Arbeiterhäuser der deutschen Plantage Vaitele auf Samoa.
Von oben fällt aus der Schlucht, welche dort durch hohe Bäume abgeschlossen wird, das wilde Wasser als etwa 10 m hoher und 6-8 m breiter Wasserfall herunter in ein tiefes, vom Wasser ausgehöhltes Steinbecken, wo es sich schäumend und brodelnd austoben muß, da die Sohle des steinernen Bettes sich wieder hebt und dem Wildling nur eine Mächtigkeit von vielleicht ½ m gestattet. So fließt er denn an unserm Lagerplatz, welcher ungefähr 20 m von dem Fuß des Wasserfalls entfernt ist, schon wieder als klare, spiegelblanke, hellgrüne Masse eilig vorbei und über einen glatten, die ganze Breite des Flusses einnehmenden Felsrücken von 50-60° Neigung hinweg wieder in ein 8-10 m tiefer liegendes Becken und nach weitern 20 m noch einmal über solch einen gleichen Felsrücken, um dann wieder im Waldesdunkel zu verschwinden. Das Hauptvergnügen des Bades besteht nun darin, daß man aus dem obern tiefen Wasserbecken schwimmend so zu dem Felsrücken gelangt, daß man sitzend von dem schnellfließenden Wasser geschoben auf der glatten Steinfläche herunterrutscht, in dem untern Becken durch das eigene Gewicht tief untertaucht und dort dann dasselbe Kunststück mit dem zweiten Absatz macht. Zurück muß man natürlich auf dem Landwege und dann kann das Spiel von neuem beginnen, wenn man Lust dazu hat. Von uns hat keiner das Kunststück gewagt, mit Ausnahme eines deutschen Herrn aus Apia, welcher sich mit Viehzucht beschäftigt und die Stadt mit Butter versorgt und den Kniff aus seinen jüngern Jahren her kennt. So leicht und elegant auch der dicke Herr in seiner rothen Badehose mit fliegender Fahrt auf dem Steinrücken heruntersauste, unten im brodelnden Wasser verschwand, prustend wieder zum Vorschein kam und sich mit einigen geschickten Schwimmschlägen wieder in die richtige Lage brachte, um auch den zweiten Abrutsch zu nehmen, fand er unter uns doch keinen Nachfolger, als er keuchend den steilen Landweg wieder heraufkam und die Schwimmfahrt zum zweiten mal ausführte.
Wir begnügten uns mit dem Bad in dem obern Becken unter dem Wasserfall, frühstückten danach und machten uns um 3 Uhr auf den Heimweg durch den Wald und zwei schön gehaltene samoanische Städte, in deren einer wir auch einen Samoaner antrafen, welcher uns in gutem hamburger Plattdeutsch ansprach, das er auf einem deutschen Schiff gelernt hatte. Uns kam dies im ersten Augenblick höchst komisch vor, denn es wirkt immer frappirend, wenn man einen Fremdling eine Abart der eigenen Sprache sprechen hört. Wir langten zu guter Zeit in Apia an, sodaß wir uns vor dem Essen noch umziehen und etwas ausruhen konnten, und hiermit will ich in der Erinnerung an diesen schönen Ausflug meinen ersten Besuch der Samoa-Inseln abschließen.
Seit heute Nachmittag befinden wir uns im Hafen von Sydney oder wol richtiger im Port Jackson, wie die Engländer ihn ohne Rücksicht auf den Namen der dazu gehörigen Stadt nennen. Die ganze Umgebung mit dem summenden Geräusch, welches einem großen Handelsplatz immer eigenthümlich ist, kommt mir wie eine neue ungewohnte Welt vor, da wir seit sechs Monaten nichts Derartiges mehr gesehen und gehört haben, denn mit dem Verlassen von Valparaiso hatten wir von europäischer Civilisation Abschied genommen, und nun liegen wir ohne einen ähnlichen vermittelnden Uebergang, wie wir ihn auf dem Wege nach den Südsee-Inseln doch in Panama und Nicaragua gefunden, plötzlich nicht mehr vor einer vom Passatwind umwehten und von Palmen umrauschten tropischen Insel, sondern inmitten eines Häusermeeres, vor dessen Steinmassen alle Naturgebilde zurücktreten müssen. Hier werden wir nun nach langer Zeit der Entbehrungen mancherlei Zerstreuung und all die Annehmlichkeiten wiederfinden, welche eine große, reiche und nur von Europäern bewohnte Stadt zu bieten vermag; aber neu wird es uns wieder sein, ganz unter der Menge zu verschwinden, nachdem wir so lange Zeit hindurch überall den Mittelpunkt gebildet haben. Und an den Vorzug, sich wieder einmal ungezwungen und ungekannt in neuer Umgebung frei bewegen zu können, muß man sich auch erst gewöhnen. Eins erinnerte mich übrigens bei unserer Ankunft hierselbst doch daran, daß wir uns noch in der fernen Südsee befinden: der englische Postbeamte, welcher sich bei mir nach mitgekommenen Postsachen erkundigte. In diesen Gewässern übernehmen noch Kriegs- wie Kauffahrteischiffe unentgeltlich die Beförderung der Post zwischen den Plätzen, welche noch keine Postdampferverbindung haben, und so hatten auch wir von dem Herausgeber der Samoa-Zeitung in Apia, welcher dort die Briefe für die australischen und neuseeländischen Postämter in Empfang nimmt, einen Briefbeutel mitgebracht, welchen ich dem Beamten nach Prüfung des unverletzten Verschlusses aushändigen ließ.
