18. October 1878.
Natürlich ist der Vertrag bisjetzt noch nicht zu Stande gekommen und wird es vorläufig auch noch nicht, da ich übermorgen die geplante Reise antreten will. Wir haben aber gestern in einer Sitzung mit der Samoa-Regierung wenigstens erreicht, daß dieselbe eine uns zusagende Commission für die diesbezüglichen Verhandlungen ernannt und sich schriftlich verpflichtet hat, am 1. Januar 1879, bis zu welchem Zeitpunkt ich wieder hier zu sein hoffe, in dieselben einzutreten.
Apia bot mir dieses mal einen sehr viel behaglichern, wenn auch weniger anregenden Aufenthalt als bei unserm ersten Besuch, weil keinerlei Aufregung und Unruhe an mich herangetreten ist; zu den von mir beabsichtigt gewesenen weiteren Ausflügen in die Umgebung, um das Volksleben kennen zu lernen, bin ich aber doch nicht gekommen, weil ich keine Begleiter fand und zur Zeit auch keinen Dolmetscher erhalten konnte, ohne welchen ich nichts hätte anfangen können. So mußte ich mich mit dem begnügen, was die Stadt selbst mir bot.
Dahin gehört zunächst der Fang eines wurmartigen Wasserthieres, welcher den Charakter eines Volksfestes angenommen hat und zu welchem wir gerade rechtzeitig hier eingetroffen waren, weil das Aufsteigen der merkwürdigen Thierchen vom Meeresboden an die Oberfläche, welches jährlich nur zweimal an zwei aufeinander folgenden Tagen und zwar in den Monaten October und November am Tage nach Eintritt des dritten Mondviertels erfolgt, am zweiten Tage nach unserer Ankunft seinen Anfang nahm. Der Samoaner nennt diesen Wurm, dessen regelmäßig wiederkehrende Aufsteigezeit er der Natur abgelauscht hat, „Palolo“. Merkwürdig muß ein Geschöpf wol genannt werden, welches sich während eines ganzen Jahres auf oder in dem Meeresboden aufhält und sich nur in zwei aufeinander folgenden Monaten an je einem von dem Mond abhängigen Tage, da an dem zweiten nur Nachzügler kommen, des Morgens kurz nach Sonnenaufgang für die Dauer einer Stunde an die Wasseroberfläche wagt, um dann wieder für zehn Monate seine Schlupfwinkel aufzusuchen, wenn es nicht etwa wie die Eintagsfliege abstirbt, nachdem es einmal das Sonnenlicht geschaut hat.
Ich wollte es mir natürlich nicht entgehen lassen, an dem Fang theilzunehmen und fuhr daher an dem betreffenden Tage schon vor Sonnenaufgang mit meinem Boot durch das Dunkel der Nacht auf stiller glatter Flut zu der Stelle, wo die Ankunft der seltenen Gäste erfolgen sollte. Einige Eingeborene, deren Kanus in größerer Nähe aus der Dunkelheit heraustraten, traf ich schon an, und singend kamen vom Lande her neue Zuzügler. Die hohen schwarzen Berglehnen des noch von der Nacht umfangenen Landes, der von dunkelm Gewölk umlagerte ferne Horizont und die allmählich verblassenden Sterne umschließen in ihrer großartigen Ruhe ein Stück Leben eigener Art, wo ein langes schmales, von grollender Brandung überspültes Korallenriff die innere schwarze stille Flut mit den lachenden und singenden Menschen von der rauschenden ernsten und erbarmungslosen See scheidet, deren gierig leckende und in Hast sich überstürzenden Wellen alles verschlingen möchten. Mancherlei Kurzweil wird hier innen getrieben, da die Augen sich genügend an die Dunkelheit gewöhnt haben und auch die kurze Dämmerung schon anbricht. Die verschiedensten für den Fang bestimmten Gefäße werden gezeigt und bewundert, gelegentlich auch dazu benutzt, um ein anderes Kanu mit einem kleinen Sturzbad zu bedenken. Ununterbrochen fahren die leichten Fahrzeuge wie bei einem Corso hin und her, um Bekannte zu begrüßen und Neuigkeiten auszutauschen, bis die über den Horizont steigende Sonne an den Fang mahnt. Plötzlich sind die Sterne verschwunden und es ist Tag; ein kleiner goldiger Bogen zeigt sich über dem Horizont und gleich darauf beleuchtet auch schon der ganze Sonnenball das urplötzlich veränderte Bild. Die Menschen sind still, die Kanus haben sich gegenseitig Raum gegeben, und mit den Schöpfgefäßen in der Hand lugen alle in die Tiefe. Hier und da ein Ruf, ein Schöpfen und bald ist allgemeine Bewegung in sämmtlichen Fahrzeugen. Ringelnd wie die Schlangen steigen aufrechtstehend die 15-20 cm langen, 30 mm dicken, matt lila gefärbten Thierchen in großen Scharen aus der Tiefe auf, um an der Wasseroberfläche gefangen zu werden und den Eingeborenen später als seltenes und geschätztes Mahl zu dienen. Auch wir betheiligen uns an dem Fang, jedoch nur um einige dieser Würmer in der Nähe genauer betrachten zu können, wobei wir fanden, daß außerhalb des Wassers das mit rauher Haut behaftete Thierchen gleich steif wird und beim Anfassen wie ein dünner Glasstab in mehrere Stücke bricht.
Einen unserer gewohnten abendlichen Spaziergänge dehnten wir auf Vorschlag meines damaligen Begleiters, eines deutschen Herrn, welcher etwas samoanisch spricht, bis zu der Hütte der früher schon einmal genannten Häuptlingstochter Toë, aus, um dieser Dame einen Abendbesuch zu machen. Wir trafen erst gegen 9 Uhr dort ein und fanden die Vorhänge an dem großen Hause zwar schon heruntergelassen, sahen aber doch Licht durchschimmern und traten daher, nachdem wir einen der Vorhänge zur Seite geschoben hatten, ein. Was wir hier sahen, ist für die Lebensart der Samoaner so charakteristisch, daß ich aus diesem Grunde die kleine Episode hier einfüge.
Der innere Raum, welcher nicht durch Vorhänge abgetheilt war, wurde durch eine Petroleumlampe soweit matt erleuchtet, daß man ihn eben noch ganz übersehen konnte. In der Mitte auf abgesondertem freierm Platz lag Toë mit einigen Mädchen in tiefem Schlaf, und der ganze übrige Raum war mit nebeneinander liegenden halbnackten schlafenden Gestalten so ausgefüllt, daß es Mühe machte, bis zur Mitte vorzudringen ohne die Leute zu treten. Interessant war mir, diese Schlafstätte näher zu betrachten, wie immer in einer geraden Linie mehrere lange Kopfkissenhölzer nebeneinander aufgestellt waren und in trauter Gemeinschaft ordentlich ausgerichtet Männlein und Weiblein vielfach in bunter Reihe nebeneinander lagen. Bei unserm Eintreten drehte wol die eine oder andere Gestalt den Kopf zu uns hin, ohne indeß weitere Notiz von uns zu nehmen, und die von uns im Schlaf gestörte Toë nahm uns, nachdem sie sich aufgesetzt und den Schlaf aus den Augen gerieben hatte, freundlich auf, bot uns einige schnell zurechtgedrehte samoanische Cigaretten an und erklärte dann ihr volles Haus damit, daß ein Theil ihres Stammes, welcher keine eigene Hütte habe, hier nächtige und der Rest durchreisende Gäste seien. Nachdem wir die Cigaretten geraucht hatten, empfahlen wir uns wieder, ich ganz befriedigt über den Einfall meines Begleiters, da ich dadurch zufällig einen Einblick in samoanisches Leben thun konnte, den ich sonst wol nicht erhalten hätte.
