(Alter Bursch und Fuchs treten auf.)
Alter Bursch.
Ich muß dich vor allen Dingen,
Hier in dieses Wirthshaus bringen,
Wo der Bursch fast immer kneipt;
Kannst am Abend wie am Morgen,
Beim Philister Porzel borgen,
Wenn er auch oft doppelt schreibt.
Ich bin ihm schon höllisch schuldig,
Doch der Kerl der ist geduldig.
Fuchs.
Wenn das Tante wüßte, Fritze
Mir verbot man Kaffeehäuser.
Alter Bursch.
O so sprich doch etwas leiser.
Hört’ man deine schnöden Witze,
Könnte man ja Wunder denken.
Fuchs.
Gott wie magst du Tante kränken.
Alter Bursch.
Mutter ist ein Frauenzimmer,
Fürchtet sich bei Allem immer;
Doch wie die Philister sagen,
War Papa als Bursche schlimmer
Hat sich alle Tag’ geschlagen.
Ist ein Erzsuitier gewesen.
Hab seinen Namen im Carcer gelesen.
Fuchs.
Fritz! nein ich bezweifle dies,
Onkel der ist so vernünftig.
Alter Bursch.
Nun das werd ich auch zukünftig,
Wahr ist es auf Cerevis.
Fuchs.
In den letzten zwei Semestern
Sollt’st du wirklich fleißig sein.
Das versprachst du mir noch gestern,
So gewiß, und fest; allein —
Alter Bursch.
Ja ich will auch, laß das Lästern,
Fuchs.
Der verdammte Branntewein!
Denke dran was du versprochen.
Alter Bursch.
Hab’ ich denn mein Wort gebrochen?
Hab’ die ganze Nacht gewacht,
Immerfort hab’ ich studirt,
Nicht gegrockt und nicht gebiert.
Fuchs.
Nun, das hast du brav gemacht.
Alter Bursch.
Heute mach ich eine Pause,
Aber jetzt erzähl mir ja,
Was macht Mutter und Papa
Und die Schwestern denn im Hause?
Und wie gehts in unserm Städtchen,
Insbesondere mit den Mädchen?
Sprich, was macht Louise Kranz?
Fuchs.
Neulich sah’ ich sie beim Tanz,
Schwer hob sie die Schwanenbrust,
Gerne wollt ich mit ihr tanzen,
Doch sie hatte keine Lust.
Alter Bursch.
Warum machte sie Speranzen?
Wenn sie mir das abgeschlagen,
Hätt’ ich wollen sie curanzen!
Fuchs.
Gott! wie kannst du so was sagen?
Denk dir, ihre Augensterne
Blickten still und schmachtend nieder,
Immer sprach sie ach! von dir.
Alter Bursch.
Ja sie mag mich höllisch gerne.
Wenn die Besen sich verkeilen
Sind sie einmal nicht zu heilen.
Fuchs.
Könnt wie du, ich, um sie minnen,
All mein Leben setzt’ ich dran,
Diesen Engel zu gewinnen. —
Alter Bursch.
Seht mir mal den Crassen an.
Fuchs.
Wird Ihr Vetter lange bleiben?
Fragte sie von Schmerz erweicht,
Gerne wollte ich an ihn schreiben,
Doch ich fürchte daß er schweigt.
Sieh so sprach sie, Du Profaner!
Alter Bursch.
Ach der Besen ist halb toll,
Zwar poussirt hab’ ich ihn mal,
Aber ich war noch Primaner.
Fuchs.
Fritz bei dem verwandten Blute
Das ja in uns beiden fließt,
Und so wahr das reine Gute
Ewig unvergänglich ist;
Reich Louisen deine Rechte
Wolle ihr dein Leben weihn,
Eurem kommenden Geschlechte,
Will ich Freund und Onkel sein.
Nie mehr wird mein Auge trübe
Denn ich denk’ an Körners »Durch«
Ich veredle meine Liebe
Gleich dem Ritter Toggenburg.
Wenn ich dann oft einsam weine
Daß Dein Mädchen mich verkannt,
Daß die Holde nicht die Meine!
Einst mich decket Grabes-Sand!
Fritz! dann mögest Du ihr sagen,
Opfer kennt die Liebe keine! —
Alter Bursch.
Das ist doch zum Überschlagen!
Fuchs.
Marmorstein! wirst du nicht roth?
Alter Bursch.
Die Louise Kranz in Ehren,
Lieber Jung’! ich hab’ kein Brod
Eine Frau mir zu ernähren.
Fuchs.
Willst du denn des Mädchens Tod?
Alter Bursch.
Hör’! ich will sie dir cediren,
Willst du tüchtig Wein poniren!
Aber nimm es mir nicht krumm.
Fuchs.
Hör Elender! du bist dumm.
Meines Hasses Fackel lodert. —
Solch ein schändlicher Betrug!
Alter Bursch.
Das Wort »dumm« das ist genug.
Du touchirst, weist nicht warum.
Aber Fuchs du bist gefordert.
Fuchs.
Wohl! ich folg’ zum Waffentanz    (ab).
Alter Bursch.
Ich bin meiner Seel verplext,
Wie kann mich der Jung’ touchiren?
Die verdammte Lise Kranz
Hat den Bengel wol behext?
Doch der Fuchs muß revociren
Millionen Donnerwetter!
Hört man das im Vaterlande,
Louis bleibt ja doch mein Vetter,
Das wär’ eine ew’ge Schande. —

Ich hatte kaum meine Scene beendet, als das Schnarchen meines Stubengenossen aufhörte. Er warf sich auf die linke Seite, und alsbald strömten einzelne Worte, wie »Vergebung liebe Mutter!« »Folge mir nicht lieber Bruder« an mein Ohr! —

Ich horchte, vernahm aber nichts mehr. Da hörte ich plötzlich einen gewaltigen Lärmen im Hause. Göttinger Studenten mit Pfeifen im Munde, an denen gewaltige Quäste herunter baumelten, traten in mein Zimmer.

