Außer diesen Dienerinnen sahen wir auch noch auffallend viele Weiber in der nächsten Umgebung des Gasthauses und hörten zu unserer Ueberraschung, daß diese fast sämmtlich nach Papeete gehörten und durch die Polizei mit dem Bedeuten hierhergebracht worden seien, daß sie erst nach der Abreise des deutschen Kriegsschiffes die Erlaubniß zur Rückkehr erhalten würden. Dieses leichtlebige und leichtsinnige Volk war daher voll Jubel, als wir ankamen; eine kleine Schadenfreude konnten wir allerdings auch nicht unterdrücken. Die Bemühungen des eingeborenen Polizeidieners, welcher zur Ueberwachung dieser lustigen Gesellschaft mitgeschickt war, seine Heerde zusammen- und von der Annäherung an uns abzuhalten, blieben erfolglos, und ich glaube, daß er von den ihm anvertrauten Vertreterinnen des schönen Geschlechts, hier fernab von der Hauptstadt, höchst unangenehme Prügel bekommen hätte, wenn er nicht klug und nachgiebig geworden wäre.
Nachdem wir den Reisestaub abgeschüttelt und uns an der reichen Tafel erquickt hatten, was eigentlich nicht nöthig gewesen wäre, weil wir auf dem ganzen Wege bis hierher ja kaum etwas anderes gethan hatten, als uns zu erquicken, trennten wir uns, um erst abends 6 Uhr bei der Hauptmahlzeit wieder zusammenzutreffen. Der Consul und ich gingen nach einer Zuckerplantage, welche der genannte Herr hier besitzt und die er bei dieser Gelegenheit auch besuchen wollte; wir begingen das Terrain und besichtigten die Einrichtungen zur Gewinnung des Rohzuckers, welche mir noch unbekannt waren. Von den andern Herren wollte keiner mit, dem jungen Volk erschienen die fröhlichen, blumenbekränzten Töchter des Landes wol anziehender, wenigstens vermuthe ich dies und verarge es ihnen auch nicht, denn Zuckerplantagen sieht man auch anderswo.
Von der Plantage gingen wir zum Strande, wo ich noch ein Bad nehmen wollte. Ein schönerer und einladenderer Badeplatz ist nicht leicht zu finden, wenn man den Körper eben nur für kurze Zeit erfrischen und im Anschluß daran einige Stunden in süßem Nichtsthun verbringen will. Bis dicht an den schönen weißen Strand reicht der üppige Wald von Fruchtbäumen, deren Zweige unter der Last der reifen Orangen und Brotfrüchte zu brechen drohen, und tritt man aus dem Laubdach heraus, dann liegt ein Bild von so großartiger Schönheit vor uns, daß unsere Augen nicht wissen, wo sie sich hinwenden sollen. Dicht vor unsern Füßen liegt die smaragd- und saphyrfarbene regungslose Flut, welche sich bis zu dem dreiviertel Seemeilen von uns abliegenden Barriere-Korallenriff erstreckt. Auf diesem Riff sieht man, wie einen Wall, die auf- und abwogenden Schneeschaummassen der nicht besonders hohen Brandung und hinter dieser das von dem frischen Passatwind aufgewühlte tiefblaue Meer mit seinen Wogen und deren Schaumkämmen. Zu unserer Rechten und vor uns liegen innerhalb des Riffs in dem klaren Wasserspiegel zwei kleine dicht bewaldete Inseln, welche einen solchen Frieden ausathmen, daß man wähnt, keinen schönern Wohnplatz finden zu können, und zu unserer Linken, in einer Entfernung von 5 Seemeilen, steigt vor uns Taiarabu (Klein-Tahiti) mit seinen steilen Felswänden bis zu einer Höhe von 1130 m aus dem Meere empor. Die zu unserer Rechten schon ziemlich tief stehende Sonne vergoldet das ganze Bild und beleuchtet es für uns um so wirkungsvoller, als unser Standort und ein schmaler Streifen des davor liegenden Wassers beschattet sind. Das leise Rauschen in den Baumwipfeln und das von dem Riff herüberdröhnende Grollen der Brandung vervollständigen die Stimmung. Still setzen wir uns zu Füßen eines großen Baumes auf den weißen Sand und lange schauen wir in die Ferne, ohne zu wissen was uns am meisten fesselt, und doch ist es das ewig ruhelose und doch sich immer gleichbleibende Meer. Wie oft habe ich träumerisch und sehnsuchtsvoll dem Spiel dieser gewaltigen, Segen und Verderben bringenden Wassermassen zugesehen, wie bekannt scheint mir das Weben und Treiben dieser geheimnißvollen Kräfte, wie viel Schöneres liegt zu meinen Füßen, zur Rechten und zur Linken, und doch wie groß ist die magnetische Kraft der unergründlichen Flut, welche wie die Nixe der Loreley nur für sich allein den Menschen fordert. Mein Nachbar weckt mich aus meinem Sinnen und macht mich auf eine Stelle im Wasser aufmerksam, wo ein leichtes Sprudeln, wie das einer kleinen Quelle, und die von dem Sprudel auslaufenden, sich immer weiter dehnenden Ringe zu sehen sind. Er sagt mir, daß dies eine der Tahiti eigenthümlichen Süßwasserquellen im Meere ist, von welchen ich auch schon gelesen hatte und die noch ziemlich weit von der Küste ab zu finden sein sollen. Die Eingeborenen sollen sich an ihnen, wenn sie draußen beim Fischfang sind, in der Weise den Durst stillen, daß sie schwimmend soweit tauchen, bis sie die Stelle finden, wo das Quellwasser noch unvermischt mit dem Seewasser ist. Da das süße Wasser sehr viel leichter wie das Meerwasser ist und deshalb kräftig nach oben steigt, so muß an solcher Quelle allerdings in relativ nicht zu großer Tiefe schon reines Süßwasser gefunden werden.
Probiren geht über Studiren, und wenn ich auch den Eingeborenen das Taucherkunststück nicht nachmachen konnte, so konnte ich mich doch an der Wasseroberfläche davon überzeugen, ob der Quell weniger Salzgehalt wie das übrige Wasser habe. Bald war ich in der See und schwamm nach dem nicht weit entfernten Sprudel, wo ich das Wasser wirklich nur brack fand. Wieder am Lande bekam ich großes Verlangen nach der Milch einer frischen Kokosnuß; aber wie eine solche von den hohen Bäumen herunterbekommen? „Nichts leichter als das, da gerade ein Eingeborener dort des Weges kommt“, sagte der Consul. Der Mann wurde angerufen und schnell hatte er sich einen Riemen um seine Knöchel geschnallt, welcher einen Zwischenraum von etwa 5 cm zwischen den Füßen ließ. Dann griff er mit den Händen um den Stamm einer Palme, schnellte mit den Füßen soweit in die Höhe, daß die Beine möglichst wagerecht standen und die Füße jetzt gegen den Stamm gestemmt waren, wo durch das Gewicht des eigenen Körpers die Füße auf der einen und die Hände auf der andern Seite des Stammes so fest an die rauhe Rinde gepreßt wurden, daß der Körper nicht nach unten gleiten konnte. Mit ununterbrochenen kleinen Sprüngen hatte der Mann den hohen Baum bald erstiegen, löste den Riemen von seinen Füßen, warf einige Nüsse herunter und ließ sich in ähnlicher Weise wieder hinuntergleiten, wie wir es thun.