Das war eine lange Reise von Apia bis hierher. 25 Tage für nur 2400 Seemeilen macht im Durchschnitt nicht einmal eine deutsche Meile für die Stunde, und an der Unbeständigkeit der Witterung konnten wir wol merken, daß wir uns hier jetzt im südlichen Winter befinden. Seit der Zeit, wo wir die Passatzone verlassen haben — am 30. Juli — haben wir viel stürmisches Wetter angetroffen und ungünstigerweise immer nur Weststürme, welche uns keinen Nutzen brachten. Manches Segel ist uns bei den Böen weggeflogen, kleine Havarien in der Takelage fehlten auch nicht, und am ärgerlichsten war dabei immer noch, daß das Wetter sich diese schlechten Scherze vorzugsweise für die Nacht aufhob und so die Wache an Deck fast stets volle Arbeit für die Nächte bekam. Als ein großes Glück muß ich es indeß betrachten, daß wenigstens eine Bö, welche vorgestern das Schiff überfiel, uns am Tage und zu einer Zeit traf, wo wir gerade keine Segel führten, denn ich weiß nicht, in welchem Zustand oder wo die „Ariadne“ sich sonst jetzt befände. Wir standen am Vormittag des erwähnten Tages nur noch 200 Seemeilen von Sydney ab und der Wind war so unbeständig, daß ich Dampf machen ließ, um aus dieser Gegend herauszukommen, was uns allerdings nicht viel half, da schon im Laufe des Nachmittags ein Weststurm einsetzte, welcher uns zwang, bis gestern Mittag mit Sturmsegeln beizudrehen. Die Feuer unter den Kesseln waren also angesteckt und es konnte sich nur noch um eine Viertelstunde handeln, bis wir genügenden Dampfdruck hatten, um die Maschine in Gang setzen zu können, als von Süden her eine weiße Wolke mit stärkerm Wind heraufzog, welche zwar nicht besonders drohend aussah, mich aber doch veranlaßte, schon vor ihrem Eintreffen die Segel festmachen zu lassen, weil diese Arbeit während der Bö ja sehr viel schwerer sein mußte. Die Mannschaft war an Deck gerufen, die Segel wurden gegeit, die Marsraaen liefen herunter, die Matrosen enterten auf, die Segel verschwanden unter ihren Händen und in dem Augenblicke, wo die Leute die Takelage wieder verließen, setzte die Bö hell pfeifend von der Seite ein und gleich derart urplötzlich mit ihrer ganzen Kraft, daß das Schiff, obgleich keine Segel standen, mit einem Ruck 23° übergeneigt wurde und unter dem riesigen Winddruck so liegen blieb, bis die Wolke über uns weggezogen war, was etwa eine Minute währte. Da das Schiff zur Zeit ziemlich leicht war, weil Proviant, Kohlen und Wasser nahezu aufgezehrt waren, so lag die Gefahr nahe, daß es bei der Plötzlichkeit und Heftigkeit des ganzen Vorganges gekentert worden wäre, wenn es sich noch unter Segel befunden hätte. Denn wenn die Mars- und Untersegel nicht mehr rechtzeitig von ihren Fesseln hätten befreit und wirkungslos gemacht werden können, so würden diese starken Segel und die schwere Takelage bei dem verhältnißmäßig geringen Gegengewicht des Schiffsrumpfes wahrscheinlich den ersten Anprall ausgehalten haben ohne zu reißen und zu brechen und dann hätte die Korvette ein Ende gefunden, wie es in dieser Gegend schon manchem Schiff bereitet worden ist. Bei Tage schon wurde die Gefahr nicht in ihrer ganzen Größe vorher erkannt, aber es lag doch die Möglichkeit vor, im letzten Augenblicke noch durch Loswerfen aller Taue die Segel und einen Theil der Takelage preiszugeben und so das Schiff zu retten, bei Nacht aber wäre dies wahrscheinlich nicht mehr möglich gewesen, wenn die Wolke nicht etwa in der Dunkelheit sehr viel drohender ausgesehen und so zu größern Vorsichtsmaßregeln Veranlassung gegeben hätte.
Eines Tages begegneten wir einer Heerde kleiner Walfische, welche mit hohen Bogensprüngen aus dem Wasser heraus auf uns zueilten, etwa eine Stunde bei dem Schiff blieben, gleichen Curs mit ihm haltend, und dann wieder im weiten Meere verschwanden. Als die plumpen Thiere sich scheinbar so übermüthig in und über dem Wasser tummelten, kam mir der wunderliche Gedanke, daß das von ihnen empfundene Wohlbehagen und Vergnügen sich eigentlich auch in ihrem Gesichtsausdruck widerspiegeln müsse, und ich nahm unwillkürlich das Fernrohr zur Hand, um mir die schwarzen Gesellen genauer zu betrachten. Was ich an den Thieren aber fand, war nicht schön, denn an mehrern entdeckte ich frische Wunden, Stellen, wo 20-30 cm große Stücke Fleisch aus dem Körper herausgerissen waren und woraus ich glaube folgern zu müssen, daß die Fische nicht nur zum Vergnügen aus dem Wasser heraussprangen und an unser Schiff sich herandrängten, sondern dies thaten, um großen Raubfischen zu entgehen, da die Wunden wol auf den Biß eines Haifisches zurückgeführt werden mußten. Das Wasser war leider zur Zeit so bewegt, daß man mit dem Auge nicht unter die Oberfläche dringen konnte, denn sonst wäre es vielleicht möglich gewesen, den Räuber zu entdecken.
Das Beste und Schönste der Reise hierher war die Einfahrt in den hiesigen Hafen, wenngleich sich uns heute Vormittag, als wir bei schönem Wetter Land ansteuerten, Australien nicht von der vortheilhaftesten Seite zeigte, da die durch die Blue Mountains gebildeten hohen Bergketten, deren obere Spitzen bei klarem Wetter von See aus zu sehen sein müssen, sich wie gewöhnlich in ihren bläulichen Dunst gehüllt hatten, daher für uns unsichtbar blieben und das erste australische Land, welches in unsern Gesichtskreis trat, die durchschnittlich nur 100 m hohe, kahle und öde Küste bei Sydney war, auf deren Kamm sich Leuchtthürme, Signal- und Flaggenmasten, sowie einige kleine Gebäude für die Küstenwache in klaren Umrissen von dem bläulichen Dunstkleid der weiter im Lande liegenden Berge abhoben. Mit unserm Vorschreiten entwickelt sich die Küste als eine steile graue Wand, welche nach den Angaben der Karte so jäh abfällt, daß an ihrem Fuß die Meerestiefe immer noch 14-20 m beträgt. Nördlich von den Leuchtthürmen, da, wo der Bug unsers Schiffes hingerichtet ist, wird ein Einschnitt, die 1800 m breite Einfahrt zum Port Jackson sichtbar, in welcher jetzt auch das Hinterland kenntlich wird und immer deutlichere Zeichnung annimmt. Wir dampfen in die Einfahrt, schlagen einen rechten Winkel nach links, steuern zwischen schwimmenden Seezeichen hindurch und an einem Feuerschiff vorbei über eine schmale Bank oder Barre von nur 7 m Wassertiefe, drehen nach einigen Minuten wieder nach rechts, und vor uns liegt eins der schönsten Hafenbilder einer geschäftigen großen Handelsstadt.
