Im Faletele hatte ich mir mein Mosquitonetz sorgsam aufgehängt und fand unter demselben ein gutes Lager, sodaß ich bald entschlummert war. Da kriecht etwas bei mir herum, ich greife zu und vermuthe nach dem Gefühl, daß ein Ferkel sich zu mir verirrt hat, ich fasse mit der andern Hand mit zu und merke nun, daß es doch etwas anderes ist; ehe ich aber zu einem Entschluß kommen kann was zu thun, werden gleichzeitig die sämmtlichen Vorhänge in die Höhe gerissen, an zwanzig Mädchen stürzen mit Fackeln in den Raum hinein, durchkreuzen ihn wie Feuerwerksfrösche, mein Besuch ist wieder unter ihnen verschwunden, Lange und ich sehen uns verdutzt an und im nächsten Augenblick sind die Vorhänge wieder unten und wir wieder in vollkommener Dunkelheit. Ob das ein samoanischer Scherz oder was sonst war, weiß ich nicht. Erst wollte ich nach, um mir einen dieser ausgelassenen Irrwische zu fangen, aber mein Adamcostüm und die Gewißheit, doch keinen fassen zu können, ließen mich klugerweise von einem derartigen Beginnen absehen. Eine weitere Störung fand nicht statt und auch diese war wol nur dadurch möglich gewesen, daß die Herren Väter heute nicht zurechnungsfähig waren.

Am nächsten Morgen badete ich wieder und fand den nun von der Sonne warm beschienenen Platz entzückend. Dann Geschenkvertheilung und um 7 Uhr nach einem guten Frühstück Abmarsch nach Falifa. Der Weg dahin geht nur das erste Drittheil durch den Wald, dann trifft man einen Fluß, an dessen Ufer man bleibt. Der Weg ist gut und die landschaftlichen Bilder sind schön. Um 9 Uhr waren wir in Falifa, wo natürlich als erstes wieder das unvermeidliche Bad genommen wurde, welches hier besondere Reize bietet. Der breite Fluß wird an beiden Seiten von bewaldeten Höhen begrenzt und stürzt als mächtiger Wasserfall direct in die See, welche hier mit einer schmalen Bucht tief in das Land vordringt. Die Wassertiefe des Flusses gestattet nur dicht oberhalb des Absturzes ein Schwimmen und auch dort ragen vielfach Felsen aus dem Strombett hervor. Flußauf öffnet sich dem Auge eine weite Ebene, in deren Mitte der silberne Wasserlauf eilig und brodelnd über Felsengeröll zu Thal fließt. Stromab sieht das Auge das Meer und den fernen Horizont, welche von den bewaldeten Ufern der Bucht eingerahmt werden; ein Schnitt von Ufer zu Ufer am untern Rand des Bildes endet den Lauf des Flusses, dessen Wasser einen letzten dumpf grollenden Gruß aus der Tiefe nach oben sendet, ehe es sich für immer mit dem Meer verbindet.

Die Stadt liegt hier dicht am Ufer des Flusses und dies mag wol mit dazu beigetragen haben, daß gleich nach mir noch drei junge Samoanerinnen ebenfalls ins Wasser kamen und schwimmend mich in ihrer Mitte hielten. Da die Samoaner uns Weißen keine besondere Fertigkeit im Schwimmen zutrauen, so wird die eigentliche Absicht wol die gewesen sein, mir gegebenenfalls zu Hülfe eilen zu können, wenn ich mich etwa zu nahe an dem Wasserfall in eine der zwischen den Felsen befindlichen Stromschnellen wagen sollte, da dies sichern Absturz und Tod bedeutet haben würde. In Falifa selbst, wo wir etwas frühstückten, hielten wir uns nur kurze Zeit auf. Ein Albino, ein Frauenzimmer, erregte hier dadurch mein Interesse, daß der Rücken eine rosa Farbe hatte, welche, durch kleine Bläschen hervorgebracht, jedenfalls die Folge von Sonnenbrand war. Die Haut der Albinos wird also wol ebenso wenig widerstandsfähig gegen die Sonne sein wie die unsrige.

Demnächst berührten wir eine kleinere Stadt, welche ich nur deshalb erwähne, weil Sa hier in dem obersten Häuptling ihren alten Onkel begrüßte und diese Begrüßung die einzige auf altsamoanische Art geblieben ist, welche ich zu sehen bekommen habe. Der alte Mann saß mit untergeschlagenen Beinen in seiner Hütte und schien uns zu erwarten. An der Hütte angekommen, trat Sa zuerst ein, ging gebückten Körpers auf den alten Herrn zu, rieb mit ihm Nasen, setzte sich neben ihn und machte während der darauf folgenden kurzen Unterhaltung ein so ernstes Gesicht, wie ich es ihr gar nicht zugetraut hätte. Dann trat sie zurück, worauf erst die Begrüßung mit uns erfolgte. Wir nahmen eine kleine Erfrischung an und brachen dann bald wieder auf. Durch Lufi-lufi gingen wir ohne Aufenthalt durch, nachdem wir einen kurzen Gruß mit dem in seiner Hütte anwesenden Häuptling gewechselt hatten, und trafen gegen 2 Uhr zum großen Erstaunen der Einwohner, welche uns am nächsten Abend erst erwartet hatten, wieder in Saluafata ein. Meine Begleiter, welche auf dem Marsche wiederholt angedeutet hatten, daß die Anstrengung für sie wol zu groß werden würde, waren jetzt ganz stolz auf ihre Leistung und besonders befriedigt, als sie den für drei Tage ausbedungenen Lohn unverkürzt erhielten. Im Verein mit den vertheilten Geschenken hatte mich die Partie nahe an 150 Mark gekostet, trotzdem ich nichts für die uns gebotenen Mahlzeiten zu bezahlen hatte.

An dem einen oder andern Abend, wenn sich einige Mädchen zu einem Tanz zusammengefunden hatten, erhielt ich eine Einladung zur Theilnahme. Gewöhnlich trat dies ein, wenn Besuch von außerhalb gekommen war. Diese Belustigung war stets eine willkommene Abwechselung in dem täglichen Einerlei und ganz dazu angethan, einen Abend angenehm verbringen zu können. Wenn hierbei auch Männer, Frauen und Kinder durch Händeklatschen eine etwas geräuschvolle Musik machten, so war dies in der offenen Hütte doch nicht so unangenehm wie früher in dem geschlossenen Saal, und was den Reiz wesentlich erhöhte, war die angenehme Temperatur und die beschränkte Zahl der Zuschauer.