Als die Essensstunde heranrückte, begaben wir uns wieder in das Gasthaus, legten ein etwas förmlicheres Kleid an und fanden ein ganz vorzügliches Mahl, welches durch die mitgebrachten eigenen Weine, unter denen sich auch gute Marken deutschen Wachsthums befanden, noch wesentlich verbessert wurde. Besondere Anerkennung muß ich den vortrefflichen hiesigen Wasserthieren zollen, welche neben guten Austern und Fischen aus besonders feinschmeckenden großen, scherenlosen Hummern und den früher schon genannten Süßwasser-Schrimsen bestanden. Diese letztern hatten die Größe von ausgesuchten Oderkrebsen, welche sie indeß an Feinheit des Geschmacks nicht ganz erreichen, während die Hummern entschieden den europäischen weit vorzuziehen sind. Die Hummern waren auf dem nächsten Korallenriff gefangen, die Schrimse in dem Bergfluß, an dessen Ufer wir am nächsten Morgen den Weg zum See zurücklegen sollten.
Während des Essens entstand noch eine kleine Aufregung dadurch, daß eine der Dienerinnen in großer Erregung in das Zimmer trat und erzählte, daß in dem wenige Minuten entfernten Dorfe zwei Eingeborene von Papeete mit dem Auftrage angekommen seien, mich zu beobachten. Die Nachricht erstaunte mich weiter nicht, da ich schon gehört hatte, daß jedem unserer Offiziere an Land stets ein Aufpasser folge, weil die Franzosen in dem Wahne befangen waren, daß das Schiff den Auftrag habe, von den nahegelegenen unabhängigen Gesellschafts-Inseln Besitz zu ergreifen, und man wol glaubte, daß auch Tahiti in den Bereich der deutschen Begehrlichkeit gezogen würde. Immerhin schickte unser Wirth einen Vertrauten ab, welcher bald die Richtigkeit der Nachricht bestätigte. Dies veranlaßte denn auch den Consul und mich, die jüngern Herren unserer Gesellschaft, welche gleich nach dem Essen aufbrachen, um einer Einladung der eingeborenen Damen zu einem Abendfest in dem nahegelegenen Dorfe zu entsprechen, nicht zu begleiten, obgleich wir ursprünglich die Absicht hatten, uns die Sache für kurze Zeit anzusehen. Statt dessen begaben wir uns bald zur Ruhe.
Am nächsten Morgen um 6 Uhr wurden wir geweckt und waren um 7 Uhr zum Abmarsch bereit. Als wir aus dem Hause auf den freien Platz traten, fanden wir ein reges Treiben. An zwanzig Eingeborene waren zur Stelle, theilweise schon beladen mit Kisten und Körben, welche unser zweites Frühstück enthielten. Andere waren mit großen Schlagmessern und Aexten versehen, um etwaige Hindernisse aus unserm Wege zu räumen, wieder andere hatten nur Bergstöcke und kleines Fischgeräth in den Händen. Auch eine kleine zierliche Frauensperson war in dem Gefolge, sowie ein Pferd, das einzige, welches für uns hatte aufgetrieben werden können und mir zur Verfügung gestellt wurde. Da ich vor den andern Herren von der Partie indeß nichts voraus haben und nicht allein reiten wollte, so ging das Pferd vorläufig unbenutzt mit, um, falls einen der Herren die Kräfte verlassen sollten, für diesen zur Stelle zu sein. Ich mußte daher auch mit einem der Eingeborenen vorlieb nehmen, welche uns als Reitthiere mit dem Bemerken vorgeführt wurden, daß wir mehr wie achtzig mal den Fluß zu durchschreiten hätten und die Eingeborenen uns hinübertragen sollten. Es entwickelte sich nun eine harmlose nette Scene, denn die aufgeweckten, selbstbewußten Tahitier wollten nicht nur gewählt sein, sondern wollten auch selbst wählen und drängten sich zunächst alle an den Consul und mich, vielleicht weniger, weil wir für die Hauptpersonen gehalten wurden, als darum, weil wir die leichtesten waren. Immerhin stellte sich bald heraus, daß diese kräftigen, zähen Natursöhne sich aus einer ziemlich großen Gewichtsdifferenz nichts machten. Bald hatten Herr und Diener sich zusammengefunden und nun zogen wir aus, jeder von uns von seinem braunen Schatten begleitet. Die kleine junge Frau übernahm die Führung und schritt mit einem Strohhut auf dem Kopf, mit einer kurzen Bluse und einem Hüfttuch (Pareo) angethan, ihren langen Stock in der Hand, mit ihren bloßen Füßen zierlich und schnell aus. Ihr folgten die Leute mit dem Proviant, dann kamen die Wegebahner, dann wir mit unsern Schatten, und schließlich das Pferd.
Der Weg führt die erste halbe Stunde auf einem schattigen Pfade durch eine sanft ansteigende Ebene, dann nähern wir uns den schroffer aufsteigenden Bergwänden, und nach einer weitern Viertelstunde treten wir in eine großartige Felsenschlucht, welche das Bett für den reißenden Bergfluß bildet. Zu beiden Seiten haben wir Felswände von über 100 m, wenn nicht gar 200 m Höhe, welche uns in der schmalen nur 15-20 m breiten Schlucht senkrecht aufsteigend erscheinen. Das Gestein ist aber trotzdem nicht kahl, sondern aus allen großen und kleinen Felsspalten und Ritzen wachsen Gräser, Sträucher und Bäume von oft beträchtlicher Größe, sodaß das Laub stellenweise die Steinschlucht für das Auge in ein liebliches Thal verwandelt. Der Fluß nimmt die ganze Thalsohle ein und es finden sich immer nur auf einer Seite, je nach den Krümmungen des Thales und des Wasserlaufes auf dem rechten oder linken Ufer, etwas erhöhte, schmale und dicht mit wilden Bananen- und Bambussträuchern bestandene Böschungen, auf welchen man gehen kann, wenn vorher ein schmaler Pfad durch das wie Unkraut wuchernde Pflanzengewirre durchgeschlagen ist, was stets vor dem Begehen geschehen muß, weil der See nur selten besucht wird und sonst keine Veranlassung zum Beschreiten dieses Weges vorliegt, denn die Eingeborenen benutzen, wenn sie einmal zum Fischen oder Einsammeln von Früchten hierher wollen, das Flußbett als solchen. Im übrigen schäumt das wilde, schön klare Wasser über Steinblöcke hinweg an den steil abfallenden Felsen vorbei, wo jede Möglichkeit eines Weges ausgeschlossen ist. Und kommt man an die ziemlich häufigen Stellen, wo die Felswände an beiden Seiten den Fluß eindämmen, dann bleibt kein anderer Weg als das Flußbett selbst.
Gleich beim Betreten der Schlucht schon bekommen wir einen Vorgeschmack, was unserer wartet. Der in den letzten zwei Tagen nur für uns ausgehauene Pfad ist so schmal, daß wir, einer hinter dem andern gehend, stets an beiden Seiten das von dem Nachtthau triefende Laub, welches über unsern Köpfen in der Regel auch noch zusammenschlägt, streifen und so nach wenigen Minuten schon unsere nur aus dünner Leinwand bestehende Kleidung von dem abtropfenden Wasser durchnäßt ist. Glücklicherweise habe ich einen wasserdichten Panamahut auf, sodaß ich unter diesem wenigstens mein Taschentuch und meine Cigarrentasche trocken erhalten kann. Der Boden ist auch nicht besser und besteht aus ganz durchweichtem schweren gelben Lehm, weshalb ich mich glücklich schätzen darf, Segeltuchschuhe an den Füßen zu haben, welche ja in der Nässe nur wenig einlaufen und daher nicht drücken können. Außer mir hat nur noch der Consul solche Schuhe, unsere Herren wollen von diesem besten aller Fußbekleidungsmittel noch immer nichts wissen, und wegen ihres Vorurtheils hatten sie auf dieser Partie wahre Folterqualen auszustehen. Die von uns unabhängigen Eingeborenen, nämlich die Träger unsers Frühstücks sowie das Frauenzimmer, wissen jedenfalls auch die Beschwerlichkeit des Weges zu würdigen, denn sie machen gar nicht erst den Versuch ihn zu benutzen, sondern gehen gleich in den Fluß, dessen Wasser ihnen oft bis unter die Arme reicht und wo die kleine Frau sich dann von ihrem langen Mann durchziehen lassen muß, wobei sie schwimmend nachhilft. Trotz der stellenweise reißenden Strömung kommen sie unter Zuhülfenahme ihrer Stöcke doch viel schneller vorwärts als wir, sodaß sie bald unsern Augen entschwunden sind.