Die ruhigen Tage der letzten Zeit waren ganz dazu angethan, meine Gedanken wieder auf die Frage der Gründung deutscher Colonien zu lenken, welche mich, seitdem ich hier in der Südsee bin, auf das lebhafteste beschäftigt. Da ich nun glaube, soweit die eigentlichen Südsee-Inseln in Betracht kommen, zu einem abschließenden Urtheil gekommen zu sein, so möge dasselbe hier Aufnahme finden.
Die einzelnen in der heißen Zone liegenden Inselgruppen sind, mit Ausnahme derjenigen der Fidji-Inseln, welche einen bedeutendern Ländercomplex darstellen, so klein, daß eine jede Gruppe für sich keinenfalls einen europäischen Verwaltungsapparat bezahlen kann, und die Gruppen wieder sind unter sich räumlich so weit voneinander entfernt, daß sie sich nicht zusammenfassen lassen, mithin eine Regierungsform nach europäischem Vorbilde stets finanziell ein Fehler sein würde. Dagegen bieten die Inseln im Verhältniß zu ihrer Größe so reiche Hülfsquellen, daß jeder Staat bestrebt sein müßte, sich dieselben zu alleiniger Ausbeute zu sichern. Der Kernpunkt würde daher darin liegen, wie die Verwaltung einzurichten wäre, um allen Anforderungen zu genügen. Hier würde nun als erster Grundsatz festzuhalten sein, daß die Eingeborenen nicht wie in Amerika, Australien und Neu-Seeland absichtlich und mit allen erlaubten wie unerlaubten Mitteln ausgerottet werden, sondern daß dafür Sorge getragen wird, die Menschen zu erhalten, sofern die Bevölkerung nicht zu sehr anwächst, und das ist hier nicht mehr zu befürchten. Die Eingeborenen sollen nicht nur mit der Zeit zweckmäßige Arbeitskräfte abgeben, sondern sollen auch belebend wirken und durch ihre Eigenart den Inseln ihren besondern Reiz und Zauber erhalten, damit das Leben der Pflanzer nicht zu einförmig wird. Namentlich aber sollen sie das Mittel bilden, das Land auf billige Art zu regieren und es dauernd an die Macht zu fesseln, welche Besitz von ihm ergriffen hat. Ich halte daher ein schutzherrschaftliches Verhältniß mit eingeborener Regierung und einem obern Beamten des Schutzherrn, welcher die Regierung hinter den Coulissen leitet und thatsächlich, wenn auch nicht äußerlich, der Regent ist, für das allein Richtige. Einige Unterbeamte, Polizei, Post, Wegebau, Zoll u. s. w. würden, als im Dienst der einheimischen Regierung stehend, die Verwaltung zu vervollständigen haben. Die eingeborenen Herrscher haben kaum andere Bedürfnisse wie ihre Unterthanen, halten die Ordnung ganz schön aufrecht, beanspruchen kein Gehalt und bilden mit ihrem Volk eine sichere Schutzwehr gegen gefährliche Einwanderung. Würden die Eingeborenen ausgerottet sein, so würden an ihre Stelle mismuthige Elemente des europäischen Proletariats treten, weil besitzende Europäer auf solcher Insel nur in verhältnißmäßig geringer Zahl ihr Fortkommen finden können; jene zweifelhafte Einwanderung und die von andern Inseln eingeführten Arbeiter könnten aber nur durch eine kostspielige Truppenmacht in Ordnung gehalten werden, da die auf ihren großen Plantagen verstreut wohnenden Besitzer sich bei einem allgemeinen Aufstand nicht gegenseitig unterstützen könnten und ähnlichen Gefahren ausgesetzt sein würden, wie die Franzosen Ende des vorigen Jahrhunderts auf der westindischen Insel San-Domingo. Einer solchen Möglichkeit ist aber vorgebeugt, solange die Inseln ihre einheimische Bevölkerung behalten, denn diese hält den fremden Arbeitern das Gleichgewicht und für fremde Einwanderung bleibt kein Raum. Zu einer solchen Schutzherrschaft gehört daher nicht viel, nur einige Beamte und das jetzt schon vorhandene zum Schutz des Handels hier stationirte Kriegsschiff. Die Franzosen haben in ihrer Gier nach Colonien jede kleine Insel, welche ihnen in den Wurf kam, annectirt und nach europäischem Muster organisirt, spinnen dabei aber keine Seide. Die Engländer dagegen haben mit ihrem praktischen Verstand bisjetzt nur solche Gebiete annectirt, die durch ihre Größe eine umfangreiche Verwaltung vertragen können, oder deren Lage von politischer Bedeutung ist. Daß sie jetzt neuerdings mit dem Gedanken umgehen, auch von kleinern Inseln Besitz zu ergreifen, kann nur eine Ausgeburt der Misgunst sein, da ihnen die Verhältnisse hier seit langer Zeit genau bekannt sind und sie die Inseln trotzdem vollständig ignorirt haben, solange keine fremde Macht sie des Besitzes werth hielt, weil Schutzherrschaft nicht in den Rahmen ihres Colonialsystems hineinpaßt und dieses, wie schon gesagt, für die kleinen Inseln zu theuer wird. Viel ist hier in der eigentlichen Südsee ja nicht mehr zu haben, da Engländer und Franzosen sich bereits in das meiste getheilt haben, und Neu-Guinea mit Neu-Britannien u. s. w. und den Salomons-Inseln würde ein Gebiet sein, welches nach schon bekannten Mustern regelrecht zu besetzen sein würde, da die dortige Bevölkerung den Colonisten keinen Schutz gewähren kann, sondern eine stete Gefahr für sie sein wird.
Vor Abschluß dieses Briefes habe ich noch eines schönen Zuges von Muth und Nächstenliebe, welcher sich vor einigen Tagen auf unserm Schiffe abspielte, zu gedenken. Ein Matrose fiel morgens während des Deckwaschens durch Unvorsichtigkeit aus einer Höhe von über 30 m aus der Takelage herunter, hakte mit einem Arm über ein horizontal und straff gespanntes Tau und wurde durch dessen elastisches Zurückschlagen in großem Bogen in das Wasser geschleudert, wo ein mit Blut gefärbter Fleck die Stelle zeigte, wo er untergesunken war. Trotzdem schon während des ganzen Morgens drei mittelgroße Haie in der Nähe des Schiffes gewesen waren, sprang mein Gigsteurer, Bootsmannsmaat Lange, ohne Besinnen dem Manne nach, holte ihn vom Meeresgrund herauf und brachte den ohnmächtigen Verunglückten mit Hülfe eines andern Matrosen, welcher auch noch nachgesprungen war, glücklich wieder auf das Schiff. Der Mann hat zwar eine schwere Verletzung davongetragen, da unter dem linken Arm die Muskeln bis auf den Knochen durchschnitten sind und der Arm aus seinem Gelenk herausgebrochen ist, doch hofft der Arzt das Beste und hält es für möglich, daß der Arm wieder ganz gebrauchsfähig wird.
Am 20. October, an einem schönen Sonntagmorgen, habe ich Apia nach vierzehntägigem Aufenthalte daselbst wieder verlassen, um eine Rundreise durch den westlichen Theil der Südsee anzutreten. Zu meiner großen Freude begleitet mich Herr Consul Weber, welcher sich entschlossen hat, die Reise mitzumachen. Ich habe dadurch nicht nur für längere Zeit einen liebenswürdigen Gesellschafter gewonnen, sondern habe in diesem Herrn auch einen so erfahrenen Kenner aller hiesigen Verhältnisse und namentlich der Charaktereigenschaften der Eingeborenen an meiner Seite, daß ich von seiner Anwesenheit großen Nutzen für die Sache, wegen welcher die Reise unternommen wird, erwarten darf. Außerdem begleiten mich auch zwei Dolmetscher.
