Dug-Dug-Tänzer.
Oben beim Hause des Herrn Brown angelangt finden wir eine Reihe Stühle aufgestellt, mit den Lehnen dem freien Platze vor dem Hause zugekehrt. Die Stühle sehen daher nach dem Platze, auf welchen der Hohlweg, den wir gekommen, mündet und welcher an einer steil abfallenden Felsenwand vorbeiziehend rechts wieder als tiefer Hohlweg weiter nach oben steigt. Meine Mannschaften nehmen hinter der Stuhlreihe Aufstellung; wir eigentlichen Gäste werden gebeten auf den Stühlen Platz zu nehmen, und ich erhalte den Ehrenplatz in der Mitte, zu meiner Rechten Frau Brown, zu meiner Linken die junge Missionarsfrau. Im Walde ist es inzwischen still geworden, von Eingeborenen sind nur drei mit Hüfttüchern bekleidete Frauen bei uns, darunter auch die einäugige von Topulu. Es waren nämlich von Frau Brown nur solche Frauen zugelassen worden, welche im Stande waren, sich etwas zu bekleiden; auf die Männer aber erstreckte sich, wie wir nachher sahen, ihr Einfluß nicht. Kurze Zeit nachdem wir Platz genommen, hören wir rechts aus dem Hohlweg von der Höhe ein dumpf grollendes Brüllen, wie das eines Löwen, welches links aus dem Hohlweg aus der Tiefe beantwortet wird und nun ununterbrochen Schlag auf Schlag folgt; es ist ein von mehrern hundert Kehlen gleichzeitig ausgestoßener, tiefer, langgezogener Ton, welcher mit einem in der Quint liegenden kurz herausgestoßenen höhern Ton jäh abschließt. Das Brüllen wird stärker und stärker, in den Hohlwegen werden Menschen sichtbar, braune dicht aneinandergedrängte nackte Männer, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, in der erhobenen Rechten den wurffertigen Speer. Wie der Heerwurm wälzen und schieben sich diese Menschenströme langsamen Schrittes in dem Takte des Brüllens nach dem vor uns liegenden Platze zu, quellen wie gestautes Wasser aus den schmalen Gassen heraus und überfluten schließlich den ganzen Platz. An 1000 Krieger dringen mit erhobenen Speeren aufeinander ein, für das Auge wie ein träger, aber alles vor sich niederwerfender Lavastrom, bleiben aber wie angewurzelt stehen und verstummen, als die Reihen der linken Partei sich öffnen und aus ihrer Mitte das schöne Dug-Dug-Kanu herausgetragen wird und neben diesem auf den Schultern zweier Männer King Dick mit seiner Blechkrone auf dem Kopfe erscheint. Daß Topulu nicht in dem Kanu sitzt, sondern sich nebenhertragen läßt, ist die einzige Abweichung von dem wirklichen Dug-Dug. Topulu läßt sich neben dem Kanu einmal die Reihen auf- und abtragen, dann treten die Eingeborenen zurück und stellen sich an der uns gegenüberliegenden Felsenwand auf. Das Kanu wird zur Seite hingestellt und die Führer der beiden Parteien, Topulu und Torragud, kommen zu uns. Kaum ist der Platz frei, so brechen aus dem umliegenden Buschwerk die Dug-Dugs einzeln hervor, vereinigen sich hüpfend in der Mitte des Platzes, schweben wie Irrlichter richtungslos hin und her und sinken zu beiden Seiten ihrer Krieger wie ein eingeschobenes Fernrohr zusammen. Sie haben sich nur gesetzt, da aber jetzt der Laubrock noch so unverhältnismäßig hoch ist, sieht es aus, als ob sie bis über die Knie in die Erde eingesunken wären, und sie geben so einen noch wunderlichern Anblick als vorher. Jetzt ist die Zeit für die Haupthandlung gekommen. Topulu tritt mit einem sogenannten Ziegenhainer, einem 3 cm dicken Stock vor, ruft einen Namen, ein Häuptling springt vor, stellt sich, uns den Rücken zukehrend, drei Schritte vor uns auf; Topulu holt aus und zieht dem Manne einen Hieb über den Rücken, daß wir die Knochen knacken zu hören glauben und der Mann halb zusammenbricht, wendet sich dann zu uns, zeigt mit der rechten Hand nach seinen Leuten, ruft mit grinsendem Gesicht aus: „me look out!“ und verschwindet dann mit einigen Sprüngen wieder in dem Menschenknäuel. Darauf ruft Torragud einen Häuptling aus seiner Partei und dieselbe Scene wiederholt sich. Der Sinn dieser drastischen Schaustellung ist, daß die beiden Häuptlinge berufen sind, die Innehaltung des Tabu-Gesetzes zu überwachen, und der Schlag soll sie stets an ihre Pflicht erinnern. Damit ist der Dug-Dug für heute, oder doch wenigstens für uns beendet, ich kann aber mit demselben noch nicht abschließen, ohne der merkwürdigen Thatsache, daß die beiden Missionsdamen dieser Schaustellung in unserer Mitte beigewohnt haben, einige Worte zu widmen. Diese Thatsache gibt mir eben den Beweis, wie wenig das moralische Gefühl durch die Kleidung bedingt wird, und wie schon eine Gewöhnung von wenig Wochen ausreicht, sogar dem Auge einer der sonst als ziemlich prüde bekannten Engländerinnen der bessern Stände das vertraut zu machen, was die Natur geschaffen hat, sofern wir es in ungekünstelten Verhältnissen sehen.
Als Erwiderung des uns von den Eingeborenen gegebenen Festes ordnete ich an, daß unsere Mannschaften einen Scheinangriff auf das Missionshaus machen und den Platz im Sturm nehmen sollen. Unsere Truppe marschirte ab und während dessen werden die Stühle weggeräumt. Die Damen und die Herren vom Civil werden gebeten, auf der Veranda des Hauses Aufstellung zu nehmen, wo sich dann auch noch die Brown'schen Kinder einfinden. Die Eingeborenen werden da aufgestellt, wo die Stühle gestanden hatten, und die nicht beim Manöver betheiligten Offiziere stellen sich mit mir vor die Eingeborenen, um sie vor der Furcht zu bewahren, daß der Angriff etwa ernst gemeint sein könne. Hornsignale belehren uns, daß die Truppe im Anzuge ist, bald hören wir Gewehrfeuer und sehen an den Pulverwölkchen, daß die Teufelskerle von Tirailleuren theilweise wahrhaftig die steile Klippe genommen haben und eben mit ihren Köpfen über deren Rand zum Vorschein kommen, um den ganzen Platz einzuschließen. Huschende und wieder im hohen Gras verschwindende Gestalten, langsames und bedachtsames Feuer von zwei Seiten, dann tritt die Sturmcolonne aus dem Waldessaum, ordnet sich schnell vor demselben, eine Salve, kurzes Avanciren, noch eine Salve, dann Gewehr zur Attake rechts, die Tamboure schlagen an, die Sturmcolonne geht vor und unter den rauschenden Klangwellen des Avancirmarsches stürmt sie, eine feste Wand in der Sonne glitzernder Bajonette, mit Hurrah auf das Haus. Ein Hornsignal! und wie vom Blitz getroffen stehen unsere Matrosen in Reih und Glied vor dem Hause, weitere Befehle erwartend. Ein Schauer durchrieselt den Körper wol eines jeden Zuschauers bei diesem schönen militärischen Spiel, welches durch sein lebendiges Tempo, durch die entwickelte muthige Kraft und die Schnelligkeit der ganzen Aktion in so lebhaftem Gegensatz zu dem furchtsamen, bedächtigen Vorschreiten der Eingeborenen steht. Diese scheinen verzaubert, mit starren Blicken und offenem Munde stehen sie da wie aus Stein gehauen. Unsere Truppen marschiren ab, die Eingeborenengruppen lösen sich auf, und wir nehmen noch eine kleine Erfrischung im Hause ein, während unsere Musik vor demselben einige Stücke spielt.
