger Mann war, von dem noch am ersten Besserung sich hoffen liess, wo möglich geschärft werden.

Jacobi, als er als Schriftsteller auftrat, eben so die transscendentalen Idealisten, waren jünger als Nicolai; und in Rücksicht des jungen Anwuchses hatte unser Held die Maxime, sie scharf zu züchtigen, damit er in reiferen Jahren Ehre und Freude an ihnen erlebe. Daher war Jacobi einer jener mittelmässigen Köpfe, die alles drucken lassen, was sie etwa im Discurs gehört haben, oder vielmehr halb gehört haben, um sich ein Ansehn zu geben, ein Mann, der seine Materie nie recht durchdacht hatte, der nicht einmal schreiben konnte[9]. Die transscendentalen Idealisten waren Querköpfe, und wer weiss was sie noch alles waren.

Und so benahm unserm Helden bis an sein Ende niemand die selige Ueberzeugung, dass im Umrütteln des oben erwähnten Sandhaufens das wahre Philosophiren bestehe; dass dies keiner besser könne, als er; und dass er sonach nicht nur der erste Philosoph aller Zeiten, sondern zugleich auch der gewaltigste philosophische Streiter sey. Die in seinen letzten Jahren häufiger an ihn ergehenden Zurufe, dass er in diesem Fache gar nichts verstehe, und hierüber am wenigsten eine Stimme habe, dienten ihm zum äussern, seiner innern Ueberzeugung freilich entbehrlichen Beweise, dass jene seine Meinung, von seiner philosophischen Superiorität, von jederman im Herzen anerkannt werde. Denn, sagte er bei sich selbst, wenn sie hoffen könnten, gegen meine Gründe etwas auszurichten, so würden sie ja diese zu entkräften suchen. Aber, da der blosse Anblick dieser Gründe sie zur Verzweiflung bringt (welches sich auch allerdings also verhielt): so bleibt ihnen nichts übrig, als einen Machtspruch zu thun, und zu sagen: ich verstehe nichts von der Sache. Dies aber beweist mir, dass sie wohl einsehen, ich allein verstehe die Sache.

Anmerkungen.

[7] M. s. Jacobi wider Mendelssohns Beschuldigungen etc. (Leipzig bei Goeschen 1786, eine Schrift, deren Inhalt noch immer zur Tagesordnung gehört) S. 99., wo Jacobi die A. D. B. 65. B. 2. St. S. 630. citirt. — Eben daselbst sind die Beschuldigungen nachgewiesen, dass Jacobi nicht schreiben könne, seiner Materie nie mächtig sey, u. s. w.

[8] M. s. S. 167 der oft angeführten Anzeige in der N. D. B.

[9] In dem von ihm selbst herausgegebenen Lessingschen Briefwechsel mit Ramler, Eschenburg, Ihm (bei Ihm 1794) sagt Nicolai in der Vorrede, nachdem er beklagt, dass Mendelssohn Lessings Charakteristik nicht herausgegeben, — woran bekanntermaassen diesen Freunden Lessings zufolge Jacobi’s Notiz über Lessings wahres speculatives System ihn verhindert haben sollte: „dies ist nicht der erste Schaden, den die in Deutschland so übliche Anekdotenjägerei“ — oder vielmehr Klatscherei (gab es in Deutschland wohl je eine ärgere Klatsche, als der Verfasser der bekannten Reisen?) „angerichtet hat, da jeder mittelmässige Kopf, was er etwa im Discurse hört, — oder halb hört, gleich drucken lässt — um (Nicolai’s bekannte pragmatische Methode) sich ein Ansehen zu geben.“ Jacobi eben sollte nur halb gehört haben; er war es, durch dessen Druckenlassen die allein heilbringende Philosophie so aufgebracht war. Er war dieser Eine unter den mittelmässigen Köpfen.

Armer Wicht, ahnete dir denn gar nicht von den Versuchungen des Teufels, als du diese Stelle niederschriebst? Hattest du denn gar keinen Freund, der dir in die Ohren geraunt hätte, dass wenn die Geisteskraft dieses mittelmässigen Kopfes, Friedrich Heinrich Jacobi, unter zehnmalzehnmal zehn Nicolai zu gleichen Theilen vertheilt würde, jeder dieser Nicolai seinen Kopf doch noch mit weit mehr Ehre durch die Welt tragen würde, als du, allererbärmlichster Friedrich Nicolai?

———

Und hiebei denn für mehrere Stellen dieser Schrift folgende Bemerkung. Ohnerachtet zwischen Jacobi und mir sich merkliche Differenzen erhoben haben, deren Hauptgrund ich darin finde, dass Jacobi über sehr wesentliche Puncte mich nicht genug verstanden, oder, wenn der Fehler an meinem Ausdrucke liegt, diese Puncte nicht in den Zusammenhang hineindenkt, aus welchem sie in meinem Denken hervorgehen, und in welchen ich sie sobald als möglich für alle Denker deutlich hineinsetzen werde — vielleicht auch mit darin, dass Jacobi in seinem Kriege gegen den Nicolaismus sich gewöhnt hat, bei jedem seiner Gegner wenigstens eine kleine Portion dieses Nicolaismus, d. i. der leeren zwecklosen Denkerei, vorauszusetzen; — ferner, wie Jacobi über mich und meine Unternehmungen auch je sich äussern, und ich nöthig finden möchte, diesen Aeusserungen zu begegnen; endlich, wenn es sich auch zutragen sollte, dass Jacobi nach dem allgemeinen menschlichen Schicksale späterhin durch Altersschwäche herabsänke, es selbst nicht bemerkte, keinen Freund hätte, der ihn warnte, und so vor dem Publicum seinem ehemaligen Selbst unähnlich erschiene: so soll mich doch dieses alles nicht abhalten, ihn für das Vergangene für einen der ersten Männer seines Zeitalters, für eines der wenigen Glieder in der Ueberlieferungskette der wahren Gründlichkeit, laut anzuerkennen: und dies nicht, um irgend jemandes Neigung mir zu erhalten, sondern weil es sich so gebührt. Hochachtung vor Männern gründet sich nicht auf zufällige Beziehungen, sondern auf Erkenntniss ihrer Verdienste; und es giebt des Achtungswürdigen wahrlich nicht so viel, dass man Ursache hätte, selbst dieses noch um kleiner Verstösse, oder wohl gar aus persönlichen Gründen, herabzusetzen. Ich erinnere dieses einmal für immer für diesen und ähnliche Fälle zur Vermeidung alles Anstosses und Misverständnisses, in unserm Zeitalter der Parteien. Es giebt nur Eine Partei, die man zu ergreifen hat, die für das Talent und die Gründlichkeit, und gegen die Dummheit und die Bosheit; von dieser Partei zu seyn, hat der Verfasser immer gewünscht.

Siebentes Capitel.
Eine andere fast noch unglaublichere Meinung unsers Helden von sich selbst, zufolge jenes höchsten Grundsatzes.

