Title: James Watt und die Erfindung der Dampfmaschine
Author: Georg Biedenkapp
Release date: July 3, 2016 [eBook #52492]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
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James Watt
und die Erfindung der Dampfmaschine
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Die »Technischen Monatshefte« wollen
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2. Der Ingenieur. Essays verschiedener Verfasser.
3. Deutsche Elektrotechnik im Ausland.
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Für 1911 sind vorgesehen:
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Eine biographische Skizze
von
Dr. Georg Biedenkapp
Mit 23 Abbildungen
1911
Verlag der Technischen Monatshefte
:: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart ::
| Seite | |
| Watt und Nietzsche | 5 |
| Watts engere Heimat und ihre berühmten Männer | 7 |
| Watts Vorfahren | 8 |
| Watts Jugend | 9 |
| Watts Lehrzeit | 13 |
| Watt als Universitätsmechaniker | 15 |
| Geschichte der Dampfmaschine bis auf Watt | 17 |
| Eine verbesserte Newcomenmaschine im Roman | 27 |
| Watt erfindet den Kondensator | 29 |
| Watts erste Maschine im Modell | 31 |
| Many a clip 'twixt cup and lip | 33 |
| »Mein Herz blutet für ihn« | 34 |
| Boulton | 37 |
| Die Retterin der Cornwallgruben | 39 |
| Drehbewegung, Doppelwirkung, Dampfsteuerung, Drosselklappe | 43 |
| Prozesse | 47 |
| Andre Entdeckungen und Erfindungen Watts | 49 |
| Watt, Darwins Großvater und Goethe | 51 |
| Watts Lebensabend und Tod | 53 |
»Eine tolle Zusammenstellung«, wird vielleicht mancher sagen, wenn er diese beiden Großen so nebeneinander gerückt findet!
Was hat der Erfinder eines zwar sehr nützlichen, aber sonst »öden Mechanismus«, — was hat der Förderer menschlicher Bequemlichkeit und des krassen Materialismus mit dem idealen Streben eines einsamen Philosophen gemein, der erhabenste Gedanken der Schnellkraft geflügelter Worte anvertraute und sich der Massenwucht, der Herrschaftslüsternheit der Pöbeltriebe entgegenstemmte?
Was hat der nüchterne Techniker und Mechaniker Watt mit dem poetisch gestaltenden Denker zu schaffen?
Wie kommt die Grauheit des Fabrikbetriebs zur Buntheit der Nietzscheschen Gedankenwelt?
Verbietet es wirklich nicht der gute Geschmack, den Mann, der Millionen von Pferdekräften aus dem Boden stampfte und dem Menschen eine bis dahin unerhörte Macht über die Elemente und Schätze der Natur gab, in einem Atem zu nennen mit dem Lenker der Geister, der neue seelische Schätze ans Licht hob und Millionen von Geisteskräften freimachte? Soll im Ernste der Schöpfer der modernen Dampfmaschine mit dem »Umwerter aller Werte« verglichen werden?
Ohne mit einer Wimper zu zucken, behaupten wir, daß jeder nur zu seinem Nutzen und Besten sich von dem übertriebenen Gerede über die Umwertung aller Werte durch Nietzsche hinwenden wird zu dem Urheber der gewaltigen Umwertung vieler Werte, als der James Watt unbestritten in aller Zukunft wird gelten müssen.
Wir wollen Nietzsche das Verdienst nicht absprechen, daß er dazu beitrug, das bessere Individuum gegenüber den Herdentrieben zur Selbstbesinnung zu bringen. Wir wollen uns vieler seiner glänzenden, scharfsinnigen, in so künstlerische Form gegossenen Gedanken freuen, darüber wollen wir aber auch ihre Mängel, ihr unlogisches Widereinanderstreben, ihr schwachen Gemütern gefährliches Wesen nicht übersehen! Gerade aber weil mit der »Umwertung aller Werte«, als einer Leistung Nietzsches, soviel Unfug getrieben worden ist und immer noch getrieben wird, wollen wir zeigen, daß der große Schotte und Mehrer menschlicher Machtmittel eine jedenfalls ganz unübersehbare, heute noch nicht zum Stillstand gelangte Umwertung der Werte eingeleitet hat. Mehr noch als der erste Napoleon, dessen glänzende Taten und Leistungen immer mit dem entsetzlichsten Blutgeruch behaftet bleiben werden, hat der vom Norden Englands gekommene Erfinder das äußere Antlitz der Erde umgestaltet. Die Revolution im Wirtschaftsleben, die von Watts Hirn ihren Ausgang nahm, war wohl nicht minder folgenreich als die große französische Revolution, die bald nach der Erfindung der Dampfmaschine ausbrach. Denn durch den still beschaulichen Sproß einer schottischen Mathematikerfamilie ist Dampf hinter alle Dinge gekommen, konnten die Schächte tiefer in die Erde getrieben werden, wurden Meere ausgetrocknet, Berge versetzt, Zünfte und Sticklüfte beseitigt, die schaffenstüchtige Menschheit um Millionen leidloser, eiserner Knechte bereichert, zahlreiche Gewerbe umgeschaffen und die Bevölkerungsmöglichkeit der Kulturländer ganz gewaltig gesteigert.
Eine unmittelbare Folge der Dampfmaschine waren Dampfschiff und Eisenbahn, und diese neuen Verkehrsmittel haben überhaupt erst das Aufblühen Europas und Amerikas ermöglicht. Sie gaben dem Volkskörper der weißen Rasse, der sich über Europa hinaus reckte, neue Nerven und Adern, neue Arme, Beine und Hirne.
Als Watt Armeen eiserner, unfühlender Diener fast aus dem Boden stampfte, schuf er einen neuen Begriff menschlicher Leistungsfähigkeit, gab er dem Denken Vertrauen zu sich selber, half er somit den menschlichen Geist aus den starren Banden aufgepfropfter oder eingewurzelter Vorstellungen befreien. Schon dadurch also war er ein Umwerter vieler Werte.
Durch Eisenbahn und Dampfschiff, die Watt erst ermöglichte, schrumpften Räume und Zeiten zusammen. Die Entfernungen verkürzten sich, die Begriffe nah und fern, lang und kurz, schnell und langsam wurden umgewertet. Mit dem Anfang der Eisenbahnen in Deutschland war das Ende der traurigen Kleinstaaterei gekommen. Der Unfug hörte auf, daß der Sachse, der Thüringer, der Schwabe schon innerhalb eines Tagemarsches oder binnen weniger Stunden ins »Ausland« gelangen konnten. Fortab war der Deutsche nicht mehr Ausländer für den Deutschen. Mithin haben wir hier ein Beispiel für politische Umwertungen, und nur eines für viele. Geldfürstentümer von unerhörtem Reichtume wuchsen aus dem Boden. Der alte Schwertadel verarmte. Dazwischen schob sich durch streberhafte Gefügigkeit emporgekommener Ämteradel. Mit solchen Wandlungen aber ergab sich eine Umwertung der Begriffe reich und arm, hoch und niedrig, vornehm und gemein, edel und unedel, gut und schlecht. Und nur logische Folgerungen aus technischen Prämissen waren die Untersuchungen Nietzsches über die Begriffe gut und böse.
Unverständige und Übelwollende gefallen sich gern darin, die Technik als die Mutter »öder Mechanismen«, als die Amme eines krassen Materialismus anzuschwärzen. Nicht nur wird dabei geflissentlich übersehen, daß die Technik oft die Retterin aus größten Nöten war; man will auch nicht Wort haben, daß die Technik hohen Gemütswert besitzt, daß sie eine poetische Seite hat und zur Quelle ästhetischer Befriedigung werden kann. Dichter und Ingenieure in einer Person waren nicht nur und nicht erst die Deutschen Max Eyth und Heinrich Seidel. James Watt selber war Poet und Mechaniker zugleich, wie Nietzsche Poet und Philosoph. Und die vielseitigere Natur besaß vielleicht der Schotte. Denn er vereinigte mit der nüchternen Sachlichkeit des tiefgründigen Forschers die zähe Beharrlichkeit des Tatmenschen und den Phantasiereichtum einer künstlerischen Persönlichkeit. Erasmus Darwin, des berühmten Zoologen Großvater, war vom Zauber der Wattschen Dampfmaschine so sehr entzückt, daß er ihr eine längere Dichtung widmete, die in seinem Werke »Der Botanische Garten« erschien. So alt ist also bereits das Thema von der Poesie der Technik, und auch hier ist Watt der Einleiter einer Umwertung geworden.
