Tschitschikow bezahlte den Schneider in nobelster Weise und begann sich, nachdem er allein geblieben war, aufmerksam im Spiegel zu betrachten: und zwar ganz wie ein Künstler, d. h. nach ästhetischen Gesichtspunkten und gewissermaßen con amore. Es stellte sich heraus, daß alles noch weit schöner war, als früher: seine Wangen waren noch interessanter, sein Kinn noch anziehender geworden; der weiße Kragen paßte vorzüglich zur Farbe der Wangen, die blaue Atlaskrawatte ließ den Kragen noch weißer erscheinen und das modern gefaltete Vorhemdchen verlieh der Krawatte einen besonderen Farbenton, die nobele Sammetweste bildete einen ausgezeichneten Fond für das Vorhemdchen und der Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz leuchtete wie Seide und vervollständigte noch die Harmonie des Ganzen. Er drehte sich rechts — und siehe, alles war vortrefflich; er drehte sich links — und es war noch besser! Er hatte die Figur eines Kammerherrn oder eines vornehmen Mannes, der fließend französisch parliert und, selbst wenn er wütend wird, es nicht wagt, ein russisches Schimpfwort zu gebrauchen, sondern sich aus Zartgefühl auch hierbei noch der französischen Sprache bedient. Hierauf neigte er seinen Kopf ein wenig auf die Seite und versuchte es, eine Pose anzunehmen, als spräche er mit einer Dame in mittleren Jahren, von modernster und exquisitester Bildung; das war einfach ein Tableau, etwas für einen Künstler: rein zum Malen! Zu seinem Pläsier machte er noch einen leichten Luftsprung: etwas wie ein Entrechat, sodaß die Kommode erzitterte und ein Fläschchen mit Kölnischem Wasser herunterfiel; aber das störte ihn nicht im mindesten. Er nannte das Fläschchen, wie es sich gehörte, ein albernes Ding, und dachte: „Zu wem soll ich jetzt zu allererst hingehen? Am besten, ich gehe ...“ Da ertönt plötzlich im Flur etwas wie Sporengeklirr, und in der Türe erscheint ein Gendarm: bis an die Zähne bewaffnet, als wollte er ein ganzes Heer repräsentieren, und sagt: „Sie haben sich sofort beim Generalgouverneur zu melden!“ Tschitschikow war ganz starr vor Schrecken. Vor ihm stand ein Schreckbild mit einem mächtigen Schnauzbart, einem wallenden Pferdeschweif, der ihm vom Kopfe herabfiel, eine Schärpe über der rechten und eine Schärpe über der linken Schulter und einen gewaltigen Pallasch an der Seite. Ja, es schien ihm, als ob er an der andern Seite noch ein Gewehr und weiß der Teufel was sonst noch alles hängen hatte: eine ganze Armee in einer Person! Er wollte etwas einwenden, aber die Schreckensgestalt antwortete grob: „Sie haben sofort mitzukommen!“ Hinter der Vorzimmertür sah er noch eine andre ähnliche Schreckensgestalt auftauchten; er warf einen Blick durchs Fenster: auf der Straße vor seinem Hause hielt eine Equipage. Was war da zu machen? Er mußte sich dazu bequemen, und ganz so wie er da war, in seinem Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz im Wagen Platz nehmen. Zitternd und zähneklappernd machte er sich auf den Weg und fuhr, begleitet von dem Gendarm direkt zum Generalgouverneur.

Im Vorzimmer ließ man ihm gar nicht erst Zeit sich zu sammeln. „Treten Sie ein, der Fürst erwartet Sie schon!“ sagte der diensthabende Beamte. Wie durch einen leichten Nebel sah er das Vorzimmer, voller Kuriere, die allerhand Pakete in Empfang nahmen, und hierauf einen Saal, den er durchschreiten mußte, und er dachte: „Wie? Wenn sie mich nun plötzlich ergreifen, und ohne gerichtliche Untersuchung und ohne alle Formalitäten einfach nach Sibirien befördern!“ Sein Herz fing heftig an zu klopfen, weit heftiger als bei dem eifersüchtigsten Liebhaber. Endlich tat sich die verhängnisvolle Tür auf: vor ihm lag ein Zimmer mit zahlreichen Schränken und Tischen, die mit Büchern und Portefeuilles bedeckt waren: der Fürst stand vor ihm, schrecklich in seinem Zorn wie der personifizierte Rachegott.

„Alleszermalmer!“ dachte Tschitschikow, „er wird mich zerreißen, wie der Wolf das Lamm!“

„Ich habe Sie geschont, ich habe Ihnen erlaubt, in der Stadt zu bleiben, während Sie eigentlich ins Zuchthaus gehörten; Sie aber haben sich von neuem durch den gemeinsten Schurkenstreich befleckt, mit dem sich jemals ein Mensch beschmutzt hat!“ Die Lippen des Fürsten bebten vor Zorn.

„Was ist das für ein gemeiner Schurkenstreich, Durchlaucht?“ sagte Tschitschikow, der am ganzen Leibe zitterte.

„Die Frau,“ sagte der Fürst, indem er näher auf ihn zuging und Tschitschikow gerade in die Augen blickte: „die Frau, die das Testament auf Ihr Geheiß unterschrieben hat, ist verhaftet worden, und wird Ihnen gegenübergestellt werden.“

Tschitschikow wurde es dunkel vor den Augen.

„Durchlaucht! Ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen. Ich bin schuldig, ja ich bin schuldig; aber nicht so schuldig, wie Sie glauben, meine Feinde haben mich verleumdet.“

„Sie kann niemand verleumden, denn in Ihnen steckt unendlich viel mehr Gemeinheit und Niedertracht, als der schlimmste Lügner ersinnen kann. Ich glaube, Sie haben in Ihrem ganzen Leben keine ehrliche Tat vollbracht. Jede Kopeke, die Sie besitzen, ist erschwindelt und ergaunert. Es gibt eine Art von Raub und Verbrechen, auf die die Knute und Sibirien stehen! Nein, Ihr Maß ist voll! Du wirst sofort ins Gefängnis abgeführt werden; dort magst du zusammen mit den gemeinsten Schurken und Räubern auf die Entscheidung deines Schicksals warten. Und das kannst du als Gnade ansehen, denn du bist noch weit schlimmer als sie: sie sind einfache Leute, in Pelz und Kittel, du dagegen ...“ Er warf einen Blick auf den Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz, ergriff die Glockenschnur und klingelte.

„Durchlaucht!“ schrie Tschitschikow, „haben Sie Erbarmen! Sie sind doch auch Familienvater. Ich flehe Sie um Gnade an: nicht für mich, für meine alte Mutter!“

„Du lügst!“ rief der Fürst zornig. „Genau so hast du damals für deine Kinder und deine Familie, die du nie besessen hast, um Gnade gefleht! Jetzt ist es die Mutter!“

„Durchlaucht! Ja ich bin ein Schurke, ein gemeiner niederträchtiger Schuft!“ sagte Tschitschikow ... „Ich habe wirklich gelogen, denn ich hatte weder Kinder noch Familie; aber Gott sei mein Zeuge, ich hatte stets die Absicht, mich zu verheiraten, meine Pflicht als Mensch und Bürger zu erfüllen, um mir später einmal die Achtung meiner Vorgesetzten und Mitbürger zu verdienen! ... Aber welch ein unglückliches Zusammentreffen der Umstände! Durchlaucht! Mit meinem Schweiß und Blut mußte ich mir mein tägliches Brot verdienen. Und dabei diese Versuchungen und Verführungen auf Schritt und Tritt ... nichts als Feinde und Gegner ... Räuber und Mörder ... Mein ganzes Leben war wie ein stürmischer Wirbel oder ein schwankender Kahn auf offenem Meer, ein Spielball der Winde und Wellen. Ich bin — auch nur ein Mensch — Durchlaucht!“

Tränenströme stürzten aus seinen Augen. Er warf sich vor dem Fürsten auf die Kniee, wie er ging und stand: im Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz, mit der Sammetweste und seidenen Krawatte, in den herrlich sitzenden Hosen und seiner schönen Frisur, die eine Wolke von Wohlgeruch und feinstem Eau-de-Cologne-Duft aussendete; er beugte sich tief vor dem Fürsten und schlug mit dem Kopf gegen den Fußboden.

„Fort, fort von mir! Ein Soldat soll kommen und ihn mitnehmen!“ sagte der Fürst zu den eintretenden Gendarmen.

„Durchlaucht!“ schrie Tschitschikow und umklammerte mit beiden Armen den einen Stiefel des Fürsten.

Der Fürst zuckte zusammen, ein Schauder rann ihm durch alle Adern. „Fort, fort mit ihm! sag ich!“ rief er, indem er seinen Fuß aus der Umklammerung Tschitschikows zu befreien versuchte.

„Durchlaucht! Ich rühre mich nicht vom Fleck, bis Sie mir verziehen haben,“ sagte Tschitschikow, ohne den Fuß des Fürsten loszulassen, sodaß dieser, als er einen Schritt machte, ihn mitsamt seinem Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz auf dem Fußboden nach sich schleifte.

„Fort! Gehen Sie, sag ich Ihnen!“ rief der Fürst mit jenem unerklärlichen Gefühl des Ekels und Widerwillens, das ein Mensch beim Anblick eines häßlichen Insekts empfindet, ohne doch den Mut zu haben, es zu zertreten. Er riß seinen Fuß mit solcher Gewalt los, daß Tschitschikow einen Tritt vor Nase, Lippen und das wohlgerundete Kinn erhielt, aber er gab den Stiefel doch nicht frei und klammerte sich nur noch stärker an ihn. Zwei kräftige Gendarmen schleppten ihn nur mit Mühe fort, sie nahmen ihn unter den Arm und führten ihn durch die lange Zimmerflucht hinaus. Er war bleich und niedergeschlagen und befand sich in jenem furchtbaren und gefühllosen Zustande, wo der Mensch den finsteren und unabwendlichen Tod vor Augen sieht, dieses entsetzliche Schreckbild, das unserem ganzen Wesen so sehr widerspricht.

In der Tür, die auf die Treppe führte, begegnete ihnen Murasow. Ein Hoffnungsstrahl erhellte plötzlich Tschitschikows verdüstertes Gemüt. Mit geradezu unnatürlicher Kraft hatte er sich plötzlich aus den Händen beider Gendarmen losgerissen und warf sich nun vor dem erstaunten Murasow auf die Kniee.