Eine Wasserstraße, welche durch Verschiebung des Landes von unserm Standpunkt aus allerdings nur auf eine Länge von drei Seemeilen zu sehen ist, zieht sich in gerader Linie zwischen coulissenartig vorspringenden Landzungen hin, welche beide Seiten der Wasserfläche einfassen und deren mittlere freie Bahn in der äußern uns zunächst gelegenen Hälfte auf 1800 m und später auf nur 600 m verringern. Hinter den Landzungen zeigen sich aber zurücktretende Wasserbuchten von 600-2000 m Tiefe und durchschnittlich 500 m Breite, welche zu unserer Linken von Häusern und ganzen Stadttheilen, zu unserer Rechten von Villencolonien und grünbelaubten Abhängen umschlossen werden. Hinter den Buchten links die amphitheatralisch aufsteigende Stadt mit großen Steinbauten, breiten Straßen und großen parkähnlichen freien Plätzen, rechts die bewaldeten Höhen mit den vor ihnen liegenden und von großen Gärten umgebenen schönen Wohnhäusern, Villen und Flaggenmasten. Links fast nur Menschenwerk, rechts vorherrschend Naturgebilde. Die Wasserfläche ist belebt mit Ruder- und Segelbooten, zu Anker liegenden und in Bewegung befindlichen großen Segel- und Dampfschiffen, auf den hohen Ufern am Lande zeigen sich Erholung suchende Menschen, welche das einlaufende fremde Kriegsschiff durch Tücherschwenken begrüßen; mehrere kleine belaubte Inseln mit stattlichen Gebäuden liegen inmitten der großen Straße; von der Stadt her dringen lange nicht mehr gehörte Laute, wie sie die Vielgeschäftigkeit einer großen, nach Gelderwerb strebenden Menschenmasse erzeugt, an unser Ohr: Dampfpfeifen, Hämmern und Schlagen, und das Gesumme und Gewoge, welches sich aus tausenderlei vielen kleinen Tönen zu einem unbestimmbaren Geräusch zusammenfindet. Gelderwerb ist wol das Schlagwort, welches hier alles beherrscht und sich auch dem einlaufenden fremden Schiff gleich aufdrängt, denn als wir die Stadt noch nicht sehen konnten und ihr mit 11 Knoten Geschwindigkeit entgegeneilten, warf sich ein zierliches leichtes Boot, wie sie nur in Sydney gebaut werden, mit großem Geschick an unsere Seite, hakte sich am Schiffe fest und ließ sich mitschleppen. Ich glaubte zwar, daß das Boot bei unserer großen Fahrgeschwindigkeit gleich unter Wasser schneiden würde, aber nichts von dem, der Junge, welcher den Haken geworfen hatte, paßte auf die Leine auf, ein behäbiger Herr saß am Steuer und nickte uns vertraulich seinen Gruß zu, war aber kein Hafenbeamter oder Lootse, wie ich angenommen hatte, sondern ein ehrsamer wasserkundiger Schlächtermeister, welcher, rechtzeitig von unserm Einlaufen unterrichtet, dem Schiff gleich entgegengefahren war und durch sein meisterhaftes Manövriren mit dem Boot zunächst erreichte, daß man ihn überhaupt herankommen ließ, weil man ihn für etwas anderes hielt, als er war, und er nachher dann als Erster das Schiff bestieg, um seine Waare anzupreisen. In einer der kleinen Buchten, Farm-Cove, welche als Liegeplatz für die Kriegsschiffe reservirt ist, ankerten wir zu Füßen des zum Gouverneur-Palast gehörigen Parks, über dessen Baumwipfel das vornehme Gebäude hinwegsieht und einen Rundblick über den ganzen Hafen hat.
Einfahrt zum Hafen von Sydney.
Port Jackson könnte vielleicht der beste Handelshafen der Welt genannt werden, wenn nicht der Hauptarm der Bucht, an welchem auch die Stadt liegt, durch die vorher schon genannte Barre, welche Schiffen von über 7 m Tiefgang das Einlaufen verwehrt, von dem Meere getrennt würde. Sonst hat der Hafen überall genügende Wassertiefe für die größten Schiffe und, was als geradezu unschätzbar angesehen werden muß, eine Uferlinie, welche in Schlangenwindungen sich um die ganze Bucht hinziehend, eine fortlaufende Kette der schon genannten kleinen Einbuchtungen mit großen Wassertiefen darstellt.
So scheint es fast, als ob die Natur selbst diesen Hafen als großen Handelsplatz geplant habe, da er in seiner Gestaltung als Muster für moderne künstliche Hafenanlagen dienen könnte, denn der Theil des Landes, welcher zur Zeit von der eigentlichen Stadt in Anspruch genommen wird, hat durch diese natürlichen Seitenhäfen eine dreifach größere Uferstrecke erhalten, als er haben würde, wenn das Ufer geradlinig verliefe, und was dies bedeutet, zeigt die Zahlenangabe, daß die jetzige Stadt Sydney infolge dieser Ufergestaltung allein an der Südseite der Bucht, wo die Geschäftsstadt liegt, eine Uferlinie von zehn Seemeilen Ausdehnung hat, während dieselbe sonst nur drei Seemeilen betragen würde. Aber nicht nur für die bequeme Befrachtung der Schiffe mit ungefährlichen Frachtgütern hat die Natur gesorgt, sondern sie hat auch noch die kleinen Inseln als Pulver-, Petroleum- u. dgl. Niederlagen in den Hafen gebaut. Durch diese natürlichen Vorzüge mußten auch die Verkehrsverhältnisse aus der innern Stadt nach dem Hafen außerordentlich bequeme werden und man konnte bei ihrer Anlage von einer ungebührlichen Ausdehnung in die Länge absehen. Ob Sydney auch mit einem weniger vorzüglichen Hafen das geworden wäre, was es jetzt schon ist, muß bezweifelt werden. Wahrhaft betäubend wirkt es, wenn man hört, daß während die Stadt im Jahre 1840 24000 Einwohner hatte, die Bevölkerung jetzt schon über 200000 Seelen beträgt und vorläufig noch in demselben Verhältniß weiter wächst.
15. September 1878.
Unsere Zeit ist nun auch hier abgelaufen und morgen werden wir Sydney wieder verlassen, um nach der uns gewordenen Erholung von neuem unsern Dienstpflichten nachzugehen. Vier Wochen in solcher Stadt zu leben ist genügende Zeit, um viel sehen und lernen zu können, aber nur, wenn man frei über sich verfügen darf und es einem auch gestattet ist, ungekannt die Eigenthümlichkeiten der Tag- und Nachtbilder zu studiren. Dieser Vorzug wurde mir aber nicht zutheil, denn vom ersten Tage an mußte ich mich zu der Gesellschaft des Gouverneurs, zu welcher auch unser Consul gehört, rechnen und war dadurch gleich infolge der verschiedenartigsten Einladungen derart gebannt, daß ich an interessante Entdeckungsfahrten in das Volksleben nicht denken konnte, sondern mich in dieser Beziehung mit dem begnügen mußte, was die jüngern Herren mir darüber erzählten.
