Chlobujew versetzte: „Sehr gern, Afanassij Wassiljewitsch.“
Der alte Herr verabschiedete sich und ging hinaus. „Mir wirbelt’s förmlich im Kopfe,“ sagte Tschitschikow „wenn ich daran denke, daß dieser Mensch ganze zehn Millionen hat. Das ist einfach unmöglich!“
„Ja, das gehört sich in der Tat nicht,“ bemerkte Wyschnepokromow; „die Kapitale sollten nicht in der Hand Einzelner konzentriert sein. Das ist ein Gegenstand, über den in Europa sehr viel geschrieben wird. Wenn du Geld hast, mußt du es auch mit den andern teilen: mache Geschenke, gib Bälle, entwickele einen wohltätigen Luxus, bei dem die Arbeiter und Handwerker etwas verdienen.“
„Das kann ich gar nicht verstehen!“ wiederholte Tschitschikow. „Zehn Millionen! Und dabei lebt er wie ein gewöhnlicher Bauer! Hol’s der Teufel, was kann man nicht alles mit zehn Millionen anfangen! Da kann man ein Leben beginnen. Nur Fürsten und Generäle sollten bei mir verkehren!“
„Jawohl,“ bemerkte der Kaufmann, „das ist in der Tat keine gebildete Art. Wenn ein Kaufmann Ehrenbürger ist, dann ist er eben nicht mehr Kaufmann sondern gewissermaßen schon Negoziant. Dann muß ich mir auch eine Loge im Theater halten, und kann meine Tochter doch keinem einfachen Oberst mehr zur Frau geben. Nein, dann müßte schon mindestens ein General kommen, einem andern geb ich sie einfach nicht. Was ist mir ein Oberst? Und mein Essen bestellte ich beim Konditor und nicht bei einer gewöhnlichen Köchin ...“
„Da ist doch jedes Wort überflüssig!“ sagte Wyschnepokromow. „Mit zehn Millionen kann man vieles anfangen. Geben Sie mir nur die zehn Millionen, Sie sollen schon sehen, was ich damit beginne!“
„Nein,“ dachte Tschitschikow: „bei dir wären die zehn Millionen schlecht aufgehoben. Wenn ich dagegen ein solches Sümmchen hätte, ich wüßte sie in der Tat gut anzulegen.“
„Ja, wenn ich zehn Millionen besäße,“ dachte Chlobujew, „dann wäre ich nicht so töricht wie früher, ich würde sie nicht so sinnlos vergeuden. Nachdem man so schreckliche Erfahrungen gemacht hat, kennt man den Wert jeder Kopeke. Ja, jetzt würde ich es ganz anders anfangen ...“ Aber gleich darauf wurde er nachdenklich und legte sich innerlich die Frage vor: „Würde ich das Geld jetzt wirklich vernünftiger anlegen?“ dann machte er eine hoffnungslose Gebärde und fügte hinzu: „Kein Gedanke! Ich glaube, ich würde es ebenso ausgeben wie früher.“ Damit verließ er den Laden und begab sich zu Murasow, höchst gespannt darauf, was dieser ihm mitzuteilen habe.
„Ich erwartete Sie!“ sagte Murasow, als er Chlobujew eintreten sah. „Bitte, kommen Sie doch in mein Zimmer.“ Und er führte Chlobujew in das Stübchen, welches der Leser bereits kennen gelernt hat. Selbst ein Beamter, der jährlich nur 700 Rubel Gehalt bezieht, könnte in keinem schlichteren und unscheinbareren Stübchen hausen.
„Sagen Sie bitte, Ihre Verhältnisse haben sich doch gebessert? Ich glaube, Ihre Tante hat Ihnen etwas hinterlassen?“
„Was soll ich Ihnen sagen, Afanassij Wassiljewitsch? Ich weiß nicht, ob sich meine Verhältnisse wirklich gebessert haben. Ich habe bloß fünfzig Bauern und dreißigtausend Rubel geerbt; damit muß ich einen Teil meiner Schulden bezahlen, und dann behalte ich so gut wie nichts übrig. Was aber die Hauptsache ist, die Geschichte mit diesem Testament ist nicht ganz sauber. Es sind da allerhand Betrügereien vorgekommen, Afanassij Wassiljewitsch! Ich will Ihnen alles erzählen, Sie werden sich wundern, was für Dinge in der Welt passieren. Dieser Tschitschikow ...“
„Erlauben Sie, Peter Petrowitsch, bevor wir von diesem Tschitschikow reden, möchte ich zuerst von Ihnen selber sprechen. Sagen Sie mir bitte, wieviel Geld hätten Sie wohl nötig, um wieder in geordnete Verhältnisse hineinzukommen? Was denken Sie wohl?“
„Um meine Verhältnisse zu ordnen, und ein ganz bescheidenes Leben beginnen zu können — dazu brauche ich mindestens hunderttausend Rubel, wenn nicht noch mehr.“
„Nun und wenn Sie dieses Geld hätten, was würden Sie dann wohl anfangen?“
„Ich würde mir eine kleine Wohnung mieten und mich der Erziehung meiner Kinder widmen, ich kann doch nicht mehr in den Staatsdienst eintreten. Ich bin ja zu nichts mehr zu gebrauchen.“
„Warum sind Sie zu nichts zu gebrauchen?“
„Ja was könnte ich denn beginnen? Sagen Sie selbst, ich kann doch nicht wieder als Bureauschreiber anfangen. Sie vergessen, daß ich Familie habe. Ich bin schon über die Vierzig, leide an Kreuzschmerzen und bin träge und müde geworden. Und eine bessere Stelle werde ich doch nicht erhalten; dazu bin ich zu schlecht angeschrieben. Ich muß Ihnen übrigens gestehen, ich würde auch keine Stellung annehmen, wo es was zu verdienen gibt. Ich bin zwar ein schlechter Kerl und ein Spieler, aber Geldgeschenke würde ich nicht nehmen. Alles andre, nur nicht dies. Mit diesem Krasnonossow und Samosistow würde ich mich nicht vertragen.“
„Verzeihen Sie, aber ich kann trotzdem nicht begreifen, wie man leben kann, wenn man kein Ziel, wenn man keinen Weg vor Augen hat; man kann doch nicht weiterfahren, wenn man keinen Boden unter den Füßen hat; man kann doch das Wasser nicht ohne Kahn durchschiffen. Das Leben ist eben eine Reise. Entschuldigen Sie, Peter Petrowitsch, aber die Leute, von denen Sie da reden, haben doch wenigstens einen Weg vor sich, sie sind tätig und arbeiten zum mindesten. Freilich sind sie vom rechten Wege abgekommen, wie das uns sündigen Menschen wohl passieren kann; aber wir wollen hoffen, daß sie sich wieder zurecht finden werden. Wer nur vorwärts marschiert, — muß schließlich das Ziel erreichen, man braucht die Hoffnung nicht aufzugeben, daß er wieder auf den rechten Weg hinauskommt. Wie aber soll einer den Weg finden, der müßig dahinlebt. Der Weg kommt doch nicht selbst zu uns.“
„Glauben Sie mir, Afanassij Wassiljewitsch, ich fühle, wie recht Sie haben .... aber ich sage Ihnen, in mir ist jeder Trieb zur Tätigkeit erstorben. Ich sehe nicht, daß ich noch jemandem in der Welt von Nutzen sein könnte. Ich fühle, ich bin nichts wie ein unnützer Holzklotz. Früher, als ich noch jünger war, da schien es mir, daß alles vom Gelde abhänge, daß, wenn ich bloß ein paar Hunderttausende in der Hand hätte, ich alle Menschen glücklich machen könnte. Ich wollte arme Künstler unterstützen, Bibliotheken einrichten, allerhand nützliche Institutionen gründen und Sammlungen anlegen. Ich bin nicht ohne Geschmack und weiß, daß ich das Geld besser zu verwenden wüßte, als die meisten reichen Leute, die nichts Vernünftiges zuwege bringen. Jetzt sehe ich jedoch, daß auch dies eitel ist und wenig Wert hat. Nein, Afanassij Wassiljewitsch, ich tauge nichts mehr, gar nichts mehr, das können Sie mir glauben. Ich bin zu nichts mehr fähig.“
14. Hier schließt der Text des späteren Entwurfs. Die neuere Fassung dieser Stelle hängt in der Handschrift nicht mit der ursprünglichen zusammen. Daher mußte der ursprüngliche Text bis zu der Stelle reproduziert werden, die keiner weiteren Überarbeitung unterzogen wurde.
Variante der andern Fassung.