In der gleichen Stadt Glasgow, wo Watt seine Laufbahn als Mechaniker begann, war der berühmte Begründer der Nationalökonomie, Adam Smith, als Professor tätig, und Watt und Smith gehörten, wie Smiles in einem Werke über »Boulton und Watt« erzählt, einem Klub an. Der große Nationalökonom aber hat später in seinem Werke über die Ursachen des Reichtums der Nationen gerade die Berufstätigkeit nicht genügend beachtet und veranschlagt, die von Watt vertreten wurde, die Technik. Das war sein Schaden, denn das wurde zur Fehlerquelle des Werks.
So schreibt mit Recht Eugen Dühring in seiner Geschichte der Nationalökonomie: »Wie Adam Smith schon die Technik überhaupt nicht als erste produktive Macht ansah, so konnte er insbesondere noch viel weniger die Bedeutung würdigen, die diejenigen ausschließlich geistigen Tätigkeiten haben, die auf Erfindungen hinarbeiten oder sie unmittelbar machen. Die auf technische Erfindungen gerichtete Forschung ist so gewaltig produktiv, daß sich mit ihr keine andere wirtschaftliche Macht messen kann.« Man wird es dem Schotten Adam Smith zugut halten müssen, daß erst durch seinen jüngeren Landsmann James Watt der Welt in glänzendster Weise dargetan werden mußte, was technische Schöpferkraft und Erforschung der Natur wirtschaftlich zu bedeuten haben. Indem Watt also die noch von Smith nicht gebührend gewürdigte Technik zu Glanz und Geltung brachte, hat er auch in dieser Richtung »Werte umgewertet«. Die Herausbildung neuer Berufsstände, nämlich der Ingenieure, Monteure usw., knüpft sich zu einem wesentlichen Teile an das Schaffen des ehemaligen Mechanikers. Prozentual nehmen im Volkskörper die Personen zu, die einen Teil ihrer Vorbildung auf den strengsten Gebieten der Wissenschaft empfangen, auf den Gebieten der Mathematik und Mechanik. Somit sehen wir hier James Watt als den Ausgangspunkt sozialer Verschiebungen und Umwertungen.
Nur eines kurzen Hinweises bedarf es auf die Arbeiterfrage, die sich beim Heraufkommen des Maschinenzeitalters entwickelt hat. Auch hier trug Watt dazu bei, daß neue Fragestellungen sich erhoben, Werte zusammenbrachen und neue entstanden. Die von ihm unabsichtlich eingeleitete Wertumwertung ist heute noch nicht zu ihrem Abschluß gelangt.
Es wäre eine reizvolle Aufgabe, den Vergleich Watts mit Nietzsche ausführlicher zu behandeln, als es hier im Rahmen einer Wattbiographie möglich ist. Aber auf einige weitere Vergleichspunkte sei doch noch kurz hingewiesen. Wie Nietzsche seinen »Zarathustra« auf sonnigen Spaziergängen binnen wenigen Tagen im Geiste entwarf, so empfing Watt die Hauptidee seiner Erfindung auf einem Spaziergang im Freien. Wie der Dichterphilosoph seine Werke zur Welt brachte unter jahrelangen Kopfschmerzen, so zieht sich durch die Schaffenszeit Watts die immer wiederholte Klage über das gleiche Elend. Wie Nietzsche ein Entzücken gerade an der gedrungenen Begriffsfülle der lateinischen Sprache empfand, so begegnen wir in Watts Briefen einer Menge lateinischer Zitate, die man dem Mechaniker bei all seiner Belesenheit kaum zutrauen sollte. »Um die Erfinder neuer Werte dreht sich die Welt«, sagt der Einsiedler von Sils-Maria, »unhörbar dreht sie sich. Die stillsten Stunden sind es, die den Sturm bringen. Der Pöbel aber glaubt, die Welt drehe sich um die Erfinder neuen Lärms.« Ist es nicht eine hübsche Gleichläufigkeit dazu, wenn Watt an seinen Freund und Geschäftsteilhaber, den vornehmen Industriellen Boulton, in einem Briefe über die Aufstellung einer der ersten Dampfmaschinen im Cornwaller Grubenbezirk folgendes berichtet: »Geschwindigkeit, Kraft, Größe und der furchtbare Lärm der Maschine haben jetzt alle, die sie sahen, ob Freund, ob Feind, befriedigt. Ich hatte sie ein- oder zweimal so eingestellt, daß ihr Gang ruhiger war, und sie weniger Lärm machte; aber Mister Wilson (der Besitzer) kann nicht schlafen, wenn sie nicht tobt. Da habe ich sie denn dem Maschinenwärter überlassen. Nebenbei gesagt — die Leute scheinen von der Größe des Lärms auf die Kraft der Maschine zu schließen. Das bescheidene Verdienst wird hier ebensowenig anerkannt wie bei den Menschen.«
Seiner Herkunft nach ist Watt ein Sohn Schottlands, in dessen nördlichsten Teil vor einem Jahrtausend die Kelten von den andringenden Angelsachsen zurückgedrängt wurden. Heute noch wird im schottischen Hochland meist keltisch gesprochen. Das Land ist durchweg gebirgig. Tiefe Meeresbuchten zerfransen die Küste. Wald und Weide, Seen und zahlreiche Wasserläufe erhöhen die landschaftlichen Reize, die aber wiederum durch Nebel, Regen und mehr windiges als kaltes Wetter beeinträchtigt werden. Noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, also noch zu Lebzeiten Watts, zählte Schottland im ganzen nicht mehr Einwohner als eine moderne Riesenstadt: etwas über anderthalb Millionen. Aber darin gleicht dieses dünn bevölkerte Land andern merkwürdigen europäischen Landstrichen wie Schweden, der Normandie, dem Elsaß, Schwaben, Thüringen und dem Harzgebiet, daß es eine auffallend große Zahl ganz ausgezeichneter Männer hervorbrachte. Hervorragende Kenner der Wissensgeschichte pflegen den feineren schottischen Geist über den gröberen englischen zu stellen, der sich in breiten Ausspinnungen gefällt.
Zur selben Zeit, da Watt durch seine Dampfmaschine eine Umwertung vieler Werte einleitete, lebte, wie schon erwähnt, der Schotte Adam Smith, dann Hume, Black und Burns, lauter berühmte Schotten. Burns war der bekannte Lyriker, der auch in Deutschland Nachahmer und Bewunderer fand. Adam Smith begründete die moderne Nationalökonomie; er machte die Arbeit zum Grundstein seines Systems, während vor ihm der Boden oder der Handel als alleinige Ursachen des Wohlstandes der Völker in den Vordergrund gerückt worden waren. Smith bewies in seinem Werke bereits großes Wohlwollen für die arbeitende Klasse und wollte die Einmischung des Staates in die wirtschaftlichen Vorgänge aufs äußerste beschränkt wissen.
Mit Smith eng befreundet war der aus Edinburg stammende berühmte Philosoph David Hume, der durch seine klassischen Arbeiten drei wissenschaftlichen Gebieten angehört, der Philosophie, der Geschichtsschreibung und der Nationalökonomie. Wir brauchen uns nur zu vergegenwärtigen, was Kant dem schottischen Denker schuldet, um einen Begriff von Humes Bedeutung zu bekommen. Humes Untersuchungen über den menschlichen Verstand waren es, die den Königsberger Philosophen »aus seinem dogmatischen Schlummer erweckten«. Hume setzte die von Locke begonnene Erkenntniskritik fort. Er übte tief einschneidende Kritik an den metaphysischen Ideen und erweckte dem Verstand wieder Lust und Vertrauen zu sich selbst. Bis auf den heutigen Tag hat Hume in Sachen des Denkens einen wachsenden Einfluß ausgeübt. Erinnern wir uns deshalb hier, daß auch Watts mehr in die Augen fallende Leistung dazu beigetragen hat, dem menschlichen Geiste einen erhöhten Begriff von seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten beizubringen!