Am Morgen nach meiner Ankunft, nachdem ich den Besuch unsers Consuls empfangen hatte, machte ich mit diesem Herrn zusammen dem hier residirenden Gouverneur von Neusüdwales meine Aufwartung, durfte mich auch seinen Damen vorstellen und erhielt gleich zum Abend desselben Tages eine Einladung zum Diner. Im Laufe des Nachmittags erwiderte der militärische Adjutant des Gouverneurs in dessen Namen meinen Besuch und übergab mir auch im Auftrage der liebenswürdigen Dame des Hauses einen Schlüssel zu einem quer ab von unserm Ankerplatz liegenden Thor zu dem Gouvernements-Park, damit ich bei meinen Besuchen im Government-House stets auf dem kürzesten und zweifellos angenehmsten Wege dahin gelangen könne. Der Gouverneur ist Civilbeamter und gehört zu der bevorzugten Menschenklasse, aus welcher die englische Regierung die Personen für diese wichtigen Posten auswählt, wenngleich die Herren, welche hierzu berufen werden, oft ihre eigentliche Heimat nicht mehr wiedersehen, da sie das höchste Amt eines Gouverneurs in der Regel in einer Colonie nur abgeben, um es in einer andern wieder zu übernehmen. Der Gouverneur von Neusüdwales hat einen fürstlichen Sitz, bezieht ein Jahresgehalt von 7000 Pfd. St. und erfreut sich daneben noch mancherlei anderer diesen Aemtern zukommenden Gerechtsame. So hat er das Recht der Wahl seines Adjutanten und Secretärs, was für sein Familienleben zuweilen von großer Bedeutung ist, wie z. B. in dem vorliegenden Falle der Gouverneur den Gatten seiner ältesten Tochter, einen Armeeofficier, sich als Adjutanten hat commandiren lassen, sodaß die Aeltern nun den Vorzug genießen, wenigstens diese Tochter nebst Gatten und Kind stets mit unter ihrem Dache zu haben, da Adjutant und Secretär ihrem Gouverneur von Platz zu Platz folgen und im Government-House Dienstwohnung finden. Andererseits müssen die Aeltern allerdings auch oft auf vielleicht Nimmerwiedersehen von ihren Kindern Abschied nehmen, denn wenn der hiesige Gouverneur Australien verlassen sollte, dann muß er sich wol für immer von seiner zweiten Tochter trennen, da diese während unsers Aufenthalts hierselbst einen Herrn geheirathet hat, der als Besitzer großer Viehstationen sich schwerlich wieder von Australien wird losreißen können, denn je größer der Besitz ist, um so stärker ist ja der Besitzer an die Scholle gefesselt. Ein mir als reich bezeichneter älterer Herr, welchen ich kennen lernte, sprach sich sehr wehmüthig und entsagungsvoll darüber aus, daß er nicht mehr nach Alt-England zurückkehren könne, und als ich dies in Rücksicht auf seine gute finanzielle Lage nicht verstehen wollte, gab er mir die Erklärung, daß er nie einen Käufer finden würde, welcher im Stande sei, ihm einen nur einigermaßen annehmbaren Preis für seine Liegenschaften zu zahlen, da große Kapitalisten als Käufer in diese entfernten Colonien nie kämen, sondern nur Leute mit bescheidenern Mitteln, welche erst erwerben wollen; und wer hier überhaupt verkaufe, wolle auch den ganzen Kaufpreis ausgezahlt erhalten. Dies letztere wurde mir erst in den jüngsten Tagen verständlich, als wieder einmal infolge der im Innern anhaltenden Dürre so viel Vieh auf den hiesigen Markt getrieben wurde, daß das Pfund Rind- und Hammelfleisch nur wenige Pfennige kostete. Tritt ein solcher Fall ein, dann ist derjenige Besitzer, welcher nur eine kleinere Anzahlung machen konnte, gewöhnlich wol bankrott und der frühere Besitzer hat natürlich das Nachsehen, namentlich wenn er in England wohnt.
Abends beim Gouverneur traf ich eine ziemlich große Gesellschaft an, die Damen in kostbaren Toiletten, zu welchen die drei Töchter des Hauses reizend geschmackvollen und reichen Blumenschmuck angelegt hatten. Im großen und ganzen läßt sich von den anwesenden Damen und Herren nur sagen, daß mir die Familie des Gastgebers in diesen Gesellschaftsrahmen nicht recht hineinzupassen schien. Zwischen Ministern, die aus der Bevölkerung der Colonie gewählt sind, Besitzern großer Viehstationen, Sportsmen und Kaufleuten, welche durch ihren Reichthum und wol auch ihre politische Stellung eine Rolle spielen, erschienen mir der Gouverneur und seine Familienmitglieder, bei welchen jede Bewegung und jedes gesprochene Wort an die vornehme Herkunft und die hohe Stellung, welche sie einnehmen, erinnerte, als ganz fremdartige Erscheinungen, welche wol am richtigsten mit fürstlichen Personen zu vergleichen sind, denen von einer mit republikanischen Gewohnheiten prahlenden Umgebung doch willig die höhere gesellschaftliche Stellung eingeräumt wird. So war bei einem Ball, welchen die Junggesellen der guten Gesellschaft den verheiratheten Familien gaben und wozu wir auch Einladungen erhalten hatten, für den Gouverneur und seine Familie eine Art Thron mit mehrern Stufen errichtet, wohin nur diejenigen Personen Zutritt erhielten, welche dahin befohlen wurden. Im Gegensatz hierzu steht wieder die schwierige Stellung, welche der Gouverneur bei seinen Ministern und dem Parlament, wo es häufig amerikanisch derb hergehen soll, findet; doch wird dem jetzigen Gouverneur nachgerühmt, daß er in sehr sicherer und taktvoller Weise die Klippen zu umschiffen weiß, mit welchen sein schwieriges Amt übersät ist, denn die einzelnen australischen Colonien, welche bekanntlich voneinander ganz unabhängig sind, sind dies praktisch auch von dem Mutterlande, von welchem sie nur den von der Königin ernannten Gouverneur annehmen müssen, und dadurch wol unwillkürlich zu dem Versuch gedrängt werden, diesen unabhängigen Mann in ein Abhängigkeitsverhältniß zur Colonie zu bringen. Diese hat auch ihre eigenen Miliztruppen und Befestigungsanlagen, die englischen Kriegsschiffe sind hier ebenfalls nur Gäste, und das von der Colonie von Neusüdwales