Ein anderes, beinahe unerklärliches Misgeschick unsers Helden war dies, dass, obgleich er allein mehr Papier beschrieben, als ein Dutzend seiner schreibseligsten Zeitgenossen, er doch bis an sein Ende nicht schreiben lernte. Man fand keine Zeile bei ihm, in welcher nicht ein oder ein paar unrecht angewendete Wörter und einige überflüssige vorgekommen wären. Am deutlichsten konnte man dies sehen, wenn man etwa das Unglück hatte, einiges aus seinen Druckschriften abschreiben zu müssen. Der Verfasser dieser seiner Geschichte sieht mit Schrecken vorher, dass tiefer unten diese Nothwendigkeit ohnedies ihn treffen werde. Er könnte es über das Herz bringen, grausamen Lesern, die ihm wohl gar anmuthen dürften, auch hier besondere Belege für seine Behauptung beizubringen, dafür anzuwünschen, dass sie selbst ein paar Seiten von Nicolai abschreiben müssten.

Das Ganze seines Vortrages aber war so beschaffen: Es lag ihm stets innig am Herzen, dass seine Leser ihn doch ganz vernehmen und recht verstehen möchten. Es kam ihm daher, so wie er den ersten Perioden geendet hatte, immer so vor, als ob er noch was vergessen und noch nicht deutlich genug geredet hatte. Er fing sonach in einem zweiten wieder von vorn an, um zu sehen, ob ihm nicht im Reden das Vergessene beifallen, und ob es ihm mit der Deutlichkeit diesmal nicht noch besser gelingen möchte. Da es ihm nun aber mit dem zweiten Perioden eben so ergangen seyn könnte, wie bei dem erstern, so musste er nun freilich in einem dritten, und nach Endigung dieses in einem vierten wiederum von vorn anfangen, und so immerfort. So rang er rastlos nach immer höherer Deutlichkeit und Vollständigkeit; und wenn er endlich doch einmal aufhörte, wie er denn wirklich zuletzt noch immer aufgehört hat, so geschah dies lediglich darum, weil seine übrigen wichtigen Geschäfte ihn abriefen und ihm die nöthige Zeit zur vollkommenen Ausführung seines Themas nicht verstatteten.

Dabei hatte er eine grosse Liebhaberei zum Witze, und seinen Geist schon früh bei den geistreichen Engländern, den Shaftsbury, Buttler, Smollet, den Verfassern des John Bunkel u. a. in die Nahrung gethan. Dennoch behielten bis in sein goldenstes Zeitalter, — das der Gundiberte und der witzigen Theile von den Reisen — seine Spässe eine gewisse dicke Zähheit, Plattheit und Gemeinheit. — Da man in Nicolai’s Witze den grössten Theil des polemischen Witzes seines Zeitalters zugleich mit charakterisirt, so dürfte vielleicht eine kurze Classification dieses Witzes hier nicht an der unrechten Stelle stehen.

Wir theilen diesen Witz trichotomisch ein, und finden an ihm eine vollständige Synthesis. Die erstere Art ist der repetirende Witz; wenn am Markte einer aus dem Pöbel vor dem ganzen herumstehenden Haufen einer Hökerin sagt: du bist eine Diebin; und diese sich zu dem Haufen wendet und schreit: „Ich bin eine Diebin; sagt er:“ Absolute Thesis des Witzes. Mit dieser Art pflegte unser Held seinen Widersachern die tiefsten Wunden zu schlagen; und die Schule der transscendentalen Philosophen soll allein daran sich zu Tode geblutet haben. — Die zweite Art des Witzes ist die der einfachen Retorsion; wenn jener sein Wort: „du bist eine Diebin“ wiederholt, und die Hökerin ihm nun antwortet: „nein du, du bist ein Dieb:“ Antithesis des Witzes. Auch diese Art wusste unser Held vortrefflich zu handhaben, und bediente sich derselben häufig. Endlich, die dritte Sorte ist die der spöttischen Retorsion; wenn unser Mann sein Wort nochmals wiederholt, und die Hökerin ihm antwortet: „ja du wärst mir der Rechte, dass du mir das sagen solltest, du sähst mir so aus, du hättest es auf dem Leibe:“ Synthesis des Witzes. Man muss es unserm Helden zum Ruhme nachsagen, dass er dieser letzten beissenden Sorte, ohnerachtet er auch sie sehr geschickt zu behandeln verstand, sich doch nur selten, und nur gegen sehr eingewurzelte Schäden bediente. Dies war der Umfang seiner Schalkheit, und andere Sorten haben in seinen zahlreichen Schriften sich nicht gefunden.

So war es mit Nicolai’s Talent zur Schriftstellerei nach der Wahrheit beschaffen.

Was glaubte nun er selbst über dieses Talent? — Lasset uns auch hier billig seyn. Wenn ein alter, misgeschaffener, von Gicht und Podagra zerrissener Faun, der in einem vorüberfliessenden Bache seine Gestalt erblickte, dieselbe männlich anständig und ehrwürdig fände: wer würde es ihm so sehr verdenken? Gehören doch die Augen, durch welche er sieht, auch zu ihm selbst. Wenn aber derselbe die krampfhaften Zuckungen der Gicht in seinem behaarten Gesichte für ein Lächeln der himmlischen Venus, und das Schlottern seiner verdorrten Schenkel und die Bebungen seiner spitzigen Bocksfüsse für die Tanzübung einer Grazie ansähe: so würde dies doch zu sehr das Mittelmaass der einem Faun allenfalls zu verstattenden Eigenliebe überschreiten.

Es erging unserm Helden nicht viel besser als diesem Faune. Dass er sich für einen Richter und Meister über Sachen des Stils gehalten, beweisen theils der Tadel, den er so oft gegen anderer Schreibart ergehen lassen, wenn er z. B. Jacobi, ohne Zweifel einem der besten Stilisten seines Zeitalters, vorrückte: er könne nicht schreiben; theils die Liebkosungen, die er von Zeit zu Zeit ganz unverhohlen seinem eignen Vortrage machte, indem er sagte: die blossen Büchergelehrten wüssten gar nicht, wie man dem Publicum etwas vortragen müsse; er aber, ein Mann, der in der Welt gelebt, wisse es, und darauf Proben von dieser Fertigkeit gab[10]. Für welchen satirischen Kopf und durchtriebenen Schalk er sich gehalten, ist daraus zu ersehen, dass er die Horazisch-Shaftsburysche Maxime, durch das Lächerliche die Thorheit an den Tag zu bringen, zu der seinigen gemacht, und bis an sein Ende geglaubt, dass er der geborne und bestellte Verfolger aller Thorheit durch jene Waffen des Lächerlichen sey. Diese Meinung, da sie durchaus ohne alle äussere Veranlassung und von aller Wahrscheinlichkeit entblösst war, konnte durch nichts Anderes entstanden und befestigt seyn, ausser durch die Begriffe, welche unser Held von seinen Talenten überhaupt hatte.

Anmerkung.

[10] In sehr vielen Stellen der Nicolaischen Reisebeschreibung.

Achtes Capitel.
Sonderbare Begriffe unsers Helden über seine und seiner Gegner gegenseitige Rechte, aus jenem höchsten Grundsatze.

Da, wie gesagt, unser Held voraussetzte, dass er nie anders als recht haben könnte, und dass alle Welt gleichfalls, wenigstens im Herzen, derselben Ueberzeugung wäre, dass er nie unrecht haben könnte: so begegnete es ihm nicht selten, dass er seinem Gegner gerade dasselbe ernstlich verwies, was er selbst immer that, und vielleicht in demselben Augenblicke that, da er es jenem verwies. Sie sollten nemlich denken: ja dem Nicolai ist das wohl erlaubt, denn der hat recht; uns aber ist es nicht erlaubt, denn wir haben ja unrecht.

