Fortsetzung.
Im März 1841.
Die Kunstschätze des Schlosses von Versailles, wie die Wasserwerke des Parks, lassen erklären, warum man aus zwei verschiedenen Pariser Stadttheilen hieher kostspielige Eisenbahnen errichtet hat, da der Zudrang von Schaulustigen, sowohl Fremder als Einheimischer, sehr groß ist und die Herren Aktionärs bei stattfindender Konkurrenz immer noch hohe Prozente beziehen sollen.
Bis St. Cloud, einer kleinen Stadt an der Seine, wurde auf der Schienenbahn, die uns nach Versailles gebracht hatte, zurückgefahren, um das daselbst befindliche Schloß, für welches Napoleon eine besondere Vorliebe gehabt haben soll und welches Carl X. gewöhnlich zum Aufenthalt diente, zu besehen, und die im Schloßgarten befindlichen Bassins und Statuen zu bewundern; sowie später die Fußwanderung nach Sévres fortgesetzt wurde, um daselbst die weltberühmte Porzellan-Manufaktur und das in dieser befindliche Museum von fremdem und einheimischen Steingut und Töpferwaaren, Muster der Erden, aus denen sie fabrizirt werden, so wie Modelle aller Arten, Vasen, Figuren und Service, die seit 1755, dem Bestand dieser Anstalt, hier verfertigt worden sind, kennen zu lernen; dann besahen wir das zwischen Sévres und Meudon auf einem Hügel sehr schön gelegene Bellevue, wo man auf der Terrasse einen herrlichen Ueberblick von Paris und den Seine-Fluß hat.
Park und Schloß zu Meudon sind in neuerer Zeit von Ludwig Philipp durchaus neu eingerichtet worden, obgleich schon Napoleon für seinen Sohn dasselbe restauriren ließ.
Bis hierher ging Alles gut, und da das schönste Wetter diesen Ausflug, auf welchem ich gesehen, was ich wohl schwerlich zum zweiten Male sehen werde, es müßte denn Fortuna ein besonderes Auge auf mich werfen, begünstigte, so blieb nichts zu wünschen übrig, als möglichst schnell den knurrenden Magen zu beschwichtigen, da er sich mit dem geistigen Genuß nicht begnügen wollte.
Das herrliche Frankreich mit seinem Feuerwein, wie das bescheidene Vaterland mit seinem Gerstensaft, ließen wir bei dem nächsten Marchand de vin, wo eingekehrt wurde, hoch leben, und dadurch immer beredter und fideler, versäumten die Freunde an den Aufbruch zu mahnen und schon war der Wagenzug vorüber, als wir, um mitzufahren, zur Eisenbahn eilten.
Höllisches Geschick! Weder ein Fiacker, noch Coucous[63] ließ sich sehen und da keine Zeit zu verlieren war, indem wir am Abend der Vorstellung im Theater Franconi beiwohnen wollten, wo die Zurückkunft der Asche Napoleons theatralisch aufgeführt werden sollte, so blieb nichts übrig, als im Sturmschritt nach der Barriere zu eilen, um daselbst einen Omnibus zu besteigen, welcher uns nach dem weit entfernt gelegenen Boulevard du Temple transportiren sollte.
Auf dieser Tour rettete ich die Ehre meiner Landsleute, von denen die meisten während ihres Aufenthaltes in Paris vor Allem über das beschwerliche Zufußgehen geklagt haben, und ohne Wagen nicht fortzubringen gewesen seyn sollen, ich dagegen meine wackern Freunde immer hinter mir ließ, und dadurch zeigte, daß eine Reise nach Amerika nicht so mitnehmend sey, als ein Leben in Paris.