dem jeweiligen Befehlshaber des in der Südsee stationirten englischen Geschwaders und seiner Familie hier in Sydney zu freier Benutzung überwiesene vollständig ausgestattete große Wohnhaus ist ein freiwilliges Geschenk der Colonie an die Flotte des Mutterlandes. Wie rücksichtslos in anderer Beziehung die Colonie auf ihre Selbständigkeit pocht, dürfte daraus hervorgehen, daß es den englischen Kriegsschiffen ebensowenig wie fremden Schiffen möglich ist, ihre Deserteure wiederzuerhalten, da die Polizei jede Mitwirkung hierzu ablehnt unter dem Vorwand, daß ihre Macht sich nur auf die innere Stadt beschränke und die Häuser, wo die weggelaufenen Matrosen Unterschlupf finden, in den Vorstädten liegen. So waren einem englischen Kanonenboot mit einer Besatzung von 120 Mann, 85 Mann weggelaufen; der Commandant des Schiffes und die Polizei wußten, wo die Leute frei umhergingen, aber nicht einmal die Einwirkung des Gouverneurs konnte erreichen, dem wehrlos gewordenen Schiffe seine Besatzung wieder zuzuführen. Böse Zungen behaupten, daß die Colonie, welche für jeden arbeitskräftigen Einwanderer eine Prämie von 45 Pfd. St. zahlt, hieraus ein Geldgeschäft macht, weil sie für diese Einwanderer keine Prämie zu zahlen brauche. Die Hauptaufgabe des Vertreters der heimischen Regierung wird hier vorzugsweise darin bestehen, die Einflüsse unschädlich zu machen, welche die schon sichtlich amerikanisch-republikanisch angehauchten Neigungen der Colonisten zu stärken geeignet sind, um so den Zeitpunkt der doch über kurz oder lang eintretenden Losreißung des großen australischen Staates von dem kleinen Mutterlande möglichst lange hinauszuschieben.
Die Universität in Sydney.
Die Stadt genießt die Vorzüge ihrer Jugend: gerade, breite, systematisch angelegte Straßen, große öffentliche Parks inmitten der Stadt und zueinander passender Baustil der öffentlichen Gebäude, an denen Sydney außerordentlich reich ist. Unter den öffentlichen Bauten führe ich an: Das Government-House, das Parlament, der Gerichtshof, das Schatzamt, die Münze, das Rathhaus, die Universität, 2 große Kathedralen, ein großes Hospital, das Museum, die Volksbibliothek, die Börse, das Post- und Telegraphenamt, die Ausstellungsgebäude, 13 Banken, 3 Theater und 6 größere Clubhäuser. Rechnet man dazu die vielen großartigen Verkaufsläden, so begreift man, daß Sydney eine wirkliche Großstadt zu nennen ist. Von den öffentlichen Parks sind in erster Reihe die Domäne und Hydepark zu nennen, beide mit hohen Bäumen bestanden und von schattigen Fußwegen, sowie breiten Fahr- und Reitwegen, durchschnitten. Eine wahre Perle ist die Domäne, welche Farm-Cove umfassend und die beiden die Bucht bildenden Landzungen in sich schließend eine Fläche von etwa 1400 m Länge und 700 m Breite einnimmt. Innerhalb der Domäne liegen auf der einen Landzunge das Government-House und der weitläufige, im großartigsten Stil angelegte Botanische Garten; die andere Landzunge, an deren Fuß sich Seebäder befinden, ist öffentlicher Park. Der Botanische Garten, für welchen die Colonie eine besondere Zärtlichkeit zu besitzen scheint, enthält an Bäumen, Sträuchern und Blumen wol so ziemlich alles, was man in der heißen und gemäßigten Zone unserer Erde an bedeutendern Pflanzen finden kann. Mich interessirten besonders die Nadelhölzer und hier wieder vorzugsweise die durch ihre feinen Nadeln, schönen Formen und Farben berühmten Tannen der kleinen Insel Norfolk. Natürlich hat Sydney auch seinen Rennplatz und große Criquet- und Lawn tennis-grounds. Hier, wie an entfernter liegenden Fischplätzen und auf dem Hafen kann man sich an der Lebendigkeit der Bewohner sowie daran erfreuen, daß die Menschen, trotz ihres Hastens nach Gelderwerb, die Freude an unschuldigen Vergnügungen und am Sport nicht verloren haben; ja, ich möchte behaupten, daß ich bisjetzt noch keinen Platz kennen gelernt habe, wo die Bevölkerung sich nach Schluß der Geschäftsstunden so allgemein der körperlichen Erholung widmet. Dampfer und Eisenbahn bringen die nach Abwechselung und Zerstreuung lüsternen Städter nach beliebten Ausflugspunkten; mit erstern fahren sie den Fluß hinauf oder über See, vermittelst der letztern kommen sie in die Berge; Fuhrwerke aller Art, eigene und Miethswagen, eilen zu den Spielplätzen, und Lustjachten wie kleinere Segel- und Ruderboote beleben den Hafen. Namentlich an den Sonntagnachmittagen sind bei gutem Wetter die sämmtlichen kleinen Segelboote in Bewegung nach der Hafenmündung zu, und ich habe noch bei jeder solchen Gelegenheit eins oder zwei der Boote kentern sehen, weil sich bei diesen Ausflügen stets Wettfahrten entwickeln, da der Engländer davon nun einmal nicht lassen kann, und die Leute, von denen viele nichts von dem Segeln verstehen, dann übermäßig Segel führen. Ein weiteres Unglück, als daß die Gekenterten naß wurden, passirte dabei indeß nicht. Der Sport spielt hier überhaupt in gewissen Grenzen vielleicht noch eine größere Rolle als im Mutterlande, löst doch ein Wettrennen das andere ab, und bereisen doch die Criquetspieler nicht nur die australischen und neuseeländischen Städte, sondern sogar England, um andere derartige Gesellschaften zum Preiskampf herauszufordern. Während unsers hiesigen Aufenthalts wurden in Sydney zwei Rennen abgehalten und von mehrern in andern Städten war noch die Rede. Der Gouverneur ist selbst großer Sportliebhaber, hat acht Rennpferde im Stalle stehen und fuhr als richtiger Sportsman zu einem Rennen, das in unmittelbarer Nähe der Stadt abgehalten wurde, selbst four in hands seine große Coach, in welcher seine ganze Familie sowie die von ihm Geladenen, zu denen auch ich gehörte, Platz fanden. Die Damen saßen in dem Wagen, wir Herren oben auf dem Verdeck.
