Die erzgebirgische Mundart, die als ein ostfränkisch-obersächsischer Mischdialekt bezeichnet wird, kann als eine einheitliche Mundart aufgefaßt werden, da sie gewisse gemeinsame Züge hat, die nur ihr eigen sind und durch die sie sich von allen Nachbarmundarten wesentlich und bemerkbar unterscheidet. Aber innerhalb der Mundart sind die Verschiedenheiten und Abweichungen, die besondern Eigentümlichkeiten und unterscheidenden Merkmale so zahlreich und augenfällig, daß man gut und gerne eine ziemliche Anzahl von Untermundarten unterscheiden könnte. Ein tiefgreifender Unterschied macht sich zunächst geltend zwischen der Sprechweise des östlichen Gebirges, wo die ostfränkischen Bestandteile noch vorherrschen, und dem Westen, wo sie seltener und meist verschliffen sind; fast ebenso bedeutend ist der Unterschied zwischen dem oberen Gebirge und dem mittleren Höhenlande, wo ein allmähliches Verblassen und Verwischen der weiter oben schärfer hervortretenden Züge der Eigenart stattfindet. Aber auch sonst sind die Unterschiede, die Besonderheiten häufig. Jede Gegend, jedes Thal, ja jede Stadt hat ihre Eigentümlichkeiten, die als solche empfunden werden und die Quelle gegenseitiger Hänseleien zu sein pflegen.
Wir wollen betrachten, »wies Vulk redt«, und das redet anders in Kamms (Chemnitz), als in Edern (Oederan), anders in Griehah (Grünhain), als in Zwehnz (Zwönitz).
Der Erzgebirger, besonders der Obererzgebirger, hat eine Vorliebe für dumpfe Vokale und harte Konsonanten. So werden au, ä, eu und ei zu aa (a), z. B. Fraa, Baar, Fraad, Staan; – ei, eu und ö zu ä, z. B. lächt, lächt'n, schännsta; – e zu a, z. B. har; – a zu oo, z. B. Soog'; – o zu uu (u), z. B. Luus. So wird aus j: g, z. B. gän'r (jener), Gahr, Gung, Gag'r (Jäger); – aus g: k, z. B. genunk, Bark (Berg), Kelick (Glück): – aus h: k, z. B. Fluk (Floh).
Fälle von Lauterzeugungen, insbesondere Vokalerzeugungen zwischen gewissen Konsonanten, sind nicht selten, so beispielsweise: Gelut = Glut, geleich = gleich, Gelanz = Glanz, Gelaaben = Glauben, Galied'r = Glieder, ferner: d'rkannt = erkannt, ahamm = heim, noochert = nachher, weiter: Rumpes = Rumpf, Kupes = Kopf, ähnlich: Millich = Milch, Lärig = Lerche, endlich: Taafet = Taufe, Garmerich = Jahrmarkt (vergl. in Thüringen Almerich = Altenburg).
Weit häufiger aber sind die Ausstoßungen von Vokalen, die Verschleifungen von Silben und Wörtern. Gewöhnlich ist der Vokal in den unbetonten Vorsilben ge, ver u. s. w. kaum hörbar, z. B. g'triem = getrieben. Manche Vorsilben verschwinden ganz, wie: 'rei = herein, 'ro = heran, 'nunger = hinunter. Die unbetonten Endsilben werden entweder ganz abgestoßen oder verschmelzen mit der Stammsilbe, z. B. bleim = bleiben, proom = proben, uhm = oben, Laam = Leben, Oomd = Abend, gaehmt = geebnet, wink = wenig, Kuhng = Kuchen, gebung = gebogen, Seng = Segen, Kerng = Kirchen, aang = eigen, fluung = fluchen, werng = würgen, v'rlaang = verleugnen, d'rwang = deswegen, Toong = Tagen, hiesing = hiesigen, Kann'r = Kantor, Rutkaat = Rotkehlchen, geha = gehauen, laen = legen, wer = würde, wurn = geworden. Die Verkleinerungsendung lein erscheint in der Form: la (le). Für die Adjektiv-Endung ig wird manchmal et gebraucht, z. B. schaaket = scheckig, baanet = beinig. – Aber nicht allein unbetonte Silben werden abgestoßen und verschliffen, sondern auch solche mit einem Nebentone, z. B. Nupr = Nachbar, schawern = scharwerken, Handschch = Handschuh, Echerla = Eichhörnchen, Gahlich'n und Gahl'chen = gelbe Hühnchen, arb'n = arbeiten, nong = nachher. Auch kurze Wörter werden mit einander verschmolzen, z. B. wemmer = wenn wir, gimm'r = geh'n wir, vunna = von ihm, hottene = hat er ihn, nu'ch = nun sich, ing = ich ihnen, Bornkinnel = gebornes Kindlein, gippt'r = giebt ihrer, allezamm = alle zusammen, immadim = um und um, ka'sn = kann es ihnen, guttegor = ganz und gar, epps'n = ob sie ihn, würrerch = würde er sich.