„Hören Sie, Peter Petrowitsch, Sie gehen doch auch in die Kirche, um zu beten; ich weiß es, Sie versäumen keine Früh- noch Abendmesse. Sie stehen nicht gern früh auf, und doch tuen Sie es und gehen — schon um 4 Uhr zum Gottesdienst, wenn noch alle Leute schlafen.“
„Das ist etwas ganz andres, Afanassij Wassiljewitsch. Das tue ich um meines Seelenheiles willen, denn ich bin überzeugt, daß ich damit mein müßiges Leben mindestens ein klein wenig wieder gut mache. So widerwärtig ich mir selbst bin, ein so schlechter Kerl ich auch sein mag, ich hoffe doch, daß ein demütiges Gebet und eine gewisse Selbstüberwindung Gott wohlgefällig sind. Ich will Ihnen gestehen, ich bete ohne Glauben, aber ich bete dennoch. Ich fühle bloß, daß es einen Herrn gibt, von dem alles abhängt; so erkennt auch das Pferd und das Vieh seinen Herrn, der über sie gebietet.“
„Sie beten also zu dem, dem Sie wohlgefällig sein wollen, weil Sie um das Heil Ihrer Seele besorgt sind, und das gibt Ihnen Kraft und veranlaßt Sie so früh aufzustehen. Glauben Sie mir, wenn Sie mit derselben Energie Ihrem Berufe nachgehen wollten, wie Sie Ihm dienen, zu dem Sie beten, Sie würden bald eine Tätigkeit finden, und kein Mensch in der Welt könnte Ihre Begeisterung dämpfen.“
„Afanassij Wassiljewitsch. Ich muß wiederholen, das ist was ganz andres. Im ersten Falle sehe ich doch, daß ich handele. Ich sage Ihnen, ich bin bereit, in ein Kloster zu gehen, ich will die schwersten Lasten tragen, die man mir auferlegt, und die härtesten Arbeiten tun, denn dort werde ich wissen, für wen ich mich mühe. Da brauche ich nicht nachzudenken und zu grübeln. Dort bin ich überzeugt, daß die für mich Rechenschaft ablegen werden, die mir sagen, was ich zu tun habe. Dort habe ich mich zu unterwerfen, und ich weiß, daß ich mich Gott unterwerfe.“
„Ja, aber warum denken Sie denn in weltlichen Dingen nicht ebenso? Wir sollen doch auch in der Welt Gott dienen und keinem andern. Und wenn wir einem andern dienen, so tuen wir es auch nur deswegen, weil wir überzeugt sind, daß Gott selbst es so will; ohne das könnten wir niemandem dienen. Was sind denn all unsere Gaben und Fähigkeiten, die bei jedem anders geartet sind? Das sind doch nur Werkzeuge unseres Gottesdienstes: in Worten oder Taten. Sie können doch nicht ins Kloster gehen; Sie sind an die Welt gewöhnt und haben Familie!“
Murasow schwieg. Auch Chlobujew sagte kein Wort.
„Sie glauben also, Sie könnten Ihr Leben auf eine feste Grundlage stellen und von nun ab vernünftiger und sparsamer wirtschaften, wenn Sie zweihunderttausend Rubel hätten?“
„Das heißt, ich würde wenigstens eine Tätigkeit haben, der ich gewachsen bin — ich würde mich der Erziehung meiner Kinder widmen, und ich hätte die Möglichkeit, ihnen tüchtige Lehrer zu halten.“
„Soll ich Ihnen etwas sagen, Peter Petrowitsch! Nach zwei Jahren werden Sie wieder ganz tief in Schulden stecken, wie in einem Netz.“
Chlobujew schwieg eine Weile still und sagte dann gedehnt: „Aber nach den Erfahrungen, die ich ....“
„Ach, da ist doch kein Wort zu verlieren!“ fiel Murasow ein. „Sie haben ein gutes Herz, Ihre Freunde werden zu Ihnen kommen und Sie um Geld bitten — Sie werden es ihnen ja doch nicht abschlagen können; wenn Sie einen armen Mann sehen, werden Sie ihm helfen; wenn ein Freund zu Ihnen kommt, werden Sie ihn recht gut bewirten wollen und sich jeder menschenfreundlichen Regung hingeben. Ihren Vorteil und das Rechnen aber werden Sie dabei vergessen. Und schließlich lassen Sie mich Ihnen noch in aller Aufrichtigkeit das eine sagen: Sie sind ja garnicht imstande, Ihre Kinder gut zu erziehen. Seine Kinder kann nur ein Vater erziehen, der seine Pflicht schon erfüllt hat. Und Ihre Frau ... sie hat ja ein gutes Herz ... aber sie ist selbst nicht so erzogen, um Kinder erziehen zu können. Ich frage mich sogar — Sie entschuldigen mich doch, Peter Petrowitsch — ob es Ihren Kindern nicht am Ende schaden könnte, stets mit Ihnen zusammen zu sein!“
Chlobujew war nachdenklich geworden; er prüfte sich in Gedanken nach allen Richtungen und hatte schließlich das Gefühl, daß Murasow nicht ganz unrecht hatte.
„Wissen Sie was, Peter Petrowitsch! Überlassen Sie mir Ihre Kinder und die Ordnung Ihrer Verhältnisse, verlassen Sie Ihre Familie und Ihre Kinder, ich will schon für sie sorgen. Ihre Verhältnisse sind doch gewissermaßen so, daß Sie ganz in meiner Hand sind; Sie sind doch nahe am Verhungern. Hier gilt es einen Entschluß zu fassen. Kennen Sie Iwan Potapytsch?“
„Gewiß, und ich verehre ihn sehr, trotzdem er in einer Joppe herumläuft.“
„Iwan Potapytsch war Millionär, seine Töchter heirateten lauter Beamte, und er lebte wie ein Fürst. Aber er machte Bankrott — und da blieb ihm eben nichts andres übrig, als ein gewöhnlicher Kommis zu werden. Es wurde ihm wirklich nicht leicht, aus einer einfachen Schüssel zu essen, ihm, der an silberne Teller gewöhnt war, und die Hände wollten nicht recht arbeiten, denn sie hatten es nicht gelernt. Sehen Sie, jetzt könnte Iwan Potapytsch wieder aus silbernen Schüsseln essen, aber nun will er es selbst nicht. Er hat sich wieder genug zusammengespart, aber er sagt: ‚Nein, Afanassij Wassiljewitsch, jetzt diene ich nicht mehr mir selber, sondern Gott. Ich mag jetzt nichts mehr um meiner selbst willen tun. Ich gehorche Ihnen, weil ich Gott gehorchen will und nicht den Menschen, und da Gott nur durch den Mund der besten Menschen zu uns spricht. Sie sind klüger als ich, und daher bin nicht ich dafür verantwortlich, sondern Sie.‘ — Sehen Sie, so denkt Iwan Potapytsch, und doch ist er, wenn ich ehrlich sein soll, viel, viel klüger als ich.“
„Afanassij Wassiljewitsch, ich will ja gern Ihre Überlegenheit anerkennen ... ich will gern Ihr Diener sein, und alles tun, was Sie wollen, ich gebe mich ganz in Ihre Hände. Aber legen Sie mir keine Last auf, die ich nicht tragen kann: ich bin kein Potapytsch, und ich sage Ihnen, daß ich zu nichts Gutem mehr tauge.“
„Ich werde Ihnen nichts auferlegen, Peter Petrowitsch, aber da Sie doch nun einmal Gott dienen wollen — da haben Sie ein Gott wohlgefälliges Werk! Es wird hier eine Kirche gebaut, das Geld dazu muß durch freiwillige Spenden frommer Menschen aufgebracht werden. Leider fehlt es an Mitteln, sie müssen durch eine Sammlung herbeigeschafft werden. Ziehen Sie einen einfachen Pelz an — Sie sind doch jetzt ein schlichter Mensch — ein verarmter Edelmann — und so gut wie ein Bettler, was brauchen Sie sich zu schämen? — nehmen Sie das Kassenbuch in die Hand, besteigen Sie einen einfachen Bauernwagen und besuchen Sie alle Städte und Dörfer der Umgegend. Der Archierei[15] wird Ihnen seinen Segen geben und Ihnen das Kassenbuch aushändigen. Nehmen Sie es und ziehen Sie mit Gott!“
Peter Petrowitsch war sehr erstaunt über die völlig neue Tätigkeit, die ihm hier vorgeschlagen wurde. Er war doch immerhin ein Mann von altem Adel und sollte sich jetzt in einem Bauernwagen durchrütteln lassen und mit dem Buche durch Städte und Dörfer ziehen, um Geld für die Kirche zu sammeln! Aber er konnte nicht mehr zurück, er konnte sich der Sache nicht mehr entziehen. War es doch ein von Gott gewolltes Werk!
