Ein Kompliment der vornehmen Dame weckte den Nachdenklichen aus seinem Traume, er stürzte schnell zur Tür, um die Damen hinauszugeleiten. Auf der Treppe erhielt er die Einladung, in der nächsten Woche bei ihnen zu dinieren, und kehrte mit fröhlicher Miene in sein Zimmer zurück. Die aristokratische Dame hatte ihn vollkommen bezaubert — bis dahin hatte er solche Geschöpfe als etwas für ihn Unerreichbares angesehen, als Wesen, die nur dazu geboren sind, in prächtigen Equipagen mit Dienern in kostbaren Livreen und gallonierten Kutschern an armen Sterblichen, wie er, vorbeizusausen und einen im verschlissenen Mantel zu Fuß einherschreitenden Burschen mit einem gleichgültigen Blick zu streifen. Mit einem Male aber war eines dieser Wesen zu ihm in seine Wohnung gekommen; er malte dessen Porträt und war zu einem Diner in ein aristokratisches Haus eingeladen. Eine ganz ungewöhnliche Zufriedenheit bemächtigte sich seiner, er war vollständig trunken vor Freude und belohnte sich für seine gute Laune mit einem famosen Souper, einem Theaterbesuch und einer nochmaligen ziellosen Spazierfahrt in einer Equipage durch die Stadt.
Während all dieser Tage kam ihm seine gewohnte Arbeit gar nicht in den Sinn; er war nur mit Vorbereitungen auf den Besuch beschäftigt, und wartete auf den Augenblick, wo die Glocke zu ertönen pflegte. Endlich erschien die Dame mit ihrer blassen Tochter wieder. Er ließ sie Platz nehmen, rückte die Leinewand schon mit einer gewissen Sicherheit und mit den Prätensionen eines Mannes von feinen Manieren zurecht, und begann seine Arbeit. Der sonnige Tag und die gute Beleuchtung leisteten ihm große Dienste. Er entdeckte an seinem duftigen Modell eine Menge von Einzelheiten, deren Beachtung und Fixierung auf der Leinewand dem Porträt einen hohen Wert verleihen konnten. Er sah, daß es wohl möglich war, etwas Besonderes zu leisten, wenn er alles so vollkommen darzustellen vermochte, wie es ihm jetzt in der Natur entgegentrat. Sein Herz fing leicht zu klopfen an, weil er die Kraft in sich fühlte, etwas, was andere noch nicht bemerkt hatten, zum Ausdruck zu bringen. Die Arbeit nahm ihn ganz in Anspruch, er gab sich ihr völlig hin und vergaß bald wieder die aristokratische Herkunft des Originals; mit benommenem Atem stellte er fest, wie die zarten Züge und der fast durchsichtige Körper des siebenzehnjährigen Mädchens allmählich auf der Leinwand erschienen. Keine noch so zarte Nuance entging ihm, er traf den leichten gelben Ton, einen kaum merklichen bläulichen Schimmer unter den Augen — und war sogar schon im Begriff, einen kleinen Pickel, der sich auf der Stirne befand, zu verzeichnen, als er plötzlich neben sich die Stimme der Mutter vernahm. „Ach nein, wozu nur? Das ist nicht nötig! Auch hier haben Sie ... hier an einigen Stellen scheint es mir etwas zu gelb zu sein, und auch dies sieht ganz aus, wie ein dunkler Flecken.“ Der Maler fing an zu erklären, daß sich gerade diese Pünktchen und die gelbe Farbe besonders gut machten, weil sie im Gesicht als angenehme und leichte Töne wirkten. Er erhielt jedoch zur Antwort, daß das überhaupt keine Töne seien, daß sie sich garnicht gut ausnähmen, und daß es ihm nur so vorkäme. „Aber so erlauben Sie mir doch wenigstens, hier, an dieser einen Stelle, etwas Gelb aufzutragen!“ bat der Künstler mit harmloser Miene. Indessen gerade das wurde ihm nicht erlaubt. Man erklärte ihm, daß Liese heute bloß nicht in Stimmung sei, daß sie sonst ganz und gar nicht gelb aussehe, und daß ihr Gesicht im Gegenteil durch die Frische seines Teints überrasche. Traurig machte er sich daran, die beanstandeten Spuren seines Pinsels von der Leinewand zu tilgen. Viele fast unmerkliche Züge mußten schwinden, und mit Ihnen schwand zum Teil auch die Ähnlichkeit dahin. Gleichgültig begann er dem Bilde jenes konventionelle Kolorit mitzuteilen, das sich von vornherein ganz mechanisch und wie von selbst einstellt und auch einem nach der Natur gemalten Gesicht eine gewisse kühle Idealität verleiht, wie wir sie auf Schülerprogrammen antreffen. Die Dame war jedoch sehr zufrieden, daß nunmehr das Verletzende der Farbengebung gänzlich vermieden wurde. Sie drückte nur ihr Erstaunen darüber aus, daß die Arbeit so langsam vor sich ging, und fügte hinzu, sie hätte gehört, er könnte schon in zwei Sitzungen ein vollständiges Porträt malen. Der Maler fand hierauf keine Antwort. Die Damen erhoben sich und wollten fortgehen. Er legte den Pinsel nieder, geleitete sie bis an die Tür und blieb lange Zeit in trüber Stimmung vor seinem Porträt stehen.