„Pawel Iwanowitsch, Bester! was ist Ihnen?“

„Retten Sie mich! Man führt mich ins Gefängnis, aufs Schafott.“

Hier aber packten ihn die Gendarmen und führten ihn hinaus, ohne ihn ausreden zu lassen.

Eine feuchte dumpfe Zelle, in der es nach den Stiefeln und Fußlappen der Garnisonsoldaten duftete, ein ungestrichener Tisch, zwei schlechte Stühle, ein vergittertes Fenster und ein verfallener Ofen, der beständig rauchte, ohne zu wärmen — das war der Raum, in dem unser Held untergebracht wurde, er, der bereits begonnen hatte, die Wonnen des Lebens zu kosten und in seinem eleganten neuen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz die Aufmerksamkeit seiner Mitbürger auf sich zu lenken. Man erlaubte ihm nicht, seine Sachen zu ordnen, er durfte nicht einmal seine Schatulle mit dem Gelde mitnehmen, das er sich mühsam erworben hatte ... All seine Papiere, die Verträge über den Kauf der toten Bauern — alles war jetzt in den Händen der Beamten. Er fiel auf die Erde und hoffnungsloser Gram fing an, einem gierigen Wurme gleich an seinem Herzen zu nagen. Immer heftiger zerfleischte er sein armes wehrloses Herz. Noch ein Tag, noch ein einziger Tag voll solchen Schmerzes, und wer weiß, ob Tschitschikow überhaupt noch auf der Welt gewesen wäre. Aber auch über Tschitschikow wachte eine schirmende und rettende Hand. Eine Stunde darauf öffnete sich die Türe des Gefängnisses und hereintrat: „der alte Murasow“.

Hätte jemand einem müden und erschöpften, von brennendem Durste gequälten und mit dem Staube und Schmutze des Weges bedeckten Wanderer ein paar Tropfen frischen Quellwassers in die trockene Kehle geträufelt, — es hatte ihn nicht so beleben können, wie dies Ereignis unsern armen Tschitschikow.

„Mein Retter!“ rief Tschitschikow plötzlich, indem er vom Fußboden aus, auf den er sich in seinem herzzerreißenden Schmerz niedergeworfen hatte, nach Murasows Hand griff, sie schnell küßte und an seine Brust drückte. „Gott lohne es Ihnen, daß Sie zu mir Unglücklichem kommen!“

Und er brach in Tränen aus.

Der Greis sah ihn mit traurigem schmerzlichem Blicke an und sagte nur: „Pawel, Pawel Iwanowitsch! Pawel Iwanowitsch! Was haben Sie getan?“

„Was soll ich machen! Er hat mich zugrunde gerichtet, der Verfluchte! Ich konnte nicht Maß halten; und verstand es nicht, zur rechten Zeit aufzuhören. Er hat mich verführt, der verfluchte Satan, daß ich alle Grenzen menschlicher Vernunft und Besonnenheit überschritt! Ja, ich habe gefehlt, ich habe schwer gefehlt! Und doch wie konnte man mich so behandeln. Einen Edelmann, ohne Untersuchung und ohne gerichtliches Urteil ins Gefängnis zu werfen! ... Einen Edelmann, Afanassij Wassiljewitsch! Man mußte mir doch wenigstens Zeit lassen, nach Hause zu gehen und meine Sachen zu ordnen? Es liegt ja noch alles so herum wie früher, und es ist niemand da, der sich darum kümmert. Meine Schatulle! Afanassij Wassiljewitsch! O meine Schatulle! Da steckt doch mein ganzes Vermögen drin, das ich mir im Schweiße meines Angesichts mit meinem Blut, durch jahrelange Mühen und Entbehrungen erworben habe. Meine Schatulle, Afanassij Wassiljewitsch! Sie werden mir ja alles stehlen und fortschleppen! O mein Gott, mein Gott!“

Er konnte sich nicht mehr beherrschen, und außerstande den Schmerz niederzukämpfen, der sein Herz krampfhaft erschütterte, fing er laut an zu schluchzen, mit einer Stimme, die durch die dicken Mauern des Gefängnisses hindurch drang und weithin widerhallte; er ergriff die Atlaskrawatte und den Kragen seines Anzugs und riß den herrlichen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz in Stücke.

„Ach Pawel Iwanowitsch, wie hat Sie doch die Gier nach Wohlstand und Reichtum verblendet, daß Sie sich nicht klar wurden über Ihre furchtbare Lage!“

„O mein Wohltäter! retten Sie mich, retten Sie mich!“ schrie der arme Pawel Iwanowitsch ganz verzweifelt, indem er vor ihm auf die Kniee sank. „Der Fürst liebt Sie. Für Sie wird er alles tun!“

„Nein, Pawel Iwanowitsch, ich kann nichts für Sie tun, selbst wenn ich es wollte, und so sehr ich es auch wünschte. Sie sind in die Macht des unerbittlichen Gesetzes und nicht in menschliche Hände gefallen!“

„Er hat mich verführt; der Satan! der Verdammte, dieser Auswurf des Menschengeschlechtes!“

Und er rannte mit dem Kopfe gegen die Wand und schlug so stark mit der Faust auf den Tisch, daß er sich seine Hand blutig schlug; aber er fühlte weder den Schmerz im Kopfe, noch die furchtbare Wucht des Schlages.

„Pawel Iwanowitsch, beruhigen Sie sich; denken Sie lieber daran, sich mit Ihrem Gotte auszusöhnen und nicht mit den Menschen; denken Sie an Ihre arme Seele!“

„O welch ein schreckliches Schicksal, Afanassij Wassiljewitsch. Ward je einem Menschen ein solch furchtbares Los zuteil? Mit welch geradezu mörderischer Geduld und Ausdauer habe ich mir jede Kopeke erspart; wahrlich mit harter Mühe und Arbeit, im Schweiße meines Angesichts habe ich sie erworben. Ich habe doch niemand beraubt oder die Staatskasse bestohlen, wie es andre Leute machen. Und wozu habe ich Kopeke auf Kopeke gespart? Um den Rest meiner Tage anständig zu verleben; um meiner Frau und meinen Kindern etwas zu hinterlassen, denn ich wollte mir eine Familie gründen, zum Wohle des Staates und um meinem Vaterlande zu dienen. Das war mein einziges Ziel. Ich habe unrecht getan; ich leugne es nicht, ich habe mich schwer vergangen ... aber was soll ich tun? Und doch wich ich erst da vom geraden Wege ab, als ich sah, daß der gerade Weg nicht zum Ziele führt, und daß der krumme eben der kürzere ist. Aber ich habe doch gearbeitet und mich ehrlich angestrengt. Wenn ich jemand was fortgenommen habe, so nahm ich’s nur den Reichen. Es gibt doch Schurken beim Gericht, die der Krone Tausende stehlen, die armen Leute plündern und denen, die nichts haben, die letzte Kopeke wegnehmen! Nein, sagen Sie, hab ich nicht Unglück? — noch jedes Mal, wenn ich die Früchte meiner Mühe zu ernten, sie schon sozusagen mit Händen zu greifen glaubte, brach ein Sturm über mich herein, strandete ich an einem Riff, und mein ganzes Schiff zerschellte. Einmal hatte ich schon dreihunderttausend Rubel Kapital in Händen und ein dreistöckiges Haus dazu, zweimal schon habe ich mir ein Gut gekauft ... Ach Afanassij Wassiljewitsch. Womit verdiente ich diese Schicksalsschläge? Glich denn nicht schon ohnedies mein Leben einem schwankenden Kahn auf stürmischem Ozean? Wo bleibt da die ewige Gerechtigkeit? Wo der Lohn für meine Geduld und meine unerhörte Ausdauer? Dreimal mußte ich von Anfang anfangen: nachdem ich alles verloren, begann ich von neuem, mit wenigen Kopeken in der Tasche, während sich ein anderer längst dem Trunke ergeben hätte und in der Schenke verkommen wäre. Wie vieles mußte ich in mir unterdrücken, wieviel mußte ich aushalten! Wahrlich, jede Kopeke ist sozusagen mit dem ganzen Aufgebot meiner Geisteskraft errungen! Wie leicht hatten es andre Leute, für mich aber war jede Kopeke wie das Sprichwort sagt mit einem silbernen Nagel festgenagelt, und diese festgenagelte Kopeke mußte ich mir, Gott sei mein Zeuge, mit geradezu eiserner Geduld und Unermüdlichkeit erringen.“

Er fing an zu schluchzen, ein unerträglicher Schmerz zerriß sein Herz; kraftlos sank er auf einen Stuhl nieder und riß dabei den einen herabhängenden halbzerfetzten Frackschoß vollends ab; er schleuderte ihn weit von sich, fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar, um dessen Pflege er sonst so eifrig bemüht war, und zerraufte es unbarmherzig; er schien sich an seinem eigenen Schmerze zu weiden, und sein durch nichts zu beschwichtigendes Herzeleid mit dem physischen Schmerz betäuben zu wollen.

Murasow saß ihm lange stumm gegenüber, in die Betrachtung dieses seltsamen noch nie gesehenen Schauspieles versunken. Unterdessen wand sich der unglückliche erbitterte Mensch, der sich noch vor kurzem mit der Gewandtheit und Ungezwungenheit eines Weltmannes oder Militärs bewegt hatte, in einem unwürdigen Aufzuge, mit zerzausten Haaren, zerrissenem Frack, aufgeknöpften Beinkleidern und mit blutender Hand zu seinen Füßen, fortwährend bittere Flüche gegen die feindlichen Mächte ausstoßend, die den Menschen befehden.

„Ach Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Was hätte aus Ihnen für ein Mensch werden können, wenn Sie sich mit derselben Kraft und Ausdauer einer ehrlichen Arbeit gewidmet und sich ein edleres Ziel gesteckt hätten. Herrgott! wieviel Gutes hätten Sie stiften können! Wenn doch nur einer der Menschen, die das Gute lieben, soviel Anstrengungen machte, wie Sie es taten, um Kopeke auf Kopeke zu häufen, wenn sie es doch verständen, ihre Eigenliebe und ihren Ehrgeiz so für das Gute zu opfern, ohne sich selbst zu schonen, wie Sie sich nicht schonten, um Ihren Besitz zu mehren! — Gott, wie herrlich würde es dann auf unserer Erde aussehen! ... Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Nicht das ist das Traurige, daß Sie schuldig wurden und sich an andern vergingen, sondern daß Sie sich so schwer an sich selbst vergangen haben: an Ihren reichen Kräften und Fähigkeiten, die Ihnen zuteil wurden. Es war Ihre Bestimmung: ein großer Mann zu werden, Sie aber haben Ihre Kräfte verzettelt und sich selbst zugrunde gerichtet.“

Es gibt unergründliche Tiefen der menschlichen Seele: wie weit sich auch der irrende Mensch vom geraden Wege entfernt haben, wie verstockt auch der unverbesserliche Verbrecher in seinen Gefühlen sein mag, wie trotzig er auf seinem lasterhaften Leben beharren mag: wenn man ihm sein besseres Selbst und seine von ihm selbst in den Kot gezogenen Tugenden vorhält, dann bäumt sich alles in ihm, und tieferschüttert steht er da.