„Sie überlegen noch?“ fragte Murasow, „Sie werden damit einen doppelten Dienst leisten: Gott und mir.“
„Ihnen?“
„Das will ich Ihnen gleich sagen. Sie werden in Gegenden kommen, wo ich noch nicht war, und werden dort an Ort und Stelle alles erfahren: wie die Bauern leben, wo die Leute reicher sind, wo sie Not leiden, und wie überall die Verhältnisse liegen. Ich will Ihnen gestehen, ich liebe die Bauern von ganzem Herzen, vielleicht deshalb, weil ich selbst von Bauern abstamme. Die Sache ist nämlich die, es haben sich da schlimme Dinge unter ihnen verbreitet. Allerhand Herumtreiber und Sektierer suchen sie zu verführen und gegen die Obrigkeit aufzureizen, und wenn ein Mensch Not leidet, dann lehnt er sich so leicht auf. Als ob es eine so schwere Sache ist, einen Menschen unzufrieden zu machen, der sich in einer bedrängten Lage befindet. Aber das ist es ja gerade, die Hilfe und Strafe darf nicht von unten kommen. Es wäre schlimm, wenn man sich sein Recht mit den Fäusten erkämpfen wollte, daraus kann nichts Gutes entstehen; dabei haben nur die Diebe und Räuber den Vorteil. Sie sind ein kluger Mensch, Sie werden alles gründlich studieren und in Erfahrung bringen, wo ein Mensch wirklich Not leidet, wo andre ihn bedrücken, und wo sein eigner unruhiger Charakter die Schuld trägt. Und dann, wenn Sie wiederkommen, werden Sie mir alles ganz genau erzählen. Ich will Ihnen auf jeden Fall eine kleine Summe mitgeben, die Sie unter die verteilen mögen, die wirklich und unschuldigerweise Not leiden. Es wird auch gut sein, wenn Sie sie mit Worten trösten und es ihnen recht klar machen, es sei Gottes Wille, daß wir unsere Bürde ohne Murren tragen, zu ihm beten, wenn wir unglücklich sind und nicht toben, uns nicht auflehnen und uns nicht selbst zu unserem Rechte verhelfen. Mit einem Worte, reden Sie ihnen gut zu, ohne sie gegen jemand aufzuwiegeln, und lehren Sie sie, ihr Los geduldig ertragen. Wo Sie aber Haß und Zorn gegen jemand finden, da nehmen Sie all Ihre Kräfte zusammen.“
„Afanassij Wassiljewitsch! Das Amt, das Sie mir übertragen wollen, ist ein heiliges Amt,“ sagte Chlobujew. „Dies ist ein heiliges Werk! Bedenken Sie, wen Sie damit betrauen. Man kann es nur einem Menschen übertragen, der selbst gewissermaßen einen heiligen Lebenswandel führt, der es versteht, andern Leuten zu verzeihen.“
„Ich sage ja auch nicht, das Sie dies alles ausführen sollen, tuen Sie, was möglich ist, was in Ihren Kräften steht. Die Sache ist die: Sie werden trotzdem mit einem großen Wissensschatz und einer großen Ortskenntnis zurückkehren, Sie werden genau über die Lage der betreffenden Provinzen orientiert sein. Ein Beamter würde dem Bauern nie persönlich gegenübertreten, und auch der Bauer würde nicht aufrichtig gegen ihn sein. Sie aber, der Sie zu ihm kommen, um Beiträge für die Kirche zu sammeln, — Sie werden überall einen Einblick gewinnen in die Lage des kleinen Mannes, in den Hausstand des Kaufmanns usw., Sie werden Gelegenheit haben, jeden genau nach allem auszufragen. Ich sage Ihnen das, weil der Generalgouverneur solche Leute wie Sie gerade jetzt besonders nötig hat, und Sie können, ganz abgesehen von den bureaukratischen Titeln, eine Stellung erhalten, wo Sie vielen Nutzen stiften werden.“
„Gut denn! Ich will’s versuchen, ich will all meine Kräfte anspannen und mir die größte Mühe geben,“ sagte Chlobujew. Man hörte es seiner Stimme an, daß er wieder Mut und Kraft schöpfte, und er erhob wieder tapfer das Haupt, wie ein Mensch, den eine neue Hoffnung belebt. „Ich sehe, daß Gott Ihnen die rechte Einsicht geschenkt hat. Sie verstehen manche Dinge weit besser, als wir kurzsichtigen Leute.“
„Doch nun möchte ich Sie endlich fragen: Was ist es mit Tschitschikow, und von welcher Angelegenheit sprachen Sie vorhin?“ sagte Murasow.
„Ach Gott, von Tschitschikow kann ich Ihnen geradezu unerhörte Dinge erzählen. Was der alles anstellt ... Wissen Sie auch, Afanassij Wassiljewitsch, daß das Testament gefälscht ist! Das echte Testament hat sich gefunden. Darnach sind die Pflegetöchter die Erbinnen des ganzen Gutes.“
„Was sagen Sie? Und wer hat das falsche Testament hergestellt?“
„Das ist es ja eben. Es ist eine ganz schmutzige Geschichte. Man sagt: Tschitschikow sei der Verfasser; das Testament sei erst nach dem Tode der Testantin unterschrieben: man hätte ein Weib gefunden, die man verkleidet habe, und die es anstelle der Verstorbenen unterschrieben hat. Mit einem Wort eine ganz häßliche und skandalöse Affäre. Man hat Verdacht, daß auch noch andere Beamte daran beteiligt sind. Man spricht schon überall davon, und der Generalgouverneur soll bereits davon Kunde haben. Man sagt, es seien über tausend Klagen von den verschiedensten Seiten eingelaufen. Die Freier machen sich jetzt schon an Marja Jeremejewna; zwei Beamte liegen sich ihretwegen in den Haaren. Eine widerwärtige Geschichte, Afanassij Wassiljewitsch.“
„Ich habe noch garnichts davon gehört, aber die Sache wird sicherlich nicht ganz sauber sein. Ich muß gestehen, daß dieser Pawel Iwanowitsch Tschitschikow mir eine höchst rätselhafte Persönlichkeit ist,“ sagte Murasow.
„Ich habe meinerseits auch eine Klage eingereicht, um daran zu erinnern, daß es noch einen rechtmäßigen Erben gibt ...“
„Mögen sie sich meinetwegen alle miteinander in den Haaren liegen,“ dachte Chlobujew, als er sich von Murasow verabschiedet hatte. — „Afanassij Wassiljewitsch ist nicht dumm. Er wird sich die Sache wohl überlegt haben, als er mir diesen Auftrag gab. Ich muß ihn eben erfüllen — das ist das Ganze.“ Und er fing schon an, an seine Reise zu denken, während Murasow noch immer in Gedanken wiederholte: „Ein höchst rätselhafter Mensch dieser Pawel Iwanowitsch Tschitschikow! Wer mit dieser Willenskraft und dieser Ausdauer auf ein edles Ziel hinarbeitete! ...“
Nachdem Gogol 1845 das Manuskript des zweiten Teiles der toten Seelen verbrannt hatte, ging er sogleich an die Ausarbeitung eines neuen Planes. Anfang März 1846 war schon ein Teil des zweiten Bandes fertig. In den folgenden Jahren wurde die Arbeit unter mehreren größeren Unterbrechungen fortgesetzt. Juni 1849 las Gogol Frau A. O. Smirnow mehrere Kapitel der neuen Fassung vor. Arnoldi, der einige Male bei diesen Vorlesungen zugegen war, gibt den Inhalt des von ihm Gehörten folgendermaßen wieder (vergl. Kap. 1 und 2 unserer Ausgabe):
„Soweit ich mich erinnere, begann es (das erste Kapitel des zweiten Teils) ein wenig anders; es war überhaupt weit sorgfältiger durchgearbeitet, obwohl der Inhalt derselbe war. Dieses Kapitel schloß mit dem Gelächter des Generals Betrischtschew. Hierauf folgte ein zweites Kapitel, in dem ein Tag im Hause des Generals beschrieben wird. Tschitschikow blieb zum Mittagessen da. An dem Diner nahmen außer Ulinka noch zwei Personen teil: eine Engländerin, die die Rolle einer Gouvernante spielte, und ein Spanier oder Portugiese, der seit unvordenklichen Zeiten und ohne angebbaren Grund auf dem Gute Betrischtschews wohnte. Die Engländerin war eine ältere Jungfrau, ein farbloses, ziemlich häßliches Wesen mit einer großen schmalen Nase und sehr lebhaften Augen. Sie hielt sich kerzengerade, konnte tagelang schweigen und ließ nur ihre Augen mit dem dumm-fragenden Blick beständig nach allen Seiten schweifen. Der Portugiese hieß, soweit ich mich erinnere: Expanton, Chsitendon oder so ähnlich; aber ich weiß bestimmt, daß alle Dienstboten des Generals ihn bloß „Eskadron“ nannten. Er schwieg auch fortwährend, mußte jedoch nach dem Essen eine Partie Schach mit dem General spielen. Während des Diners passierte nichts Außerordentliches. Der General war lustig und scherzte mit Tschitschikow, der einen großen Appetit entwickelte. Ulinka war nachdenklich, ihr Gesicht belebte sich bloß, wenn die Rede auf Tentennikow kam. Nach dem Essen spielte der General eine Partie Schach mit dem Spanier und wiederholte andauernd, während er eine Figur vorschob: „Lieb uns so weiß wie“, worauf Tschitschikow ihn beständig verbesserte: „So schwarz, Exzellenz.