Sitzende Samoanerinnen.

Sitzende Samoanerinnen mit nach vorn durchgebogenen Armen.

Die Darstellerinnen sind bei feierlichen Gelegenheiten sehr reich geschmückt; bei Gelegenheitstänzen zwar einfacher, aber doch immer für den Zweck gekleidet. Solch größere Tänze wurden mir zwei geboten, einer war für unsere Offiziere und mich arrangirt, der zweite nur eine Ueberraschung für mich, welche Sangapolutele am Vorabend unserer Abreise mir bereitete. Der Schmuck ist im wesentlichen ja der früher beschriebene und findet nur durch Ausschmückung derjenigen Glieder, welche bei dem Tanz in den Vordergrund treten (Arme und Beine) seine Vervollständigung. Das Bekannte sind Stirnbänder; Blumen im Haar; lange von der Schulter bis über die Brust reichende Ketten aus Beeren, Pandanuszapfen und wohlriechenden Kräutern, und Lava-lavas aus Matten oder Gräsern bezw. Zott-Lava-lavas. Als bisjetzt noch nicht genannter Schmuck treten hinzu: ein den Hals eng umschließendes Band mit daran befestigten perlenartig herunterhängenden Beeren und zwar so, daß jede Reihe aus vier bis fünf Beeren besteht, von denen zwei übereinander an dem Band selbst befestigt sind und die andern dicht aneinander gereiht lose herunterhängen; Armbänder aus Laub oder Stoffband, von welchen eins um die Mitte des Oberarms gelegt ist, eins auf dem halben Unterarm und ein drittes dicht über dem Handgelenk liegt, und zwar alle so fest umgeschnürt, daß das Fleisch etwas vorquillt; Bänder aus Schlingpflanzen über und unterhalb der Wade. Diese Arm- und Beinbänder heben, wie bekannt, die Formen besonders schön hervor und erhöhen bei den Armen außerordentlich die Grazie der Bewegungen. Ueberraschend war mir, bei diesen Naturmenschen solch feine Empfindung für das Schöne zu finden, denn solch raffinirter Putz kann nur eingehendem Studium seine Entstehung verdanken. Der Oberkörper ist natürlich mit Kokosnußöl eingerieben und die Haut daher glänzend blank.

Die Darstellerinnen nehmen an dem einen schmalen Ende der Hütte Platz, das Gesicht der Mitte zugekehrt, wo die eigentlichen Zuschauer sitzen, während das Volk, welchem der Zutritt auch freisteht, die andere Hälfte der Hütte ausfüllt oder von außen zusieht. Zwei Holzfeuer zu beiden Seiten des Mittelgerüstes und im Rücken der vornehmern Zuschauer erhellen den Raum.

Der Tanz, welcher in der Regel nur in sitzender Stellung (mit gekreuzten untergeschlagenen Beinen) ausgeführt wird, kann in dieser natürlich auch nur in Bewegungen des Kopfes, Oberkörpers und der Arme bestehen und setzt sich aus leichten rhythmischen Bewegungen zusammen, die keinerlei mimische Darstellung geben sollen, sondern nur den Hang nach Schaustellungen und harmlosem Zeitvertreib zu gefälligem Ausdruck bringen. So scheint der Tanz auch gewissermaßen ein Vorrecht der nichtarbeitenden Klasse, der Häuptlingstöchter, zu sein, welche mit den Vorübungen und der Erfindung dazu passender neuer Texte ihre freie Zeit ausfüllen. Ob meine Annahme indeß richtig ist, weiß ich nicht, nur ist mir aufgefallen, daß das niedere Volk sich an diesen Tänzen nie anders handelnd betheiligt als mit Händeklatschen, wenngleich wol alle Mädchen und sogar schon die ganz kleinen Kinder, welche „Tanz“ spielen, sich in den Tanzbewegungen üben, wenn sie sich unbeachtet glauben, wie ich dies wiederholt hier und in Saluafata gesehen habe.

Wenn es mir nun auch nicht möglich ist, erzählend ein getreues Bild einer solchen Tanzschaustellung zu geben, die nur durch die dabei entwickelte Grazie, welche ja auch noch je nach der Begabung der Handelnden mehr oder weniger gefällig ist, fesselnd wirkt, so kann ich doch versuchen, eine leichte Skizze davon zu entwerfen.

Wie ich früher schon erzählt habe, bilden die Spieler eine Gruppe. Vorn in der Mitte sitzen die eigentlichen Tänzerinnen und zwar in der Regel nebeneinander drei Mädchen, von denen die mittelste den schönsten Schmuck hat und als Vortänzerin anzusehen ist. Nur bei größern Gelegenheiten und gewöhnlich wol bei der Anwesenheit von einheimischen Gästen aus andern Städten, deren Töchter auch zur Mitwirkung aufgefordert werden müssen, wächst die Zahl. Sind es nur vier oder fünf, dann verbleiben alle in einer Reihe, sind es mehr, dann werden zwei Glieder in der Weise gebildet, daß das zweite die Lücken des ersten ausfüllt. Das zweite Glied kann dann aber nach der ganzen Art der Bewegungen nur in sehr geringem Maße an dem Tanz theilnehmen und die Betreffenden wirken mehr als Statisten. Der Rest der Gruppe setzt sich aus dem händeklatschenden Orchester zusammen und zwar sitzen zur Seite der Tänzerinnen gewöhnlich Kinder, in der zweiten Reihe Männer und Frauen, und die übrigen Männer und Frauen stehen dahinter, in allen Reihen die größern in der Mitte und die kleinsten an den Seiten, sodaß das Ganze die Form eines Halbmondes annimmt.

Samoanische Mädchen vor Beginn des Tanzes

Samoanische Mädchen vor Beginn des Tanzes.