Das Klima, welches annähernd dem von Süditalien mit dem Vorzug eines kühlern Winters entspricht, scheint dem menschlichen Organismus ebenso zuträglich zu sein wie den Kindern der Pflanzenwelt, unter welchen auch die Früchte eine hervorragende Rolle spielen, denn es sollen z. B. in den Anpflanzungen bei Sydney und Paramatta mehr Orangenarten zu finden sein als auf dem ganzen übrigen Erdball. Man hat durch Kreuzung und Veredelung neue Arten und von bekannten Arten andere Größen gewonnen, und von den letztern werden kleine, nur wallnußgroße Mandarinen wegen ihres feinen Geschmacks und Saftreichthums besonders geschätzt.
Im Botanischen Garten von Sydney.
Die wohlhabendern Klassen halten vielfach daran fest, außerhalb der Stadt zu wohnen. Die meisten dieser Wohnungen findet man nach der Seeseite zu und auf dem nördlichen Ufer des Hafens, wo schöne Häuser in herrlichen Gärten liegen, doch fängt man seit der Fertigstellung der Eisenbahn nach den Blue Mountains auch an, sich dort an höher gelegenen Punkten anzusiedeln. Die große Entfernung der Privatwohnungen von den Geschäftsräumen und der Umstand, daß sich in einer aufstrebenden Colonie in der bessern Gesellschaft immer eine unverhältnißmäßig große Zahl unverheiratheter jüngerer Männer vorfinden, erklärt wol die vielen Clubhäuser und deren starke Benutzung zur Frühstückszeit.
Wie in allen englischen Hafenstädten und namentlich in denjenigen der Colonien fremde Kriegsschiffe auf das liebenswürdigste aufgenommen werden und ihnen nicht nur von den Offiziercorps und geschlossenen Gesellschaften, sondern auch von einzelnen amtlichen und Privatpersonen der erste Besuch gemacht wird, um den Offizieren die Anbahnung eines geselligen Verkehrs zu erleichtern, so erging es uns auch hier. Gleich in den ersten Tagen waren wir in die Clubs und in viele Familien eingeführt, und es durfte mich nicht überraschen, als der Consul mich auf den Spielplatz der guten Gesellschaft führte, dort bereits unsere Offiziere im Kreise junger Damen vorzufinden. Die Aufmerksamkeit der Behörden ging so weit, daß jeder Offizier eine in zierlichem Lederumschlag mit Goldschnitt befindliche Freikarte zu beliebiger Benutzung sämmtlicher Eisenbahnlinien der Colonie für die Dauer unsers Aufenthalts erhielt.
Daß Australien die merkwürdigsten Vögel und solche von außerordentlich schönem Gefieder, sowie eine auffallend große Zahl verschiedener Kakadu- und Sitticharten hat, ist bekannt, aber überraschend wirkt es doch, wenn man solche Thiere in großen Wagen zum Verkauf herumfahren sieht und sowol die Farbenpracht der einen, wie die zarten, unscheinbaren und doch so feinen Farben anderer und die merkwürdigste Farbenzusammenstellung in dem Gefieder wieder anderer bewundern muß. Von allen Vögeln, welche ich hier zu Gesicht bekam, interessirte mich am meisten der Jägerliest, hier wegen seines, lautem Lachen täuschend ähnelnden Geschreis allgemein „laughing Jack“ genannt, von welchen unser Consul einige gezähmte in seinem Garten herumlaufen hat. Dieser Vogel, welcher in seinem unscheinbaren Gefieder und sonstigem Aeußern einer Eule gleicht, bei näherer Betrachtung aber in seinem Bau an den Eisvogel erinnert, etwa 40 cm hoch ist und einen Kopf hat, welcher fast ein Drittel des ganzen Körpers einnimmt, kommt mir wie ein vorsintflutliches Geschöpf vor.
Von allem Möglichen habe ich nun schon erzählt und noch nicht unserer deutschen Landsleute gedacht, doch liegt dies daran, daß dieselben in diesem Theil Australiens wenig zur Geltung kommen, weil sie mit ganz verschwindenden Ausnahmen, welche in der englischen guten Gesellschaft aufgehen, nur dem kleinern Kaufmanns- und dem Handwerkerstande angehören und sich durch Heirathen mit den englischen Einwohnern schon stark vermischt haben. Doch halten sie unter sich noch immer zusammen und nahmen uns in der zuvorkommendsten Weise auf, stellten uns ihr Vereinslocal zur Verfügung und gaben uns einen Ball, welchen wir mit einem Tanzfest auf unserm Schiff erwiderten. In nähere gesellige Berührung bin ich mit nur einigen wenigen gekommen.
Ich habe natürlich auch nicht versäumt, die Blue Mountains zu besuchen, wohin unser Consul mich zweimal führte. Das erste mal waren wir allein, fuhren mit der Bahn bis Blackheath und gingen von dort aus zu einem Felsenthal „the Grose“ und zu einem Wasserfall, „Govett's Leap“ genannt; das zweite mal hatte der genannte Herr unsere dienstfreien Offiziere nach dem jenseit der Blauen Berge gelegenen Städtchen Bathurst eingeladen, um uns bei der Rückfahrt einen Ueberblick über die Gebirgslandschaft zu verschaffen und uns auch Gelegenheit zu geben, während der Fahrt das großartige Menschenwerk zu bewundern, durch welches es erst möglich wurde, nicht nur mit der Bahn, sondern überhaupt diesen Bergrücken zu überschreiten, welcher vorher sogar für einzelne Menschen und Saumthiere unpassirbar war.
Bei der Station Blackheath fanden wir ein recht gutes Wirthshaus, ein zwar einfaches aber innen gut ausgestattetes hölzernes Gebäude mit guter Verpflegung. Von hier aus gelangten wir auf schmalen Pfaden durch Gestrüpp und Steingeröll nach dem Grosethal und nach Govett's Leap. Das Charakteristische dieser Thäler und Schluchten liegt in den mächtigen Felswänden, welche, altem Gemäuer gleichend, senkrecht abfallen, sowie in dem üppigen Pflanzenwuchs der feuchten Thalsohle, welche mit dichtem Wald bestanden ist. Govett's Leap ist ein großer, von hohen Felswänden umschlossener Kessel, in welchen sich von der einen Seite von einer 170 m hohen Wand ein kleiner Wasserarm ergießt, der von oben als dünner Strahl herunterfällt ohne das Gestein zu berühren.