Er starrte es stumm und gedankenlos an; inzwischen aber schwebten jene zarten weiblichen Züge, jene Schatten und luftigen Töne, die er bemerkt, und die sein Pinsel dann so schonungslos vernichtet hatte, vor seinem Auge. Ganz von ihnen erfüllt, stellte er das Porträt beiseite und suchte aus irgend einer Ecke seine „Psyche“ hervor, die er vor längerer Zeit einmal flüchtig skizziert hatte. Es war ein graziös hingemaltes, aber rein ideales und kaltes Gesichtchen, das bloß allgemeine und wenig charakteristische Züge aufwies und noch auf keinem lebendigen Körper saß. Er begann diese Züge mit dem Pinsel nachzuziehen, während er sich dabei an alles erinnerte, was sein scharfes Auge an dem Antlitze seiner aristokratischen Besucherin bemerkt hatte. Die von ihm erfaßten Linien, Schatten und Töne nahmen hierbei jene verklärte Form an, wie sie dem Künstler erscheinen, wenn er die Natur genügend in sich aufgenommen hat, sich nunmehr von ihr entfernt und ein ihr ebenbürtiges Werk schafft. Die Psyche lebte allmählich wieder auf, und der Gedanke, der ihn kaum flüchtig bewegt hatte, nahm wieder Fleisch und Blut an. Der Gesichtstypus der vornehmen jungen Dame teilte sich von selbst der Psyche mit, und dadurch erhielt sie einen eigenartigen Ausdruck, der ihr das Recht auf den Namen eines wahrhaft originellen Werkes verleihen durfte. Er hatte gleichsam in den Einzelheiten und im Ganzen ausgenutzt, was ihm das Original bot, und war von seiner Arbeit vollkommen hingerissen. Einige Tage lang beschäftigte er sich nur mit ihr, da überraschte ihn zufällig das Eintreten der bekannten Damen bei dieser Arbeit. Er hatte keine Zeit, das Bild von der Staffelei zu entfernen; die beiden Damen stießen einen frohen Ruf des Erstaunens aus und schlugen die Hände zusammen.
„Lise, Lise! ach, wie ähnlich! Superbe, superbe! Was für ein schöner Einfall, sie in einem griechischen Kostüm zu malen! Welche Überraschung!“
Der Künstler wußte nicht, wie er die Damen über ihren angenehmen Irrtum aufklären sollte. Verlegen und mit gesenktem Kopf bemerkte er leise: „Das ist Psyche!“
„Als Psyche? C’est charmant!“ sagte die Mutter lächelnd zu ihrer gleichfalls lächelnden Tochter. „Nicht wahr, Lise, so machst du dich am besten, so als Psyche, nicht? Quelle idée délicieuse! Aber was für eine Arbeit! Das ist ja ein Correggio! Offengestanden, ich habe zwar von Ihnen gelesen und gehört, ich wußte aber doch nicht, daß Sie ein solches Talent sind. Nein, Sie müssen unbedingt auch noch mein Porträt malen!“ Die Dame wollte sich offenbar gleichfalls als Psyche präsentieren ...
„Was soll ich mit ihnen anfangen?“ dachte der Künstler. „Wenn sie es selbst durchaus wollen, gebe ich einfach die „Psyche“ für das aus, was ihnen am meisten behagt!“ Und er sagte laut: „Belieben Sie noch für eine Weile Platz zu nehmen. Ich möchte hier noch einen Tupfen auftragen!“
„Ach, ich fürchte, daß Sie hier irgend etwas ... Sie ist jetzt so ähnlich.“
Aber der Künstler merkte wohl, daß sich ihre Befürchtungen nur auf gelben Ton bezogen, und beruhigte sie, indem er sagte, daß er den Augen nur noch etwas mehr Glanz und Ausdruck geben wolle. In Wirklichkeit aber war es ihm zu peinlich zumute, er wollte wenigstens die Ähnlichkeit mit dem Original noch etwas verstärken, damit ihm wenigstens niemand seine Schamlosigkeit zum Vorwurf machen könne. Und in der Tat, das Antlitz ließ bald immer deutlicher die Züge des blassen Mädchens erkennen.
„Genug,“ sagte die Mutter, die zu fürchten begann, daß die Ähnlichkeit allzu groß werden könnte. Dem Künstler wurde durch ein Lächeln, durch Geld, Komplimente, herzliche Händedrücke und eine Einladung zum Diner eine reichliche Belohnung zuteil: mit einem Worte, er wurde nur so überschüttet mit Schmeicheleien und höchsten Zeichen der Anerkennung.
Das Porträt erregte in der Stadt Aufsehen. Die Damen zeigten es ihren Freundinnen; alle bewunderten die Kunst, mit der der Maler es verstanden hatte, die Ähnlichkeit zu wahren und dem Original dennoch Schönheit und Liebreiz zu verleihen. Dieser Punkt wurde natürlich nicht ohne einen leichten Anflug von Neid festgestellt, und mit einem Male war der Künstler mit Arbeiten überhäuft. Fast schien es, als wollte die ganze Stadt sich bei ihm porträtieren lassen. Im Flur ertönte jeden Augenblick die Glocke. — Dieser äußere Erfolg konnte zwar sein Glück ausmachen, da er ihm eine große Praxis verschaffte, und die Mannigfaltigkeit und die Zahl der Gesichter, die er malen mußte, war in der Tat sehr groß. Leider waren es jedoch alles Menschen, mit denen man nur schwer auskommen konnte, eilige, beschäftigte Menschen oder Personen, die der großen Gesellschaft angehörten und infolgedessen noch mehr als alle anderen abgehetzt und aufs äußerste ungeduldig waren.
Die einzige Forderung, die von allen Seiten an ihn gestellt wurde, war diese, daß er was Gutes leisten und möglichst schnell arbeiten solle.