„Afanassij Wassiljewitsch,“ sagte der arme Tschitschikow und ergriff Murasows beide Hände. „Oh! wenn es mir gelänge, frei zu kommen und mein Vermögen zurückzugewinnen! Ich schwöre Ihnen, ich würde von nun ab ein ganz neues Leben beginnen! Retten Sie mich, o mein Wohltäter, retten Sie mich!“

„Was kann ich nur tun? Ich müßte wider das Gesetz streiten. Aber selbst wenn ich mich dazu entschließen könnte, vergessen Sie eines nicht: der Fürst ist sehr gerecht, — er wird unter keinen Umständen nachgeben.“

„O, mein Wohltäter! Sie können alles erreichen! Mich schreckt das Gesetz nicht — gegen das Gesetz werde ich schon Mittel und Wege finden — was mich empört, ist dies: daß ich unschuldig ins Gefängnis geworfen wurde, wie ein Hund, daß mein ganzes Vermögen, meine Papiere, meine Schatulle .... O, retten Sie mich! Helfen Sie mir!“

Er umklammerte die Füße des alten Mannes und benetzte sie mit seinen Tränen.

„Ach, Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch!“ sagte der alte Murasow, indem er den Kopf schüttelte: „wie hat Sie doch dieser Reichtum verblendet! Sie denken nur an ihn und hören nicht auf Ihre arme Seele?“

„Ich will auch an meine Seele denken, nur retten Sie mich!“

„Pawel Iwanowitsch!“ sprach der alte Murasow und hielt einen Augenblick inne. „Es liegt nicht in meiner Macht, Sie zu retten — das sehen Sie doch selbst. Aber ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was ich nur kann, um Ihr Los zu erleichtern, und Sie zu befreien. Ich weiß nicht, ob mir dies gelingen wird, aber ich werde mir die größte Mühe geben. Sollte ich jedoch wider Erwarten Glück haben: Pawel Iwanowitsch — dann bitte ich mir einen Lohn für meine Bemühungen aus. Pawel Iwanowitsch, ich flehe Sie an: lassen Sie ab von dieser Gier und Jagd nach dem Erwerb. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn ich mein ganzes Vermögen verlöre — und es ist weit größer als das Ihrige — ich würde ihm keine Träne nachweinen. Wahrlich, was liegt am Besitz, den man mir jeden Tag konfiszieren kann, worauf es ankommt, das sind die Güter, die mir niemand zu nehmen oder zu stehlen vermag! Sie haben doch schon lange genug auf dieser Welt gelebt. Sie nennen ja Ihr Leben selbst einen schwankenden Kahn auf wogendem Meer. Sie besitzen genug, um den Rest Ihrer Tage sorglos verleben zu können. Lassen Sie sich in einem stillen Erdenwinkel nieder; in der Nähe einer Kirche, nahe bei schlichten braven Menschen, oder wenn Sie schon den glühenden Wunsch haben, Nachkommen zu hinterlassen, so heiraten Sie ein armes braves Mädchen, das an einfache Verhältnisse und an ein mäßiges Leben gewöhnt ist. Vergessen Sie diese lärmende Welt und all ihre Launen und Verführungen: es schadet gar nichts, wenn auch die Welt Sie vergißt: sie kann uns keinen Frieden gewähren, Sie sehen ja selbst: sie ist voller Feinde, Verführungen und Verrätereien.“

„Unbedingt, ganz unbedingt! Ich hatte schon die Absicht und wollte eben ein ordentliches Leben beginnen, wollte mich ganz der Landwirtschaft widmen und meine Bedürfnisse einschränken. Der Dämon der Verführung hat mich verwirrt und vom rechten Wege abgeführt, dieser Satan, dieser verfluchte Teufel, o diese Schlangenbrut!“

Ganz neue, ungeahnte Gefühle, die er sich nicht zu erklären vermochte, durchdrangen plötzlich seine Brust, es war, als ob sich in ihm etwas regte; und aus tiefem Schlummer erwachte etwas ganz Fernes, längst Vergessenes ... etwas, das eine strenge tote Lehre in frühester Kindheit im Keime erstickt hatte, das eine trübselige, trostlose Jugend, die Enge des Vaterhauses, die Einsamkeit seines traurigen Lebens fern von der Familie, die Armut und Armseligkeit der ersten Eindrücke in ihm unterdrückt hatten; und alles das, was das harte und kalte Auge des Schicksals, das ihn traurig und wie durch ein trübes, vom Schneesturme verwehtes Fenster angeblickt, in sein Inneres zurückgeschreckt hatte, schien sich nun plötzlich losreißen und nach außen drängen zu wollen. Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust, er bedeckte sein Antlitz mit beiden Händen und sprach mit schmerzdurchzitterter Stimme: „Wahrhaftig, Sie haben recht!“

„Ihre Menschenkenntnis und Ihre Erfahrung haben Ihnen nicht geholfen, weil Sie sie in den Dienst des Unrechts stellten. Hätten Sie doch einer gerechten Sache gedient! ... Ach Pawel Iwanowitsch, warum haben Sie sich selbst zugrunde gerichtet. Erwachen Sie: noch ist es nicht zu spät, noch ist es Zeit ...“

„Nein, es ist zu spät, zu spät!“ stöhnte Tschitschikow mit einer Stimme, bei deren Klang Murasow fast das Herz springen wollte. „Ich fange an zu fühlen, zu begreifen, daß ich irrte und weit, weit vom rechten Wege abwich, aber ich kann nicht mehr anders! Nein, ich bin einmal so erzogen. Mein Vater hat mir beständig Moral gepredigt, hat mich geschlagen und mich schöne Sittensprüche abschreiben lassen, während er selbst vor meinen Augen den Nachbarn ihr Holz wegstahl und mich zwang, ihm dabei behilflich zu sein. Ich selbst war Zeuge, wie er einen falschen Prozeß begann und ein armes Waisenmädchen verführte, deren Vormund er war. Das lebendige Beispiel wirkt mehr als alle Moralpredigten. Ich sehe und fühle es sehr gut, daß ich ein schlechtes Leben führe, Afanassij Iwanowitsch, und doch verabscheue ich das Laster nicht: ich bin stumpf geworden, ich liebe das Gute nicht, und mir fehlt jene herrliche Neigung zu gottgefälligen Werken, die uns bald zur zweiten Natur, zur Gewohnheit wird ... Ich kann nicht mit demselben Eifer dem Guten dienen, der mich beseelt, wenn mir Reichtum und Wohlstand als Preis winken. Ich spreche die Wahrheit — was soll ich machen?“

Der Greis seufzte tief auf ....

„Pawel Iwanowitsch! Sie haben soviel Willenskraft, soviel Geduld und Ausdauer. Die Arznei schmeckt bitter, und doch schluckt sie der Kranke, denn er weiß: nur so kann er genesen. Sie lieben das Gute nicht — so zwingen Sie sich, das Gute zu tun, ohne es zu lieben. Das wird Ihnen noch höher angerechnet werden, als dem, der das Gute tut, weil er es lieb hat. Versuchen Sie es, sich nur ein paar Mal zu zwingen ... dann wird die Liebe schon von selbst kommen. Glauben Sie mir, es läßt sich alles erreichen. Es ist uns gesagt worden: Das Reich Gottes muß errungen werden. Es muß mit Gewalt erstürmt, mit Gewalt erworben und errungen werden. Ach, Pawel Iwanowitsch! Wahrlich: Sie besitzen diese Kraft, die so vielen andern fehlt, diese eiserne Geduld, und Sie sollten unterliegen? Wahrhaftig! ich glaube fürwahr: Sie waren ein Held, ein Heros heute in unserer Zeit, wo alle Menschen so schwach, so energie- und willenlos sind.“

Man sah förmlich, wie diese Worte Tschitschikow in die Seele drangen und den Ehrgeiz, der tief auf ihrem Grunde schlummerte, aufstachelten. War es auch kein bestimmter Entschluß, so war es doch etwas Starkes, Festes, was einem Entschlusse sehr ähnlich sah, das jetzt in seinen Augen aufblitzte ....

„Afanassij Wassiljewitsch!“ sprach er mit fester Stimme: „wenn es Ihnen gelingen sollte, mir die Freiheit und die Mittel zu verschaffen, damit ich diese Stadt wenn auch nur mit einem kleinen Vermögen verlassen kann, dann gebe ich Ihnen mein Wort, ich will ein neues Leben beginnen: dann kaufe ich mir ein kleines Gut, werde Landwirt und fange an zu sparen, nicht für mich selbst, sondern um andern zu helfen und Gutes zu tun, soweit es in meinen Kräften steht; ich will versuchen, mich selbst und all diese städtischen Diners und Schlemmereien zu vergessen, und ein einfaches nur der Arbeit gewidmetes Leben zu führen.“

„Gott stärke Sie in diesem Entschluß!“ sagte hocherfreut der alte Mann. „Ich will all meine Kräfte einsetzen, um den Fürsten zu bewegen, daß er Ihnen die Freiheit schenkt. Ob es mir gelingen wird, oder nicht, das weiß Gott allein. Auf jeden Fall wird Ihr Los erleichtert werden. O, mein Gott! Umarmen Sie mich, und lassen Sie sich umarmen! Wie haben Sie mich erfreut! Und nun behüte Sie Gott, ich gehe sofort zum Fürsten.“

Tschitschikow blieb allein.