Aus der Wortbeugung mögen nur die besondern Steigerungen serner von sehr (= mehr) und ehnder von ehe, die eigentümlichen Zeitformen: huhl für hielt, fuhl für fiel, fuhng für fing, gehatten für gehabt und maanet für meinte erwähnt werden.
Die Sprache des Erzgebirgers weist noch manche Eigentümlichkeit auf. So mischt er seiner Rede gern selbstgeschmiedete Wörter bei und verunstaltet fremde aufs grausamste. Aus Larifari macht er »Larefar«, das Korsett wird zu einem »Kartschetl«, das Porzellan zu »Porzelih«, eine Guirlande zur »Gorlande«. Etwas ganz Neues ist »nieglnoglnei«, wem man den Standpunkt klar machen will, den »laxenirt« man, und ein ungezogener Junge wird nicht bei den Haaren, sondern »bun (beim) Wisch« genommen. Während der Bauer des Niederlandes den ganzen Tag im Hofe und Felde »scharwerkt«, »schabrt« der erzgebirgische; er heimst nicht ein so viel als möglich, sondern er »schobert«, geht auch nicht zum Nachbar auf Besuch, sondern »hutzn«. Ein lediger »Puß« (Bursche) macht im Erzgebirge zwar keinen Lärm, aber großen »Teebes« oder »Teebs«. Als Verkleinerungssilbe braucht der Erzgebirger statt chen und lein »la« (»Kihla« = Kühchen, »Seila« = Schweinchen); außerdem ist er ein Freund der Flickwörter »fei« und »eppr«. Auch die Namen pflegt er zu verunstalten. Aus einem Ludwig macht er einen »Lud« oder »Wig« und Gottlob, -fried, -lieb verkürzt er zu »Lub«, »Fried« und »Lieb«. Ebenso sind im Erzgebirge die Spitznamen mehr denn anderswo daheim. Jeder im Dorfe weiß z. B., wo der »Mahlhenner« wohnt, während ihm der mit Mehl handelnde Heinrich so und so unbekannt ist. Auch fügt man den Taufnamen gern dem Familiennamen bei. Man macht aus dem Gottlob Schulze einen »Schulzenlob«, und sein Sohn Eduard wird zum »Schulzenlobward«, ja selbst ein »Hansenfritzenkarlfried« ist keine so seltene Erscheinung. Es bedingt schon einiges Nachdenken, um z. B. aus »Mahlhennerwigs Puß« den Sohn von Mehlheinrichs Sohn Ludwig und aus »Fuchsdavidkordel« die Tochter Konkordia des Gutsbesitzers David so und so, der zufällig fuchsfarbige Pferde liebt, herauszufinden.
Nach Dr. Oertel u. a.
('n Baur Hansgörg sei Lieblingsredn.)
Th. Krausch.