So, nachdem er in der berühmten Acte mit grossmüthigem Bedauern gemeldet, dass es das Schicksal der Jenaischen allgemeinen Literatur geworden, Kant zu loben, und Reinhold: sagt er einige Seiten später ohne Bedauern, vielmehr mit Ruhme, dass seine allgemeine Literatur der neuen und neuesten Philosophie stets im Wege gewesen[11]. Man sollte meinen, Parteilichkeit für und Parteilichkeit wider sey doch immer beides Parteilichkeit, und eine der andern werth. — Ja, aber die neue und neueste Philosophie ist ja falsch, denn sonst könnte die alte Nicolaische nicht wahr seyn; und es ist sonach allerdings ruhmwürdig, der ersten im Wege zu stehen, und sehr tadelnswürdig, sie zu loben.

In derselben Acte beschuldigte er die Herren Schelling, A. W. Schlegel, Fichte, dass sie günstige Beurtheilungen ihrer Schriften in die Jenaische Allgemeinheit zu bringen, ja, dass der letztere sogar die bibliothekarische Allgemeinheit sich geneigt zu machen gesucht habe. Wenn sich dies auch nun so verhalten hätte (mikrologische Geschichtsforscher jener Zeiten, die ihren Fleiss sogar über die Lebensumstände jener nun vergessenen Schriftsteller verbreiten, versichern einstimmig, diese hätten die Wahrheit jener Beschuldigung beständig abgeläugnet), wenn es sich nun auch so verhalten hätte, hätte es ihnen denn Nicolai so sehr verdenken sollen, der sich rühmt, in seiner Bibliothek nur ungünstige Recensionen jener Philosophie, die eben darum seiner eigenen günstig sind, zuzulassen; und von welchem es in jenen Tagen bekannt war, dass er auch der Jenaischen allgemeinen Literatur dasselbe Princip angemuthet, und einem der Statthalter jener Literatur derb den Kopf dafür gewaschen, dass man ein paar Schriften von Fichte durch Reinhold habe recensiren lassen, und nicht vielmehr durch einen Mann, — „der die Blössen jener Fichteschen Philosophie so recht an den Tag gebracht hätte?“ — Aber, war es denn jenen Männern noch nicht gesagt worden, dass sie unrecht hätten, von Nicolai selbst gesagt worden? War es nicht eine Schande, dass sie das Gift ihrer verworfenen Meinungen, mit dem sie für ihre Person leider angesteckt waren, nun auch durch die geheiligten Quellen der öffentlichen Literaturen in das Publicum zu bringen suchten, anstatt in die Einsamkeit sich zurückzuziehen und sich selbst heilen zu lassen?

Dem Fichte besonders wird in jener Acte ein schweres Sündenregister zu Gemüthe geführt[11]. „Er habe sich in Jena auf Reinholds Stuhl gesetzt“ (man hat mehrere Erklärungen der Antiquitätenkenner von dieser wichtigen Stelle, keine aber befriedigt uns, und wir müssen daher sie, die sehr leicht das grösste Verbrechen jenes Mannes enthalten mag, als unverständlich übergehen); „er habe gewusst, diesen so ungemein verehrten Lehrer bei den Studenten in Jena in kurzer Zeit fast in Vergessenheit zu bringen.“ Unser Held hat nicht hinzugesetzt, welcher Mittel sich hierbei der Mann bedient; auf jeden Fall aber sollte man hieraus beinahe schliessen, dass es demselben nicht an allem Lehrertalente gefehlt haben müsse. Dies ist doch wohl nicht sein Vergehen? — Vielleicht nur der üble Gebrauch, den er von jenem Talente machte? Aber der Reinhold, den er in Vergessenheit brachte, war ja, nach den Nachrichten der besten Geschichtschreiber, selbst ein Kantianer, und weit davon entfernt, in den Umkreis der allein wahren Bibliothek zu gehören. Diesen in Vergessenheit gebracht zu haben, kann Fichte’s Vergehen nicht seyn. — Lesen wir weiter. „Nun“ (hier mildert der grossmüthige Mann ganz offenbar die Schuld des Angeklagten. Nach den besten Nachrichten hatte Fichte nicht erst, nachdem es ihm bei den Studenten gelungen war, Reinhold in Vergessenheit zu bringen, sondern sogar schon vor seiner Ankunft in Jena eine Schrift verfasst und dem Drucke übergeben, in welcher er geradezu die Kantische Philosophie für unvollendet erklärt, von den Reinholdschen Bemühungen bloss schonend gesprochen, und seinen Vorsatz, die Sache zu vollenden, bestimmt angekündigt.) — „nun habe es jenem Manne ein Leichtes geschienen, auch Kant von dem hohen Stuhle, der ihm als dem ersten Philosophen Deutschlands gesetzt worden, herunterzustossen.“ Unser Held sprach nie und spricht auch hier nicht mit Billigung davon, dass Kant dieser hohe Stuhl gesetzt worden. Es war das unablässige Bestreben aller literarischen Thätigkeit seiner letzten Tage, ihn von diesem Stuhle herunterzustossen. Sonach wären ja Nicolai und Fichte einiger gewesen, als man glaubt, und der erstere hätte den letztern nimmermehr darüber tadeln können, dass er mit ihm für Einen Zweck arbeite. Lesen wir also weiter — „und sich selbst darauf zu setzen.“ Ja so, dies wollte Fichte, und hierin liegt sein Verbrechen! Dass er Reinhold in Vergessenheit brachte, war brav: dass er Kant vom hohen Stuhle herunterzustossen suchte, verdienstlich. Nur hätte er von da an in die Gemeine der Bibliothek, wo der wahre hohe Stuhl mit dem wahren ersten Philosophen Deutschlands schon längst besetzt war, selbst zurückkehren und die Seinigen dahin leiten sollen. Dann hätte man ihm seinen akademischen Beifall wohl gönnen mögen; er wäre vor seinen verderblichen Irrthümern bewahrt geblieben, hätte Reinholds Stuhl behalten bis an sein Ende, und sein Name lebte noch jetzt unter den andern berühmten Namen der Bibliothekare.

In derselben Acte, und sonst noch an mehreren Orten, verweist Nicolai Schelling und Fichte die Unanständigkeit sehr ernstlich, dass ihnen zuweilen ihren Gegnern gegenüber so ein Wort von Halbköpfigkeit entschlüpft sey. Zwar war dieses, so viel man weiss, immer nur geschehen, wenn sie im Allgemeinen sprachen, und nie gegen bestimmte genannte Personen. Zwar hatten diese Schriftsteller seit Jahren ein System dem Publicum vorgelegt, das seinen Grundtheilen nach vollendet und vollständig bewiesen und begründet war. Warum man nun auf dasselbe sich nicht ernstlich einlasse, darüber hatten sie bis zu jener Epoche noch das erste vernünftige Wort aus dem Publicum zu vernehmen. Keiner ihrer Gegner verstand sie, und alles schwatzte, und muthete ihnen an, zehnmal abgewiesene Misverständnisse zum eilftenmale abzuweisen. Es wäre ihnen vielleicht zu verzeihen gewesen, wenn ihnen im Unwillen zuweilen etwas Menschliches begegnete. Nicolai hatte sie unter ihrem Namen, und mit ihnen zugleich noch eine Menge anderer genannter Männer in öffentlichen Schriften Querköpfe genannt, und noch mancherlei andere Schimpfworte ihnen angeworfen. Man hätte denken sollen, eine Zusammensetzung mit Kopf sey der andern werth, und die Benennung des Halbkopfs, der ja wohl noch wachsen kann, sey immer milder, als die eines völlig in die Quere gedrehten Kopfes; und Nicolai hätte sonach recht gut gleiches mit gleichem aufgehen lassen können.