Sein ganzes Wesen war aufs tiefste erschüttert. Er war ganz weich geworden. Auch das Platin, das härteste aller Metalle, das dem Feuer am längsten widersteht, schmilzt am Ende, wenn man die Flamme in der Esse anfacht, die Blasebälge stärker tritt und des Feuers Hitze zu unerträglicher Glut anschwillt — allmählich wird es weißer und immer weißer — das eigensinnige Metall, bis es sich endlich verflüssigt: so gibt auch der stärkste Charakter nach in der Esse der Leiden und Schicksalsschläge, wenn sie immer heftiger auf ihn niederhageln und mit ihrer unerträglichen Glut die harte Rinde seines Wesens erweichen ...

„Zwar verstehe und fühle ich es selbst nicht, doch aber will ich all meine Kräfte einsetzen, um es andre fühlen zu machen; zwar bin ich selbst schlecht, doch aber will ich all meine Kraft zusammennehmen, um andre zu bessern; zwar bin ich selbst ein schlechter Christ, doch aber will ich alles daransetzen, um kein Ärgernis zu geben. Ich werde selbst Hand anlegen und auf dem Lande im Schweiße meines Angesichts tätig sein; ich werde mir eine ehrliche Arbeit suchen, um auch auf andre einen guten Einfluß auszuüben. Bin ich denn zu gar nichts mehr nütze? Ich habe doch eine gewisse Befähigung zur Landwirtschaft, ich bin sparsam, flink, gewandt und besonnen, ich habe sogar Energie und Ausdauer. Man muß nur wollen ...“

So dachte Tschitschikow und schien mit halberwachten Seelenkräften etwas ahnend zu ergreifen. Es war fast, als fühlte er mit dunklem Instinkt, daß es eine Aufgabe gibt, die der Mensch hier auf Erden zu erfüllen hat, und die sich überall, in jedem Erdenwinkel erfüllen läßt, trotz aller widrigen Verhältnisse, trotz aller Zweifel und Unruhe, die den Menschen auf jedem Posten bestürmen, auf den er gestellt ist. Und das werktägige Leben, fern vom Lärm der Städte und den Versuchungen und Verführungen, die der müßige, von der Arbeit entwöhnte Mensch erdacht hat, stand plötzlich so deutlich vor ihm, daß er seine peinliche Lage beinahe vergaß und vielleicht sogar geneigt gewesen wäre, der Vorsehung für diesen harten Schicksalsschlag zu danken, wenn er seine Freiheit und wenigstens einen Teil seines Vermögens wiedererlangt hätte ... Aber da öffnete sich die kleine Türe zu seiner schmutzigen Zelle, und herein trat ein Beamter namens Ssamoswistow, ein flotter Bursche und Epikuräer, ein breitschultriger, schlanker, hochgewachsener Mann, ein ausgezeichneter Kamerad, ein Zechbruder und ein geriebener Kerl, wie ihn seine eigenen Freunde nannten. In Kriegszeiten hätte der Mensch wahre Wundertaten vollbracht: irgend einen Patrouillenritt durch gefährliche und unwegsame Gegenden ausführen, oder dem Feind eine Kanone vor der Nase wegstehlen — das wäre so etwas für ihn gewesen. Aber da es keine militärische Stelle für ihn gab, auf der man vielleicht einen anständigen Menschen aus ihm hätte machen können, so gab er sich die größte Mühe, allen Menschen schlechte Streiche zu spielen. Merkwürdig! Er hatte höchst sonderbare Ansichten und Grundsätze: seinen Freunden war er ein guter Kamerad, er verriet sie niemals und hielt ihnen gegenüber stets sein Wort; seine Vorgesetzten dagegen hielt er für eine Art feindliche Batterie, durch die man sich durchschlagen mußte, wobei es erlaubt war, jeden schwachen Punkt, jede Bresche und Fahrlässigkeit seitens des Gegners auszunutzen.

„Ich weiß schon, ich habe schon von Ihrer Sache gehört!“ sagte er, als er merkte, daß sich die Tür hinter ihm fest geschlossen hatte. „Macht nichts, macht nichts! Lassen Sie den Mut nicht sinken; wir bringen alles wieder in Ordnung. Wir werden uns alle für Sie bemühen. Wir stehen Ihnen ganz zur Verfügung. Dreißigtausend Rubel — für uns alle zusammen und die Sache ist gemacht.“

„Wirklich?“ rief Tschitschikow aus, „und ich werde ganz freigesprochen?“

„Ganz und gar! Sie bekommen sogar noch Schadenersatz für Ihre Verluste.“

„Und für Ihre Bemühungen?“

„Dreißigtausend. Alles inbegriffen — für die Unsrigen, für die Leute des Generalgouverneurs und für den Sekretär.“

„Aber erlauben Sie, wie kann ich nur? ... Meine Sachen ... meine Schatulle ... das ist doch alles versiegelt, in den Händen der Polizei ...“

„In einer Stunde haben Sie alles wieder! Schlagen Sie ein?“

Tschitschikow reichte ihm seine Hand. Sein Herz klopfte, er glaubte nicht recht, das es möglich sei ...

„Doch nun leben Sie wohl. Unser gemeinsamer Freund bittet mich Ihnen zu sagen: die Hauptsache ist: ruhig Blut und Geistesgegenwart!“

„Hm!“ dachte Tschitschikow, „ich verstehe: der Rechtsanwalt!“ Ssamoswistow entfernte sich. Als Tschitschikow sich wieder allein in seiner Zelle befand, wollte er noch immer nicht recht an dessen Worte glauben, aber es verging keine halbe Stunde, da wurde ihm schon seine Schatulle gebracht: die Papiere, das Geld — alles war in schönster Ordnung. Ssamoswistow spielte die Rolle eines Inspektors: er gab den Posten einen Rüffel, weil er nicht wachsam genug sei, gab dem Gefängnisaufseher den Befehl, noch ein paar Soldaten zur Verstärkung der Wache kommen zu lassen, beschlagnahmte die Schatulle und entnahm ihr sämtliche Papiere, die Tschitschikow im geringsten kompromittieren konnten, dann band er alles zusammen, versiegelte es und beauftragte einen Soldaten, das Paket sofort Tschitschikow zu überbringen, unter dem Vorwand, es befänden sich Bettwäsche und die notwendigsten Stücke der Nachttoilette darin, sodaß Tschitschikow zugleich mit seinen Papieren noch warme Sachen erhielt, mit denen er seinen sterblichen Leib zudecken konnte. Diese prompte Zustellung bereitete ihm eine unsagbare Freude. Er faßte wieder Hoffnung und schon fing er aufs neue an, von allerhand schönen Dingen zu träumen: vom Theater und einer reizenden Tänzerin, der er die Kur machte. Das Gut und die ländliche Stille verblaßten merklich, dagegen malte sich ihm die Stadt und ihr lärmendes Getriebe in weit helleren und klareren Farben ... „O Leben!“

Unterdessen hatte vor den Gerichten und Tribunalen ein Prozeß von geradezu grenzenlosen Dimensionen begonnen. Die Federn der Schreiber waren emsig an der Arbeit; gescheite Leute schnupften Tabak, zerbrachen sich die Köpfe, und hatten einen beinahe künstlerischen Genuß beim Studium dieser herrlichen schwungvoll geschriebenen Akten. Der Rechtsanwalt lenkte und leitete wie ein verborgener Zauberkünstler den ganzen Mechanismus; noch ehe jemand Zeit hatte sich umzusehen, hatte er alle in seinem Netze gefangen. Der Wirrwarr wurde immer größer. Ssamoswistow übertraf sich selbst durch seine geradezu unerhörte Kühnheit und Frechheit. Er brachte in Erfahrung, wo die jüngst verhaftete Frau untergebracht war, ging sofort hin und trat mit der sicheren und kecken Miene eines Chefs oder Vorgesetzten ein, so daß der Posten „Honneur“ machte und stramm stand. „Stehst du schon lange hier?“ — „Seit heute morgen, Euer Gnaden!“ — „Wirst du bald abgelöst?“ — „Um drei Uhr, Euer Gnaden!“ — „Ich werde dich brauchen. Ich werde dem Offizier sagen, daß er statt deiner einen andern herschicken soll.“ — „Zu Befehl, Euer Gnaden!“ Hierauf fuhr er nach Hause, und um nur ja niemand in die Sache zu verwickeln und alle Spuren zu verwischen, zog er sich sofort um. Er verkleidete sich als Gendarm und klebte sich einen künstlichen Schnurrbart und Backenbart an, sodaß ihn der Teufel selbst nicht erkannt hätte. Er ging in das Haus, wo Tschitschikow wohnte, ergriff das erste beste Weib, das ihm unter die Hände kam, übergab sie zwei jungen forschen Beamten, die auch eingeweiht waren, und erschien plötzlich ganz wie es sich gehört mit einem großen Schnauzbart und einem Gewehr vor dem Posten: „Marsch ... der Kommandeur hat mich hierher geschickt; ich soll dich ablösen.“ Er löste den andern ab und pflanzte sich selbst mit dem Gewehr in der Hand vor dem Eingang auf. Das war alles, was er brauchte. Unterdessen hatte man das eine Weib mit einem andren vertauscht, das überhaupt nichts wußte, und keine Ahnung von der ganzen Sache hatte. Das erste Weib wußte man so gut zu verstecken, daß später kein Mensch mehr herauskriegen konnte, wo es eigentlich geblieben war. Während Ssamoswistow so seine Rolle als Soldat spielte, vollbrachte der Rechtsanwalt seinerseits wahre Wundertaten auf dem bürgerlichen Schauplatz! Er ließ dem Gouverneur durch eine dritte Person mitteilen, daß der Staatsanwalt die Absicht habe, ihn zu denunzieren; dem Gendarmerieoberst ließ er mitteilen, daß ein Beamter, der sich im geheimen in der Stadt aufhielte, ihn denunzieren wolle; dem geheimnisvollen Beamten brachte er die Überzeugung bei, daß es einen noch geheimnisvolleren Beamten gäbe, der ihn denunzieren wolle — und er brachte alle dadurch in eine solche Lage, daß sich jeder an ihn wenden mußte, um sich Rat und Beistand zu holen. Es entstand ein furchtbarer Wirrwarr: eine Denunziation jagte die andre, es kamen unerhörte Dinge an den Tag, wie sie hier unter der Sonne noch nie vorgekommen, und sogar solche, die überhaupt nicht vorhanden waren. Jeder Plunder fand seine Verwendung, alles wurde hervorgeholt und ans Licht gezogen: daß einer ein unehelicher Sohn war, was für einen Beruf und Stand er hatte, daß er sich eine Maitresse hält, und wessen Frau einem andern nachläuft. Skandalgeschichten und allerhand schmutzige Affären wurden mit dem Fall Tschitschikow und den Toten Seelen derartig vermengt und in Verbindung gebracht, daß man absolut nicht herauskriegen konnte, welche von diesen Affären den tollsten Unsinn darstellte: beide waren einander wert. Als dann schließlich die Akten beim Generalgouverneur einliefen, konnte der arme Fürst überhaupt nichts mehr verstehn. Der Beamte, der den Befehl erhalten hatte, einen Extrakt oder Auszug aus den Akten zu machen, ein gewandter und gescheiter Mann, verlor darüber beinahe den Verstand, er konnte den roten Faden in der ganzen Sache durchaus nicht finden. Der Fürst hatte gerade um diese Zeit große Sorgen wegen einer ganzen Reihe anderer Angelegenheiten, von denen eine unangenehmer war, als die andre. In einem Teil der Provinz war eine Hungersnot ausgebrochen. Die Beamten, die hingeschickt worden waren, um Brot unter die Hungernden zu verteilen, hatten die Lebensmittel nicht in der richtigen Weise verwendet. In einem andern Teil der Provinz regten sich die Sektierer. Jemand hatte das Gerücht unter ihnen verbreitet, daß der Antichrist gekommen sei, der nicht einmal die Toten in Ruhe lasse und tote Seelen aufkaufe. Sie taten Buße, sündigten weiter und machten unter dem Vorwande, den Antichristen fangen zu wollen, ein paar Nicht-Antichristen den Garaus. An einer andern Stelle waren Unruhen unter den Bauern ausgebrochen; sie hatten sich gegen die Gutsbesitzer und gegen den Gendarmerieobersten empört. Ein paar Landstreicher hatten das Gerücht verbreitet, jetzt sei die Zeit gekommen, wo die Bauern Gutsbesitzer werden und Fräcke anziehen müßten, während die Gutsbesitzer den Bauernkittel anlegen und selbst Bauern werden müßten — und ein ganzer Bezirk hatte daraufhin, ohne zu überlegen, daß es unter diesen Umständen ja viel zu viele solche Gutsbesitzer und Gendarmerieoffiziere geben werde — die Steuern verweigert. Man mußte zu Zwangsmaßregeln greifen. Der arme Fürst war ganz verstimmt und befand sich in der höchsten Aufregung. Da teilte man ihm mit, der Branntweinpächter Murasow sei gekommen. „Er soll eintreten!“ sagte der Fürst. Der Greis betrat das Zimmer.