Unser Weg führt uns zunächst nach Tongatabu und den Fidji-Inseln, also nach Plätzen, welche in der neuesten Zeit wesentlich in den Bereich der europäischen Civilisation gezogen worden sind; dann aber werden wir vornehmlich Inseln und Häfen anlaufen, welche selten besucht werden und von denen einzelne noch kein deutsches Kriegsschiff gesehen haben. Und hier hoffen wir dann die Südsee-Insulaner noch in ihrer ganzen Ursprünglichkeit studiren zu können — wenn Wind und Wetter uns gestatten, das vorgesetzte Programm durchzuführen. Ich bin für diese Reise fast allein auf die Segelkraft des Schiffes angewiesen, weil Kohlen auf dem vor uns liegenden Wege nur selten und dann auch nur zufällig angetroffen werden; denn zwischen diesen Inseln (nur Fidji hat eine Dampferverbindung mit Australien) besteht noch kein Dampferverkehr. Da wir nun bis Ende December, wo ich wieder in Apia sein will, 6000 Seemeilen zu durchlaufen und 10-15 Häfen mit dem nothwendigen Aufenthalt zu besuchen haben, so liegt es auf der Hand, daß ich mit den Winden, welche zur Zeit hier wehen sollen, also mit dem ortsüblichen Passatwind rechnen muß. Läßt uns dieser aber im Stich, wie er es gleich zu Anfang schon an der Südküste Upolus gethan hat, zwingt uns ungünstiger Wind schon von vornherein zum Kreuzen, dann allerdings kann ich sagen: „wenn Wind und Wetter uns gestatten, das ganze Programm durchzuführen“.
Am 26. vormittags mußte das Schiff in Sicht der Insel Tongatabu sein, es war aber bei starkem Winde so dicke Luft, daß weder Land noch Brandung zu sehen waren. Ein directer Curs mußte indeß in irgendeiner Richtung zur Orientirung führen und wurde ein solcher daher so lange eingehalten, bis vor uns und gleichzeitig auch zu beiden Seiten die hohe Brandung auf den sehr ausgedehnten Riffen der Insel aus dem Dunst hervorbrach. Bald wurden auch die kleinen, von der Hauptinsel weit abliegenden Inselchen, welche das Fahrwasser markiren, ausgemacht und nun konnte der richtige Curs zum Hafen gewählt werden. Wenige Stunden später, nachmittags 2½ Uhr, wurde vor Nukualofa, der Hauptstadt des kleinen tonganischen Reiches, geankert. Den Eindruck einer Tropenlandschaft machte das vor uns liegende Bild nicht. Am Strande entlang stehen kleine Holzhäuser, wie man sie in Norwegen findet, unter diesen ein größeres in Villenstil, die Wohnung des Königs. Die Häuser sehen kahl aus, da jedes inmitten eines freien Platzes liegt und Baum wie Strauch fehlen. Im Hintergrunde lugen zwischen Kokospalmen einzelne Hütten der Eingeborenen hervor, dieselben können aber nicht als Staffage zur Geltung kommen, weil der kalte Ausdruck der im Vordergrunde liegenden weißen Holzhäuser alles beherrscht und der ganzen Gegend einen frostigen Stempel aufdrückt. Es ist wol wahrscheinlich, daß bei anderer Witterung die Physiognomie des Landes eine ganz andere wird, jetzt aber bei dem stürmischen, dunstigen Wetter sieht die Hauptstadt Tongas kalt aus, und man wähnt bei ihrem Anblick in einer der Polargrenze nahen Zone zu sein.
Am 27., einem Sonntage, wo in diesen von der englischen Mission beherrschten Gegenden alles ruht, wo die Eingeborenen nicht einmal für ihre Mahlzeiten sorgen dürfen und das absolute Nichtsthun den höchsten Grad der Frömmigkeit bedeutet, war in der Stadt nichts anzufangen. Es wurde daher ein Ausflug zu Wagen in das Innere des Landes unternommen. Vortreffliche Wege erleichtern das Fahren und die flinken Pferde mit guten Wagen machen es zu einem großen Vergnügen; ein besonders großer Baum (Ficus indica oder religiosa, von den Engländern auch Banyan genannt), war das Ziel. Unser Weg führte mehrere Stunden lang an unbebautem, mit Gestrüpp bewachsenem Lande vorbei, wo es ebenso wenig zu sehen gab wie in den einzelnen Dörfern, welche wir passirten; das einzige Vergnügen war eben das Fahren selbst. Endlich, nach nahezu dreistündiger Fahrt waren wir am Ziele angelangt, wo wir leider neben dem sehenswürdigen Baume auch ein Dorf mit neugierigen, zudringlichen Eingeborenen fanden, welche uns zwangen, unser wohlverdientes Frühstück, wollten wir es unbelästigt genießen, noch im Schutze der Wagen zu lassen.
Ficus indica oder religiosa.
Der Baum ist weniger schön als merkwürdig. An einem tiefen, weit in das Land vordringenden Meereseinschnitt steht dieser Koloß, dessen Stamm eigentlich nur aus dünnen Stämmen, welche wol nur zahllose Luftwurzeln sind, zusammengesetzt ist. Nach Abmessung mit Schritten hat er einen Stammdurchmesser von 17 Schritten oder etwa 13 m und demnach einen Umfang von nahezu 40 m. Die Höhe des Stammes schätzten wir auf etwa 10 m, sie ist also geringer wie der Durchmesser. Die Aeste, welche sich in der ungefähren Länge von 10 m nach oben und den Seiten abzweigen, sind wieder nur Verlängerungen der dünnen Stämme oder Luftwurzeln, welche den Hauptstamm bilden, und vermögen mit ihren dürftig gesäten kleinen Blättern keinen Schatten zu geben, sodaß dieses riesige Gewächs in grauer Rinde weniger einem lebenden Baume denn einer Baumruine gleicht. Merkwürdig sah es aus, als einige Eingeborene in den Stamm eindrangen und dort wie Käfer in den Spalten verschwanden. Nach kurzer Rast bestiegen wir wieder unsere Wagen, um zunächst an einem schattigen, ruhigen Platze unser Frühstück einzunehmen und dann zur Stadt zurückzukehren.
Am 28. October morgens machte ich dem alten Könige in seiner nach europäischem Geschmack vornehm eingerichteten Villa meinen Besuch. Der Großneffe des Königs und Sohn des Thronfolgers, Prinz Wellington Gu (spr. Ngu), empfing uns an der Thüre und führte uns in den Empfangssaal, wo der König, umgeben von seinem Neffen und Thronfolger, Prinz Davita Uga, und einem Adjutanten, uns erwartete. König und Thronfolger trugen schwarze Röcke mit eingewirkten goldenen Kronen auf dem Unterarm, Prinz Wellington Gu war in schwarzer, mit Silber durchwirkter Uniform, der Adjutant trug eine rothe, den englischen Linientruppen ähnliche Uniform, welche für die aus ungefähr 250 Mann bestehende tonganische Armee eingeführt ist.
George, König von Tonga.
Der König nahm auf dem Thronsessel Platz. Diesem gegenüber standen zwei gleiche, etwas kleinere mit der Königskrone geschmückte Sessel für den Consul und mich; die Prinzen und der Adjutant setzten sich auf im Kreis aufgestellte Polsterlehnstühle. Der König ist ein Greis von 72 Jahren, der seinen mächtigen Körper noch mit jugendlicher Frische trägt. Seine Gesichtszüge sind die etwas veredelten der Eingeborenen und ohne hervorragende Bedeutung. Sein Neffe, der Thronfolger, ein Mann von etwa 50 Jahren von großer und kräftiger Gestalt hat ein ausdrucksloses Gesicht, in welchem ein Auge fehlt. Prinz Wellington Gu ist 24 Jahre alt, hat schöne intelligente Gesichtszüge und den Körper eines Riesen. Dieser junge Prinz, welcher ein durchaus ehrlicher und anständiger Charakter sein soll, schon eine bessere Erziehung genossen hat und fließend englisch spricht, ist vorzugsweise dem deutschen Wesen zugethan und daher in politischer Beziehung die Hauptstütze des Königs, da dieser in dem Handels- und Freundschaftsvertrage mit dem Deutschen Reiche die sicherste Gewähr für den Fortbestand seines kleinen Reiches sieht.
Prinz Wellington Gu.