Wie Smith auf nationalökonomischem, Hume auf philosophischem und historischem, Watt auf technischem Gebiete ein Bahnbrecher war, so erstand in Black, der erst in Glasgow, dann in Edinburg als Professor der Medizin wirkte, ein Bahnbrecher auf dem Gebiete der Chemie und der Physik. Black war der erste Chemiker, der den Gewichtsveränderungen einen entscheidenden Einfluß auf die Erklärung von chemischen Vorgängen einräumte, und der erste Entdecker eines von der Luft verschiedenen Gases: der Kohlensäure, die er »fixe Luft« nannte. Ferner hat Black die latente oder Schmelzwärme entdeckt und dadurch auch Beziehungen zur Geschichte der Dampfmaschine erhalten. Wir werden noch sehen, wie gerade seine Freundschaft sich für Watt als sehr nützlich erwies. Hier aber wollen wir nochmals betonen, wie merkwürdig es doch ist, daß ein so kleines, dünn bevölkertes Stückchen Europas, wie Schottland, um die gleiche Zeit vier auf modernen Gebieten bahnbrechende Männer hervorbringen konnte, einen Hume, Smith, Black und Watt! Und wie vorher den Logarithmenerfinder Lord Napier, so hat es später noch den Philanthropen Carnegie hervorgebracht.
Watts Urgroßvater war als Pächter bei Aberdeen ansässig und kam in einem Gefecht der presbyterianischen Covenanter gegen die königlichen Truppen ums Leben. Dessen Sohn, also Watts Großvater, wurde von Verwandten erzogen und ließ sich später in einem Orte bei Greenock als Lehrer der Mathematik und Schiffahrtskunde nieder. Sein Protestantismus stempelte ihn in den Augen der damaligen Regierung zu einem widerspenstigen, gesetzeswidrigen Schulmeister (disorderly schoolmaster officiating contrary to law). Aber das hinderte nicht, daß Thomas Watt in seiner Gemeinde bürgerliche und kirchliche Ämter versah, bis er hochangesehen im Alter von 92 Jahren als Professor der Mathematik das Zeitliche segnete. Er bekleidete in Greenock verschiedene Ämter, war Ratsherr, Gemeinderechner und Bürgermeister. Watts Vater hatte, obwohl der Mathematikprofessor Watt seinen beiden Söhnen Vermögen hinterließ, einen praktischen Beruf ergriffen, während der Oheim des Erfinders, also der andre Sohn des Mathematikprofessors, wiederum Mathematiker wurde. Der Vater des Erfinders entwickelte als Häuser- und Schiffsbauer, als Schreiner, Tischler, Zimmermann, als Reeder, Kaufmann und Schiffsgeräteverfertiger im Laufe eines langen Lebens eine bedeutende Vielseitigkeit, die offenbar durch die dürftigen Verhältnisse des kleinen Platzes bedingt wurde. Denn Greenock war zu Beginn des 18. Jahrhunderts nur ein Fischerdorf, entwickelte sich aber bald darauf derart, daß es das Örtchen Crawfordsdyke, wo Watts Großvater sich angesiedelt hatte, überholte und in sich aufnahm.
Die männliche Linie der Familie Watt starb im Jahre 1848 mit dem Sohne des Erfinders aus. Auch dieser Sohn hatte eine mathematisch-technische Bildung erhalten, so daß wir von vier Generationen dieser Familie sagen können: sie gehörten dem mathematisch-mechanischen Gebiete an, erreichten alle vier ein außerordentlich hohes Alter, waren aber dennoch ein aussterbendes Geschlecht. Auf Rechtschaffenheit und Glaubenstreue wurde von Urgroßvaters Zeiten her besonders gehalten.
Übrigens wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß uns der Familienname Watt als der eines adligen Geschlechtes in der Schweiz begegnet. Ein Joachim von Watt, 1484 in Sankt Gallen geboren, studierte in Wien, führte dort eine Zeitlang ein tolles Raufleben, wurde mit dreißig Jahren Professor und ließ sich später in Sankt Gallen als Arzt nieder. Mit Zwingli, Erasmus und Luther befreundet, war er ein Hauptförderer der Reformation und amtierte auch als Bürgermeister. Von seinen zahlreichen Schriften ist seine Chronik der Äbte von Sankt Gallen die wichtigste. Das Kloster Sankt Gallen ist von irischen oder, wie sie im Mittelalter genannt wurden, skotischen, also schottischen Mönchen gegründet worden. Indessen ist es höchst unwahrscheinlich, daß etwa schottische Watts sich im Schutze des genannten Klosters angesiedelt hätten. Eher möchte man vermuten, daß Abkömmlinge des schweizerischen Rittergeschlechtes nach England auswanderten.
So sehen wir zum Beispiel den Erfinder selbst die Hilfe eines aus der Schweiz zugewanderten Färbers in Anspruch nehmen, um Deutsch zu lernen, dessen er zum Verständnis von Leupolds »Theatrum machinarum« benötigte. Vielleicht gelingt es einer künftigen Forschung, hier noch Licht zu schaffen.
Den Vater haben wir schon als ungemein rührigen, vom Vertrauen seiner Mitbürger getragenen Mann kennen gelernt. Die Mutter des Erfinders wird als unübertreffliche Frau von großem Liebreiz, mit trefflichen Gaben des Geistes und des Gemütes geschildert. Sie entstammte einer Familie Muirhead, die zu Professorenkreisen gehörte; ein Professor Muirhead, Verwandter von Watts Mutter, war durch eine Homerausgabe berühmt. Von fünf Kindern starben drei in frühester Jugend, ein Bruder Watts, der auf einem Schiffe seines Vaters nach Amerika fuhr, fand bei Sturm auf hoher See den Untergang. Für das Verhältnis des einzig überlebenden Sohnes James zu seiner Mutter ist es bezeichnend, daß sie in ihm alles fand, was sie von einer Tochter Liebes hätte erwarten dürfen. Denn Watt war ein außerordentlich schwächliches Kind und gedieh nur dank sorgsamster Pflege. So wurde er eben ein Muttersöhnchen. Und weil er infolge häufiger Kränklichkeit und oft wochenlangen Kopfschmerzes nicht mit den übrigen Knaben mittun, nicht mit ihnen an den Ufern des Clyde herumspielen oder Entdeckungs- und Räuberfahrten in die Umgebung machen konnte, im Gegenteil wegen seiner Schwächlichkeit dem Spott und der Roheit der stärkeren Jungen ausgesetzt war, so mußte sich das ganze Wesen dieses Kindes nach innen entfalten und Anschluß bei der Mutter suchen. Erinnern wir uns hier, daß die alten Völker, die schwächliche Kinder einfach beseitigten, sich gerade dadurch oft der besten, nämlich der geistigsten, Kräfte beraubten! Ein Kepler, ein Newton, ein Watt wären im alten Sparta Kinder des Todes gewesen.
Ein hübscher Zufall wollte es, daß der wohl größte Techniker seiner Zeit fast in der gleichen Woche wie der wohl größte Mathematiker der gleichen Epoche zur Welt kam. Lagrange wurde am 25. Januar 1736 zu Turin geboren, Watt am 19. oder 31. Januar dieses Jahres zu Greenock am Clydeflusse. In allen Biographien Watts findet man als Geburtsdatum den 19. Januar angegeben. Das muß aber auf einem mit rührender Treue immer wieder nachgeschriebenen Irrtum beruhen, vielleicht dadurch veranlaßt, daß Watt am 19. August des Jahres 1819 starb. Er selbst schreibt am 31. Januar 1770 an seinen Freund Dr. Small in Birmingham: »Ich trat heute (to-day) in das 35. Jahr meines Lebens und ich glaube, ich habe noch nicht für 35 Pfennig Gutes auf der Welt getan, aber ich kann's nicht ändern.« Hier bezeichnet also Watt den 31. Januar als seinen Geburtstag. Aber ob so oder so, es sind nur wenige Tage Unterschied vom Geburtstage des großen französischen Mathematikers. Im Mannesstamm sind die Familien Watt und Lagrange heute ausgestorben.