Aber wie können wir uns auch nur einfallen lassen, hier eine Gleichheit des Verhältnisses zu setzen? Hatte nicht zuvörderst Nicolai recht, und die Wahrheit auf seiner Seite? und war es an ihm zu tadeln, wenn im hohen Eifer für die Wahrheit ihm auch wohl ein derbes Scheltwort entfuhr? Vertheidigten die Gegner nicht den Irrthum, und war ihnen dies nicht etwa gesagt? Jemanden auch noch dazu zu schimpfen, weil er unsern Irrthum nicht gegen die Wahrheit vertauschen will: welche Verkehrtheit und Impertinenz! War nicht ferner Nicolai ein alter Mann, und jene Schriftsteller junge Leute; und ist es nicht eine ausgemachte Wahrheit unter allen alten Schriftstellern des Nicolaischen Kreises, dass die Alten auf die Jungen schimpfen dürfen, so viel sie wollen, diese aber nicht wiederschimpfen, sondern sich ziehen lassen müssen? Respect für das Alter! heisst es in dieser Schule; sogar wenn der alte Mann ein alter Narr ist. — War Nicolai nicht der angestellte Altmeister aller Schriftsteller, und war es nicht sein ausdrücklicher besonderer Beruf, die Jugend durch jedes Mittel zum Guten zu ziehen; und konnten nicht auch harte Scheltworte unter diese Mittel gehören? Und diese Jugend, statt sich weisen zu lassen, schimpfte wieder. Welche Insubordination! Kurz, wenn Nicolai schimpfte, so that er es immer am rechten Orte, zu rechter Zeit, und schimpfte mit Grazie. Wenn andere schimpften, so war es gemein und pöbelhaft. Nicolai allein verstand zu schimpfen, und darum musste man es ihm allein überlassen.

Anmerkung.

[11] M. s. S. 147 der angeführten Anzeige in der N. D. B.

Neuntes Capitel.
Wie unser Held, zufolge seines höchsten Grundsatzes, sich zu nehmen gepflegt, wenn derselbe angefochten worden.

So fest und unerschütterlich unsers Helden Meinung war, dass ihn jederman für den ersten Menschen des Zeitalters anerkenne, so beharrlich war, wie jeder andere bemerken musste, sein Misgeschick, dass man ihn nicht einmal so recht im Mittelschlage mit wollte gelten lassen. So beliebt auch sehr bald seine Bibliothek wurde, so wusste man doch im grössern Publicum nicht viel anderes darüber, als dass er sie eben drucken liesse. Man hielt ihn höchstens für einen industriösen Buchhändler, und für einen Dilettanten in der Wissenschaft, der, weil viele Bücher durch seine Hände gingen, glaubte, wie eben jeder andere Buchhändler auch, über Bücher mitsprechen zu können. Für einen unstudirten Buchhändler, meinte man, möchten seine Räsonnements noch so hingehen. Er hat es in seinen alten Tagen dem Publicum oft genug in die Ohren rufen müssen, dass er sich wirklich und in der That nicht für einen blossen unstudirten Buchhändler, sondern in allem Ernste für einen wirklichen und wahren Gelehrten gehalten. Dennoch hat er es in keinem Zeitpuncte seines Lebens im Publicum zu derjenigen Reputation gebracht, welche in seinem Zeitalter jeder Gelehrte sich erwarb, der nur ungefähr ein Jahrzehend hindurch fleissig und anhaltend Bücher schrieb.

Dies war wohl zum Theil Misgeschick, zum Theil aber auch eigene Schuld. Hätte er, nachdem er den Verstoss des Publicums merkte, nur mit seiner Emphase in der Welt verbreitet, dass er die Bibliothek nicht nur drucke, dass er auch an ihr recensire, ja, dass er sie redigire; hätte er sich vor aller eigenen Schreiberei unter seinem Namen sorgfältig gehütet: so würde er bald in dasselbe Ansehen gekommen seyn, welches so mancher andere höchst mittelmässige Redacteur berühmter gelehrter Zeitschriften geniesst, der der eigenen Autorschaft sorgfältiger aus dem Wege geht; und wir, sein Geschichtschreiber, wären der Hinzufügung des gegenwärtigen Capitels überhoben. Unser Held aber schrieb Bücher, dicke Bücher, unter eignem Namen, und dadurch verdarb er alles.

Sein Sebaldus zwar hätte hingehen mögen. Dieser war dem Zeitalter seiner Erscheinung so angemessen, dass man ihn der Fähigkeit unsers Helden sogar nicht zutrauen wollte. Es sind wohl nicht viel unter meinen Lesern, denen ein zu jener Zeit ziemlich allgemein verbreitetes Gerücht nicht zu Ohren gekommen seyn sollte: Nicolai sey gar nicht der Verfasser des Sebaldus, er habe sich unrechtmässigerweise dafür ausgegeben; der wahre Verfasser, ein immer Geld bedürfender Gelehrter, bediene sich dieses Nicolaischen Plagiats, um durch die Drohung, es bekannt zu machen, in jedem Bedürfnisse Geld von ihm zu erpressen. — Wir haben dieses Gerücht nicht angeführt, als ob wir selbst ihm Glauben zustellten; jenes Werk trägt zu unverkennbar das Gepräge der Nicolaischen Feder; sondern um zu zeigen, wie das Publicum von jeher über unsern Helden gedacht.

Es folgte John Bunkel. Diesen hatte unser Held, seiner eigenen Versicherung nach, nicht selbst gemacht, sondern übersetzt. Aber das Buch fiel auf als schlecht; und darum stritt man ihm hier die Autorschaft auf, die man dort ihm abstritt; er sollte und musste mit aller Gewalt nicht der blosse Uebersetzer, sondern der Urheber selbst seyn. Und als man nun nicht länger läugnen konnte, dass er es übersetzt habe, war er darum um nichts gebessert. Der Verfasser der durchaus originellen, leider nicht sehr bekannt gewordenen Geschichte einiger Esel fing schon damals an, treffliche Beiträge zur Geschichte unsers Helden zu liefern.