Der Erzgebirger ist höflich, gefällig und äußerst genügsam. Gern steht er dem Fremden Rede, und im Zwiegespräche sucht er unaufgefordert das Beste zur Unterhaltung beizutragen. Von seiner Genügsamkeit zeugen die einfache Wohnung und die noch einfachere Kost. Dazu kommt Frohsinn, eine ungemeine Verträglichkeit und große Liebe zur Reinlichkeit. Im Erzgebirge wird eifrig gesungen und noch eifriger musiziert. Klostergrab und Breitenbrunn, Kupferberg und Gottesgab, vor allem aber Preßnitz senden Scharen von Musikern hinaus in die Welt. Während es anderwärts oft nicht gut thut, wenn zwei Familien in demselben Hause wohnen, so hausen im Erzgebirge oft drei bis vier Familien in einer Stube, ohne daß man viel von unfriedfertigen Auftritten hört; sicherlich ein Beweis, daß die Bewohner sanft und schmiegsam sind. Der Sinn für Reinlichkeit tritt dem Fremden ungesucht entgegen. Die Gebäude gefallen meist schon durch ihren gut erhaltenen Bewurf und Anstrich, und das Innere der Häuser und Hütten erfreut noch mehr durch die daselbst herrschende Sauberkeit. Die Zimmerwände sind reinlich getüncht, die Dielen weiß gescheuert, die Haus- und Küchengeräte blank geputzt! Und wenn der Maßstab Liebigs richtig ist, daß man die Kultur von Volksgruppen nach dem von ihnen verbrauchten Quantum Seife beurteilen könne, so wird den Erzgebirgern eine bevorzugte Stellung einzuräumen sein; denn nirgends wird wohl mehr als bei ihnen gewaschen und gescheuert. In der That macht auch der geringe Mann im Erzgebirge eher den Eindruck eines verarmten Gebildeten, denn eines armen Natursohnes. Fragt man den Erzgebirger selbst, was er für die wesentlichste Eigenschaft seiner Landsleute halte, so wird man sicher zur Antwort bekommen: »Die Gemütlichkeit!« Ein vieldeutiges Wort, worunter man aber im allgemeinen das Streben zu verstehen hat, sich und anderen das Leben angenehm zu machen. Im Gebirge wird eben aufmerksam beachtet, nicht nur was man sagt und was man thut. Gewandte Personen gelten als »manierlich« und erhalten leicht Beifall; eckige Naturen werden mit zweifelhaftem Auge, Störenfriede mit Widerwillen betrachtet. Durch die genannte »Gemütlichkeit« wird allerdings die Geselligkeit erhöht und ein angenehmer Ton im gegenseitigen Umgang geschaffen, doch auch die Thatkraft und der Trieb zur Selbsterhaltung abgeschwächt.
Ganz besonders vor dem Niederländer zeichnet sich der Erzgebirger durch seine Vorliebe für Tanzvergnügen aus; selbst in den kleinsten Dörfern trifft man oft mehrere, ziemlich groß angelegte Tanzsäle an. Diese Tanzlust ist vielleicht die Folge sowohl der zum Sitzen zwingenden Hausindustrie, als auch der Grundlosigkeit der im Winter verschneiten, im Frühjahr und Herbst aber aufgeweichten Wege; der Tanz bietet dann oft allein Gelegenheit zu der nötigen Bewegung.
An den alten Resten verschwindenden Volkstums und Volksglaubens hängt der Erzgebirger mit wunderbarer Festigkeit; Sagen und Mären, die sonst verschwunden sind, haben sich hier erhalten.
In den erzgebirgischen Familien ist die Überlieferung noch lebendig. Die alte Ahne im Lehnstuhle, die nicht mehr klöppeln kann, weil ihre Finger zittern, erzählt den Kleinen die Wundersagen und die besonderen Geschichten des Thals und des Dorfs, und die bleiben lebendig in den Herzen und Köpfen und werden von den altgewordenen Hörern weiter vererbt.
Hier oben ist noch manches lebendig, das anderwärts schon lange tot ist und mit Moder bedeckt. Hier leben in den langen Winterabenden die Gestalten der altdeutschen Sagen wieder auf, und leuchtenden Auges lauschen die Kleinen den Mären von dem reichen Silberherrn, den der Satan geholt, von dem Bergmann, der die Silberstufen gefunden hat, von dem grauen Männchen in Schneeberg und dem Schwarzkünstler zu Geyer. Die erzgebirgische Tracht ist zwar fast ganz verschwunden, – nur vereinzelt sieht man noch den roten Brustlatz mit blanken Knöpfen, öfter noch die schwarzledernen Hosen und den Sammetbartel, – aber mit ihr nicht die eigenartige Sitte des Gebirges. Besonders mächtig ist noch die christliche Sitte. Was im Niederlande schon als überlebt beiseite geworfen ist, ist in den Bergen noch lebendig. Die christliche Sitte ist aber nicht nur Äußerlichkeit, sie ist auch ein Ausdruck des christlichen Sinns des Erzgebirges, der sich nicht nur in seinem Thun und Treiben, nicht nur in seinem Verhältnisse zur Kirche, sondern auch in seinen Sprichwörtern und seinen sprichwörtlichen Redensarten kundgiebt. Gemeinsam mit dem Vogtländer ist ihm die sinnige Feier des Weihnachtsfestes. Was bei jenem die Krippe, ist bei ihm das Bethlehem, eine Darstellung des Weihnachtswunders, oft vom Vater geschnitzt, oft auch in den Familien forterbend, um das sich die Familie zum Feste sammelt. Die Stelle des Lichterbaumes wird, besonders in den Bergwerksgegenden, durch einen Bergmann vertreten, der ein Licht hält, oder auch durch einen großen Leuchter.