Allerhand Anekdoten werden von der Frühreife des späteren Erfinders überliefert. Dabei ist zu beachten, daß selbst Personen, wie der französische Naturforscher Arago, sie ohne Zweifelsbekundung wiedergeben und von Watts Sohne selber Berichte empfingen oder empfangen konnten. Von der Mutter im Lesen, vom Vater im Schreiben und, den Familientraditionen entsprechend, früh in Mathematik unterrichtet, soll er bereits als Sechsjähriger über geometrischen Aufgaben gesessen haben. Mit einem Stück Kreide in der Hand stand er am Herde, als ein Bekannter seines Vaters zu diesem äußerte, er solle doch den Knaben in die Schule schicken, statt ihn zu Hause seine Zeit vertrödeln zu lassen. »Sehen Sie erst, was der Junge macht,« versetzte der Vater, »bevor Sie ihn verurteilen.« Klein-Jamie befaßte sich gerade mit einer geometrischen Aufgabe. Ein andermal tadelte ihn seine Tante mütterlicherseits, weil er seit einer Stunde, ohne ein Wort zu sprechen und ohne ein nützliches Buch zur Hand zu nehmen, am Teekessel spielte, indem er über die Mündung bald einen Löffel, bald eine Tasse hielt und die Tropfen zählte, die sich bildeten. Während Arago in seiner Wattbiographie dies jugendliche Experiment als eine Vorbereitung zu späteren Dampfbändigungstaten darstellt, hat Watt selber jedenfalls in seinen Auslassungen über die ersten Anregungen zum Studium der Dampfmaschine nichts von solchen Kindheitserinnerungen erwähnt, und dies Schweigen scheint mir gegen die Anekdote zu sprechen. Auch Smiles mißt in seiner großen Biographie »Boulton und Watt« der Anekdote keine Bedeutung bei. Von außerordentlicher Tragweite war dagegen der Umstand, daß Watt neben und in einer Werkstatt aufwuchs, wo er die Handhabung aller möglichen Geräte kennen lernte, die Zimmerleute und Mechaniker bei ihrer Arbeit sah und selber von klein auf bosselte und drechselte. Die Werkleute seines Vaters sagten von ihm, er habe ein Vermögen in seinen Fingern. Schon in frühester Kindheit also beginnt bei ihm die Vorbereitung für den späteren Beruf eines Mechanikers, und wir können uns hier erinnern, daß einem Heinrich Hertz, einem Philipp Reis und Grafen Zeppelin die früh erworbene Geschicklichkeit der Hand und Fertigkeit im Drechseln und Bosseln für ihre Erfindungen von großem Nutzen gewesen ist. Regelmäßigen Schulunterricht empfing Watt vor dem vierzehnten Jahre nicht. Teils war seine Kränklichkeit die Ursache, teils wohl auch der Wille des Vaters, der sich sagen mochte, daß der schwächliche Junge von mechanischen Arbeiten gleichen Nutzen für den Körper wie für den Geist haben würde. Soweit aber James die Schule besuchte, erwies er sich als unter dem Durchschnitt, als dumm und hinter seinen Jahren zurückgeblieben. Das änderte sich erst, als er in die Mathematikklasse kam, wo er sich bald auszeichnete. Wir haben hier also ein neues Beispiel zu der langen Reihe berühmter Forscher und Erfinder, die auf der Schule sehr geringe Erwartungen weckten und später durch ihr Leben und Wirken glänzend enttäuschten: Robert Mayer, Darwin, Gustav Jäger, Liebig, Berzelius, Linné, Bessel, Alexander v. Humboldt, Werner Siemens, Riggenbach, List, Thaer u. a. Der gleiche Knabe, der seinen Lehrern so schwerfällig und zurückgeblieben erschien, konnte Erwachsene durch seine frei erfundenen Erzählungen stundenlang in höchste Spannung versetzen. Man kann als sicher annehmen, daß Watt, als Sohn eines Geistlichen und infolgedessen zuerst vorwiegend mit Literatur und Sprachen genährt, wohl einer der fruchtbarsten Dichter Schottlands geworden wäre. Ehe er vierzehn Jahre zählte, brachte ihn seine Mutter Luftwechsels wegen zu Verwandten nach Glasgow. Damals war es ein kleines Universitätsstädtchen, das noch keinen einzigen großen Fabrikschornstein kannte. Jeden Abend vor dem Schlafengehen begann Jung-Jamie seine Tante in ein Gespräch zu verwickeln, in dessen Verlaufe er eine Geschichte nach der andern, fröhlichen oder gruseligen Inhalts, erzählte, während die ganze Familie auf den jedesmaligen Ausgang gespannt war. So verstrichen die Stunden, und die gute Tante kam nicht mehr zu genügendem Schlafe, so daß sie den Jungen nach Greenock zurückbrachte, um die Ordnung ihres Lebens wieder ins Geleise zu bringen. An der Glaubhaftigkeit dieser Anekdote dürfte um deswillen nicht zu rütteln sein, weil auch Walter Scott aus eigner Beobachtung und von Hörensagen wußte, daß noch der hoch betagte Erfinder ein Meister in selbsterfundenen Geschichten war. Als er in hohem Alter in Gesellschaft eines Tages den Faden seiner frei erfundenen Erzählung nicht schnell genug weiterspinnen konnte, vielmehr durch reichliche Griffe in die Schnupftabaksdose Kunstpausen erzielte und dadurch die Frage veranlaßte, ob er heute etwa eine von ihm selbst erfundene Geschichte berichte, soll er geantwortet haben: »Diese Frage setzt mich in Erstaunen. Seit vielen Jahren verbringe ich meine Abende in ihrer Gesellschaft und tue nichts anderes.« Wir haben also sowohl aus der Jugend wie aus dem Alter die gut bezeugte Überlieferung, daß Watt einen unerschöpflichen Phantasiereichtum, eine seltene Gabe für packende, anschauliche Erzählungen besaß. Der große Mechaniker war auch ein hochbegabter Poet, und seine Briefe, fast die einzigen von ihm erhaltenen Schriftstücke literarischen Charakters, bestätigen diese Behauptung, denn Watts Sprache verrät einen wahren Bilderreichtum.
Doch verfolgen wir den Gang seiner weiteren Schulbildung. Von der Handelsschule, die er bis zu seinem vierzehnten Jahre mit reichlichen Unterbrechungen besuchte, kam er in die Latein- oder Grammarschule. Dort machte er gute Fortschritte in Latein und Griechisch, noch bessere aber in Mathematik. In diesem Fache war er der Beste. Zu Hause wurde Zeichnen, Schnitzen, Konstruieren geübt; Jamie besserte Kompasse, Quadranten und sonstige Schiffsinstrumente aus. Watts ganze Denkrichtung hatte sich durch den Mangel an körperlicher Betätigung früh von den Trieben der gleichaltrigen Jugend abzweigen müssen. Vater, Mutter und gute Bücher bildeten den hauptsächlichen Umgang. Und da der Umgang mit Büchern immer auch ein Umgang mit den Menschen ist, die diese Bücher schrieben, so wuchs eben Jamie in der besten Gesellschaft auf, die damals in Greenock zu haben war. Unterhaltungslektüre, Balladen und Geschichten las er so oft, bis er die besten Sachen auswendig wußte.