„Da haben Sie Ihren Tschitschikow. Sie setzten sich für ihn ein und versuchten, ihn zu verteidigen. Jetzt hat man ihn bei einer Sache ertappt, zu der sich der schlimmste Dieb und Räuber nicht hergegeben hätte.“

„Erlauben Sie mir, Ihnen mitzuteilen, Durchlaucht, daß ich die ganze Sache nicht recht gut verstehe.“

„Die Fälschung eines Testaments, und was für eine Fälschung! ... Darauf steht öffentliche Züchtigung mit der Knute!“

„Durchlaucht — was ich jetzt sage, sage ich nicht, um Tschitschikow zu verteidigen — aber das ist doch alles noch garnicht bewiesen: die Untersuchung hat ja noch garnicht stattgefunden.“

„Wir haben Beweise: die Frau, die die Rolle der Toten spielte, ist verhaftet. Ich will sie sofort in Ihrer Gegenwart verhören.“ Der Fürst klingelte und befahl, die Frau holen zu lassen.

Murasow schwieg still.

„Eine niederträchtige Gaunerei! Und ist es nicht eine Schande, daß die höchsten Beamten der Stadt, ja sogar der Gouverneur selbst in sie verwickelt sind. Er wenigstens dürfte doch nicht da sein, wo die Diebe und Faulenzer ihr Wesen treiben!“ sagte der Fürst heftig.

„Aber der Gouverneur ist doch einer der Erben; er hatte doch gewisse Rechte und Ansprüche darauf; und daß auch die andern von allen Seiten herbeigelaufen kamen und mit daran profitieren wollten — das ist doch nur menschlich, Durchlaucht! Eine reiche Frau stirbt, sie hinterläßt ein Testament, das weder klug noch gerecht ist, und nun strömen von allen Seiten Menschen zusammen, die gern was verdienen möchten — das ist doch alles so menschlich, so natürlich ...“

„Ja, aber wozu all diese schmutzigen Geschichten? ... Die Schurken!“ sagte der Fürst empört. „Ich habe nicht einen einzigen anständigen Beamten: lauter Lumpen.“

„Durchlaucht! wer von uns ist denn gut, d. h. ganz so, wie er sein sollte? Alle Beamten unserer Stadt sind doch Menschen, die haben ihre Vorzüge und ihre Tugenden, es gibt sehr viele unter ihnen, die ihre Sache wirklich verstehen und tüchtige Fachleute sind, aber wer ist denn frei von Sünde?“

„Hören Sie, Afanassij Wassiljewitsch: sagen Sie mir bitte — Sie sind der einzige ehrliche Mensch, den ich kenne — was macht es Ihnen eigentlich für ein Vergnügen, allerhand Schurken und Gauner in Schutz zu nehmen?“

„Durchlaucht!“ versetzte Murasow: „wie die Menschen auch sein mögen, die Sie Schurken und Gauner nennen — sie bleiben immer doch Menschen. Wie soll man denn den Menschen nicht in Schutz nehmen, wenn man weiß, daß er die Hälfte all seiner Übeltaten aus Roheit und Unwissenheit begeht. Wir tuen doch selbst auf Schritt und Tritt unrecht und stürzen jeden Augenblick andere Menschen ins Unglück, oft ohne jede böse Absicht. Durchlaucht haben doch auch neulich sehr ungerecht gehandelt!“

„Wie?“ rief der Fürst erstaunt aus. Er war aufs höchste überrascht durch die unerwartete Wendung, die die Unterhaltung nahm.

Murasow wartete ein wenig und schwieg: er schien zu überlegen und sagte schließlich: „Nun, denken Sie zum Beispiel an den Fall Derpennikow.“

„Aber Afanassij Wassiljewitsch! Das war doch ein Verbrechen gegen den Staat, das nahezu an Landesverrat grenzt!“

„Ich verteidige ihn nicht. Aber ist es denn gerecht, einen Jüngling, der sich infolge seiner Unerfahrenheit von anderen verführen und fortreißen läßt, ebenso hart zu bestrafen, wie einen der Rädelsführer? Dieser Derpennikow mußte doch dieselbe Strafe erleiden wie irgend ein Woronoi-Drjannoi, und doch war ihr Vergehen ganz verschieden.“

„Um Gottes willen ...“ sagte der Fürst, dem man seine Aufregung deutlich anmerkte: „Wissen Sie etwas davon? Sprechen Sie, ich bitte Sie! Ich habe erst neulich nach Petersburg geschrieben und gebeten, man möge sein Los mildern.“

„Nein, Durchlaucht, ich sage nicht, daß ich etwas weiß, was Sie nicht auch wissen. Es gibt allerdings einen Umstand, der ihm von Nutzen sein könnte, aber er würde selbst nichts davon hören wollen, weil das einem andern schaden würde. Ich meine bloß dies: ob Sie sich damals nicht vielleicht allzusehr übereilt haben? Verzeihen Sie mir, Durchlaucht, ich urteile nach meinem eigenen schwachen Verstande. Sie haben mir mehrmals geboten, aufrichtig zu sein. Als ich noch Direktor war, da hatte ich auch viele Arbeiter unter mir: gute und schlechte. Ich hätte damals auch das frühere Leben meiner Leute berücksichtigen müssen, denn wenn man nicht alles ganz kaltblütig überlegt, sondern die Menschen gleich anschreit — dann schüchtert man sie nur ein, und kriegt überhaupt nichts aus ihnen heraus; zeigt man ihnen dagegen Teilnahme und fragt sie nach allem, wie ein Bruder den Bruder fragt — dann sagen sie einem alles ganz von selbst und bitten gar nicht darum, daß man Gnade walten lassen solle; sie sind auch garnicht erbittert und zürnen niemandem, weil sie sehen, daß nicht wir sie bestrafen wollen, sondern das Gesetz.“

Der Fürst versank in Nachdenken, doch in diesem Augenblick trat ein junger Beamter ins Zimmer und blieb mit dem Portefeuille unter dem Arm ehrfurchtsvoll an der Türe stehen. Sorge und angestrengte Tätigkeit spiegelten sich auf seinem jungen und noch frischen Gesicht. Man sah es ihm an, daß er Beamter für besondere Aufträge war. Dies war einer der wenigen Menschen, die wirklich mit Liebe bei der Sache waren und denen das Aktenstudium Freude machte. Er hatte weder einen brennenden Ehrgeiz, noch einen heißen Durst nach Geld und Reichtum, noch suchte er es den andern gleichzutun, er arbeitete nur aus dem Grunde, weil er überzeugt war, daß er hier an dieser Stelle an seinem Platze war, wie an keiner andern der Welt, und daß das seine Lebensaufgabe sei. Wenn es galt, eine verwickelte Sache Schritt für Schritt zu verfolgen, zu analysieren, sie in ihre Teile zu zerlegen, in diesem Labyrinth den leitenden Faden zu entdecken, und alles aufzuklären, — dann war er in seinem Element. Er fand sich reichlich belohnt für seine Mühe und Arbeit und die vielen schlaflosen Nächte, wenn die Sache sich endlich aufzuhellen begann, wenn ihre geheimsten Triebfedern ans Licht kamen und er fühlte, daß er imstande war, sie mit wenigen Worten klar und deutlich darzulegen, sodaß sie jedem einleuchtete und vollkommen durchsichtig wurde. Man kann wohl sagen, kein Schüler freut sich so sehr, wenn ihm endlich der Sinn eines schwierigen Satzes oder die wahre Bedeutung des Gedankens eines großen Schriftstellers aufgeht, als er sich freute, wenn es ihm gelungen war, eine verwickelte Sache zu entwirren. Dafür aber ....

