Gebirge stemmtest du auf,
fühlloser Stein!
Und trotzige Felsen in lichtdurchwühlte Himmel,
daß Stürme an dir zerbrachen,
die heulenden wilden,
und furchtbar dich umschatteten
die bleichen Hände der großen ewigen Nacht.
Bis endlich in neue Sonnen sich entfaltete
dein morscher Trotz,
bis unter Menschenhand ausbrachen
in Blüten und wiegende Rosen
deine Gemäuer,
und ragende wildgeschleuderte Arme dich boten,
die wehenden Türme der Kathedralen
dich boten dem Gott!
Lächelnder Geist sank in die offenen Kelche,
loderndes Blütenfeld!
O ihr Türme über den fliehenden Landen,
ihr Arme der Menschheit!
Ragendes Menschenblut plötzlich all dies Getürme!
Göttliche Winde harfen darinnen ihr Lied.
In Spiele lindet schon der Symbole schaurig Tanzen;
Mein nothaft Stöhnen rhythmet sich zum Sang.
Deutung des Tags erlischt — Urdeutung jubelt;
Aus seinen Trümmern steigt der ewige Tag,
nagt sich empor an selbsterdachten Welten,
aus Untergängen hehr verjüngter Geist.
Was gilt Getanes noch, wo Tun doch alles!
In schwingenden Kreisen stirbt der alte Tod.
O Tore Lebens, denen wir genesen!
So schleudert Sterben uns in reinern Drang!
Wo ist noch Finsternis? Wo lauern Schrecken?
Hier ist der Tag, den Gott in Händen hält.
Stürzt neubeseligt uns in solch Vergeuden:
O, nehmt mich hin! o, nehmt doch — ich halte mich nicht!
Brech hin, Geripp, wie ich mich taumelnd verschütte,
rotleuchtendes Meer von Wollen und Gewähr!
Schon rennen Tiere neu uns zu vertrauen,
geheime Sphäre wölkt um unsern Sinn.
O Bruder Mensch! Kristall, den ich durchleuchte!
Dumpf schauert zwischen Mensch und Mensch der Gott!
Brech durch zum andern! Zwing die letzten Tode:
durchgottet ist der weite Sinn des Alls!
Und wie du dich bewegst, du wirst ihn raffen.
Erlös ihn, daß er wachsend dich erlös.
Stürz auf in deine offenen Geschicke!
O erster Schrei aus dumpfer Lagernacht
in rote Frühn, o ewiges Entscheiden
in blitzenden Momenten! Werdetanz!
So münd ich hin, aus dem ich einst gebrochen,
ins wild entbundne All. Stern rast um Stern.
Zuckt Ewigkeitsbeginnen solcher Einung?
O Kreatur! zurück in zeitlos Sein!
Aus gierer Lust, die dich dem Gott entrissen,
kehrst du nun heim zu deiner höchsten Lust.
Durch bunte Welten hast du dich gelitten,
bis Sühne dich entband zum Jubel: „Gott!
Ich deine Welt! Pokal und trunkner Zecher!
Und Sonnen reifen mich zum süßen Trank!“
Schon stäubt wie Sand, was mir Dein Bild verschleiert.
Aufbricht der Sinn. In Schächte blaugehöhlt
stürzt schmetternd in sein Flammen alles Wesen
und Ruhen lächelnd birgst Ruhlosen Du!
Du lichter Schatten sinnenlos umwunden.
Lebendiger außer allem Leben! Geist im Leib!
Wie weil ich lind in Deinem Lächeln, Vater!
Hier flicht sich ewiger Kranz. — Leib faßt Dich nicht.
Zurück ins Branden muß ich Dich zu halten,
zurück in bunter Sinne Wechselspiel.
Wie rag ich noch? In Dir doch so entworden.
Welt spült und leckt an meinem neuen Strand.
Du gib mir strenge Form den Wunsch zu straffen,
züchte die Sinne, walte Du als Maß!
Musik in hartem Takt, doch schwingend Triumphe!
So Dich zu baun aus Leben, dulde Du!
O Bild, du Schrei der tiefverborgenen Sinne!
O Sturz ins Wort, du Reife ins Gebet!
In mir erst wirst Du, steigender Gott! mein Wollen
schürft Dich aus dumpfer Ruh in meinen Sturm —
Und formt in mir die stammelnden Gesichte,
an denen ich mich höher ranken mag.
Und Sünde lauert, wo mein Drang ermüdet
Dir, Rufender, zu folgen Tor um Tor!
Du lockst zu immer neuen Wanderfahrten,
Du Insel überm dunkelblauen Meer.
Und irr ich weit — ich habe Dich umworben,
in meine Not taut Trost aus Deiner Ruh.
Du Schwingender zwischen den engen Sphären
Du treibst aus mir, Du guter Drang, zu Dir!
Und überwölbst uns groß zu keimenden Domen
und Türme schießen aus gestauter Brunst.
Gestein blüht auf, wo sie Dein klargetürmtes Echo rühren,
wiegende Rose singt in Deinem Sturm:
singt allen Lebens ewig sich neuende Schöpfung
im brüderlichen Tausch des werdenden Gotts.
| Seite | |
| Armes Wort | 5 |
| Winterritt mit weißen Hunden | 7 |
| Nacht im Februar 1917 | 8 |
| Märzpsalm | 9 |
| Seht, wie Tod bereite Schale hebt | 12 |
| Einer doch wandelt | 13 |
| Ein Menschentag I-IV | 15 |
| Flucht und Zuflucht I-IV | 21 |
| Nacht | 26 |
| Frühling (Eine Trilogie) | 28 |
| Orphischer Psalm | 36 |
| Gotischer Psalm | 41 |
Von Oskar Schürer erschienen ferner:
Kleine Lieder (Sammlung „Die Pforte“)
Dreiländerverlag
„1917“ (Fragment eines Kriegs in Gesängen)
Dreiländerverlag
Drohender Frühling, Gesänge und Stanzen
Roland-Verlag, München
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