Der bei dem Omnibus wachthabende Sonnenbruder, welchem das Geschäft oblag, zur rechten Zeit den in der nächsten Kneipe sich wärmenden Kutscher zu rufen, hatte sich selbst das Geschäft erleichtert, war in den Wagen gestiegen und sanft entschlafen, mußte jedoch im Traume sich berufen fühlen, dieses Terrain frei zu halten, denn er schlug bei unserm Einsteigen um sich herum und machte, nachdem wir Posto gefaßt, Miene, uns wieder aus dem Wagen zu werfen, bis durch den Lärm der Kutscher selbst herbeieilte und den Trunkenbold auf die Seite schaffte.
Was ich vermuthete, war geschehen. Das Theater war längst angegangen und schon ein Stück vorüber, wie die aus dem Hause kommenden Schaulustigen zu erkennen gaben, von welchen die nicht Zurückgehenden ihre Billets an bereit stehende Kontremarken-Händler verkauften und Letztere solche wieder an später kommende Zuschauer anzubringen suchten, weshalb mehrere dieser Industriellen sich an uns drängten und Marken offerirten.
Dieser Billethandel, wogegen die Theater-Direktion nichts einzuwenden hat, geht in Paris ins Große und verschafft dem Publikum den Vortheil, daß man nicht für die ganze Vorstellung, welche an einem Abend Statt findet, zu bezahlen hat, im Fall man vor dem Schluß des Hauses das Schauspiel verläßt, oder erst in dem bald beendigten Stück das Theater besuchen will.
Mit allem Pomp und getreuer Nachahmung der stattgefundenen Ceremonieen, bei Abholung der Leiche Napoleons von St. Helena bis zur Uebernahme derselben im Invalidenhaus zu Paris von Ludwig Philipp, wurde diese Begebenheit theatralisch dargestellt, welcher Genuß mir um so willkommner war, da ich bedauern mußte, zu spät nach der Hauptstadt gekommen zu seyn, um der wirklichen Trauerfeierlichkeit beiwohnen zu können.
Am nächsten Morgen wurde die Magdalenenkirche besucht, welches herrliche Gebäude, von Napoleon zu einem Tempel des Ruhms bestimmt, jetzt wieder, nach dem Willen ihres ersten Gründers Ludwigs XV., unter die Zahl der Gottgeweihten Häuser aufgenommen ist. Das vollendete Aeußere dieses großartigen Tempels gewährt einen freundlichen Anblick, ohne daß der Styl verräth, daß man einer christlichen Kirche nahe stehe.
Aehnlich der Magdalenenkirche ist die Börse großartig aufgeführt, und wie jene 52 Säulen von Außen zieren, so sind hier 66 dergl. angebracht. Die von oben erleuchtete und mit einem herrlichen Plafont geschmückte Halle ist groß genug, 2000 Personen fassen zu können; am schönsten kann man von der Gallerie herab das Gewühl der versammelten Menge von Spekulanten, Banquiers, Kaufleuten bis zum kleinsten Krämer herab, durchmengt von Neugierigen und Dieben, beobachten, wenn man nicht selber in der Nähe die großartigen Handels- und Geldgeschäfte mit ansehen und hören will, und weniger besorgt für seine Uhr und Börse ist, denn mit unglaublicher Keckheit werden hier, besonders den Fremden, nicht allein Taschentücher entwendet, sondern die Virtuosität dieser Industriellen erstreckt sich besonders auf Dosen, Uhren und Brieftaschen, welche, ehe man es ahndet, verschwinden. Paris und London werden sich wohl in diesem Fach immer den Vorrang streitig zu machen suchen und die unerreichbaren Vorbilder aller Gauner und Diebe bleiben.
Von hier aus wurde die große Passage des Panorames durchschritten und durch diese aufmerksam gemacht, verschiedene andere Glasgallerieen besucht; auch wurde mir das Haus gezeigt, woraus Fieschi seine Höllenmaschine auf den König abgeschossen hatte.