In die Jugendzeit Watts fiel das letzte Aufflackern der schottischen Rebellion gegen die britische Herrschaft. Bis in die unmittelbare Nähe von Greenock kam eine Streifschar wilder Bewohner der Hochlande. So lernte der Knabe denn die Aufregungen des Krieges, die ihm aus vielen Erzählungen bekannt waren, auch aus dem unmittelbaren Erleben in der engeren Heimat kennen. Aber mehr fesselten ihn doch Instrumente und Maschinen, deren Geheimnis zu enträtseln er keine Ruhe hatte. Wir erfahren, daß er vor Vollendung des fünfzehnten Jahres mit größter Aufmerksamkeit bereits zweimal die Elemente der Naturphilosophie, wir würden sagen der Naturwissenschaft, von 's Gravesande durchgegangen hatte. Das Buch gehörte seinem Vater und ist vermutlich das große zweibändige Werk 's Gravesandes, betitelt »Physices Elementa Mathematica experimentis confirmata«, das 1720 erschien, und von dem mir eine vierte Auflage aus dem Jahre 1748 vorliegt, also aus einem Jahre, da Watt 12 Winter zählte. Dies Werk ist lateinisch geschrieben, mit schönen großen lateinischen Typen gedruckt und so reich mit Kupferstichen ausgestattet, wie man es heute kaum bei einem wissenschaftlichen Werke findet. Selbst wenn Watt aus der englischen Ausgabe in englischer Übersetzung gelernt haben sollte, so dürfte doch anzunehmen sein, daß auch diese die Gesetze der Mechanik, des Luft- und Dampfdruckes, des Lichtes, der Elektrizität usw. mit reichlichen Illustrationen erläutert hat. Vergegenwärtigen wir uns überhaupt einmal, welcherlei naturwissenschaftlich wichtige Tatsachen als Neufunde in den Gesichtskreis des jungen Watt getreten sein mögen, um uns ein Bild der damaligen Zeit in wissenschaftlicher Hinsicht zu machen! Das Werk 's Gravesandes selbst veranschaulicht uns auf das lebhafteste, mit welchem Anteil man der Zusammensetzung des weißen Lichtes aus den bunten Farben nachging, mit welchem Eifer man elektrische Versuche anstellte, wie man sich freute, einen luftleeren Raum herstellen zu können, nachdem das Mittelalter mit seinem Glauben an den Abscheu der Natur vor dem Leeren abgewirtschaftet hatte. Man lebte unter dem Eindruck eines glänzenden Aufschwungs der auf Versuche sich stützenden Forschung und der Mathematik. Die Zeit unmittelbar vor Watt war an naturwissenschaftlichen Entdeckungen vielleicht noch reicher als unsre eigene. Galilei hatte mit dem Fernrohr neue Welten am Firmament entdeckt, hatte den leichten Hauch, das Nichts, die Luft gewogen. Sein Schüler Torricelli maß den Luftdruck. Das Barometer wurde erfunden. Otto von Guericke hatte die Luftpumpe und die erste Elektrisiermaschine erdacht. Huygens konstruierte eine Pulverexplosionsmaschine, in der die Pulvergase einen luftverdünnten Raum erzeugten und der äußere Luftdruck verwendet wurde, durch die Maschine Wasser in die Höhe zu heben. Von da aus nahm die Geschichte der Dampfmaschine ihren Anfang. Newton hatte Versuche über die Zusammensetzung des Lichtes angestellt, das Gravitationsgesetz gefunden, die Infinitesimalrechnung geschaffen. Huygens bewies, daß das Licht eine Art Wellenbewegung sein müsse. Der Schotte und Landsmann Watts, Lord Napier von Merchiston, hatte die Logarithmen eingeführt und damit eine neue Art Hexerei gelehrt. Gerade auf den Gebieten der exakten Wissenschaften ist also das Jahrhundert vor Watts Geburt ein klassisches zu nennen. Aber man würde sich gewaltig irren, wenn man meinte, alle die hochinteressanten Dinge, die uns heute über das Leben der Tiere und Pflanzen, insbesondere über die Kleinlebewelt, über die Insekten und Polypen in ungezählten volkstümlichen Schriften dargeboten werden, seien jenem Zeitalter fremd geblieben. Hales hatte in England physiologische Versuche über das Leben der Pflanze veröffentlicht. Linné war fast zwei Jahrzehnte vor Watt geboren. Der ehemalige Angestellte eines Tuchgeschäftes Anton Leeuwenhoek hatte mit einem selbstgefertigten Kleinseher (Mikroskop nennt man es auf deutsch) die Welt der kleinen Ungeheuer im Wassertropfen entdeckt. Swammerdam lehrte den kunstvollen Bau eines Bienenleibes kennen. Als Watt acht Jahre alt war, gab der Genfer Trembley seinen Zeitgenossen die merkwürdige Entdeckung bekannt, daß der zentimetergroße Süßwasserpolyp sich Umstülpung und zehnfache Zerschneidung gefallen läßt, ohne daß sein Leben endet. Jedes Schnittstück wird sogar wieder ein ganzer Polyp. In die Kindheit Watts fällt die Herausgabe eines sechsbändigen Werkes über das Leben der Insekten, in dem der französische Physiker Réaumur, der gleiche, dem wir die bekannte Thermometerskala verdanken, die erstaunlichen Leistungen der Insekten im Weben und Spinnen, im Bauen und Zusammenarbeiten schildert. Und als Watt aus seinem 's Gravesande die damals noch mit dem ganzen Reiz der Neuheit verklärten elektrischen Versuche und Tatsachen kennen lernte, da dauerte es keine drei Jahre mehr, bis aus Amerika die Nachricht kam, dort habe einer den Beweis erbracht, der Blitz sei nur eine große elektrische Entladung — worüber sich die Londoner Königliche Gesellschaft der Wissenschaften pflichtschuldig erst lustig machte. Ja, so groß war im Anfang des 18. Jahrhunderts die Anteilnahme an den Naturwissenschaften, daß der Hamburger Dichter Brockes in seinen poetischen Werken, die er »Irdisches Vergnügen in Gott« betitelte, gar nicht so üble Verse auf allerhand physikalische, zoologische und sonstige Erscheinungen brachte, Verse, die man auch heute noch lesen kann. Ich wünschte, ich könnte dem Leser hier einen Begriff geben, mit wie zahlreichen belehrenden Abbildungen Werke damaliger Zeit ausgestattet waren, um glaubhaft zu machen, daß James, ein unersättlicher Leser in seiner Jugend, voll Interesse für Physik und Mechanik, für Botanik und Geologie, der lebhaftesten Anregungen selbst in dem weltentlegenen Greenock mit seinen Strohdächern nicht entbehrte. Und wenn der Fünfunddreißigjährige später einmal klagt, er habe noch nichts auf der Welt genützt, so wollen wir angesichts dieser Bekundung von Ehrgeiz nicht unerwähnt lassen, daß auch das Gerücht von andren als wissenschaftlichen Heldentaten an sein jugendliches Ohr drang: die Taten Friedrichs des Großen, des Philosophen auf dem Throne, der einen Voltaire, einen Lagrange in seine Umgebung berief und ein Kriegsheld ersten Ranges war.
Ein Genie ohne die Fähigkeit zum Alleinsein, ohne Hang zur Einsamkeit und Zwiesprache mit sich selbst, dürfte ein Widerspruch in sich sein. Daher wird uns auch von Watt berichtet, daß er gerne bei Nacht einsame Spaziergänge machte, Mond und Sterne beobachtete, ohne Begleitung ausgedehnte Streifzüge in die Umgebung unternahm, in einsame Täler und zu endlos sich streckenden Wasserflächen. Ein Sohn der Schmerzen, insonderheit des Kopfwehs von Jugend auf, las er auch gerne medizinische Bücher, wo er ihrer habhaft werden konnte, und zu seinem Sohne soll er später gesagt haben, er wäre Arzt geworden, hätte er sich fähig gefühlt, das Leiden der Kranken mitanzusehen. Bekanntlich kamen auch Darwin und Herder, beide Väter der Entwicklungslehre, dadurch vom medizinischen Studium ab, daß sie den Anblick der zu ihrer Zeit freilich noch entsetzlich blutig verlaufenden Operationen nicht ertragen konnten. Gerade weil aber für feinere Naturen das ärztliche Studium schwere Hindernisse bietet, will es mir um so unglaubhafter erscheinen, was durch Smiles und Arago, die beide aus bester Quelle schöpfen konnten, berichtet wird: Watt sei eines Tages dabei betroffen worden, wie er den Kopf eines an einer ungewöhnlichen Krankheit gestorbenen Kindes in sein Zimmer trug, um ihn zu sezieren. Dazu gehörten doch wohl nicht nur starke, sondern auch rohe Nerven. Das Fehlen näherer Einzelheiten, nach denen doch die Überlieferer dieser Nachricht hätten forschen müssen, macht die Sache höchst unglaubhaft. Zur Ehre Watts wollen wir annehmen, daß es eine auf Mißverständnis beruhende Anekdote ist. Wir wissen ja aus unsrer eignen Zeit, wie selbst berühmte lebende Forscher in wissenschaftlichen Nachschlagewerken tot oder als im Irrenhaus befindlich verzeichnet wurden; wir wissen, wie Unwahrheiten sich jahrzehntelang in wissenschaftlichen Werken trotz längst erfolgter Widerlegungen erhalten: da mag leicht auch über einen berühmten Mann des 18. Jahrhunderts eine unwahrscheinliche Anekdote vermeintlich zu seiner Ehre, in Wahrheit zu seinem Schaden in Umlauf gebracht worden sein. Es entspricht ein solcher Zug durchaus nicht dem Charakter des großen Erfinders. Watt war es ein unerträglicher Gedanke, daß andre Leute durch seine technischen Projekte sollten zu Schaden kommen; wie hätte er sich da auch nur im Geiste an einer Kindesleiche, an den Gefühlen der nichtsahnenden Eltern versündigen können, abgesehen davon, daß es früher selbst große Gelehrte Kämpfe gekostet hat, in den Besitz von Leichen zu gelangen. Auf diese Art sich Wissen zu verschaffen, stimmt auch nicht zum Wesen eines Mannes, der in seinen Kindertagen täglich im Hause auf die Bilder zweier solcher Geistesriesen zu schauen gewohnt war, wie Newtons und des Logarithmenschöpfers Lord Napiers.