Nach Prof. Berlet und Prof. Dr. Oertel.
Kahl stehen die Bäume, öde die Felder, der Herbst ist eingezogen und mischt sich bereits mit den Anfängen des Winters. Da naht das Hauptfest des Landmanns, die Kirmes. Es setzt schon lange voraus Herzen und Hände in Bewegung. Alle wollen am Feste geschmückt erscheinen. Die Kinder erbitten von den Eltern, dort ein neues Paar Hosen, hier eine neue Jacke. Auch die jungen Leute machen bei dem Dorfschneider ihre Bestellungen, der kaum allen Aufträgen genügen kann, und die Botenfrau muß den jungen Mädchen bunte, seidene Bänder und andere Schmucksachen häufiger als sonst aus der Stadt mitbringen. Auch die Hausfrau hat ihre Pläne für das nahende Fest. Lange vorher hat sie schon den Rahm gesammelt, um genug Butter zum Kuchenbacken zu haben, und bereitet nun Käse, läßt Rosinen, Mandeln, Zucker, Hefen u. s. w. holen, auf daß nichts fehle. Die Kuchen sind bereit und wandern zum Bäcker, um nach einigen Stunden, fertig und noch rauchend, unter dem Jubel der Kinder ihren Einzug wieder in das Haus zu halten. – Aber noch andere Opfer sind nötig. Ein Schwein soll geschlachtet, Sauleed oder Krumbeh, Schlachtfest gehalten werden. Der Fleischer ist bestellt, der Schlachtzettel besorgt, Gewürz, Wasser und Brennholz sind schon am Abend vorher herbeigeschafft. Der späte Herbsttag bricht an, schon knistert das Feuer unter dem Wurstkessel: da klingelt die Thüre und herein tritt der Fleischer, Brust und Beine bedeckt die weiße, frisch gemandelte Schürze. Der breite Ledergürtel unter derselben ist mit Perlen oder Silberplättchen verziert, und an der Seite hängt ein Köcher mit Messer, Gabel und Wetzstahl. Er verrichtet sein Werk und bald ruht das tote Schwein in dem bereitstehenden Troge. Mit Hilfe des heißen Wassers und des Schabeisens sind die Borsten entfernt, das Schwein wird geteilt und Stücken Fleisch in den brodelnden Kessel geworfen. Endlich ertönt der Ruf: »Das Wurstfleisch ist fertig« und alles eilt herbei, um an dem leckern Genuß sich zu laben. Das Schwertelfleisch wird an die Hausgenossen und Nachbarn verschickt. Nun folgt das Bereiten und Kochen der Würste, das Einsalzen des aufzuhebenden Fleisches, ein tüchtiges Bratstück ist zur Kirmes ausgesucht und der Abend schließt mit dem Verzehren der Wurstsuppe und frischer Wurst, als eine Art Vorfeier des immer näher rückenden Festes. Die ärmeren Nachbarn holen sich die Wurstbrühe. Nun wird auch das ganze Haus gerüstet, überall wäscht und kehrt, scheuert und putzt man. Der Kirmessonntag ist da. Beim Aufgange der Sonne weckt das Blasen eines Chorals vom Thurme durch die Dorfmusikanten die schlummernden Bewohner. Bald sind alle in der Wohnstube beim Kaffeetisch versammelt. Die gute Kaffeekanne dampft in der Mitte der Tassen und daneben locken Teller mit Türmen von Kuchenstücken. Man thut dem ersehnten Gebäck die möglichste Ehre an, und Teller und Kanne sind schnell geleert. Der heutige Gottesdienst wird nur spärlich besucht, denn erst am morgenden Tage, am Montag, ist der eigentliche Kirchweihtag. Ist er endlich angebrochen und rufen die Glocken zur Kirche, so eilen die festlich geschmückten Landleute in einzelnen Trupps von allen Seiten nach der lieben Ortskirche, deren Weihtag ja heute gefeiert wird. Heute darf die Kirchenmusik nicht fehlen. Wieder ertönt Glockenklang und heraus strömt die Menge, jeder seiner Wohnung zu. – Welche Freude giebt es bei der Heimkunft. Der Vetter aus der benachbarten Stadt, die Frau Gevatterin aus einem entfernten Dorfe und andere geladene Gäste sind eingetroffen. Endlich ist der Tisch gedeckt. Auf dem Tischtuch von selbsterbautem