Zuschauer und Spieler versammeln sich gleichzeitig. Bis der Tanz beginnt, verharren die letztern in ungezwungener Haltung, sprechen leise miteinander, und die Damen haben mit ihrem Putz und Schmuck zu thun. Ein leises Klatschen dient als Vorspiel und kündigt den Anfang an. Die Tänzerinnen bleiben noch in ihrer bequemen Haltung, die mittlere setzt bald mit einigen leise gesungenen Strophen mit ein, streckt sich dann etwas und deutet nun, ihren Gesang mit einigen Armbewegungen begleitend, mit den Händen leise das kommende Spiel an, indem sie dieselben in wagerechter Haltung bis zur Brust hebt, mit ihnen nach links und rechts so spielt, daß die Hände nach dem Takt der Musik leicht gehoben und wieder gesenkt werden und zwar im Dreivierteltakt. Geht das Spiel nach links, dann ist die rechte Hand an der linken Brust und die linke in entsprechender Entfernung weiter nach links, geht das Spiel nach rechts ist das Umgekehrte der Fall. Das Klatschen wird stärker, die andern Tänzerinnen greifen mit ein, die vorige Ruhe ist abgeschüttelt, alle sind voll Feuer und Leben. Der Gesang wird lauter, die Armbewegungen werden bestimmter, bleiben aber doch leicht und geschmeidig. Die Hände greifen weiter nach links und rechts hinüber, der Oberkörper folgt nach, bis die Hände leicht auf den Fußboden aufschlagen, wobei die Tänzerinnen den Kopf so weit gehoben halten, daß sie die Zuschauer noch ansehen. Dann richten sie sich im Takt auf und gehen in eine andere Figur über, die Arme sind so weit gehoben, daß die Ellenbogen in der Höhe der Brust und die Hände nach oben gerichtet sind. Die rechte Hand liegt in der Höhe der linken Schulter, die linke weiter nach links in der Höhe des Kopfes, dieser ist nach rechts gedreht und die Finger laufen geräuschlos und geschmeidig langsam an dem Daumen entlang, ähnlich wie wir ein Schnippchen schlagen, wobei ein passender Triller gesungen wird. Kopf und Hände wechseln mit einer schnellen Bewegung die Stellung, um nach der andern Seite dieselbe Figur auszuführen, und nach einmaliger Wiederholung schlagen die Hände wieder auf den Boden, sind in halber Höhe des Körpers und so fort.

Aus diesen drei Figuren setzt sich der Tanz zusammen und wirkt anfänglich bald ermüdend; weiß man aber erst, daß keine neuen Figuren kommen und wartet man daher nicht mehr auf solche, dann fängt man an, dem lebendigen Spiel der Glieder zu folgen, wie die Bewegungen ein langsameres oder beschleunigteres Tempo annehmen, wie die Haltung des Körpers wechselt und die Drehungen und Stellungen dem Auge fortgesetzt neue, schön gerundete Linien zeigen, und wird dann ebenso wie die Eingeborenen von dem Feuer der Darstellerinnen mit fortgerissen. Ich habe mich erst durch verschiedene Tänze durchlangweilen müssen, ehe ich Geschmack an denselben fand und verstehen lernte, worin der Reiz liegt, welcher dem Samoaner die Kraft gibt, diesem scheinbar einförmigen Spiel ganze Nächte zu opfern.

Zuweilen, wenn Darsteller und Zuschauer erst warm geworden sind, erhebt sich auch die Vortänzerin, um mit wenigen Schritten nach links und rechts gehend mit den Armen andere Bewegungen als die vorher beschriebenen zu machen. Doch sind die Mädchen dann auf fremdem Gebiet, das unförmliche Lava-lava paßt nicht zu leichten Bewegungen, sie werden ungraziös. Der Tanz im Stehen gehört in Samoa nur den Männern.

Wie schon vorher angedeutet, bereitete Sangapolutele mir am Vorabend unserer Abreise von Saluafata noch eine besondere Ueberraschung. Als ich abends zu Bill kam, um dort von meinen samoanischen Freunden Abschied zu nehmen, wurde mir eine Einladung des Häuptlings übermittelt, zu ihm zu kommen, weil er mir vor meiner Abreise noch einen altsamoanischen Tanz vorführen lassen wolle. Da sämmtliche Anwesende mitkommen wollten, um auch theilzuhaben an dem seltenen Schauspiel, so wurde Bill's Haus zugeschlossen und ich fuhr mit ihm und seiner Frau in einem großen Kanu nach Saluafata, um doch auch einmal eine solche Fahrt gemacht zu haben. Die andern wählten den Landweg, welcher mir bei der Dunkelheit etwas zu unbequem war.

Die Häuptlinge mit ihren Familien waren vollzählig in der für den Tanz ausgewählten Hütte (derselbe findet nicht im Faletele statt) anwesend, weil ihre Töchter alle mitwirkten; auch Mulitalo, ein hoher Häuptling von Savai'i, dessen Bekanntschaft ich in den letzten Tagen in Saluafata gemacht und der mir, als Zeichen seiner Freundschaft, ein großes ausgewachsenes Schwein geschenkt hatte, war unter den Zuschauern. Daß die Bewohner Saluafatas, groß und klein, alle zur Stelle waren, versteht sich von selbst. Wie mir gesagt wurde, sollen sich die Mädchen, welche doch schon etwas unter dem Einfluß der Missionare stehen, zu denjenigen Tänzen, welche zur Darstellung kommen sollten, nur noch bei besonders festlichen Gelegenheiten hergeben und auch nur dann, wenn keine Fremden als Zuschauer zugegen sind, im übrigen werden nur jungfräuliche Häuptlingstöchter zu denselben zugelassen. Unter den Darstellerinnen befanden sich Toëtele, Lolle, Loautele und noch zwei Mädchen, Va und Vau, Verwandte Sangapolutele's von außerhalb.