Jetzt trat unser Held seine Reisen an. Sein Weg führte den Berliner, der bisher zwischen dem protestantischen Berlin und dem protestantischen Leipzig und seiner Buchhändlermesse sein Wesen getrieben hatte, durch katholische Provinzen. Da sahe er Crucifixe an den Strassen, Heiligenbilder, Amulete, Votivtafeln; hörte, dass gewisse Heilige die Schutzpatrone gegen gewisse Landplagen oder Krankheiten wären; hörte, dass ein wohlmeinender Katholik, da seine Religion ihm allein seligmachend ist, jeden Menschen in den Schooss derselben zu bringen suchen müsse u. s. w. — Dergleichen hatte er in Berlin und Leipzig nicht gesehen; hatte er ja von andern, die es gesehen hatten, etwas der Art erzählen gehört, so hatte er es für Aufschneiderei und für schlechten Spass gehalten; denn wie könnte doch irgendwo etwas anders seyn, als zu Berlin oder zu Leipzig; wie in aller Welt könnte man doch ein katholischer Katholik seyn? Jetzt sah er es mit seinen Augen, und rief athemlos durch das heilige römische Reich: hörts, Deutsche hörts, das Unglück — die Entdeckung meines Scharfsinns; es giebt, o es giebt Katholiken, die da katholisch sind — und damit man es ihm doch ja glauben möchte, brachte er alle Bilder und Gebetzettel aus allen Gegenden zu Hauf, und gab sie in den Kauf obenein.

Nicht lange nachher begegnete ihm ein Verdruss mit seiner Bibliothek. Sie sollte — welches, dass ich es im Vorbeigehen sage, nur zu wahr, offenbar und klar ist — sie sollte ein der Religion gefährliches Werk seyn. Das war ihm zu hoch. Athmete doch dieses Werk seinem besten Wissen nach durchaus das, was er den reinsten Protestantismus nannte. Nur dem nunmehro seit seinen Reisen an den Tag gekommenen Antiprotestantismus, nur der katholischen Religion konnte es gefährlich seyn. Beide Visionen vermengten sich in seinem schwachen Kopfe, und dazu mischte sich noch eine dritte, die allein schon fähig gewesen wäre, ihn zu verwirren, die der geheimen Orden, der Gold- und Rosenkreuzerei. Nun konnten die Gegner seiner Bibliothek nichts Anderes seyn, als Kryptokatholiken, welche durch geheime Orden und andere Machinationen die Protestanten in den Schooss der römischen Kirche zurückzuführen suchten, und denen er durch seine Bibliothek und durch die wichtigen Entdeckungen seiner Reisen im Wege stand: und es musste von nun an alles von solchen Machinationen wimmeln. Noch im Jahre 1800 erzählte Nicolai in der Vorrede zum ersten Stück der von ihm wieder herausgegebenen Bibliothek sehr ernsthaft das alte Mährchen, und verrieth in aller Unbefangenheit den wahren Grund, der ihn auf diese Vision gebracht, die Anfechtungen nemlich, welche er und seine Bibliothek von einem Minister und einigen geistlichen Räthen unter der vorigen Regierung erdulden müssen. Jene vorgeblichen Verbreiter des Katholicismus thaten unserem Helden nur nicht die Liebe an, dass sie selbst katholisch geworden wären, geschweige, dass sie andere bedeutende Personen dazu gemacht hätten. Diejenigen, welche vielleicht anfangs durch das heftige Geschrei mit fortgerissen wurden, mussten sich denn doch nun, nachdem von allem Prophezeiten nichts erfolgte, und sie kälter wurden, erinnern, dass sie ja alles, was Nicolai ihnen erzählt, schon vorher auch gewusst und gesehen hätten, und dass beinahe alle Welt es gewusst und gesehen hätte, sie mussten sich wundern, dass es unserm Helden allein vorbehalten gewesen, diese Sachen so bedeutend zu nehmen, und so scharfsinnige Schlüsse daraus zu entwickeln, sich fragen, warum sie denn nicht selbst auch von denselben Prämissen aus auf dieselben Entdeckungen gekommen, und das Ganze konnte sich nur durch ein lautes und allgemeines Gelächter über unsern Helden beschliessen.

Noch stand ihm eine andere traurige Epoche seines Lebens bevor: seine Feldzüge gegen die neuere Philosophie. Zwar waren seine Einwendungen gegen diese Philosophie, — etwa, dass ja die Erscheinung der Sinnenwelt so gar nicht vor Blutigeln weiche, vor denen doch sonst jede Erscheinung verschwinde, oder dass, wenn alles, was da ist, das Ich selbst sey, ein Mensch, der eine wilde Schweinskeule ässe, sich selbst ässe, — diese Einwendungen waren sämmtlich von der Art, dass jeder Knecht und jede Magd im römischen Reiche, die sie vernahmen, finden mussten, sie hätten dieselben wohl auch vorbringen können. Aber dadurch, dass unser Held sie ihnen so vor dem Munde wegnahm, empfahl er sich schlecht ihrer Zuneigung. Ueberdies hörten sie auch nicht, dass man jene Philosophen von Obrigkeitswegen in die Tollhäuser gebracht, welches doch, wenn ihre Behauptungen durch jene Einwendungen getroffen würden, nothwendig hätte geschehen müssen. Sie blieben also immer geneigter, anzunehmen, dass jene Sätze wohl noch einen andern Sinn haben dürften, den Nicolai nur nicht verstände, oder hämischerweise verdrehe; und so that selbst bei den gemeinsten Lesern diese Art der Polemik der Ehre unsers Helden weit grössern Abbruch, als der Ehre jener Philosophen.

Diese zusammenhängende Reihe von Unglücksfällen musste nothwendig unsern Helden, der nie einen befestigten Credit besessen, immer verächtlicher und lächerlicher machen. Er kam in seinen letzten Tagen nach dem Jahre 1803 so herab, dass jeder Muthwillige, der gerade keinen spasshaftern Zeitvertreib hatte, den alten Steinbock zu Berlin neckte und am Barte zupfte, um sich an seinen Capriolen zu belustigen.

Wie benahm sich nun unser Held dabei? Ging ihm denn noch kein Licht darüber auf, dass das Zeitalter ihn nicht für seinen ersten Mann hielte? Keinesweges. Gegen diese Ahnung hatte er schon früher sich befestigt gezeigt.

War es irgend möglich zu hoffen, dass man eine gegen ihn ergangene Schmähung überhört habe, so pflegte er derselben lieber gar nicht zu erwähnen, sondern sie mit grossmüthigem Stillschweigen zu übergehen. So hatten allerdings mehrere aus der Schule der transscendentalen Idealisten ihn oft etwas respectwidrig behandelt. Fichte hatte das einzige Mal, da er seiner erwähnt, ihn als die seufzende Creatur charakterisirt; Schelling hatte ihn einmal einen alten Californier, und ein andermal einen alten Geck gescholten; Niethammer hatte gar die — zwar ungegründete, und tiefer unten zu widerlegende Hypothese geäussert: Nicolai sey nun wirklich übergeschnappt, und er sey der Gott Vater zu Bedlam, der gegen seinen Nachbar Jesus Christus, — etwa den Ritter Zimmermann, die Zähne fletsche. Dennoch hat Nicolai, so oft er auch hinterher veranlasst worden, diesen Männern ihr übriges Unrecht hart zu verweisen, dieser ihm selbst widerfahrenen Beleidigungen nie auch nur erwähnen mögen. Er hat vielmehr immer standhaft vorausgesetzt, dass jene Männer seiner Weisungen allerdings achteten, und lehrbegierig darauf hörten, und durch dieselben schon noch zur Besinnung gebracht werden würden. Tieck hatte ihn beinahe in allen seinen Schriften auf eine sehr empfindliche Weise durch wahren, tief eingreifenden Witz angezapft; besonders aber erschien im ersten Hefte seines poetischen Journals ein alter Mann, der unserm Helden wie aus den Augen geschnitten war; auch stellte im jüngsten Gerichte desselben Hefts Nicolai namentlich sich in einer höchst possirlichen Gestalt dar. Dadurch wurde unser Held so wenig beleidigt, dass er Kaltblütigkeit genug beibehielt, in eigner Person jenes Heft zu recensiren[12]. Zwar konnte er es nicht verbergen, dass die beiden Aufsätze, in denen er angegriffen war, nichts taugten; war aber schonend genug, den eigentlichen faulen Fleck in denselben nur ganz leise, wie wir unten sehen werden, zu berühren.