Flachs prangen Schweine- und Hühnerbraten, daneben die beliebten Kartoffelklöße und Sauerkraut, weißes Brot und Bier, vielleicht auch eine Flasche Wein. Alles setzt sich. Auch der zitternde Großvater im silberweißen Haar rückt seinen altertümlichen Lehnstuhl heran und von seinem wirtlichen Sohne gebeten, nimmt er das Sammtkäppchen von dem ehrwürdigen Haupte in die gefalteten Hände und spricht das Tischgebet. Jeder läßt sich die guten Gerichte wohlschmecken, deren Schluß mächtige Kuchenteller bilden. Nach Tische machen die Männer einen Gang ins Freie, die Kinder haben ebenfalls draußen ihre Lust, wo auf Wegen und Stegen ein fröhliches Leben herrscht. Nur die Frauen bleiben sitzen und erzählen sich bei Kuchen und Kaffee die neuesten Geschichten. Die rückkehrenden Männer gesellen sich auch zu ihnen und unter Gespräch und Genuß vergeht die erste Hälfte des Nachmittags. Später geht man wohl in die Schenke, wo der Tanz der jüngeren Leute bereits um 3 Uhr begonnen hat. Dort setzt man sich zum Glase Bier, man spielt einen Skat, auch Schafkopf oder schaut der unermüdlichen Jugend zu. Um 7 Uhr geht man zum Abendessen nach Hause, das von der Hausmutter festlich zugerüstet ist. Alt und jung nimmt Platz, die Teller werden gefüllt und bald ist alles in reger Arbeit. Ist die Rosinensuppe gegessen, folgt Schweinefleisch mit Zwiebelbrühe, oder Schinken mit Sauerkraut, dann Karpfen mit Krautsalat, zuletzt wieder Kuchen. An Bier, Branntwein, selbst an Wein ist kein Mangel. Nach aufgehobener Tafel bleibt man noch eine Weile beisammen sitzen oder man wandert wieder zur Schenke, wo nun auch die Verheirateten am Tanz sich beteiligen, bald einen Walzer, bald einen Rutscher, einen Dreher u. s. w. verlangend. Spät wird die Kirmeslust beschlossen und mit Kuchenpäckchen beladen ziehen die Gäste dankend heim. – Dienstag bildet noch eine Art Nachfeier, bis endlich an der Mittwoch Haus und Arbeit allmählich wieder in das ruhigere Gleis einlenken. – Am nächsten Sonntag verhallen in der Klein-Kirmes die letzten Klänge und Freuden des Festes: nur die Erinnerung tröstet noch und die Hoffnung, daß nächstes Jahr wieder Kirmes ist.
Nach Spieß.
Unter allen Festen des Jahres nimmt im Gebirge unstreitig das Weihnachtsfest die erste Stelle ein. Bereits einige Tage vor dem heiligen Abend reinigt die Hausfrau mit ihren Töchtern das ganze Haus, putzt Fenster und Gefäße und fegt die Stube. Auf die Dielen der Wohnstube streut sie Stroh, welches auch, so lange die Zwölfnächte dauern, liegen bleibt. Der heilige Abend gilt schon als halber Feiertag. Erwachsene und Kinder haben ihr Sonntagskleid angelegt. Aus der Kammer oder aus dem Keller werden die am Andreasabend gebrochenen Reiser geholt, sie haben in der kurzen Zeit Schößlinge getrieben. Kaum ist die Sonne zur Rüste gegangen, so vereinigen sich die Familienglieder zum frohen Mahl, denn heute giebt es »Neunerlei«. Die sonst so sparsame Hausfrau hat den Ihrigen Klöße, Bratwurst und Linsen, Sauerkraut, Heidelbeeren und sonstige erzgebirgische Feiertagsspeisen, sodaß sie neun Gerichte bilden, aufgetischt. Nach dem Essen bestreut der Hausvater einige Brotschnitten mit Salz und Nußkernen und giebt sie dem Vieh im Stalle, auch dieses soll wissen, daß heute Weihnachten ist. Auch die Obstbäume im Garten beschenkt er am Christabend, indem er sie mit einem Strohseile umwindet, aus Dankbarkeit tragen sie im kommenden Jahre besser. Brot und Salz bleibt im Tischtuche eingeschlagen auf dem Speisetisch während der Nacht liegen, denn nur dann geht das ganze Jahr hindurch der Segen nicht aus. Viele verbringen die Christnacht