Da ich am nächsten Vormittag Makada für immer verlassen wollte, so mußten wir heute von der Familie Brown Abschied nehmen, und dies veranlaßte mich bald aufzubrechen, da man sah, wie plötzlich allen der Trennungsschmerz in den Gliedern lag. Es mag sonderbar scheinen, daß diese wenigen Tage des Beisammenseins solche Gefühle erzeugen konnten, aber wenn Menschen von annähernd gleicher Gesinnung sich an solch isolirtem Punkte der Erde begegnen, dann arbeiten die Gefühle anders als in einer unter dem Segen der Civilisation liegenden Stadt. Mir wurde der Abschied von diesen guten Menschen schon schwer, wie viel schwerer mußte ihnen derselbe sein, die mit unserm Weggehen wieder alles verloren, was sie in körperlicher Gestalt für kurze Zeit an die ferne Heimat, an das Vorhandensein gleichgesinnter Menschen erinnert hatte. Ich machte die Sache kurz; die Art des letzten Händedrucks und die in den Augen der Damen schimmernden Thränen sagten uns allen, daß es nach menschlicher Berechnung ein Scheiden auf Nimmerwiedersehen war. Auf dem Rückweg lagen wir so sehr unter dem Bann des Abschieds, daß wir keinen Sinn hatten für das Leben im Walde, welches die heimkehrenden Dug-Dugs begleitete. Den Strand fand ich auch vereinsamt, da unsere Boote ja längst zum Schiffe zurückgekehrt waren und meine vereinsamte Gig sich im Gegensatz zu dem Leben und Treiben bei unserer Landung fast trübselig ausnahm. Auf dem Wasser allerdings fanden wir wieder Leben, da wir während des Rückweges zu unserm schwimmenden Heim von Kanus und heimkehrenden wiegenden Dug-Dugs umschwärmt waren. Der Abend fand alle deutschen Herren bei mir an Bord, um den letzten Abend an diesem weit vorgeschobenen Posten deutschen Unternehmungsgeistes noch gemeinsam zu verbringen, denn am nächsten Morgen sollten wir ja auch voneinander Abschied nehmen; wenn auch nicht für immer, so doch sicher für viele Jahre.
Am 20. vormittags 10 Uhr, nachdem Herr Brown mir noch einige Andenken geschickt hatte, schlossen wir mit dem Lande ab; die deutschen Herren verließen das deutsche Kriegsschiff, als der Anker gelichtet war. Tiefbewegt war ich, als die „Ariadne“ den ersten deutschen Hafen in diesem Theil der Erde — da ich hoffe, ihn schon jetzt so nennen zu dürfen — verließ. Wenn man vorwärts eilt, bieten sich dem Auge stets neue Bilder, dem Geiste andere Eindrücke, und so wurden auch gar schnell meine Sinne anderweit gefesselt. Oben auf der Klippe weht die englische Flagge an Herrn Brown's Flaggenmast, um den Fuß desselben und am Rande der Klippe ist alles, was in der Nähe lebt, versammelt. Ich halte nach dem Lande ab und laufe mit langsam gehender Maschine so dicht an der steilabfallenden Küste entlang, daß man von oben in das Schiff hineinsehen kann. Die Flagge oben senkt sich zum Gruße, unsere erwidert den Gruß, Tücher und Hände winken uns ein letztes Lebewohl, unsere Matrosen entern in die Wanten und antworten mit drei jauchzenden Hurrahs, in welchen keine Trauer liegt, sondern nur reine Freude, denn mit dem Verlassen dieses Himmelsstriches rücken wir der Heimat wieder eine Etappe näher, wenngleich wir uns räumlich mehr von ihr entfernen. Die Musik stimmt einen fröhlichen Marsch an, die Maschine arbeitet mit voller Kraft und nach zehn Minuten biegen wir um eine Ecke und sind gegenseitig unsern Blicken entrückt.
Um 1 Uhr mittags lagen wir wieder im Hafen von Meoko, wo sofort die ganze Bevölkerung zusammengetrommelt wurde, um noch, Tag und Nacht durcharbeitend, soviel Holz wie möglich für mich zu schlagen. Herr Weber begab sich sogleich an die Arbeit, um mit den durch Agenten darauf vorbereiteten Häuptlingen das Kaufgeschäft über den Hafen endgültig zu vereinbaren, während ich mit einem hier bekannten Herrn einen Spaziergang in das Innere der Insel machte. Hierbei kamen wir auch an eine schmutzige Hütte, in welcher, wie mein Begleiter mir sagte, einer der ersten Häuptlinge von Meoko schwer krank darniederlag. Ich wollte den Mann gern sehen, ihm aber auch durch unsern Arzt womöglich Hülfe oder Linderung bringen lassen. Wir klopfen daher an, ein altes häßliches Weib öffnet uns, springt uns aber dann laut kreischend mit solchem Geifer entgegen, daß wir scheu zurücktreten. Mein Begleiter gibt mir gleich die Aufklärung, daß jeder unerbetene Besuch eines Häuptlings, zu welchen alle Weißen rechnen, mit Diwarra bezahlt werden muß und daß diese Sitte schon manchem harmlosen Europäer das Leben gekostet habe. Denn da der Eingeborene diese Sitte nicht umgehen könne, so bleibe ihm nur die Wahl, entweder zu zahlen oder zu tödten, und bei der allgemein verbreiteten Geldgier zöge er, wenn irgendmöglich, lieber das letztere vor, als ein fingerlanges Stück Diwarra herzugeben. Und aus solchem Todtschlag wird dann gar häufig die Blutdürstigkeit des Menschenfressers gefolgert, während er sich selbst als in der Nothwehr befindlich betrachtet. In Wirklichkeit sind diese Eingeborenen, wenn man sie unbehelligt läßt, arbeitsame und im allgemeinen harmlose Geschöpfe. Die Alte war übrigens bald beruhigt, als mein Begleiter ihr Taback versprach, welchen sie sich von der Factorei holen könne. Sie schenkte mir nun ein 20 cm langes Stück Diwarra, während sie mir erst ein 50 cm langes zugedacht hatte. Aber ehe es in meine Hand gelangte, zog sie es schnell zurück, sah mich an und schnitt gierig noch ein kleines Stück ab und wiederholte dieses Manöver so lange, bis wir ungeduldig wurden und mein Begleiter ihr das schon auf 20 cm eingeschrumpfte Stück entriß. Jetzt ließ sie uns eintreten und in einem Winkel fanden wir den weiß angestrichenen armen alten Teufel, welchem ich nach dem Rath meines Begleiters leider nicht helfen durfte, denn wenn unser Arzt ihm etwas gäbe und der Mann stürbe doch, dann würden wir der Vergiftung bezichtigt und die Folge würde wahrscheinlich die Ermordung eines Weißen sein; ja, schon der Besuch des weißen Medicinmannes würde im Falle des eintretenden Todes als Zauberei hingestellt werden. So mußte ich den armen Kerl seinem Schicksal überlassen.