“ „Ja, ja,“ sagte der General, „lieb uns so schwarz, wie wir sind, weiß würde uns der Herrgott selbst lieb haben.“ Nach fünf Minuten versprach er sich jedoch abermals und fing wieder an: „Lieb uns so weiß wie“. — Tschitschikow verbesserte ihn aufs neue, und der General wiederholte noch einmal: „Lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß und sauber wären, würde uns auch der Herrgott lieb haben.“ Nachdem der General mehrere Partieen mit dem Spanier gespielt hatte, schlug er Tschitschikow vor, ein paar Partieen mit ihm zu spielen, und auch hier wußte sich Tschitschikow äußerst geschickt aus der Affäre zu ziehen. Er spielte sehr gut, bedrängte und setzte den General mit seinen Zügen in Verlegenheit, verlor aber schließlich doch die Partie: der General war sehr zufrieden, daß er einen so starken Spieler wie Tschitschikow besiegt hatte, und gewann ihn noch mehr lieb. Beim Abschied bat er ihn, sobald als möglich wiederzukehren, und auch Tentennikow mitzubringen. Als Tschitschikow wieder zu Tentennikow kam, erzählte er ihm, wie traurig Ulinka sei, wie sehr der General es bedauere, daß er ihn gar nicht mehr bei sich sähe, wie der General sein Benehmen aufrichtig bereue und sogar bereit sei, ihm zuerst einen Besuch abzustatten und ihn um Verzeihung zu bitten, nur um das Mißverständnis aus der Welt zu schaffen. Das war natürlich alles erfunden. Aber Tentennikow, der sterblich in Ulinka verliebt war, freute sich selbstverständlich, einen Vorwand zu haben und erklärte, wenn die Sache sich so verhalte, werde er es nicht dazu kommen lassen und noch morgen zum General fahren, um ihm mit seinem Besuch zuvorzukommen. Tschitschikow billigt diesen Entschluß, und beide verabreden sich, am folgenden Tage zum General Betrischtschew zu fahren. Am Abend desselben Tages gesteht Tschitschikow Tentennikow, daß er den General angeschwindelt und ihm erzählt habe, daß Tentennikow eine Geschichte der Generäle schreibe. Dieser versteht nicht, wozu Tschitschikow so etwas gesagt habe, und weiß nicht, was er machen soll, wenn der General auf diese Geschichte zu sprechen kommen sollte. Tschitschikow erklärt ihm, er wisse eigentlich selbst nicht, wie ihm dieses Wort entschlüpft sei, aber es sei nun einmal nicht mehr zu ändern, und er bittet ihn, wenn er durchaus nicht lügen könne, doch wenigstens still zu schweigen und die Sache nicht geradezu abzuleugnen, um ihn — Tschitschikow nicht vor dem General zu kompromittieren. Hierauf fahren beide nach dem Gute des Generals. Tentennikow begrüßt den General und Ulinka, und man setzt sich zum Mittagessen. Die Beschreibung dieses Diners war meiner Ansicht nach die schönste Stelle im zweiten Bande. Der General saß in der Mitte, rechts von ihm Tentennikow, links Tschitschikow, neben Tschitschikow Ulinka, neben Tentennikow der Spanier und zwischen dem Spanier und Ulinka — die Engländerin. Der General war sehr zufrieden, daß er sich wieder mit Tentennikow ausgesöhnt hatte, und mit einem Menschen plaudern konnte, der eine Geschichte der vaterländischen Generäle schrieb. Tentennikow war glücklich, weil Ulinka ihm gegenübersaß, mit der er von Zeit zu Zeit einen Blick wechselte. Ulinka war gleichfalls glücklich, weil der Geliebte wieder zu ihnen zurückgekehrt war, und der Vater die alten guten Beziehungen zu ihm wiederhergestellt hatte, und auch Tschitschikow war sehr zufrieden mit seiner Rolle als Mittler in dieser reichen und vornehmen Familie. Die Engländerin ließ ihre Augen frei nach allen Seiten schweifen, der Spanier betrachtete seinen Teller und erhob seinen Blick nur dann, wenn ein neues Gericht aufgetragen wurde. Er suchte sich den besten Bissen aus, und ließ ihn nicht aus den Augen, während die Schüssel längs der Tafel die Runde machte, oder bis sich jemand des guten Bissens bemächtigt hatte. Nach dem zweiten Gange brachte der General das Gespräch auf Tentennikows Werk und erwähnte das Jahr 1812. Tschitschikow zitterte vor Angst und wartete gespannt auf die Antwort. Aber Tentennikow zog sich gewandt aus der Affäre. Er erwiderte, es sei nicht seine Aufgabe, eine Geschichte des Feldzuges, der einzelnen Schlachten und der Personen zu schreiben, die in diesem Kriege eine Rolle gespielt hätten, das Jahr 1812 sei nicht durch die Taten Einzelner bemerkenswert, es gäbe auch ohne ihn genug Geschichtsschreiber, die diese Epoche behandelt hätten, aber man müsse diese Zeit von einer andern Seite ansehen; was sie besonders auszeichne, sei dies, daß das ganze Volk sich wie ein Mann erhoben habe, um das Vaterland zu verteidigen; alle Intrigen, alle kleinlichen Interessen und Leidenschaften seien für eine Zeitlang verstummt; alle Stände hätten sich in dem einen Gefühl der Vaterlandsliebe vereint, jeder wäre bereit gewesen, sein Letztes dahinzugeben und alles für die gemeinsame Sache aufzuopfern. Das sei das Große an diesem Kriege, und das wäre es, was er wohl in einem leuchtenden Bilde festhalten möchte: all diese vielen unbeachteten Heldentaten und diese geheimen und großen Opfer eines Volkes! Tentennikow sprach lange und mit Begeisterung; er war in diesem Augenblick völlig durchdrungen von glühender Liebe zu seinem russischen Vaterlande. Betrischtschew hörte ihm ganz entzückt zu; zum erstenmal hörte er ein so lebendiges, warmes Wort. Eine Träne rollte ihm wie ein reiner Diamant den Schnurrbart hinunter. In diesem Moment war der General sehr schön. Und Ulinka? Sie hing förmlich mit den Augen an Tentennikow, sie schien jedes seiner Worte gierig einzuschlürfen; wie eine herrliche Musik berauschten sie diese Reden, sie liebte, sie war stolz auf ihn. Der Spanier betrachtete seinen Teller noch aufmerksamer als früher und die Engländerin sah alle Anwesenden mit einem dummen und verständnislosen Blick an. Als Tentennikow geendigt hatte, blieb alles eine Zeitlang stumm, alle waren aufs tiefste erschüttert ... Tschitschikow, der gern auch etwas sagen wollte, brach zuerst das Schweigen. „Ja,“ bemerkte er, „1812 herrschte eine furchtbare Kälte!“ — „Es handelt sich hier gar nicht um die Kälte,“ sagte der General und sah ihn sehr streng an. Tschitschikow wurde verlegen. Der General reichte Tentennikow die Hand und dankte ihm herzlich; aber Tentennikow war ganz selig, denn er las Beifall und Anerkennung in Ulinkas Augen, die Geschichte der Generäle war vergessen. Der Tag verlief still und angenehm für alle Beteiligten. — An die nun folgende Anordnung der Kapitel kann ich mich nicht mehr genau erinnern, ich weiß nur noch, daß Ulinka sich nach diesem Vorfall entschloß, mit ihrem Vater ernstlich über Tentennikow zu sprechen. Eines Abends, kurz vor dieser entscheidenden Unterhaltung, besuchte sie das Grab ihrer Mutter um Stärkung in einem Gebet zu finden. Nach dem Gebet betrat sie das Zimmer ihres Vaters, kniete vor ihm nieder und bat ihn um seine Einwilligung zu ihrer Verlobung mit Tentennikow; der General schwankte lange, gab jedoch schließlich seine Zustimmung. Tentennikow wurde herbeigerufen und erfuhr, daß der General einverstanden sei. Dieses geschah einige Tage nach dem Friedensfest. Als Tentennikow die Einwilligung erhalten hatte, ließ er Ulinka einen Augenblick allein und lief ganz außer sich vor Glück in den Garten. Er mußte mit sich allein sein. Das Glück überwältigte ihn! ... Hier folgten bei Gogol zwei herrliche lyrische Seiten. — Ein heißer Sommertag — um die Mittagszeit. Tentennikow sitzt in dem dichten schattenreichen Garten, und rings um ihn herum herrscht eine tiefe heilige Stille. Dieser Garten war wunderbar geschildert; jedes Zweiglein war beschrieben: die glühende Mittagshitze in der Luft, die Grillen im Grase, die vielen schwärmenden Insekten, und endlich Tentennikows Gefühle, des glücklich Liebenden und Wiedergeliebten! — Ich erinnere mich lebhaft, daß diese Beschreibung so wundersam, so voller Kraft, Farbe und Poesie war, daß mir das Herz vor Erregung stille stand. Gogol las vorzüglich! — Im Übermaß seines Gefühls weinte Tentennikow vor Glück und Seligkeit, und er schwor sich, sein ganzes Leben seiner Braut zu widmen. In diesem Moment erschien Tschitschikow am Ende der Allee. Tentennikow umarmt und dankt ihm: „Sie sind mein Wohltäter, Ihnen verdanke ich all mein Glück, wie kann ich Ihnen nur danken. Mein Leben wäre zu wenig für solch einen Dienst.