Am Morgen des 3. März war bei der Postanstalt Laffitte, Caillard et Comp. die Reise nach Straßburg akkordirt und für den Platz auf dem Kutschenhimmel 33 Franks für 120 Stunden Wegs bezahlt; wobei noch 50 Pfund Gepäck und ein Hund frei waren.
Das von Freundes Hand mir anvertraute alte Thier, um solches dem Vater zu überbringen, hatte gewiß seine Jugendzeit auf dem Combat in Paris verlebt und daselbst bei den Hundepaukereien als kunstgerechter Kämpfer sich Lorbeeren erworben, obgleich der Händler diese Bestie mit seinen fletschenden Zähnen, als noch in besten Jahren stehende Bulldogge verkauft hatte, welche die grauen Haare nur aus Verdruß über nicht anerkannte Verdienste bekommen habe.
Freud und Leid verschaffte dieser Begleiter, welchen ich mir während der Reise durch Schmeichelei und Leckerbissen geneigt zu machen suchte. Bald fuhr er knurrend meiner nicht allzuhübschen Nachbarin nach den Waden, wenn sie das Unglück hatte, ihn mit ihren großen Füßen zu berühren; dann verrieth die Feuchtigkeit an den Füßen, daß die Bestie, ungalant genug, sich nicht genirte, über den Häuptern der tiefer sitzenden Passagiere der Nothdurft sich zu entäußern.
Während der 2½ Tag und zwei Nächte unausgesetzten schnellen Reise über Chalons und Nancy wurde nichts der Aufnotirung Werthes bemerkt und wir erreichten wohlbehalten am 5. d. Nachmittags Straßburg, wo ich bei dem mir rekommandirten und empfehlungswerthen Jacob Phisterre einkehrte und sogleich das Nöthige auf dem Paß-Bureau besorgte, währenddem die Bulldogge angebunden in der Gaststube zurück blieb. Doch dem freien Franzmann beliebte nicht eine solche sklavische Behandlung, knurrend säuberte er seine Nähe von zudringlicher Bekanntschaft und zerriß die Bande, um mit einem Satz nicht über den Rhein, sondern nach einer sich in aller Unschuld nähernden Katze zu springen, welche zu spät gewarnt, durch die rächende Nemesis jetzt gleiches Schicksal erfuhr, was sie Tausenden von Mäusen bereitet hatte. Mir selbst diente das Geschehene zur größern Vorsicht, und da zum Glück das gefallene Opfer nicht der Liebling der Frau Wirthin mehr war, indem das jüngere Geschlecht sie aus der frühern Gunst verdrängt hatte, so war auch von dieser Seite der Friede bald wieder hergestellt, woran mir am mehrsten gelegen war, da ich es nicht gern mit den Weibern verderbe.
Schon war der Name auf dem Postamte zur Weiterreise notirt, als mein böser Genius, der Hund, diese Fahrgelegenheit vereitelte, da man solchen weder frei, noch gegen Vergütung als Passagier mit aufnehmen wollte. Lohnfuhrwerk zu miethen, kam als einzelne Person zu theuer, weshalb ich einen Allerweltsfreund beauftragte, in den andern Gasthöfen nach einer Retourfuhre sich umzusehen.
Den andern Morgen wurde die Stadt besehen, wobei die Straßen derselben mit ihren engen, unregelmäßigen, meist hohen und altmodisch aufgeführten Häusern keinen freundlichen Anblick gewähren, und nur der Paradeplatz, mit ansehnlichen Häusern umgeben, macht hiervon eine Ausnahme.
Die mir als merkwürdig gezeigten Gebäude sind: der ehemalige bischöfliche Palast, das vormalige Jesuiten-Kollegium, die Münze, das Zeughaus, die Kanonengießerei, das Rathhaus und das Theater, vor Allem aber der berühmte Münster, das Meisterstück altdeutscher Baukunst. Der bewunderungswürdige hohe Thurm, welcher sein kühnes Haupt stolz bis zur Höhe von 438 Pariser Fuß in die Lüfte emporhebt, wurde bestiegen.