Gestern Morgen, am 21. December, habe ich den Hafen von Meoko in derselben Weise wie den von Makada gekauft, und da um 10 Uhr auch das Holz an Bord war, konnten wir um 10½, Uhr den zweiten deutschen Hafen verlassen und streben jetzt mit Macht den Samoa-Inseln wieder zu, weil es für die dortigen Interessen die höchste Zeit ist, daß der Consul und ich dahin zurückkehren. Deshalb habe ich auch das beabsichtigt gewesene Anlaufen einiger Inseln der Salomons-Gruppe aufgegeben und will mich mit nur einem zwei- bis dreistündigen Aufenthalt auf Savo begnügen.
Die Samoa-Inseln sind wieder einmal in Sicht. Schon heute Morgen 8 Uhr sahen wir für kurze Zeit Savai'i, als wir noch 70 Seemeilen davon abstanden, doch es verschwand bald wieder hinter Wolken und ist erst vor zwei Stunden, um 4 Uhr nachmittags, wieder zum Vorschein gekommen. Wir werden wol morgen Vormittag in Apia eintreffen und wenn dies auch nicht am 1. Januar, wie ursprünglich geplant, geschehen ist, so wird die Verzögerung doch nicht viel ausmachen, da Herr Weber während der Reise genügende Muße gefunden hat, das Vertragsinstrument soweit auszuarbeiten und in Deutsch, Samoanisch und Englisch (das letztere Exemplar für den zu den Verhandlungen mit heranzuziehenden Dolmetscher bestimmt) fertig zu stellen, daß es von den beiderseitigen Bevollmächtigten nach einer nur kurzen Prüfung unterschrieben werden kann.
Die Reise hierher ging durch den tropischen Hochsommer, welcher durch windstilles schwüles Wetter und häufige Regenfälle gekennzeichnet ist. Die Folge der Windstillen war, daß wir den größten Theil unter Dampf zurücklegen mußten und das Maschinenpersonal somit die Hauptarbeit zu tragen hatte, welche namentlich für die Heizer vor dem Feuer sehr schwer war, aber auch von dem Commandanten empfunden wurde, da dieser bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich mit viel Unverstand zu kämpfen hat. So wurde mir eines Tages, bald nach unserer Abfahrt von Meoko, die Meldung gemacht, daß die Heizer vor den Feuern umfielen, und die Forderung an mich gestellt, diesen Leuten regelmäßige Branntweinrationen verabfolgen zu lassen, trotzdem man wußte, daß ich ein entschiedener Gegner dieses Genußmittels während regelmäßiger Arbeit bin und ich auch die Gründe für meine Auffassung oft genug auseinandergesetzt hatte. Anstatt die Forderung zu erfüllen, ging ich mit den betheiligten Personen in den Heizraum, um ihnen an Ort und Stelle zu zeigen, daß die Hitze dort nicht viel höher wie unter andern Verhältnissen war, mithin die Ursache der Schwächezustände anderweit und zwar darin zu suchen sei, daß die Leute bereits geschwächt zum Dienst erschienen waren. Meine Vermuthung war gleich, daß die von mir für das körperliche Wohl dieser Leute getroffenen Anordnungen, welche darin bestehen, daß die von Wache kommenden Heizer sofort ein Bad nehmen müssen und im Anschluß daran gezwungen werden, sich auf dem Deck in frischer Luft aufzuhalten, an möglichst kühlen Plätzen zu schlafen und ihren eigentlichen Wohnraum, welcher über dem Kesselraum liegt, nur zur Aufbewahrung ihrer Sachen zu benutzen, nicht streng genug befolgt würden. Ich ging daher von dem Heizraum in das genannte Wohngelaß und fand die Leute, wie ich befürchtet hatte, berußt wie sie von den Feuern gekommen waren, in dem heißen schwülen Raum auf der Erde liegend. Daß sie in solcher achtstündigen Ruhe nicht die Kräfte finden konnten, um nachher wieder vier Stunden vor den Feuern aushalten zu können, liegt auf der Hand; aber den Leuten selbst, welche nach ihrem Dienst aller Willenskraft bar sich an dem ersten Ort, wo sie sich ungestört wähnen, hinwerfen und in einen halb ohnmächtigen Zustand verfallen, konnte ich deshalb nicht zürnen, sondern nur dem Aufsichtspersonal, welches die ertheilten Befehle auszuführen hatte. Ich trug natürlich Sorge, daß die getroffenen Anordnungen nunmehr auch Beachtung fanden, die Leute gebadet, frisch gekleidet und an luftigen Orten untergebracht wurden, worauf, trotzdem die Heizer keinen Branntwein, sondern nur den vorgeschriebenen Haferschleim- und Theeaufguß erhielten, keine der vorerwähnten Schwächezustände mehr vorkamen. Es ist doch eine wunderbare Thatsache, daß immer und immer wieder von dem „Schnaps“ alles Heil erwartet wird.
Die ersten Tage dieser Reise waren auch noch in anderer Beziehung sehr unbehaglich, da das als Feuerungsmaterial mitgenommene Holz, welches ja alle freien Theile des Schiffes ausfüllte, uns so viel Ungeziefer mitgebracht hatte, daß wir uns desselben in den ersten Tagen gar nicht erwehren konnten. Namentlich die Ameisen und 10 cm lange, 1 cm dicke Tausendfüßler, welche eine sehr schmerzhafte Bißwunde hinterlassen, waren uns höchst unangenehm und wir hatten nach dem Aufbrauch des Holzes noch mehrere Tage einen eifrigen Vernichtungskrieg zu führen gehabt, ehe wir von diesen lästigen Gästen wieder befreit waren.
Am 22. December morgens mit Tagesanbruch lag Bougainville, die über 3000 m hohe nördlichste Insel der Salomons-Gruppe vor uns und blieb auch während des ganzen Tages in Sicht, da unser südöstlicher Curs in einer Entfernung von etwa 30 Seemeilen an der langgestreckten in nordwestlich-südöstlicher Richtung laufenden, 130 Seemeilen langen Insel vorbeiführte.
