Der Strauch und die Eiche.
In eines Strauches Schatten war gepflanzt
Der Eiche Sproß, im Schutze vor der Sonne;
Doch, neidisch auf der Eiche kräft’ge Höh’,
Bedeckte sie der Strauch mit seinen Blättern.
Allein die Eiche hob sich himmelwärts
Und sah beschämend auf den Strauch hinab.

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So sucht auch oft des Schülers freien Sinn
Der niedre Strauch, der Lehrer zu ersticken.

Der Professor Radspiller war ein alter schwacher Lehrer, an dem fast alle Schüler ihr Müthchen durch gewaltige Ungezogenheiten kühlten. Ich habe immer einen zu großen Respekt für das Alter gehabt, um mich gegen diesen depontanen[4] Mann zu versuchen, der mir in allen Conferenzen das Zeugniß gab, daß ich sein bester Schüler sei, wie ich denn auch in der That durch meine Autorität gar manchen heftigen Aerger von ihm abgewandt habe. Nichts desto weniger habe ich ihn einmal zur Folie gebraucht, um die Wallenstein’sche Kapuzinerrede zu travestiren. Auch diese humoristische Erinnerung an meine Jugend, durch welche ich dem Professor Zimmermann gleichsam eine reparation d’honneur wegen meiner Travestie auf die Glocke machen wollte, möge hier ein Plätzchen finden.

(Der Magister tritt auf.)
Heisa, Juchheisa, Dideldumdei!
Das geht ja hoch her. Bin auch dabei!
Ist das eine Klasse von Studiosen?
Seid Ihr Türken? seid Ihr Franzosen?
Werft Ihr so mit frechem Blick,
Als hätte der allmächtige Fick[5]
Das Chiragra, könnte die Hand nicht rühren?
Ist es jetzt Zeit zum Expectoriren,
Sich für’s Schwänzen zu expostuliren?
Quid hic statis otiosi?
Was steht Ihr und legt die Hände in den Schooß?
Der Teufel ist jetzt in den Klassen los:
Die Primaner haben sich schlecht betragen,
Einer ist an die Ohren geschlagen,
Und Ihr, anstatt ein Exempel zu nehmen,
Streicht umher, laßt’s Euch wenig grämen,
Geht lieber in’s Wirthshaus und in die Schenke,
Als in den Unterricht des Herrn Enke;
Sorgt lieber für Euren dummen Bauch,
Als für den gelehrten Doctor Strauch:
Nehmt lieber Liqueur und franksche Essenz,
Als französische Dictate des feinen Lemenz;
Mögt lieber Dampf aus der Pfeife ziehn,
Als Nutzen aus den Lehren des Doctors Köstlin.
Die Lehrer studiren Tag und Nacht,
Doch Ihr gebt kaum am Tage Acht.
Es ist eine Zeit der Thränen und Noth;
Auf Euren Rücken stehen die blausten Wunder,
Und schlüg’ Euch Fick nicht blutig roth,
Ihr riss’t mich am Ende vom Katheder herunter!!
Der Custos steckt seine dicke Ruthe
Vor seiner Bude Fenster aus,
Die ganze Schul’ ist ein Klagehaus,
Doch Ihr beharrt im Uebermuthe.
Um unser berühmtes Gymnasium
Leider Gottes — giebt man nichts um.
Die Prüfungen sind worden zu Prüglungen,
Die gelehrten Klassen sind worden rohe Massen:
Anstatt in Folianten aus Bibliotheken
Les’t Ihr in alten Romanencharteken,
Und das beschimpfende Carzer allhie
Ist worden Euer täglich’ Logis. —
Woher kommt das? Das will ich Euch verkünden!
Das schreibt sich her von Euren Lastern und Sünden,
Von dem Greuel und Heidenleben,
Dem sich primi und Schüler ergeben.
Das Billard bei Benne ist der Magnetstein,
Der Euch führt in das Haus der Sünde hinein;
Doch auf den Spektakel da folgt der Bakel,
Wie auf den Branntwein das Trunkensein;
Das zu lieben, erregt das jus,
Das ist die Ordnung im Livius[6].
»Sed ubi erit spes literarum,
Me si vexatis?« Wie soll man siegen,
Wenn Ihr die Stunden schwänzt, und warum?
Wenn Ihr thut in den Pavillons liegen.
Eine Frau hier in der Nachbarschaft
Fand ihren bösen Ehemann wieder,
Der Bäcker fand seine Gesellen wieder[7],
Napoleon seine vertriebenen Brüder:
Aber wer bei Schülern sucht
Fleiß, Gehorsam und gute Zucht,
Der wird nie seine Hoffnung erjagen,
Thut er auch alle Rücken zerschlagen.
Zu dem König der Franzosen,
Wie wir lesen im Correspondenten,
Kamen sogar Soldaten gelaufen,
Thaten Buß, um sich Gnade zu erkaufen,
Fragten ihn: »Sire! que faire?«
Wie machen wir’s, daß wir kommen bei Euch in Ehr’?
Et il repond, und er sagt:
Dites: »Vive le roi!«
Wenn Ihr keine Nelken tragt,
L’etat c’est moi,
Wenn Ihr nicht in meinen Jagden jagt,
Suivez le roi, Euch begnügt
Avec les fleurs de lis, mit meinen Orden, —
Kurz, wenn Ihr bessern Sinnes geworden. —
Es ist ein Gebot: Du sollst die Namen
Deiner Lehrer nicht übel auskramen;
Aber wo hört man mehr blasphemiren,
Als wenn man hier horcht an den Stubenthüren?
Wenn der Senat für jeden boshaften Witz,
Den ihr losbrennt von Eurer Zungenspitz,
Müßtet geben ein Zweimarkstück her,
Es wäre die hamburger Bank bald leer;
Und wenn für jede Travestie,
Die Ihr macht ohne mathematisch’ Genie,
Ein Wassertropfen fiel in ein Anker Wein,
Das Getränke würde bald schier Wasser sein.
Der alte Gurlitt war auch Primaner,
Der gelehrte Hipp lange Tertianer,
Aber wo steht denn geschrieben zu lesen,
Daß die Beiden jemals witzig gewesen?
Muß man den Mund doch, ich sollte
Nur aufmachen zu einem »Helf Gott!«
Zum Exponiren und Butterbrod;
Aber Ihr seid stets mit Wein erfüllt,
Der als Humor aus Eurem Munde quillt.
Wieder ein Gebot ist: Du sollst studiren!
Ja, das befolgt Ihr nach dem Wort:
Ihr studirt auf Ränke immerfort.
Vor Euren Griffen und Satanspfiffen,
Vor Euren Praktiken und bösen Kniffen
Ist man nicht sicher, in seinem Haus,
Ihr hebt mir Nachts die Laden aus
Und tragt mir Hunde und Katzen heraus.
Was sagt Doctor Gurlitt? »Assidui estote,
Spart die clavis Ernesti vom Morgenbrode!«
Aber wie soll man die Schüler loben,
Wenn ihnen immer verziehen wird von oben,
Weil der Professor Zimmermann
Die Menschen ohne Strafe regieren kann!