»Wo ist die Heidelberger Eminenz?« erscholl es, »wo ist der Secretair der Heidelberger Burschenschaft, der Jenenser Deputirte? Er soll mit uns trinken und morgen den unpartheiischen Zeugen bei unsern Paukereien machen.«

Und als sie diese Worte gesprochen hatten, trat ein Theil vor mein Bett, der andere vor das meines Reisegefährten. — »Laßt den Kerl liegen, das ist ein Philister,« scholl es, endlich, während der Herr von Leben zum Tode, ganz unbeweglich da zu liegen und offenbar nur verstellt zu schlummern schien. —

Aber auf einmal rief wieder Einer der zum Bett des Fremden geschlichen war. »Kinder! der Kerl trägt ein Kainszeichen. Das ist gewiß der Scharfrichter, von dem der Kalenderverkäufer und die beiden Berliner erzählten.«

»Ja wahrhaftig ein Scharfrichter!« riefen Alle. »Und mit dem schläft ein Bursch in Einem Zimmer. Das ist gemein, solch einen Kerl müssen wir stürzen. Der soll sich mit uns pauken.«

Ich hatte Alles nicht ohne Verwunderung angehört, uns erstaunte dabei zu gleicher Zeit über die Frechheit der Studiosen welche in Kassel alle Zöpfe trugen. Jetzt aber war meine Geduld zu Ende. Ich sprang aus dem Bett und rief: »die Eminenz ist Euer Mann. Hätte ich nur einen Secundanten dann wollten wir die Sache gleich abmachen. Ihr seid alle dumme Jungen.« Meine Forderung machte eine wunderbare Wirkung, die Burschen wurden kleinlaut und zogen, einen Heidelberger Cottillon singend, von dannen. Ich verschloß die Thüre und legte mich zur Ruhe.

Aber wunderbar! aus einem großen Wandschranke des geräumigen Zimmers traten plötzlich zwei meiner getreuesten Cerevisianer und versicherten mir auf Cerevis und Ehrenwort, daß sie mir nur voraus geeilt seien um ihre Eminenz würdig zu empfangen. Der eine, der Graf von Schoppentod, (es war bekanntlich in der Winterzeit) übergab mir eine künstliche Josmine und ein solches Weinblatt, so wie eine wirkliche Monatsrose, die von mir gestifteten Ordensembleme, der andere Graf von Bierfedel hatte einen ungemein großen Humpen Cerevis in den Händen, den er mir mit einigen feierlichen Worten kredenzte. —

Ich wollte den edlen Stoff an die Lippen setzen und Bescheid thun, aber, hilf Himmel! der Henkel des Kruges brach und Gefäß und Bier stürzten auf die Erde. — —

Mit einem, »O! über das herrliche Cerevis!« erwachte ich, und merkte nun nur zu deutlich, daß ein Traum mich gefoppt hatte; ich wäre übrigens in der That auch im Wachen ein solcher Bierheld und Raufer wie im Schlaf gewesen.

Unfern meines Bettes saß der Scharfrichter, welcher mich schweigend anblickte. - »Sie haben im Traum viel mit ihren Kameraden zu thun gehabt,« bemerkte er jetzt. —

Besseres als wie du mit Mutter und Bruder, dachte ich mitleidig schweigend. —

Jetzt bemerkte ich erst, daß mein Stubenbursche mein Stammblatt in der Hand hatte. Diese schien ihm zu zittern.

»Haben Sie,« fragte er jetzt mit bebender Stimme, »diese Zeilen mit irgend einer Beziehung auf mich geschrieben?«

Ich erröthete urplötzlich, da mir die Worte und ihre Misdeutung sogleich gegenwärtig waren.

»Ich kann Ihnen versichern,« stammelte ich nach kurzer Pause, »daß ich meine Worte wohlwollend und nicht in der mindesten Absicht geschrieben habe, Ihnen weh zu thun.« —

»Ihre Gesichtsfarbe straft Sie Lügen mein Herr!« rief der Fremde sofort aus dem Zimmer eilend, auf meine Bitten, ruhig da zu bleiben und mich anzuhören, nicht ferner achtend. Ich eilte ihm vergebens nach, er floh wie ein Besessener davon, und war sofort aus dem Hause.

Mit dem Bewußtsein, in den Augen des Unglücklichen für einen erzmalitiösen Menschen zu gelten, schied ich mit schwerem Herzen und leichter Börse von Kassel. Noch jetzt verfolgt mich der Gedanke und ich habe die Worte des König Philipps begreifen gelernt, wenn er von Posa sagt:

»Er dachte klein von mir und starb.«

Aber vielleicht ist mein Reisecompagnon noch nicht todt. Wahrlich! ich möchte an alle Scharfrichter Norddeutschlands ein Exemplar dieses Buches senden. Vielleicht versöhnte ich den armen gekränkten Hinko noch. Wenn’s noch ein scharfer[1] Richter gewesen wäre! Ich kenne wohl einige, welche einiger exemplarischen Fingerzeige bedürfen, allein die sollen klein von mir denken wenn ich sterbe, dafür bin ich ihnen gut oder schlecht. Meine Memoiren, welch nach meinem Tode heraus kommen sollen, sind kein Phantom, aber wenn auch kein Böttichersohn Klatschereien, denn sie sollen nichts als die verité enthalten, werden sie doch sehr im Contrast zu den Inschriften auf den Leichensteinen stehen, die manchem Lieblosen auf das Grab gesetzt werden.