wachend, um, wie sie sagen, die Metten nicht zu verschlafen. Das junge Volk vertreibt sich die Zeit durch allerhand Kurzweil. In ein mit Wasser gefülltes Gefäß gießen die Mädchen durch einen Erbschlüssel flüssiges Blei, aus der Form des plötzlich erstarrten Tropfens suchen sie die Beschäftigung des zukünftigen Bräutigams zu erraten. Drei Silberpfennige läßt man in einer mit Wasser gefüllten Schüssel schwimmen, nähern sie sich, so findet noch im Laufe des Jahres Hochzeit statt, wozu der Pfarrer, welchen der dritte Pfennig darstellt, seinen Segen giebt. Ein Auseinanderschwimmen bedeutet die Lösung der angeknüpften Liebschaft. Die Zwölfzahl, nach den zwölf Monaten, ist bedeutungsvoll bei all diesen abergläubischen Gebräuchen. Zwölf Schüsseln stellt man auf den Tisch, worin in der einen ein Brautkranz, in der andern ein Totenkranz, in der dritten ein Gevattersträußchen u. s. w. liegt, in die vorletzte aber hat man helles und in die letzte trübes Wasser gegossen. Mit verbundenen Augen nahet sich die fragende Person; je nach dem Wasser, wonach dieselbe greift, wird das Jahr trüb oder heiter für sie sein, wehe, wenn sie nach der Schüssel mit dem Totenkranze die Hand ausstreckte! Zwölf Häufchen Salz formt der Landmann in der Christnacht und stellt sie in Zwiebelschalen; nach der Feuchtigkeit, welche sie in der Nacht angezogen haben, läßt sich bestimmen, welcher Monat trocken oder feucht sein wird. Sind mehrere Töchter im Hause, so nimmt eine nach der andern einen Schuh und wirft ihn nach der Thür; zeigt er mit der Spitze nach dem Ausgange, so verläßt das Mädchen im Laufe des kommenden Jahres das väterliche Haus.
Man achte auf die durch das Kochen des Wassers im Ofentopf entstandene Musik, sie prophezeit das kommende Jahr. Um Mitternacht aber, so lange die Turmuhr die zwölfte Stunde verkündet, spendet das Brunnenrohr draußen im Hofe lautren Wein! Verschiedene Mitglieder der Kantoreibrüderschaft steigen nach Mitternacht die steilen Stufen im alten Wachtturme bis zur Türmerwohnung empor und singen da Weihnachtslieder. Durch die offenen Fenster schallt der Choral: »Vom Himmel hoch, da komm' ich her etc.« in die schweigende Winternacht hinaus. Noch ist das Licht der Sterne nicht erblichen, da rufen die Kirchenglocken zur Christmette. Reich und arm, groß und klein geht zum Gotteshaus, wohl das ganze Jahr hindurch sieht dasselbe selten eine so zahlreiche Menge Andächtiger, als an diesem Morgen. Vom Chore herab ertönt das alte lateinische Weihnachtslied, das in der Übersetzung lautet:
Auch die Weissagung aus dem Propheten Jesaias, welche im 9. Kapitel steht und mit den Worten anhebt: »Das Volk, so im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht etc.« wird gesungen. Ein jeder Kirchgänger hat sein eigenes Mettenlicht mitgebracht, der Lichtstumpf wird später daheim heilig aufbewahrt, denn zündet man denselben während eines Gewitters an, so schlägt der Blitz nicht ein, so behauptet wenigstens der Aberglaube. Die letzten Klänge der Orgel sind kaum verklungen, so eilt schon die frohe Kinderschar den elterlichen Wohnungen zu, in ihrer Abwesenheit hat ja das Christkind seine Gaben ausgebreitet. Der Leuchter, welcher auch in der ärmsten Hütte nicht fehlt, ist angezündet, die Pyramide dreht sich, der »Berg« strahlt im hellsten Kerzenlicht. Der Berg ist ein in der Stubenecke terrassenförmig aufgebauter Paradiesgarten mit Hirsch und Jäger, mit Stall und Krippe, mit Engel und Stern, kurz mit allem, was der Vater in den langen Winterabenden für seine Lieblinge zusammenbaute. Heller jedoch als die Lichtlein strahlen die Augen der beglückten Kleinen.