Nach Bathurst fuhren wir des Abends, trafen dort nach vierstündiger Fahrt nachts 11 Uhr ein und traten am nächsten Morgen die Rückfahrt an. Der Rundblick, welchen man auf das Gebirge erhält, ist großartig; weithin schweift das Auge über Berg und Thal und ist entzückt von dem weichen blauen Farbenton, welcher auf der Landschaft liegt, doch die Natur tritt zurück, sobald der Zug die Westseite der hohen Scheidewand erreicht, wo er in Zickzacklinien heraufklettern muß, um den Gebirgskamm zu erreichen. Diese Wand ist so steil und zerklüftet, daß die Ingenieure, welche mit der Untersuchung des Terrains und mit den Vorarbeiten des Bahnbaues beauftragt waren, sich an langen Seilen herunterlassen mußten, um die Punkte für den Schienenweg bestimmen zu können. Man begreift kaum, wie es möglich ist, daß ein Eisenbahnzug diese steile Wand überwinden kann, und staunt die Bauten an, welche nöthig waren, um die Schluchten zu überbrücken, denn drei Viadukte, jeder von 7-8 Bogen mit je 30 Fuß engl. Spannweite und größter Pfeilerhöhe von 46 Fuß, und ein Tunnel von 70 m Länge nehmen einen großen Theil des ganzen Schienenweges in Anspruch oder erscheinen dem Auge doch so. Der eigentliche Bahnkörper ist natürlich nur eine schmale Straße mit einfachem Gleise; für Kurven und Drehscheiben blieb kein Platz, und so kam man auf den Gedanken der Zickzacklinie, wo die Lokomotive den Zug auf der einen Strecke zieht und auf der andern schiebt. Für eine Höhe von 687 Fuß engl. waren allein 7,5 km Schienenweg erforderlich und je 1,5 km erforderten einen Kostenaufwand von 4-500000 Mark, sodaß der von den Engländern Zig-Zag genannte Theil allein über 2 Millionen Mark gekostet hat.
Bei den vorgenannten Fahrten kamen wir auch durch Eukalypten-Waldungen und durch weite, nur mit niedrigem Gestrüpp bedeckte Flächen, wie sie Australien eigenthümlich sind, in den höhern Regionen auch durch solche, wo nur Gräser die Erde bedecken. All dieses bietet wenig Anziehendes; die Eukalypten mit ihren schmutzig-grauen Stämmen und ähnlich gefärbten kleinen Blättern erinnerten mich an Olivenbäume, die kahlen farblosen Wälder ohne Buschwerk zwischen den weit auseinander stehenden und nur an ihrem Wipfel mit einer Laubkrone versehenen Stämmen an verstaubte, halb verdorrte Waldgehege innerhalb großer Städte, wenn in heißem Sommer lange Zeit kein Regen gefallen ist. Warum dieser Baum „gum-tree“, von den Deutschen „Gummibaum“ (mit welchem er weder in Gestalt noch in seinen Eigenschaften irgendeine Gemeinschaft hat) genannt wird, ist mir unklar geblieben. Vielleicht daß die Eingeborenen ihn mit dem Laut „Göm“, aus welchem die ersten Colonisten „gum“ machten, bezeichnet haben. Diese farblose kalte Pflanzenwelt, das weiter oben in den Bergen vorherrschende Knieholz und niedrige Gestrüpp, sowie die kleinen als Stationsgebäude dienenden Blockhäuser ließen mich die Scenerie in den Blauen Bergen schon auf einer Höhe von nur 500 m über dem Meere trotz der warmen Luft mit den Gefilden unsers Riesengebirgskammes auf 1500 m Höhe vergleichen.
Ich glaube mit Sydney abschließen zu können, nachdem ich noch gesagt habe, daß unser geselliger Verkehr hierselbst, dank der vollendeten Gastfreundschaft unsers Consuls und der englischen Gesellschaft ein sehr reger war und uns Genüsse der verschiedensten Art geboten wurden. Die wöchentlichen Nachmittags-Gartenfeste beim Gouverneur verdienen in erster Reihe genannt zu werden, weil man hier in dem schönen Park bei Musik alles traf, was zur guten Gesellschaft gehört, und die zwanglose Form des Verkehrs ein Magnet war, welchem niemand so leicht widerstehen konnte. Neben dem bereits erwähnten Junggesellen-Ball fand noch ein von der Gattin des Gouverneurs zu Wohlthätigkeitszwecken veranstalteter Costümball statt, zu welchem die Theilnehmer nur in Kattunstoffen erscheinen durften; Privatbälle, Mittags- und Abendgesellschaften schlossen die Kette der Feste.
Das schöne Upolu liegt nun auch wieder in unserm Gesichtskreis und zwar als ein in Gewitterwolken eingehülltes und von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtetes kleines Stück Bergland auf weitem Meere. Windstille liegt über der träge auf- und niederwogenden See, laue Tropenluft umfängt uns und Blitze zucken durch das auf dem Lande lagernde schwarze Gewölk; der Tag schwindet schnell, die Nacht breitet ihre Schatten aus, und kaum daß die Sonne zur Rüste gegangen ist, flimmern und blinken auch schon die Sterne oben in der Höhe an dem dunkeln, in unendliche Fernen reichenden Himmelsdom; in gleichmäßigem Takt schlägt die Schraube durch das Wasser, treibt unser Schiff dicht unter der Küste entlang dem Hafen zu und die Nähe des Landes zwingt mich, die Nacht zum Tage zu machen. So finde ich in später Abendstunde Muße zum Schreiben, welche ich benutzen will, da ja möglicherweise sich uns morgen in Apia schon eine Postgelegenheit bieten kann. Schwer wird es mir, in meiner Kajüte zu bleiben, da eine Nacht wie die heutige mich mit unwiderstehlicher Gewalt auf das Deck zieht. Was es ist, kann ich nicht sagen. Ob der von dem Lande ausströmende Duft und geheimnißvolle Zauber; ob das bleierne Gewölk, welches die Insel so innig umfängt, daß man glaubt, kein heimlicheres Plätzchen finden zu können; ob die tiefe andachtsvolle Stille, welche nur durch ein leises Rauschen der Brandung unter der Küste und das gleichmäßige Arbeiten der Maschine unterbrochen wird; ob die weite Sternenwelt oder ob Alles zusammen? Ja, wer kann es sagen und wer ist wol im Stande zu beschreiben, was die Seele des Menschen in solcher Umgebung eigentlich durchzieht und bewegt?