War aber der Verstoss in zu grosser und guter Gesellschaft gemacht, und liess sich nicht annehmen, dass er auf die Erde gefallen sey, so wusste unser Held immer gut nachzuweisen, warum die Gegner so sprechen müssten, wie sie sprachen. Es fand sich immer, dass er sie schon früher angegriffen, und ihre Eigenliebe gekränkt habe, dass sie nur dafür sich rächen wollten, und deswegen Dinge vorbrächten, denen ihre wahre Herzensmeinung widerspräche. So war in den bekannten Xenien der Spass mit unserm Nicolai wirklich weit gegangen, auch liess sich die Kunde davon nicht gut abläugnen. Unser Held aber zeigte, dass die Verfasser jene Gedichte nur deswegen publicirt hätten, um die tiefen Wunden, die er ihnen durch den 11. Band seiner Reisen geschlagen, zu rächen. „Freilich höre niemand gern die Wahrheiten, die er ihnen dort sage, es sey ihnen eben nicht zu verdenken, dass sie sich rächten, so gut sie vermöchten.“ Uebrigens wusste er, dass sie ihn im Herzen doch verehrten, ihn für einen Meister anerkannten, und gewaltige Furcht vor ihm hatten[13].

So sagte er von den transscendentalen Idealisten, dass sie die D. B. zu verachten nur affectirten[14]. Freilich waren sie eine rohe, ungeschlachte Rotte, jene Idealisten, die für manches Geachtete wenig Achtung bezeigten. Aber die Bibliothek, dieses grösste Werk unsers Helden, wirklich und in der That nicht zu achten — diese Verkehrtheit konnte selbst ihnen Nicolai nicht zutrauen. Nein, sie stellten sich nur so, sie affectirten nur Nichtachtung, weil ihnen die Trauben des schmackhaften Lobes jener Bibliothek zu hoch hingen.

So setzte er bei der oben erwähnten Recension des Tieckschen Journals hinzu: „Tieck äussere da sein Misfallen an einigen Personen, denen er selbst und seine Verse wohl auch nicht gefallen haben möchten.“ — Mochte doch diese Stelle denjenigen, die dieses Journal nicht gelesen hatten, dunkel bleiben. Was sollte doch er selbst durch seine Bibliothek das leider erhobene Skandal weiter verbreiten? Waren aber welche unter den Lesern, die jenes Journal gesehen hatten, so konnten diese nur glauben, Nicolai möchte Herrn Tieck früher etwas zu Leide gethan haben, dieser habe dafür sein Müthchen an ihm kühlen wollen; nicht, als ob er im Herzen nicht voller Achtung und Respect für ihn sey, sondern lediglich aus dem boshaften Grunde, sich an ihm zu rächen.

Auf diese Weise entging unser Held dem, was in jedem andern Falle sicher zu erwarten gewesen wäre, dem sichtbar erscheinenden und im bürgerlichen Leben sich äussernden Wahnsinne. Mit dem Ritter Zimmermann, welchem Nicolai seine Eitelkeit nicht verzeihen konnte, ohnerachtet er selbst daran einen grössern Antheil hatte, und mit demselben Wohlgefallen von seinem Schachspielen mit dem Minister Wöllner, und von der witzigen Abfertigung, die er ihm gegeben, erzählte, als jener von seinen Unterredungen mit Friedrich dem Zweiten erzählt hatte — mit dem armen Ritter endete es traurig, und auch dem unglücklichen Wetzel bekam seine Göttlichkeit übel. Es glaubten deswegen viele, dass es auch mit unserm Helden auf dieselbe Weise enden würde; und der oben angeführte Gelehrte glaubte sogar einstmals, dass dieser Fall wirklich eingetreten sey. Diesen Männern entging nur folgendes, dass man, um wahnsinnig werden zu können, doch noch irgend einen wahren und richtigen Gedanken unaustilgbar in sich haben muss, welcher mit den ebenso fest eingewurzelten unrichtigen und falschen in einen nie zu entscheidenden Widerstreit geräth, und dadurch das Phänomen der Geistesverwirrung erzeugt. Totale und radicale Verkehrtheit aber, mit welcher auch nicht Ein richtiger Gedanke verbunden ist, stimmt mit sich selbst innig zusammen, und macht das Verfahren ebenso fest und unerschütterlich und gleichmässig, als die Wahrheit. Ein solcher ist in seinem Ideenkreise beschlossen, und kein Gott würde einen Gedanken in denselben hineinbringen, der nicht darein passte. — Hierzu kommt, dass besonders diejenige Art der Verrücktheit, welche aus Eigendünkel entsteht, und in welcher die Menschen sich für ganz etwas Anderes halten, als sie sind, eigentlich nur durch den Widerspruch anderer erhitzt, erbittert, und zu den wilden Aeusserungen, in die sie öfters ausbricht, bewogen wird. Bete man nur jenen Gott Vater zu Bedlam, und seinen Sohn Jesus Christus gläubig an; lasse man sie nur ruhig bei der Meinung, dass sie die Welt regieren und alle Tage das Wetter machen, und sie werden sehr sanfte wohlthätige Gottheiten bleiben. Nur der Widerspruch reizt sie. Gegen diese Reizung war unser Gott Vater durch ein in seiner Narrheit selbst liegendes Mittel gesichert: er glaubte nie, dass der Widerspruch ernstlich gemeint sey. Die Schnippchen, die man gegen seinen papiernen Olymp heraufschlug, hielt er für eigen gestaltete Dämpfe des Weihrauchs. Handelten die Sterblichen unter ihm nicht nach seinem Sinne, so griff er zu etwas, das er treuherzig für seinen Donnerkeil hielt, schleuderte es, und war nun fest überzeugt, dass alles um ihn herum zerschmettert und vernichtet wäre.