„... mit Brot in den Gegenden wo Hungersnot herrscht; ich kenne diesen Teil besser als die Beamten: ich will selbst untersuchen, was und wieviel ein jeder braucht. Und wenn Euere Durchlaucht gestatten, will ich auch persönlich mit den Sektierern reden. Unsereiner, d. h. ein einfacher Mann, kann sie ja doch leichter zum Reden bringen, und vielleicht gelingt’s mir mit Gottes Hilfe, die Sache auf friedlichem Wege zu schlichten. Die Beamten aber werden doch nicht mit ihnen fertig: da kommt es höchstens zu weitläufigen Schreibereien; sie werden ja schon so nicht mehr klug aus den Akten und sehen bald über all dem Papier die Sache selbst nicht mehr. Ich will auch von Ihnen kein Geld dafür haben, denn bei Gott, in solch einer Zeit wäre es wirklich eine Schande, noch an seinen Vorteil zu denken, wo die Menschen vor Hunger sterben. Ich habe noch etwas Korn in Reserve: außerdem habe ich schon nach Sibirien schicken lassen; bis zum nächsten Sommer erhalte ich wieder neues geliefert.“

„Gott allein kann es Ihnen vergelten, Afanassij Iwanowitsch, Sie leisten mir einen sehr großen Dienst damit. Ich sage Ihnen kein Wort mehr, weil hier — das werden Sie selbst fühlen — weil hier jedes Wort ohnmächtig wäre. Aber lassen Sie mich wenigstens noch eins über jene Bitte sagen. Sagen Sie selbst: habe ich denn das Recht, ganz über eine solche Sache hinwegzugehen, wäre es anständig und ehrlich von mir, diesen Schurken zu verzeihen?“

„Bei Gott! Durchlaucht, so darf man sie nicht nennen, um so mehr, da es viele ehrenwerte Männer unter ihnen gibt. Die Lage der Menschen ist oft schwer, Durchlaucht, oft sogar sehr schwer. Mitunter scheint es, daß ein Mensch nach allen Seiten hin schuldig ist, und wenn man dann näher zusieht — ist er es garnicht gewesen.“

„Aber was werden sie selbst sagen, wenn ich sie laufen lasse? Es gibt doch Leute unter ihnen, die nachher noch hochnäsiger werden und am Ende noch behaupten werden, sie hätten uns eingeschüchtert. Sie werden die ersten sein, die keine Achtung für ....“

„Durchlaucht, erlauben Sie mir, Ihnen meine Ansicht zu sagen: lassen Sie sie alle rufen, erklären Sie ihnen, daß Ihnen alles bekannt ist, schildern Sie ihnen Ihre eigene Lage, so wie Sie sie mir eben geschildert haben, und fragen Sie sie um Rat: was ein jeder von ihnen an Ihrer Stelle gemacht hätte.“

„Ja, glauben Sie denn, daß sie besseren Regungen zugänglich sind außer allerhand Intrigen und dem Wunsch, sich zu bereichern? Glauben Sie mir, sie werden mich auslachen.“

„Das glaube ich nicht, Durchlaucht. Jeder Mensch, selbst der, der schlechter ist als die andern, hat ein gesundes Gefühl für das Rechte. Es sei denn etwa irgend ein fremder Wucherer oder einer, der kein Russe ist .. Nein, Durchlaucht, Sie haben es nicht nötig, sich zu verstecken. Sagen Sie es ihnen ganz offen, wie Sie es mir gesagt haben. Sie schmähen sie ja doch und sagen, Sie seien ein stolzer und ehrgeiziger Mensch, der gar nichts hören will und sehr selbstbewußt ist — nun so mögen sie die Dinge sehen, wie sie sind. Was liegt Ihnen schließlich daran? Ihre Sache ist doch gerecht und gut. Sprechen Sie zu ihnen, als legten Sie nicht vor ihnen, sondern vor Gott selbst Rechenschaft ab.“

„Afanassij Iwanowitsch,“ sagte der Fürst nachdenklich: „ich will es mir überlegen, einstweilen aber danke ich Ihnen herzlich für Ihren Rat.“

„Und wie ist es mit Tschitschikow, Durchlaucht? Wollen Sie ihm die Freiheit schenken?“

„Sagen Sie diesem Tschitschikow, er soll machen daß er fortkommt, und zwar so schnell als möglich; je weiter er von hier ist, desto besser. Ihm könnte ich niemals verzeihen.“

Murasow verneigte sich und begab sich vom Fürsten direkt zu Tschitschikow. Er fand ihn bereits in der besten Laune, in höchster Seelenruhe mit einem respektablen Mittagessen beschäftigt, das ihm in mehreren Porzellanschüsseln aus einem gleichfalls recht respektablen Restaurant in die Zelle gebracht worden war. Aus seinen ersten Worten konnte der alte Herr sofort erkennen, daß Tschitschikow schon mit einzelnen von den gerissenen Beamten gesprochen hatte. Er begriff sogar, daß hier auch der gelehrte Rechtsanwalt seine unsichtbare Hand mit im Spiel hatte.

„Hören Sie, Pawel Iwanowitsch,“ sagte er, „ich bringe Ihnen die Freiheit, aber unter einer Bedingung, daß Sie sofort die Stadt verlassen. Packen Sie alle Ihre Sachen, und machen Sie, daß Sie fortkommen; Sie dürfen es keinen Augenblick aufschieben, sonst verschlimmern Sie nur Ihre Lage. Ich weiß, daß Ihnen irgend ein Mensch hier Verhaltungsmaßregeln gibt; daher will ich Ihnen verraten, daß man noch einer andern Affäre auf der Spur ist, und keine Macht der Erde wird ihn mehr retten können. Es macht ihm natürlich Spaß, auch andere Leute zugrunde zu richten, da es ihm allein zu langweilig wäre, aber die Sache wird bald aufgedeckt sein. Ich habe Sie in der besten Geistesverfassung zurückgelassen, in einer besseren als jetzt. Ich rate Ihnen daher ernstlich, folgen Sie meinem Rat. Ja, ja, es kommt wirklich nicht auf den Besitz allein an, um dessentwillen die Menschen sich miteinander streiten und einander umbringen, als ob es möglich wäre, hier auf Erden ein geordnetes Leben zu beginnen, ohne an das künftige zu denken. Glauben Sie mir Pawel Iwanowitsch, solange die Menschen nicht all das fahren lassen, um dessentwillen sie sich in dieser Welt auffressen und zerfleischen, und nicht daran denken, ihren geistigen Besitz in Ordnung zu bringen — wird es auch um den irdischen Besitz nicht wohlbestellt sein. Es werden Zeiten der Hungersnot und der Armut kommen, wie für ein ganzes Volk, so auch für den Einzelnen ... Das ist doch so klar. Sagen Sie, was Sie wollen, der Körper hängt doch von der Seele ab. Wie aber kann man dann verlangen, daß alles gut gehe? Denken Sie nicht an die toten Seelen, sondern an Ihre eigene lebendige Seele, und machen Sie sich mit Gottes Hilfe auf den Weg zu einem neuen Leben! Ich verreise auch morgen. Beeilen Sie sich! Es kann Ihnen schlecht gehen, — wenn ich nicht mehr da bin.“

Der Alte verstummte und ging hinaus. Tschitschikow versank in Nachdenken. Der Sinn des Lebens erschien ihm abermals in seiner hohen Bedeutung. „Murasow hat recht,“ sagte er, „es wird Zeit, einen andern Weg einzuschlagen.“ Mit diesen Worten verließ er das Gefängnis. Der Wachposten trug ihm die Schatulle nach ..... Seliphan und Petruschka waren ganz selig, als sie sahen, daß ihr Herr wieder frei war, und freuten sich, als ob Gott weiß was passiert wäre. „Nun, meine Lieben,“ sagte Tschitschikow, indem er sich gnädig an sie wandte: „jetzt müssen wir packen und abreisen.“

„Seien Sie unbesorgt, Pawel Iwanowitsch. Sie sollen sehen, wie wir fliegen werden,“ sprach Seliphan: „Wir werden jetzt einen guten Weg haben: es ist reichlich Schnee gefallen. Es ist wirklich Zeit, daß wir die Stadt verlassen. Wahrhaftig, ich habe sie bald so satt, daß ich sie garnicht mehr ansehen mag.“

„Geh zum Wagenbauer und sage ihm, er soll unsere Kutsche auf ein Schlittengestell setzen,“ versetzte Tschitschikow und ging selbst in die Stadt. Aber er konnte sich doch nicht entschließen, Abschiedsbesuche zu machen. Nach diesem unglücklichen Vorfall war es ihm peinlich, um so mehr, da in der Stadt allerlei äußerst ungünstige Gerüchte über ihn zirkulierten. Er suchte jeder Begegnung mit Bekannten sorgfältig aus dem Wege zu gehn und trat nur ganz unbemerkt in den Laden jenes Kaufmannes, bei dem er den Stoff von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz gekauft hatte; er erstand noch einmal vier Arschin zu einem Frack und Hosen und begab sich hierauf selbst zu demselben Schneider, der ihm den Anzug genäht hatte. Dieser erklärte sich bereit, seinen Fleiß und Eifer für den doppelten Preis gleichfalls zu verdoppeln und ließ das Völkchen seiner Gehilfen die ganze Nacht hindurch bei Kerzenlicht mit Schere, Bügeleisen und Zähnen arbeiten, sodaß der Frack noch am nächsten Tage fertig war. Die Pferde waren schon angespannt, aber Tschitschikow wollte den Frack dennoch erst anprobieren. Er war sehr schön, ganz ebenso schön wie der erste. Aber ach! Tschitschikow bemerkte etwas Glänzendes, weiß Schimmerndes zwischen seinen Haaren und murmelte schmerzlich: „Wie konnte ich mich auch so der Verzweiflung hingeben? Vor allem aber hätte ich mir die Haare nicht ausraufen dürfen!“ Nachdem er seine Schneiderrechnung bezahlt hatte, setzte er sich in seinen Wagen und verließ die Stadt in einer seltsamen Gemütsverfassung. Das war nicht mehr der alte Tschitschikow: das war nur noch eine Ruine des früheren Tschitschikow. Man konnte seinen inneren Seelenzustand mit einem zerstörten Gebäude vergleichen, das nur deswegen niedergerissen wurde, um ein neues daraus zu erbauen, mit dessen Wiederaufbau man jedoch noch nicht begonnen hat, weil der Architekt den definitiven Plan noch nicht gesandt und die Arbeiter im Zweifel sind, was sie tun sollen. Eine Stunde vor ihm war der alte Murasow zusammen mit Potapytsch in einem mit Matten gedeckten Zeltwagen abgefahren, und eine Stunde nach Tschitschikows Abreise erging der Befehl an die Beamten, vor dem Fürsten zu erscheinen: er verreise nach Petersburg und wolle sie vorher alle, bis auf den letzten noch einmal sehen.