Es fiel mir noch auf, daß dem König an seinen beiden kleinen Fingern und dem Thronfolger an einem kleinen Finger zwei Gelenke fehlten, und ich wurde dahin belehrt, daß diese Verstümmelung noch aus der Zeit des Heidenthums stamme, wo es Sitte war, sich bei Todesfällen naher Verwandter als Zeichen der Trauer einzelne Fingergelenke abzutrennen. Nach einigen Begrüßungsworten von meiner Seite, welche Prinz Gu verdolmetschte, stand der König mit seinem Gefolge auf, um durch Auflegen des Unterarms auf die Stirn, was nach tonganischer Sitte das Zeichen der größten Ehrerbietung ist, seinem Dank für die Liebe, welche der Deutsche Kaiser dem kleinen tonganischen Reiche entgegentrage, den höchsten Ausdruck zu geben. Damit war der förmliche Theil meines Besuches erledigt. Wir gingen nun nach dem Eßsaal, um dort einige Erfrischungen einzunehmen und den Klängen unserer Schiffskapelle, welche ich zur freudigen Ueberraschung der Anwesenden aus dem Boot heraufholen ließ, zu lauschen.
Auf dem großen Hofe hatten sich inzwischen mehrere hundert Eingeborene versammelt, welche auf der Erde sitzend dem Concert andächtig zuhörten; auch die mit ihren Herren und Herrinnen mitgekommenen Hunde und Schweine betrugen sich anständig. Nur ein Hund schien der Spaßmacher der Gesellschaft zu sein und ein gewisses Vorrecht zu genießen. Er hatte sich einer leeren Kokosnußschale bemächtigt und warf dieselbe, solange die Musik spielte, mit der Schnauze in die Höhe, um sie geschickt wieder aufzufangen und danach mit seinem Spiel von neuem zu beginnen; daß er dabei zwischen den Eingeborenen und zuweilen auch über dieselben hinweg sprang, um sein Spielzeug rechtzeitig zu fassen, wurde ihm von niemand verargt, wenigstens wurde er nicht zur Ruhe verwiesen. Das Volk hatte sich Sonntags- oder doch reingewaschene Kleider angezogen und den schön gewachsenen Frauen standen die kurzen blusenartigen, nur bis zu den Hüften reichenden, weit ausgeschnittenen weißen Hemdchen besonders gut, da die wohlgeformten braunen Schultern und Büsten sich aus ihrem schneeigen Rahmen so vortheilhaft wie nur möglich heraushoben. Sobald die Musik einige Stücke gespielt hatte, empfahlen wir uns bei den tonganischen Herrschaften und kehrten zum Schiffe zurück. Beim Verlassen des Hauses fand ich noch Gelegenheit, der Königin die Hand zu drücken, denn als mir auf dem Hausflur eine der dort auf dem Boden kauernden Frauen ihre Hand entgegenstreckte, wurde mir bedeutet, daß diese sehr gut aussehende und gut gekleidete ältere braune Dame die Frau des Königs sei.
Ovalau und Nachbarinseln, von Viti-Levu aus gesehen.
Bei einem spätern Besuch Tongas hoffe ich bessern Einblick in das Leben dieser Insulaner zu erhalten.
Am 29. October früh 8½ Uhr habe ich Nukualofa wieder verlassen.
Nach einer schnellen Reise langten wir am 31. October gegen 10 Uhr abends vor Levuka an, mit der Absicht, während der Nacht unter kleinen Segeln vor dem Hafen zu bleiben, da der Mond das Land so grell beleuchtete, daß die Einfahrt nicht genügend zu erkennen war, denn der Mond ist unter solchen Verhältnissen ein sehr unzuverlässiger und trügerischer Freund und hat schon manchem Schiffe den Untergang gebracht. Als er aber gegen 11 Uhr hinter der hohen Bergwand verschwunden war, traten die Richtfeuer für die Hafeneinfahrt so scharf hervor, daß ich mich doch noch zum Einlaufen entschloß, um am nächsten Tage bei frischen Kräften zu sein. Die Segel wurden daher geborgen und die Maschine, welche vorher schon Dampf gemacht hatte, in Gang gesetzt. Mit langsamer Fahrt ging es vorwärts, und als wir so nahe an die Hafeneinfahrt gekommen waren, daß man unsere Lichter von Land aus sehen mußte, ließ ich verschiedene Fackelfeuer abbrennen, um einen Lootsen heranzusignalisiren, mußte aber schließlich auf diese Hülfe verzichten, weil meine Signale unbeantwortet blieben. So ließ ich nur noch, da der Hafen von Levuka von einem bis zur Meeresoberfläche reichenden Korallenriff umgeben ist, auf welchem immer eine starke Brandung steht, vom Vorschiff aus nach beiden Seiten hin Fackelfeuer abbrennen, um keine Vorsicht außer Acht zu lassen und mit Hülfe dieses grellen Lichtes zu versuchen, die Brandung zu beleuchten, in der Hoffnung, dadurch das ruhige Wasser in der schmalen dunkeln Einfahrt gut erkennen zu können. Dieses Hülfsmittel gab zwar ein schönes Bild, erwies sich sonst aber als ganz unzureichend. Wie mit elektrischem Licht übergossen tritt das hochgetakelte, aus seinem mächtigen Schlot dicke Rauchwolken werfende Schiff in der Mitternachtsstunde aus dem Dunkel der Nacht hervor und spendet so viel Licht, daß das Wasser vorn und zu beiden Seiten gleichmäßig hell beleuchtet wird; aber keine Brandung ist zu sehen, nur plötzlich hören wir zu beiden Seiten ihr grollendes Rauschen und wenige Sekunden darauf liegt sie auch schon hinter uns. Nur einen kurzen Blick werfen wir dahin, ein Commandoruf und die Fackelfeuer zischen ihr Leben im Meere aus. Licht und Schiff sind verschwunden, stockfinstere Nacht überall. Noch einige scharfe Wendungen um verschiedene plötzlich vor uns auftauchende große Schiffe und der Anker fällt kurz nach 12 Uhr in den Grund. Als liebliches Echo auf die deutschen Commandoworte flog uns aus weiblichem Munde ein „Grüß Gott, ihr Brüder!“ entgegen, ein Gruß, welcher, wie sich nachträglich herausstellte, von einem deutschen Dienstmädchen kam, das nach Erfüllung ihres Contracts mit einem in unserer Nähe liegenden deutschen Schiffe die Heimreise macht. Nachdem wir geankert hatten, kam auch noch ein Boot der Hafenpolizei längsseit, um nach dem Zweck unserer Fackelfeuer zu fragen. Von der erhaltenen Antwort jedenfalls wenig befriedigt kehrte es zum Lande zurück, denn man sagte uns nicht, daß wir an gefährlicher Stelle lägen. So blieb es dem wackern Navigationsoffizier, welcher stets treue Wacht hält, vorbehalten, auch diese Gefahr zu entdecken. Schon mit dem ersten Morgengrauen war er an meinem Bett, um mir zu melden, daß dicht hinter dem Schiffe, nur wenige Fuß unter Wasser ein Felsen sei, welcher dem Schiffe schaden müsse, sobald dieses bei aufkommendem Winde nur die lose liegende Kette steif durchhole. So mußten wir gleich am frühen Morgen wieder an die Arbeit — eine halbe Stunde später lag das Schiff an sicherm Ankerplatze. Wie mir ein deutscher hier ansässiger Herr versicherte, ist dieser Felsen auffälligerweise erst vor ganz kurzer Zeit entdeckt worden und daher noch in keiner Karte verzeichnet. Großes Erstaunen erregt es übrigens hier am Lande, daß wir mit einem so großen Schiffe während der Nacht ohne Lootsen eingelaufen sein sollen, während doch die englischen Kriegsschiffe auch am Tage stets einen solchen nehmen. Man sucht nach dem Lootsen, welcher uns hereingebracht haben muß, kann ihn aber natürlich nicht finden.