Die Christnacht ist die erste Nacht der Zwölfnächte. Da muß man auf die Träume achten, da sie in Erfüllung gehen. Die Zwölfnächte werden im Erzgebirge auch wohl Innert- oder Internächte genannt, also Zwischennächte, da sie zwischen dem heiligen Abend vor der Christnacht und demjenigen vom Hohenneujahrstage liegen.
In Geyer knüpft sich an den Mettenbesuch folgende Sage: Ein altes Mütterchen, welches von Kindheit an gewöhnt war, die Christmetten zu besuchen, legte sich nicht schlafen, damit sie den Ruf der Glocken nicht überhöre. Die Wanduhr war stehen geblieben, da schien es ihr, als riefen die Glocken zur Kirche. Rasch macht sie sich zum Kirchgange auf, die großen Bogenfenster der Kirche waren auch schon hell erleuchtet. Wie früher hatte ein jeder Kirchgänger sein Mettenlicht angezündet, die Weissagung wurde gesungen, so auch das Quem pastores. Nur däuchte es ihr, als ob die Andächtigen bleicher als sonst aussähen und als sie näher hinschaute, waren es lauter Verstorbene. Eine Nachbarin zupfte sie am Kleid und wisperte ihr ins Ohr: »Gevatterin, Ihr seid zu früh und deshalb in die Totenmetten gekommen, dort seht Ihr die Schattenbilder derer, die in dem kommenden Jahre die unseren werden. Damit Ihr nicht auch dazu kommt, so werft beim Verlassen der Kirche Euern Mantel ab.« Erschreckt verließ das Mütterchen die Kirche, that aber, wie ihr die Gevatterin geheißen. Am andern Morgen fanden die Kirchgänger auf jedem Grabe des Friedhofes, welcher die Kirche umgiebt, ein Stückchen von dem Mantel, den die alte Frau beim Besuch der Totenmetten getragen hatte.
Nach Spieß.
Weihnachtsspiele gab es noch in den beiden ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts im Erzgebirge und in dessen Nähe allenthalben, vorzüglich aber waren sie da heimisch, wo Bergbau getrieben wird, und Bergleute waren auch meist die Darsteller. Es gab zwei verschiedene Arten von Christspielen, die Engelschar und die Königschar. Eigentlich hießen so die Gesellschaften, welche sich gebildet hatten, um die Geburt Christi darzustellen, aber man bezeichnete die Spiele selbst auch mit diesem Namen. Die Engelschar bildeten zwei Engel in weißen Kleidern, mit Flügeln und hohen goldpapiernen Kronen; dann der heilige Christ selbst, der hier seltsamer Weise in Mannesgestalt auftritt, während die Geschichte von seiner Geburt aufgeführt wird, der Bischof Martin und der heilige Nikolaus, statt dessen an andern Orten Petrus auftrat, welche ebenfalls in langen, weißen Gewändern gingen und Kronen trugen, während Christus das Zepter, Martin eine Rute, Nikolaus einen grünen Zweig, Petrus einen großen, gelben Schlüssel in der Hand hielt; ferner Josef, Maria, der Wirt, zwei Hirten und der Knecht Ruprecht. Diese zogen von Haus zu Haus. Der heilige Christ fragte nach dem Fleiß und der Folgsamkeit der Kinder, Martin mußte sie im Katechismus prüfen und Gebete aufsagen lassen, Ruprecht schreckte die Ungehorsamen durch seine Drohungen, der heilige Christ aber beschenkte die Artigen; dann wurden die Geburt Christi im Stalle zu Bethlehem, die Verkündigung an die Hirten auf dem Felde und die Anbetung der Hirten im Stalle dargestellt und an passenden Stellen Weihnachtslieder gesungen; zuletzt verabschiedete sich Christus und die ganze Schar mit einer Ermahnung an die Kinder.