Am 23. morgens sahen wir die kleine Insel Treasury-Island, welche ihren Namen nach einem hier früher von Seeräubern vergrabenen großen Schatz, der immer noch seiner Hebung wartet, führen soll. Sie hat einen ziemlich guten Hafen, liegt selbst an der großen Straße und kann daher von vorbeisegelnden Schiffen leicht als Nothhafen benutzt werden. Dies bestimmte mich, in den Hafen einzulaufen, weil den dortigen noch wirklich wilden Eingeborenen nie oft genug das Vorhandensein von Kriegsschiffen als Warnung vor Augen geführt werden kann, um sie vor feindlichen Angriffen auf Kauffahrteischiffe abzuhalten.
Die gegenüber der Südküste von Treasury-Island liegende kleine Insel Stirling bildet mit dieser eine schöne, 1800 m lange und 600 m breite Bucht, in welcher bei einer kleinen, „Watson“ genannten Insel der Ankerplatz liegt. Um 9½ Uhr vormittags liefen wir in die Bucht ein und fanden dort ein außerordentlich malerisches landschaftliches Bild, zwar wieder nur Wasser, Höhen, Wald, Wolken und Menschen, aber doch so verschieden von anderm, was wir bisher gesehen. Die Natur weiß auch mit diesen geringen Mitteln ebenso wunderbar verschiedene Effecte zu erzielen, wie mit den wenigen Linien im menschlichen Angesicht.
Auf graublauem, von dickem Regengewölk gebildeten Hintergrund liegen zu beiden Seiten die die Bucht bildenden, bis etwa 120 m ansteigenden bewaldeten Höhen, deren saftiges dunkles Grün die tiefblaue Wasserfläche umschließt. Das Land zur Linken, die Südküste von Treasury-Island, bildet eine geradlinig laufende Wand, an deren Ende Watson liegt; das Land zur Rechten bildet eine gezackte Linie, vor welcher kleine bewaldete Inseln als grüne Hügel aus der blauen Grundfläche hervortreten und in Verbindung mit den zwischen ihnen liegenden kleinen Meeresarmen besonders malerisch wirken. Als wir bis zur Mitte der Bucht gekommen waren, fanden sich auch die Eingeborenen, sämmtlich mit Speeren oder Pfeilen und Bogen bewaffnet, in großen Massen bei dem Schiffe als belebendes Element ein, obgleich man an der ganzen Küste keine Hütten sehen konnte. Unserer Aufforderung, an Bord zu kommen, wagten sie nicht zu entsprechen, würden aber bei einem Kauffahrer eine derartige Aufforderung wol gar nicht erst abgewartet, sondern versucht haben, sich einen solchen Besuch zu erzwingen. Ich halte diese Eingeborenen noch für außerordentlich gefährliche Gäste und glaube, daß Handelsschiffe gut thun, diese Häfen nur unter Beobachtung größter Vorsichtsmaßregeln für kurze Zeit und zwar mit den Waffen in der Hand anzulaufen.
Nach einstündigem Aufenthalt dampften wir wieder aus der Bucht, trafen am 25. December vormittags bei der Insel Russell ein, liefen zwischen dieser und Guadalcanar durch und drehten nachmittags 1½ Uhr vor der kleinen Insel Savo bei. Der Besuch der Insel galt nur kaufmännischen Interessen, weil hier ein Engländer, einer der wenigen Europäer, welche es überhaupt bisjetzt gewagt haben sich auf den Salomons-Inseln niederzulassen, leben sollte, und es Herrn Weber darauf ankam, etwas über die hiesigen Handelsverhältnisse und die Möglichkeit der Gewinnung von Plantagenarbeitern zu erfahren. Die Insel ist eirund, 6 Seemeilen lang, 3½ Seemeilen breit, 600 m hoch und dicht bewaldet; Hütten waren nur am Strande zu sehen und wird wol auch nur dieser bewohnt.
Ich fuhr gleich mit dem Consul in meiner Gig an Land, einige beurlaubte Offiziere u. s. w. folgten in den beiden bewaffneten Kuttern, sämmtliche Bootsgasten waren mit scharfen Patronen versehen. Am Strande hatte sich schon während unserer Annährung eine große Menschenmenge, Männer, welche Bekleidung noch für etwas Ueberflüssiges hielten, angesammelt, unter welcher wir auch bald den gesuchten Engländer entdeckten. Das Schiff lag so nahe am Lande, daß wir nur wenige Minuten bis dahin zu rudern hatten, und bei unserer Landung trat der Engländer gleich an mich heran, um seine Dienste anzubieten. Da wir vorerst nur mit ihm zu thun hatten, so gingen der Consul und ich mit zu seiner von dem Dorfe weit abliegenden Behausung, nachdem ich vorher den Beurlaubten noch die größte Vorsicht für den Verkehr mit den Eingeborenen anempfohlen hatte. Unser Weg führte am Strande entlang, wo wir auch an mehrern Hütten vorbeikamen, welche bei der flüchtigen Besichtigung, die wir ihnen nur widmen konnten, einen peinlich saubern Eindruck machten, wie auch die in den Hütten befindlichen, mit Grasschurz bekleideten Frauen, welche angenehme Gesichtszüge und eine hellbraune Hautfarbe hatten, einen reinen gepflegten Körper zu haben schienen. Als ich während unsers Marsches den Wunsch äußerte, Hühnereier zu kaufen, wurde mir der Bescheid, daß solche nicht zu haben seien, ich aber die Eier eines Vogels, welcher dieselben in den Sand legt und dort von der Sonne ausbrüten läßt, erhalten könne. Ein entsprechender Auftrag an einige der uns begleitenden Eingeborenen hatte zur Folge, daß mir schon nach einer halben Stunde ein ziemlich großer Korb voll braunrother, hell ziegelfarbener Eier von 9 cm Länge und 6 cm Dicke gebracht wurde, von welchen behauptet wird, daß der Leib des Vogels, welcher diese Eier legt, nicht viel größer wie das Ei selbst sei. Thatsächlich ist der Vogel, welcher zur Klasse der Megapodien, Großfußhühner oder Wallnister gehört und hier gemeinhin Buschhuhn genannt wird, nicht größer wie eine Fasanenhenne, das Verhältniß des Eies zum Vogel muß also ein ganz ungewöhnliches genannt werden.