Bald sah der Maler die Unmöglichkeit ein, seine Porträts sorgfältig auszuführen, er gelangte vielmehr zur Überzeugung, daß man die genauere Charakteristik durch einen leichten und flotten Pinselstrich ersetzen, nur das große Ganze, den allgemeinen Ausdruck festhalten müsse und sich nicht mit besonderen subtilen Einzelheiten abgeben dürfe: mit einem Worte, er begriff, daß er es sich nicht erlauben konnte, die Natur in ihrer ganzen Vollkommenheit wiederzugeben. Außerdem muß hinzugefügt werden, daß fast alle seine Modelle auch noch andere Wünsche geltend machten. Die Damen verlangten, daß hauptsächlich die Seele und das Wesen auf den Porträts betont, andere Züge dagegen unter Umständen durchaus hintangesetzt würden, daß alle Ecken abgerundet, alle Mängel verwischt oder wenn möglich ganz und gar ausgemerzt werden sollten, mit einem Worte, daß das Gesicht zur Bewunderung, wenn nicht gar zur Anbetung reizen solle. Daher nahmen, wenn sie zur Sitzung kamen, ihre Mienen einen solchen Ausdruck an, daß der Künstler aufs höchste erstaunt war. Die eine bemühte sich, eine gewisse Melancholie auf ihrem Gesichte wiederzuspiegeln, die andere nahm eine verträumte Pose an, die dritte wollte um jeden Preis den Mund kleiner erscheinen lassen und spitzte ihn so zu, bis er sich endlich in einen Punkt verwandelte, der nicht größer als ein Stecknadelknopf war. Trotz alledem aber verlangte man Ähnlichkeit und ungezwungene Natürlichkeit von ihm. Und die Herren waren nicht besser als die Damen. Der eine wollte mit einer kraftvollen, energischen Kopfhaltung dargestellt werden, der andere mit durchgeistigten und gen oben gerichteten Augen. Ein Gardeleutnant wünschte, daß Mars aus seinen Blicken hervorleuchte, ein Zivilbeamter hatte das Bestreben, möglichst viel Gradheit und Edelmut in seinen Gesichtsausdruck zu legen, stützte die Hand auf ein Buch, das die deutliche Aufschrift trug: „Ich bin stets für die Wahrheit eingetreten!“, und wollte in dieser Pose porträtiert sein. Anfangs trat dem Künstler infolge dieser Forderungen der Schweiß auf die Stirn, all dies mußte genau durchdacht werden, und doch räumte man ihm nur eine geringe Frist dafür ein. Schließlich jedoch begriff er den Kern der Sache und wurde nicht im geringsten mehr verlegen. Schon zwei, drei Worte reichten hin, ihn darüber zu belehren, wie sich ein jeder dargestellt wissen wollte. Wer nach einem Mars Verlangen trug, dem steckte er einen Mars ins Gesicht, wer es auf einen Byron abgesehen hatte, dem gab er eine byronische Haltung! Ob die Damen als Corinna, als Undine oder gar als Aspasia erscheinen wollten, war für ihn ohne jeden Belang: er willigte mit großem Vergnügen in alles ein und legte schon aus eigner Machtvollkommenheit einem jeden eine beträchtliche Dosis Wohlgeratenheit bei, bekanntlich eine Willkür, die nirgends Schaden stiften kann und für die man sogar mitunter eine gewisse Unähnlichkeit mit in den Kauf nimmt. Allmählich fing er selbst an, sich über die erstaunliche Schnelligkeit und Flottheit seines Pinsels zu wundern. Die Porträtierten aber waren ganz entzückt und erklärten ihn für ein Genie.
Tschartkow wurde in jeder Beziehung ein Modemaler. Er begann, Diners zu besuchen und Damen in die Galerien und sogar auf Bälle und Feste zu begleiten, sich geckenhaft zu kleiden und laut zu behaupten, daß ein Künstler gesellschaftsfähig sein müsse, daß er sich standesgemäß zu betragen habe, daß sich die Maler im allgemeinen wie die Schuster kleiden, sich nicht anständig zu benehmen, den höheren Ton nicht zu wahren verstehen und jeder Bildung entbehren. Bei sich zu Hause im Atelier beobachtete er die peinlichste Reinlichkeit und Akkuratesse; er hielt sich zwei elegante Lakaien, nahm stutzerhafte Schüler an, kleidete sich mehrere Male am Tage um, ließ sich das Haar brennen, beschäftigte sich damit, verschiedene Gesten einzustudieren, mit denen er seine Besucher zu empfangen gedachte, und legte den größten Wert auf die Pflege seines Äußeren, um einen möglichst günstigen Eindruck auf die Damen zu machen, mit einem Wort, man konnte in ihm bald kaum noch jenen Künstler wiedererkennen, der einst unbemerkt und im stillen in seinem Kämmerlein auf der Wassilij-Insel gearbeitet hatte. Über Künstler und Kunst fällte er nur noch die anmaßendsten Urteile, er behauptete, man mäße den früheren Meistern zu viel Wert bei, denn sie alle mit Ausnahme von Raffael hätten keine lebendigen Menschen, sondern bloß Heringe geschaffen, und er erklärte, die Ansicht, daß ihnen etwas Heiliges innewohne, existiere nur in der Einbildung der Beschauer; ja selbst Raffael habe nicht nur vollendete Werke geschaffen und viele seiner Bilder genössen überhaupt nur aus einem gewissen Atavismus einen so hohen Ruhm; er schrie, daß Michelangelo ein Prahler sei, der nur durch Kenntnis der Anatomie imponieren wollte, daß er gar keine Grazie besäße, und daß man einen wirklichen Glanz, und die wahre Kraft der Pinselführung und des Kolorits nur in dem gegenwärtigen Zeitalter finden könne. Dann kam er naturgemäß auch auf sich selbst zu sprechen. „Ich verstehe nicht, wozu sich die Menschen so anstrengen,“ pflegte er zu sagen, „da hocken und brüten sie über ihrer Arbeit: ein Mensch, der mehrere Monate hintereinander an einem Bilde herumtiftelt, ist meines Erachtens nichts als ein gewöhnlicher Tagelöhner und kein Künstler; ich kann nicht glauben, daß er Talent besitzt. Ein Genie schafft kühn und schnell. Sehen Sie,“ pflegte er zu sagen, indem er sich an seine Besucher wandte, „dieses Porträt hier habe ich in zwei Tagen gemalt, dieses Köpfchen in einem Tage, dies hier nur in wenigen Stunden, und das dort in etwas mehr als einer Stunde. Nein, offengestanden, ich kann doch ein Werk nicht als Kunst gelten lassen, in dem Strich neben Strich gesetzt ist, nein, das ist Handwerkerarbeit und keine Kunst mehr.