Schon aus den bisher vorgetragenen Bemerkungen über wissenschaftliche und literarische Neigungen des jungen Watt dürfte hervorgehen, daß hier eine außerordentlich vielseitige geistige Beanlagung, ein höchst seltenes Beieinander verschiedenster Talente vorhanden war, die Hand geschickt zu feinsten Zeichnungen, zum Schnitzen, Bosseln und Drechseln, — der Verstand den mathematischen Naturwissenschaften zugewandt und gewachsen, — die Phantasie üppig sprudelnd wie die des fruchtbarsten Romanschriftstellers, — und ein Charakter, dem es vielleicht zur Empfehlung gereicht, daß er sich mit der übrigen Jugend nicht gemein machen konnte, sondern lieber für sich blieb. Wir haben Schilderungen, die den jungen Mann und den ehrwürdigen Greis im gleichen Sinne darstellen. Hier sei zunächst nur das Zeugnis Walter Scotts angeführt, von welcher reichen Vielseitigkeit Watt in seinen alten Tagen noch glänzende Proben ablegte. In der Vorrede zum »Kloster« äußert sich der schottische Romanschriftsteller folgendermaßen:
»Watt war nicht nur der tiefste Gelehrte und derjenige, der mit dem glücklichsten Erfolge aus gewissen Kombinationen von Zahlen und Kräften brauchbare Anwendungen gezogen hatte, er nahm nicht nur unter denen, die durch die Allgemeinheit ihrer Bildung sich auszeichnen, einen der ersten Plätze ein: er war auch der beste, der liebenswürdigste Mensch. Das einzige Mal, wo ich mit ihm zusammengetroffen bin, war er von einer kleinen Gesellschaft Gelehrter aus dem Norden umgeben.... Da sah und hörte ich, was ich niemals wieder sehen und hören werde. Der muntere, liebenswürdige, wohlwollende Greis von 81 Jahren nahm an allen Fragen einen lebhaften Anteil; seine Kenntnisse standen jedem zur Verfügung, der sie in Anspruch nahm. Er verbreitete über jeden Gegenstand die Schätze seiner Talente und seiner Einbildungskraft. Unter den Gentlemen befand sich ein gelehrter Philologe; Watt unterredete sich mit ihm über den Ursprung des Alphabets, als wenn er der Zeitgenosse des Kadmos gewesen wäre. Als ein berühmter Kunstrichter sich zu ihnen gesellte, hätte man behaupten mögen, daß der Greis sein ganzes Leben dem Studium der schönen Wissenschaften oder der Nationalökonomie gewidmet habe. Es würde überflüssig sein, die exakten Wissenschaften zu erwähnen: sie bildeten seine glänzende und spezielle Lebensaufgabe; wenn er indessen mit unserem Landsmann Jedediah Cleishbotham sprach, so hätte man darauf geschworen, daß er der Zeitgenosse Claverhouses und Burleys, der Verfolger und der Verfolgten, gewesen wäre; daß er wirklich genau die Flintenschüsse gezählt hätte, die die Dragoner auf die flüchtigen Covenanter abfeuerten. Wir entdeckten endlich, daß kein Roman von nur einigem Ruf ihm entgangen war, und daß die Leidenschaft des berühmten Gelehrten für diese Art von Schriften derjenigen an Lebhaftigkeit gleichkam, die sie einer jungen Putzmacherin von 18 Jahren einflößen.«
Indessen sollte sich doch diesem so reich beanlagten und verschwenderisch ausgestatteten Jüngling, dem Sohn eines der angesehensten und wohlhabendsten Bürger von Greenock, nicht die gelehrte Laufbahn öffnen. Watts Vater war durch kaufmännische Unternehmungen, durch den Verlust von Seeschiffen in seinen Vermögensverhältnissen zurückgekommen. Er mußte deshalb darauf Bedacht nehmen, den Sohn und dessen jüngeren Bruder bald etwas Praktisches lernen zu lassen. Die Aussicht, Professor der Mathematik oder Naturwissenschaft zu werden, war durch düstere finanzielle Wolken verhängt. Daher galt es, eine Wahl zu treffen, die der Forderung der angeborenen Neigungen und des praktischen Nutzens gleicherweise entsprach: Watt entschied sich für den Beruf eines mathematischen Instrumentenmachers, um als Feinmechaniker immer noch den Überlieferungen der Vorfahren, dem Geiste Newtons und Napiers, den Mahnungen ihrer Wandbilder, treu bleiben zu können. Wir kommen damit zu Watts Lehrjahren.
Achtzehn Jahre alt, verließ James Watt das Vaterhaus, um in dem nicht allzuweit entfernten Städtchen Glasgow bei einem geeigneten Meister in die Lehre zu treten. Dort fehlte es ihm nicht an einflußreichen Verwandten, und von der Gefahr, auf Abwege zu geraten, konnte keine Rede sein. Nur zwei sich kreuzende Hauptstraßen besaß das Städtchen damals, dessen meiste Häuser aus Holz gebaut und mit Stroh gedeckt waren. Selten, daß sich auf dem vorbeifließenden Clyde ein größeres mehrmastiges Schiff zeigte, obwohl die angesehensten Bürger Händler mit Virginiatabak waren, die gar stolz in ihren Scharlachröcken, Hahnfederhüten und Puderzöpfen die kurze Hauptstraße durchwandelten. Wirtshäuser und Zeitungen gab es nicht; die Neuigkeiten der Welt kamen den Glasgowern eine Woche später durch ein Londoner Blättchen zur Kenntnis. Man traf sich, nach Beruf und Neigung zusammengeführt, abends in den Klubs. Theater waren ebenfalls nicht zu finden, und als im Jahre 1752 ein hölzernes Theater errichtet wurde, fand sich das Volk in seinen religiösen Gefühlen so verletzt, daß es die Bude stürmte und die Besucher mißhandelte. Und als der Bau eines Theaters im Jahre 1762 wiederum ins Auge gefaßt wurde, wollte niemand Grund und Boden dazu verkaufen. Zu neuen Ausschreitungen kam es zwei Jahre später, als man vor den Stadttoren dennoch ein Theater baute. Waren also die biederen Glasgower zwar Feinde des Theaters, so doch nicht eines kräftigen und reichlich bemessenen Trunkes, eine Schwäche, die dem nie ganz gesunden Watt jedenfalls nichts anhaben konnte. Zunächst freilich sollte sein Aufenthalt in dem kleinen Universitätsstädtchen, in dem er nach einigen Jahren die wichtigste Erfindung für die Dampfmaschine machte, nicht von langer Dauer sein. Der Meister, bei dem er in die Lehre trat, nannte sich zwar Optiker und war auch ein sehr vielseitiger Mann, der Brillen, Geigen und Spinette verkaufte oder zur Ausbesserung annahm, auch einfachere mathematische Instrumente zur Not wieder instand setzte, aber um des Lebens Notdurft willen auch Angelruten und Fischnetze oder was sonst gewünscht wurde, herstellte. Da man sich aber die Ausbildung des jungen Watt zum mathematischen Instrumentenmacher doch etwas gründlicher und tiefer vorgestellt hatte, so erhielt Watt von dem Professor der Naturwissenschaft Dick den Rat und die nötigen Empfehlungsbriefe zur Übersiedlung nach London. Sie erfolgte in Begleitung eines Verwandten. Hoch zu Roß gelangte der Jüngling in ebensoviel Tagen von Glasgow nach der britischen Hauptstadt, wie es heute mit der Eisenbahn Stunden erfordert, wenn man den bummeligsten Zug nimmt. Watts Unterbringung bei einem Londoner Meister machte aber große Schwierigkeiten. Niemand wollte oder durfte ihn nehmen, da er die vorgeschriebene Bedingung, nämlich siebenjährige Lehrlingschaft bei einem eingesessenen Meister, weder erfüllt hatte noch erfüllen konnte. Nach