Diese Art der Weihnachtsspiele ist wahrscheinlich die älteste. Als unsere Vorfahren noch Heiden waren, so glaubten sie, daß in den zwölf Nächten nach dem heidnischen Feste der Wintersonnenwende die Götter sichtbar auf Erden herumzögen, und viele der noch heute üblichen Weihnachtsgebräuche deuten noch auf diesen Glauben hin; selbst die zu Weihnachten und zum neuen Jahre in manchen Gegenden vorgeschriebenen Speisen sollen ursprünglich Opfermahlzeiten gewesen sein. Es ist leicht möglich, daß in dieser Zeit die heidnischen Priester als Götter verkleidet umherzogen, um das Volk oder wenigstens die Kinder in Ehrfurcht vor den Göttern zu erhalten. Als aber die Deutschen Christen wurden, behielt man die alte Sitte bei, nur traten an die Stelle der alten Götter Christus, Maria und andere heilige Personen; nur der Ruprecht, dessen Name »der Ruhmesprächtige« bedeutet und der eigentlich der Gott Thor der alten Deutschen gewesen sein soll, der Gott des Donners, blieb noch bei der Schar, aber nicht als Gott, sondern als schreckende Knechtsgestalt, wie wir ja wissen, daß die Geistlichen, da sie die Furcht vor den alten Göttern nicht ausrotten konnten, sie wenigstens als böse oder finstere Mächte darstellten. Bemerkenswert ist auch der Umstand, daß die Engelschar, wie die Leute sich ausdrücken, »das Recht zu gehen«, d. h. herumzuziehen, vom ersten Advent bis zum Neujahr oder Hohenneujahr hatte; vom Hohenneujahr bis zur Lichtmeß hielt dann die Königschar ihre Umzüge. Diese bestand aus zwei Engeln, Josef, Maria, dem Wirt, zwei oder drei Hirten, den drei Weisen oder Königen aus dem Morgenlande, Herodes, seinem Diener und einem Schriftgelehrten und führte die ganze Geschichte von der Geburt Christi bis zum Kindermord in Bethlehem auf, und zwar in der Regel nicht von Haus zu Haus ziehend, sondern in einem größeren Zimmer oder Saal, wo die Zuschauer sich vorher versammelt hatten. An einigen Orten kennt man die Engelschar gar nicht, man nennt dann die Spieler auch nicht die Königschar, sondern die Heiligenchristspieler.
Das Obererzgebirge war früher der eigentliche Mittelpunkt der Weihnachtsspiele. In Annaberg gab es selbst eine Gesellschaft, meist aber kamen die Gesellschaften der umliegenden Ortschaften, die in der Stadt ihre Christspiele aufführten. In der Umgegend von Annaberg giebt es fast keinen Ort, der nicht früher seine Engel- oder Königschar oder beide zugleich hatte. Noch in den 50er Jahren bestand eine Königschar in Frohnau. 1838 wurde dieselbe das letzte Mal in Wiesa aufgeführt. In Hermannsdorf hat die Engelschar am Anfange dieses Jahrhunderts ihr letzte Weihnachtsspiel aufgeführt. 1850 spielte man in Königswalde das letzte Mal. In Raschau gab es noch 1850 das Dreikönigsspiel; ebenso in Grünhain und Crottendorf. In Geyer spielte die Engelschar etwa 1810 zum letzten Male. In Grumbach spielte man noch 1836–40. In den 40er Jahren bestand die Bärensteiner Engelschar noch. Die allerjüngste Aufführung der Engelschar geschah 1857 in Mildenau. – In neuester Zeit sind mehrfach Weihnachtsspiele veröffentlicht und mit Erfolg aufgeführt worden.
Nach Mosen.
Die älteste Form des erzgebirgischen Weihnachtsspieles waren die einfachen Hirtenspiele, welche die Verkündigung der Geburt Christi auf dem Felde und die Anbetung des Christkindes durch die Hirten behandelten. Hierzu kamen dann die »Heilige Christfahrten« und die »Drei Königsspiele«. Aus der Verbindung der »Heiligen Christfahrt« mit dem altüblichen Hirtenspiele ging die »Engelschar«, aus der Verbindung des »Drei Königsspiels« mit demselben die »Königsschar« hervor. Während »Engelscharen« und »Königsschar« vielfach erhalten sind, finden sich »Heilige Christfahrten« nur selten.
1631
Personen:
Der Engel Gabriel.
Hierauf klopft ein anderer Engel oder auch statt des Engels ein Bauer draußen an die Thür und spricht:
Dann tritt der Heiland ein, dem der Engel Michael vorangeht.
Der Heiland.
Beklagen sich die Eltern über ihre Kinder, so spricht der Heiland:
Beklagen sie sich aber nicht, so hebt Uriel an zu klagen:
Darauf der Heiland:
Nikolaus tritt für die Kinder ein und spricht:
Der Heiland.
Nikolaus.
Der Heiland.
Nachdem die Kinder ihre Gebete hergesagt, spricht der Heiland:
Nikolaus.
Der Heiland.