“ Sofort kommt Tschitschikow eine Idee: „Ich habe nichts für Sie getan, das ist ein bloßer Zufall,“ antwortet er, „ich bin sehr erfreut, aber Sie können sich sehr leicht dankbar erweisen.“ „Wodurch, wodurch?“ ruft Tentennikow, „sprechen Sie es aus, schnell, und es ist geschehen.“ Hier erzählt ihm Tschitschikow von seinem angeblichen Onkel, und daß er 300 Bauern brauche, wenn auch bloß auf dem Papiere. „Aber warum müssen sie denn unbedingt tot sein?“ fragt Tentennikow, der nicht recht versteht, was Tschitschikow eigentlich will. „Ich werde Ihnen pro forma all meine 300 Seelen verschreiben, und Sie können unseren Vertrag Ihrem Onkel zeigen; nachher, wenn Sie Ihr Gut erhalten haben, können wir ja den Kontrakt wieder vernichten.“ Tschitschikow ist ganz sprachlos vor Erstaunen. „Wie? Und Sie fürchten sich nicht vor solch einem Schritt ... Sie fürchten sich gar nicht, daß ich Sie betrügen und Ihr Vertrauen mißbrauchen könnte?“ Aber Tentennikow läßt ihn nicht ausreden. „Was?“ ruft er aus, „ich sollte Ihnen mißtrauen, dem ich mehr verdanke als mein Leben.“ Hier umarmen sie sich, und die Sache war abgemacht. Tschitschikow schlief an diesem Abend süß ein. Am andern Tage fand im Hause des Generals eine große Beratung statt, wie man den Verwandten die Verlobung mitteilen solle; ob es sich schriftlich erledigen ließe, oder ob jemand die Nachricht persönlich hinbringen solle. Betrischtschew war offenbar sehr unruhig und machte sich Sorgen, wie die Fürstin Sjusjukina und seine andern vornehmen Verwandten dieses Ereignis aufnehmen würden, Tschitschikow wußte sich auch hier wieder nützlich zu erweisen: er machte dem General den Vorschlag, ihn, Tschitschikow, zu sämtlichen Verwandten zu schicken, um sie durch ihn von der Verlobung Ulinkas und Tentennikows benachrichtigen zu lassen. Natürlich hatte er dabei wieder das Geschäft mit den toten Seelen im Auge. Sein Vorschlag wurde mit Dank angenommen. „Ich kann mir nichts Besseres wünschen,“ dachte der General, „er ist ein gescheiter Kopf und hat gute Manieren; er wird es verstehen, den Leuten die Sache mit der Verlobung so plausibel zu machen, daß alle zufrieden sein werden.“ Der General bot Tschitschikow seinen zweisitzigen, im Auslande verfertigten Wagen an, und Tentennikow stellte ihm noch ein viertes Pferd zur Verfügung. Tschitschikow sollte sich schon nach wenigen Tagen auf den Weg machen. Von da ab sahen ihn alle im Hause des Generals als einen ihrer Angehörigen, als einen Freund des Hauses an. Nachdem er zu Tentennikow zurückgekehrt war, ließ er sofort Seliphan und Petruschka rufen und erklärte ihnen, sie sollten sich zur Abreise rüsten. Seliphan war bei Tentennikow ganz träge und faul geworden, er glich kaum noch einem Kutscher mehr, und die Pferde blieben ganz ohne Pflege und Aufsicht. Petruschka aber stellte fortwährend den Bauernmädchen nach. Als jedoch der leichte und beinahe neue Wagen des Generals eintraf, und Seliphan hörte, daß er nun auf dem breiten Kutschbock sitzen und vier Pferde lenken werde, da erwachten wieder all seine Kutscherinstinkte, er betrachtete die Equipage mit großer Aufmerksamkeit, mit Kennerblick und verlangte von den Knechten des Generals allerhand Reserveschrauben und Schlüssel, wie sie überhaupt nicht existieren. Auch Tschitschikow dachte mit Vergnügen an seine Reise und malte sich schon aus, wie er sich auf den weichen Polstern ausstrecken, und wie das vierte Pferd seinen federleichten Wagen schnell wie der Wind dahintragen werde.“
Auf wieviel Kapitel der hier wiedergegebene Inhalt verteilt war, hat Arnoldi nicht genau angegeben: er bemerkt hierzu: „Dies ist alles, was Gogol in meiner Gegenwart vom zweiten Bande vorgelesen hat. Meiner Schwester hat er, wie ich glaube, neun Kapitel vorgelesen“ [Rußkij Westnik (Russischer Bote) 1862, Januarheft, Seite 74-79]. Die Umarbeitung der Niederschrift fand gleichzeitig mit der Arbeit an der Fortsetzung der Dichtung statt. Im Januar 1850 waren „eigentlich nur zwei bis drei Kapitel“ vollständig fertig.
Gegen Ende 1851 oder im Anfang des Jahres 1852 las Gogol Schewyrew die beiden letzten Kapitel des zweiten Bandes der „Toten Seelen“ vor. Alles, was er von diesem Teil in dem Zeitraum von 1845 bis 1852 niedergeschrieben hatte, hat er selbst wenige Tage vor seinem Tode verbrannt.
Der Mantel. Der Plan zu dieser Novelle stammt aus dem Jahre 1834. Der erste Entwurf aus dem Jahre 1839; vollendet wurde sie 1841, und 1842 für die erste Ausgabe der gesammelten Werke neu bearbeitet, wo diese Erzählung zum ersten Male abgedruckt ist.
Die Nase. Diese Novelle wurde 1832 begonnen und in ihrer ersten Fassung die für den Moskowski Nabljudatel (Moskauer Beobachter) bestimmt war, Anfang März 1835 vollendet. 1836 wurde sie noch einmal für den Puschkinschen „Sowremennik“ („Der Zeitgenosse“) umgearbeitet, wo sie im dritten Bande erschienen ist. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte 1836. Auf Verlangen des Zensors mußte folgende Stelle des Manuskripts vor der Drucklegung im „Zeitgenossen“ umgearbeitet werden:
„Er eilte in die Kirche und drängte sich durch eine Reihe alter Bettlerinnen hindurch, deren Köpfe so tief in allerhand Tüchern und Lappen steckten, daß man von ihren Gesichtern nichts sah, als die beiden Augen. Wie herzlich hatte er oft über sie gelacht, heute aber schritt er an ihnen vorbei und betrat die Halle. Die Kirche war nur schwach besucht, die Mehrzahl der Beter stand vorne am Eingange in der Türe. Kowaljew war so erregt und verstimmt, daß er es nicht über sich gewann, zu beten. Er suchte „die Nase“, suchte sie in allen Winkeln und sah den Herrn endlich etwas abseits in einer Ecke stehen. Die Nase hatte ihr Gesicht ganz in einem hohen Stehkragen versteckt und betete mit dem Ausdruck tiefster Andacht. „Unter welchem Vorwande soll ich mich ihm bloß nähern?“ dachte Kowalew. „Er ist gekleidet, wie ein vornehmer Herr, und noch dazu Staatsrat.“ Er stellte sich neben ihn und hustete ein paarmal laut, aber die Nase verharrte in ihrer andächtigen Stellung und beugte sich immerfort tief bis zur Erde. „Geehrter Herr!“ sagte Kowalew, indem er sich selbst Mut zuzusprechen suchte: „Geehrter Herr!“ „Was ist Ihnen gefällig?“ entgegnete jener, indem er sich umdrehte. — „Ich finde es sehr seltsam, mein Herr, ... Mir scheint, Sie sollten wissen, wo Ihr Platz ist ... und plötzlich finde ich Sie ... hier ... in der Kirche. Sie müssen selbst zugeben, daß ...“
„Ich verstehe nicht, was Sie sagen wollen. Bitte erklären Sie sich deutlicher.“ „Wie soll ich es ihm nur klar machen?“ dachte Kowalew, faßte jedoch wieder Mut und begann: „Ich will natürlich ... Übrigens bin ich ... Ohne Nase herumzulaufen ... Sie müssen doch zugeben, in meiner Lage ist das höchst peinlich. Ich bin doch kein Hökerweib, das an der Woskressenskibrücke sitzt und geschälte Apfelsinen feilbietet ... Die braucht freilich keine Nase ... Aber ein Mann, der Ansprüche auf einen Gouverneursposten hat ... und sie ganz ohne Zweifel erfüllt sehen wird ... Ich weiß wirklich nicht, mein Herr.“ — Hierbei zuckte der Major mit den Achseln. „Verzeihen Sie. Wenn man diese Sache vom Standpunkt des Ehr- und Pflichtbewußtseins betrachtet, dann müssen Sie doch selbst einsehen ...“ „Ich verstehe kein Wort,“ versetzte die Nase, „bitte drücken Sie sich etwas deutlicher aus.“
„Mein Herr,“ sagte Kowalew ernst und würdig. „Ich weiß nicht, wie ich Ihre Worte auffassen soll ... Die Sache liegt doch wohl sehr klar ... oder Sie wollen bloß nicht ... Sie sind doch meine Nase, meine eigene Nase!“ Die Nase sah den Major an und runzelte die Stirn.