Wir treten in den Pfad ein und sind in dem dichten Laub von einem Halbdunkel umgeben. Wir ziehen die Köpfe zwischen die Schultern, als uns das kalte Wasser hinten in den Hals tröpfelt; stecken die Hände in die Hosentaschen, um uns möglichst dünn zu machen und gleichzeitig unsere dort untergebrachten Uhren trocken zu erhalten; die Cigarre ist schon nach wenigen Minuten so naß, daß sie nicht mehr brennt; der Stabsarzt und ich stöhnen darüber, daß unsere Kneifer immer blind werden, ich aber kann den meinigen wenigstens an den lichten Stellen mit meinem aus dem Panamahut hervorgeholten Taschentuch abtrocknen; vor uns hören wir die Messer- und Axtschläge der Eingeborenen, welche den Weg noch freier zu machen suchen, und unter uns geht es quatsch-quatsch, wenn wir mit unsern Füßen in den nassen Lehm hineinstampfen, denn wir haben sehr bald erkannt, daß es hier „Durch“ heißt und das Aussuchen trockener Stellen zwecklos ist. Ein solches Bananenblatt macht sich sehr hübsch, wenn Paul seine Virginie damit gegen die Sonne schützt; wenn die Blätter aber in solchen Massen auftreten, wie hier, und dabei noch naß sind, dann werden sie höchst unangenehm.
Bald treten wir wieder ins Freie und stehen vor einer steilen nackten Felswand, um welche das Wasser herumgurgelt und die ein weiteres Vordringen an dieser Seite unmöglich macht. Uns gegenüber liegt eine grünbehangene hohe Wand, an deren Fuß das graziöse Laub der Bananen mit seinen köstlichen sammetartigen Farbentönen und die duftigen Zweige der Bambussträucher den in ihnen verborgenen beschwerlichen Weg, welcher einen Theil unserer Vorhut schon wieder aufgenommen hat, wie wir an den Schlägen hören, mildherzig bedecken. Der Rest der Vorhut durchkreuzt eben den Fluß, von denen einzelne bis zu den Hüften im Wasser sind, während andere zeitweise auf über Wasser liegenden Steinen stehen, um gleich darauf wieder tieferes Wasser zu durchschreiten. Rechts und links schöne landschaftliche Bilder und über uns die Sonne, welche warm in diesen schönen Kessel hineinscheint. Unsere Träger ducken sich, um uns auf ihre Rücken zu nehmen, doch wir rütteln sie wieder auf, und springen leicht auf die Leute, denn wir fühlen uns noch außerordentlich frisch und geschmeidig. So durchschreiten wir den Fluß und gleiten auf der andern Seite wieder zur Erde, um uns bis zum nächsten Uebergang auf unsere eigenen Füße zu verlassen.
Während der folgenden zwei Stunden hatten wir den Fluß auf diese Weise sechsundachtzig mal zu durchschreiten, beziehungsweise so oft auf den Eingeborenen reitend in den Fluß zu gehen, denn an den Stellen, wo der Weg an beiden Ufern fehlt, mußten wir ja ein längeres oder kürzeres Stück in dem Flußbett selbst zurücklegen, um dann vielleicht an derselben Seite wieder zu landen. Auf dem Hinweg haben wir die einzelnen Uebergänge allerdings nicht gezählt, aber auf dem Rückweg, nachdem wir die Strapazen dieser eigenartigen Wanderung vorher gekostet hatten.
Zunächst war noch alles herrlich und die ganze Gesellschaft in der ausgelassensten Stimmung, fehlte es uns doch an nichts, selbst nicht an komischen kleinen Zwischenfällen.
Umgeben von der wundervollen Natur, welche sich uns bei jedem neuen Flußübergang in stets wechselnden, immer schöneren Bildern zeigt, und beschienen von der heißen Sonne, welche uns hier nicht lästig wird, sondern durch unsere nassen Kleider hindurch höchst wohlthuend unsere Körper wieder aufwärmt, werden wir durch das schöne Bergwasser getragen. Die am Oberkörper nackten, braunen Eingeborenen gehen vorsichtig durch das Wasser und wenden kein Auge von dem Flußbett, um die besten Steine zum Auftreten zu benutzen, finden dabei aber doch Zeit miteinander zu sprechen und zu lachen. Auf den braunen Gestalten hängen und hocken die weiß gekleideten Europäer, welche theilweise die schöne Umgebung betrachten, theilweise mit Vergnügen das unter ihnen eilig laufende Wasser beobachten, das sich bald zwischen großen Steinen durchzwängt, bald über andere hinwegschießt oder aber ruhig über ebeneres Steingeröll fließt. Alle erfreuen sich daran, wie sicher unsere Träger mit ihrer schweren Last in dem nur aus ganz unregelmäßig geschichteten, großen, platten Steinen bestehenden Flußbett von Stein zu Stein vorschreiten. Einzelne allerdings sehen zeitweise auch ängstlich in das Wasser, weil sie an den schwierigeren Passagen erwarten, mitsammt ihrem Träger ein unfreiwilliges Bad zu nehmen, und lassen geduldig die Neckereien ihrer Kameraden über sich ergehen. Wol ist gelegentlich der eine oder andere mit seinem Träger nahe am Fallen, aber nur dann, wenn er unbedacht seine Arme um dessen Hals geschlungen hat und ihn dann halb erwürgt, anstatt sich mit den Händen an den Schultern oder an der Stirn des Mannes zu halten, doch wird das Unglück jedesmal noch rechtzeitig verhütet. Die Träger benutzen ihren Stock nur an den Stromschnellen; wird das Wasser zu tief, dann werfen sie uns wie einen Federball höher auf ihre Schultern hinauf, um uns trocken zu erhalten. Selten setzen sie uns, obgleich einige ganz gewichtige Herren unter uns sind, gleich am jenseitigen Ufer ab, sondern bringen uns im Trabe die gewöhnlich steile Böschung hinauf, allerdings nur ein kurzes Stück Weg, aber ein solches, welches wir auf dem schlüpfrigen Boden in unsern Schuhen nur mit Hülfe eines Stockes zurücklegen könnten. Ist der nächste Uebergang nur 10-20 Schritte von unserm letzten Landeplatz entfernt, dann behalten sie uns gleich auf ihren Rücken und nun entwickelt sich unter lautem Hallo ein Wettlaufen. Nicht lange dauert es, so kommt allerdings die Nachricht, daß der Stabsarzt, ein besonders großer und schwerer Herr, mit seinem Träger zusammengebrochen sei, und er erhält nun das vorsorglicherweise mitgenommene Pferd. Er will aber auch durchaus nichts vor uns voraus haben und benutzt das Thier nur an den Flußübergängen, wodurch er schließlich durch das häufige Auf- und Absteigen noch lahmer wurde als wir andern.
An einer geeigneten Stelle machen sich einige Eingeborene die Gelegenheit zu Nutze und fangen mit kleinen Handnetzen in kurzer Zeit zwei große Körbe voll der früher genannten vortrefflichen Süßwasser-Schrimse, wasserhelle, fast durchsichtige Thiere, welche später gekocht uns noch gute Dienste thaten.
Wir wurden immer steifer und stiller, sprangen bald schon nicht mehr auf die Rücken unserer Träger, sondern krochen langsam auf die niedergeduckten, gutmüthigen Leute hinauf, welche immer eifriger und lustiger wurden. Als wir nach zwei Stunden Flußweg, im ganzen also nach drei Stunden, endlich an einer steilen Wand ankamen, welche wir mit eigenen Kräften zu erklettern hatten, waren wir ganz still, unsere Träger dagegen außerordentlich laut und befriedigt.