vierzehntägigem vergeblichem Suchen schrieb Watt an seinen Vater, höchstens gegen Draufzahlung eines Lehrgeldes würde ihn ein Meister für ein Jahr bei sich aufnehmen. So entschloß er sich denn, zunächst bei einem ihm durch seinen Verwandten bekannt gewordenen Uhrmacher namens Neale ohne jede Vergütung in Dienst zu treten. Bei diesem übte er sich in der Kunst des Gravierens. Bald jedoch glückte es ihm, bei einem regelrechten Verfertiger mathematischer Instrumente, namens Morgan, gegen ein Lehrgeld von zwanzig Guineen und Überlassung seiner Arbeitsergebnisse für ein Jahr unterzukommen. Rasch erwarb sich der eifrige Jüngling Fertigkeit in der Herstellung von messingnen Transporteuren, Quadranten, Azimutalkompassen, Theodoliten, Verhältniszirkeln und was der mathematischen Instrumente noch mehr sind. Er lernte auch die Vorteile einer weitgehenden Arbeitsteilung kennen. Im Bestreben, möglichst bald keiner väterlichen Zuschüsse mehr zu bedürfen, schränkte sich Watt aufs äußerste ein, und wo er durch Arbeiten in seiner Freizeit etwas verdienen konnte, setzte er die Stunden der Nacht daran. Schlimme Zustände herrschten damals in London und seiner Umgebung. Das Schicksal, das den deutschen Dichter Seume und viele andre unglückliche Opfer fürstlicher Habsucht und Gewissenlosigkeit traf, über See als Soldat verkauft zu werden, drohte auch einem Watt, wenn er unvorsichtig war. Truppen von Werbern griffen junge Männer auf und zwangen sie, Matrosen zu werden; Agenten der Ostindiengesellschaft führten dieser zwangsweise Leute für den Kolonialdienst zu, Seelenverkäufer lieferten eingefangenes Menschenmaterial auch an die amerikanischen Pflanzer. Wehe dem, der in seinen Personalverhältnissen nicht ganz einwandfrei war! Er entrann nicht mehr seinen Häschern, und Watt hätte sich ebenfalls nicht vor dem Lordmayor genügend legitimieren können, denn er befand sich in einer gesetzlich nicht erlaubten Lehrlingsstellung, er hatte die vorgeschriebenen sieben Jahre Lehrzeit nicht durchgemacht. So konnte er sich immer noch in der Werkstatt seines Meisters am sichersten fühlen, seine zehn Stunden herunterarbeiten und abends, abgerackert und mit zitternden Händen, wie er selbst schrieb, sein Lager aufsuchen. Sein Arbeitsplatz in der Nähe der Ladentür zog ihm aber eine schlimme Erkältung, Husten und Rheumatismus zu. Das Übel wich nicht, so daß Watt im Herbst 1756 nach der schottischen Heimat zurückkehrte, mit Bions Werk über mathematische Instrumente und allem Handwerkszeug versehen, das zur Niederlassung als Meister im Norden erforderlich war.
Nachdem der Zwanzigjährige in der Pflege des Elternhauses seine Gesundheit wiederhergestellt hatte, wollte er sich im benachbarten Glasgow als Meister niederlassen. Aber der Mann, dessen revolutionäre, in Eisen gebundene Werke bald alle Zunftschranken über den Haufen stürzen sollten, mußte sich zunächst von der Glasgower Zunft der Hammerschmiede bedeuten lassen, daß es am Ort keinen Raum für jemanden gäbe, der nicht die regelmäßige Lehrzeit bei einem Glasgower Meister durchgemacht noch einen eingesessenen Bürger zum Vater habe. Es ist ja so ziemlich in den meisten Fällen für die einem Zeitalter allernötigsten Menschen kein Raum gewesen. In Watts Falle aber wurde der Schaden, den die eine Zunft stiftete, durch eine andere Zunft, die Glasgower Professoren, gutgemacht. Watt war mit den Professoren Muirhead und Anderson verwandt. Den Professor Anderson muß man schon um deswillen rühmend hervorheben, weil er der erste war, der Vorlesungen für Arbeiter und Handwerker einführte, Naturwissenschaft ins Volk zu bringen suchte und die volkstümlichen Zwecken gewidmete Andersonian University stiftete. Professor Dick verschaffte dem jungen Meister zunächst den Auftrag, eine Sammlung mathematisch-astronomischer Instrumente wieder instand zu setzen. Diese Instrumente waren über See gekommen und zum Teil verrostet. Sie entstammten dem Nachlaß eines auf Jamaika gestorbenen Kaufmanns Macfarlane, der sich in seinen Mußestunden mit astronomischen Beobachtungen beschäftigte. Und weil die Glasgower Handwerkerzunft Watt nicht einmal eine Werkstatt zu Experimenten beziehen lassen wollte, so ernannte die Professorenschaft den jungen Verwandten zweier ihrer Mitglieder zum Universitätsmechaniker, der den Professoren der Naturwissenschaft mit der Herstellung von Instrumenten an die Hand gehen sollte. Innerhalb der Universitätsräume, in denen die Handwerker nichts zu sagen hatten, wurde Watts Werkstatt eingerichtet, auch durfte er sich noch einen Laden nach der Straße zu halten. Freilich, zu verdienen bekam er nicht viel. Es bestand keine zureichende Nachfrage nach seinen Instrumenten, und der Vater mußte hier und da noch aushelfen. Watt verlegte sich auf den Verkauf von Karten, besserte Geigen, Flöten und Gitarren aus, fertigte auch solche Instrumente und baute sogar auf Bestellung Drehorgeln.
Es ist nicht ohne einen geheimen Reiz, daß der Schöpfer der vervollkommten Dampfmaschine eine Zeitlang Musikinstrumentenmacher war; die reine Unterhaltungs- und Vergnügungskunst der Musik war hier, wie in manch andern interessanten Fällen, die Amme der Technik. So begann auch der englische Physiker Wheatstone, den die Geschichte der Telegraphie kennt, seine Laufbahn als Musikinstrumentenmacher, Hughes war erst Musiklehrer, ehe er in die Telegraphie eingriff, Chladni kam von der Musik her zur Physik, und derartige Beziehungen zwischen Musik und Technik, zwischen einem ästhetischen und dem rein praktischen Gebiet, gibt es noch mehrere, ein Vergnügen für Leute, die gerne verknüpfende Fäden zwischen Gegensätzen aufsuchen. Aus jener Zeit so schlechten Geschäftsganges wird uns berichtet, daß Watt auch, seine Muße auszufüllen, Erzählungen und Verse schrieb — schade, daß uns davon nichts erhalten ist. Dank seiner Vielseitigkeit und den Freundschaften, die er sich erst in Professorenkreisen, dann bei Studenten und Glasgowern Bürgern zu erwerben verstand, brachte er allmählich sein Geschäft doch in die Höhe. Er mietete einen Laden in der Stadt, verband sich 1760 mit einem gewissen Craig, der die kaufmännische Leitung übernahm, und beschäftigte vier Jahre später bereits 16 Arbeiter. Da er nun achtundzwanzig Jahre zählte, war es Zeit, sich nach einer Lebensgefährtin umzuschauen. Die Wahl fiel auf eine Base, namens Miller, ein Mädchen, das ihm eine treue, nie verzagende, aber leider früh entrissene Gefährtin wurde.
Ein Jahr nach seiner Verheiratung machte Watt, als Frucht sorgfältiger experimenteller Forschungen, jene für die Umgestaltung der Dampfmaschine so folgenreiche Erfindung des Kondensators. Ehe wir darauf weiter eingehen, müssen wir unsre Aufmerksamkeit noch einer Person zuwenden, die etwa ums Jahr 1758 den jungen Watt zum ersten Male auf die Verwertung der Dampfkraft hinlenkte.