Ueber Levuka läßt sich nicht viel sagen. Die kleine Stadt, welche am Fuße der hohen malerischen Berge liegt, hat ein südeuropäisches Gepräge, kleine in Gärten liegende Häuser mit großen Veranden, Restaurationen und Läden. Von den Eingeborenen sieht man so gut wie gar nichts; Levuka ist zur Zeit die Hauptstadt der Fidji-Inseln und ist daher vorzugsweise von Europäern, in erster Reihe natürlich von den englischen Beamten mit ihren Familien bewohnt. So ist es bei der bekannten über alles Lob erhabenen Gastfreundschaft der Engländer im Auslande selbstverständlich, daß unsere Offiziere gleich am ersten Tage so viele Einladungen erhalten haben, daß sie denselben bei unserm kurzen Aufenthalt gar nicht nachkommen können.
Es ist ein eigenes Ding um eine neu gegründete englische Colonie. Der neu ernannte Gouverneur begibt sich mit seiner Familie und seinem Stabe an Ort und Stelle, hohe und niedere Beamte folgen bald, bringen aber auch ihre Familien gleich mit. Bequeme und gesunde Häuser wachsen aus der Erde, Gärten und Spielplätze umgeben die Wohnungen; Wagen, Pferde, Boote und alles was sonst zur Zerstreuung dienen kann, ist in kürzester Zeit beschafft und wir finden urplötzlich eine kleine englische Stadt, wo jeder Bewohner an gleichgesinnten Menschen Stütze und Rückhalt findet, sich sicher, behaglich und wie zu Hause fühlt. Ob wir auch einmal so etwas werden schaffen können? Wie ich früher schon andeutete, dient ja meine jetzige Reise dem Zweck, den dereinstigen deutschen Colonialerwerbungen die Wege zu ebnen, denn die Zeit muß kommen, wo unser Vaterland nach Colonien verlangt, und Colonien sind meines Erachtens nur von nachhaltigem Werth, wenn sie in tropischem Klima liegen. Hier ist aber, abgesehen von Afrika, nur noch in der Südsee etwas zu holen, wenngleich auch dies nur mehr wenig ist. Allerdings sind mir insofern die Hände gebunden, als ich keine darauf zielenden Aufträge habe und auch keine mehr erhalten kann; nach dem, was ich in der letzten Zeit erfahren habe, thut aber die größte Eile noth, wenn nicht alles für uns verloren sein soll. So muß ich auf eigene Verantwortung hin handeln und zunächst wenigstens auf den noch unabhängigen Inselgruppen Verträge zu schließen suchen, welche sie vor der Annexion durch andere Nationen schützen. Damit übernimmt unsere Regierung keinerlei Verpflichtungen, hat es aber doch vielleicht später in der Hand, die deutsche Flagge auf diesen Inseln nachträglich aufzuhissen.
Ganz interessant ist hier in Levuka die im Stil der ortsüblichen Hütten aus sechs bis sieben Häusern bestehende Wohnung des Gouverneurs mit all ihren Kuriositäten aus der frühern Fidji-Zeit. Das Ganze bildet übrigens nur ein Provisorium, da man noch nicht weiß, welcher der beste Platz für den Sitz des Gouvernements ist und man bis dahin ein möglichst billiges Wohngelaß für den Gouverneur schaffen wollte. Ich habe diesem Herrn sogleich meinen Besuch gemacht, welchen er am Nachmittag erwiderte, und war abends bei ihm zu Tisch. Er selbst ist nur für wenige Monate in Stellvertretung des beurlaubten Gouverneurs hier und kommt aus Westindien, um später auch wieder dahin zurückzukehren. Aber trotz der kurzen Zeit seines hiesigen Aufenthalts und trotz der weiten Reise hat ihn als ganz selbstverständlich seine Familie hierher begleitet.
Am 2. November nachmittags 2 Uhr verlassen wir Levuka wieder, um noch einen kurzen Besuch auf Taviuni, einer andern der Fidji-Inseln, zu machen und dort eine neu angelegte Kaffeeplantage zu besichtigen; dann nehmen wir den Curs nach den Ellice-Inseln.
Am 4. November morgens, nachdem wir in der vorangegangenen Nacht zwischen mehrern Inseln und Korallenriffen durchgegangen waren, wodurch meine stete Anwesenheit auf der Commandobrücke bedingt wurde, standen wir vor Taviuni und vor einer wenig befahrenen Gegend, über welche die Seekarten noch sehr ungenau sind. Die vielen Korallenriffe machen es hier nöthig, das Schiff von dem Mast aus zu navigiren, denn aus solcher Höhe kann man die Untiefen leicht an der hellern Farbe des über ihnen stehenden Wassers erkennen und aus dem Ton der Farbe bestimmen, ob die Wassertiefe für das Schiff ausreicht oder nicht. Die einige Stunden währende Fahrt zwischen schönen hohen Inseln hindurch war recht genußreich, doch nach der schlaflos verbrachten letzten Nacht war es für mich genußreicher, nachmittags vor einem größern Dorfe mit Namen Soma-Soma in ganz ruhigem Wasser dicht unter Land, wo die köstlichste Ruhe herrschte, zu ankern und damit die Gewißheit auf eine ungestörte Nacht zu erhalten. Vor Dunkelwerden machten wir noch einen kleinen Spaziergang durch das Dorf, besuchten den hier lebenden Häuptling, einen der ersten und einflußreichsten der ganzen Fidji-Gruppe, ohne ihn indeß zu treffen, fanden aber seine Frau zu Hause, eine Schwester Cakobau's (das C wird wie das englische th ausgesprochen), des frühern Königs der Fidji-Inseln. Das Haus gleicht von außen einem großen Haufen verwelkten Laubes. Es ist eine Hütte von etwa 16 m Länge, 10 m Breite und 10 m Höhe; 3 m hohe Seitenwände tragen das riesige Dach. Das Gerippe dieses Bauwerks besteht aus starken Pfählen, Balken und Sparren, auf welche Laub auf Laub geschichtet ist, bis Seitenwände und Dach eine Dicke von etwa 1 m erhalten haben und damit sichern Schutz gegen Wind und Regen gewähren. Ob die Pfähle auf Menschenleibern ruhen, konnte ich nicht erfahren, möchte es aber annehmen, da das Haus wol noch aus der Zeit vor der englischen Herrschaft stammt und damals hier beim Bau von Häusern für Häuptlinge, um diesen Glück zu bringen, in jedes für einen Pfahl gegrabene Loch ein lebender Eingeborener (gewöhnlich Kriegsgefangene, wenn solche vorhanden waren) geworfen und auf diesen dann der Pfahl eingerammt wurde. Aus demselben Grunde wurden auch beim Ablauf neu gebauter großer Kanus gewöhnlich acht lebende Eingeborene, über welche das Fahrzeug hinweglaufen mußte, geopfert. — Die innern Wände des Hauses sind austapeziert und zwar mit Tapa, dem schon öfter genannten Maulbeerbaumrindenstoff, welchen die eingeborenen Frauen selbst anfertigen und mit reicher bunter Malerei verzieren. Das Handwerkszeug zum Malen besteht aus einer Kokosnußschale mit Farbstoff und einem kleinen Stück Holz, mit welchem auf dem Stoff mit unendlicher Geduld so lange herumgefahren wird, bis die mit demselben Hölzchen vorher mit dünnen Linien vorgezeichneten Muster mit Farbe ausgefüllt sind. Eine fußhohe Schicht theilweise mit Matten überdeckter kleiner runder schwarzer Steine, welche vor Sauberkeit strahlen, bedeckt den Fußboden und dient denselben Zwecken wie in den samoanischen Häusern. Ein Tapa-Vorhang schließt ein Sechstel des Raumes als Schlafgemach ab, dessen Einrichtung ziemlich einfach ist; Matten dienen als Betten, kleine auf Füßen stehende, bis zu 10 cm dicke Stücke Bambusrohr bilden wie in Samoa die Kopfkissen. Vor dem Vorhang liegen an einer Seite große Haufen Matten und zusammengerollte Tapa-Stücke, welche das einzige alte Besitzthum bilden und nach deren Masse der Reichthum eines Mannes noch jetzt abgeschätzt wird. — Soweit entspricht die Hütte dem frühern Comfort und Luxus der Eingeborenen; was nun kommt, ist eine Folge der vorschreitenden Cultur. An den Wänden entlang stehen Gewehre, die Waffen des ganzen Stammes und Eigenthum des Häuptlings, wie vor der Besitzergreifung durch England auch die Menschen des Stammes dem Häuptling gehörten. Der übrige Raum ist mit allen möglichen Sachen ausgefüllt, welche größtentheils schon sehr verkommen aussehen. Auf einem Tisch finden wir buntbemalte Petroleumlampen, eine Spieluhr und Kochtöpfe, Messer, Gabel, Nähzeug und noch verschiedenerlei Sachen. An der Wand hängen einige Uhren, welche nicht mehr gehen. Dort steht ein Waschbecken, hier ein alter Zinkeimer als Gefäß für Trinkwasser, Teller, Kleidungsstücke, alles bunt durcheinander. Der Häuptling ist ein reicher Mann und könnte nach unsern Begriffen sehr angenehm leben, der Sinn für Comfort fehlt hier aber noch vollständig. Diesem Manne gehörte früher ganz Taviuni, mit der Besitzergreifung hat die englische Regierung ihn aber mit einem Jahresgehalt von 600 Pfd. St. oder 12000 Mark abgefunden, ihm außerdem auch noch große Länderstrecken belassen. Für seinen Lebensunterhalt gebraucht er eigentlich nichts, da die Leute seines Stammes ihn mit dem Nothwendigen versehen und für ihn arbeiten müssen; sonst könnte auch ein kleiner Theil seines Landes ihn mit allem im Ueberfluß versorgen.
Wie schon erwähnt, trafen wir den Häuptling selbst nicht, sondern nur seine Gattin, Frau Tui-Kakao. Diese in den mittleren Jahren stehende braune Dame und Prinzessin, gekleidet wie die vornehmen Tonga-Frauen, saß einige Schritte von der Hauptthür entfernt in ihrem großen Salon mit Näharbeit beschäftigt auf einer Matte, ihr gegenüber ein Mann, welcher jedenfalls Diener und Gesellschafter in seiner Person vereinigte. Es herrscht hier, wie überall in Polynesien, die Sitte, daß der gemeine Mann vor einem Vornehmen nie steht, sondern sich ihm nur in gebückter Stellung nähert, sich dann mit gekreuzten Beinen dicht neben ihn auf die Erde setzt, einen Augenblick wartet und nun mit lauter Stimme ohne Scheu frei von der Leber weg redet. Die Häuptlingsfrau und Königsschwester unterhält sich mit ihrem Diener wie mit ihresgleichen, der Diener benimmt sich so frei, als ob er mit seiner Herrin auf gleicher Stufe stände, doch nur so lange als er sitzt. Sobald er einen Auftrag erhält, erhebt er sich vorsichtig, um dabei ja nicht seinen Körper ganz auszustrecken, bewegt sich dann in gebückter Stellung vorsichtig auftretend weiter, bis er eine gewisse Entfernung erreicht hat, um dann seinen Körper zu strecken, den Kopf aufzuwerfen und mit einer Würde zum Wassereimer zu gehen, als ob er dort eine Handlung vornehmen wolle, von welcher das Wohl und Wehe Tausender abhinge. Er füllt das Glas und nähert sich uns mit einem Anstande, daß wir uns fragen, ob wir die Dienstleistung annehmen können. Doch die Würde schwindet in gewisser Entfernung von uns, das Feuer der Augen erlischt, der Kopf senkt sich, der Körper nähert sich der Erde und angekrochen kommt ein unterwürfiger Sklave.
Nach Befriedigung meiner Neugier hatte ich bei Frau Tui-Kakao nichts mehr zu suchen; ich empfahl mich daher, nachdem ich noch ein schönes Stück Tapa von ihr als Geschenk angenommen hatte, und ging nach meinem Boot, um an Bord zurückzukehren. Eine Schar munterer Mädchen, gutgewachsene junge Dirnen, welche ihren schönen nackten Oberkörper mit einer reizenden Koketterie tragen, lenken meine Schritte indeß für kurze Zeit noch ab. Wo ziehen diese lachenden, singenden Kinder, auf der Schulter einen Stock mit daranhängenden Kokosnußschalen und Flaschen tragend, im Gänsemarsch hin? Sie gehen nach dem Strande und füllen dort ihre Gefäße mit Seewasser; manch eine wird dabei durch den Uebermuth der andern in das Wasser geworfen und nimmt so ein unfreiwilliges Bad. Nach kurzer Zeit kehren alle wieder zum Dorfe und zu ihren Hütten zurück.
Bei späterer Nachfrage erfuhr ich, daß die hiesigen Eingeborenen, welche wie alle Südsee-Insulaner das Salz nicht kennen und es beim Kochen nicht verwerthen können, das Seewasser zum Kochen einzelner Speisen benutzen und die Frauen und Mädchen abends stets den Vorrath für den nächsten Tag holen. Diese Gelegenheit wird dann auch als Conversationsstunde benutzt, da die Weiber stets zusammen zum Strande gehen. Die entferntest wohnende macht wol den Anfang und geht bei ihrer nächsten Nachbarin vor, worauf beide zum nächsten Hause und so fort weiter gehen, bis die ganze muntere Gesellschaft beisammen ist.
Diese Ablenkung brachte mich auch noch zu einem Schuppen, wo ein Kanu gebaut wurde und wo ich Gelegenheit fand, zu bewundern, mit welch unvollkommenen Handwerkszeugen diese Leute ihre zierlichen Fahrzeuge herstellen. Ehe ich in mein Boot stieg, sah ich mir auch noch zwei in der Nähe auf dem Strande liegende große Doppelkanus an, die für eine Reise des Häuptlings in Ordnung gebracht wurden und wobei viele Männer beschäftigt waren, um den Proviant für die bevorstehende Reise zurecht zu machen und auf dem Feuer die Brotfrucht und den Yams zu bereiten. Diese interessanten leichten Fahrzeuge, mit welchen die Polynesier oft große Reisen über See machen und die nur durch fortwährendes Ausschöpfen über Wasser gehalten werden, bestehen aus dem eigentlichen Schiffe, welches gewöhnlich 30 m lang, 3 m breit ist und einen 5 m tiefen Schiffsraum hat, sowie einem 15-16 m langen ganz gedeckten kleinern Fahrzeug, das als Ausleger dient. Ob dieses letztere auch als Wohn- oder Lastraum benutzt wird, habe ich nicht erfahren, ich glaube es indeß nicht, sondern bin der Ansicht, daß die für das große Kanu nothwendige Größe und Schwere des Auslegers dazu geführt hat, diesen in Bootsform herzustellen, um ihm die erforderliche Schwimmfähigkeit zu geben. Auf den die beiden Fahrzeuge verbindenden Balken befindet sich eine mit einer Hütte versehene Plattform von etwa 6 m im Geviert, von welcher aus das Segel bedient und das Schiff gesteuert wird. Das Hauptfahrzeug ist an beiden Enden auf ungefähr ein Viertel der Länge mit einem leichten Deck versehen, der übrige Raum ist, soweit er nicht durch die Plattform gedeckt wird, offen. Zur Fortbewegung dient ein für die Verhältnisse des Fahrzeugs riesiges Mattensegel, welches demselben bei entsprechender Windstärke eine außerordentlich große Geschwindigkeit geben soll. Das vollausgerüstete Doppelkanu soll bis zu 200 Mann mit den erforderlichen Proviantvorräthen für 8-10 Tage aufnehmen können. Als eine besondere Eigenthümlichkeit möchte ich noch anführen, daß die Spitze des Mastes hier in Fidji wie in Tonga mit einer halbmondförmigen Verzierung versehen ist, ich weiß indeß nicht, ob diesem Halbmond eine besondere Bedeutung beizumessen ist.
Am nächsten Morgen fuhren wir mit meiner Gig nach einer vier Seemeilen entfernt liegenden Plantage, um uns dieselbe anzusehen. Der Besitzer, ein wohlerzogener, gebildeter junger Engländer, nahm uns liebenswürdig auf und führte uns selbst nach seiner Kaffeepflanzung, welche uns in Levuka sehr gerühmt worden war. Ein strammer Marsch von 1½ Stunden, anfänglich durch eine Baumwollpflanzung hindurch, dann aber, und zwar den größten Theil des Weges, auf engem Pfade durch Urwald, brachte uns zu der 500 m über dem Meeresspiegel gelegenen Kaffeepflanzung. Sehr ermattet langten wir dort an, wurden aber bald durch das viele Interessante, was wir zu sehen bekamen, entschädigt. Zuerst kamen wir an ein geschützt liegendes Terrain, wo lange, schmale und wohlgepflegte Beete zeigten, daß hier schon Menschenhände der Natur nachgeholfen hatten. Hier werden aus den Samenkörnern die ersten Pflänzchen gezogen, um später dann in die eigentlichen Plantagen versetzt zu werden. Alle Beete prangen im schönsten Grün und die ersten Schößlinge des Kaffees, Thees und des Chinarindenbaums zeigen ihre saftigen Köpfchen. Ein kühler Quell unter schattigen Bäumen, welcher sich weiterhin zu einem kleinen Murmelbach ausbreitet, gibt etwas Leben und namentlich uns Erfrischung. Wir gingen dann zu der eigentlichen Kaffeeplantage und waren überrascht, eine so sorgsam gehaltene Anpflanzung zu finden. Gewöhnlich bieten die tropischen Plantagen dem Auge kein anziehendes Bild, da alles wächst, wie es wachsen will, und nur die allernothwendigsten Wege offen gehalten werden. Hier aber ist es anders. Die Kaffeebäume, in Form und Größe kleinen Tannenbäumen ähnlich, sind so regelmäßig gepflanzt wie in einer Baumschule. Von jedem Baum aus laufen die andern Bäume in geraden Linien strahlenförmig nach allen Richtungen aus, sodaß jedes Bäumchen denselben freien Raum und zwar einen Kreis von 4 m Durchmesser erhält. Zwischen den Bäumen sind Gestrüpp und Unkraut entfernt, die reichlich angelegten Wege sind schön gehalten und mit buntfarbigen Blumen und Blattpflanzen eingefaßt. Die sorgsame Anlage scheint den Besitzer aber auch für die große darauf verwandte Mühe zu belohnen, denn die kleinen Kaffeebäume sind so reich mit Früchten behangen, daß eine gute Ernte erwartet werden darf. Sehr lehrreich war es für mich, hier einiges über die für den Kaffeebau nothwendigen Bedingungen zu erfahren. In diesem Klima gedeiht der Kaffee nur in einer Höhe von 400-600 m, da das niedriger liegende Land zu heiß, das höher liegende aber schon zu rauh ist. Ferner muß von den Kaffeepflanzen jeder Wind abgehalten werden, nur ganz leiser Luftzug darf die Pflanzung durchstreifen. Deshalb muß die Plantage in einem von höhern Bergen umschlossenen Kessel angelegt werden; doch auch dies genügt noch nicht ganz, vielmehr muß ein Terrain von gewisser Größe auch noch von einer mehrfachen Baumreihe umstanden sein, damit diese durchbrochene Wand die Hauptkraft eines etwa sich über die Bergkämme in den Thalkessel hinabwälzenden Windfeldes bricht. — All diese Kenntnisse des Besitzers waren natürlich nicht die Summe seiner eigenen Erfahrungen, sondern er hatte sie von seinem Lehrer, seinem Oberaufseher, einem alten Indier, welchen er von Ceylon hatte kommen lassen. Dieser war auch der Vater der musterhaften Ordnung, welche wir hier oben vorfanden.
Nachdem wir alles gesehen hatten, mußten wir auch noch der Einladung unsers liebenswürdigen Wirthes folgen und einen Imbiß in seiner Wohnung nehmen. Sein Haus besteht aus einer ortsüblichen Hütte, welche innen in drei Räume getheilt ist. Der erste Raum dient als Vorzimmer und Schlafstätte der drei Dienerinnen, Mädchen von einer der Kingsmill-Inseln, welche bei unserm Eintreten damit beschäftigt waren, Ingwerwurzeln zu reinigen. Der zweite mit englischem Comfort ausgestattete Raum wird als Eß- und Wohnzimmer, der dritte als Schlafzimmer benutzt. Wir tranken ein Glas Wein, aßen Biscuit mit Büchsen-Lachs und -Zunge und brachen dann auf. Der Besuch hatte uns sehr befriedigt und wir nahmen daher gern noch die Strapaze des Rückweges ohne Murren auf unsere Beine. Gegen 3½ Uhr nachmittags waren wir an Bord, wo uns das Essen vorzüglich schmeckte und starker Regenfall es uns leicht machte, den Abend in Ruhe auf dem Schiffe zu verbringen. — Am nächsten Morgen, 6. November, ging es wieder weiter. Während des Tages führte unser Curs zwischen Inseln und Riffen hindurch, abends 7 Uhr waren wir in freiem Wasser.
Ich wollte zunächst die Insel Fotuna anlaufen, welche ich bei den herrschenden Windverhältnissen am nächsten Mittag erreichen mußte. Die Insel hat zwar keinen Ankerplatz, doch genügte es meinen Zwecken, mit dem Consul nur für einige Stunden mit dem Boot an Land zu gehen und das Schiff während der Zeit unter Segel zu belassen. Der Wind spielte mir aber einen seiner launigen Streiche und hätte mich am 7. November erst so spät abends an die Insel herankommen lassen, daß ich an demselben Tage nicht mehr das Land hätte besuchen können. Die Nacht zu opfern, schien mir bei der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit nicht angebracht; ich gab das Anlaufen von Fotuna daher auf und setzte meinen Curs direct auf Funafuti, eine der Ellice-Inseln. Am 11. November mittags kam diese niedrige Koralleninsel in Sicht und sollte ich nun endlich Gelegenheit finden, meine Neugierde zu befriedigen, da diese die erste derartige Insel ist, auf welche ich am selben Abend nach dem Ankern meinen Fuß gesetzt habe.
Die Karten dieses Theiles der Erde sind noch sehr unvollkommen, so dürftig, daß sie eben nur als Anhalt dienen können; mit Sicherheit danach navigiren kann man nicht. So zeigt die vor mir liegende Skizze, welche die äußern Umrisse dieses niedrigen Landes wiedergibt, nur eine Einfahrt in die Lagune, während die mir zugegangenen Nachrichten gerade besagen, daß dort keine Einfahrt existirt, aber zwei andere vorhanden sind. Ich verlasse mich auf meine Gewährsleute und dampfe zwischen zwei kleine Inseln, wo eine Einfahrt liegen soll. Aus der Takelage wird indeß bald flaches Wasser gemeldet, von dem Schiff aus sieht man schon den Meeresboden, und das Loth zeigt eine so geringe Tiefe, daß es nicht gerathen erscheint, bei dem hohen Seegange ohne vorherige Recognoscirung weiter zu gehen. Drehen kann das Schiff nicht mehr, dazu ist es zu eng, voll Dampf geht es rückwärts und nach wenigen Minuten schwimmt das Schiff wieder in tiefblauem Wasser, wo man auch ohne Versuch weiß, daß das Loth keinen Grund mehr findet. Die beiden Kutter sind bald zu Wasser, um das Fahrwasser auszulothen und sich so hinzulegen, daß das Schiff zwischen den beiden Booten eine sichere Rinne findet. Inzwischen sind auch schon von dem weit entfernten Dorfe zwei Kanus mit Lootsen angekommen, die, wenn sie auch nicht ganz zuverlässig sind, doch immer gern als nützliche, mit der Gegend bekannte Menschen angenommen werden. Nach einer halben Stunde dampft die „Ariadne“ wieder vorwärts, geht zwischen den Kuttern durch in die schöne Lagune, nimmt die Boote wieder auf und ankert nach einer weitern halben Stunde, nachmittags 4 Uhr, vor dem auf blendendem Sande malerisch unter hohen Kokospalmen gelegenen Dorfe.
Es ist ein wahrer Genuß, in dieser regungslosen Flut zu liegen, mit dem Bewußtsein, daß der Anker vortrefflichen Grund gefunden hat und dem Schiffe hier nichts passiren kann. Jenseit des schmalen Landstreifens hört man die hohe Brandung brüllend sich an dem steinernen Fuß der Insel brechen. An den Stellen, wo das Korallenriff unter dem Wasserspiegel liegt, sieht man die Wogen hoch auflaufen und ihren Gischt gen Himmel spritzen. Hier innen aber hat das Wasser Ruhe und auch der auf ihm schwimmende Seefahrer. Nach dem Ankern fuhr ich mit dem Consul noch an Land, um den obersten Häuptling oder König zu besuchen; weiter umsehen konnten wir uns aber nicht, da es schnell dunkel wurde. Wir kehrten daher an Bord zurück, wo ich Ruhe fand zur Vervollständigung meiner Berichte.
Ehe ich auf meine weitern Erlebnisse eingehe, will ich hier die Gründe niederlegen, welche mich zu dem Versuch veranlaßten, mit den unabhängigen Inseln und Inselgruppen Verträge zu schließen oder besser gesagt Abmachungen zu treffen.
Die unabhängigen Inseln und Gruppen sind für den in der Südsee dominirenden deutschen Handel von großer Bedeutung, weil sie sehr viel Copra produciren; für den auf den Samoa-Inseln in großem Maßstabe von den Deutschen aufgenommenen Plantagenbau sind sie aber von unermeßlichem Werthe, weil sie die Arbeiter für die Plantagen liefern. Und um diesen Punkt dreht sich meines Erachtens das Südseegeschäft. Denn wenn der Handel mit Copra auch großen Gewinn abwirft, so darf man doch nicht vergessen, daß der Handel auch vielen Zufälligkeiten unterworfen ist und für Jahre vernichtet werden kann, wenn ein fremdländisches, leistungsfähiges und womöglich von seiner Regierung unterstütztes Kaufmannshaus als Concurrent auftritt und durch zeitweiliges Zahlen übermäßiger Preise dieses Handelsfeld an sich zu reißen sucht. In solchem Falle muß der Kaufmann mit durchhalten und für Jahre Verluste tragen, um durch Ausdauer den fremden Concurrenten zu verdrängen. Dies ist aber leichter durchführbar, wenn der Kaufmann gleichzeitig große Plantagen besitzt, welche mit dem Steigen der Coprapreise in demselben Verhältniß an Werth gewinnen, sodaß der Verlust an dem Handel durch den Gewinn an den Plantagen ausgeglichen wird.
Dies ist das glückliche Princip, welches von der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft in Samoa angenommen worden ist. Der Handel in der Südsee kann in der Jetztzeit nur von sehr großen Häusern oder Gesellschaften mit bedeutenden Kapitalien unterhalten werden und bringt diesen großen Gewinn. Kleine Handlungshäuser mit ungenügenden Mitteln müssen hier zu Grunde gehen, wie die Erfahrung bisher gelehrt hat. Die Südsee bietet also kein Feld für allgemeine Handelsunternehmungen, hat aber in den noch unabhängigen Inseln vorzügliches Plantagenland, welches Landwirthen mit einem Kapital von 30-100000 Mark ein interessantes Feld der Thätigkeit und leichten Erwerb großer Vermögen sichert. Auswanderer ohne Geld (Bauern u. s. w.) hierher zu schicken, würde ein Fehler sein, weil die eigene Arbeit keinen Gewinn verspricht. Es müssen, wie gesagt, Leute mit einem gewissen Kapital sein, die eine Plantage gleich in großem Maßstabe mit Hülfe eingeborener Arbeiter anlegen. Dies ist das von den Engländern befolgte Princip, welches durch die sachgemäßeste Ausnutzung der Colonien dem Mutterlande so große Reichthümer zugeführt hat. Die Engländer schicken keine kleinen Leute in die Colonien, sondern die jüngern Söhne der Aristokratie, und solche junge Leute, welche sich für diese Art Leben interessiren oder in der Heimat kein ausreichendes Fortkommen für ihre Bedürfnisse sehen, werden mit einem Kapital von 3-5000 Pfd. St. dahin entsandt und erwerben sich durch Plantagenbau oder, wie in Australien, durch Viehstationen, in 10-20 Jahren oft sehr bedeutende Vermögen. Ich habe in Australien bei noch jungen Leuten schon die goldenen Früchte gesehen, während wir in Soma-Soma, wie vorher erzählt, solch einen wohlerzogenen jungen Anfänger den Grundstein zu spätern Reichthümern haben legen sehen. Wenn man nun erwägt, daß die Handels- und Plantagengesellschaft allein auf den Samoa-Inseln zur Zeit an 120000 Acker Land besitzt, davon aber selbst nur 10-15000 Acker bearbeiten kann, so liegt es auf der Hand, daß unter Zugrundelegung der nachstehend gegebenen Zahlen der Plantagenbau außerordentlich rentiren muß, wenn die Arbeiterzufuhr gesichert ist, da die Südsee-Insulaner auf ihren heimatlichen Inseln nicht arbeiten. Alle übrigen dazu erforderlichen Bedingungen sind vorhanden. Große nationale Handelshäuser sind sowol im Süden wie im Norden und Westen an Ort und Stelle. Sie sind nicht wie bei andern Nationen der Flagge gefolgt, sondern ihr voraufgegangen. Weitsichtige, muthige und energische Männer, deren Namen schon vielfach genannt sind und in deren Händen noch jetzt die Leitung an den verschiedenen Stellen ist, haben ihren großartigen Geschäftsbetrieben durch eigene Kraft eine durchaus gesicherte Stellung geschaffen, welche unantastbar sein dürfte, sobald die deutsche Flagge diesen Pionnieren folgen sollte. Diese Handelshäuser können jetzt schon als Bankhäuser eintreten, ihr eigenes Land abtreten oder neue Landkäufe vermitteln, mit ihren Schiffen und durch ihre Verbindungen die Arbeiter heranschaffen, die Plantagen mit den europäischen Artikeln versehen und den Pflanzern an Ort und Stelle ihre Producte abnehmen, auch diesen infolge ihrer reichen Erfahrung überall mit Rath und That zur Hand gehen.
Um zu zeigen, wie der Plantagenbau sich zur Zeit auf den Samoa-Inseln rentirt und sich daher auch auf andern etwa zu erwerbenden Inseln rentiren dürfte, will ich die zur Zeit auf Samoa maßgebenden Zahlen sprechen lassen:
Wenn nun die Baumwollpflanzungen allmählich in Kokosnußpflanzungen verwandelt werden, dürfte das Resultat des jährlichen Ertrages sich noch günstiger gestalten, sobald dieselben erst vollen Ertrag liefern. Es sind hier von einem Arbeiter gut fünf Acker zu bewältigen und werden auch alle andern Unkosten geringer. Die Berechnung stellt sich dann wie folgt:
| Arbeitslohn per Jahr und Acker | Mark | 48— |
| Verschiedene Unkosten | " | 12— |
| Jährliche Betriebskosten und Auslagen | Mark | 60— |
| Jährlicher Ertrag eines Ackers | Mark | 120-160 |
gibt einen jährlichen Ueberschuß von 60-100 Mark, ganz abgesehen von dem Nutzen der Viehzucht, welche sich mit Kokosnußplantagen vereinen läßt.
Ein englischer Acker ist gleich 40,468 Ar.