Hier ist auf einer kleinen Anhöhe der Platz, wo diejenigen Besucher des Sees in der Regel übernachten, welche die Partie zu Pferde machen und in solchem Fall erst nachmittags von der Küste aufbrechen. Sie gehen dann am nächsten Morgen mit dem ersten Tagesgrauen unter Zurücklassung der Pferde zum See und reiten nachmittags wieder zurück.
Wir machen zunächst eine kurze Rast, um die etwas auseinander gekommene Gesellschaft sich wieder sammeln zu lassen, betrachten noch einmal die vor uns liegende etwa 200 m hohe Wand, welche in einem Winkel von 60-70° zur Ebene steht, mithin uns ziemlich senkrecht erscheint, reiben mit den Händen unsere zerschlagenen steifen Beine und dann geht es weiter, hinauf auf die Wand, nachdem ein Eingeborener angewiesen war, mit dem Pferd hier unsere Rückkunft zu erwarten. Unser Weg ist in der untern Hälfte das trockene Felsenbett eines Gebirgsbaches und in der obern das eines Wasserfalles, welcher bei lang anhaltendem Regen hier herniederstürzt. Diesem Umstand ist es wol auch zuzuschreiben, daß wir überall ausgewaschene Stellen finden, wo wir festen Fuß fassen können, und daß hier kein Steingeröll vorhanden ist, sondern die vorspringenden Steine alle mit dem Felsenkern verwachsen sind und somit zuverlässige Stütz- und Haltepunkte bieten. Die untere Hälfte können wir noch mit Hülfe eines Stockes langsam ersteigen, stillen an den reifen Früchten eines auf halber Höhe in einer seitlichen Einbuchtung stehenden großen Orangenbaumes unsern Durst und dann müssen wir mit Händen und Füßen mühsam von Stein zu Stein klettern.
Endlich nach dreiviertel Stunde sind die ersten von uns oben, wir erblicken aber noch nicht den See, sondern finden zu unserer Enttäuschung vor uns einen mit wilden Bananen dicht bestandenen kleinen Bergrücken. Auch dieser wird erstiegen und wir finden einen ebensolchen zweiten, auf dessen Höhe wir, als ob die Bananen gar kein Ende nehmen wollten, noch einen dritten vor uns sehen. Doch hören wir hier wenigstens schon die Antwort der bereits am See befindlichen Gepäckträger auf die Zurufe unserer Führer. Endlich auf der Höhe des dritten Rückens treten wir aus den nassen Bananen heraus und unter uns liegt der schöne, von hohen stolzen Berggipfeln umgebene Alpensee. Noch hundert Schritte und wir können uns in einer von den Gepäckträgern bereits errichteten Hütte auf dem trockenen Grase ausstrecken, nachdem ich mir vorher aus meinem mit heraufgenommenen kleinen Koffer trockene Wäsche und Kleider angezogen hatte. Hier im Schatten ruht es sich gut nach einem mehr als vierstündigen anstrengenden Wege, dessen größte Strapaze das Getragenwerden war, weil man, ganz abgesehen von dem Auf- und Absteigen auch noch, um den Trägern die Arme frei zu lassen, sich stets mit Schenkeldruck an ihre Rücken hatte anklammern müssen. Die 10 m lange und 3 m tiefe Hütte ist aus Bambusstäben aufgebaut und oben, zu beiden Seiten, sowie an der Rückwand gegen Regen und Sonne mit Bananenblättern sicher eingedeckt, die ganze Langseite nach dem See zu ist offen.
Der Waihiria (Bergsee auf Tahiti).
Wir befinden uns an der einen Schmalseite des 1000 m langen und 600 m breiten Sees. Das klare hellgrüne Wasser ist spiegelglatt und wirft aus seiner Tiefe das Spiegelbild der den See umgebenden Berge zurück. Diese sind hoch und niedrig, die hohen kahl, die niedrigen grün bewachsen; einer tritt als steiles Cap in den See vor, die andern liegen mehr oder weniger weit zurück und die Ufer sind hier mit hohem Gras und dichtem Laub bestanden. Ein Ausfluß des in der Mitte 30 m tiefen Sees, in welchen sich viele Gebirgsbäche ergießen, ist nirgends zu sehen, doch soll ein solcher und zwar ein unterirdischer nicht weit von unserm Lagerplatz vorhanden sein, weil die in den See geworfenen Schwimmkörper dort sich alle sammeln und in die Tiefe gezogen werden sollen, um von einem kräftigen Quell, welcher an der Küste in der Nähe unsers Gasthauses aus einer Felswand hervorsprudelt, wieder ausgestoßen zu werden, wie man an gezeichneten Gegenständen sicher wahrgenommen hat. Es ist mir auch gesagt worden, wie lange die Reise eines solchen Gegenstandes dauern soll, doch habe ich dies leider wieder vergessen.
Als ich die Absicht aussprach, in einer Stunde den Rückweg antreten zu wollen, um einer Einladung des Consuls und seiner Gattin zum nächsten Abend in Papeete sicher entsprechen zu können, stieß ich auf entschiedenen Widerspruch. Die anwesenden Herren, mit Ausnahme des Consuls und eines jungen Offiziers, erklärten dies für ein Ding der Unmöglichkeit, weil sie nicht im Stande seien, heute auch nur einen Schritt noch zu gehen. Der eine Stunde später eintreffende Rest unserer Gesellschaft behauptete natürlich erst recht, vollständig fertig und unfähig zu weiterm Marschiren zu sein. Als der Consul dann auch noch zugab, daß wir wol rechtzeitig in Papeete würden eintreffen können, wenn wir am nächsten Tage mit dem ersten Morgengrauen aufbrächen, er auch versprach, für alle Fälle einen Boten mit der Nachricht zur Stadt schicken zu wollen, daß wir uns vielleicht etwas verspäten würden, fügte ich mich, um kein Spielverderber zu sein.
Nun blieb aber noch die große Frage, wie Proviant heraufbekommen? Nach dem ursprünglichen Programm sollten wir um 5 Uhr abends wieder in dem Gasthaus sein, um dort das für uns arrangirte tahitische Nationalmahl, auf welches wir nunmehr verzichten mußten, einzunehmen; unsere mitgebrachten Provisionen waren daher nur für ein zweites Frühstück berechnet, welches nach den hinter uns liegenden Anstrengungen vielleicht nicht einmal für diesen Zweck ganz genügte. Während der Verhandlungen war es inzwischen auch schon 1 Uhr geworden und dunkel wurde es schon um 5½ Uhr; bei Dunkelheit war aber der Weg schlechterdings nicht zu machen. Die abzusendenden Leute hätten daher in 4½ Stunden denjenigen Weg hin und zurück machen müssen, zu welchem die schnellsten von uns auf dem Hinweg allein 4 Stunden gebraucht hatten, und dies schien auch unter Berücksichtigung des Umstandes, daß die Eingeborenen den directen Weg im Flußbett wählen würden, unmöglich. Trotzdem wurde der Versuch gemacht, nachdem die Tahitier es als wahrscheinlich erklärt hatten, rechtzeitig wieder oben sein zu können. Es hatten sich schnell zehn Leute zusammengefunden, welche frischen Muthes in fröhlicher Stimmung den beschwerlichen Weg antraten, nachdem einem von ihnen die erforderlichen Instructionen für den Gastwirth mitgetheilt worden waren, denn zum Schreiben hatten wir nichts.