“ So sprach er zu seinen Gästen, und diese bewunderten die Kraft und Leichtigkeit seiner Pinselführung, stießen Rufe des Erstaunens aus, wenn sie hörten, in wie kurzer Zeit die Werke entstanden waren, und teilten es nachher auch anderen mit. „Das ist ein Talent, o ein großes, wahres Talent! Sehen Sie nur, wie seine Augen glänzen, wenn er spricht. Il y a quelque chose d’extraordinaire dans toute sa figure!“
Dem Künstler schmeichelte es, solche Reden über sich zu hören. Wenn er in den Journalen öffentlich gelobt und gepriesen wurde, dann freute er sich wie ein Kind, obgleich diese Lobeserhebungen von ihm für bares Geld gekauft worden waren. Er trug ein solches Zeitungsblatt immer mit sich herum und zeigte es gleichsam unabsichtlich all seinen Bekannten und Freunden. Und dies ergötzte ihn aufs höchste, so einfältig und naiv es war. Sein Ruhm wuchs, die Aufträge und Bestellungen mehrten sich; schon fing er an, der immer gleichen Porträts und Gesichter, deren Ausdruck er bereits auswendig kannte, überdrüssig zu werden. Schon malte er ohne große Begeisterung, indem er sich nur noch bemühte, den Kopf auf die Leinewand zu werfen; das übrige überließ er seinen Schülern. Früher suchte er wenigstens noch, seinen Porträts ein neues Moment abzugewinnen, durch eine neue Stellung, durch die Kraft der Pinselführung oder durch gewisse Effekte zu überraschen. Jetzt langweilte ihn auch dies allmählich. Das dauernde Grübeln und Suchen nach Neuem ermüdete seinen Geist. Er konnte es bald auch gar nicht mehr, er hatte dazu auch keine Zeit. Die unregelmäßige Lebensweise und die Gesellschaft, in der er die Rolle eines Lebemanns zu spielen suchte, entfremdeten ihn der wirklichen Arbeit. Seine Pinselführung wurde kalt und stumpf, und erstarrte unmerklich in eintönigen, konventionellen, längst verbrauchten Formen. Die langweiligen, kalten, ewig gepflegten, ledernen oder sozusagen zugeknöpften Gesichter der Beamten, der militärischen wie der zivilen, boten dem Pinsel in der Tat keinen großen Spielraum. Die prächtigen Drapierungen, die starken Bewegungen und Leidenschaften hatte er völlig vergessen. Von künstlerischer Komposition, von dramatischem Leben, von einer erhabenen Steigerung war überhaupt nicht mehr die Rede. Vor seinen Augen schwirrten nichts wie Uniformen, Korsetts und Fräcke, alles Dinge, die einen Künstler kalt lassen und die jede Phantasie ertöten. Selbst die am leichtesten zu erreichenden Vorzüge gingen seinen Arbeiten jetzt ab, trotzdem aber fanden sie immer noch Anerkennung, wenn auch wirklich Kenner und Künstler angesichts seiner letzten Bilder nur mit den Achseln zuckten. Die wenigen, die Tschartkow von früher her kannten, vermochten nicht zu verstehen, wie ein Talent, dessen Stärke sich schon in dem jungen Schüler gezeigt hatte, so zugrunde gehen konnte, und sie bemühten sich vergebens, zu erraten, wie in einem Menschen plötzlich die Begabung erlöschen könne, in demselben Augenblick, wo seine Kräfte erst eben zu voller Entfaltung gekommen waren.
Aber der von seinen Erfolgen trunkene Künstler hörte alle diese Äußerungen nicht. Schon begann er zu altern, mit den Jahren bemächtigte sich seiner eine gewisse geistige Schwerfälligkeit, er wurde allmählich immer dicker und ging sichtlich in die Breite. Schon las er in den Zeitungen und Journalen Epitheta wie die folgenden: „Unser verehrter Andrej Petrowitsch!“ „Unser hochverdienter ...!“ Schon bot man ihm Ehrenämter an, lud ihn zu Prüfungen ein und wählte ihn in verschiedene Komitees, schon trat er, wie es im gesetzteren Alter immer zu geschehen pflegt, entschieden für Raffael und die alten Meister ein, nicht weil er durchaus von ihrem hohen Werte durchdrungen war, sondern nur deshalb, um sie als Angriffswaffe gegen seine jüngeren Kollegen zu benutzen. Schon vergnügte er sich damit, nach Art älterer Herren der ganzen Jugend ohne Ausnahme Sittenlosigkeit oder eine tadelnswerte Geistesrichtung zum Vorwurf zu machen. Schon neigte er sich der Auffassung zu, daß alles in der Welt ganz einfach und wie von selbst vor sich gehe, daß es keine Inspiration gebe und daß alles einem strengen Regiment, der Ordnung und einer monotonen Regelmäßigkeit unterworfen sein müsse, — mit einem Wort, er war bereits in jene Jahre gekommen, wo aller Sturm und Drang, der überhaupt jemals in einem Menschen pulsiert hat, zu verschwinden beginnt, wo die Töne des zauberhaften Bogens nur gedämpft an die Seele rühren und das Herz nicht mehr mit erschütternden Klängen umkreisen, wo der Kuß der Schönheit keine jungfräulichen Kräfte mehr in Flammen wandelt — wo sich dafür aber alle verglühten Gefühle dem Klirren des Goldes um so zugänglicher erweisen, immer aufmerksamer auf seine verlockende Musik lauschen, ihr allmählich und unmerklich immer mehr Macht über sich einräumen und sich sanft von ihr einlullen lassen.