Der Professor Köstlin war ein interessanter und vielseitig gebildeter Mann, wenn gleich seine Schwächlichkeit, welche auch seinen frühen Tod herbei führte, oft seine Stimmung verdüsterte. — Von den übrigen Lehrern ist nicht viel zu referiren. Damals las der jetzige Professor Müller, welcher so eben von der Universität zurück gekehrt war, ein gelehrtes und interessantes Collegium über den Juvenal. Müller hing unbedingt an dem alten Gurlitt, und wurde darum oft als Schmeichler desselben getadelt.. Mich hat diese Anhänglichkeit die gewiß aus reinem Herzen kam, immer gerührt, die, wenn auch Müller keinesweges dem alten Herrn an Gelehrsamkeit so sehr nachstand, doch aus dem schönen Gefühl entsteht, von welchem erfüllt, Schiller seinen Don Carlos aus rufen läßt:

»Da mich der Muth verließ ihm gleich zu sein,
Entschloß ich mich ihn gränzenlos zu lieben.«

Das Leben der Hamburger Primaner hatte sehr wenig Burschikoses. Nur etwa zwei Male im Jahr wurde so eine Art von Kommersch im Eimbeckschen Hause gehalten, was am andern Tage jedes Mal durch ganz Hamburg bekannt wurde, weil die Vorübergehenden etwas Unerhörtes, »lateinisch Singen« vernommen hatten. Wir Holsteiner hielten uns auch ziemlich unter uns, oder verkehrten oft mit den Altonaer Schülern, und ich vor allen Dingen mit Wit von Dörring, dessen ich bereits im ersten Theile erwähnt habe. Mit ihm, dem liebenswürdigen Professor Wolff in Jena, einem gewissen Pelt und Bahrdt, beide höchst gemüthliche und talentvolle Jünglinge, hatten wir einen Dichterbund gestiftet, der sich monatlich einmal in Altona versammelte, und in welchem Witt, durch sein vielseitigeres Wissen, die erste Rolle spielte.

Wit hat viele und harte Beurtheilungen erfahren und ich will nicht alle seine Handlungen vertheidigen. Eitelkeit und Thatendurst haben ihn in manche Verirrungen gebracht, aus denen ihn übrigens seine bessere edlere Natur jedesmal noch vor dem Verderben herausriß. — Das Geschwür seiner Eitelkeit ist geplatzt und er zeigt der Welt, daß eine gute Haut darunter sitzt. Er lebt im Besitz einer vortrefflichen Frau und liebenswürdiger Kinder, in glücklichen finanziellen Verhältnissen zu Urbanowiz im Preußischen Schlesien, von wo aus er Glück und Segen nach Kräften verbreitet. Zu beklagen bleibt es immer, daß seinem großen Talent, seinen gereifteren und geläuterten Ansichten und seinem redlichen Willen, nicht ein noch größerer praktischer Wirkungskreis vom Staate angewiesen ist, der doch nicht immer mit ihm zürnen und einsehen sollte, daß Wit ein viel zu edles Herz besitzt, um je in Schand und Bosheit willigen zu können. Wenn er, wie ich nicht bezweifle der Verfasser des Büchleins, das etwa so lautet: »Memoiren eines Reisenden der sich ausruht« ist, worin Dänemark vortrefflich geschildert ist, so wäre eine ähnliche Zeichnung der übrigen deutschen Höfe nicht bloß eine interessante Lectüre, sondern sogar ein Gewinn für die Geschichte zu nennen. — Wit’s Mutter war eine vortreffliche, geistreiche Frau, deren Bruder, der bekannte Baron Eckstein, der geistvollster Correspondent der allgemeinen Zeitung ist. Sein Vetter, Ferdinand Teuffer, dies bekannte Holsteinsche cerveau brulè, voll herrlicher Anlagen, ist von seinen ewigen, selbst geschaffenen Leiden, vor Kurzem durch den Todesengel befreit.