„Sie befinden sich in einem Irrtum, mein Herr! Ich stehe völlig selbständig da. Nebenbei bemerkt kann es zwischen uns keine näheren Beziehungen geben. Nach den Knöpfen Ihrer Interimsuniform zu urteilen, dienen Sie im Senat oder doch im Justizministerium, während ich in der wissenschaftlichen Branche tätig bin.“ Kowalew befand sich in der größten Verlegenheit und war ganz verwirrt. „Was soll ich machen?“ dachte er. Doch in diesem Augenblick vernahm er in der Nähe das angenehme Rauschen einer Damenrobe. Eine ältere, ziemlich umfangreiche Dame, die in einem üppigen Spitzenkleide steckte, welches einige Ähnlichkeit mit einem gothischen Bau hatte, betrat die Kirche. Sie wurde begleitet von einer jüngeren und schlankeren Dame in einem Kleide, das sich in schönen Falten um ihre schlanke Gestalt legte, und mit einem Strohhut, der so leicht und zart war, wie eine Meringentorte. Hinter beiden stand ein großer Herr mit einem mächtigen Backenbart und einem ganzen Dutzend Kragen; er war eben im Begriff seine Tabaksdose zu öffnen und wollte gerade eine Prise nehmen. Kowalew näherte sich der Gruppe, ordnete den Batistkragen seines Vorhemdes, sowie die Berlocken an seiner Uhrkette und wendete mit einem lächelnden Seitenblick seine Aufmerksamkeit der duftigen Dame zu, die sich gleich einer Frühlingsblume leicht vornüberbeugte und ihr Händchen mit den weißen durchsichtigen Fingern an die Stirne führte. Das Lächeln, welches auf Kowalews Lippen schwebte, wurde immer breiter und intensiver, als ihm unter dem Hut ein Teil ihres Kinns und ihrer Wange entgegenleuchtete. Aber plötzlich sprang er zurück, wie wenn er sich an einem glühenden Eisen verbrannt hätte; er erinnerte sich, daß er in seinem Gesicht anstelle der Nase nur eine glatte Fläche hatte, und Tränen entströmten seinem Auge. Er drehte sich um um dem Herrn offen zu erklären, er trage bloß die Maske eines Staatsrats, während er in Wahrheit ein Betrüger und ein Lump sei; tatsächlich sei er nichts andres als seine eigene Nase. Aber die Nase war bereits verschwunden, sie hatte wahrscheinlich schon einen bedeutenden Vorsprung gewonnen und stattete wieder irgend jemandem einen Besuch ab. Kowalew verließ die Kirche. Das Wetter war wundervoll, heiter und sonnig; auf dem Newski-Prospekt wimmelte es nur so von Menschen. Ein wahrer Sturzbach von Damen flutete durch die Straße. Dort kam ihm schon ein guter Bekannter entgegen, der Hofrat ...“
Eine bedeutende Umarbeitung erfuhr auch die folgende Stelle der ursprünglichen Fassung: „Der ehrenwerte Beamte hörte ihn mit vielsagender Miene an und fuhr fort, das vor ihm liegende Geld zu zählen, von dem er 2 Rubel 33 Kopeken, die er für das Inserat erhalten hatte, beiseite legte. Zu beiden Seiten standen allerhand alte Weiber, Kommis, Hausburschen und Kutscher, jeder mit Zetteln in der Hand. In dem einen Zettel wurde angekündigt, es sei ein tüchtiger nüchterner Kutscher von guter Führung abzugeben; in dem andern wurde eine noch wenig gebrauchte Equipage feilgeboten, die aus der Zeit Peters des Großen stammte und keine heile Schraube mehr hatte. Der eine hatte ein gesundes Mädchen von neunzehn Jahren abzugeben, die als Wäscherin gedient hatte, aber auch bei andern häuslichen Arbeiten zu verwenden war, der jedoch schon mehrere Zähne fehlten; ein anderer suchte eine solide Droschke zu verkaufen, der nur eine Feder mangelte, oder einen jungen wilden Apfelschimmel von 17 Jahren; dort wurden ein Posten frisch aus London eingetroffener Rüben und Radieschensamen, und dort wieder sogenannte indische Radieschen ausgeboten, eine schöne Villa mit allen Bequemlichkeiten, zwei Pferdeställen und einem Platz, wo man sehr gut einen Garten anlegen konnte. Ferner wurde der Verlust eines Geldbeutels bekannt gegeben und dem ehrlichen Finder eine anständige Belohnung in Aussicht gestellt, oder es wurden Käufer für alte Sohlen gesucht, wobei die Reflektanten aufgefordert wurden, sich zu einer bestimmten Stunde zur Versteigerung einzufinden. Das Zimmer, in dem sich alle diese Leute aufhielten, war klein, vollgeraucht und die Luft in ihm war so dumpf und dick, daß man sie mit dem Messer schneiden konnte, denn die russischen Bauern haben die merkwürdige Eigentümlichkeit, die Luft bedeutend zu verdichten, und wo einmal vier Hausknechte in roten Hemden und ein Kutscher zusammenkommen, da kann man ruhig eine Axt in der Luft aufhängen. Zum Glück konnte der Kollegien-Assessor nichts davon riechen, er hielt sich ja ein Taschentuch vors Gesicht und dann befand sich ja auch seine Nase Gott weiß wo.“ —
Das von den Worten „Gleich, gleich“ bis zum Schluß des zweiten Kapitels reichende Stück ist eine spätere Bearbeitung des ursprünglichen weit einfacheren Textes. In dem ersten Manuskript lautete diese Stelle folgendermaßen:
„Gleich, gleich! — Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken ... einen Rubel sechzig Kopeken!“ sagte der grauhaarige Herr, während er den alten Weibern und den Hausburschen ihre Zettel ins Gesicht warf. „Und was wünschen Sie?“ fragte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte.
„Ich möchte ganz besonders darum bitten ...,“ sagte Kowalew: „es ist eine unerhörte Gaunerei oder Betrügerei passiert — ich kann der Sache noch immer nicht auf den Grund kommen. Ich bitte Sie nur, in die Zeitung einrücken zu lassen, daß derjenige, der diesen Schurken dingfest macht, eine ausreichende Belohnung erhalten soll.“
„Hm, darf ich Sie um Ihren Familiennamen bitten?“
„Kowalew, — Kollegien-Assessor Kowalew, Sie brauchen übrigens bloß zu schreiben: ein Mann vom Range eines Majors ...“
„Ja und wer ist denn eigentlich der Flüchtling? Ist er einer Ihrer Leibeigenen?“
„O nein, keineswegs ein Leibeigener! Das wäre noch keine so große Gemeinheit. Nein es ist eine ... Nase.“
„Hm, was für ein merkwürdiger Name! Und hat Sie denn dieser Herr Nase um eine große Summe bestohlen?“
„Eine Nase ... das heißt, Sie verstehen mich falsch. Meine — meine eigene Nase ist ganz spurlos verschwunden. Der Teufel selbst hat sich einen Scherz mit mir erlaubt. — Und nun fährt diese Nase als Herr verkleidet durch die Stadt und hält alle Leute zum Narren ... Ich möchte Sie nun bitten, eine Annonce in die Zeitung einrücken zu lassen, daß jeder, der den Kerl abfassen sollte, ihn mir persönlich vorführen möge — diesen Gauner, diesen Hundesohn ... Entschuldigen Sie bitte, ich muß husten, mein Hals ist ganz trocken. Ich bringe kaum noch ein Wort heraus.“
Der Beamte wurde nachdenklich, was man aus seinen fest zusammengekniffenen Lippen schließen konnte.
„Nein, eine solche Annonce kann ich nicht aufnehmen,“ sagte er schließlich nach längerem Stillschweigen.
„Wie? Warum nicht?“
„So. Die Zeitung würde ihren Ruf aufs Spiel setzen. Da könnte jeder kommen und anzeigen, daß ihm seine Nase oder seine Lippen ausgerückt seien ... Man spricht schon ohnedies, daß soviel falsche Gerüchte verbreitet und soviel Torheiten gedruckt werden.“
„Ja, wenn mir aber doch meine Nase wirklich abhanden gekommen ist!“
„Wenn sie Ihnen abhanden gekommen ist, so ist das Sache des Arztes. Man sagt, es gibt Menschen, die Ihnen Nasen von beliebiger Form ansetzen können. Übrigens scheinen Sie mir ein Schalk zu sein, Sie machen wohl gern einen Scherz.“
„Ich schwöre Ihnen bei allem was mir heilig ist. Bei Gott ich lüge nicht! Soll ich es Ihnen zeigen?“
„Aber ich bitte Sie, warum wollen Sie sich unnütz bemühen,“ fuhr der Beamte fort, indem er eine Prise nahm. „Übrigens, wenn es Ihnen nicht zu viel Umstände macht, so würde ich mir die Sache doch ganz gern ansehen,“ fügte er mit einem neugierigen Blick hinzu.
Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch weg.