Robison war es, der, noch etwas jünger als Watt und voll Interesses für mechanische Erfindungen und Gesetze, die Absicht hegte, einen durch Dampfkraft getriebenen Wagen zu erfinden und zu diesem Zwecke Watts Mitarbeit wünschte. Deshalb wollen wir einige Stellen sowohl aus Watts Äußerungen über Robison als aus dessen Mitteilungen über Watt hierhersetzen. Den Siebzigern nahe, schrieb Watt in seinen Erinnerungen an den eben verstorbenen, im Leben treu bewährten Robison folgendes: »Unsre Bekanntschaft begann im Jahre 1756 oder 57, als ich von der Universität Glasgow beauftragt wurde, einige astronomische Instrumente, die ihr Doktor Macfarlane in Jamaika vermacht hatte, in Ordnung zu bringen. Mr. Robison war damals ein sehr hübscher junger Mann und ziemlich jünger als ich. Er führte sich bei mir ein, und ich war glücklich, in ihm eine Person zu finden, die so viel besser über mathematische und philosophische Gegenstände unterrichtet war als ich und, während sie äußerst mitteilsam war, eine sehr klare Art besaß, ihre Gedanken darzulegen. Zwischen zwei jungen Leuten feurigen Geistes und ähnlicher Ziele bildete sich bald eine Freundschaft. — — Bald darnach ließ ich mich als mathematischer Instrumentenmacher im Glasgower Universitätshause nieder und wurde häufig durch Mr. Robisons Gesellschaft beglückt, bis er gegen Ende 1758 die Universität verließ und, wie ich glaube, in einem von Sr. Majestät Schiffen auf See ging. Während dieser Periode lenkte er meine Aufmerksamkeit auf die Dampfmaschine, eine Maschine, von der ich damals sehr wenig Kenntnis besaß, und meinte, daß sie verwendet werden könnte, Räderwagen Bewegung zu geben, und daß es zu diesem Zwecke sehr angebracht sein würde, den Zylinder mit seinem offenen Ende nach unten zu setzen, um die Notwendigkeit zu vermeiden, einen Balancier zu gebrauchen. Diese letztere Idee hatte er einige Zeit zuvor im ‚Universal Magazine‛ veröffentlicht. Demgemäß begann ich ein Modell, mit zwei Zylindern von Zinnblech, die mittels Zahngetriebes abwechselnd auf zwei Räder auf der Achse der Wagenräder wirken sollten. Aber das Modell entsprach, weil zu leicht und ungenau gearbeitet, nicht den Erwartungen. Beide, Mr. Robison und ich, hatten andre Geschäfte, die dringend zu erledigen waren; und da keiner von uns beiden eine Idee von den wahren Prinzipien der Maschine hatte, so wurde der Plan verlassen.« Watt erzählt weiter, wie er dann seine Experimente wieder aufnahm, wie ferner noch einmal im Jahre 1765 Robison ihm die Anregung gab, einen perspektivischen Zeichenapparat des Doktor Lind zu verbessern, wie drei Jahrzehnte später, 1799, Robison, obwohl schwer leidend, im Winter von Edinburg nach London reiste, um in Watts Patentprozeß ein glänzendes Zeugnis für den Erfinder abzulegen. Zum Schluß entwirft Watt noch mit einigen Strichen ein glänzendes Charakterbild seines Freundes, dem er nachrühmt, daß niemand ihm in der schnellen und klaren Erfassung wissenschaftlicher Probleme gleichkam.
In sehr anmutiger Weise wird diese Schilderung des Charakters Robisons durch dessen Worte über Watt ergänzt. Wir müssen sie hierhersetzen, schon weil sie uns den bezaubernden Eindruck beschreiben, den der junge Feinmechaniker auf seine studierte oder studierende Umgebung ausübte. Freilich müssen wir dabei, um kritisch zu bleiben, mit veranschlagen, daß der also gelobte Watt damals bereits der berühmte Erfinder war, den in jungen Jahren gekannt und bewundert zu haben man stolz sein durfte. Robison nun gibt folgende Schilderung: »Ich sah einen Handwerker und erwartete nicht mehr; war aber erstaunt, einen Forscher zu sehen, so jung wie ich selbst und allzeit bereit, mich zu belehren. Ich hatte die Eitelkeit, mich für einen ansehnlich weit vorgeschrittenen Kopf in meinem Lieblingsfache (Naturwissenschaft und Mechanik) zu halten, fühlte mich aber ziemlich vernichtet, Mr. Watt mir so sehr überlegen zu finden.« Weiter schildert Robison, wie er Watt immer auf vorher nicht von andern betretenen Wegen fand, und wie er selber, statt Führer zu sein, ihm folgen mußte. »Alle jungen Leute, die wegen irgendeiner wissenschaftlichen Liebhaberei bekannt waren, wurden Besucher Watts; und sein Zimmer war ein Stelldichein für all dergleichen Leute. Kam irgendeinem von uns eine zu harte Nuß zwischen die Zähne, so gingen wir zu Mr. Watt. Er brauchte nur angeregt zu werden; alles wurde ihm Ausgangspunkt eines neuen und ernsthaften Studiums, und wir wußten, daß er es nicht fahren lassen würde, bis er entweder seine Bedeutungslosigkeit entdeckt oder etwas daraus gemacht hatte. Einerlei, in welcher Richtung, — Sprachen, Altertum, Naturgeschichte, ja sogar auch Poesie, Kunstkritik, Werke von Geschmack wie auch jedes beliebige in der Richtung auf Zivil- oder Kriegsingenieurkunst — er war überall zu Hause und bereit zu unterrichten. Kaum je wurden Projekte wie Kanäle, Flußvertiefungen, Kartenaufnahmen oder dergleichen in der Nachbarschaft unternommen, ohne Mr. Watt zu befragen; und er wurde sogar dazu gedrängt, sich einige beträchtliche Arbeiten auf den Hals zu laden, obwohl sie derart waren, daß er darin nicht die geringste Erfahrung besaß. Fügt man noch zur Überlegenheit seines Wissens, die jedermann zugab, die ungezwungene Einfachheit und Lauterkeit von Mr. Watts Charakter, so ist es kein Wunder, daß die Anhänglichkeit seiner Bekannten stark war. Ich habe ein Stück von der Welt gesehen und ich muß sagen, daß ich nie einen zweiten Fall so allgemeiner und herzlicher Zuneigung zu einer Person, die alle als ihnen überlegen anerkannten, gesehen habe. Doch wurde diese Überlegenheit unter der liebenswürdigsten Lauterkeit verborgen, unter bereitwilliger Anerkennung jeden Verdienstes eines andern. Mr. Watt war der erste, der Begabung eines Freundes Dinge zuzuschreiben, die oft nichts anderes waren als seine eignen Anregungen, weiter entwickelt und ausgestaltet durch einen andern. Ich bin wohl berechtigt dies zu sagen, denn ich habe es oft in meinem eignen Falle erfahren.« Weiter führt Robison in seinem begeisterten Lobeshymnus auf den jungen Watt aus, wie dieser Deutsch lernte, nur um Leupolds »Schauplatz der Maschinen« verstehen zu können, wie Robison selber deshalb ebenfalls die schwere Sprache in Angriff nahm, wie sie beide in einem andern Falle sich an das Italienische machten. Und dann hebt Robison hervor, daß Watt sein Wissen nicht für sich, sondern stets zum allgemeinen Besten erstrebt und aufgespeichert habe. So mitteilsam und offenherzig sei er hinsichtlich seiner Erfindungen und Ideen gewesen, daß er in andern Kreisen, etwa in London, seines geistigen Eigentums hätte leicht beraubt werden können, da andre auf Erfindungen, von denen er kein Aufhebens machte, gleich mehrere Patente genommen haben würden. Tatsächlich werden ja mehrere Erfindungen Watts auf dem Gebiete der Nivellierkunst und der Vermessung namhaft gemacht, auf die andre sich früher oder später Patente erteilen ließen. Brachte es doch sogar der Knopffabrikant Pickard fertig, sich die Watt durch Verrat entwendete Idee der Kurbelbenutzung zur Erzielung von Drehbewegung patentieren zu lassen, während der erste Erfinder gezwungen war, seine eigne, aber einem andern patentierte Idee zu umgehen. Zahlreiche Erfahrungen solcher Art, dazu die jahrelangen Kämpfe nur um das nackte Dasein und das Gelingen seiner Pläne machten freilich aus dem allseits beliebten jungen Manne fast einen Menschenfeind, der sich in den stärksten Ausdrücken über Plagiate und »Schuftigkeit des größten Teiles der Menschheit« erging. Neun Zehntel seien schurkig, der Rest meist Narren. Oder »Die Schuftigkeit der Menschheit übersteigt jede Vorstellung«. Er hatte von seinem Standpunkte aus recht. Gerade die überquellende Begeisterung des bei seinen Landsleuten berühmten Professors Robison darf uns eine Gewähr sein, daß der junge Meister Watt jene Erfahrung durchlebte, die Schiller in seinem kleinen Gedichte »Licht und Wärme« folgendermaßen beschreibt: