Speerschmuck.

Speerschmuck.

Die Steinschleuder ist die nächst wichtige Waffe. Sie besteht aus einem 6 cm langen, 4 cm breiten und 3 cm tiefen bootförmigen Körper aus Bast, an dessen beiden spitzen Enden zwei gleiche, etwas mehr als 1 m lange zweidrähtige Schnüre befestigt sind. Die eine Schnur endet in eine Schleife, die andere in einen konischen, nach oben breiter werdenden, zierlich aus Bast geflochtenen Knopf von 1½ cm Dicke. Der abgerundete Stein wiegt zwischen 100 und 150 gr. Beim Gebrauch wird die Schleife der einen Schnur um den Daumen, der Knopf der andern zwischen Mittel- und Ringfinger genommen und dieser Knopf dann von den ihn haltenden Fingern losgelassen, sobald der Schleuderer sein Ziel zu haben glaubt. Wie gefährlich diese Waffe in den Händen der Eingeborenen ist, habe ich früher schon gesagt; ich habe sie zwar nicht anwenden sehen, habe aber zwei Leute gesehen, von denen der eine durch die Schleuder einen Knochenbruch am Oberschenkel erlitten, der andere in der Hüfte ein verwachsenes 2 cm breites und tiefes Loch hatte.

Die Keule vertritt in gewissem Sinne die Stelle unsers Seitengewehrs, wird im Massenkampf wol kaum benutzt und dient im alltäglichen Leben als Vertheidigungswaffe, hauptsächlich aber wol als Schutzwehr, da jeder waffenlose Mann als vogelfrei gilt und von jedem, welcher Lust dazu verspürt, erschlagen werden kann. Mit der Bildung von größern Gemeinwesen indeß, mit dem Zusammenfassen ganzer Stämme unter die Gewalt eines Häuptlings ist die Waffe innerhalb der eigenen Grenzen als Schutzwehr überflüssig geworden und dient, wenn sie nicht zur Jagd gebraucht wird, nur noch als Symbol, ist das Abzeichen des freien Mannes. So ist es möglich geworden, daß an Stelle der Waffe die Attrape treten konnte, ein der Waffe nachgebildetes, als solche unbrauchbares Stück Holz, oder das Gewehr ohne Munition, denn der Träger genügt der Landessitte, hat das äußere Abzeichen und kann mit diesem sogar andern Stämmen ungefährdet entgegentreten. Die Keulen wurden vor dem Verkehr mit den Europäern nur in zwei Mustern hergestellt, entweder aus hartem, gewöhnlich Eisenholz allein, oder aus solchem Holz in Verbindung mit Stein. Die Holzkeule hat unten einen, das Abgleiten der Hand verhindernden Griff und oben eine Verstärkung, welche nach den Seiten in eine scharfe Kante und nach oben in eine Spitze ausläuft. Sie ist gewöhnlich roth bemalt und hat am Griff mancherlei eingeschnittenen und lose hängenden Zierath. Die Steinkeule besteht aus einem glatten Holzstock, über welchem oben ein bis zu 15 cm dicker, ausgehöhlter Stein gestreift und mit einer Pechart, in welches häufig noch Diwarra eingedrückt wird, befestigt ist. Das dritte Muster ist erst entstanden, nachdem die Eingeborenen durch die Europäer in den Besitz von Beilen gekommen waren. Diese Keule ist mit mehr Sorgfalt angefertigt und kann wol auch nur als Luxuswaffe bezeichnet werden. Das Beil sitzt auf einem flachen, mit eingelegtem Perlmutter verzierten Stiel, dessen unteres Ende die Form der von den Eingeborenen gebrauchten Ruder annimmt und hier reich geschnitzt, bemalt und mit einer großen Zahl angebundener Berloques schön gemacht ist. Dieses Keulenmuster wird vorzugsweise als Attrape benutzt.

Die Kampfweise entspricht selbstverständlich den vorhandenen Waffen. Die Steinschleuderer bilden das erste Treffen und beginnen den Kampf in größerer Entfernung, wo ihre Waffe zwar noch nicht zur vollen Geltung kommt, aber immerhin doch den einen oder andern Mann außer Gefecht setzen kann. Sobald nun die eine Partei ihren Steinhagel entsendet, dreht sich die angegriffene Colonne für einen Augenblick schnell um, neigt den Oberkörper zur Erde und streckt den ankommenden Steinen den fleischigsten Theil des Körpers entgegen, weil hier auftreffende Steine aus der großen Entfernung nur quetschen, aber keinen Knochenbruch erzeugen können. Dieses Manöver, welches auf den Unbetheiligten einen höchst lächerlichen Eindruck machen muß, sollen sie auch bei dem ersten ernstem Zusammenstoß mit den Weißen gegen deren Flintenkugeln angewendet haben, ergriffen dann aber, als die Kugeln schlank durchgingen, die Flucht, ohne ihr Gesicht wieder zu zeigen, und versuchten diesen Kniff später gegen Feuerwaffen nicht mehr. Sobald die feindlichen Colonnen in langsamem Schritt auf Speerwurfweite aneinander gekommen sind, ziehen die Schleuderer sich zur Seite, das erste Glied des Haupttreffens wirft seine Speere und eilt hinter die Front, um dem zweiten Gliede Platz zu machen oder aber sämmtlich die Flucht zu ergreifen. Denn bis zum Aufbrauch sämmtlicher Waffen soll es nie kommen, weil eine Partei gewöhnlich den Kampf aufgibt, sobald zwei bis drei von ihnen gefallen sind, und dies ist in der Regel schon nach dem ersten Speerwurf der Fall.

Keulen und Kriegsaxt.

Keulen und Kriegsaxt.

An Werkzeugen findet man die Steinaxt, ein Stück Knieholz, dessen langer Schenkel den Stiel bildet, während an dem kürzern ein harter, grünlicher, geschärfter Stein angebunden ist; dann, wie schon angegeben, Muschelscherben und Lavaschlacke. Eisen war vor dem Eindringen der Europäer nicht bekannt und in der ersten Zeit des Verkehrs wurden für kleine Stücke von alten Fässern gewonnenem Bandeisen die werthvollsten Producte eingehandelt. Nachdem aber, und zwar erst in der allerneuesten Zeit, Beile und Messer zum Kauf gestellt werden, hat das Bandeisen, welches doch nur mangelhafte Geräthe liefert, sehr an Werth verloren, obgleich Beile und Messer noch so hoch im Preise stehen, daß nur Häuptlinge sie erwerben können.

An Musikinstrumenten habe ich nur eine aus Bambus hergestellte Pfeife, die Trommel und die Maultrommel gefunden.

Steinaxt. Pfeife.
Steinaxt. Pfeife.

Die Pfeife, etwa 40 cm lang und mit eingebrannten Mustern verziert, ist am Mundstück einfach offen mit einem kleinen halbrunden Ausschnitt und unten geschlossen mit zwei oder drei Tonlöchern vor dem Abschluß.

Trommel.

Trommel.

Die Trommel, welche mit der Hand geschlagen wird, ist ein Cylinder von Bambus oder anderm Holz, unten offen, oben mit Fisch- oder Schlangenhaut bezogen, mit Schnitzwerk und Berloques verziert.

Die Maultrommel, in deren obere Seite zierliche Muster eingeschnitten sind, ist aus einem Stück Bambus gefertigt, 20 cm lang, 6 cm breit und wie eine große zweischneidige Messerklinge geformt. In dem 18 cm langen und ¾ cm breiten Schlitz liegt die aus dem ganzen Stück herausgeschnittene Tonzunge.

An künstlichen Erzeugnissen habe ich außer den bereits genannten Fischereigeräthen, Kanus, Dug-Dug-Masken, Schmuckgegenständen, Waffen, Werkzeugen und Musikinstrumenten nur noch sehr schön aus feinem Rohr geflochtene Körbchen, Tanzstöcke und Schädelmasken gefunden.

Tanzstock.

Tanzstock.

Die Tanzstöcke bestehen aus einem flachen Stock, welcher unten einen Griff bildet, an welchem sich zwei nach oben zeigende und in einen Winkel von 30° nach beiden Seiten neigende, mit der flachen Seite des Stocks in einer Ebene liegende und mit bunten Federn verzierte kürzere Stöcke anschließen; unten am Griff ist außerdem noch ein kleiner Federstrauß angebracht. Die bessern Stöcke sind bis 1½ m lang, aus schwarzem glänzenden Holz gefertigt und haben an den Außenrändern schön gewundene Linien.

Die Schädelmasken haben diesen Namen von den Europäern erhalten, weil die vordere Hälfte eines Menschenschädels den Kern der Maske bildet. Auf diesen Kern ist mit Lehm die treue Maske der hiesigen Eingeborenen geformt. Die Oberkiefer sind innerhalb durch ein fingerdickes Stück Holz verbunden, welches der Träger in den Mund nimmt und so sein eigenes Gesicht verdeckt.

Schädelmasken.

  Schädelmasken. Oberste Spitzen der Dug-Dug-Masken.

Von den Dug-Dug-Masken kann ich keine eingehendere Beschreibung geben, weil ich keine Gelegenheit mehr fand, mir dieselben näher anzusehen, doch wird das Nachfolgende vielleicht auch genügen. Den untern Theil bildet ein dicker, aus langen schmalen getrockneten Blättern hergestellter Rock, welcher von der Brust bis fast zu den Knien reicht. Auf diesen Rock legt sich ein ebensolcher Laubkranz bis zum Hals hinauf, sodaß der Träger des Anzugs zwischen diesem Kranz und dem Rock seine Hände und Arme hindurchstecken kann, sowol um dieselben, wenn nöthig, überhaupt gebrauchen, wie auch Geschenke in Empfang nehmen zu können; Hände und Arme dürfen aber eigentlich nie gezeigt werden, weshalb man bei der Darreichung eines Geschenks dicht an die Maske herantreten muß und die Gabe dann dahin reicht, wo zwischen dem Laub die dunkeln Finger sich bemerkbar machen. Auf den Kranz endlich kommt der oft über 2 m hohe thurm- oder pyramidenartige Oberkörper mit Kopf. Derselbe ist ein Gitterwerk von ganz leichten Rohrstäben und so mit Federn, Laub und schwarz-weiß-rother Malerei verziert, daß man nicht in das Innere sehen kann. Ganz oben auf der Spitze ist das eigentliche, scharf karikirte Gesicht angebracht, dessen Augen aus den unter dem Namen „Katzenaugen“ bekannten Verschlußstücken einer bestimmten Muschelart bestehen. Das Merkwürdigste an dieser Figur sind die durch die Vermummung hervorgebrachten wunderlichen Körpermaße. Ganz oben, 3-4 m über dem Erdboden, der kleine spitze Kopf, an welchen sich der schmale armlose Oberkörper anschließt, dann die riesige Hüftenpartie, welche bei dem Hals des Trägers anfängt und bis zu dessen Knien reicht, und schließlich die kurzen Beinchen von den Knien bis zu den Füßen.

Die Nahrungsmittel der Eingeborenen bestehen in der Kokosnuß, Bananen, Erdfrüchten (Yam, Taro, süße Kartoffeln), Fischen und Seethieren, Vogeleiern (Hühner sind nicht bekannt), Menschen- und schließlich seit zwei Jahren auch Schweinefleisch. Der Genuß des Schweinefleisch war vordem, obwol das Schwein wild vorkommt, nicht bekannt und ist wol diesem Umstand allein der Brauch der Menschenfresserei zuzuschreiben, da die menschliche Natur doch nun einmal Fleischnahrung verlangt. Seitdem die Weißen den Eingeborenen gebratenes Schweinefleisch vorgesetzt hatten, welches sie für Menschenfleisch aßen, und nachdem dann vor ihren Augen ein Schwein geschlachtet war und sie dieses Fleisch ebenso gut wie das vorher genossene fanden, greift die Verwendung der Schweine als Nahrungsmittel immer mehr um sich und die Menschenfresserei nimmt zwar langsam aber stetig ab. Sind die Verhältnisse aber erst so geordnet, daß die Weißen daran denken können, Rindvieh einzuführen und zu züchten, dann wird die Menschenfresserei sicher bald ganz der Vergangenheit angehören.

Bei dem Kapitel Menschenfleisch werde ich mich nun, fürchte ich, theilweise in unlösbaren Widerspruch mit den Angaben früherer Berichte setzen, ich halte aber meine Gewährsleute für zuverlässig. Wie ich früher schon gesagt habe, werden nicht nur erschlagene Feinde verzehrt, sondern das menschliche Wild wird auch regelrecht gejagt. Die Zubereitung ist eine höchst einfache; der stets vorher getödtete Mann wird in zwei große trockene Bananenblätter ganz eingewickelt, dann mit dem Kopf nach oben an einen Baum gehängt, die Blätter werden angesteckt und das Mahl ist fertig, sobald die Blätter abgebrannt sind. Der Körper wird nun heruntergenommen und mit den Händen das rohe Fleisch heruntergerissen und von den Männern gegessen, während die im Hintergrunde sitzenden Frauen die Eingeweide erhalten. Aehnlich wird das Schwein zubereitet, doch wird das gebundene lebende und in trockene Blätter eingewickelte Thier, welchem auch noch die Schnauze zugebunden ist, damit es nicht schreien kann, mit den Beinen nach oben aufgehängt und erhält, ehe die Blätter angesteckt werden, mit der Keule einen Schlag auf den Kopf. Nach Abbrennung der Blätter wird es dann ebenso, wie vorher angegeben, verzehrt. Kapitän Levison war Augenzeuge eines solchen Mahles, als er mit vier seiner Leute unter dem Beistand eines befreundeten Stammes den bereits erwähnten erfolgreichen Kriegszug gegen die Mörder eines deutschen Agenten unternahm. In ihrem Siegesrausch warfen die Wilden ihre sonstige Zurückhaltung ab und gaben sich in seinem Beisein dem Genusse hin, welchen sie sonst vor den Weißen ängstlich verbergen. Hiernach kann ich die Berichte, welche von sorgsam zerlegten Gliedern und nach unsern Begriffen hergerichtetem saftigen Menschenbraten erzählen, nur als Phantasiegebilde betrachten, zumal die Eingeborenen bisher überhaupt noch keine Werkzeuge besitzen, um einen Körper in dieser Weise zu zerlegen, denn die wenigen erst seit kurzem in ihrem Besitz befindlichen Messer und Beile können bei der weiten Verbreitung der Menschenfresserei noch gar nicht in Betracht kommen. Doch schöner liest es sich entschieden, wenn der Leser bei der Schilderung der einzelnen Manipulationen ein gewisses Gruseln empfindet. Das Menschenfleisch wird aber roh gegessen und dazu bedarf es keiner Zerlegung, denn das Abbrennen der Blätter auf dem Körper der Menschen wie dem der Schweine hat nur den Zweck, die Haare und Borsten abzusengen und die Haut mürbe zu machen. Dem Einwand, daß es eine noch größere Ungeheuerlichkeit sei, rohes Menschenfleisch zu essen, begegne ich damit, daß es wenigstens nach meinem Gefühl weniger scheußlich ist, dem thierischen Trieb folgend das Opfer einfach zu zerreißen, als mit bewußter Wollust mit den einzelnen Gliedern zu liebäugeln und stundenlang vor dem allmählich gar werdenden und brodelnden leckern Mahl zu hocken. Im übrigen sind die Leute an diese Art der Nahrung von Kindesbeinen an ebenso gewöhnt, wie wir an den Genuß von rohen und lebenden Austern, Land- und Wasserschnecken, an rohes Rindfleisch à la tartare, wie die Samoaner an den Genuß lebender Raupen und die samoanischen Katzen an den von Kokosnußkern, was doch wahrlich gegen die Natur der Katze geht.

Daß hier allmählich Wandel geschaffen wird, ist hauptsächlich dem Einflusse der Mission zuzuschreiben, da die Kaufleute bisher keine Zeit hatten, sich der Verbesserung der Sitten zuzuwenden, sondern zunächst nur daran denken konnten, festen Fuß zu fassen und ihr eigenes Leben zu sichern; andererseits aber konnte die Mission, welche noch keine weitern Erfolge zu verzeichnen hat, ihr Werk überhaupt nur unter dem Schutze der Kaufleute, und zwar hier nur unter dem Schutze deutscher Kaufleute beginnen.

An einem Vormittag überbrachte mir Herr Hernsheim eine Einladung Topulu's, auf seinem Fischereiplatze einen Tanz entgegenzunehmen, welchen er auf mein Ersuchen arrangirt hätte, ich möchte aber sonst niemand mitbringen. Wir fuhren daher zu seinem Wohnplatze, um zunächst hier unsern Zahlmeister-Aspiranten, welcher mir mit Genehmigung des Eheherrn die Narbenmuster auf der Haut der einen Frau abzeichnen wollte, abzusetzen und auch mein Boot hier zurückzulassen. Am Ziel angelangt, fanden wir in der großen offenen Hütte unsern Freund Topulu mit zwei seiner Frauen, allerdings nicht gerade den ältesten, aber auch nicht den hübschesten. Die eine ist ein murksiges ältliches Geschöpf von ziemlich heller Farbe, die andere ebenfalls sehr klein, noch jung, wohlgenährt, aber tief schwarz; sie hat eine Nase, welche so ziemlich die ganze Breite des Gesichts einnimmt, dazu ist sie noch auf einem Auge blind, was in dem schwarzen Gesicht noch mehr zur Geltung kommt. Beide sind schön geputzt, aber nicht gewaschen. Die Haare sind frisch roth gefärbt, auf dem Kopfe sitzt eine große bunte Feder, die Halskette ist fest und ordentlich umgebunden, und beide haben in jedem Nasenflügel zwei, also jede vier 5 cm lange, nach oben und trotzig aus dem Gesicht herausstehende dunkelbraune Stacheln. Als wir zur Hütte kommen und uns verwundert umsehen, wo denn die andern sind, raunt King Dick Herrn Hernsheim in seinem Kauderwelsch etwas zu und ist verschwunden. Auf meine Frage: „Was nun?“ bekomme ich die Antwort: „Topulu stellt Ihnen diese beiden seiner Frauen zur Verfügung.“ Auf die Frage: „Was soll ich denn mit ihnen?“ die Antwort: „Sie können mit ihnen machen was Sie wollen; nur dürfen Sie sie nicht essen.“ Lachend gaben wir den ängstlich aneinandergeschmiegten Gestalten, welche uns wie scheue Rehe anblicken, die von Herrn Hernsheim vorsorglich mitgebrachten weißen Perlenschnüre und machen uns, befriedigt über die beabsichtigte Freigebigkeit Dick's, welche in diesem Lande wirklich etwas bedeuten will, auf den Rückweg.

An einem Nachmittag holte mich Herr Hernsheim ab, um einen Besuch bei Torragud zu machen. Ein schon längere Zeit auf einem Hernsheim'schen Schiffe in Diensten stehender hiesiger Eingeborener dient uns als Führer. Wir legen den 2½ Seemeilen langen Wasserweg bis Urakukua auf Amakada in meiner Gig zurück und betreten dann den Wald. Bewaffnet sind wir nur mit einem Stock, weil Herr Hernsheim Waffen für überflüssig hält und ich nach meinen bisherigen Erfahrungen dem auch beistimme. Der sanft ansteigende Weg in dem herrlichen, schönen Wald ist so breit, daß wir bequem nebeneinander gehen können, in der Unterhaltung also nicht gestört sind. Ungefähr auf dem halben Wege stoßen wir auf eine Lichtung, wo unter hohen mächtigen Bäumen eine große Hütte liegt, auf deren geräumigem Vorplatz zwei große, schwere Schweine sich ergehen; Menschen sind nicht zu sehen. An diesen Platz schließt sich ein großes umzäuntes und sorgfältig gepflegtes Stück Land, welches mit Erdfrüchten bestanden ist. Etwas weiter bei einer Krümmung des Weges stehen plötzlich wenige Schritte vor uns zwei prächtige, rehfarbene Mädchen, jugendlich üppige, schöne hohe schlanke Gestalten, welche frei von allem Tand nur eine lange bunte Feder im Haar haben. Einen Augenblick stutzen sie wie wir, dann mit einem hellen Jauchzer brechen sie wie leichtfüßiges Wild mit leichten Sprüngen in das Dickicht und machen erst in größerer Entfernung halt, wo wir nur über dem Laub ihre Köpfe sehen und von wo sie mit ihren klaren Augen uns beobachten und passiren lassen. Unwillkürlich entschlüpft mir, wie sie so dahin eilen, der Ausruf: „Schade, daß wir kein Gewehr haben, um ihnen eins aufzubrennen!“ und wieder zur Besinnung gekommen füge ich hinzu: „Es ist gut, daß ich nicht länger hier bleibe, ich könnte sonst bei diesem edlen Wild vielleicht noch selbst Geschmack an der Menschenjagd finden.“ Nach drei Viertelstunden Gehens sind wir auf der Höhe und bei dem groß angelegten Besitz Torragud's angelangt. Er empfängt uns, umgeben von seiner Familie und einigen Ferkeln. Er selbst in seinem Naturkleid schön wie immer, doch leider wieder mit der blauen Unterjacke, welche er auf meinen Wunsch allerdings nachher für kurze Zeit ablegt. Einige Frauen, darunter eine alte, häßliche, schwarze und spindeldürre Gestalt, die sich uns grinsend nähert und auf der Brust einen Schmuck trägt, welcher sofort meine Begierde erweckt. Noch ein Mann und mehrere Kinder, von denen ein 11-12 Jahre altes ziemlich dunkles mageres Mädchen von allen Personen allein ein Hüfttuch trägt. Sie ist eine muntere, durchtriebene kleine Person, welche mit ihrem neckischen Wesen das ganze Haus zu beherrschen scheint und entschieden der allgemeine Vorzug ist. Torragud nimmt sie an der Hand und sich in die Brust werfend stellt er sie vor: „Tintamon, Missi Brown he make him.“ Sehr belustigt war ich, als wir herausbekamen, daß Tintamon „King Salomon“ bedeuten solle. Welcher Witzbold aber dem Mädchen diesen Namen gegeben hat, konnten wir nicht erfahren. Die Worte, daß Mr. Brown ihn gemacht hätte, konnte nur dieser Herr mir erklären, was er später auf einfache Weise mit der Erklärung that, daß er das Kind vor kurzem getauft habe. Tintamon wird, wie ich noch herausgebracht habe, so gehätschelt und gepflegt, weil sie schon an einen andern großen Häuptling verkauft ist, aber nicht eher an den Käufer übergeht, bis sie die volle Reife zur Frau erlangt hat, denn die Erhaltung bis zu diesem Zeitpunkt ist Sache des Verkäufers. Aus dieser Sitte werden in Reisebeschreibungen nun wol häufig Verlobungs- und Heirathsceremonien gemacht, welche aber meines Wissens nicht existiren. Verlobung und Heirath kennt man hier nicht, sondern nur den einfachen Kauf, bei welchem allerdings Zweckmäßigkeitsgründe in der Weise unterlaufen, daß ein Häuptling die Tochter eines andern, um sich mit diesem näher zu verbinden, schon im frühesten Alter kauft und je nach dem Werth der Verbindung einen höhern oder niedrigern Preis zahlt. Das Kaufobject ist hierbei nur der Strohmann, um dem gezahlten Preise den Sinn des Tributs zu nehmen.

Nachdem wir Torragud's Wohnhaus besichtigt haben, treten wir auch noch in die Schatzkammer, welche, wenn sie auch nicht so große Reichthümer wie die des King Dick aufweist, doch nach hiesigen Begriffen ein stattliches Vermögen in sich birgt. Zur Familie zurückgekehrt äußere ich den Wunsch, den Schmuck der Alten zu besitzen, doch diese rückt mir drohend auf den Leib, schreit und keift und schützt das Kleinod mit ihren magern Armen. Torragud bringt sie zur Ruhe, sieht sie mit ernstem prüfenden Blick an, nickt einmal bedeutungsvoll mit dem Kopfe, als ob ihm ein guter Gedanke gekommen sei, und wendet sich wieder uns zu. Nachdem wir noch aus einer uns dargebotenen frischen Kokosnuß die Milch getrunken und verschiedene kleine Geschenke vertheilt haben, verließen wir diese Waldidylle wieder.

Bei dem Besuche Torragud's konnte ich beobachten, wie heutzutage noch Gemein- und Staatswesen entstehen und sich entwickeln. Der Mann erwirbt Geld oder ähnliches Gut und wirft sich, wenn er überhaupt das Zeug dazu hat, durch das damit verbundene Ansehen zum Häuptling auf, vergrößert seinen Hausstand durch Ankauf von Frauen, welche gleichzeitig auch für ihn arbeiten müssen, siedelt dann seine erwachsenen Söhne, nachdem er ihnen eine Frau geschenkt hat, in seiner Nähe an, ergänzt den Abgang in seinem Hause wieder durch Ankauf von Knaben, sowie auch Mädchen, welch letztere wiederum später als Frauen an die gekauften männlichen Mitglieder abgegeben oder anderweit veräußert und namentlich gegen andere Kinder ausgetauscht werden. So bildet sich in verhältnißmäßig kurzer Zeit ein Stamm, welcher durch Verkauf der Mädchen aus eigenem Blut und vielleicht auch durch einmalige Zahlung einer gewissen Summe eine andere Familie oder einen kleinern Stamm in sich aufnimmt und mit sich verschmelzt. Ist der Stamm nun stark genug, dann breitet er sich leicht weiter aus, indem er die Nachbarfamilien und Stämme nicht mehr kauft, sondern mit Gewalt unterwirft und so allmählich immer mehr wächst, wenn er neben der Gewalt auch noch Staatskunst zur Anwendung bringt, wie wol der Vater des Topulu dies dadurch gethan hat, daß er den läppischen Dug-Dug in seinem Interesse umgebildet und zu einer Ceremonie gemacht hat, mit welcher er seine Unterthanen an Gehorsam und an seine Macht gewöhnte. Denn in ältern Reisebeschreibungen findet man den Dug-Dug nur als hüpfenden Popanz und nicht in der Form, wie er hier jetzt und zwar alljährlich nur einmal abgehalten wird.

An dem auf den Besuch bei Torragud folgenden Vormittag brachte Herr Hernsheim mir den seltenen Schmuck der Alten und bat mich, denselben als ein Andenken an die gemeinsam unter den Menschenfressern verbrachte Zeit anzunehmen. Obwol es gerade nicht höflich war, mir die Erwerbungsgeschichte des Schmuckes erzählen zu lassen, konnte ich dem Reiz nicht widerstehen, zu erfahren, wie er es möglich gemacht hatte, das Stück zu erhalten, und ich stellte daher die Bitte, welche mir auch gewährt wurde. Das von mir „bedeutungsvoll“ genannte Kopfnicken Torragud's hatte also wirklich einen tiefern Sinn und besagte, daß er, Torragud, nun wisse, wie er in Besitz eines Hinterladers gelangen könne. Was diesem schlauen Heiden dabei durch den Sinn ging, kann ich natürlich nicht wissen, doch läßt es sich meines Erachtens leicht combiniren. Es war schon seit lange sein Wunsch, ein Gewehr zu besitzen, er wurde aber stets, wenn er am Schluß seines jedesmaligen Besuches mit dem betreffenden Wunsche zum Vorschein kam, abgewiesen. Hier kam ihm nun endlich der Zufall zu Hülfe. Der mächtige Häuptling (nämlich ich), welcher ein so großes Schiff mit so vielen Männern, so großen Kanonen und so vielen Gewehren besitzt (in den Augen dieser Leute gehört mir das Kriegsschiff, wie die Kauffahrteischiffe das Eigenthum der Kaufleute sind), welcher über die eingeborenen Häuptlinge zu Gericht sitzt, welcher unter den Weißen eine Ausnahmestellung einnimmt, weil sie alles thun, was er haben will, und der überhaupt die ganze Umgebung in Unruhe versetzt, wünscht etwas zu besitzen, was nur er, Torragud, geben kann. Dem Missi Hernsheim muß es daher eine wahre Freude sein, dem Schiffscommandanten diesen Wunsch erfüllen zu können, und er wird nun das von Torragud ersehnte Gewehr gewiß gern geben, wenn er von diesem dafür den Schmuck erhalten kann. So macht Freund Torragud sich am nächsten Morgen mit dem Schmuck auf den Weg nach der deutschen Niederlassung. Er hat sich nicht getäuscht, er erhält schließlich das Gewehr, welches ihm nach Lage der augenblicklichen Verhältnisse doch nicht mehr lange vorenthalten werden konnte, aber allerdings ohne Munition. Auf die Frage, ob die Alte denn den Schmuck gutwillig hergegeben habe, antwortet er lachend: „Nein, sie hat erst ordentlich Prügel bekommen müssen.“ So hat die arme Alte ihr Kleinod verloren, noch obendrein eine Tracht Prügel erhalten und kann nicht einmal von dem Erlös etwas abbekommen. Und ich habe ein sehr seltenes, vielleicht einziges, an sich werthloses Schmuckstück, welches nach dem hiesigen Preis des Hinterladers mit 200 Mark bezahlt worden ist. Es hat die Form einer der Länge nach getheilten halben Melone, ist 20 cm lang, 9 cm breit und hat am untern Rand der langen Seite zwei bäffchenartige Lappen von 12 cm Länge und 6 cm Breite. Das Hauptstück wird aus einem Holzreifen gebildet, auf welchen ein festes Gewebe aus Opossumzähnen so übergespannt ist, daß es ohne weitere Unterlage in kräftiger Wölbung die Form der Melone annimmt. Auf den Bindfaden, welcher die Zähne im Innern der Wölbung zusammenhält, sind noch kleine perlenartige Muschelstückchen in regelmäßigen Abständen aufgereiht, sodaß die Arbeit auch auf ihrer Kehrseite Sinn für Ordnung zeigt. Die sich an das Hauptstück anschließenden Bäffchen sind an ihren Rändern mit einem Kranz von Opossumzähnen und einem schmalen Band aus rother Baumrinde eingefaßt; innen laufen wie die Saiten einer Harfe von oben nach unten Schnüre aus Glasperlen und kleinen selbstverfertigten Perlen, welche aus einem wie Schildkrot aussehenden Gemenge von balsamischem Harz und Thonerde hergestellt sind. Oben auf diesen Schnüren sind noch je zwei nebeneinanderliegende kleine Ringe aus weißen Glasperlen aufgenäht und schließlich an der obern Langseite des Hauptstücks zwei Schnüre aus dickern Glasperlen befestigt, welche über den Hals gestreift so lang sind, daß der Schmuck gerade auf den Brüsten ruht. Der Werth dieses eigenartigen Kunstwerks für die Eingeborenen ergibt sich daraus, daß an demselben nach oberflächlicher Schätzung (zählen kann man die Zähne nicht ohne sie auseinanderzureihen) an 1500 Opossumzähne und an 1000 mühsam mit der Hand gearbeitete kleine Harzperlen sind.

Ehe Torragud mit seinem Gewehr die deutsche Niederlassung verlassen hatte, hatte er noch gesagt, daß nachmittags 4 Uhr bei Urakukua ein Tanz für uns bereit sei.

Dort angekommen finden wir einige Frauen und, wenn ich nicht irre, 17 Männer uns erwartend vor. Von den Frauen hat eine ein unsauberes Tuch um die Hüften gebunden, die andern haben nur einen Bindfaden um den Leib, an welchem vorn und hinten in der Mitte des Körpers ein kurzer Faden mit einem ganz kleinen Laubbüschel am untern Ende herunterhängt und welcher, wie ich früher schon gesagt habe, wol die Stelle einer Schürze vertreten soll. Im übrigen sind sie nur mit Halsbändern und Nasenstacheln geschmückt, im Gesicht und auf dem Oberkörper weiß angestrichen, jedoch so dünn, daß die natürliche Hautfarbe durchschimmert. Die Männer sind mit mehr Sorgfalt herausgeputzt und haben zunächst Gesicht, Oberkörper und die Innenseite der Oberschenkel weiß, roth und schwarz bemalt, das Kopfhaar ist weiß gefärbt. In den Nasenflügeln sind Stacheln und Opossumzähne, in der Nasenscheidewand kleine Ringe aus Schildkrot, Perlmutter oder aufgereihten Glasperlen, um den Hals die pichelartigen Teller oder andere Halsbänder, um den linken Oberarm das Armband und um den Leib haben sie ebenso wie die Weiber den Bindfaden, welcher hinten ein untergeschobenes mit dem Stil nach oben gekehrtes großes Blatt, das von dem Rücken bis unter das Gesäß reicht, hält, vorn hängt ein Faden mit einem etwas größern Laubbüschel als bei den Frauen; ein Laubband um die Knöchel vervollständigt den Anzug. Männer wie Frauen haben in jeder Hand einen frischen Baumzweig mit Blättern, der Vortänzer der Männer hält in jeder Hand einen Tanzstock. Die Kerle sehen bunt und unternehmend aus und würden einen harmlosen Europäer, welcher unvorbereitet ihnen hier im Walde begegnet, sicherlich erschrecken.

Die Frauen beginnen zuerst mit dem Tanze, stellen sich hintereinander in einer Reihe auf und machen dieselben Bewegungen wie nachher die Männer, aber mit einwärts gedrehten Füßen, geschlossenen Knien und eingeknickten Beinen, so täppisch und unschön, daß wir schon nach wenigen Minuten genug davon hatten. Die Männer stellen sich darauf in zwei Reihen nebeneinander auf, und zwar die Reihen so weit voneinander ab, daß der Vortänzer, welcher in der Mitte zwischen den beiden Reihen steht, bequemen Platz zwischen ihnen findet. Alle nehmen eine ziemlich stramme Haltung an, der Vortänzer hebt seine Stöcke, die andern folgen sofort mit derselben Bewegung, stimmen einen einförmigen Gesang an und setzen ihre Beine in Bewegung. Der Gesang besteht aus mehrern mit tiefer Stimme in demselben Tone laut gesprochenen Worten, welchen dann einige in höherm Ton folgen. Die Beinbewegungen sind leicht und tänzelnd und erinnern an das Traben auf der Stelle, die Füße sind dabei auswärts gekehrt, die Knie geöffnet und biegsam. Alle Bewegungen des Vortänzers werden von den andern sofort aufgenommen und mitgemacht, die Stöcke und Zweige werden nach oben gekehrt vor die Brust gehalten und die Köpfe liegen zurückgebogen zwischen den Schultern, als ob die Leute krähen möchten; die Stöcke werden nach oben gestreckt, die Köpfe gereckt und dabei im Gesang der höhere Ton angenommen; die Stöcke gehen zur Brust zurück, wobei der Gesang den alten Ton wieder aufnimmt, neigen sich nach vorn, der Kopf folgt, auch der Oberkörper etwas, und es sieht aus, als ob die Tänzer ihre eigenen Füße und deren Bewegungen betrachteten. Und so geht es auf- und abwärts, wobei die Tänzer sich auch zuweilen durch einen Blick nach ihrem Nebenmann vergewissern, daß sie noch gut ausgerichtet sind. Der Vortänzer tänzelt vor, bis er zwischen den ersten Tänzern steht, schiebt sich in der schmalen Gasse rückwärts bis zum Ende, die Führer der Reihen schwenken nach beiden Seiten ab und alle schlagen im Gänsemarsch einen Bogen, bis die Spitzen wieder bei dem Vortänzer angelangt sind, worauf das Ganze in der alten Ordnung in gleichmäßigem Takt und gut ausgerichtet mit den borstigen Nasen und den vor dem Leib hin und her wedelnden Laubbüscheln auf uns zutrabt, bis es den alten Platz wieder erreicht hat. Die großen Mäuler klappen auch gleichmäßig auf und zu, öffnen sich bei den höhern Tönen mehr und werden dann so entschieden zugeklappt, als ob sie eine gebratene Taube gefangen hätten.

Da es keine weitere Abwechselung gab, so hatten wir bald genug von dem Vergnügen, vertheilten ein Geschenk an Taback und Glasperlen und machten uns wieder auf den Heimweg.

Am 15. December nachmittags waren Kohlen, Proviant und Wasser übernommen, auch die Vorbesprechungen wegen Ankauf des Hafens von Makada abgeschlossen, das Schiff war seeklar, es wurde daher der nächste Morgen zur Abfahrt nach Neu-Britannien, wo ich mich zwei Tage aufzuhalten gedachte, festgesetzt. Mein Besuch dort diente hauptsächlich der Erledigung von zwei Klagesachen, welche ich zum Abschluß bringen wollte. In dem einen Falle hatten die Eingeborenen des Districts Ruluana (spr. Ruluánna) vor etwa zehn Monaten die dort gelegene Station der Firma Hernsheim u. Comp. ohne Veranlassung niedergebrannt, kamen aber gleich nach Ausführung der That zu dem Bewußtsein, daß sie ihnen doch schlecht bekommen könne, und erboten sich freiwillig den Schaden zu ersetzen. Um die dargebotene Hand nicht zurückzuweisen, erklärte sich die geschädigte Firma, welche bei dem Brand Haus und Waaren im Verkaufswerth von 2800 Mark verloren hatte, bereit, das Gebot, welches in 300 Sack Copra im Ankaufswerth von etwa 1200 Mark bestand, anzunehmen. Es erfolgte indeß trotz des freiwilligen Anerbietens keine Copralieferung und die Mahnungen wurden von den Eingeborenen durch verschiedene Ausflüchte und schließlich damit erwidert, daß sie keine Säcke hätten, um die Copra hineinzupacken. Zuletzt, etwa vor zwei Monaten, hatten sie wiederholt versprochen zu liefern, die Lieferung war aber, trotzdem ihnen Säcke gegeben worden waren, bis zum heutigen Tage immer noch nicht erfolgt. Ich erklärte mich bereit, für die Sache einzutreten, aber nur unter der Bedingung, daß die Herren sich mit einer ausgiebigen Verwüstung des Terrains bei Ruluana einverstanden erklärten für den Fall, daß ich der betreffenden Häuptlinge nicht habhaft werden könne. Ich glaubte mich dieses Einverständnisses versichern zu müssen, weil der deutsche Handel durch das Niederhauen der Kokosnußbäume eine sehr empfindliche Einbuße an seinen Einnahmen erleiden mußte, gegen welche das vorliegende Streitobject in gar keinem Verhältniß stand. Absehen konnte ich von dieser Forderung aber nicht, weil es undenkbar war, daß ein Kriegsschiff, wenn es die Sache überhaupt aufnahm, ganz unverrichteter Sache wieder abziehen sollte, um die Eingeborenen dadurch auch noch in ihrer Anschauung, daß die Schiffe ihnen auf dem Lande nichts anhaben könnten, zu bestärken. Herr Hernsheim war mit allem einverstanden, und so sollte unser nächstes Ziel Ruluana sein.

Der zweite Fall betraf eine Bedrohung des in Port-Weber stationirten Agenten der Handels- und Plantagengesellschaft und zwar eine Todesandrohung durch denselben Häuptling, welcher früher als Rache für seinen erschossenen Hund an demselben Orte den deutschen Agenten getödtet hatte und dafür von Kapitän Levison gezüchtigt worden war. Ob hier etwas zu erreichen sei, war mir sehr zweifelhaft, doch wollte ich wenigstens den guten Willen zeigen und für den Fall, daß ich keinen Erfolg haben sollte, den Eingeborenen wenigstens das Vorhandensein von deutschen Kriegsschiffen, welche hier noch nicht gewesen waren, vor Augen führen.

So war also alles zur Abfahrt bereit, ohne daß ich es während meines mehrtägigen Aufenthalts hatte durchsetzen können, einen Dug-Dug zu sehen. Auf mein wiederholtes Drängen bekam ich immer dieselbe Antwort, daß es nicht angängig sei, und zwar aus dem Grunde, weil der alljährlich nur einmal hier stattfindende Dug-Dug erst vor sechs Wochen abgehalten worden sei. Mit demselben ist aber eine sechswöchentliche Fastenzeit in der Weise verbunden, daß im Anschluß an das Fest weder Mann, Frau noch Kind irgendetwas von der Kokosnuß genießen darf, weder die Milch, noch das Fleisch; und was das bedeutet, kann nur der ermessen, welcher weiß, welch große Rolle die Kokosnuß hier überall in der Ernährungsweise spielt und welch erfrischendes Getränk die kühle Milch aus der frischen Nuß ist. Die Kokosnuß ist während dieser Zeit Tabu, und wer die Hand nach ihr ausstreckt, ist unrettbar dem Tode verfallen, weil überall Wächter aufgestellt sind, welche die Innehaltung des Gebotes überwachen und an jedem Uebertreter ohne Urtheilsspruch auf der Stelle das Todesurtheil vollziehen. So war es auch uns in den ersten zwei Tagen unsers Aufenthalts unmöglich, eine Kokosnuß zu erhalten, weil diese Tage noch in die Tabuzeit fielen. Es wäre unter diesen Verhältnissen daher grausam von mir gewesen, noch fernerhin auf meinem Willen zu beharren, da die Befriedigung meiner Neugierde eine wahre Marter für die Eingeborenen werden mußte, weil sie jedenfalls eine neue sechswöchentliche Fastenzeit hätten auf sich nehmen müssen. Daneben aber würde es auch für die Kaufleute einen großen Verlust bedeutet haben, weil mit dem Dug-Dug eine neue sechswöchentliche Handelsstockung in dem Nordtheile der Duke of York-Gruppe verbunden gewesen wäre. So mußte ich mich bescheiden, ohne zu ahnen, daß schließlich Topulu mit seinen Häuptlingen mir aus eigenem freien Willen doch noch den Dug-Dug anbieten würde.

Hier will ich gleich anschließen, daß meiner Ansicht nach der Dug-Dug jedes religiösen Untergrundes entbehrt, weil diese Wilden überhaupt den Begriff der Religion nicht kennen, und daher die auch von mir gebrauchte Bezeichnung „Hoherpriester“ für den Herrn des Dug-Dug eine von den Europäern erfundene willkürliche ist. Würde der Dug-Dug etwa kurz vor die Reifezeit der Kokosnuß fallen, dann würde ich ihm einen praktischen Werth beimessen, um durch die sechswöchentliche Tabuzeit die Frucht zur vollen Reife kommen zu lassen, wie ja bei uns auch die Weinberge einige Zeit vor der Lese sogar für den eigenen Besitzer Tabu erklärt werden; da aber, wie schon früher erwähnt, die Kokospalme jahraus, jahrein stets gleichzeitig alles, von der Blüte bis zur reifen Frucht trägt, so kann hier nur ein politisches Motiv gesucht werden und ich finde nur eine Erklärung für sein Bestehen. Hier in diesem Lande, wo weder Gesetz noch Religion zu finden sind, steht jeder Mann in erster Reihe nur auf sich selbst angewiesen und ist nur das werth, was er mit der Kraft seines Armes erreichen kann. Um aber unabhängig von der körperlichen Kraft das Ansehen der Häuptlinge zu wahren und ihre Stellung zu sichern, haben sie den Dug-Dug und namentlich die sechswöchentliche Fastenzeit erfunden. Diesem Gebote fügt sich jeder, jeder muß sich daher fügen, und da die Häuptlinge das Gebot sowol erlassen, wie auch auf dessen Befolgung achten, so sind sie die Herren und werden daher auch als solche angesehen.

Am 16. morgens 6 Uhr, nachdem noch die verschiedensten für die Reise nothwendigen Passagiere an Bord gekommen waren, wurde Anker gelichtet und dieselbe Ausfahrt gewählt, durch welche wir hergekommen waren. Ich wollte eigentlich einen andern Weg nehmen, weil ich bei der Herfahrt doch zur Erkenntniß gekommen war, daß bei den vielen Korallenriffen eine Grundberührung sehr leicht möglich sei; da indeß drei unserer Passagiere erklärten, mit dem Fahrwasser so vertraut zu sein, daß keinerlei Gefahr für das Schiff vorläge, gab ich nach. Zwei dieser freiwilligen Lootsen begaben sich in den Vormars, um aus der Höhe das Fahrwasser besser erkennen zu können, und der dritte blieb bei mir auf der Commandobrücke. Aber trotz dieser drei Lootsen saßen wir schon um 7 Uhr fest. Rings um das Schiff war tiefes Wasser, wir mußten daher mit dem Kiel auf einem einzelnen Korallenblock sitzen, und so war es auch, wie ich mich von einem schnell zu Wasser gelassenen Boot aus überzeugte; das Schiff saß gerade unter dem Großmast mit dem Kiel auf einem Blocke von höchstens 1 m Durchmesser. Der Versuch, durch Rückwärtsschlagen der Maschine und künstlich erzeugte Schlingerbewegungen loszukommen, blieb erfolglos; zum Ausbringen eines Ankers blieb keine Zeit, weil bei dem fallenden Wasser (es war Ebbe) das Schiff schon anfing, sich etwas auf die Seite zu neigen und somit die ernsteste Gefahr für ein Umfallen des Schiffes vorlag. So blieb nur übrig, mit Verlust eines Stückes Kiel das Schiff mit Gewalt loszubrechen; es wurde daher das Ruder hart zu Bord gelegt und die Maschine mit voller Dampfkraft vorwärts in Gang gebracht. Das starke Schiff erzittert in seinen Grundfesten, neigt sich mehr zur Seite, fängt an zu drehen, dreht schneller, ein Ruck und wir schießen den Weg zurück, welchen wir gekommen sind, um den allerdings weitern aber sichern Weg nördlich um Makada zu nehmen. Schaden hatten wir merkwürdigerweise nicht genommen, denn der nachmittags heruntergeschickte Taucher fand nur, daß einige Kupferplatten fehlten, der Kiel selbst aber unversehrt war.

Auf dem Wege nach Ruluana wurden die erforderlichen Vorbereitungen getroffen, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Von dem Landungscorps wurden die 60 kräftigsten und zuverlässigsten Leute ausgewählt, weil darauf gerechnet werden mußte, daß jeder selbständig zu handeln hätte. Scharfe Munition für Gewehr und Revolver, sowie Zündmaterial zum Anbrennen der Häuser wurde ausgegeben, ebenso wurden alle im Schiffe vorhandenen Aexte, Beile, Eisenkeile, schwere Hämmer und Sägen vertheilt, nachdem die Zimmerleute versorgt waren. Den Offizieren und Unteroffizieren wurden bestimmte Leute zugetheilt, und diese wieder so eingetheilt, daß stets zwei Mann zusammen zu operiren hatten. Um 10½ Uhr vormittags wurde das Schiff vor Ruluana beigedreht und ein in Hernsheim'schen Diensten stehender Deutscher, welcher von den hiesigen Europäern am besten in diesem Districte bekannt und mit der Landessprache einigermaßen vertraut ist, wird allein mit einem Boot an Land geschickt. Es war dies die einzige Möglichkeit, an die Eingeborenen überhaupt heranzukommen, weil sie bei der Landung bewaffneter Mannschaften zweifellos sofort die Flucht ins Innere ergriffen hätten. Ich wollte aber gern eine directe Verständigung erreichen, um die Sache nicht auf die Spitze zu treiben und somit vor unnöthigen Gewaltmaßregeln bewahrt zu bleiben. Unser Unterhändler hatte den Auftrag, die 300 Sack Copra oder ein gleichwerthiges Geldpfand zu fordern und den Eingeborenen von den beabsichtigten Maßnahmen Kenntniß zu geben, welche im Falle der Ablehnung unserer Forderung zur Ausführung kommen sollten. Das Boot kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß unser Abgesandter mit einigen Häuptlingen nach einer drei englische Meilen im Innern gelegenen Stadt gegangen sei, um das angebotene, in Muschelgeld bestehende Pfand zu holen. Ich landete darauf mit den vorgenannten 60 Mann und dem Musikcorps gegen 12 Uhr mittags an dem mit einem hohen dichten Bambuszaun eingefriedigten Hernsheim'schen Platze, um durch eine gewisse Machtentfaltung die Eingeborenen zu schrecken. Da bei unserer Annäherung an das Land die uns von dort beobachtenden Wilden sich schnell zurückzogen und im Waldesdickicht verschwanden, fürchtete ich, daß auch die Häuptlinge vielleicht vorziehen würden, das Geldpfand nicht persönlich abzuliefern, wodurch aber die eigentliche Absicht meiner Landung vereitelt worden wäre. So bat ich Herrn Hernsheim, welcher den Weg ebenfalls kannte, seinem Angestellten entgegenzugehen und alles aufzubieten, daß die Häuptlinge persönlich kämen, oder aber die Annahme des Geldes sonst zu verweigern. Hierauf machten wir es uns innerhalb des Zaunes bequem, nachdem noch Doppelposten weit vorgeschoben und Verbindungspatrouillen aufgestellt waren; die Gewehre wurden zusammengestellt, die Leute lagerten sich und die Musik spielte einige Stücke. Gegen 1 Uhr meldeten die Posten die Annäherung von Menschen und gleich darauf, daß Herr Hernsheim, sein Agent und einige Eingeborene angehalten seien, worauf dieselben innerhalb des Zaunes geleitet wurden. Herr Hernsheim erzählte mir dann gleich, daß ohne sein Eingreifen wahrscheinlich keiner der Eingeborenen hier sei, weil sie, als die unbekannte Musik zu ihnen drang, sofort fliehen wollten und von ihm nur wegen des dichten Gestrüpps zu beiden Seiten des schmalen, nur mannsbreiten Pfades hätten festgehalten werden können. Und was wäre geworden, wenn sie nicht gekommen wären? Unter Voraussetzung böswilliger Absicht wäre der Platz verwüstet worden, obgleich die Eingeborenen thatsächlich unschuldig waren, und das alles wegen der Musik, deren Wirkung auf die Naturmenschen von mir nicht in Berechnung gezogen worden war. Aus ähnlichen Ursachen mag schon manches Unrecht von den Europäern verübt worden sein.

An Eingeborenen erschienen drei Häuptlinge, ein älterer und zwei jüngere Männer, sowie einige Träger, welche drei Ringe Muschelgeld zu je 80 Faden, das ganze bewegliche Besitzthum des Districts, trugen; auch einige Neugierige folgten nach, welchen der Eintritt ebenfalls gestattet wurde. Die zitternden Häuptlinge legten ihren Schatz vor mir nieder und schienen, ängstlich um sich blickend und die vielen bewaffneten Männer musternd, noch weitere Unannehmlichkeiten zu erwarten. Wenn diese 240 Faden Diwarra nach dem augenblicklichen Stand des Geldes auch nur den halben Werth der 300 Sack Copra hatten, so bedeuteten sie nach der früher gegebenen Erklärung in ihrer Form doch mehr und waren nach den Angaben des deutschen Agenten thatsächlich der ganze bewegliche Schatz des Districts Ruluana. Ich konnte das Pfand daher um so mehr annehmen, als alle Eingeweihten mir versicherten, daß die Leute schon denselben Tag mit dem Einsammeln der Copra beginnen würden, weil sie mit dem Verlust ihres Schatzes jeden Einfluß an der ganzen Küste verloren hätten und dieser Einfluß auf Matupi übergehen würde, wo das Geld in der dortigen Hernsheim'schen Niederlassung vorläufig aufbewahrt werden sollte. Denn Matupi brauche das Geld gar nicht zu besitzen, vielmehr genüge die einfache Thatsache der Lagerung daselbst, um für die Dauer derselben der Insel ein besonderes Ansehen zu verleihen. Unter solchen Umständen war die möglichst schnelle Ablieferung der Copra ja gesichert, da es im Interesse sämmtlicher Bewohner von Ruluana lag, ihren Schatz in kürzester Zeit zurückzuerhalten. Das Pfand wurde also mit der Gegenversicherung angenommen, daß die Rückgabe bei der Ablieferung des letzten Sackes Copra erfolgen würde, wobei natürlich auch ernste Mahnworte, in Zukunft deutsches Eigenthum stets als Tabu zu betrachten, gesprochen wurden. Nach Erledigung dieser Sache und nachdem noch einer der Häuptlinge mir ein besonders schönes Exemplar einer Keule mit Beil angeboten hatte, wofür er ein anderes Beil und noch ein entsprechendes Geschenk erhielt, waren wir fertig und ich gab, froh über den durchschlagenden Erfolg, den Befehl zum Abmarsch. Als nun das Signalhorn sein „Sammeln“ in den Wald schmetterte, um die Vorposten und Patrouillen zurückzurufen, wurden die Menschenfresser schon ganz scheu, als aber auf das Commando „An die Gewehre“ die Mannschaften aufsprangen und zu ihren Waffen eilten, gab es kein Halten mehr, mit Blitzesschnelle war der ganze Platz von Eingeborenen gesäubert; einzelne verschwanden, große Löcher in den Zaun brechend, wie ein Schattenbild durch denselben, als ob er nur aus Papier bestände; andere braune Gestalten gewahrte man einen Augenblick oben auf dem 4 m hohen Zaun, um sie gleichzeitig nach der andern Seite hin verschwinden zu sehen, nur der alte Häuptling, welchen ich am Arm schnell festhielt, mußte zurückbleiben und brach zitternd und laut keuchend in die Knie und konnte sich während unsers noch kurzen Aufenthalts trotz allen guten Zuspruchs von seinem Todesschreck nicht erholen. Daß diese nackten Menschen in ihrer Todesangst nur mit dem Gewicht ihres Körpers durch den dicht zusammengefügten, starken und für einbruchsicher gehaltenen Zaun durchgebrochen sind und namentlich, daß sie an dem glatten Bambusholz, wo sie keine Handhabe für Hände und Füße fanden, hinauf und über den Zaun gekommen sind, erscheint mir nur darum glaublich, weil ich es selbst gesehen habe. So konnte ich diesen Strand mit dem Bewußtsein verlassen, für die Folge deutschem Leben und Eigenthum einen sichern Schutz hier zurückgelassen zu haben.

Um 2 Uhr nachmittags waren wir wieder an Bord, wenige Minuten später die Boote eingesetzt und weiter ging es nach Matupi, wo wir um 3 Uhr ankerten. Den hiesigen Verhältnissen Rechnung tragend, ging ich nicht gleich ans Land, sondern es wurde erst dem hiesigen Hernsheim'schen Agenten von der in Aussicht stehenden Ueberführung der drei Muschelgeld-Ringe Kenntniß gegeben, um dies einigen Eingeborenen mitzutheilen in der Voraussicht, daß sich diese wichtige Nachricht wie ein Lauffeuer über die ganze Insel verbreiten würde, und so war es auch. Als wir um 4 Uhr mit dem Schatz an Land kamen, fanden wir die ganze Bevölkerung zu unserm, oder wol richtiger zum Empfang des Geldes am Landungsplatze auf den Beinen. Ueber uns stand Leib an Leib, als wir die steile Treppe, welche auf den Rücken der kleinen Insel führt, hinanstiegen; eine schmale Gasse öffnete sich vor uns, aber nur wenige Blicke fielen auf die Fremdlinge, dagegen alle auf den Schatz. Wir hatten der ganzen Insel einen Festtag bereitet, was dadurch noch deutlicher hervortrat, daß wir nach einer halben Stunde zu einem freien Platz gebeten wurden, wo über 30 Frauen zum Tanz angetreten standen. Anzug und der Tanz selbst waren wie in Urakukua, daher nicht weiter erwähnenswerth, doch spielten sich abseits für mein Auge zwei kleine Scenen ab, welche ich erwähnen möchte.