Eine herrliche Aussicht lohnt für die Mühe und das ängstliche Emporklimmen in einen der kleinen schlanken und mit durchbrochener Arbeit gezierten vier Thürmchen, welche bis hoch in die Lüfte den Hauptthurm umgeben, und in jedem eine schmale Schneckenstiege hinaufführt, die in der Spitze wieder in den Mittelthurm geleitet. Von diesem Standpunkte aus entfaltet sich dem Blicke das prachtvollste Panorama. Die Stadt mit ihren beträchtlichen Festungswerken liegt ausgebreitet unter dem Beschauer und gewährt den großartigen Anblick eines der ersten befestigten Orte. Ueber den Schanzen und Gräben hinaus fängt eine gut angebaute Gegend an, welche von schönen Gärten, Landhäusern und Dörfern angefüllt ist. Nachdem in allen Theilen die Riesen-Pyramide des Thurmes, welches Kunstwerk reichlich mit durchbrochener und anderer Bildhauerarbeit geziert, gemustert war, und ich auch die als Meisterstück anerkannte Thurmuhr besehen, verfügte ich mich nach der Thomas-Kirche, um das merkwürdige, dem Marschall Moritz von Sachsen errichtete Denkmal zu sehen. Eben daselbst werden auch in einer Nebenkapelle zwei in Särgen liegende Mumien gezeigt, von welchem der Zahn der Zeit schon einmal die Kleidungsstücke zernagt und Letztere mit neuen ersetzt worden sind; die Leichname selbst waren dagegen noch gut erhalten.
Eben als der Pförtner im Begriffe war zu erzählen, wer die längst Verstorbenen gewesen, trat der mich suchende Kundschafter ein und brachte die Nachricht, daß ein Herr mit mir vereint die Reise bis Frankfurt zu machen wünsche und im Logis meiner harre.
Ein mit der Post von Paris gekommener Musen-Sohn war das Herrchen, welcher mir die Ehre zugedacht, in seiner Gesellschaft und auf gemeinschaftliche Kosten die Reise fortzusetzen, und jetzt unserer Zwei, wurde es auch leichter, einen von Mannheim gekommenen, und auf Retourfuhre wartenden Lohnkutscher zu gewinnen.
Wohl hat freudiger, wie ich, kein Deutscher die große Schiffbrücke über den Rhein bei Straßburg passirt, denn mit wonnigen Gefühlen betrat ich von Neuem Deutschlands Boden. Während die Zolloffizianten bei Kehl sich mit Visitiren meiner Effekten beschäftigten, und ich von einigen Kleinigkeiten Eingangszoll zu entrichten hatte, war mein Reisegefährte um so schneller expedirt, da er außer seinem noblen Anzuge nur noch ein kleines Päckchen bei sich führte, dessen Inhalt mir unbekannt, aber doch nichts Steuerbares enthielt.
Den 7. März, Nachts 1 Uhr, in Karlsruhe angekommen, wurde von da früh 9 Uhr die Reise fortgesetzt, und von mir, wegen vorgeschütztem Mangel kleinen Geldes, für meinen Musensohn die Zeche ausgelegt. — Wie Letzterer erzählte, war er ein Schüler der Malerkunst, welcher im Begriffe stehe, in Frankfurt einen Onkel zu besuchen, sich da zu erholen, und frische Gelder zu erheben und in Dresden das Studium fortzusetzen; er war übrigens ein fideles Haus und ein guter Gesellschafter, welcher mir noch so Manches von dem Pariser Studentenleben mittheilte.
Abends 8 Uhr trafen wir in Mannheim ein und fanden im König von Portugal Unterkommen. Von hieraus wurde, um mich eines Auftrags zu entledigen, ein Abstecher nach Frankenthal nöthig, welches Geschäft einen Tag Zeit in Anspruch nahm, und meinen Reisegefährten bestimmte, um Jugendfreunde zu besuchen, auf der Eisenbahn nach Heidelberg zu fahren, morgen aber zu rechter Zeit zurückzuseyn, und auf dem Dampfschiffe wieder vereint mit mir, die Reise nach Mainz fortzusetzen.