Beim Durchblättern meines Tagebuches finde ich übrigens zu meiner Befriedigung, daß mir infolge der Einförmigkeit unserer letzten Reise kaum etwas niederzuschreiben bleibt. Das Einzige, was vielleicht von allgemeinerm Interesse sein könnte, ist, daß wir die von dem französischen Transportschiff „La Rance“ im Jahre 1873 entdeckten und nach ihm benannten großen Korallenriffe, welche ein Feld von 10 Seemeilen Durchmesser einnehmen sollen, ebenso wenig gefunden haben, wie das englische Kriegsschiff „Pearl“ sie im vorigen Jahre finden konnte, und daher nur anzunehmen ist, daß dieses Riff inzwischen wieder verschwunden ist oder aber nie bestanden hat. Der Franzose will bei starkem Wind plötzlich entfärbtes Wasser gesehen haben und hat dann ein Boot zu Wasser gelassen, welches dort mit dem Loth als geringste Wassertiefe nur 6½ m gefunden haben will, während der Ausguckposten des Schiffes vom Mast aus nach der Brandung, welche er gesehen haben will, die ungefähre Ausdehnung des Riffs festgestellt hat, wobei nur unerklärlich bleibt, weshalb zu dieser wichtigen Messung und überhaupt zur Richtigstellung der ganzen für die Schiffahrt so bedeutungsvollen Sachlage nicht der Commandant selbst oder doch wenigstens ein Offizier in die Takelage gegangen ist. Thatsache ist, daß wir unter den denkbar günstigsten Umständen den Platz der fraglichen Bank unter Dampf angesteuert haben, bei klarem sehr sichtigen Wetter, Windstille und hoher Dünung, sodaß wir, wenn in einem Umkreis von 16 Seemeilen von unserm jeweiligen Standort während der Zeit, wo wir suchten, Riffe gewesen wären, die Brandung auf ihnen unter allen Umständen hätten sehen müssen und keine durch Wind erzeugten Wellenbrecher uns hätten täuschen können. Außerdem hatten wir aber auch eine durchaus zuverlässige Ortsbestimmung, fanden mit dem gewöhnlichen großen Loth keinen Grund und zuverlässige Posten wie ein Offizier mit Fernrohr konnten aus der Takelage keine Brandung entdecken. Nachdem wir bis 5 Uhr nachmittags vergeblich gesucht hatten, kamen wir zu demselben Schluß wie die englische Korvette „Pearl“, daß die Korallenbank nicht oder aber nicht mehr existirt.
8. October 1878.
Als wir heute Morgen mit Tagesanbruch in Apia einliefen, erhielt ich von dem Lootsen gleich die befriedigende Nachricht, daß die amerikanischen Abenteurer bis auf einen, welcher noch immer versuche, die Geldansprüche der frühern Landcompagnie geltend zu machen, die Samoa-Inseln für immer verlassen hätten, daß ebenso das amerikanische Kriegsschiff schon lange nach seiner Heimat zurückgekehrt sei und im Lande Ruhe herrsche. Dagegen brachte er mir die traurige Kunde, daß der Halbweiße, welcher bei der Beschlagnahme von Saluafata als unser Dolmetscher gewirkt hatte, durch die Folgen jener Nacht richtig seinen Tod gefunden habe, denn er habe sich von dem ausgestandenen Schreck nicht mehr erholen können und sei einige Wochen darauf gestorben. Dasselbe bestätigte mir die Frau des armen Teufels, welche ich heute Nachmittag auf ihren Wunsch hin besuchte und die mir ein für mich bestimmtes kleines Vermächtniß des Todten einhändigte, welches in einer alten werthvollen, aus der Familie seiner Mutter stammenden Matte, einigen Stücken Tapa und andern Kleinigkeiten bestand.
Die hiesige politische Lage scheint zur Zeit für uns günstig zu sein. Im Lande herrscht wirklich Ruhe, denn die Regierungsmitglieder haben sich Ferien gegeben, um die heimatlichen Districte zu besuchen und sich im Kreise ihrer Verwandten zu erholen. Nur drei Mitglieder sind als Repräsentanten der Regierung hier zurückgeblieben und diese nahmen aus unserer Ankunft Veranlassung, gleich heute Vormittag den Consul zu bitten, mich von allen Gewaltmaßregeln abzuhalten, da sie zum Abschluß eines Vertrages mit uns bereit seien und dies nur jetzt noch nicht zur Ausführung bringen könnten, weil die Regierung nicht beisammen sei; sie würden indeß gleich Schritte thun, um die Abwesenden zurückzurufen.
Ueber die Amerikaner hörte ich noch, daß der früher mehrgenannte höhere Consulatsbeamte, welcher sich vor einiger Zeit von hier nach den Fidji-Inseln begeben hat, die Zeit seines hiesigen Aufenthalts vornehmlich dazu benutzt haben soll, die Samoaner immer wieder vor den Deutschen zu warnen und ihnen zu empfehlen, mit diesen ja keinen Freundschafts- und Handelsvertrag abzuschließen. Wenn ich nun an dieser Stelle auch noch einmal auf die Angelegenheiten der amerikanischen Landcompagnie, welche für uns keinerlei Interesse mehr haben, mit wenig Worten zurückkomme, so geschieht dies nur, um die frühern Angaben zu vervollständigen.
Als die Samoaner sich beharrlich weigerten, die gemachten Geldansprüche anzuerkennen, und daran festhielten, nur die für Mamea's Reise gesammelten 1000 Dollars zu bezahlen, gab der amerikanische Commandant die Sache wieder an den inzwischen eingetroffenen neuen amerikanischen Consul ab, und damit wird die Sache wol im Sande verlaufen.
Daß wir nun während meines jetzigen Aufenthalts hierselbst schon zum Abschluß des seit Jahren erstrebten Vertrages kommen werden, glaube ich übrigens nicht, da eine dem Schiffe gestellte Aufgabe es nach Neu-Britannien ruft, sofern die hiesigen politischen Verhältnisse eine längere Abwesenheit gestatten sollten, und dies scheint mir der Fall zu sein. Unser Aufenthalt wird daher, wenn nicht etwa Zwischenfälle eintreten, nur von kurzer Dauer sein.