Nicht weit von mir, an einer Stelle, wo der um uns gebildete Kreis der Eingeborenen etwas gelichtet war, stand ein kleiner, vollentwickelter, reizender Backfisch mit den Händen auf dem Rücken und schaute so unverwandt nach mir hin, daß ich zu ihm trat, um ihm ein kleines Geschenk zu geben. Bei meiner Annäherung blieb das nackte Mädchen ruhig stehen, bis ich dicht vor ihm war, dann aber drehte es sich schnell um und nahm die Arme so geschwind nach vorn, als ob es Angst hätte, mit denselben etwas zu verdecken, lief rasch einige Schritte, blieb dann wieder stehen, um sich zurückzuwenden und ihre Hände schnell wieder auf dem Rücken zu verbergen. Lag bei ihr das Schamgefühl in den Händen? Ich mußte lachen und kehrte auf meinen Platz zurück.

Den Mittelpunkt des andern Bildes gaben zwei junge Burschen ab, Jünglinge in gleichem Alter, welche Arm in Arm untergefaßt und in der freien Hand den Speer tragend auf einem seitlich von uns freigebliebenen Raume mit ernsten Mienen in eifrigem Gespräch auf- und abgingen, ohne uns aus den Augen zu lassen. Ich glaube in ihren Gesichtern lesen zu können und zu errathen, was ihre Seele bewegt. Sie bauen, wie wir es in gleichem Alter gethan haben, Luftschlösser, in welchem sie die Helden sind und sich zu Herren meines Schiffes machen, wenn zwei Voraussetzungen zutreffen, nämlich wenn sie einen engen Hohlweg mit einer großen Fallgrube am Ende finden und es ihnen gelingt, uns Fremdlinge hineinzulocken. Sie stehen gedeckt am Ende des Weges und warten auf unser Kommen, um jeden aus dem Wege Heraustretenden mit sicherm Stoß so ins Herz zu treffen, daß er lautlos und von den Nachfolgenden ungesehen in die Grube stürzt. Ihr Arm erlahmt nie, einer nach dem andern von uns fällt, und nur die zwei letzten werden als lebende Trophäen und ihre nunmehrigen Sklaven von ihnen zum Heimatsdorfe gebracht. Mit dem jetzt ihnen gehörenden Schiffe machen sie sich dann zu Königen von Neu-Britannien und von noch viel anderm Land, welches sie erreichen können.

Nach dem Tanz machten wir noch einen Spaziergang durch den Ort, in welchem es laut herging, da meine beurlaubten Mannschaften alle Straßen belebten und in dem Wunsche, auch ein Andenken an ihren Besuch bei den Menschenfressern mit nach Hause zu bringen, die Ursache eines regen Tauschhandels geworden waren. Durch die Freigebigkeit des Herrn Weber, welcher mir für meine Mannschaft einen großen Ballen Taback geschenkt hatte, war es mir möglich geworden, die Leute auch mit gangbarer Münze (einige Stangen Taback) zu versehen und ihnen so die Möglichkeit zur Erwerbung eines Andenkens zu geben.

Ganz Matupi ist eigentlich nur ein großes Dorf mit vielen Straßen. Jeder selbständige Eingeborene hat sein Haus nebst daran gelegenem Land mit einem Zaun umgeben, und da das Land gut bebaut und bepflanzt ist, so macht das Ganze den Eindruck vieler ordentlich gehaltener Gehöfte mit dazwischenliegenden Straßen. Vor einem Hause sahen wir Frauen in Trauerkleidung, die darin besteht, daß das Gesicht mit einem aus Ruß und Oel hergestellten schwarzen Anstrich bedeckt ist, welcher über den Augenbrauen beginnt, beinahe bis zu den Ohren reicht und unter dem Munde abschneidet. Bei Männern habe ich ein solches oder ähnliches äußeres Zeichen der Trauer nicht gesehen. Vor einem andern Hause fanden wir zwischen mehrern Frauen eine, welche laut schrie, aber verstummte, als wir vor ihr stehen blieben, und ihr Geheul wieder anstimmte, sobald wir zurücktraten. Ich bat einen Herrn, sich zu erkundigen, was dies bedeute, und wir erhielten die Antwort, daß die Frau von ihrem Manne Prügel bekommen habe. Da sie keine Thränen vergoß und die Execution wol auch schon vor einiger Zeit stattgefunden hatte, so bleiben nur zwei Möglichkeiten für diese Schmerzäußerung bestehen. Entweder gehört es mit zur Strafe, daß sie der ganzen Nachbarschaft durch ihr Geheul die Thatsache persönlich mittheilen muß, oder aber sie will Aufsehen erregen und sich zum Gegenstand der Neugierde und Bemitleidung machen.

Am nächsten Morgen fuhr ich in aller Frühe in meinem Boote noch nach der in der Nähe liegenden kleinen Insel, welche ihren Ursprung dem am 9. Februar 1878 stattgehabten vulkanischen Ausbruch der einen Tochter verdankt. Sie bildet einen schmalen, fast kreisrunden Sandring von 10 m Höhe und einem ganzen Durchmesser von etwa 90 m; hat innen eine Lagune mit noch heißem, sehr schwefelhaltigem Wasser, welche durch einen kleinen Durchbruch mit dem Meere in Verbindung steht. Die Insel hat also genau die Gestalt der mit Atoll bezeichneten Koralleninseln und würde eine solche geworden sein, wenn der obere Rand des Ringes unter der Wasseroberfläche geblieben und später noch einmal der ganze Meeresboden ebenso gehoben worden wäre, wie es bei dem jetzigen Kraterausbruch der Fall war. Die im Innern aufsteigenden Schwefeldämpfe vernichten die sich hierher verirrenden Korallenthierchen, wenn der Boden innerhalb der Lagune ihnen sonst den Anbau gestatten sollte, und ich komme hiernach immer mehr zu der Ueberzeugung, daß die von mir gegebene Erklärung der Entstehung der Koralleninseln den größten Anspruch auf Wahrscheinlichkeit hat.

Um 8½ Uhr vormittags verließ ich Matupi wieder, ging um die Gazelle-Halbinsel und steuerte an der Nordküste Neu-Britanniens entlang, wo ich für kurze Zeit auch an einer deutschen Station stoppte, um einen zum Schiffe gekommenen Häuptling zu empfangen, welcher frische Kokosnüsse als Geschenk brachte und mir persönlich auch noch seinen schönen, mit einem Strauß aus schwarzen Federn gezierten Speer schenkte. Um 2½ Uhr nachmittags ankerten wir in Port-Weber, wo der Consul sein Pathenkind, den nach ihm benannten Hafen, zum ersten mal sehen sollte. Der deutsche Agent kam an Bord und erzählte, daß kurz vor unserer Ankunft dicht bei seinem Hause ein größerer Kampf zwischen Eingeborenen stattgefunden habe und etwa 100 Schritte entfernt im Busch noch zwei Leichen lägen, welche die Eingeborenen jedenfalls aus Furcht vor dem ankommenden großen Schiffe zurückgelassen hätten. Unser Zweck war hier, wie schon erwähnt, denjenigen Häuptling, welcher den Agenten bedroht hatte, zur Vernunft zu bringen; es wurde deshalb ein in Diensten des Agenten stehender Eingeborener abgeschickt, ihn zum Schiffe zu bestellen. Der Mann war infolge der Aufregung des kürzlich erst beendeten Kampfes nicht geneigt, den Auftrag auszuführen, seine Bedenken schwanden aber, als der Agent seine eigene Büchse ihm zum Schutze mitgab. Nun war er bereit, nahm das ungeladene Gewehr mit dem Kolben nach oben über die Schulter und zog stolzen Schrittes ab. Auf meine Frage, was das Gewehr ihm nützen solle, wurde mir die Antwort, daß das Gewehr an sich ihm ausreichenden Schutz gebe, mithin die Attrape also genügend war. Ich rechnete übrigens nicht darauf, daß der Mann kommen würde, und wollte mich daher mit der Thatsache, hier gewesen zu sein, begnügen.

Ich bekam hier einen Einblick in das Leben dieser Agenten und verstehe danach kaum, wie sich zu solchem Leben überhaupt noch Männer finden. Diese Station ist vorläufig die am weitest vorgeschobene, ist auf dem Seewege 40 Seemeilen sowol von Matupi wie von Makada entfernt, und nur auf diesen Weg ist zu rechnen, da der Landweg den Europäern vorläufig noch verschlossen ist. Allerdings hat die Handels- und Plantagengesellschaft ein größeres Segelschiff zum Schutze ihrer Agenten an der Küste dauernd stationirt. Hier lebt nun der Mann fern von Menschen, umgeben von dichtem Urwald in einem kleinen Blockhaus mit einem Eingeborenen als Diener, auf dessen Zuverlässigkeit er auch keineswegs bauen kann, ganz allein, fortwährend von den in der Nähe wohnenden Stämmen bedroht. Von hier aus macht er in steter Lebensgefahr seine kleinen Geschäftsreisen in das Innere, hier empfängt er die Eingeborenen, welche gegen Copra, Schildpatt u. dgl. europäische Waaren eintauschen wollen, und hier im eigenen Hause muß er noch vorsichtiger sein als außerhalb desselben, weil der Anblick der begehrten Artikel so leicht zum Mord reizen kann. Allein muß er sein Haus und Leben bewachen und vertheidigen; seine Nahrung besteht nur in Conserven, wenn ihm sein Diener nicht ab und zu Fische fängt oder Früchte bringt. Diese Wohnstätte machte auf mich einen so trübseligen Eindruck, wie ich nur je einen gehabt habe, und dies um so mehr, als der Mann auch noch häufig am Fieber leiden soll und dann keinerlei Pflege hat.