Der Ruhm kann dem, der ihn gestohlen und nicht verdient hat, keinen Genuß gewähren. Nur den, der seiner würdig ist, erfüllt er ständig mit einem wonnigen Schauder. Und so wandten sich alle seine Empfindungen und Wünsche dem Golde zu. Das Gold wurde ihm Leidenschaft, Ideal, Schreckbild, Genuß und Lebenszweck. In seinen Tischen häuften sich Päckchen von Banknoten an, und wie jeder, dem dieses schreckliche Geschenk zuteil wird, verwandelte er sich nach und nach immer mehr in einen langweiligen, nur dem Golde zugänglichen, törichten Geizhals, einen sinnlosen Sammler, und er war schon auf dem besten Wege, zu einem jener Sonderlinge zu werden, deren es in unserer seelenlosen Welt gar viele gibt. Ein warmblütiger und gütiger Mensch betrachtet sie voll Entsetzen, ihm erscheinen sie als steinerne Särge, die sich vor ihm bewegen und einen leblosen Klumpen anstelle eines Herzens in sich bergen. Aber eine merkwürdige Begebenheit sollte bald sein ganzes Wesen durchrütteln und erschüttern.
Eines Tages erblickte er auf seinem Tische ein Schreiben, in dem die Akademie der Künste ihn als ihr hochverehrtes Mitglied um sein Erscheinen und um sein Urteil über ein neues Werk bat, das aus Italien angekommen war und einen dort zur Vervollkommnung weilenden russischen Künstler zum Urheber hatte. Dieser Künstler war ein ehemaliger Freund von ihm, der seit langem die Leidenschaft für die Kunst in sich barg, und sich mit der feurigen Seele eines Fanatikers in seine Arbeit vergraben hatte; er hatte sich von all seinen Freunden und Verwandten, von allen lieben Gewohnheiten losgerissen und war in ein Land geeilt, wo ein herrlicher Himmel eine majestätische Kunst reifen läßt: in das überwältigende Rom, bei dessen Erwähnung eines Künstlers feuriges Herz stets voll und stürmisch zu schlagen pflegt. Dort versenkte er sich wie ein Einsiedler in sein Werk und in ein durch nichts abgelenktes Studium. Ihn kümmerte es wenig, daß sich die Menschen über sein seltsames Wesen aufhielten, daß man seine Unfähigkeit, sich in der guten Gesellschaft zu bewegen, seine Verachtung der konventionellen Formen tadelte und von dem Schaden sprach, den er dem Künstlerstande durch seinen ärmlichen, altmodischen Anzug zufügte. Es war ihm völlig gleichgültig, ob ihm seine Kollegen zürnten oder nicht, er hatte auf alles zugunsten der Kunst verzichtet und hatte ihr alles geopfert. Unermüdlich besuchte er die Galerien und Museen, er konnte stundenlang vor den Werken der großen Meister stehen und deren wundervolle Pinselführung studieren. Er vollendete kein Werk, bevor er sich angesichts dieser großen Vorbilder geprüft und sich aus ihren Werken einen stummen und doch so beredten Rat geholt hatte. An lärmenden Unterhaltungen und Streitigkeiten beteiligte er sich nie, er nahm weder für, noch gegen die Puristen Partei, sondern ließ allen die schuldige Anerkennung zuteil werden, indem er in allem nur das Schöne zu entdecken wußte, bis er sich endlich einzig und allein dem göttlichen Raffael als seinem Lehrmeister überließ, — wie auch ein großer Dichter, der schon so viele verschiedene Werke voll Anmut und majestätischer Schönheit kennen gelernt hat, zuletzt nur noch Homers Ilias als die überragende Dichtung gelten läßt, nachdem er entdeckt hat, daß in diesem Epos alles enthalten ist, was man von einem Kunstwerk verlangen kann, und daß sich hier alles in höchster Vollkommenheit wiederspiegelt. Und so hatte er sich denn bei dieser beständigen Arbeit an sich selbst eine hervorragende Schaffenskraft, eine machtvolle Schönheit der Gedanken und die hohe Anmut einer schier überirdischen Pinselführung erworben.
Als Tschartkow in den Saal eintrat, fand er bereits eine Menge von Besuchern vor, die vor dem Bilde standen. Eine tiefe Stille, wie sie nur selten unter so zahlreichen Kritikern herrscht, empfing ihn diesmal. Er beeilte sich, seinem Gesicht einen bedeutenden Ausdruck und eine tiefsinnige Kennermiene zu geben und trat vor das Bild. Aber, o Gott! was war das, was er da erblickte!