Bei dem Hause des Engländers angekommen, fanden wir eine scheunenartige große Hütte, in welcher mehrere Frauen damit beschäftigt waren, Kokosnüsse handelsfertig zu machen. In einer Ecke lagen die faserigen Nußhüllen, in einer andern fertige Copra, in einer dritten wurden die frischen Nußkerne geschnitten und zum Trocknen vorbereitet. Was wir hier über die Handelsverhältnisse erfuhren, war nicht sehr verlockend, weil die Sicherheit des Lebens der Fremden vorläufig noch eine sehr zweifelhafte ist. Die Eingeborenen sind passionirte Menschenfresser und stets auf Raubzügen begriffen, um sich das begehrte Menschenfleisch, Siegestrophäen und Sklaven zu verschaffen. Wenn nun auch ein fremder Händler, solange er nicht gegen die Gebräuche des Landes verstößt, was er unbewußt sehr leicht thun kann, im allgemeinen sein Leben für gesichert halten kann, weil die Eingeborenen gern handeln und lüstern nach europäischen Handelsartikeln sind, so ist sein Leben doch keinen Pfifferling werth, sobald einem andern Stamm ein Ueberfall auf das Dorf, in welchem er lebt, gelingen sollte, und dies kann jederzeit geschehen. Bewundernswerth ist es daher, daß sich immer wieder Leute finden, die verhältnißmäßig geringen Gelderwerbs wegen ihr Leben derart in die Schanze schlagen. Ob es mit der Zeit gelingen wird, hier für die Samoa-Inseln Plantagenarbeiter zu gewinnen, muß die Erfahrung lehren, eine schwierige Sache dabei bleibt aber immer die große Entfernung zwischen den beiden Inselgruppen und für Segelschiffe namentlich die ungünstigen Windverhältnisse.
Wir machten uns bald wieder auf den Rückweg, um auch noch einen Blick in das Dorf zu werfen, doch fanden wir an unserer Landungsstelle die Brandung so hoch geworden und das Einsteigen in die Boote bereits so gefährdet, daß ich mich zum sofortigen Verlassen des Landes entschloß, weil eine Zunahme des Seegangs noch zu erwarten war und bei weiter auffrischendem Winde auch die Lage des Schiffes mir gefährdet schien. Zwar hätte ich mich gern noch überzeugt, was die Ansammlung von vielleicht 200 bewaffneten Eingeborenen bei unsern andern Booten zu bedeuten habe, ließ mich aber durch die gefährliche Lage meiner Gig bestimmen, davon abzusehen, weil sich an den Booten selbst nichts Auffälliges zeigte und unser Schiff auch so nahe bei denselben lag, daß man von dessen erhöhtem Standpunkt aus mußte übersehen können, was an Land vorging. Der Consul und ich kamen mit etwas geschundenen Schienbeinen in das Boot, der Diener des Consuls aber, ein Marshall-Insulaner, kam schon nicht mehr hinein, sondern verschwand unter demselben und mußte schwimmend außerhalb der Brandung aufgenommen werden. Dem Offizier, welcher die beiden Kutter befehligte, rief ich dann zu, die Beurlaubten zu sofortiger Einschiffung zu veranlassen, was denn auch kurze Zeit darauf geschah, sodaß wir um 3½ Uhr schon wieder auf der Weiterreise waren, aber doch noch einmal stoppten, als von dem Punkt aus, wo die Hütte des Engländers liegen mußte, ein Kanu, in welchem sich zwei Leute befanden, von denen einer, wie durch das Fernrohr zu erkennen war, mit Hemd und schwarzem Filzhut bekleidet war, mit aller Macht auf uns zuruderte. Ich hielt es nicht für unmöglich, daß der Engländer vielleicht durch irgendeinen Umstand gefährdet worden sei und bei uns Schutz suchen wollte, hielt daher auf das Fahrzeug ab, sah aber bald, daß der Bekleidete auch ein Eingeborener war. Die Leute wollten nur einige Sachen zum Verkauf stellen, und da sie einmal den weiten Weg gemacht hatten, wartete ich so lange, bis sie ihre Sachen losgeworden waren. Ich erstand mir auch etwas, eine mit gelbem und rothem Stroh außerordentlich schön umflochtene Keule, einen in ähnlicher Arbeit ausgeführten kleinen Holzkamm, sowie einen reizenden kleinen Kakadu, wie sie nur auf den Salomons-Inseln vorkommen.
Die Salomons-Insulaner sind dafür bekannt, besonders feine Handarbeiten auszuführen, und die von mir gekauften Sachen bestätigten diesen Ruf. Speere, Pfeile, Armbänder aus Muscheln, und ein aus einer Muschel mit Schildkrotverzierung hergestelltes Stirnschild, welche sämmtlich von der Geschicklichkeit und dem guten Geschmack dieser Eingeborenen Zeugniß ablegten, besaß ich schon, die hier erworbenen Sachen übertrafen aber die letztgenannten noch an zierlicher, geschmackvoller und sauberer Ausführung. Der Kakadu ist dadurch merkwürdig, daß er wesentlich von den sonst vorkommenden Arten abweicht, einen besonders geformten Schopf, kleinen, scharf gebogenen weißen Schnabel, weiße Füße und auffallend weite Schwingen hat. Sein Gefieder ist außen schneeweiß, unter dem Schopf dagegen orangefarben und unter den Flügeln hellgelb. Die Augen sind tief braunroth und die feine Haut um die Augen hat eine hell-wasserblaue Farbe.
An dem auf unsern Besuch Savos folgenden Tage hörte ich, daß die Ansammlung der Eingeborenen bei unsern Booten doch eine ernstere Bedeutung gehabt hatte und ohne das entschlossene Eingreifen eines jungen Offiziers wahrscheinlich zu einem ernsten Conflict geführt haben würde. Einige der von unsern Schiffen an Land gegangenen Personen hatten auch das Tabu-Haus des Dorfes besucht und die dort ausgestellten Sachen besichtigt, von welchen einem der Unserigen ein besonders schöner Speer so gut gefiel, daß er ihn durchaus haben wollte. Als der Hüter des Hauses jedes Gebot unter dem Hinweis darauf, daß der Speer „Tabu“ sei, zurückwies, nahm der Mann trotz der ausdrücklichen Warnung seiner Begleiter dennoch den Speer an sich, indem er einige Stücke Taback als Gegenleistung auf den Boden warf, da der anwesende Eingeborene sich standhaft weigerte, irgendetwas entgegenzunehmen. Als die Unserigen sich nun mit dem Speer auf der Straße zeigten, gesellten sich gleich Eingeborene zu ihnen, welche wiederholt das Wort „Tabu“ hören ließen. Die Zahl der Eingeborenen wuchs und ihre Haltung wurde bald so drohend, daß der Speerträger es nunmehr doch gerathen fand, das Streitobject an seinen ursprünglichen Platz zurückzubringen und im Anschluß daran gleich unsere in der Nähe befindlichen Boote aufzusuchen, wo die andern Beurlaubten sich bereits zu deren Besteigung anschickten. Doch ehe sie dies ausführen konnten, waren sie plötzlich von bewaffneten Eingeborenen eingeschlossen, von denen einer in gebrochenem Englisch sagte: „Wir wollen den Mann haben, welcher den Speer gestohlen hat; wir müssen ihn tödten, weil er Tabu gebrochen hat.“ Gleichzeitig trat er vor und legte die Hand an den, welcher so unvorsichtig gewesen war, doch in demselben Augenblick sprang auch ein junger Offizier hinzu und versetzte dem Angreifer einen so heftigen Schlag ins Gesicht, daß er taumelnd zur Seite fiel und die andern Eingeborenen im ersten Augenblick der Ueberraschung so weit zurückwichen, daß die Unserigen Gelegenheit fanden in die Boote zu springen, worauf die Eingeborenen keinen weitern Angriff wagten, sondern sich zurückzogen.