Da es inzwischen Abend geworden war und wir die nächste Umgebung und den Kampfplatz nicht mehr besichtigen konnten, kehrten wir an Bord zurück, um hier bei einem Glase guten Weins das Abendconcert unserer Kapelle zu genießen und dabei zu finden, daß ein Kriegsschiff doch nicht der schlechteste Aufenthaltsort ist, wenn man auch schon seit Wochen keinen frischen Proviant mehr gesehen, sondern nur von Conserven gelebt hat. In Matupi war es mir allerdings gelungen, dem dortigen Hernsheim'schen Agenten zwei sorgsam gehütete magere Enten, welche er Gott weiß woher erlangt hatte, abzujagen, da man hier sagen kann: „Noth bricht Eisen“, aber diese reichen eben nur für meinen Gast und mich, und die armen Offiziere gehen auch hier leer aus, während die Mannschaft ja kürzlich durch die geschenkten zwei Schweine einmal wieder frisches Fleisch zu essen bekommen hatte.

Der Morgen des 18. fand uns wieder reisefertig, doch entschloß ich mich auf die Mittheilung des Agenten hin, daß der hierherbefohlene Häuptling kommen wolle, noch bis 9 Uhr zu warten. Als sich zu dieser Stunde noch nichts sehen ließ, gab ich den Befehl zum Ankerlichten und gerade, als der Anker eben aus dem Grund gebrochen werden sollte, stieß ein Kanu vom Lande ab. Ich ließ daher halten und sah bald zu meiner Befriedigung den gesuchten Mann bei mir an Bord. Es war viel, daß er gekommen war, und dies zeigte sowol, daß er Vertrauen zu uns hatte, wie auch, daß seine Drohungen nicht ernst gemeint oder falsch verstanden waren. Wir schieden als gute Freunde und nun wurde unter Segel und Dampf die Rückfahrt nach Makada angetreten, wo wir um 4 Uhr nachmittags eintrafen und gleich mit dem Uebernehmen des inzwischen geschlagenen Holzes begannen. Von Herrn Hernsheim, welcher direct von Matupi in einem offenen Boot hierher zurückgekehrt war, erfuhr ich mancherlei Angenehmes. Zunächst, daß die Leute in Ruluana fleißig beim Copraeinsammeln seien und der heute von dort hierher zurückgekehrte Agent versichert habe, wie ihm seit seinem Hiersein noch nie von den Eingeborenen eine so zuvorkommende Behandlung zutheil geworden sei, als in Ruluana nach unserer Landung daselbst. Ferner bat er, von einer weitern Verfolgung der Häuserbauangelegenheit abzusehen, weil alle Leute der betreffenden Häuptlinge für mich hätten Holz schlagen müssen. Mit dem Bau sei aber begonnen und derselbe nur noch nicht fertiggestellt. Ich erklärte mich damit einverstanden und konnte von dem beabsichtigten nächtlichen Streifzug, bei welchem ich die Häuptlinge im Falle der Nichterfüllung ihres Versprechens aufheben wollte, absehen. Weiter, und dies war die Hauptsache, theilte er mir mit, daß am nächsten Morgen die neun Häuptlinge, welchen der Hafen von Makada gehörte, zu mir kommen wollten, um mir ihren Hafen zu verkaufen, und schließlich hörte ich noch zu meiner Freude, daß King Dick uns zu Ehren doch noch einen Dug-Dug für den nächsten Nachmittag angeordnet habe und er mir dies am nächsten Morgen selbst mittheilen wolle.

Am 19. morgens 9 Uhr war meine Kajüte zum Empfang der Häuptlinge bereit. Unparteiische, Zeugen und Dolmetscher waren anwesend, die in Englisch und Deutsch ausgefertigten Kaufbriefe lagen auf dem Tische. Wir brauchten nicht lange zu warten, denn bald erschienen neun Eingeborene, an ihrer Spitze King Dick mit einer schwarz-weiß-roth angestrichenen Blechkrone auf dem Kopfe, welche, wie ich nachher erfuhr, die Offiziere hatten anfertigen lassen und ihm beim Betreten des Schiffes aufgesetzt hatten. Mit Ausnahme von King Dick und Torragud, welcher wieder seine blaue Jacke trug, waren alle in ihrer Nationaltracht, nackt mit dem Speer in der Hand. Nach kurzer Begrüßung nahmen die Häuptlinge in der landesüblichen Weise auf meinem Teppich in einem Halbkreise um uns Platz, d. h. halb hockten sie und halb saßen sie. Die Füße bleiben dabei dicht am Körper, die Knie stehen hoch und sind soweit geöffnet, daß der Kopf zwischen ihnen liegt. Das Geschäftliche war bald erledigt. Nach nochmaliger Frage erklärten die Häuptlinge genau zu wissen, um was es sich handele und daß sie bereit seien, gegen den verabredeten Kaufpreis ihren Hafen an mich zu verkaufen, baten aber, daß es ihnen doch erlaubt werden möge, in dem Hafen fernerhin zu fischen, solange ich nicht fischen wolle. Dieser Punkt war von uns übrigens vorher schon erwogen und in den Kaufbrief aufgenommen worden, weil der Besitzer des Hafens nach hiesigen Rechtsbegriffen auch nur allein das Recht zum Fischen hat und es mir fern lag, die Leute in dieser Beziehung beschränken zu wollen. Als ihnen daher der Kaufbrief vorgelesen und übersetzt worden war, nach welchem sie nur das Wasser und den Strand verkaufen, das Fischereirecht dagegen behalten und ferner auch den Schiffen anderer Nationen das Anlaufen des Hafens freigestellt bleibt, sprangen sie sofort auf, um den Brief durch ihr Handzeichen zu vollziehen und demnächst ihr Theil an dem Kaufgeld, welches vornehmlich in Kleidungsstücken, Beilen, und Messern bestand, zu empfangen. Topulu brachte danach noch seine Dug-Dug-Einladung an und dann trennten wir uns bis zum Nachmittag, bis zu welcher Zeit auch das Holz übernommen und verstaut sein mußte, sodaß ich meiner Besatzung dieses seltene Schauspiel auch zugängig machen konnte. Unten im Schiff waren schon alle disponiblen Räume mit Holz ausgefüllt und das Oberdeck war vorn bis auf einen offengehaltenen schmalen Weg auch schon bis zur Reling vollgepackt.

Nach dem Mittagessen der Mannschaft wurden die großen Boote ausgesetzt und das aus 130 Mann bestehende Landungscorps machte sich zur Ausschiffung bereit. Noch ehe wir vom Schiffe absetzen, wird es auf dem Hafen schon lebendig, von allen Seiten strömen Kanus nach dem Nordende von Amakada, weil der Dug-Dug bei dem Hause des Herrn Brown stattfinden soll. Auch zeigen sich schon einzelne Dug-Dug-Tänzer, welche immer einer mitten in einem von mehrern Männern geruderten Kanu stehen und unter dem Singen der Ruderer und Schlagen der Trommel fortwährend in Bewegung sind, weil sie nie stehen, im Boot aber auch nicht sitzen dürfen. Unter fortwährendem Hopsen wiegen die Masken auf und nieder, nach vorn und hinten. Wir sind auch bald an unserer Haltestelle angelangt, einer kleinen, von reicher Vegetation eingerahmten Bucht, wo alle Boote gleichzeitig anlegen können und wo auf dem Strande eben Platz genug ist, daß die Mannschaften antreten und sich ordnen können. Der dort einmündende Pfad ist aber so schmal, daß wir auf ihm zu zwei und zwei hintereinander marschiren müssen. Diesen Marsch auf dem weichen, mit saftigem Gras bewachsenen Pfad werde ich nie vergessen. Ueber uns das dichte Laub der mächtigen Baumriesen, welche nur hier und da den Sonnenstrahlen ein zeitweises Durchflimmern gestatten, zur Rechten und Linken den Blick in den herrlichen, majestätischen Ur- und Hochwald, welcher nur unten mit 1 m hohem Gestrüpp bestanden ist, und dabei rund um uns, vorn, hinten, rechts und links ein unsichtbares Leben von gar eigenartiger Wirkung, welches uns unwillkürlich verstummen macht. Der ganze Wald scheint mit Waldgeistern bevölkert, welche laute Jauchzer, dumpfe Trommelschläge und merkwürdig metallische, durch Blasen auf grünen Blättern erzeugte Töne zu uns herübersenden, ohne daß wir deren Urheber sehen. Es sind alle die, welche zum Dug-Dug eilen, um ihn zum Festplatz zu geleiten.