Der Tanz bewegte sich zunächst in dem gewöhnlichen Rahmen, und nach Verlauf einer Stunde benutzten die anwesenden Aeltern der Tänzerinnen eine Pause, um sich zurückzuziehen, indem Sangapolutele mir verdolmetschen ließ, daß die Mädchen beauftragt seien, mir nun noch einen Tanz vorzuführen, bei welchem nach der Samoa-Sitte deren Aeltern nicht zugegen sein dürften. Einer seiner Leute indeß, einer der von mir bei Beschreibung des Talolo als Narren bezeichneten Männer, sei beauftragt, das Ganze zu leiten, und dieser trat dann auch vor, um sich neben den Tänzerinnen aufzustellen. Nachdem die betreffenden Aeltern sich entfernt hatten, nahm der Tanz seinen Fortgang und zwar zunächst in der gewöhnlichen Art; dann trat Va, welche mit einem kleinen enganliegenden Zott-Lava-lava bekleidet war, vor und führte stehend in gefälligen zierlichen Bewegungen einige hübsche Figuren aus. Danach trat Vau, eine hohe, schlanke, wol eben erst voll entwickelte jugendliche Gestalt mit etwas verängstigtem Gesicht vor. Sie trug nur ein leichtes Kattun-Lava-lava und begann ihren Tanz mit ähnlichen Bewegungen wie Va, ihr Gesichtsausdruck wurde wieder natürlicher, ein angenehmer Zug umspielte das unschöne Gesicht, und als sie erst ihre Sicherheit wiedergewonnen hatte, blieb sie plötzlich mit emporgehobenen leicht gebogenen Armen vor uns stehen. Der Narr trat an sie heran, doch sie entschlüpfte ihm wieder mit einer reizenden, eleganten Bewegung, bis sie von neuem in der vorangegebenen Stellung stand und der Narr gleichzeitig an ihrem Lava-lava nestelte; dann drehte sie sich langsam einmal um sich selbst und stand wieder in derselben Haltung vor mir, während der Narr mit dem Lava-lava zur Seite trat. Noch einige Drehungen und Wendungen, dann erwachte sie scheinbar aus einem Traume und verschwand draußen in der Dunkelheit ohne wieder zurückzukehren. Ihr folgte Loautele mit einer ähnlichen Vorführung, die damit endigte, daß das Mädchen mich vor ihrem Verschwinden plötzlich einmal heiß an sich preßte.

Es war inzwischen sehr spät geworden und Zeit zum Aufbruch.

Ich verließ daher das Land und zwar mit der befriedigenden Gewißheit, einen samoanischen Originaltanz gesehen zu haben, welcher von der unschönen Nachahmung, die uns bei meinem ersten Besuch hier in Apia mit dem bezahlten Tanz vorgeführt worden war, doch sehr wesentlich abstach und zwar sowol durch die ruhige, gemessene und im Vergleich zu der Nachahmung immerhin geräuschlose Handlung, wie auch durch die edlern Formen, in welchen das Ganze geboten wurde.

Wir bestiegen Bill's Kanu wieder und ich freute mich auf die schöne Fahrt bis zu seinem Hause, da der volle Mond, welcher jetzt hoch am Himmel stand, den Hafen wunderbar schön beleuchtete. Niedrige Dünung lief über das Wasser und gab unserm Fahrzeug leichte wiegende Bewegungen. Da bemerkte Bill's Diener Tom, welcher das Kanu allein ruderte, daß an dem Ausleger etwas nicht in Ordnung sei, ehe er aber noch den Fehler feststellen konnte, löste sich der Baum bei einer etwas stärkern Bewegung des Fahrzeugs auch schon von seinen Haltern, das Kanu kenterte und wir lagen sämmtlich im Wasser. Ich tauche wieder an die Oberfläche auf und greife zuerst nach Uhr und Cigarrentasche, um diese, in einer Hand sie hoch über das Wasser haltend, gegen den verderblichen Einfluß des Seewassers zu sichern. Dann schaue ich mich um und sehe eins des lächerlichsten Bilder, welche mir je vor die Augen gekommen sind. Dicht bei mir sind die Köpfe von Bill und Sa, der erstere seine von mir als Geschenk erhaltene schöne Meerschaumpfeife als Werthvollstes und die letztere meinen Regenschirm über Wasser haltend. Frau Bill's Kopf sehe ich nur einen Augenblick, dann, wie bei einem Tümmler, ihren weißen Rücken (sie trug ein weißes Kleid), einen Augenblick ihre zappelnden Füße und sie ist wieder verschwunden; halb auf das gekenterte weiße Kanu geklettert, müht der schwarze Tom sich ab, dasselbe auf den Kiel zurückzubringen. Dann erscheint der Kopf von Frau Bill wieder, welche ängstlich nach mir fragt und nachdem sie mich entdeckt hat noch einmal verschwindet, worauf sie, als sie zum dritten mal auftaucht, ihre Schuhe als ihr Werthvollstes hoch über Wasser hält, die sie sich auf dem Meeresgrund ausgezogen hatte. Die gute Seele hatte mich bei ihrem ersten Auftauchen nicht gesehen, weil sie durch einen schweren Schlag, welchen sie von dem einen Halter des Auslegers auf den Kopf erhalten hatte, halb betäubt war, dachte daher zunächst nur an meine Rettung und tauchte wieder unter, um mich auf dem Grund zu suchen. Das Lächerlichste war nun, daß von unsern sämmtlichen Sachen nur mein Regenschirm trocken geblieben war, welchen Sa bei der Katastrophe gleich gefaßt hatte und mit dem sie so platt aufs Wasser gesprungen war, daß der hoch gehaltene Schirm nicht mit eintauchte. Andererseits hatte des Schicksals Tücke es gewollt, daß gerade am Tage vorher meine zweite Uhr, welche ich bei Ausflügen immer zu mir steckte, stehen geblieben war und ich heute meine gute Uhr mitnehmen mußte, welche natürlich so viel Seewasser geschluckt hatte, daß sie für den Rest der Reise unbrauchbar ist. Um das Kanu wieder in Ordnung zu bringen, schleppten wir es schwimmend an den Strand, und es muß ein wunderbares Bild gewesen sein, wie wir um das Kanu vertheilt mit der einen Hand dieses angefaßt und mit der andern unsere Kleinodien hoch haltend, in dem schönen Mondschein mit kräftigen Schwimmstößen dem Strande zusteuerten. Dort angelangt machte ich den Vorschlag, den Rest des Weges auf dem Lande zurückzulegen, welchem die Frauen und Tom sich nur mit Widerstreben fügten, weil sie sich vor dem Geist eines kürzlich auf der Albatros-Insel beerdigten Unteroffiziers von unserm Schiff, der an den Folgen eines in Auckland erhaltenen Fiebers gestorben war, fürchteten. Das Kanu wurde auf den Strand gezogen, um am nächsten Morgen erst wieder in Ordnung gebracht zu werden, und bald war ich bei meinem Boot und an Bord.

Am 15. d. M. morgens verließ ich Saluafata, um über Savai'i wieder nach Apia zurückzukehren, weil bisher noch keins unserer Schiffe diese Insel angelaufen hatte.

Da der Häuptling Mulitalo, welcher in Safune zu Hause ist, mich zu sich eingeladen und ich ihm vorher schon versprochen hatte, ihn von Saluafata aus mitzunehmen und in seinem Hafen abzusetzen, so wählte ich diesen Platz.