Daß mir von diesem Vorfall, welcher zeigt, wie streng die Eingeborenen an der Heiligkeit ihres Tabu festhalten und wie sie in ihrem Drang nach Rache weder unserer bewaffneten Boote noch des in allernächster Nähe liegenden Schiffes achteten, so spät erst Kenntniß gegeben wurde, bedaure ich deshalb lebhaft, weil ich sonst gleich dem Engländer anheimgegeben hätte, mit auf unser Schiff zu kommen und die Insel zu verlassen, da ich es nicht für unmöglich halte, daß die Eingeborenen, um den Bruch des Tabu zu sühnen, auf ihn als Opfer zurückgreifen, wenngleich andererseits aus dem Umstande, daß sie nur die Ueberlassung des Schuldigen forderten und keinen allgemeinen Angriff ausführten, gefolgert werden dürfte, daß sie einen Unschuldigen nicht zur Verantwortung ziehen werden. Nachträglich nach Savo zurückzukehren, hatte aber keinen Zweck, da die Gewaltthat, wenn sie überhaupt geschehen sein sollte, sich jedenfalls gleich nach unserer Abreise abgespielt hat und es mir unmöglich gewesen wäre, in der mir zur Verfügung stehenden Zeit die Wahrheit zu erfahren. Ist der Mord geschehen, dann würde ich bei unserer Rückkehr das Dorf verlassen gefunden haben und hätte bei einem Streifzug durch die dichtbewaldete Insel wahrscheinlich keinen andern Erfolg gehabt, als noch einige Menschenleben auf das Spiel zu setzen ohne etwas Wesentliches zu erreichen.
Die weitere Reise bis hierher zeichnete sich durch Einförmigkeit des regnerischen windstillen Wetters aus; nur unser Tisch fand eine kleine Abwechselung durch die mitgenommenen Buschhuhneier, wenn dieselben auch gerade keine besondere Delicatesse waren. Hart oder weich gekocht sind sie für unsern Gaumen überhaupt ungenießbar, und die einzige Form, in welcher das Gericht angenommen wurde, war die eines stark gepfefferten Rührei, aber auch in dieser genügten wenige Bissen der tiefrothen Speise zur vorläufigen Sättigung.
16. Januar vormittags.
Wegen des uns gebliebenen nur geringen Kohlenvorraths habe ich während der Nacht einen Umweg gemacht und bin an der Südküste von Savai'i entlang gesegelt, um den dort stehenden Passatwind zu benutzen; derselbe brachte uns auch bis zur Ostspitze der Insel, starb aber dann in der Nähe des Landes ab, sodaß wir seit heute Morgen 5½ Uhr wieder unter Dampf sind. Dieser Umweg führte mich übrigens heute Morgen dicht an die kleine Insel Apolima, welche auch einer kurzen Erwähnung werth ist.
Die Kraterinsel Apolima.
(Der kleine Fels, welcher in der Zeichnung mit Absicht etwas zur Seite geschoben ist, um einen Einblick in den Krater zu gestatten,
ist vor der Einfahrt liegend zu denken.)
Sie ist ein erloschener Krater, dessen Sohle noch etwas unter der Meeresoberfläche liegt und dessen Ränder sich 100-150 m über dieselbe erheben, jedoch an der Nordseite an einer Stelle einen Einschnitt bilden, durch welchen bei ruhiger See und Hochwasser auch größere Boote in den Krater und in die dort gebildete Lagune fahren können. Die Ufer der Lagune sind mit so üppigem Pflanzenwuchs bedeckt, daß eine große Zahl von Eingeborenen hier alles für sie zum Leben Nothwendige finden kann, wenn auch in der Regel hier nur etwa 100 Menschen leben. Die Insel hat nun für die hiesigen Verhältnisse insofern eine besondere Bedeutung, als die Samoaner sie für eine unüberwindliche Festung halten und ihr Besitz die Eingeborenen gegen fremde Forderungen oft trotziger macht, als sie es sonst wol sein würden. Sie gehört eigentlich zu der kleinen Insel Manono und hat diesem District von jeher in allen politischen Fragen ein gewisses Uebergewicht verliehen. Die Annahme ihrer Unüberwindlichkeit stützt sich darauf, daß Boote oder Kanus an den Außenrändern überhaupt nicht anlegen können, mit Ausnahme einer kleinen Stelle, wo dies aber auch nur bei ganz ruhiger See, welche sich in solcher Gestalt jährlich vielleicht einigemale zeigt, erfolgen kann. Eine Landung hier sichert aber auch noch keinen Erfolg, weil von dem Landungsplatz aus nur ein schmaler Fußpfad nach oben führt und so steil ansteigt, daß einige von oben heruntergeworfene große Steine genügen müssen, den Weg zu säubern oder frei zu halten.
Die Kraterinsel Apolima.
Der Wasserweg durch den Felseinschnitt in die Lagune ist für gewöhnlich nur den leichten Kanus offen, da, wie schon erwähnt, größere Boote hier auch nur bei ganz ruhiger See die Einfahrt wagen können und zum Ueberfluß der Kanal so schmal ist, daß zur Zeit nur ein Boot einlaufen kann und dieses von den hinter den Felsen in sicherer Deckung liegenden Schützen auf kürzeste Entfernungen ein so scharfes Feuer erhalten kann, daß kaum ein Mann den Versuch überstehen dürfte. Schließlich wird der Einschnitt noch durch einen im Meere liegenden Felsen derart gedeckt, daß dieser sich für ein außerhalb vorbeifahrendes Schiff als Schild vor den Einschnitt schiebt und das Schiff daher auch von dort aus keinen Gebrauch von seiner Artillerie machen kann; und hierauf sind die Samoaner ganz besonders stolz, weil bisher noch kein Schiff zwischen Insel und Fels hindurchgefahren ist und sie daher glauben, daß dies nicht möglich ist.