In dem großen Saal des Hauses, welches der General-Gouverneur bewohnte, war die gesamte Beamtenschaft der Stadt versammelt vom Gouverneur bis zum letzten Titularrat: die Bürovorsteher und Abteilungschefs, allerhand Räte, Assessoren, Kislojedow, Krasnonossow, Samoswistow, solche die Geschenke annahmen und solche, die keine annahmen, ganze und halbe Heuchler und Pharisäer, und solche, die gar nicht heuchelten. Sie alle warteten nicht ohne Unruhe und Aufregung auf das Erscheinen des Generalgouverneurs. Endlich betrat der Fürst den Saal, er war weder finster noch heiter: sein Blick war ebenso fest wie sein Schritt. Die ganze Beamtenschaft verbeugte sich — viele verneigten sich tief bis zur Erde. Der Fürst antwortete mit einer leichten Verbeugung und begann folgendermaßen:

„Ehe ich nach Petersburg reise, hielt ich es für richtig, Sie noch einmal zu sehen und Ihnen wenigstens zum Teil den Anlaß zu meiner Reise mitzuteilen. Es hat sich hier eine sehr unangenehme und peinliche Sache abgespielt. Ich nehme an, daß viele von den Anwesenden wissen, welche Sache ich meine. Diese Sache hat zur Aufdeckung einer ganzen Reihe von Vorgängen geführt, die nicht weniger schmachvoll sind, und in die sogar solche Männer verwickelt scheinen, die ich bisher für rechtschaffen und ehrlich hielt. Mir ist auch die geheime Absicht bekannt, alles so zu verwirren und durcheinanderzubringen, daß es völlig unmöglich werde, diesen Fall auf dem formalen Rechtsweg zu entwirren und zu erledigen. Ich weiß auch, wer der Hauptschuldige ist, obwohl er es sehr klug und fein verstanden hat, alle Beweise für seine Teilnahme zu beseitigen. Nun aber habe ich mich entschlossen, der Sache nicht auf dem formalen Rechtswege noch auf dem Aktenwege nachzugehen, sondern sie wie in Kriegszeiten vor das Kriegsgericht zu bringen und rasch zu erledigen. Ich hoffe, daß der Kaiser mir die Vollmacht dazu geben wird, wenn ich ihm den ganzen Vorfall ausführlich darlege. In einem solchen Fall, wo es nicht möglich ist, den bürgerlichen Rechtsweg zu beschreiten, wo ganze Schränke mit Akten verbrennen, und wo man sich bemüht, durch einen Haufen von falschen Zeugnissen und unbegründeten Denunziationen eine schon an sich recht dunkle Affäre noch mehr zu verdunkeln — da halte ich das Kriegsgericht für das einzige zuverlässige Mittel, und ich wünsche Ihre Meinung darüber zu hören.“

Der Fürst hielt einen Augenblick inne, als erwarte er eine Antwort. Alle standen stumm da, den Blick zu Boden gesenkt. Viele waren sehr bleich geworden.

„Außerdem ist mir noch eine Sache bekannt geworden, obgleich ihre Urheber der festen Überzeugung leben, daß niemand etwas davon erfahren konnte. Auch dieser Fall soll nicht auf dem Aktenwege erledigt werden, da ich selbst hier der Ankläger und Supplikant bin, und Sie können sicher sein, daß ich zwingende und evidente Beweise vorlegen werde.“

Einer der Beamten zuckte zusammen, und einzelne von den Ängstlicheren wurden gleichfalls bestürzt und verlegen.

„Es versteht sich von selbst, daß der Hauptschuldige und Anstifter seiner Titel und Ränge entkleidet und daß sein Eigentum konfisziert werden wird. Die übrigen werden ihrer Ämter enthoben. Es versteht sich von selbst, daß zugleich mit ihnen auch viele Unschuldige werden mit leiden müssen. Aber was soll ich machen? Die Sache ist zu schmählich und schreit nach einer gerechten Strafe und Ahndung. Obwohl ich weiß, daß dies nicht einmal andern zur Lehre dienen wird, da wieder andere an ihre Stelle treten und die, welche bis zu heutigem Tage ehrlich waren, unehrlich und solche, denen man Vertrauen schenken wird, zu Betrügern und Verrätern werden werden — obwohl ich dies alles weiß, bin ich gezwungen, so hart und grausam zu verfahren, denn das Gesetz ist verletzt und fordert strengste Ahndung. Ich weiß, daß man mir Härte und Grausamkeit vorwerfen wird, aber ich weiß auch ... daß ich Sie in ein gefühlloses Werkzeug der Gerechtigkeit verwandeln muß, das auf die Häupter der Schuldigen herabfallen soll.“

Ein Zittern lief unwillkürlich über alle Gesichter.

Der Fürst war sehr ruhig. Weder Zorn noch Empörung spiegelte sich in seinen Zügen.

„Jetzt bittet euch derselbe, in dessen Händen das Schicksal vieler liegt und den selbst keine Bitten zu erreichen vermochten, jetzt fleht er euch alle an: Alles soll vergessen, jede Schuld soll getilgt und vergeben sein: ich will euer aller Fürsprecher sein, wenn ihr meine Bitte erfüllen wollt. Meine Bitte aber ist diese: Ich weiß, daß kein Mittel, keine Einschüchterung und keine Strafe imstande ist, das Unrecht auszurotten, es hat schon zu tief Wurzeln gefaßt. Die schimpfliche Sitte, Geschenke anzunehmen, ist zur Notwendigkeit und zum Bedürfnis geworden, selbst bei solchen Leuten, die nicht mit der Anlage zum Bösen geboren wurden. Ich weiß wohl, daß es für viele beinahe unmöglich ist, gegen die allgemeine Strömung zu schwimmen. Und doch muß ich heute, in einem entscheidenden und großen Augenblick, wo das Vaterland in Gefahr ist, und wo ein jeder Bürger alles auf sich nimmt und alles zum Opfer bringt, — einen Ruf an Sie ergehen lassen, oder doch wenigstens an die unter Ihnen, die noch ein russisches Herz in der Brust tragen, und für die Großherzigkeit und Edelmut noch keine leeren Worte geworden sind. Wozu wollen wir hier davon reden, wer von uns am meisten schuldig ist? Vielleicht trage ich die größte Schuld; vielleicht habe ich Sie zuerst allzu strenge und unfreundlich empfangen; vielleicht habe ich durch meinen übertriebenen Argwohn so manchen unter euch abgestoßen, der den ehrlichen Willen hatte, mir nützlich zu sein, obgleich auch ich meinerseits etwas tun konnte .... Wenn Sie wirklich wollten, daß die Gerechtigkeit auf der Seite Ihres Landes sei, wenn Sie Ihr Vaterland wirklich lieb gehabt hätten, dann durften Sie sich nicht durch den Stolz und die Härte meines Auftretens gekränkt fühlen; Sie mußten Ihren Ehrgeiz und Ihre verletzte Eitelkeit unterdrücken und Ihr eigenes Ich zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre Selbstlosigkeit und Ihre hohe Liebe zum Guten unmöglich nicht bemerken und mein Ohr unmöglich Ihren verständigen und nützlichen Ratschlägen verschließen können. Am Ende muß sich doch der Untergebene an den Charakter seines Vorgesetzten und nicht der Vorgesetzte an seine Untergebenen anpassen. Jedenfalls wäre das richtiger und bequemer, denn die Untergebenen haben nur einen Vorgesetzten, während der Vorgesetzte viele Hunderte von Untergebenen hat. Aber lassen wir es jetzt beiseite, wer hier die meiste Schuld trägt. Jetzt handelt es sich darum, daß uns die Pflicht auferlegt ward, das Vaterland zu retten; unser Vaterland geht nicht daran zugrunde, daß zwanzig fremde Völkerstämme uns mit Krieg überziehen, es geht zugrunde an uns selbst; denn neben der rechtmäßigen Regierung und Verwaltung hat sich noch eine andre Regierung gebildet, die weit stärker ist als jede gesetzliche Macht. Man hat bestimmte Forderungen aufgestellt, alles ist genau taxiert und abgeschätzt, und die Preise sind bereits allgemein bekannt gegeben. Und kein Regierender vermag es, selbst wenn er weiser wäre als alle Gesetzgeber und Regierenden der Welt, das Übel wieder auszurotten, und wenn er die schlechten Beamten tausendmal in ihren Machtbefugnissen beschränkte, indem er noch andre Beamten anstellte, um jene zu beaufsichtigen. Alles ist umsonst, bis ein jeder von uns fühlen lernt, daß er ganz so, wie er sich in der Zeit der Volksaufstände wappnete ... heute wappnen muß gegen Unrecht und Unwahrheit. Als Russe, als ein Mensch, der durch die heiligen Bande der Blutsverwandtschaft mit euch verbunden ist, in dessen Adern dasselbe Blut fließt wie in den euren, wende ich mich in diesem Augenblick an euch. Ich wende mich an die unter euch, die einen Begriff davon haben, was eine vornehme Denkungsart ist. Ich fordere euch auf, euch an die Pflicht zu erinnern, die dem Menschen vorgezeichnet ist, an jedem Punkte, wo er steht. Ich bitte euch, euch dieser eurer Pflicht und der Bedeutung eures irdischen Berufes klarer bewußt zu werden, weil uns dieses nur dunkel vorschwebt, und weil wir kaum ...“

Novellen

übersetzt von
Mario Spiro und S. Bugow

Der Mantel

In einer Ministerial-Abteilung ...