Unser Lagerplatz hatte inzwischen ein etwas buntes Ansehen erhalten. Unsere Herren hatten bei ihrer Ankunft natürlich nichts Eiligeres zu thun, als sich ihrer zusammengeschrumpften Stiefel und nassen Oberkleider zu entledigen, und saßen nun, da sie keine Wäsche zum Wechseln mitgebracht hatten, trübselig in der Sonne, um sich selbst und ihre um sie herum liegenden Sachen trocknen zu lassen. Doch bald brachten die bei uns zurückgebliebenen Eingeborenen wieder Leben in die Gesellschaft, indem sie das ausgepackte Frühstück herantrugen, welches durch geröstete Yam, Brotfrucht und die am Morgen im Fluß gefangenen Krebse, welche die kleine Frau vortrefflich gekocht hatte, noch vervollständigt worden war. Inzwischen waren die Nachzügler von uns auch aufgetrocknet, wir gruppirten uns in der leichtesten Kleidung und barfüßig in der kühlen Hütte, Essen und Getränke schmeckten vorzüglich, und so war es natürlich, daß die ganze Gesellschaft sich sehr schnell wieder in der allerbesten Laune befand, zumal sich bei dem Gepäck auch trockene Cigarren vorgefunden hatten. Nach dem Essen wurde geruht, d. h. geschlafen, denn erst um 3 Uhr wurde es in der Hütte wieder munter. Das erste allgemeine Bedürfniß war nun, ein Bad in dem schönen See zu nehmen, der Consul dachte aber vorher noch an das Praktische und veranlaßte einige Eingeborene auf den Fischfang zu gehen, damit wir doch für den wahrscheinlichern Fall, daß die abgesandten Leute nicht mehr denselben Abend zu uns zurückkehren würden, wenigstens etwas zu essen hätten. Vier Eingeborene kamen mit den Angelhaken, um sich ein Stück Fleisch als Köder zu holen, und ich war überrascht Haken zu sehen, welche eine Eisenstärke von etwa 8 mm und eine Spannweite von 5-6 cm hatten und von welchen die Eingeborenen behaupteten, daß sie eigentlich noch zu schwach seien. Dann band jeder sich ein kleines Floß aus Bambusstäben zusammen und kurze Zeit darauf sahen wir die Männer mit diesen unter gegenseitigem jauchzenden Zuruf über den See schwimmen. Sie mußten nach einer etwa 500 m von uns entfernt liegenden Stelle, wo ein größerer Gebirgsbach in den See mündet, hin und nahmen trotz ihrer großen Leistungsfähigkeit im Schwimmen die Flöße mit, weil das Wasser für die Eingeborenen etwas zu kalt ist und dies zuweilen die Ursache sein soll, daß ihnen während des Schwimmens die Glieder erstarren und dann das Floß sie tragen muß. Es ist daher Regel, daß kein Eingeborener in diesem See größere Strecken ohne Floß durchschwimmt.
Unser Bad war nicht so schön, wie wir es uns gedacht hatten, denn da das Wasser am Ufer ziemlich seicht ist, so mußten wir in demselben erst eine Strecke gehen, ehe wir genügende Tiefe zum Schwimmen fanden, und das war kein Vergnügen. Sobald wir das feste Ufer verlassen hatten, sanken wir bis zu den halben Knien in den weichen Schlamm ein und machten uns dadurch auch noch das Wasser trübe. Hinein ging es wol noch, aber beim Herauskommen sahen wir aus, als ob wir ein Schlammbad genommen hätten, und es kostete uns viel Mühe, mit Gläsern und Flaschen so viel reines Wasser herbeizuschaffen, um uns wieder rein waschen zu können. So kamen wir nicht zu dem Genuß, welchen uns das Bad in dem frischkühlen Wasser sonst bereitet hätte. Bei dieser Gelegenheit machten wir auch die Entdeckung, daß die Innenseiten unserer Beine von dem scharfen Anklammern an die Rücken unserer Träger braun und blau geworden waren, und hatten damit die Erklärung gefunden für die Schmerzen, welche wir empfanden.
Um 5 Uhr kamen unsere Fischer zurück und brachten einen mächtigen Aal mit. Zwei Angelhaken waren, wie die Leute es vorher befürchtet hatten, von den Thieren abgebrochen worden. Das mitgebrachte Exemplar, von schwärzlicher Farbe auf dem Rücken und weißlich-grüner auf dem Bauch, mit zwei großen Ohren am Kopfe, war 1½ m lang und etwa 15 cm dick, hatte mithin einen Umfang von über 40 cm. Da dieser Fang voraussichtlich das Einzige blieb, aus welchem unsere Hauptmahlzeit hergestellt werden sollte, so interessirten wir uns auch für dessen Zubereitung. Wenige Schritte von unserer Hütte, auf dem Lagerplatz der Eingeborenen, brannte bereits seit einiger Zeit ein großes Feuer, und beim Herantreten sahen wir in der Glut einen kleinen Haufen größerer Steine, welche auf diese Weise erhitzt wurden. Dann wurden die brennenden Holzscheite zur Seite geworfen, die heißen Steine mit nassem frischen Laub vorsichtig gereinigt und hierauf wieder so zusammengeschichtet, daß in der Mitte ein Loch blieb. In dieses wurde der in Stücke geschnittene Aal, nachdem jedes Stück von vielleicht ½ kg Gewicht in den Theil eines Bananenblattes eingewickelt worden war, hineingelegt und dann das Loch oben mit dem Rest der Steine zugedeckt. Dies ist übrigens die Art, wie die Eingeborenen alles kochen. Für das Garwerden beanspruchte die kleine Frau eine Stunde, und so zogen wir uns mit knurrendem Magen wieder in unsere Hütte zurück, wenig erbaut von der Aussicht, wegen Mangel an Licht schon um 6 Uhr ziemlich hungerig schlafen gehen zu müssen, denn ein ausgeschickter Kundschafter war um 5½ Uhr mit der Nachricht zurückgekommen, daß von den abgesandten Leuten noch nichts zu sehen sei.
Die Sonne ging unter, der Mond stand weder am Himmel, noch war er zu erwarten, die Schatten der Nacht legten sich über die Berge und auf den See, dunkle Wolken umsponnen die Berggipfel und senkten sich, immer dichter werdend, fast bis auf den See hinab. Kein Laut rings um uns herum und kein anderes für das Auge wahrnehmbare Leben, als ein großes Feuer, welches seine schwarzen Rauchwolken nach oben sandte und die in seiner Nähe gelagerten Eingeborenen, wie einen kleinen Theil des Sees und unsere nächste Umgebung geisterhaft beleuchtete. Es war 6 Uhr geworden, keine Aussicht auf eine ausreichende Mahlzeit und auf die nothwendigen Decken, deren wir dringend bedurften, um unsere nur sehr leicht bekleideten Körper gegen die rauhe Nachtluft zu schützen. Die Eingeborenen machten sich schon daran, unser frugales Mahl aus dem Ofen hervorzuholen, da klingt ein heller Ruf an unser Ohr, welchen jene aus voller Kehle erwidern und der von uns mit einem kräftigen Hurrah — es mögen auch mehrere gewesen sein — beantwortet wird. Wie lebendig war auf einmal die versteinerte Gesellschaft geworden und welcher Jubel brach erst aus, als eine Viertelstunde später die braven Tahitier mit schweren Proviantkörben und Weinkisten, mit Bettzeug und Windlichtern wohlbehalten bei uns anlangten. Nicht einmal mein kleines Kopfkissen hatten sie vergessen, ohne welches ich mit meinen verschiedenen Schädelbruchnarben wahrscheinlich eine schlaflose Nacht verbracht hätte.
Es war dies eine erstaunliche Leistung von den Leuten, wenn man bedenkt, daß sie denselben Weg, zu welchem wir 4-5 Stunden gebraucht hatten, in ebenfalls 5 Stunden, und zwar schwer beladen hin und her zurückgelegt hatten, und das, nachdem sie vorher schon den Weg, welcher uns vollständig niederwarf, als Gepäck- oder unsere Träger mit uns gemacht und dazwischen wol kaum eine Ruhepause gefunden hatten. Ich würde es für unmöglich gehalten haben, wenn die zurückgekehrten Leute nicht sämmtlich als zu unserer Partie gehörig recognoscirt worden wären.