Dies alles war mir bekannt, als ich heute Morgen um die Ostspitze von Savai'i herumdampfend auf Apolima zulief, und deswegen kam mir wol der Gedanke, einmal zwischen Fels und Krater durchzusteuern, um den Samoanern den Glauben an die Unüberwindlichkeit ihrer Festung zu nehmen und mir damit vielleicht ein Druckmittel zur Beschleunigung des Vertragsschlusses zu verschaffen. Die Karte zeigt zwar eine genügende Wassertiefe, ich holte aber doch noch den Rath meines halbweißen Lootsen ein, auf dessen Angaben ich hier sicher bauen konnte. Er erklärte das Fahrwasser als ganz rein von Untiefen, und da die Entfernung zwischen Fels und Apolima auch ausreichend ist, um mit einem gut steuernden Schiff hindurchzufahren, so ließ ich die „Ariadne“ als erstes Schiff diesen Weg nehmen. Die hohe Dünung war mir allerdings etwas hinderlich und die Enden unserer Raaen kamen beim Schlingern des Schiffes in so bedenkliche Nähe der Kraterwände, daß ich nach der andern Seite hin dicht an den Fels bis auf 8 m Wassertiefe herandrehen mußte; doch war dies natürlich nur für einen Augenblick. Um sicher zu gehen, mußte ich das Schiff mit großer Geschwindigkeit durch die Enge laufen lassen, sodaß mir keine Zeit blieb, das Innere des Kraters genauer zu betrachten. Ich sah zur Seite und oben nur eine schwarze Felswand, unten starke Brandung; ein Lichtblick, wo sich dem Auge die ruhige Lagune mit Kokospalmen und Brotfruchtbäumen, Hütten, Kanus, Menschen und blauem Himmel zeigte; wieder eine dunkle schwarze Felswand und das Augenblicksbild lag hinter uns.
Noch heute Vormittag werden wir in Apia sein und ich bin sehr gespannt, wie sich unsere Angelegenheiten dort nun abwickeln werden; aber entschlossen bin ich, die Sache nunmehr zu einem Ende zu führen, sollte ich auch den gordischen Knoten mit dem Schwert durchhauen müssen.
Abends.
Bei unserer Ankunft hierselbst wurden mir zwei Ueberraschungen zutheil, eine sehr angenehme, nämlich unser Kanonenboot „Albatros“ hier vorzufinden, welches zur Verstärkung der Station vor zwei Tagen von Japan aus hier eingetroffen ist und uns die Freude macht, einmal wieder liebe altbekannte Gesichter sehen zu können, mir auch die Möglichkeit gibt, unsere Post von Levuka abholen zu lassen, da ich mit der „Ariadne“ zur Zeit Apia nicht verlassen kann, und wir doch seit vier Monaten ohne alle Nachrichten von der Heimat und Europa überhaupt sind. Die zweite Ueberraschung ist weniger angenehmer Natur und bedeutet wieder einmal innere Unruhen im Samoa-Reich. Die Tuamasanga (mittlerer District von Upolu) hat während unserer Abwesenheit im Verein mit Manono, und heimlich von dem größten Theil von Savai'i unterstützt, Malietoa den Aeltern, Oheim des letzten Königs gleichen Namens, nach Mulinu'u gebracht, ihn dort vor der versammelten Taimua als König ausgerufen und ihn trotz des Widerspruchs der Regierungsgewalten in Mulinu'u eingesetzt, wo er jetzt unter dem Schutz der Regierung lebt, da die Taimua sich nicht stark genug fühlt, den ihr von der Tuamasanga für den Fall der Ausweisung Malietoa's angedrohten Krieg aufzunehmen, obgleich sie sich auf die im letzten Krieg siegreiche und den Malietoas feindlich gesinnte Partei der Tupuas stützt.
Es bestehen nämlich hier zwei große sogenannte Königsparteien: die Anhänger der Familie Malietoa und die der Familie Tupua. Die letztere ist nach den Ueberlieferungen die ältere (tupu ist der samoanische Begriff für „König“) und glaubt das größere Anrecht an den Thron zu haben, wogegen die Familie Malietoa ihn während der letzten zwei Jahrhunderte, soweit eine derartige Zeitrechnung nach den mündlichen samoanischen Ueberlieferungen überhaupt möglich ist, im Besitz hatte. Die Malietoas entstammen übrigens auch der Familie Tupua. In alten Zeiten hat ein jüngerer Sproß dieser Familie die Samoa-Inseln von der Fremdherrschaft der Tonganer befreit, dafür von dem Volk den Namen „malietoa“, welcher gleichbedeutend mit „großer Held“ oder „starker Hort“ ist, erhalten und ihn von da ab als Familiennamen angenommen. Man sollte nun meinen, daß es gleichgültig sei, aus welcher der beiden Familien der König gewählt wird, wenn nur überhaupt eine Wahl dem Hader endlich ein Ende macht, dem ist aber nicht so, denn der Tupuas gibt es so viele, daß fast jedes Dorf den Thron für seinen Tupua in Anspruch nimmt. Dagegen haben die Malietoas den großen Vorzug, daß deren männliche Nachkommen nur noch in zwei Vertretern bestehen und diese sich geeinigt haben, da der frühere König die jetzige Wahl seines Oheims ebenfalls billigt. Doch ich will nicht weiter auf die innern samoanischen Verhältnisse eingehen, die für uns nur soweit Interesse haben, als sie unsere Vertragsangelegenheit berühren, in welcher Beziehung ein neuer König uns allerdings neue Schwierigkeiten machen könnte. Doch sind der Consul und ich dahin übereingekommen, daß wir die alte Regierung, welche immer noch am Ruder ist und den Malietoa nur als Scheinkönig unter sich duldet, als noch zu Recht bestehend ansehen und uns an die von ihr gegebenen bindenden Versprechungen halten.
Zu meiner großen Freude habe ich heute Abend noch gehört, daß hier am Lande unter den Eingeborenen eine hochgradige Aufregung darüber herrscht, daß unser Schiff durch die Enge bei Apolima gegangen ist. Die Samoaner sind deshalb sehr niedergeschlagen und sollen das Stichwort gegeben haben, daß ihre Festung durch uns ihre jungfräuliche Reinheit verloren hat. Ich denke, daß sich dies für unsere Angelegenheiten als nützlich erweisen wird.
26. Januar, morgens 2 Uhr.
Seit einigen Stunden sind wir auf dem Wege nach Auckland, um den mit den Samoa-Inseln abgeschlossenen Freundschafts- und Handelsvertrag noch mit der am 5. Februar von dort abgehenden Post nach Europa senden zu können. Diese für das Reich scheinbar so kleine unbedeutende Sache hat den näher dabei Betheiligten so viel Kopfzerbrechen gemacht, daß es mir ein Bedürfniß ist, der Befriedigung über den schließlichen Erfolg hier schriftlichen Ausdruck zu geben und sogar die Nacht dazu zu benutzen, da ich nur nach Erledigung dieser Arbeit eine Beruhigung meiner aufgeregten Nerven erwarten darf. Leicht wurde es uns nicht gemacht, alle diese Gegenströmungen, welche sich unsern Forderungen entgegenstellten, zu überwinden, aber unser fester Entschluß, die Sache nunmehr zu einem Abschluß zu bringen, und die Gewißheit für die Samoaner, bei fernern Winkelzügen von mir in der Folge noch härter als bisher angefaßt zu werden, ließ sie schließlich, und noch schneller als wir hoffen durften, all unsere Forderungen erfüllen. Da der Verlauf der Angelegenheit einen ganz interessanten Einblick in die Art und Weise der Eingeborenen bei solchen Verhandlungen gewährt, so mag derselbe hier in allgemeinen Umrissen Aufnahme finden.