Nein, makellos und herrlich wie eine Braut stand das Werk des Künstlers vor ihm. Bescheiden, göttlich, unschuldig und einfach wie das Genie selbst, schien es hoch über allem zu schweben. Es war, als senkten die himmlischen Gestalten, verwundert über so viele auf sie gerichteten Blicke, schamhaft ihre herrlichen Wimpern. Mit einem Gefühl unwillkürlichen Staunens starrten die Eingeweihten die neue, nie gesehene Pinselführung an. Hier schien alles vereinigt zu sein: Die Schulung an Raffael, die sich in der hohen Vornehmheit der Haltung, und die an Corregio, die sich in der vollkommenen Technik verriet. Aber den gewaltigsten Eindruck machte die in der Seele des Künstlers wirkende Schöpferkraft. Jedes kleinste Detail des Gemäldes war von ihr durchdrungen; alles atmete eine strenge Gesetzmäßigkeit und innere Kraft; jedes Ding ließ jene wundervoll schwebende und fließende Rundung der Linien erkennen, die nur der Natur eigen ist und die nur das Auge des schaffenden Künstlers sieht, bei dem Nachahmer und Kopisten aber stets eckig und hart erscheint. Man fühlte ganz deutlich, wie der Künstler alles, was er der äußeren Welt entnommen, in sich, in seiner Seele verschlossen hatte, um es erst später aus dieser geistigen Quelle gleich einem harmonischen, feierlichen Liede hervorsprudeln zu lassen. Und sogar den Uneingeweihten wurde klar, was für ein unermeßlicher Abgrund zwischen einem Kunstwerk und einer einfachen Kopie der Natur gähnt. Es ist unmöglich, jene ungewöhnliche Stille zu schildern, die alle Anwesenden beobachteten, während sie ihre Augen auf das Bild gerichtet hatten. Kein Knistern, kein Laut störte die andächtige Stimmung. Die Wirkung des Bildes hatte sich inzwischen nur noch verstärkt. Strahlend und wie ein unbegreifliches Wunder löste es sich von allem Irdischen los, um sich schließlich ganz in einen Augenblick — die Frucht eines dem Künstler vom Himmel eingegebenen Gedankens — zu verwandeln, in einen Moment, dem das ganze menschliche Leben nur als Vorbereitung dient. Unwillkürlich wandelte die das Bild umringenden Beschauer das Bedürfnis zu weinen an; es schien, als hätten sich alle Kunstanschauungen, alle dreisten, regellosen und willkürlichen Abweichungen des Geschmacks hier zu einem wortlosen Hymnus auf das göttliche Werk vereinigt.
Unbeweglich, mit offenem Munde stand Tschartkow vor dem Bilde, und erst als schließlich doch eine kleine Bewegung durch die Reihen der Besucher und Autoritäten ging, als man sich laut über den Wert des Werkes zu unterhalten begann, als man sich schließlich auch an Tschartkow mit der Bitte wandte, sein Urteil abzugeben, kam er wieder zu sich, versuchte seine gewöhnliche gleichmütige Miene aufzusetzen und war eben im Begriff, ein paar Plattheiten zu äußern, wie man sie wohl von verknöcherten Routiniers zu hören bekommt. Er wollte schon sagen: „Hm, gewiß, man kann dem Maler ja nicht alles Talent absprechen; Talent hat er, das ist unleugbar. Man sieht, daß er etwas ausdrücken will. Was aber die Hauptsache betrifft,“ — und hierauf sollten natürlich einige lobende Worte folgen, die keinem Künstler gut bekommen wären. Aber er führte seine Absicht nicht aus, die Rede erstarb auf seinen Lippen, statt dessen drangen Tränen und Seufzer leidenschaftlich aus seiner Brust hervor, und wie ein Wahnsinniger lief er aus dem Saal.
Eine Minute lang stand er regungslos und wie versteinert mitten in seinem prächtigen Atelier, seine ganze Vergangenheit lebte einen Augenblick wieder in ihm auf, als wäre die Jugend zu ihm zurückgekehrt, und als wären die erloschenen Funken seines Talentes in ihm wieder aufgelodert. Die Binde fiel plötzlich von seinen Augen. Gott! wie hatte er die besten Jahre seiner Jugend so unbarmherzig zugrunde richten, die spärliche Flamme, die vielleicht auch in seiner Brust gebrannt hatte, und die sich vielleicht jetzt groß und herrlich entfaltet und vielleicht ebenfalls Tränen des Staunens und der Dankbarkeit entlockt hätte, so plump ersticken können. Wie hatte er sie in sich ertöten, erbarmungslos vernichten können! Es schien, als wären in diesem Augenblicke plötzlich alles Streben und alle Leidenschaften in seiner Seele erwacht, alle Gefühle, die auch sie einmal gekannt hatte ... Er ergriff den Pinsel und trat vor die Leinwand. Ein kalter Schweiß bedeckte seine Stirn; er verwandelte sich völlig in einen einzigen Wunsch und war ganz von einem Gedanken beseelt. Er wollte den gefallenen Engel darstellen. Diese Vorstellung stimmte am besten mit seinem Seelenzustand überein, aber ach, alles was er begann: all seine Figuren, seine Posen, Gruppen und Ideen hatten etwas Gezwungenes und Wirres. Sein Pinsel und seine Phantasie wurden zu sehr von der Gewohnheit gehemmt, und der ohnmächtige Drang, die Schranken und Fesseln, die er sich selber auferlegt hatte, zu zerbrechen, verleitete ihn gleich zu Anfang zu Unrichtigkeiten und Fehlern. Er hatte die ermüdend lange Stufenleiter der nur allmählich zu erwerbenden Kenntnisse und der ersten Grundgesetze der großen zukünftigen Wissenschaft übersprungen. Ein heftiger Verdruß bemächtigte sich seiner, er ließ all’ seine letzten Schöpfungen: die seelenlosen Modebilder, die Porträts von Husarenoffizieren, vornehmen Damen und Staatsräten aus seinem Atelier entfernen, sperrte sich allein in sein Zimmer ein, befahl, niemand hereinzulassen und versenkte sich ganz in die Arbeit. Wie ein geduldiger Knabe, wie ein Schüler saß er an seinem Werk; aber ach, wie unbefriedigend und schwächlich war alles, was sein Pinsel schuf. Bei jedem neuen Schritt strauchelte er über die Unkenntnis der elementarsten Regeln; jedes kleinste, unbedeutendste Detail wirkte erkältend auf seinen Eifer und stellte sich seiner Phantasie als unüberbrückbares Hindernis entgegen. Der Pinsel wandte sich unwillkürlich wieder den alten versteinerten Formen zu, die Arme nahmen ihre gewohnte Haltung an, der Kopf wagte es nicht, sich eine ungewöhnliche Wendung zu gestatten; selbst der Faltenwurf des Kleides hatte etwas Schablonenhaftes, wollte sich ihm durchaus nicht fügen und sich nicht an die neue Körperstellung anpassen. Und Tschartkow fühlte es, fühlte es selbst und sah es mit eigenen Augen.