„In der Tat, das ist sehr merkwürdig,“ sagte der Beamte, „das sieht genau so aus, wie ein frisch gebackener Eierkuchen. Die Fläche ist ja geradezu unglaublich glatt und eben.“
„Nun, was sagen Sie jetzt! Also bitte lassen Sie die Annonce sofort einrücken.“
„Ich könnte sie schließlich einrücken lassen. Das wäre ja eine Kleinigkeit, nur kann ich nicht sehen, daß Ihnen ein großer Vorteil daraus erwachsen würde. Wenn Sie es durchaus wünschen, daß die Sache bekannt wird, so teilen Sie die Geschichte doch einem Schriftsteller mit, einem Mann, der eine gewandte Feder führt, der könnte den Fall als ein interessantes Naturspiel beschreiben und den Artikel in der „Biene des Nordens“ veröffentlichen, (hier nahm er wieder eine Prise) zum Nutzen und zur Belehrung aller jungen Leute, die sich mit den Wissenschaften beschäftigen (hierbei wischte er sich die Nase ab), oder überhaupt zur Unterhaltung und zur allgemeinen Erbauung.“
Der Kollegien-Assessor war völlig verzweifelt und niedergeschlagen. Er warf einen Blick auf ein vor ihm liegendes Zeitungsblatt und den Vergnügungsanzeiger; schon wollte ein Lächeln sein Gesicht verklären, als er den Namen einer hübschen Schauspielerin las, und seine Hand griff mechanisch nach der Tasche — sie suchte nach einem blauen Schein, denn nach Kowalews Ansicht mußten Personen vom Range eines Stabsoffiziers mindestens im Parkett sitzen. Aber der Gedanke an seine Nase schnitt wie ein scharfes Messer in sein Herz. Der arme Kowalew machte sich also auf und begab sich von einem unerträglichen Schmerz gequält zum Polizeikommissar, der ein großer Freund von Süßigkeiten war; sein ganzer Flur und sein ganzes Eßzimmer war mit Zuckerhüten vollgestellt, die ihm die Kaufleute aus einer besonderen Freundschaft für ihn verehrt hatten. Die Köchin zog dem Polizeibeamten gerade seine großen Stulpenstiefel aus, sein Degen und seine ganze Kriegsrüstung hingen schon friedlich in der Ecke; sein dreijähriges Söhnchen machte sich bereits mit dem mächtigen Dreimaster zu schaffen, und der Kommissar war eben im Begriff, sich nach den Strapazen des kriegerischen Lebens den Genüssen des Friedens hinzugeben. Da trat Kowalew bei ihm ein, gerad als jener sich bequem auf dem Sofa ausstrecken wollte, seinen Mund zu einem kräftigen Gähnen verzog und sagte: „So, nun leg’ ich mich auf zwei Stunden hin; ich werde ein feines Schläfchen tun.“ Daher kann man sich vorstellen, wie ungelegen ihm der Besuch des Kollegien-Assessors kam, und ich weiß nicht, ob er, auch wenn er ihm einige Pfund Tee oder ein paar Meter Tuch mitgebracht hätte, viel freundlicher empfangen worden wäre. Der Kommissar war ein großer Freund der Künste und aller Manufakturgegenstände überhaupt, trotzdem er oft behauptete, es gäbe nichts Angenehmeres als eine Staatsbanknote: „Sie braucht nur wenig Platz, läßt sich bequem in die Tasche stecken, und wenn man sie fallen läßt, geht sie nicht entzwei.“
Der Polizeikommissar empfing Kowalew ziemlich kühl und trocken. Er erklärte, daß die Zeit nach dem Essen nicht der geeignete Moment für amtliche Nachforschungen sei; die Natur selbst weise darauf hin, daß der Mensch, wenn er sich satt gegessen habe, der Ruhe pflegen müsse, (woraus deutlich hervorgeht, daß der Polizeikommissar ein Philosoph war); einem anständigen Menschen könne es nie passieren, daß ihm die Nase abgerissen werde, und es laufen in der Welt genug Majore herum, die nicht einmal ihre Unterhosen sauber zu halten wissen, und sich in allerhand unanständigen Lokalen herumtreiben.
Diese Worte trafen unseren Helden mitten ins Herz! Man muß nämlich wissen, daß Kowalew eine äußerst empfindliche Natur war. Er konnte alles verzeihen, was man über ihn sagte, nur keinen Verstoß gegen die seiner amtlichen Würde gebührende Achtung. Er war der Ansicht, daß man auch in den Theaterstücken wohl eine Bemerkung über die höheren Offiziere durchlassen könne, aber niemals ein Wort, das sich gegen die Stabsoffiziere richtet. Der Empfang des Polizeikommissars brachte ihn derartig aus der Fassung, daß er empört den Kopf schüttelte, die Hände weit ausstreckte und würdevoll ausrief: „Ich muß gestehen, daß ich auf solche beleidigende Äußerungen nichts zu erwidern habe ...“ Und damit ging er hinaus.
Der Major kehrte mehr tot als lebendig nach Hause zurück; nach all diesen seelischen Erschütterungen wußte er kaum noch, ob er auf seinen Füßen stehe oder nicht. Er warf sich müde in einen Lehnstuhl und brach, nachdem er sich ein wenig ausgeruht hatte, in bittere Klagen aus: „Mein Gott, mein Gott! Womit habe ich bloß ein solches Unglück verdient? Hätte ich noch eine Hand oder einen Fuß verloren, wären mir meine beiden Ohren abhanden gekommen — es wäre noch immer leichter zu ertragen, aber ein Mensch ohne Nase — das ist ein Ding, das man nehmen und zum Fenster hinauswerfen möchte. Hätte man sie mir noch abgeschnitten, oder wäre ich selbst schuld daran — aber so ganz ohne Grund zu verschwinden! Weiß Gott, das ist doch zu unwahrscheinlich! Vielleicht schlafe ich bloß, und ich habe dies alles nur geträumt.“ — Und der Kollegien-Assessor kniff sich mit dem Finger ins Fleisch, sodaß er vor Schmerz beinahe laut aufgeschrieen hätte. „Nein, hol’s der Teufel, ich schlafe nicht!“ Er stand ganz leise auf, näherte sich vorsichtig dem Spiegel, kniff die Augen erst ein wenig zu und blickte dann plötzlich hinein: „Wer weiß, vielleicht hatte er doch noch eine Nase!“ aber er sprang sogleich wieder vom Spiegel zurück und murmelte: „Weiß der Teufel! Die reinste Karikatur!“
Und in der Tat, der Fall war wirklich ganz unmöglich und völlig unwahrscheinlich; man hätte ihn wirklich für einen Traum halten müssen, wenn er nicht tatsächlich passiert wäre und sich nicht eine ganze Menge von völlig einwandfreien Beweisen dafür gefunden hätte. Der Major überlegte lange Zeit, wer wohl hier der Schuldige sein möchte; und kam schließlich zum Resultat, daß noch am ehesten eine Witwe, die Gattin eines verstorbenen Stabsoffiziers, die Schuld an seinem Unglück treffe. Diese wünschte nämlich, daß der Major ihre Tochter heiraten solle, und er hatte ihr auch in der Tat die Cour geschnitten, war aber zugleich einer deutlichen Erklärung stets aus dem Wege gegangen. Als ihm jedoch die Witwe offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben würde, da trat er den Rückzug an und sagte, er sei noch zu jung und müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um die runde Zahl von zweiundvierzig Jahren zu erreichen. Sicherlich hatte sich die Witwe an ihm rächen wollen, sich daher entschlossen, ihn zu verstümmeln, und ein paar alte Hexen gegen ihn aufgehetzt, wahrscheinlich aber hatte auch sie selbst mit dabei geholfen.
Während er noch über diese Dinge nachgrübelte, hörte er plötzlich im Vorzimmer eine fremde Stimme: „Wohnt hier der Kollegienassessor Kowalew?“
„Bitte treten Sie ein. Der Kollegienassessor ist zu Hause!“ sagte er, indem er vom Stuhl aufsprang und die Türe öffnete. Es war der Polizeikommissar, der am Ende der Isaksbrücke gestanden hatte, ein Mann von sehr würdigem Äußeren.
„Ich glaube, Sie beliebten, Ihre Nase zu verlieren.“
„In der Tat!“
„Sie ist soeben angehalten worden.“
„Was sagen Sie“ rief der Major hocherfreut aus. „Auf welche Weise ist das geschehen?“
„Durch einen sehr merkwürdigen Zufall. Man hat sie fast im Moment ihrer Abreise angehalten. Sie hatte schon ihren Platz im Postwagen eingenommen, um nach Riga zu fahren. Der Paß war schon längst ausgestellt und lautete auf einen Schuldirektor in Tambow. Das Merkwürdigste jedoch ist, daß ich sie selber für einen Herrn gehalten habe, aber ich hatte zum Glück meine Brille mitgenommen; so setzte ich sie denn auf und erkannte sogleich, daß es nur eine Nase war. Ich bin nämlich kurzsichtig, und wie Sie jetzt vor mir stehen, unterscheide ich weder Nase noch Bart oder sonst etwas. Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, sieht auch fast gar nichts.“
Kowalew war außer sich vor Freude: „Wo ist sie, wo? Ich laufe sofort hin!“
„Seien Sie ganz ruhig, ich weiß, daß Sie sie brauchen, ich habe sie deshalb gleich mitgebracht. Das Seltsamste ist, daß der Hauptschuldige an der ganzen Sache ein Lump von Barbier aus der Wosnessenski-Straße ist, der zurzeit schon in Polizeigewahrsam sitzt. Ich habe ihn schon lange in Verdacht, daß er ein Dieb und ein Trunkenbold ist; erst vor drei Tagen hat er im Gostinny Dwor ein halbes Dutzend Knöpfe gestohlen. Ihre Nase ist gänzlich unversehrt.“ Mit diesen Worten steckte der Polizeikommissar seine Hand in die Tasche und holte die Nase heraus, die in ein Stück Papier eingewickelt war.