Aber es ist sicher besser, ich sage nicht in welcher. In Rußland nämlich gibt es keine empfindlichere Menschenklasse, als die der Ministerial-, Armee- und Kanzleibeamten, kurz, aller derer, die man im allgemeinen unter dem Namen „Bürokraten“ zusammenzufassen pflegt. Hält sich heutzutage der eine von ihnen für auch nur ein wenig in seiner Ehre gekränkt, so bildet er sich sogleich ein, daß in seiner Person auch die ganze Gesellschaft eine Unbill erlitten hat. So soll neulich einmal ein Kreisrichter — ich weiß nicht mehr, in welcher Stadt — einen Bericht abgefaßt haben, in dem er dartun wollte, daß man den Erlassen der Regierung nicht mehr die gebührende Achtung entgegenbringe, erfreche man sich doch sogar, dem geheiligten Titel eines Kreisrichters eine verächtliche Nebenbedeutung beizulegen. Und zum Beweise dafür hatte er seinem Berichte einen riesigen Folianten beigelegt, eine Art Roman, in dem man auf jeder zehnten Seite einem völlig berauschten Kreisrichter begegnen konnte. Um also von vornherein allen künftigen Reklamationen den Riegel vorzuschieben, habe ich es vorgezogen, den Schauplatz der folgenden Vorgänge undeutlich zu lassen und mich mit der Angabe: In einer Ministerialabteilung zu begnügen. In einer Ministerialabteilung war ein Individuum beschäftigt, natürlich ein Beamter, der — ich kann es leider nicht verschweigen — ein wenig schlicht und unbedeutend aussah. Er war recht klein, und pockennarbig, hatte rote Haare, die ihm jedoch an der Stirn bereits ausgefallen waren, und war sogar etwas kurzsichtig, beide Wangen waren voller Runzeln, und sein Gesicht hatte eine bleiche Farbe, wie bei allen Leuten, die an Hämorrhoiden leiden. Was soll man machen. So sah nun mal unser Held aus, so hatte ihn das Petersburger Klima verunstaltet. Was seinen Rang im Amte betrifft — denn bei uns ziemt es sich vor allem, den Rang eines Beamten festzustellen — so war er das, was man im allgemeinen unter einem ewigen „Titular-Rat“[9] versteht; d. h. er war einer jener Unseligen, die bekanntlich schon so oft die ironischen Pfeile gewisser Schriftsteller herausgefordert haben, einer Menschenklasse, die die beklagenswerte Angewohnheit hat, Arme, die sich nicht zu verteidigen vermögen, anzugreifen. Der Familienname dieses Beamten war Baschmatschkin (zu deutsch Schuhmann). Dieser Name läßt deutlich erkennen, daß er von dem Worte Schuh herstammt; wann und zu welcher Zeit er jedoch von einem Schuh hergeleitet worden ist, das ist völlig unbekannt. Der Vater, der Großvater und sogar der Schwager unseres Beamten, sowie überhaupt sämtliche Baschmatschkins hatten immer nur Stiefel getragen, die sie sich dreimal im Jahre neu sohlen ließen. Der Vor- und Vatername unseres Helden war Akakij Akakiewitsch. Vielleicht wird der Leser diese Namen etwas seltsam und gesucht finden, aber ich kann ihm die Versicherung geben, daß dem nicht so ist, sondern daß die Umstände es zur Unmöglichkeit gemacht hatten, ihm andere Namen zu geben. Man höre, wie das kam! Akakij Akakiewitsch wurde, wenn mich nicht alles trügt, in der Nacht zum 23. März geboren. Seine verstorbene Mutter, die einen Beamten geheiratet hatte, eine gute, einfache Frau, ging natürlich, wie sich’s auch gebührt, sofort daran, ihren Neugeborenen taufen zu lassen. Die Mutter lag noch im Bette, das sich der Türe gegenüber befand, zu ihrer Rechten stand der Pate, Iwan Iwanowitsch Jeroschkin, eine sehr gewichtige Persönlichkeit seines Amtes, Bürochef im Senate, — und ihm zur Linken die Patin Arina Semenowna Biellobruschkow, die Frau eines Polizei-Inspektors, die mit mancherlei Vorzügen ausgestattet war. Man schlug der Wöchnerin drei Namen zur Auswahl vor: Mokius, Sosias oder den des Märtyrers Chosdasat.

„Nein,“ dachte sie, „die gefallen mir alle nicht!“

Um ihren Wünschen Rechnung zu tragen, schlug man im Kalender ein anderes Blatt auf und legte den Finger auf drei andere Namen: Trifili, Dula und Warachatius. „Aber das ist ja wie eine Strafe Gottes!“ rief die alte Mutter aus. „Hat man jemals solche Namen gesehen? Wahrhaftig, heute höre ich sie zum ersten Male in meinem ganzen Leben. Wenn es wenigstens noch Waradat oder Baruch wäre, aber Trifili und Warachatius!“

Man blätterte von neuem im Kalender und fand nun Pawsikachi und Wachtissi.

„Nein, nun wird es mir klar,“ rief die Alte, „es soll nicht sein! So mag er denn meinetwegen den Namen seines Vaters bekommen, wenn man nun einmal keinen besseren wählen kann. Der Vater heißt Akaki. So mag der Sohn denn auch Akaki heißen!“ Und so taufte man ihn denn auf den Namen Akaki Akakiewitsch. Das Kind wurde über den Taufstein gehalten: natürlich schrie es hierbei und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, wie wenn es hätte ahnen können, daß es eines Tages Titular-Rat werden würde. So aber spielte sich dies alles ab. Wir haben diese Tatsachen deshalb so breit erzählt, damit der Leser sich davon überzeugen kann, daß es gar nicht anders hätte kommen können und daß ein anderer Name für den kleinen Akaki unmöglich gewesen wäre.

Zu welcher Zeit Akaki Akakiewitsch in die Kanzlei eintrat und wer ihm dort einen Platz verschaffte, vermag heute niemand mehr zu sagen. Wie viele Vorgesetzte aller möglichen Schattierungen auch schon aufeinander gefolgt waren, er nahm unentwegt seinen alten Platz ein, man sah ihn stets auf demselben Stuhle sitzen, in derselben Haltung, über dieselbe Arbeit gebeugt, mit demselben Range, so daß man hätte glauben können, daß er schon in diesem Zustande fertig auf die Welt gekommen sei, mit seinen kahlen Schläfen und in seiner Dienstuniform. — In der Kanzlei, in der er angestellt war, nahm niemand auch nur die geringste Rücksicht auf ihn. Selbst die Bureaudiener erhoben sich nicht bei seinem Eintritte, sie beachteten ihn nicht im mindesten und rechneten mit ihm nicht mehr als mit einer Fliege, die gerade davongeflogen war. Seine Vorgesetzten behandelten ihn mit kalter Herrschsucht. Die Gehilfen des Bureauchefs dachten nicht einmal daran, ihm zu sagen, wenn sie vor ihm einen Stoß von Papieren aufhäuften:

„Haben Sie doch die Güte, dieses hier abzuschreiben!“ —

oder etwa:

„Das ist etwas sehr Interessantes, eine äußerst angenehme Arbeit!“

oder irgend ein angenehmes Wort, wie es unter wohlerzogenen Beamten am Platze ist.

Akaki nahm jedoch stets die Akten an, ohne danach zu fragen, wer sie vor ihm hingelegt hatte, und ob der Betreffende überhaupt dazu berechtigt gewesen war. Er nahm sie und begann sie sofort getreulich abzuschreiben. Seinen Kollegen, die bei weitem jünger als er waren, diente er als Gegenstand für ihre Spöttereien und zur Zielscheibe für ihre Geistesblitze — soweit man bei Beamten und besonders bei Kanzleibeamten überhaupt von Geist reden kann. Bald erzählten sie sich eine Menge erfundener Geschichten über ihn und über die Frau, bei der er wohnte, eine siebzigjährige Greisin. Man sprach davon, daß sie ihn hin und wieder verprügle, man fragte ihn, wann er denn mit ihr vor den Altar treten wolle. Oder man ließ auch auf sein Haupt Papierkügelchen herabregnen und wollte ihm dann weismachen, daß es Schneeflocken wären. Aber Akaki schenkte diesen Attacken nicht die geringste Beachtung; er erweckte den Eindruck, als wüßte er garnichts von der Gegenwart der andern. Alle diese kleinen Quälereien taten seiner Beharrlichkeit im Arbeiten keinen Abbruch, und trotz all dieser Versuchungen lief ihm auch nicht ein einziger Schreibfehler unter. Wurde ihm jedoch einmal der Scherz zu unerträglich, zerrte man ihn etwa am Arme und hinderte ihn am Schreiben, so sagte er auch dann nur:

„Lassen Sie mich doch in Ruhe! Warum wollen Sie mich denn durchaus beleidigen?“ Und es lag etwas merkwürdig Rührendes in diesen Worten und in der Art, wie er sie sprach.

Eines Tages geschah es, daß ein junger Mann, der soeben eine Anstellung im Bureau erhalten hatte und nach dem Beispiel der andern sich auf seine Kosten lustig machen wollte, beim Klange dieser Stimme dastand, als hätte er einen Stich ins Herz bekommen, — und von nun an sah er den alten Beamten mit ganz andern Augen an.

Man hätte meinen können, daß eine übernatürliche Macht ihn von seinen Kollegen, die er soeben erst kennen gelernt und die er zuerst für gebildete und anständige Leute gehalten hatte, trennte. Ja bald empfand er vor ihnen nur noch einen starken Widerwillen. Und noch viel später mitten in der lustigsten Gesellschaft stand ihm das Bild dieses alten kleinen Titularrates mit der kahlen Stirn vor Augen und in seinen Ohren tönten die Worte wider:

„Lassen Sie mich doch! Weshalb wollen Sie mich denn durchaus beleidigen?“

Und er hörte mit diesen Worten auch noch andere, die in ihnen schlummerten:

„Bin ich nicht euer Bruder?“

Der junge Mann verbarg sein Gesicht in den Händen, und oft noch zuckte er später bei der Erkenntnis zusammen, daß das menschliche Herz doch nur wenig menschliche Empfindung in sich berge, und daß soviel Härte und Roheit selbst denen eigen wäre, die eine feine und vornehme Erziehung genossen hätten, und o Gott! auch in denen, die im allgemeinen für gütige und ehrenwerte Menschen galten.

Nirgends konnte man einen Beamten finden, der seinen Pflichten mit gleichem Eifer oblag wie unser Akaki Akakiewitsch. Was sage ich, mit gleichem Eifer — arbeitete er doch mit Liebe, mit Leidenschaft. Wenn er Akten abschrieb, so öffnete sich vor ihm eine überaus schöne, eine freundliche Welt. Man konnte von seinen Zügen das Vergnügen, das ihm das Kopieren bereitete, ablesen. Es gab für ihn Lieblingsbuchstaben, die er mit einer ganz besonderen Genugtuung malte — in der wahren Bedeutung des Wortes; kam er an eine wichtige Stelle, so wurde er ein ganz anderer: er lächelte, seine Augen funkelten, seine Lippen bewegten sich, — und wer ihn kannte, konnte leicht aus seiner Physiognomie ersehen, welchen Buchstaben er jetzt gerade druckte.