„Hatte ich denn wirklich einmal Talent? habe ich mich nicht selbst betrogen?“ Mit diesen Worten suchte er seine früheren Werke hervor, die er einst in so reiner Stimmung, so völlig frei von Habsucht und Geldgier in seiner ärmlichen Mansarde auf der abgelegenen Wassilij-Insel, fern von den Menschen geschaffen hatte; damals, als er noch nichts von Überfluß und all den raffinierten Genüssen der Großstadt wußte. Jetzt stand er wieder vor den alten Bildern, betrachtete sie aufmerksam, und sein ganzes früheres Leben voll Not und Entbehrung erstand wieder vor ihm. „Ja ...“ sagte er ganz verzweifelt, „ich hatte Talent! wohin ich auch blicke, überall entdecke ich deutliche Spuren davon!“
Er blieb stehen und erzitterte plötzlich am ganzen Leibe. Sein Blick begegnete einem Augenpaar, das starr auf ihn gerichtet war. Es war jenes ungewöhnliche Porträt, das er einst in der Schtschukin-Passage gekauft hatte. Die ganze Zeit hindurch hatte es hinten gestanden, von anderen Bildern verdeckt, und so war es ihm völlig aus dem Gedächtnis entschwunden. Jetzt aber, wo alle modernen Porträts und Gemälde, die sein Atelier anfüllten, entfernt waren, blickte es plötzlich zusammen mit den früheren Werken seiner Jugend hervor. Als er sich nun an die sonderbare Geschichte dieses Porträts erinnerte, als er daran dachte, daß dieses merkwürdige Bildnis gewissermaßen die Ursache seiner Wandlung geworden war, daß die große Geldsumme, die ihm auf so wunderbare Weise zuteil geworden, alle die falschen und eitlen Regungen, die sein Talent zugrunde richten sollten, in ihm erwecket hatte, da wurde seine Seele von einem fast sinnlosen Grimm erfaßt, und er ließ das verhaßte Bildnis sofort hinaustragen. Aber die seelische Erregung wollte ihn trotzdem nicht verlassen. All seine Gefühle, ja sein ganzes Wesen waren bis aufs Tiefste aufgerührt, jetzt lernte auch er jene entsetzliche Qual kennen, die nur ganz selten und wie ausnahmsweise in der Natur vorkommt, wenn ein schwaches Talent sich mehr abzuringen versucht, als es zu leisten vermag, und doch den rechten Ausdruck nicht finden kann; jene Qual, die zwar einen Jüngling zu großen Taten spornt, aber den, der schon zu alt ist, um zu träumen, vergebens und fruchtlos mit einem heißen Schaffensdurste peinigt — jene entsetzliche Qual, die einen Menschen zu grauenhaften Untaten anstiften kann! Ein entsetzlicher, rasender Neid bemächtigte sich seiner. Er wurde gelb vor Ärger, wenn er einem Werke gegenüberstand, das den Stempel des Talentes trug. Er knirschte mit den Zähnen und durchbohrte es mit seinem Blick gleich einem Basilisk. In seiner Seele regten sich höllische Vorsätze, wie sie so leicht kein Mensch ersinnt, und mit einer schier rasenden Energie war er bemüht, sie zur Ausführung zu bringen. Er fing an, alles Beste anzukaufen, was in seiner Kunst produziert wurde. Nachdem er um teures Geld ein Bild erstanden hatte, trug er es behutsam in sein Zimmer, stürzte sich mit der Wut eines Tigers darauf, riß es entzwei, schnitt es in Stücke und zerstampfte es mit frohlockendem Lachen. Das bedeutende Vermögen, das er angehäuft hatte, ermöglichte es ihm, dieses teuflische Bedürfnis zu befriedigen: er riß all seine mit Gold gefüllten Säcke auf und öffnete all seine Truhen. Nie hat es ein so verständnisloses Scheusal gegeben, das so viele herrliche Kunstwerke vernichtet hätte, wie dieser rasende Racheteufel. Auf allen Auktionen, wo er sich zeigte, verzweifelte jeder im voraus daran, sich ein Kunstwerk erwerben zu können, es schien, als hätte der erzürnte Himmel diese entsetzliche Geißel absichtlich in die Welt gesandt, um sie aller Harmonie zu berauben. Diese grauenhafte Leidenschaft ließ ihn in einem schrecklichen Lichte erscheinen. Von ewiger Bosheit sprach sein Angesicht. Ein wütender Welt- und Menschenhaß und eine furchtbare Lebensfeindschaft spiegelten sich in seinen Zügen wieder. Er schien jener leibhaftige furchtbare Dämon zu sein, den uns Puschkin so wunderbar geschildert hat. Nichts als giftgeschwollene Reden und heftige Worte des Tadels entquollen seinem Munde. Er glich einer Harpye, wenn er auf der Straße dahergestürmt kam; alle, selbst seine guten Bekannten, bemühten sich, ihm auszuweichen, wenn sie seiner von ferne ansichtig wurden, und suchten eine solche Begegnung zu vermeiden, ja sie erklärten, ein solches Zusammentreffen genüge schon, um ihnen den ganzen Tag zu vergiften.