Was nun folgte, war wahrhaft herzerquickend für uns. Erst wurden die Windlichter in Ordnung gebracht und angesteckt und dann ging es ans Auspacken: Schüsseln, Teller, Gläser, Messer und Gabeln, Servietten; ein feister Hammelrücken, ein Roastbeef, gebratene Tauben und Hühner, Hummer, gekochte Eier, Brot, gemahlener Kaffee, condensirte Milch und Früchte; Sherry, Portwein, leichter Roth- und Moselwein, sowie einige Flaschen Champagner, welche in dem auch mitgekommenen Eis gleich kalt gestellt wurden.
Trotz unserer steifen Glieder halfen wir alle an der Herrichtung unserer Tafel und begannen das Mahl mit dem Aal, dessen Stücke uns auf frischen Bananenblättern gebracht wurden. Das Fleisch war außerordentlich wohlschmeckend und zart, nur für unsere Gaumen etwas zu fett, sodaß wir in Ansehung der Genüsse, welche uns noch bevorstanden, gern auf den größern Theil zu Gunsten der Eingeborenen verzichteten.
Wie schon den ganzen Tag über unsere Stimmung auf- und abwogte zwischen himmelhoch jauchzend und zum Tode betrübt, so waren wir jetzt wieder auf dem Gipfelpunkt froher Stimmung angelangt. Gesättigt läßt es sich schon des Nachts am See Waihiria aushalten, namentlich wenn die Reste unsers Mahles ausreichen, auch noch den ganzen Troß zu sättigen und in frohe Stimmung zu versetzen.
Wir liegen in und vor der Hütte behaglich ausgestreckt mit einer guten Cigarre und einem Glas kalten Champagner, all die Fährlichkeiten des verflossenen Tages erörternd und belachend. Die Eingeborenen sitzen um ein großes Feuer und sind ebenfalls in bester Stimmung. Vor uns und um uns ist alles in Nacht gehüllt und zwischen den auf den Bergen lagernden Wolken steht ein Stück des wolkenlosen dunkeln Himmelsdomes mit seinen flimmernden Sternen, deren Spiegelbilder aus dem vor uns liegenden schwarzen See herausstrahlen und woran wir dessen Wasserfläche zu erkennen vermögen. Der Consul verlangt von den Eingeborenen ein Lied, welches sie anfänglich verweigern wollen, weil ihnen die nothwendigen Frauenstimmen fehlten, doch lassen sie sich unter dem Hinweis, daß doch wenigstens eine Frau unter ihnen sei, schließlich erweichen und in die Nacht erschallt ein gewaltiger Gesang, ein geistliches Lied so weihe- und stimmungsvoll, ein Gesang von so packender Wirkung in der eigenartigen Umgebung, wie ich noch keinen gehört hatte. Es war ein wunderbares Orchester aus menschlichen Stimmen, jede Stimme sang ihre eigenen Töne und alle vermischten sich zu einem vollendeten Ganzen, welches ich nur mit dem Klang einer mächtigen Orgel, deren sämmtliche Register geöffnet sind, vergleichen kann. Der Gesang verhallt, und erst nach einer Weile finden wir uns zu rauschendem Beifall zusammen. Ein zweites Lied wird verlangt und gewährt. Schon die ersten Töne kommen uns so bekannt vor, und bald hat einer von uns die richtigen Worte für den Refrain gefunden, in welchen wir alle jubelnd einstimmen: „Vive la, vive la, vive la va! vive la, vive la, hopsasa! vive la Compagneia!“ Die gehobene Stimmung war dahin, die Eingeborenen stutzten einen Augenblick und unter allgemeinem Lachen wurde dann das Lied in dem von uns angegebenen schnellern Tempo beendet. Der Consul fragte danach ganz erstaunt, woher wir die tahitische Nationalhymne kennten. Nun kam es heraus! Ein hoher Herr, welcher vor einigen Jahren hier war, soll den Tahitiern dieses alte deutsche Studentenlied als Nationalhymne geschenkt haben und die Eingeborenen haben sich dann einen passenden Text zu der Composition gemacht. Wahr ist jedenfalls, daß dieses Lied auch von den Franzosen als tahitische Nationalhymne anerkannt wird, denn wir hörten es nachher allabendlich sowol in Papeete wie in Raiatea von einem französischen Kriegsschiff als Zapfenstreich blasen und hatten unsere Freude daran, daß die Franzosen ein so prächtiges deutsches Lied in so hohen Ehren halten.
Doch die Woge unserer Stimmung senkte sich auch wieder. Gegessen hatten wir, getrunken auch, auch geraucht und manches Lied gesungen, auch waren wir müde, und da es 10 Uhr geworden war, so durften wir wol an unsere Nachtruhe denken. Dieselbe zu finden war aber nicht so leicht. Zunächst mußten unsere Kleidungsstücke in die Hütte geschafft werden, um sie gegen den starken Nachtthau zu schützen; die Hütte war aber eben nur so groß, daß wir dicht nebeneinander liegend, die Füße gegen die offene Seite gekehrt, gerade Platz fanden. Außerdem war sie aber auch nur so hoch, daß die oben aufgehängten längern Kleidungsstücke beinahe bis auf unsere Gesichter herunterreichten. Nun ging es ans Aufhängen. Die Röcke wurden als Kopfkissen zusammengerollt, die harten Stiefel, die Uhren, Strümpfe und sonstigen Kleidungsstücke an- und aufgehängt. Ich zog mir vorsorglich als Schutz gegen Mosquitostiche meine Segeltuchschuhe wieder an, und als alles fertig war, krochen wir vorsichtig auf unser hartes Lager unter die ausgebreiteten Decken und unter die hängende Garderobe, von welcher im Laufe der Nacht noch manches Stück herunterfiel, das dann von einem zum andern geworfen wurde, bis es in irgendeinem Winkel Ruhe fand. Zu beiden Seiten unserer Hütte am Seeufer loderte je ein großes Feuer, um welche die Eingeborenen sich gelagert hatten und die sie während der ganzen Nacht unterhielten, um sich daran zu wärmen.
Flußübergänge und braune Eingeborene mit müden Europäern auf ihren Rücken; lodernde Feuer und zerschlagene Glieder; von den Feuern beschienen kriechen ungeheuerliche Aale aus dem schwarzen See und verschlingen das für uns bereitete Mahl, während ihnen nachfolgende rothe Hummer und Krebse sich am Strande ordnen und einen Reigen tanzen, vive la, vive la, hopsasa; einer aus unserer Reihe dreht sich im Schlafe um und bringt alle in Bewegung, sodaß mancher wähnt, den steilen Wasserfall hinuntergestoßen zu werden; Mosquitostiche und herunterfallende Stiefel; festgehalten im tiefen Schlamm; wunderbar großartige Nachtscenerie vor unsern Augen!
Was ist Wahrheit, was ist Traum? Alles vermischt sich, bis auch diese Bilder schwinden und ein fester Schlaf uns bis zum ersten Tagesgrauen umfangen hält.
Fröstelnd suchen wir unsere steifen Glieder zusammen und greifen nach unserm Eigenthum. Doch das ist leichter gesagt wie gethan. Schon am Abend wurden die Sachen wol größtentheils vertauscht und alles, was während der Nacht heruntergefallen ist, muß aus den verschiedenen Winkeln oder außerhalb zusammengesucht werden. Die Stiefel sind in einem Zustande, daß sie kaum über gesunde Füße zu ziehen sind, sie aber über die von Mosquitostichen verschwollenen Füße zu ziehen, muß nach den Gesichtern der Aermsten fürchterlich sein. Unsere weißen Kleidungsstücke sind braun vom Lehm, braun und grün vom Pflanzensaft, hier und da auch zerrissen. Alle Sachen natürlich ohne Stärke und zerknittert. Wir sehen geradezu fürchterlich aus, doch es hilft uns nichts, zurück müssen wir doch.