Sangapolutele, welcher auch in dieser Zeit nach Safune wollte, folgte ebenfalls meiner Einladung, für die Dauer der Ueberfahrt mein Gast zu sein, und Bill ging als Lootse und Dolmetscher mit. Sangapolutele, welchem ich am Abend vorher einen schönen Revolver als Andenken geschenkt hatte, brachte mir bei dieser Gelegenheit noch verschiedene Geschenke mit, unter welchen sich auch eine besonders große Kawawurzel befand, weil er glaubte, daß ich dieses Geschenk auch würdigen würde. Er hat allerdings darin recht, daß ich, wie ich früher auch schon angedeutet habe, das aromatische, leichtbittere Getränk, mit dem beißenden Geschmack auf der Zunge und dem leichten Brennen im Magen, schätzen gelernt habe, wie denn auch zu einem behaglichen Abendbesuch am Lande ein Kawatrunk mit gehörte. Erst wenn meine braunen Freundinnen mit der Bowle uns gegenübersaßen und das Getränk zurecht machten, zog ein gewisser häuslicher Friede in die Hütte ein, welchem sich eine außerordentlich wohlthuende Erschlaffung der Beine zugesellte, sobald man erst einige Becher Kawa getrunken hatte. Die Wirkung auf den menschlichen Organismus besteht in einer leichten, angenehm schmerzhaften Lähmung der Beinmuskeln, wobei man etwa dieselben Empfindungen hat, als wenn man nach einem ungewohnten Ritt oder anstrengenden Marsch im Bett die schmerzenden Glieder streckt. Es thut ja weh, aber so angenehm weh, daß man sich absichtlich immer wieder den leichten Schmerz durch erneutes Strecken bereitet. Magen und Kopf werden nicht in Mitleidenschaft gezogen, auch bleiben keinerlei Beschwerden zurück, wenn der Beinrausch nach ein bis zwei Stunden wieder verflogen ist.

An dieser Stelle will ich auch, ehe ich von Sangapolutele Abschied nehme, noch kurz erzählen, wie der Häuptling Recht spricht.

Es war einem Matrosen von uns auf dem Schiffe eine kleine hölzerne Tabackspfeife gestohlen worden und der Verdacht der Thäterschaft auf einen bestimmten Samoaner gefallen. Ich schickte den Bestohlenen mit einem Unteroffizier und einem Dolmetscher an Land zu Sangapolutele, welcher sich gleich bereit zeigte, den Fall zu untersuchen. Der Mann war bald ausfindig gemacht, die Pfeife wurde bei ihm gefunden und er gestand ohne weiteres den Diebstahl ein. Ein Faustschlag Sangapolutele's zwischen die Augen des Diebes, sodaß er betäubt zusammenbrach, war der erste Theil der Strafe, und nachmittags kam der Dieb von einem Häuptling geführt an Bord, um dem Matrosen, welcher seine Pfeife gleich am Vormittag zurückerhalten hatte, als Entschädigung ein mittelgroßes Schwein zu bringen. Hiermit aber nicht genug, war er auch noch für den Zeitraum von vier Wochen aus Saluafata verbannt worden, wie der Häuptling mir mitzutheilen beauftragt war.

Im Laufe des Nachmittags des 15. wurde in Safune geankert und ich versprach Mulitalo, ehe er an Land ging, für den folgenden Tag und die anschließende Nacht sein Gast zu sein. Dieser Tag brachte mir eine solche Fülle interessanter und zum Theil neuer Eindrücke, daß ich dem braven Mulitalo für seine Einladung und Gastfreundschaft aufrichtig dankbar bin.

Als ich vormittags an Land kam, mußte ich zunächst einen Rundgang durch die drei Districte von Safune machen, um die Häuptlinge zu besuchen. Die Stadt setzt sich nämlich aus drei voneinander unabhängigen Plätzen zusammen, über welche Mulitalo als Haupt des bedeutendsten aber doch eine gewisse Oberhoheit ausübt. Savai'i sucht nun einen gewissen Stolz darin, an den alten Gebräuchen festzuhalten, und es ist auch die einzige Insel, welche den alten für die Schrift angenommenen Dialekt noch rein spricht, dessen Hauptmerkmal darin besteht, daß er kein „k“ kennt, während die andern Inseln in der gewöhnlichen Umgangssprache kein „t“ gebrauchen, sondern dafür „k“ setzen. So heißt z. B. „Guten Tag“ in Savai'i und in der Schriftsprache talófa, bei den andern Samoanern kalófa; „ich danke“ fafatéi bezw. fafakéi. Die alte Samoa-Sitte verlangt nun auch, daß der Fremde nicht von selbst einen Besuch macht, sondern sich dazu auffordern läßt, wenn er an dem betreffenden Hause, wohin er möchte, vorbeigeht. So durfte auch ich nicht zu den Häuptlingen, welche mich erwartend und von ihren Familien umgeben in ihrem Faletele saßen, herantreten, sondern mußte gleichgültig thuend meines Weges ziehen, bis ich angerufen wurde. Als wir nun in die Nähe einer solchen Hütte kamen, trat ein Mann mit Rednerstock und Fliegenwedel an den Dachrand vor, musterte uns eine Weile und dann erst rief er uns mit lauter Stimme an. Wir mußten stehen bleiben, Fragen und Antworten wechselten miteinander ab, und als mein Dolmetscher zufriedenstellende Antwort gegeben hatte, wurde ich als Gast bewillkommnet, trat zur Hütte heran, während der Häuptling mir entgegenkam, und nahm unter den Anwesenden Platz, nachdem ich mit allen die Hand geschüttelt hatte. Darauf wurde mir als Erstes ein großer gekochter Fisch einer gewissen mir unbekannten Art vorgesetzt, worin die höchste Begrüßungsauszeichnung eines Fremden liegen soll, aber natürlich nur statthaben kann, wenn der Besuch vorher angemeldet ist, da die Fische nicht jeden Augenblick zu haben sind. Nachdem wir von dem Fisch gegessen hatten, wurde Kawa getrunken, und nach etwa einstündigem Aufenthalt zog ich weiter, um dasselbe bei dem nächsten Häuptling durchzumachen. Bei Mulitalo angelangt, wurden keine Umstände gemacht, er empfing mich mit seiner stattlichen Frau und zwei auffallend hübschen, elegant gewachsenen Töchtern von sehr heller Hautfarbe, die eine 19, die andere 17 Jahre alt, an der Thür seines großen, stark europäisirten Hauses und führte mich in sein Schlafzimmer, welches er mir abgetreten hatte. Neben einem breiten Bett mit Mosquitonetz fand ich noch einen Tisch mit zwei Stühlen und, was zunächst für mich das Beste war, ein Waschbecken mit einer Kanne frischen Quellwassers vor.