Gegen den Beschluß war nichts einzuwenden; doch die Zumuthung, abermals die Zeche zu erlegen, machte mich bedenklich, als aber gar noch ein baares Anlehn kontrahirt werden sollte, wurde ich stutzig und nur als die Versicherung gegeben wurde, in Frankfurt sich der Pflicht pünktlich wieder zu entledigen, und man das Ehrenwort verpfändet hatte, gab ich theilweise nach, und machte wenigstens die Fahrt nach Heidelberg möglich.
Mir selbst wurde in Frankenthal ein herrlicher Genuß. Durch Briefe aus Amerika, von meinem Freund und Kollegen in der Kupferfabrik, brachte ich den Geschwistern und der Schwiegermutter Nachricht von dem Kinde, der lieben Tochter und dem Enkelchen. Außer sich vor Freude, wußte das Mütterchen nicht, wie sie ihre Dankbarkeit beweisen sollte, nöthigte zum Kaffee und ließ die Milch dabei überlaufen; invitirte zum Wein, und vergaß über alles Fragen, solchen zu holen, welches mir um so lieber war, da ich des Guten schon genug bei den Schwägern genossen, wo ich auch übernachten mußte. — O! hättest Du ahnen, und jetzt sehen können, alter Freund, und ihr Alle, welche Gleiches zu thun willens sind, wie es für Eltern schmerzlich ist, wenn sie so weit von den Ihrigen getrennt, sie mehr als todt beweinen, diese Wunde nie verharrscht, und bei jeder Nachricht von Neuem aufgerissen um so schmerzlicher wird, gewiß, ihr würdet vor der Ausführung, von dem unglücklichen Gedanken, Vaterland, Eltern und Geschwister zu verlassen, geheilt.
Am Morgen des 9. dieses traf ich wieder in Mannheim ein doch der Maler war noch nicht zurück, und, wie zu vermuthen stand, der Philister um das Anlehn geprellt, wenn nicht während meines Aufenthalts in dem bestimmten Gasthause zu Frankfurt, das Ehrenwort eingelöst wurde.
Bei dem Bezahlen auf dem Dampfschiffe wurde der Hund als halber Passagier in Rechnung gestellt, welche Ausgabe mir weniger unangenehm war, als daß ich solchen beständig an der Leine führen mußte, da diese Bestie einem deutschen Kameraden etwas unsanft den Gruß erwiderte, welchen der Pinscher kneffend anzubringen versucht hatte.
Die unfreundliche Witterung ließ wenig von der Gegend genießen, ebenso wurde von der Bundesfestung Mainz, welche wir um 4 Uhr erreichten, wenig gesehen, da um 5 Uhr der Eisenbahnzug nach Frankfurt abging wo ich mit diesem um 6 Uhr eintraf.
Während der Fahrt, wo ich bei meinem Nachbar, einem Frankfurter, Erkundigung wegen Gelegenheit zur Weiterreise einzuziehen suchte, wurde mir eine Herberge, in welcher in der Regel die Lohnkutscher logiren sollten, und wo man auch sonst gut aufgehoben sey, empfohlen, welches mich bestimmte, daselbst einzukehren, und den vom Maler empfohlenen Gasthof nicht zu beziehen, sondern nur Letzterem wegen des verpfändeten Ehrenworts einen Besuch abzustatten.