Nach einem kurzen, die Lebensgeister auffrischenden Frühstück nahmen wir Abschied von dem von den ersten Sonnenstrahlen beschienenen, ernst dreinschauenden See Waihiria und seiner großartigen Umgebung und machten uns gegen 7 Uhr auf den Rückweg, von dem ich nicht viel erzählen will. Die ganze Gesellschaft hielt jetzt zusammen, auch die Gepäckträger blieben bei uns. Der Stabsarzt stieg nicht mehr nach jedem Flußübergang von seinem Pferde ab, sondern blieb bis zum Gasthaus gemächlich im Sattel sitzen. Der Consul und ich zogen es vor, da unser Schuhzeug dies erlaubte, auf unsern eigenen Füßen durch den Fluß zu gehen und bedienten uns nur an den gefährlichern Stellen der Hand unserer Führer. Die kleine Frau, welche wieder die Führung übernommen hatte, schien sich für verpflichtet zu halten, die müden Europäer an den lichteren Stellen etwas aufzumuntern, wenigstens sah sie sich dann immer nach uns um und nickte uns freundlich zu. In verhältnißmäßig schnellem Schritt wurde der Weg zurückgelegt, sodaß wir schon gegen 9½ Uhr in dem Gasthaus anlangten. Dort wuschen wir uns, zogen frische Kleider an, frühstückten, nahmen Abschied von den reichbeschenkten braven Tahitiern und fanden in den bequemen Wagen unsere gute Laune wieder, welche an diesem Tage noch nicht zum Durchbruch gekommen war. Der Rückweg wurde ebenso wie der Hinweg gemacht, und um 5 Uhr abends waren wir wieder auf unserm Schiff.
Um 7 Uhr fand ich mich im Hause unsers Consuls ein, wo bereits die junge Königin von Tahiti, deren Bekanntschaft ich hier machen sollte, anwesend war. Sonst war niemand geladen.
Die Königin, welcher nach Bestimmung der französischen Regierung das Prädicat „Majestät“ zusteht, ist eine stattliche, imponirende Gestalt, über 1,80 m groß und zählt zur Zeit 18 Lebensjahre. Sie wurde, noch nicht 15 Jahre alt, im Januar 1875 mit dem damaligen Erbprinzen, jetzigen König von Tahiti, vermählt; doch dürfte diese Verbindung nur eine leere Form geblieben sein, da der Gemahl, welcher ein wunderlicher Herr zu sein scheint, sich gleich nach der Trauung auf eine seiner Besitzungen auf das Land zurückgezogen haben soll, um dort in sehr zweifelhafter Gesellschaft sein bisheriges Leben fortzusetzen. Er kommt nur zur Stadt, wenn er sich aus Repräsentationsrücksichten mit der Königin zusammen zeigen muß. Die letztere bewohnt daher, nur von ihrem weiblichen Hofstaat umgeben, das Stadtpalais allein. Die Königin hat ihre Erziehung in Sydney genossen, spricht englisch und französisch, ist ziemlich belesen, gewandt in der Unterhaltung und scheint eine liebenswürdige Dame von heiterm Gemüth zu sein.
Der Abend verlief sehr angenehm und fand uns alle in so behaglicher Stimmung, daß ich auch einigen Stadtklatsch zu hören bekam und dabei gleichzeitig erfuhr, wie die hiesigen Damen sich für die fehlende Zeitung Ersatz zu schaffen wissen. Für diese tritt der mündliche Bericht ein, und die Börse hierfür ist der allmorgendlich stattfindende Markt. Die Damen schicken ihre eingeborenen Verwandtinnen oder Vertraute dorthin, alle Begebenheiten von Bedeutung werden ausgetauscht und jede Familie erfährt beim ersten Frühstück schon, was sich in der Stadt und auf dem Lande in den letzten 24 Stunden zugetragen hat. Dies geht so weit, daß mir aus dieser Quelle auch für mich wichtige politische Nachrichten aus dem Hause des Gouverneurs zuflossen, welche von Einfluß auf meinen Besuch der Gesellschafts-Inseln wurden. Der Markt soll aus diesem Grunde das bewegteste Bild in Papeete bieten, und ich bedauerte es sehr, dies nicht früher gewußt zu haben, weil ich zu einem derartigen Besuch keine Gelegenheit mehr fand. Ich hatte es mir bei meinen frühern Reisen stets zum Grundsatz gemacht, den Markt nie zu versäumen, weil man hier immer Interessantes sieht, hier in Papeete hatte ich aber nichts erwartet.
Ehe wir uns trennten, sprach die Königin noch den Wunsch aus, unser Schiff zu sehen, machte aber zur Bedingung, daß sie nur als Tante unserer liebenswürdigen Wirthin empfangen würde, daß ferner der Besuch in die Abendzeit fallen müsse und über denselben vorher nicht gesprochen werden dürfe, weil der französische Gouverneur ihr sonst auf irgendeine Weise die Ausführung dieses Wunsches unmöglich machen würde. Was der Gouverneur nachher etwa zu sagen beliebte, sei ihr gleichgültig. Da unsere Abreise für den 1. Juni morgens festgesetzt war, so blieb nur der nächste Abend zur Verfügung, und ich versprach der Dame, sie 7 Uhr abends mit ihren Verwandten vom Lande abzuholen.
Der heutige Tag, 31. Mai, gehört den Geschäften.
Wie ich schon angedeutet habe, beabsichtigt die Société commerciale de l'Océanie ihren Wohnsitz nach der unabhängigen Insel Raiatea zu verlegen, sowol um den übermäßigen Steuern, Zöllen und Hafenabgaben in Papeete, wie namentlich den unwürdigen Plackereien durch die französischen Machthaber zu entgehen. Diese Absicht ist nicht nur den Franzosen, sondern auch weitern Kreisen bekannt, da mir schon in Panama der Commandant eines amerikanischen Kriegsschiffs erzählt hatte, daß die bisher auf Tahiti ansässig gewesenen Deutschen wegen der seitens der Franzosen gegen die dort lebenden Ausländer getroffenen Maßregeln ihren Wohnsitz nach den unabhängigen Inseln der Gesellschafts-Gruppe verlegt hätten. Im übrigen hat das deutsche Haus seine Absicht auch schon zum Theil ausgeführt, die Waarenlager bereits nach Raiatea verlegt und hofft innerhalb einiger Monate seine ganze Geschäftsthätigkeit dort concentriren zu können. Die unter deutscher Flagge zwischen den Inseln fahrenden kleinern Schiffe löschen und laden bereits auf Raiatea, ebenso laufen die zwischen Hamburg und hier fahrenden großen Schiffe diesen Hafen und nicht mehr Papeete an. Erwähnt sei hier noch, daß die Gesellschafts-Inseln, von welchen Raiatea, Huheine und Bora-Bora (auch Bola-Bola genannt) die bedeutendsten sind und gesonderte selbständige Staatswesen bilden, in unmittelbarer Nähe von Tahiti, d. h. nur etwas über 100 Seemeilen davon entfernt, liegen und die Franzosen früher versucht haben, auch diese in ihre Machtsphäre einzuschließen. Als sie indeß durch Waffengewalt von Huheine vertrieben wurden, legte sich England ins Mittel, und es kam dann zwischen England und Frankreich ein Vertrag zu Stande, welcher den Gesellschafts-Inseln ihre Unabhängigkeit garantirte.