Nachdem ich mich frisch gekleidet hatte, setzten wir uns zum Essen an einen leidlich gut gedeckten Tisch. Waren Teller, Löffel, Messer und Gabel auch sehr einfach und etwas zusammengewürfelt, so waren sie doch da und sauber. Erst gab es Suppe und zwar eine, nach deren Genuß ich mich in spätern Jahren wol noch manches mal sehnen werde. Es war eigentlich nur zu dünnem Brei gekochtes Fleisch, zur Hälfte vom Schwein, zur andern Hälfte aus Tauben bestehend und mit mancherlei Gewürzen so schmackhaft gemacht, daß ich mir einen zweiten Teller voll geben ließ und nachher auf die andern Genüsse, welche in Tauben- und Schweinefleisch, Brotfrucht und Taro bestanden, verzichtete.

Nachmittags fand ein Talolo statt, welcher in seinen Grundzügen, was auch von der Kleidung gilt, dasselbe war wie in Saluafata und nur durch örtliche Verhältnisse bedingte Abweichungen zeigte. Denn während dort die Leute sich auf engen Waldwegen zum Festplatz begeben mußten und erst auf diesem sich sammeln konnten, steht ihnen hier eine lange breite Straße zur Verfügung, auf welcher der Zug sich in geschlossener, imposanter und malerischer Masse fortbewegen kann.

In weiter Ferne ertönt Getöse, eine hin- und herwogende Masse tritt vor den im Hintergrund liegenden Häusern in die Erscheinung. Ein Menschenstrom füllt die ganze Breite der Straße aus und wächst in der Tiefe immer mehr an. Das Getöse verwandelt sich in rhythmischen Gesang, einzelne Figuren lösen sich von dem Ganzen ab und erscheinen als Vortrab; die seitlichen sind dunkel, die in der Mitte hell; die schwarzen springen und tanzen, die hellen tänzeln und einige von ihnen bewegen sich wie Berauschte. Auch aus der Masse treten nun Figuren hervor, geputzte festesfreudige Menschen, welche nebeneinandergehend etwas zu tragen scheinen. Die Schwarzen sind jetzt deutlich zu erkennen, es sind die Buschmänner; die Hellen sind Mädchen, von denen die meisten eine feine Matte oder ein blendend weißes Zott-Lava-lava umhaben, die scheinbar Berauschten aber von den Hüften bis zu den Knöcheln mit vielen feinen Matten behängt sind, welche ihnen ein vornehmes Ansehen geben. Diese sind die Vortänzerinnen, sie sind nicht berauscht, ihre Bewegungen sehen auch nicht mehr so aus, im Gegentheil, mit graziösen Armbewegungen laufen sie, jedenfalls mit ganz schnellen kleinen Schritten, hin und her und sind in ihrer ganzen Erscheinung geradezu bezaubernd. Der Zug ist bei uns angelangt, der Vortrab schwenkt zur Seite ab, die Träger der Geschenke nahen sich mir in geschlossener Linie und legen erschreckend große Massen von Nahrungsmitteln, darunter viele lebende Schweine, vor mir nieder. Die Leute treten wieder zurück, alle setzen sich im Halbkreis auf den Boden, der Redner tritt vor, begrüßt mich und dann vertheilt sich das Volk wieder, nachdem ihm noch unter der Hand mitgetheilt ist, daß ich den Leuten die Geschenke überlasse und sie dieselben wieder abholen können, sobald wir uns zurückgezogen haben.

Am Abend versammelten wir uns in einem großen Hause, wo Tänze nach einem sehr reichen Programm zur Darstellung kamen, unter welchen sich auch Männertänze befanden, die ich bisher noch nicht gesehen hatte. Erst erschien eine Gruppe von Mädchen, dann eine zweite und eine dritte, welche alle die auch schon in Saluafata gesehenen Tänze in der Sitzstellung ausführten, aber doch in ihrem exacten Zusammenwirken und durch einzelne Feinheiten zeigten, daß der Tanz hier auf Savai'i mehr noch als eine edle Kunst angesehen und geübt wird. Angenehm fiel hier auch auf, daß hinter den tanzenden Mädchen kein anderes Publikum stand, welches doch immer störend wirkt. Als vierte Gruppe traten drei Mädchen auf, welche eigenartig in ihrem Anzug jedenfalls Waldgeister vorstellen wollten. Sie waren ganz in frisches Laub gekleidet und wichen in ihren Bewegungen vollständig von dem Gewohnten ab. Die in der Mitte sitzende kleine Häuptlingstochter, ein Mädchen von 14 oder 15 Jahren, welche ich früher schon in Apia auf unserm Schiffe gesehen hatte, schien die Erfinderin dieser neuen Figur zu sein, da sie mit einer außerordentlichen Sicherheit den Tanz leitete. Alle Bewegungen waren schnell und voll Feuer und bannten durch ihr fortwährend wechselndes Spiel das Auge des Zuschauers. Eigentlich hätten, wie mir gesagt wurde, diese Mädchen als Halsschmuck auf Savai'i vorkommende lebende rothe Schlangen haben müssen, doch hatten sie in der Kürze der Zeit keine mehr fangen können. Auf diese Gruppentänze folgten Einzeltänze junger Häuptlinge. Der Anzug derselben bestand eigentlich nur in ihrer Tätowirung und einer kleinen Schürze aus rothbraunen Blättern. Als Schmuck dienten Blumen oder ein grüner Kranz im Haar, ein Stirnband aus den früher genannten kleinen Muscheln oder aus Flittergold, ein Band um jeden Oberarm und unterhalb der Knie. Der Tanz, welcher in sitzender Stellung beginnt und stehend endet, wo dann noch zwei Männer hinzutreten, um das Bild abzurunden, gewährte mir großen Genuß. Die kraftvollen, jugendlich schönen Gestalten, der eigenartige Putz in Verbindung mit der Hautfarbe und der reichen Tätowirung, das Spiel der Muskeln und die lebendigen schönen Bewegungen vereinten sich zu einem sehenswerthen Ganzen.

Den Schluß bildeten Einzeltänze von drei Mädchen, die in Darstellung und Kleidung wieder ganz Neues boten. Namentlich die Kleidung war etwas so Vollendetes an reizendem Geschmack und mit so einfachen Mitteln hergestellt, daß ich sie näher beschreiben muß.