Ein Narr war er freilich; denn es ist ohne Zweifel ebenso närrisch, wenn ein einfältiger unstudirter Buchhändler, der nie eines systematischen Unterrichts genossen, und nie die entfernteste Idee davon gehabt, was eine Wissenschaft sey, sich für den ersten aller Gelehrten, ein geborner stumpfer Kopf, der es nie dahin bringen können, auch nur einen Perioden sprachrichtig und logisch zu schreiben, sich für einen Mann von allgemeinem und ausserordentlichem Talent, und ein ausgemachter Berliner Badaud[15] und ungezogener tölpelhafter Schwätzer sich für einen grossen Weltkenner und Weltmann hält: als es närrisch ist, wenn ein armer Schuhflicker sich für den König von Jerusalem ansieht. Aber in dieser Verrücktheit blieb er sich so unerschütterlich gleich und alles sein Handeln, Glauben und Denken stimmte mit ihr, und unter sich so wohl überein, dass, wenn man bloss seine Aeusserungen unter einander verglich, und mit der ungeheuren Falschheit der ersten Voraussetzung nicht bekannt war, man bis an sein Ende nicht die geringste Spur einer Verstandesverwirrung an ihm entdecken konnte.

Anmerkungen.

[12] M. s. 3. Heft. 1. St. 56. B. der neuen deutschen Bibliothek.

[13] M. s. Nicolai’s Schrift gegen die Xenien.

[14] M. s. das 2. Heft des oben angeführten Stücks der N. D. B.

[15] Wir erklären uns über diese Benennung in der 4ten Beilage.

Zehntes Capitel.
Ein Grundzug des Geistescharakters unsers Helden, der aus jenem höchsten Grundsatze natürlich folgte.

Wer bei aller Geistesthätigkeit keinen andern Zweck hat, als den, sich geltend zu machen und sein Uebergewicht zu zeigen, weil er ein solches Uebergewicht zu haben vermeint, der verliert sehr bald durchaus allen Sinn für jeden möglichen andern Zweck der Geistesthätigkeit. Ihm ist alles Forschen und Nachdenken lediglich Mittel zum Disputiren, keinesweges aber zur Auffindung einer bleibenden Wahrheit, die allem weitern Disput ein Ende mache. Eine solche Wahrheit, die da nun wahr sey und bleibe, ist ihm ein Greuel, er hasst sie und wüthet gegen ihre Idee; denn wenn sie gefunden würde, so müsste ja auch er sich ihr unterwerfen und dürfte nichts gegen sie sagen.

Dieser Hass gegen alle positive bleibende Wahrheit musste also ein Grundzug unsers Helden seyn, der von dem nun sattsam beschriebenen Princip ausging. Gab er ja eine für sich bestehende und bleibende Wahrheit zu, so war es die der Anekdote; und sogar das ist zweifelhaft, ob er auch diese zugab. In allem, was über diesen Standpunct hinauslag, und ganz besonders in philosophischen und religiösen Materien, erblickte er nichts weiter, als einen Gegenstand des Disputs, wo jede Meinung so viel werth wäre, als jede andere, und der überall keinen Gebrauch hätte, als den, den Scharfsinn zu üben. Seine Maxime war: man müsse jedem, was über dergleichen Gegenstände zuletzt vorgebracht wäre, widersprechen, damit es nicht etwa dabei sein Bewenden behielte, und die einzige wahre Bestimmung des menschlichen Geistes, der Disput, ins Stocken geriethe.

Darum waren Protestantismus, Denkfreiheit, Freiheit des Urtheils seine beständigen Stichworte. Sein Protestantismus nemlich war die Protestation gegen alle Wahrheit, die da Wahrheit bleiben wollte; gegen alles Uebersinnliche und alle Religion, die durch Glauben dem Dispute ein Ende machte. Nach ihm war das eben der Zweck der Kirchenverbesserung, jeden Laien in den Stand zu setzen, über religiöse Gegenstände ins unbedingte hin und her zu disputiren, wie ein allgemeiner Bibliothekar, keinesweges aber irgend etwas gläubig zu ergreifen und in diesem Glauben zu handeln. Ihm war alle Religion nur Bildungsmittel des Kopfs zum unversiegbaren Geschwätz, keinesweges aber Sache des Herzens und des Wandels. Seine Denkfreiheit war die Befreiung von allem Gedachten; die Ungezähmtheit des leeren Denkens, ohne Inhalt und Ziel. Freiheit des Urtheils war ihm die Berechtigung für jeden Stümper und Ignoranten, über alles sein Urtheil abzugeben, er mochte etwas davon verstehen oder nicht, und was er vorbrachte, mochte gehauen seyn oder gestochen. So fragt er in jener berühmten Acte Schelling, der sich über die Aufnahme zweier ungeschickten Recensionen einer seiner naturphilosophischen Schriften in die Jenaische gelehrte Zeitung beschwerte: „ob denn der Mann gar keinen Begriff von der Freiheit des Urtheils der Gelehrten habe?“ Wohl mochte Schelling und alle seines Gleichen keinen Begriff haben von der Unverschämtheit, mit welcher jeder Stümper in Dinge hineintappte, von denen er recht wohl wusste, dass er sie nie gelernt hätte, und jeder Esel seinen Mund zur Antwort öffnete, ohne gefragt zu seyn.

Und so brachte Nicolai sein Leben hin, gegen Papismus, ebenso wie gegen Kriticismus und Idealismus zu disputiren; denn gegen beides disputirte er aus demselben Grunde, — als gegen eine fremde Autorität, die sich den Menschen aufdringen wollte, zum Nachtheil der unbegrenzten Disputirfreiheit, genannt Protestantismus, und seiner eigenen wohlerworbenen Autorität. Mit der eklektischen Philosophie hatte er sich wohl vertragen können; diese hatte auch sein protestantisches Princip, über alles hin und her zu meinen, nichts aber zu ergründen und auszumachen. Die neuere Philosophie aber wollte ergründen und ausmachen und entscheiden; es war ihr Ernst, das Zeitalter zum Redestehen und zur Entscheidung zwischen Ja oder Nein zu bringen, und dass es dabei sein Bewenden habe. Diese Anmuthung erschien unserem Helden als eine sträfliche Anmaassung. Dass jemand in allem Ernste an eine für sich bestehende Wahrheit glauben und überzeugt seyn könne, derselben auf die Spur gekommen zu seyn, setzte er nur nicht voraus. Diese Verkehrtheit selbst seinem verhasstesten Gegner zuzutrauen, war er doch zu grossmüthig. Er sahe sonach in den Sätzen jener Philosophen nichts als Meinungen, ihrem eigenen guten Bewusstseyn nach nur Meinungen, die nicht besser seyn wollen dürften, als andere Meinungen; und in dem Ernste und dem entscheidenden Tone, mit dem sie dieselben vortrugen, nichts, als die Bemühung, dem Publicum zu imponiren. Drum schrie er über Autorität. Für den, der keine Kraft hat, selbstständig aus sich Wahrheit zu erzeugen, giebt es auch wirklich nirgend etwas Anderes als Autorität.

Eilftes Capitel.
Ein paar andere Grundzüge, welche aus dem ersten Grundzuge und höchsten Grundsatze unseres Helden erfolgt sind.

Wer die Rede des anderen hört, oder seine Schrift liest, lediglich um etwas daran auszusetzen und ihm zu widersprechen, und dem es, da er gar nichts Anderes zu thun hat, leid thun würde, jenen noch einen Augenblick fortreden zu lassen, nachdem er Gelegenheit zum Widerspruche gefunden, ergreift immer die nächste Gelegenheit. Diese aber kann jeder, dem es nur ernstlich um das Widersprechen zu thun ist, immer auf der Oberfläche finden. Da es ihm nun nur darum zu thun ist, so hat er nie ein Bedürfniss, über diese Oberfläche hinauszugehen; es wird ihm habituell, nie über sie hinauszugehen, und so entsteht in ihm und verwächst mit seinem Selbst das Phänomen der absoluten Oberflächlichkeit und totalen Seichtigkeit. Dies war das Schicksal unseres Helden. Es war schlechterdings unmöglich, bei irgend einem Gegenstande ihn auch nur um eine Linie unter die Oberfläche in das Innere zu bringen.