„Ja, das ist sie!“ rief Kowalew ganz selig aus. „Das ist sie wirklich. Wollen Sie eine Tasse Tee mit mir trinken?“
„Mit dem größten Vergnügen, aber es ist mir leider unmöglich. Ich bin sehr beschäftigt. Die Lebensmittel sind jetzt so teuer geworden. Meine Schwiegermutter, d. h. die Mutter meiner Frau, wohnt auch bei mir im Hause. Und dann habe ich noch Kinder. Der Älteste berechtigt zu den schönsten Hoffnungen, das ist wirklich ein recht intelligenter Bursche, mir fehlen nur leider die Mittel, ihm eine gute Erziehung zu geben.“
Kowalew begriff die Anspielung, nahm einen roten Zettel vom Tisch und drückte ihn dem Polizeikommissar in die Hand, dieser machte einen Kratzfuß und ging zur Tür hinaus; fast im selben Augenblick hörte Kowalew seine Stimme auf der Straße, wo er einem dummen Bauern, der mit seiner Fuhre auf den Boulevard geraten war, eine kräftige Mahnung in Form einer Ohrfeige erteilte. Der Kollegienassessor kam endlich wieder zu sich, denn die Freude hatte ihm alle Besinnung geraubt ... „Gott sei Dank, jetzt habe ich doch wieder eine Nase! Nun will ich sie mir aber auch wieder ansetzen.“ Mit diesen Worten versuchte er es, sie an ihren alten Platz zu bringen, aber zu seinem Erstaunen mußte er bemerken, daß die Nase durchaus nicht haften bleiben wollte. „Nun sitz doch fest, du Rindvieh!“ sagte er zu ihr, aber die Nase war ganz dumm und fiel immer wieder auf den Tisch, sowie er sie losließ. Das Gesicht des Majors verzerrte sich krampfhaft. „Sollte sie wirklich nicht haften bleiben?“ sprach er erschrocken. Aber die Nase fiel tatsächlich auf den Tisch. „Ach Gott, ach Gott! Ja, wie kann sie denn auch festsitzen? Ich habe ja ganz vergessen, daß, wenn sie einmal abgeschnitten ist, man sie doch gar nicht wieder ansetzen kann.“
Unterdessen hatte sich das Gerücht von diesem außerordentlichen Ereignis in der ganzen Residenz verbreitet, und natürlich, wie das zu geschehen pflegt, nicht ohne viele Zutaten und Ausschmückungen. Um diese Zeit standen gerade alle Gemüter unter dem Eindruck übernatürlicher Vorgänge: erst kurz vorher hatten Experimente mit dem tierischen Magnetismus das ganze Publikum beschäftigt. Dazu war die Geschichte mit den tanzenden Stühlen in der Stallhofstraße noch in jedermanns Gedächtnis, und es war daher kein Wunder, daß man sich bald darauf zu erzählen begann, die Nase des Kollegienassessors Kowalew gehe jeden Tag pünktlich um drei Uhr auf dem Newski-Prospekt spazieren. Eine Menge von Neugierigen strömte dort jeden Tag zusammen. Dieses Ereignis bildete das besondere Entzücken all jener eleganten Müßigänger, die bei keiner Gesellschaft fehlen, und die es sich zur Pflicht machen, die Damen zu unterhalten und zum Lachen zu bringen. Die Sache kam ihnen sehr gelegen, da ihr Vorrat an Neuigkeiten zurzeit völlig erschöpft war. Aber es gab doch auch viele, die sehr ungehalten über diese Klatschereien waren, und ein Herr mit einem Stern erklärte ganz empört, er begreife nicht, wie in einem aufgeklärten Jahrhundert solche falsche und abgeschmackte Gerüchte entstehen könnten; ja er wunderte sich, daß die Regierung diesen Vorgängen nicht mehr Beachtung schenkte. Dieser Herr gehörte augenscheinlich zu jener Menschenklasse, die es für wünschenswert hält, daß die Regierung sich in alle Angelegenheiten mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten der Ehegatten.
Der arme Kollegienassessor hatte von all diesen Gerüchten Kunde bekommen, obwohl ich nicht sagen kann, auf welche Weise, denn er verließ fast niemals sein Zimmer. — Er befahl, niemand vorzulassen, ließ sich nirgends sehen, nicht einmal im Theater, und wenn selbst die tollste Posse gegeben wurde; er spielte nicht einmal mehr eine Partie Boston, mied sogar Herrn Jaryschkin, der sein Busenfreund war, und magerte im Laufe eines Monats derartig ab, daß er bald mehr einer Leiche als einem lebendigen Menschen glich ...
Übrigens war all das, was hier beschrieben ist, nur ein Traum des Majors. Als er wieder erwachte, geriet er so außer sich vor Freude, daß er wie toll aus seinem Bette sprang, zum Spiegel lief, und als er sich überzeugt hatte, daß alles am rechten Flecke saß, im bloßen Hemde durch das Zimmer zu hüpfen begann. Er führte sogar einen ganzen Tanz auf, der eine Art Mischung aus einer Française und einer polnischen Mazurka darstellte. Und als sein Diener Iwan den Kopf durch die Tür steckte, um zu sehen, was sein Herr treibe, da rief der Major ihm zu: „Mach, daß du hinaus kommst! Worüber wunderst du dich?“ Nach einer Minute aber warf er sich aufs Bett, richtete sich jedoch gleich wieder auf und schrie: „He, Iwan!“ — „Was wünschen der gnädige Herr?“ — „Hat nicht ein Mädel — so ein hübsches, nettes Mädel nach dem Major Kowalew gefragt?“ — „Nein, gnädiger Herr!“ — „Hm,“ sagte der Major Kowalew und blickte lächelnd in den Spiegel.“
Gogol hat „Die Nase“ noch einmal für die erste Gesamtausgabe seiner Werke umgearbeitet und ihr dort einen andern Schluß gegeben. Im Sowremennik („Zeitgenossen“) von Puschkin lautet dieser Schluß folgendermaßen:
„Da geschah etwas ganz Merkwürdiges und Unerklärliches. Plötzlich befand sich die Nase des Majors wieder an ihrem alten Platze. Dies geschah im Anfang Mai, ich kann jedoch nicht genau sagen, ob es am fünften oder sechsten Mai war. Als der Major frühmorgens erwachte, nahm er den Spiegel zur Hand und bemerkte, daß die Nase sich ganz, wie es sich gehörte, zwischen den beiden Wangen des Majors befand. Höchst erstaunt ließ er den Spiegel auf den Boden fallen und befühlte die Nase mehrmals mit der Hand, denn er war nicht sicher, ob es auch wirklich eine Nase sei. Aber da er sich überzeugte, daß es in der Tat nichts anders als seine höchsteigene Nase war, sprang er aus dem Bett und absolvierte im Zimmer einen Tanz, der eine Mischung aus einer Française und einem russischen Trepak darstellte. — Dann ließ er sich anziehen, wusch sich und rasierte sich das Kinn, das bereits eine große Ähnlichkeit mit einer Bürste angenommen hatte, mit der man sich bequem die Kleider bürsten konnte. — Und schon nach wenigen Minuten sah man den Kollegienassessor auf dem Newski-Prospekt herumspazieren, wo er lustig einherschritt und fröhliche Blicke auf alle Passanten warf; viele sahen ihn sogar im Gostinny Dwor ein schmales Ordensband kaufen, zu welchem Zwecke dies jedoch geschah — das hätte freilich niemand sagen können, denn er besaß gar keinen Orden.
Eine äußerst merkwürdige Geschichte! Ich kann sie absolut nicht verstehen. Und was soll das alles? Was hat es für einen Zweck? Ich bin überzeugt, daß weit mehr als die Hälfte davon ganz unwahrscheinlich ist. Es kann nicht sein; es ist völlig unmöglich, daß eine Nase ganz allein in einer Uniform in der Stadt herumfährt — und noch dazu als ein Mann von dem hohen Range eines Staatsrats! Und konnte denn Kowalew wirklich nicht begreifen, daß man nicht durch die Zeitung nach einer Nase suchen darf? Ich meine das nicht in dem Sinne, daß eine Annonce eine sehr teure Sache ist. Das sind alles Kleinigkeiten. Ich gehöre gar nicht zu den geizigen und habgierigen Leuten. Aber das ist unschicklich, das ist ganz ungehörig und geht nun einmal nicht. Eine Absurdität und weiter nichts! — Und dann dieser Barbier Iwan Jakowlitsch! Wozu mußte er so plötzlich auftauchen und dann wieder verschwinden, ohne daß man weiß, warum und zu welchem Zweck. — Ich gestehe, ich kann es absolut nicht begreifen, wie ich selbst so etwas schreiben konnte? Ich begreife überhaupt nicht, wie ein Autor sich solch ein Sujet wählen kann! Wozu soll das führen? Welchen Zweck kann das haben? Was beweist diese Erzählung? Nein — ich verstehe es nicht, ich verstehe es ganz und gar nicht. — Freilich ... die Phantasie ist keinen Gesetzen unterworfen, und dann passieren doch in der Welt auch wirklich viele ganz unerklärliche Dinge: wie aber verhält es sich mit diesem Fall? — Warum mußte die Nase von Kowalew ... und warum mußte Kowalew selbst ...? Nein, ich verstehe es nicht, ich verstehe es durchaus nicht. Die Sache erscheint mir so unerklärlich, daß ich ... Nein, das läßt sich einfach nicht verstehen!“
Das Porträt. Der erste Entwurf dieser Novelle erschien in Gogols „Arabesken“, 1841 wurde sie in Rom umgearbeitet. Die neue Fassung ist frühestens im März 1837 begonnen. 1842 wurde sie noch einmal durchgesehen und korrigiert und am 17. März dieses Jahres Pletnew eingesandt, der sie im „Sowremennik“ (Der Zeitgenosse) Band XXVI Nr. 3 abdruckte. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte am 30. Juni 1842. 1851 nahm der Verfasser für die zweite Auflage seiner „Werke“ noch einige unbedeutende stilistische Veränderungen vor.
Druck von Mänicke & Jahn, Rudolstadt.