Als die Taimua am 17. Januar sich bereit erklärt hatte, am 22. in die Verhandlungen über den Abschluß des Vertrags einzutreten, suchten unsere Gegner dies auf alle Weise zu vereiteln, und hierbei spielten der früher genannte Herr Bartlett, welcher noch immer auf seine Ernennung zum Ersten Minister wartet, sowie die französischen Priester eine hervorragende Rolle. Als eine Folge dieser Einflüsse durften wir wol die Mittheilung der Taimua, daß der Herr Bartlett in die samoanische Regierung eintreten und dann als ihr Bevollmächtigter an unsern Verhandlungen theilnehmen würde, betrachten. Wir beantworteten diese Mittheilung mit der Erklärung, daß, solange die Verhandlungen mit uns nicht zu einem Ergebniß geführt hätten oder abgebrochen seien, an der Regierungsform nichts geändert werden dürfe, und fügten die Anzeige hinzu, daß ich am 25. nachmittags Apia verlassen würde, bis dahin also der Vertrag abgeschlossen sein müsse, widrigenfalls die Samoa-Regierung die Verantwortung für die Folgen des stattgehabten Bruchs zu tragen haben würde. Wir waren zu der Erkenntniß gekommen, daß wir nunmehr schnell zum Ziele kommen mußten, wenn wir überhaupt noch auf einen Erfolg rechnen wollten, und setzten daher den kurzen Termin, nachdem die Samoaner sechs Monate Zeit gehabt hatten, sich mit der Sache eingehend zu beschäftigen. Der Herr Bartlett kam nicht in die Regierung, aber die Samoaner wollten auch nicht nachgeben, trotzdem sie uns fürchteten und deshalb nicht mit uns brechen wollten. Eine gewisse Schwüle lag wieder einmal über Apia, Regierungsmitglieder suchten den Consul wie mich auf, sprachen über den Vertrag, fragten, ob wir sie mit Krieg überziehen würden, wenn der Vertrag nicht zu Stande käme, und was sonst noch Ueberflüssiges gefragt und beantwortet werden konnte. Als einen weitern Druck benutzte ich auch einen Besuch von Saluafata, bei welchem mich auf meine Einladung hin zwei Mitglieder der Taimua begleiteten, um den Leuten unser noch bestehendes Besitzrecht an diesen Platz vor Augen zu führen.
Am 22. mittags 1 Uhr sollten die Verhandlungen beginnen, da zu dieser Zeit die erste Zusammenkunft der beiderseitigen Bevollmächtigten im deutschen Consulat anberaumt war, und wir waren einigermaßen überrascht, die Herren Samoaner pünktlich erscheinen zu sehen. Nach zweistündiger Verhandlung baten sie, allein gelassen zu werden, um den Vertragsentwurf noch einmal unter sich durchberathen zu können, und verließen erst gegen Abend das Consulatsgebäude, wobei sie so vorsichtig waren, sich in keiner Weise über das Ergebniß ihrer Berathungen auszusprechen. Als am 23. morgens die Lage wieder für uns bedenklich schien, forderten wir von unsern samoanischen Collegen noch für denselben Tag bis spätestens 5 Uhr nachmittags eine bestimmte Antwort, ob sie den Vertrag annehmen würden oder nicht, oder welche Aenderungen sie vorzuschlagen beabsichtigten, da ich meine auf den 25. angesetzte Reise nicht hinausschieben könne, der Vertrag daher bis dahin angenommen oder abgelehnt sein müsse. Nachmittags 4 Uhr erklärten die samoanischen Bevollmächtigten, keine Aenderungen zu unserm Vertragsentwurf vorschlagen zu können und daß sie denselben in der ihnen vorgelegten Fassung annähmen. Und als ich darauf die Zurückgabe von Saluafata und Falealili noch vor meiner Abreise für den Fall zusagte, daß die in dem Vertragsentwurf vorgesehene gleich zu erfolgende Ratificirung des Vertrags durch die Samoa-Regierung erfolge, auch versprach, die samoanische Flagge zu salutiren, was bisher noch nicht geschehen war und worauf die Bevollmächtigten großen Werth legten, schwanden auch die anfänglich gegen eine vorzeitige einseitige Ratificirung geltend gemachten Bedenken. Am 24. nachmittags 2 Uhr wurden die beiden Originale des Vertrages unterschrieben, am 25. zu gleicher Stunde waren dieselben, von der Taimua und Faipule ratificirt, wieder im Consulat, in der Zeit von 2-4 Uhr wurden die von der deutschen Factorei zur Erwiderung unsers Saluts entliehenen Kanonen nach Mulinu'u geschafft, um 5 Uhr salutirte ich die samoanische Flagge und verließ um 6½ Uhr, nachdem der letzte Erwiderungsschuß vom Lande gefallen war und ich vorher noch den Commandanten des „Albatros“ beauftragt hatte, die Beschlagnahme von Saluafata und Falealili wieder aufzuheben, Apia mit dem Bewußtsein, daß das von deutschem Fleiß und deutscher Energie bisher auf den Samoa-Inseln Erworbene unsern Landsleuten nunmehr gesichert ist und diese keine fremden Abenteurer mehr zu fürchten haben, da der Vertrag sie gegen die Willkür einer jeden Eingeborenen-Regierung schützt und eine fremde Macht jetzt auch nicht mehr ohne die Zustimmung Deutschlands ihre Hand auf diese schönen Inseln legen kann. Vor allem aber ist ein sicherer Wall gegen das Vordringen der ausdehnungslustigen Colonisten von Neu-Seeland nach dem Norden geschaffen und hierin liegt meines Erachtens der Hauptwerth dieses Vertrages. Nachdem Deutschland durch einen Freundschaftsvertrag mit den Tonga-Inseln diese gegen fremde Besitzergreifung gesichert hatte, mußte es das Streben der Neuseeländer sein, Samoa zu gewinnen, um dieses als Zwischenstation für den Handel mit den nördlicher gelegenen Inseln zu benutzen, da diese von Neu-Seeland zu weit abliegen. Wäre ihnen dies rechtzeitig gelungen, dann würden sie die Deutschen mit der Zeit wieder verdrängt haben, was ihnen jetzt nicht mehr möglich ist. Die Bedeutung dieses Vertrages erstreckt sich daher bis zu den Kingsmill- und Marshall-Inseln. Die Ueberlassung des Hafens von Pago-Pago an Amerika zwang uns auch noch, zur Aufrechterhaltung des Princips der Gleichberechtigung für Deutschland ebenfalls eine Kohlenstation zu fordern, und diesem Umstande verdanken wir die Gewinnung von Saluafata, des besten Hafens in der Samoa-Gruppe, da er bei ebenfalls vollständiger Sicherheit gegen alle Winde noch Vortheile besitzt, welche Pago-Pago nicht hat, und außerdem, was von großer Bedeutung ist, in allernächster Nähe von Apia liegt.