Die absolute Oberfläche ist das nackte abgerissene Factum, als solches. Daher war der Kreis, in welchen das Nicolaische Vermögen gebannt blieb, der der Anekdote und der Curiosität. Es war ihm Herzensfreude, wenn die Untersuchung sich dahin lenkte. Welch ein Fest für ihn, als Friedrich der zweite starb, und Anekdoten in Fülle über ihn erschienen! Da war er in seinem Felde; da gab es zu widerlegen, zu berichtigen, zu ergänzen.

Das blosse Wissen der geringfügigsten Anekdote war ihm Zweck an sich: durch dergleichen Wisserei erfüllte er, seiner Meinung nach, den Zweck des menschlichen Daseyns, und stillte sein unendliches Sehnen nach Wahrheit. Je seltener diese Wisserei war, desto lieber war sie ihm, denn dann konnte er am meisten damit prahlen; und diese Seltenheit der Wisserei war die einzige Art der Gründlichkeit, die er kannte. Daher sein Hang nach Curiositäten, nach Predigerüberschlägen, Perrücken und Haartouren, den leichtesten Angelhaken; — und wer möchte die Kleinigkeiten alle aufzählen, mit denen er seinen Forschungsgeist nährte. — Dass er die entfernteste Ahnung gehabt, wozu die genaue Erforschung dieser einzelnen an sich geringfügig erscheinenden Dinge im Ganzen gebraucht werden könnte; — dass dieser Anekdotengeist sich je auch nur zum dunkelsten Begriffe von Geschichte erhoben habe, davon findet in seinen Schriften sich nicht die geringste Spur.

Vor dieses ihm allein sichtbare Forum der Anekdote zog er nun alles andere, was ihm unter die Hände kam, und selbst die Philosophie. Die seinige, bei der es, ihm zufolge, eben sein Bewenden haben sollte, war selbst nichts Anderes, als eine Sammlung von Anekdoten über die Sprüche und Meinungen ehemaliger Philosophen. Und so widerlegte er denn auch die Speculation anderer durch Anekdoten, wahre oder erfundene Geschichte; und ein Sempronius Gundibert schlug eine Kritik der reinen Vernunft. Gegen den kategorischen Imperativ erinnerte er, und erinnerte wieder, dass es nach demselben im Leben nicht herginge, und glaubte bis an sein Ende, jenem Imperativ dadurch den Garaus gemacht zu haben.

Dies ist die absolute Seichtigkeit, welche man die materiale nennen könnte. Ebenso innig mit unserem Helden verwachsen, und aus demselben Grundzuge hervorgegangen, war eine zweite, die wir die Seichtigkeit in der Form nennen wollen.

Wem es nur darum zu thun ist, den anderen in die Rede zu fallen, und mit seinem Widerspruche schnell anzukommen, dem ist jeder Gedanke, der ihm zuerst in den Sinn kommt, recht. In welchem Zusammenhange des Denkens der Andere seine Meinung vortrage, woraus er sie beweise, und was er hinwiederum aus ihr erweisen wolle, wie sie daher durch dieses Vorhergehende und Nachfolgende bestimmt, und dieser Bestimmung nach eigentlich zu verstehen sey, — dies zu bedenken, hat er nicht Zeit; und wenn er überhaupt nur hört, und von jeher nur gehört hat, um zu widersprechen, kommt er nie zu dem Begriffe von einem solchen Zusammenhange. Ihm hängt absolut alles Denkbare unmittelbar zusammen, weil man mit jedem jedem widersprechen kann; und es entsteht ihm das schon oben beschriebene System des aus unmittelbar gewissen Körpern bestehenden grossen Sandhaufens; denn dieses ist das tauglichste zum eilfertigen Widerspruche.

So war es unserem Helden ein Leichtes, dem Princip des transscendentalen Idealismus ein halbes Dutzend Blutigel, eine Schweinskeule, eine chaise percée in den Weg zu werfen, sowie eins dieser Dinge ihm zuerst unter die Hände kam; ohne abzuwarten, wie es etwa jenes System machen würde, um den Blutigeln und den Schweinskeulen auszuweichen. Bei ihm entstand durchaus kein Zweifel, ob diese Einwürfe auch wohl passen möchten. Warum sollten sie denn nicht passen? Hatte er sie doch angepasst.

Aus dieser absoluten Seichtigkeit entsteht nun schon an und für sich Schiefheit für alles, was da höher liegt, als die blosse Anekdote, oder durch seinen Zusammenhang bestimmt wird. —

Aber zu dieser aus der Seichtigkeit natürlich erfolgenden Schiefheit hatte Nicolai noch eine andere durch Kunst sich erworben, und durch Uebung sich angebildet und zur zweiten Natur gemacht. Damit verhielt es sich so. Wer den anderen bloss darum anhört, um ihm zu widersprechen, dem ist es immer Hauptaugenmerk, die Dinge nicht in dem Lichte zu sehen, in welchem der andere sie zeigen will, denn dann dürfte er einig mit ihm seyn, sondern in dem, in welchem der andere sie nicht zeigen will; sonach alles zu verdrehen, aus seiner natürlichen Lage zu richten und auf den Kopf zu stellen. Wer dieses Handwerk eine Zeitlang treibt, dessen Sehorgane wird durch die beständige schiefe Richtung, die man ihm giebt, diese Richtung endlich natürlich: sein Auge wird zum Schalke. Er will nicht mehr verdrehen und schief sehen; es stellt sich ihm schon von selbst alles verkehrt, verdreht und auf dem Kopfe stehend dar. So war es unserem Helden ergangen, und daher entstanden die zusammengesetzten Schiefheiten, die Schiefheiten der Schiefen von den Schiefen, die sich in allen seinen Ansichten befanden. Die einfache und ihm natürliche: dass er die Dinge aus ihrem Standpuncte und dem Zusammenhange des Denkens riss; die zweite künstliche: dass er, sogar in dieser Lage, sie noch ein oder einige Male verrückte. Es lässt sich ihm nachweisen, dass er z. B. in seinen philosophischen Streiten weit plausiblere Dinge gegen die angegriffenen Systeme hätte vorbringen können, wenn er, wie andere seiner Zeitgenossen, sich mit dem ersten einfachen, jedem unphilosophischen Kopfe natürlichen und jedem anderen unphilosophischen Kopfe leicht mitzutheilenden Misverständnisse hätte begnügen wollen. Aber das war ihm zu einfach, zu wenig originell; es musste mannigfaltiger und künstlicher verdreht werden; und so arbeitete er oft selbst seinem Zwecke entgegen. — Es gereicht vielleicht zur Ergötzung des Lesers, diese Grundschiefheit unseres Helden in einem Beispiele dargestellt zu sehen. Wir wählen das erste, das uns unter die Hände fällt.