Die Franzosen brachten nun jedenfalls die Anwesenheit der zufällig hierhergekommenen „Ariadne“ mit den Maßnahmen des deutschen Hauses in Zusammenhang und befürchteten zweifellos, daß Deutschland sich in ihrer unmittelbaren Nähe festsetzen wolle, daß unser Schiff den Auftrag habe, von den Gesellschafts-Inseln Besitz zu ergreifen. In Papeete konnte man wenigstens aus jedem Munde hören, daß das deutsche Kriegsschiff zu diesem Zwecke hierhergekommen sei. Der Gouverneur hielt sich nun wol für verpflichtet, Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, welche mich wieder zwangen, gerade das zu thun, was den Franzosen unbequem war und woran ich vorher gar nicht hatte denken können, weil ich nur das Streben hatte, möglichst schnell nach Apia zu kommen und daher auch die Forderung der deutschen Gesellschaft, zu ihrem Schutze die Gesellschafts-Inseln anzulaufen, anfänglich abgeschlagen hatte. Als ich aber durch die Marktzeitung erfuhr, daß das hier stationirende französische Kriegsschiff den Auftrag erhalten habe, zwei Tage vor meiner bereits bekannten Abreise von Papeete nach den Gesellschafts-Inseln zu gehen, um die Eingeborenen gegen die Deutschen aufzuwiegeln und ihnen mitzutheilen, daß in den nächsten Tagen ein deutsches Kriegsschiff kommen würde, um ihnen ihr Land wegzunehmen, daß die Franzosen ihnen aber beistehen und im Verein mit England und Nordamerika die Deutschen wieder vertreiben würden, wurde ich unschlüssig. Nachdem nun das französische Kriegsschiff gestern wirklich Papeete verlassen hat und heute von Huheine auch bereits durch ein besonders abgeschicktes Segelschiff an das deutsche Haus die verbürgte Nachricht gelangt ist, daß der Franzose dort war und die ganze Insel in Aufruhr sei, um sich mit Waffengewalt unserm Eindringen zu widersetzen, blieb mir keine Wahl. Ich mußte nun die Inseln anlaufen, sowol um die böswilligen Gerüchte zu zerstreuen, wie auch um durch Machtentfaltung die herrschende Aufregung zu bändigen und die heißblütigen Eingeborenen vor Gewaltthätigkeiten gegen Deutsche zu bewahren.
Da ferner Herr und Frau G. sich bereit erklärt hatten, die auf acht Tage veranschlagte Reise als meine Gäste auf der „Ariadne“ mitzumachen, so konnte ich, da die genannte Dame mit den regierenden Familien nahe verwandt ist und als tahitische Prinzessin mit dem Titel einer „Prinzessin der Bienen“ unter den Eingeborenen der ganzen Gruppe ein hohes Ansehen genießt, dieselbe auch im Stande war, die etwas zweifelhaften Dolmetscher zu controliren, darauf rechnen, die gestellte Aufgabe in glatter Weise zu lösen. Schließlich war es mir noch gelungen, den deutschen Capitän eines kleinen in Papeete liegenden Schiffes, welcher schon seit vielen Jahren zwischen diesen Inseln fährt, als Lootsen zu erhalten.
Während des Nachmittags wurde auf der „Ariadne“ für den Besuch der Königin ein Zelt aufgeschlagen und dasselbe mit Flaggen, Laub, sowie allen verfügbaren Lampen und Laternen decorirt. Nach dem Vorschiff zu blieb es offen, um unserer Mannschaft auch Gelegenheit zu geben, die Königin von Tahiti zu sehen.
Abends 7 Uhr, nach Eintritt vollkommener Dunkelheit, wurden die Königin, Herr und Frau G. nebst deren Gepäck und Diener, da diese Herrschaften wegen unsers frühen Aufbruchs am nächsten Tage schon diese Nacht an Bord bleiben sollten, abgeholt. Auf dem Deck waren bequeme Sitzgelegenheiten geschaffen und die Offiziere hatten, da ich mich um das Arrangement nicht hatte bekümmern können, für die Bewirthung gesorgt. Die Königin trug die wenig kleidsame tahitische Nationaltracht, ein langes, faltenreiches, gürtelloses Gewand von schwerem schwarzen Atlas und einige Blumen im Haar. Das Kleid wurde vorn durch eine reiche Brillantbrosche, welche ein Hochzeitsgeschenk des damaligen Präsidenten der französischen Republik sein soll, geschlossen. Als die Dame, uns alle überragend, in der Mitte des bunten Zelts im vollen Lichtschein stehend, wohlgefällig Umschau hielt, um das zu ihren Ehren getroffene Arrangement zu betrachten, war sie in ihrer einfachen schwarzen schillernden Kleidung eine entschieden hoheitsvolle Erscheinung.
Es wurden verschiedene Erfrischungen gereicht, die Musik spielte einige Stücke und gegen 9 Uhr geleitete ich im Verein mit Herrn und Frau G. die Königin wieder ans Land, wo sie von einigen Dienerinnen und Dienern erwartet wurde. Herr und Frau G. machten es sich in meiner Kajüte bequem, während ich ein anderweites Unterkommen für die Zeit gefunden hatte.
Am 1. Juni morgens mit Tagesanbruch verließ unser Schiff Papeete wieder und zwar hoffentlich auf Nimmerwiedersehen, da das Anlaufen französischer Häfen für ein deutsches Kriegsschiff sogar in der Südsee eine wenig angenehme Sache ist.
Unser Weg führte uns zunächst nach der Insel Morea, auch Eimeo genannt, wo ich einen nur kurzen Aufenthalt von wenigen Stunden nehmen wollte, um im Anschluß daran während der Nacht nach Huheine zu laufen.
Wegen der Erregung in den Gemüthern der Eingeborenen von Huheine hielt ich es für zweckmäßig, nicht abends, sondern erst am nächsten Vormittag bei guter Zeit dort einzutreffen, und so konnte ich den heutigen Tag gar nicht besser zubringen, als unter Segel nach Morea zu laufen und es der Gunst des Windes zu überlassen, wie lange unser Aufenthalt dort währen solle. Unser Ziel war Taloo-Hafen, von den Franzosen jetzt Papetoaï genannt, wo bei dem Dorfe Oponu die einzige auf dieser Insel befindliche und Herrn G. gehörige Plantage liegt. Nebenbei wünschte der Herr auch meiner Mannschaft einige Tausend Apfelsinen, welche dort gerade geerntet waren und nach San-Francisco verschifft werden sollten, zu schenken, ein Geschenk, welches ich gern annahm.
Um 9½ Uhr waren wir vor der Hafeneinfahrt angelangt und hatten von hier aus einen außerordentlich schönen Blick auf die eigenartig gestaltete Insel. Die beiden geradlinig und annähernd parallel nach dem Innern laufenden, mäßig hohen Ufer fallen ziemlich steil nach dem Wasser ab, sind dicht belaubt und wirken mit ihren tiefen Farbentönen, im Gegensatz zu dem hellen Hintergrund, wie die Seitencoulissen auf der Bühne. Den Hintergrund bildet eine im vollen Sonnenschein liegende, sanft ansteigende und sich weit nach rückwärts erstreckende Ebene, welche durch eine hellgrau schimmernde und heiß flimmernde, 900 m hohe, felsige Gebirgswand von merkwürdig zerrissenen und gekünstelten Linien begrenzt wird. Am Fuße dieser Wand liegt links das Dorf Opuno, in der Mitte vor seinem Anker ein großes Segelschiff mit der deutschen Flagge an der Gaffel, und zur Rechten sieht man die Plantage mit ihren Gebäuden.
Als wir unter Dampf in dieses Bühnenbild hineinfuhren, hatte ich die Empfindung, als ob ich mich nach den Zuschauern unserer Gastvorstellung umsehen müsse.
Kurz nach 10 Uhr vormittags kamen wir zu Anker und setzten 5 Uhr abends unsere Reise weiter fort.