Die Beschauung des Louvre kam jetzt an die Reihe. Dieser Palast, von Franz I. (1528) errichtet, von allen nachfolgenden Regenten aber vergrößert und verschönert, interessirte mich ungemein. Er erweckt viele historische Erinnerungen und war häufig die Wohnung der Könige. Karl IX. schoß von hier aus auf die Hugenotten in der Bartholomäusnacht und hier fand der erbitterte Kampf des Volks gegen die Schweizergarde in der Juli-Revolution Statt. Das Aeußere, wie der innere Ausbau, dieses großartigen Gebäudes ist äußerst imposant und reich ausgeschmückt und soll für den Architekten viel Merkwürdiges enthalten. Die innern Räume des Louvre sind jetzt beinahe ganz von verschiedenen Museen eingenommen, und die Kunstschätze, welche hier aufbewahrt werden, übertreffen Alles, was man sich vor dem Beschauen davon verspricht.
Am letzten Tage meines Aufenthaltes in Paris fuhren wir nach St. Denis, einer Stadt von 5000 Einwohnern, um die daselbst befindliche merkwürdige Cathedrale zu besehen, wo die Gräber der französischen Könige sich befinden.
Wir besahen das alterthümliche Grab Dagoberts, das Grabmal Ludwigs XII., und Anna’s, seiner Gemahlin; dann das Denkmal von Heinrich II. und Catharina von Medicis, das Monument Franz I. und der Königin Claude.
Schon war die Pforte geöffnet und der Führer bereit, uns unter das Chor hinab zu geleiten, wo die Grabgewölbe der übrigen Könige und ihrer Familienglieder sich befinden, als mich Kolik-Schmerzen zum Rückzug zwangen.
Keine Zeit war zu verlieren, um nach Paris zurückzueilen, weil daselbst heute noch die nur bis vier Uhr geöffnete Königliche Teppichfabrik der Gobelins besucht werden sollte. Doch vergebens harrten wir im Kuckuk auf den Abgang des Wagens, obgleich der Kutscher beim Einsteigen den schnellsten Transport versprochen hatte. Mein Freund mochte toben und fluchen, so viel er wollte, der Wagen rückte nicht von der Stelle, denn noch waren nicht alle Plätze besetzt und der Fuhrmann verlangte seine volle Ladung. Nur, als wir Miene machten, wieder auszusteigen um einen andern, besser besetzten Wagen zu frequentiren, wurde das erbarmungswürdige Thier durch Peitschenhiebe zum Fortgehen bewegt. Unterwegs wurden noch Höckenweiber und Arbeiter aufgenommen, wodurch sich die Passagiere dermaßen mehrten, daß der Kutscher die Freude hatte, noch Lapins[64] zu placiren. — An der Barriere angelangt, wurde sogleich ein Omnibus bestiegen; doch da vier Uhr längst vorüber war, als wir bei den Gobelins ankamen, so wurde der Zutritt nicht mehr gestattet und das Anschauen dieser berühmten Kunstteppich-Weberei ging für mich verloren.
Aergerlich gestimmt, gingen wir langsam durch das öde, garstige Stadtviertel, wo die Lohgerber an dem Bievre-Flüßchen wohnen und das Geschäft meines Freundes und Führers getrieben wurde, nach dessen Wohnung zu und an der Anatomie vorbei, wo Mediziner und Chirurgen ihr Geschäft an Hunderten von Leichen üben. In dem Logis angelangt, mußte ich bemerken, wie ein so großes Haus in Paris gleichsam eine kleine Welt umschließt, und das nämliche Dach oft den ausschweifendsten Luxus neben der drückendsten Armuth bedeckt. Man wird hier geboren, man lebt, man stirbt, man freut sich oder man verzweifelt, und Niemand im Hause, außer denen, die es zunächst berührt, erfährt etwas davon. — Erst als am Abend im Atelier des fleißigen Malers, meines braven Wirths, die Freunde sich versammelt und der dampfende Glühwein von Neuem den Leib erwärmte, war mir wohler, und bis spät in die Nacht wurde unter Sang und Klang der Gläser der Abschied gefeiert.