Die Tänzerinnen waren die beiden Töchter von Mulitalo, sowie ein Mädchen, welches einmal bei unsern frühern Aufenthalten in Apia unser Schiff besucht hatte, dann aber wieder spurlos verschwand, ohne daß es uns gelingen wollte, ihren Verbleib ausfindig zu machen. Daß wir nach ihr forschten, findet seine Erklärung in ihrer Erscheinung, welche so auffallend ist, daß jeder von unsern Herren sie gesehen hatte und die Bezeichnung „Königin der Nacht“, welche einer ihr gab, als zutreffend von allen angenommen wurde. Von mittelgroßem zierlichen Körperbau und tiefdunkler Hautfarbe, trug sie langes, bis auf die Hüften herunterhängendes schwarzes Haar und hatte zwei Augen im Kopfe, welche wie blitzende Sterne aus dem dunkeln Gesicht hervorleuchteten. Diese beherrschten auch in Verbindung mit den schönen Zähnen das keineswegs ideal geschnittene Gesicht so vollkommen, daß man nur sie sah und kaum den Blick von dem strahlenden Leben, welches von ihnen ausströmte, abwenden konnte.

Die jüngere Tochter Mulitalo's, eine Bajaderengestalt mit schmalen Hüften, kleinem Kopf und sonst edlen schlanken Körperformen, trat zuerst auf. Ihre Stirn umschloß ein schmales rothes Atlasband, das hinten geknüpft war und dessen lange Enden bis zu den Kniekehlen herunterreichten. Eine fest umgelegte Kette von erbsengroßen weißen Glasperlen umfaßte den schlanken Hals, und unter dieser Perlenkette lag eine von gleich großen rothen Beeren, welche sich hinten kreuzte, auf den halben Schultern wieder nach vorn kam und im Bogen bis auf die halbe Brust herunterreichte. Als Lava-lava diente ein sehr kurzer, aus einem schneeigen Handtuch gefertigter Schurz, welcher den Körper nur hinten bedeckte und vorn offen war, die Lücke vorn wurde durch eine kleine Schürze von rothbraunen schmalen Blättern ausgefüllt, welche in der Mitte lang, an den Seiten kurz waren und hinten in derselben Anordnung als Gürtel über den weißen Schurz fielen. Arme und Beine blieben ohne Schmuck. Der Tanz beschränkte sich auf leichte, mit vornehmer Ruhe ausgeführte Bewegungen und diente zweifellos nur dazu, die Schönheit der Formen zur Darstellung zu bringen.

Als zweite erschien die ältere Tochter, eine üppigere, aber auch durchaus feingegliederte Gestalt. Sie trug ein weißes Tuch um die Stirn geschlungen, aus dessen Mitte das eigene Haar kappenartig hervorstand; eine dünne Blumen- und Beerenkette umschloß den Hals und als Lava-lava diente hinten ein aus bunten kleinen Lappen zusammengeflicktes Stück Zeug mit darunter liegendem kleinen weißen Unterröckchen, vorn der kleine Blätterschurz. Der Tanz war ähnlich wie der vorhergegangene.

Während bei diesen beiden Mädchen die Kleidung andeutete, daß sie sich für den Zweck geputzt hatten, ihre Bewegungen vornehm ruhige waren, stellte die Königin der Nacht die unverfälschte Natur dar. Als Schmuck nur ihr langes, vorn etwas aufgethürmtes und im Nacken lose zusammengebundenes Haar, als Lava-lava hinten eine kleine feine Matte und vorn den kleinen Blätterschurz, welche eben nur den Mittelkörper bedecken; in ihren Bewegungen wild und leidenschaftlich, aber immer decent.

Als die Königin der Nacht auftrat, kam die jüngste Tochter Mulitalo's, welche auf der andern Seite ihres neben mir sitzenden Vaters gesessen hatte, zu mir und raunte mir, jedenfalls im Auftrage ihres Vaters, auf die Tänzerin deutend mit einigen englischen Worten etwas zu. Also auf dieses Mädchen, welches unserm ganzen Schiff die Köpfe verdreht hatte, war die Wahl gefallen. Ich war indeß gut, lehnte nach Beendigung der Festlichkeit jede weitere Unterhaltung ab und fand in Mulitalo's Bett erquickenden Schlaf. Am nächsten Morgen sprach Mulitalo mir seinen warmen Dank aus.

Gestern Morgen gaben wir den Samoanern noch ein Kriegsspiel nach europäischer Art und heute Morgen verließ ich Safune wieder. Mit der Schilderung samoanischer Art und samoanischen Lebens bin ich nun zu Ende. Meine Absicht war, ein Bild der merkwürdigen Vermischung von Sitte und Natürlichkeit, althergebrachten Formen und Formlosigkeit, Familienleben und Freiheit der einzelnen Mitglieder, der Tugenden und Fehler dieser Naturmenschen zu geben. Ob es mir gelungen ist, muß der Leser ermessen.

21. Mai 1879.

Gestern endlich ist unser Ablösungsschiff eingetroffen und so werden wir nun in den nächsten Tagen, sobald ich die Station meinem Nachfolger übergeben habe, die Heimreise antreten. Von Apia habe ich nicht mehr viel zu erzählen, Ruhestörungen sind bisjetzt keine vorgekommen und besondere Erlebnisse habe ich nicht mehr zu verzeichnen. Ich habe allerdings noch den 800 m hoch liegenden See Lauto besucht, die Partie ist aber nicht lohnend. Da ich nur einen Tag an dieselbe wenden wollte, so fand ich anfänglich keinen Führer; schließlich aber erklärte sich ein Halbweißer, der sich vorzugsweise mit Jagd auf verwilderte Schweine beschäftigt und von meiner Leistungsfähigkeit im Gehen gehört hatte, bereit, den Versuch mit mir zu machen. Diesmal schloß sich mir einer unserer Herren an, von dem ich wußte, daß er gut zu Fuß sei. Wir brachen morgens 6 Uhr auf und fanden einen sehr mühsamen Weg, da der letzte Orkan vom 8. März mit seiner Peripherie auch diesen Theil von Upolu gestreift und viele Baumstämme über einen großen Theil des Weges geworfen hatte. So mußten wir vielfach über diese vom Thau benäßten Verhaue hinüberklettern, was uns so aufhielt, daß wir statt um 12, erst um 2 Uhr oben bei dem See anlangten. Derselbe bietet an sich keine besondern landschaftlichen Reize, der Weg bis dorthin gar keine, weil er anhaltend unter dichtem Laub hinführt und keine Aussichten gewährt. Wir hätten aber doch noch rechtzeitig wieder in Apia eintreffen können, wenn unsere Gepäckträger mit uns gleichen Schritt gehalten hätten. Die Samoaner sind im Punkte des Marschirens aber keine Tahitier und trafen erst um 3 Uhr oben ein, sodaß es 4 Uhr geworden war, ehe wir gegessen hatten. Der Weg war bergab natürlich nicht besser wie bergauf, und so mußten wir, nachdem wir von 6-7 Uhr wegen der tiefen Dunkelheit nur langsam vorwärts gekommen waren, schließlich auf der Plantage eines Engländers, welche wir noch erreichten, um Nachtquartier bitten. Der See ist sehr viel kleiner als der auf Tahiti, soll 20 m tief sein und bietet auch nicht annähernd solche Naturschönheiten wie der Waihiria.