Am andern Morgen stattete ich sogleich dem Amerikaner Herrn Bindernagel, welcher sich zur Zeit in Bornheim aufhielt und dessen Bekanntschaft ich schon in New-York gemacht, einen Besuch ab, indem ich Briefe überbrachte. Dieser begleitete mich nach Frankfurt, und auf das dasige Polizei-Bureau, um mir daselbst den Unterschied zwischen amerikanischer und deutscher Geschäftsbedienung zu zeigen, da hier die ärmern Reisenden oft Stundenlang auf Einlaß wegen Visa warten müßten, währenddem die Herren Beamten im geselligen Diskurs ihre Zeit auszufüllen suchten. — Er selbst auf dem Bureau bekannt, geleitete mich durch eine Nebenthür in dasselbe, wo ich dieses leider bestätigt fand. Schnell wurde ich expedirt; um so zahlreicher aber standen die Reisenden vor dem Hause, harrten des Rufes zum Einlaß und übten sich in Geduld. Da schien es mir doch, als wenn Herr Bindernagel nicht ganz Unrecht hätte; er behauptete nämlich, daß nur in Amerika der Mensch überall als Mensch geachtet, und, gleich welchem Wirkungskreise er angehöre, bei jeder Behörde freien Zutritt und auf schnelle Bedienung Anspruch zu machen habe. Dem Amerikaner geht nichts über seine Zeit, und Wehe dem Angestellten, welcher gegen seinen Nächsten eine Geringschätzung blicken ließ, oder auf einem faulen Pferde gefunden würde.
Während Beseitigung dieser Geschäfte war der Hund dem Hausknecht zur Verwahrung übergeben worden, Letzterer solchem aber aus dem Gefängnisse entwischt, zu dessen Wiedererlangung die Nachmittagszeit verwendet werden mußte und dadurch versäumt wurde, in dem Absteigequartier des Malers zu hinterlassen, wo ich zu finden sey. — Am nächsten Morgen hatte ich den Verdruß, zu erfahren, daß dieser mit dem gestern Abend eingetroffenen Eisenbahnzuge angekommen, der Studiosus kein Schurke, sondern eingedenk seines gegebenen Wortes gewesen sey, sogleich nach mir gefragt, beim Nichtauffinden meiner Person aber vermuthet habe, daß ich bei meiner Ankunft in Frankfurt die Stadt sogleich wieder verlassen und die Reise fortgesetzt habe. — Die vermaledeiete Bestie, der Hund, war daher abermals Ursache des erlittenen Schadens, wenn der Schuldner die Generosität nicht so weit treiben sollte, mir einmal in Weimar die Ehre seines Besuches angedeihen zu lassen, was jedoch bis zur Zeit der Niederschreibung dieses noch nicht geschehen ist. Vielleicht kommen ihm diese Zeilen zu Gesicht und erinnern ihn an den alten Reisegefährten und sein gegebenes Wort.
Am Morgen des 10. März wurde von Frankfurt aus die Reise mit der von einer Privatgesellschaft errichteten Eilfuhrgelegenheit[65] fortgesetzt. Leider war aber hier Eile mit Weile gepaart, da bei jedem aus einem Haus herausschauenden Arme, Pferde und Menschen getränkt wurden, weshalb wir erst spät in Fulda ankamen. Statt aber unverweilt den Wagen zu wechseln, hielt der Herr Wirth für räthlicher, die Passagiere die zweite Hälfte der Nacht zu beherbergen und erst am Morgen die Tour fortzusetzen.
Das zweite Nachtquartier wurde in Eisenach gehalten, und der 13. März war der mir ewig unvergeßliche Tag, an welchem ich wieder in dem lieben Weimar eintraf und im Kreis meiner Familie von den Strapazen dieser Reise mich erholen konnte.
Die Erinnerung an all’ das mannigfaltig Erlebte auf dieser Reise bleibt zurück und gewiß viele der geehrten Leser hegen beim Schluß dieser Mittheilung den Wunsch, Gleiches, wie ich, erlebt zu haben, denn hier bewährt sich so recht das Sprichwort: „Wenn Jemand eine Reise thut, so kann er was erzählen.“ Nur muß ich bedauern, keinen bessern Vortrag zu haben und nochmals um gütige Entschuldigung bitten.