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Der Professor Radspiller war ein alter schwacher Lehrer, an dem fast alle Schüler ihr Müthchen durch gewaltige Ungezogenheiten kühlten. Ich habe immer einen zu großen Respekt für das Alter gehabt, um mich gegen diesen depontanen[4] Mann zu versuchen, der mir in allen Conferenzen das Zeugniß gab, daß ich sein bester Schüler sei, wie ich denn auch in der That durch meine Autorität gar manchen heftigen Aerger von ihm abgewandt habe. Nichts desto weniger habe ich ihn einmal zur Folie gebraucht, um die Wallenstein’sche Kapuzinerrede zu travestiren. Auch diese humoristische Erinnerung an meine Jugend, durch welche ich dem Professor Zimmermann gleichsam eine reparation d’honneur wegen meiner Travestie auf die Glocke machen wollte, möge hier ein Plätzchen finden.
Der Professor Köstlin war ein interessanter und vielseitig gebildeter Mann, wenn gleich seine Schwächlichkeit, welche auch seinen frühen Tod herbei führte, oft seine Stimmung verdüsterte. — Von den übrigen Lehrern ist nicht viel zu referiren. Damals las der jetzige Professor Müller, welcher so eben von der Universität zurück gekehrt war, ein gelehrtes und interessantes Collegium über den Juvenal. Müller hing unbedingt an dem alten Gurlitt, und wurde darum oft als Schmeichler desselben getadelt.. Mich hat diese Anhänglichkeit die gewiß aus reinem Herzen kam, immer gerührt, die, wenn auch Müller keinesweges dem alten Herrn an Gelehrsamkeit so sehr nachstand, doch aus dem schönen Gefühl entsteht, von welchem erfüllt, Schiller seinen Don Carlos aus rufen läßt:
Das Leben der Hamburger Primaner hatte sehr wenig Burschikoses. Nur etwa zwei Male im Jahr wurde so eine Art von Kommersch im Eimbeckschen Hause gehalten, was am andern Tage jedes Mal durch ganz Hamburg bekannt wurde, weil die Vorübergehenden etwas Unerhörtes, »lateinisch Singen« vernommen hatten. Wir Holsteiner hielten uns auch ziemlich unter uns, oder verkehrten oft mit den Altonaer Schülern, und ich vor allen Dingen mit Wit von Dörring, dessen ich bereits im ersten Theile erwähnt habe. Mit ihm, dem liebenswürdigen Professor Wolff in Jena, einem gewissen Pelt und Bahrdt, beide höchst gemüthliche und talentvolle Jünglinge, hatten wir einen Dichterbund gestiftet, der sich monatlich einmal in Altona versammelte, und in welchem Witt, durch sein vielseitigeres Wissen, die erste Rolle spielte.
Wit hat viele und harte Beurtheilungen erfahren und ich will nicht alle seine Handlungen vertheidigen. Eitelkeit und Thatendurst haben ihn in manche Verirrungen gebracht, aus denen ihn übrigens seine bessere edlere Natur jedesmal noch vor dem Verderben herausriß. — Das Geschwür seiner Eitelkeit ist geplatzt und er zeigt der Welt, daß eine gute Haut darunter sitzt. Er lebt im Besitz einer vortrefflichen Frau und liebenswürdiger Kinder, in glücklichen finanziellen Verhältnissen zu Urbanowiz im Preußischen Schlesien, von wo aus er Glück und Segen nach Kräften verbreitet. Zu beklagen bleibt es immer, daß seinem großen Talent, seinen gereifteren und geläuterten Ansichten und seinem redlichen Willen, nicht ein noch größerer praktischer Wirkungskreis vom Staate angewiesen ist, der doch nicht immer mit ihm zürnen und einsehen sollte, daß Wit ein viel zu edles Herz besitzt, um je in Schand und Bosheit willigen zu können. Wenn er, wie ich nicht bezweifle der Verfasser des Büchleins, das etwa so lautet: »Memoiren eines Reisenden der sich ausruht« ist, worin Dänemark vortrefflich geschildert ist, so wäre eine ähnliche Zeichnung der übrigen deutschen Höfe nicht bloß eine interessante Lectüre, sondern sogar ein Gewinn für die Geschichte zu nennen. — Wit’s Mutter war eine vortreffliche, geistreiche Frau, deren Bruder, der bekannte Baron Eckstein, der geistvollster Correspondent der allgemeinen Zeitung ist. Sein Vetter, Ferdinand Teuffer, dies bekannte Holsteinsche cerveau brulè, voll herrlicher Anlagen, ist von seinen ewigen, selbst geschaffenen Leiden, vor Kurzem durch den Todesengel befreit.