Eingeborenen-Dorf unter Palmen.

Eingeborenen-Dorf unter Palmen.


18.
Die Heimfahrt.

Apia, 20. Mai 1879.

Endlich ist unsere Fregatte „Bismarck“ hier, lange und sehnsuchtsvoll erwartet. Das heute Nachmittag in Sicht gekommene große Kriegsschiff, welches dem Hafen unter vollen Segeln zusteuerte, war diesmal kein Engländer, wie die vor einiger Zeit hier eingelaufene und anfangs von uns für „Bismarck“ gehaltene Corvette, sondern das von der obersten Spitze seines Fockmastes zu uns herüberwinkende Signal war ein wirklich deutscher Gruß und bedeutete „Bismarck“. Das donnernde Hurrah, welches dem Kameraden bei seinem Einbiegen in den Hafen von unsern in die Takelage aufgeenterten Mannschaften aus über 200 Kehlen entgegenschallte, kam aus vollem Herzen, wenn es auch, als Ausdruck unserer Freude über die endliche Erlösung, wol mehr uns selbst galt.

Wir hatten schon befürchtet, daß dem Schiff, welches ja bereits zu Mitte April angemeldet gewesen war, ein Unfall zugestoßen sei, und wenn wir auch nicht gleich das Schlimmste vermutheten, so konnte doch eine große Havarie die Veranlassung werden, daß wir noch Monate hier zurückgehalten würden, und das war keine schöne Aussicht, wenn man schon seit Wochen von Tag zu Tag gehofft hatte, nach langer Abwesenheit von der Heimat endlich die Rückreise antreten zu können.

Daß „Bismarck“ noch vor dem Verlassen des letzten südamerikanischen Hafens infolge der Vorarbeiten der „Ariadne“ den Auftrag erhalten hatte, die deutschen Interessen auf den Gesellschafts-Inseln und auf Roratonga durch Verträge zu sichern, konnten wir nicht ahnen.

Eine große Sorge hat mir mein Nachfolger auch dadurch abgenommen, daß er im Stande und bereit ist, meinem Schiff Proviant für etwa sechs Wochen abzutreten. Durch unsern langen Aufenthalt hierselbst sind unsere Vorräthe schon nahezu aufgezehrt, und da die von den hiesigen Geschäftshäusern erwarteten, bereits seit acht Wochen fälligen Proviantschiffe aus San-Francisco auch noch nicht eingetroffen sind, so hatte ich schon für den 25. d. M. meine Abreise nach Auckland festgesetzt, um das Schiff dort neu auszurüsten. So bleibt mir sowol diese Reise wie der große Umweg über einen australischen Hafen erspart und ich kann direct durch die Torres-Straße nach Batavia laufen.

Fregatte „Bismarck“.

Fregatte „Bismarck“.

Der heutige Nachmittag und Abend waren natürlich der gegenseitigen Begrüßung gewidmet, die dienstfreien Offiziere und Mannschaften von beiden Seiten besuchten das andere Schiff und die nun hinter uns liegenden Stunden waren solche reiner Festesfreude. Morgen beginnt die Uebergabe der Station an meinen Nachfolger und in wenigen Tagen wird der große Augenblick gekommen sein, wo wir unsern Kiel heimwärts richten werden.

28. Mai 1879.

Gestern Abend war ich mit der Abwickelung meiner Geschäfte fertig, unser Schiff war seeklar und heute Morgen mit Flaggenparade entfaltete sich von der Spitze unsers Großmastes aus der 100 m lange Heimatswimpel, welcher symbolisch bis zur Heimat reichen und den dort der fernen Matrosen gedenkenden Mädchen Gelegenheit geben soll, durch Ziehen an dem Wimpel die Heimfahrt beschleunigen zu helfen. Sobald Flagge und Wimpel lustig in dem leichten Winde flatterten, wurde auch unser Anker aus dem Grund gebrochen und das Schiff lief, umringt von den den Hafen füllenden Kanus der Eingeborenen, mit langsamer Fahrt dicht an die „Bismarck“ heran, um mit den Kameraden noch einen letzten Gruß auszutauschen. Beide Besatzungen waren in den Takelagen, unsere Musik spielte: „Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus“, Hurrahs und Hurrahs erschütterten die Luft, Grüße hinüber und herüber und sämmtliche Mützen unserer Besatzung flogen in hohem Bogen als letzter Gruß an die Fremde in den Hafen, wo sie von den Eingeborenen als gute Beute aufgefischt wurden. Dann dampften wir unter den Klängen der „Wacht am Rhein“, mit welchen die „Bismarck“ uns das Geleit gab, in die offene See — der Heimat zu. Was das Herz des Menschen in solchen Augenblicken bewegt, vermag nur der zu verstehen, welcher selbst Aehnliches erlebt hat. 15000 Seemeilen haben wir bis zur deutschen Nordseeküste noch zu durchmessen — und doch liegt das heimische Gestade im Geiste bereits greifbar vor uns. Ein sonniges Land, wo ich manch schöne und manch trübe, aber vorherrschend ernste Stunden durchlebt habe, entschwindet allmählich unsern Blicken, für mich wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen. Die Stadt Apia liegt zur Zeit schon unter unserm Horizont, die hohen Berge der Samoa-Inseln sind aber noch zu sehen, doch auch sie werden bald unsern Augen entschwunden sein und Samoa, das ich in spätern Jahren wol einmal wieder besuchen möchte, wird wie ein Traum hinter uns liegen.