Zum Glück für die Welt und die Kunst konnte ein solch aufgeregtes und gewalttätiges Leben nicht lange dauern. Die Dimensionen, zu denen seine Leidenschaft anwuchs, waren zu kolossal und übertrieben, als daß ein schwacher Mensch sie auf die Dauer aushalten konnte. Die Wut- und Wahnsinnsanfälle wiederholten sich immer häufiger und gingen schließlich in eine entsetzliche Krankheit über, — ein furchtbares, von einem heftigen, schnell um sich greifenden Schwindsuchtsanfall begleitetes Fieber ergriff ihn und binnen drei Tagen war nur noch ein Schatten von ihm zurückgeblieben. Dazu kamen noch alle Merkmale eines unheilbaren Irrsinns. Er wütete so um sich, daß ihn oft mehrere Menschen nicht bändigen konnten. Immer wieder tauchten die längst vergessenen lebendigen Augen eines seltsamen Porträts vor ihm auf; und dann verfiel er in ein fürchterliches Toben. Alle Menschen, die sein Bett umstanden, schienen ihm diesen grauenhaften Porträts zu gleichen, und diese Porträts verdoppelten, verdreifachten, vervierfachten sich vor seinen Augen; es kam ihm vor, als wenn alle Wände mit Bildern bedeckt wären, die ihre lebendigen Augen starr und unbeweglich auf ihn gerichtet hielten; schreckliche Porträts blickten von der Decke, vom Boden nach ihm hin, das Zimmer weitete sich aus und dehnte sich bis ins Unendliche, um immer noch mehr von diesen starren und unbeweglichen Augen fassen zu können. Der Arzt, der sich verpflichtet hatte, ihn zu behandeln, und der schon manches über seine seltsame Geschichte gehört hatte, bemühte sich aus aller Kraft, die geheimnisvolle Beziehung zwischen den Wahnvorstellungen, die der Irrsinn erzeugte, und den realen Vorgängen zu ermitteln, er hatte jedoch keinen Erfolg damit. Der Kranke begriff und fühlte nichts als seine Qual, stieß nur entsetzliche Schreie aus und führte ganz unzusammenhängende Reden. Endlich gab er in einem letzten stummen Ausbruch des Schmerzes sein Leben auf. Seine Leiche war schrecklich anzusehen. Von seinen ungeheuren Reichtümern war nichts mehr zu entdecken; als man jedoch die zerstreuten Fetzen und Stücke der großen Kunstwerke fand, deren Wert viele Millionen betrug, da erst verstand man, welch entsetzlichen Gebrauch er von ihnen gemacht hatte.
Eine Menge von Equipagen, Droschken und Kaleschen stand vor dem Portal eines Hauses, in dem der Nachlaß eines jener reichen Kunstliebhaber versteigert wurde, die einstmals in den Anblick von Zephyren und Kupidos versenkt, ihr ganzes Leben sanft verträumten, ohne eigenes Zutun sich den Ruf von Mäzenen erwarben und treuherzig ihre Millionen verschwendeten, die sie von ihren soliden Vätern geerbt oder sogar früher einmal durch ihre eigene Arbeit erworben hatten. Solche Mäzene gibt es bekanntlich heute nicht mehr, unser neunzehntes Jahrhundert hat schon längst die langweilige Physiognomie eines Bankiers angenommen, der seine Millionen nur in der Gestalt von nüchternen auf dem Papier verzeichneten Zahlenreihen genießt. Eine bunte Menge von Besuchern und Käufern, die von allen Seiten wie die Raubvögel herbeigestürzt waren, erfüllte den großen Saal. Da sah man ganze Scharen von russischen Händlern aus der Passage und sogar von dem Trödelmarkt in blauen deutschen Röcken; ihr Aussehen und ihr Gesichtsausdruck war hier sicherer, freier und fiel nicht durch jene unangenehmere Unterwürfigkeit und Dienstbereitschaft auf, die dem russischen Händler so eigentümlich ist, wenn er die Kunden in seinem Laden bedient. Hier ließen sie sich ruhig gehen, trotzdem sich in demselben Saale viele Aristokraten befanden, vor denen sie an einem andern Orte durch tiefe Bücklinge und Kratzfüße den an den eigenen Stiefeln herbeigetragenen Staub weggefegt hätten. Hier benahmen sie sich ganz ungezwungen, betasteten ohne viel Umstände zu machen, die Bilder und Bücher, um die Güte der Waren festzustellen, und schraubten dreist die Preise, die die gräflichen Kunstkenner für ein Werk boten, in die Höhe. Hier traf man so manchen Repräsentanten jener Menschenklasse, die man auf allen Auktionen findet, und die täglich zu einer Versteigerung gehen, so wie man wohl in ein Wirtshaus geht; hier begegnete man all den vornehmen und aristokratischen Kunstfreunden, die es für ihre Pflicht hielten, keine Gelegenheit zu versäumen, bei der sie ihre Sammlungen vergrößern könnten, und die zwischen 12 und 1 Uhr nichts Besseres zu tun hatten, und endlich fehlte es auch nicht an jenen ehrenwerten Herren, deren Anzüge und Börsen einen recht dürftigen Eindruck machen und die hier täglich ohne jedes eigennützige Ziel erscheinen, einzig und allein zu dem Zwecke, um zu beobachten, wie ein Kauf zustande kommt, — wer mehr, und wer weniger geben, wer den andern überbieten, und wem endlich der Gegenstand zugesprochen werden wird. Viele Bilder standen ganz regellos durcheinander, dazwischen sah man Möbel und Bücher mit den Initialen des früheren Besitzers, der vielleicht niemals das löbliche Bedürfnis gespürt hatte, in sie hineinzublicken. Da gab es chinesische Vasen, marmorne Tischplatten, neue und alte Möbel mit verschnörkelten Linien, Greifen, Sphinxen und Löwentatzen, Lampen und Kronleuchter mit und ohne Vergoldung: alles war aufeinandergestapelt, und es herrschte hier nicht einmal so viel Ordnung, wie man sie selbst in einem Kunstladen vorzufinden pflegt. Das Ganze stellte sozusagen ein großes Chaos von Kunstwerken dar. Überhaupt ist ja das Gefühl, das wir angesichts einer Versteigerung empfinden, sehr seltsam. Alles mutet einen an wie ein Begräbnis. Der Saal, in dem sie stattfindet, ist stets düster, die mit Möbeln und Bildern verstellten Fenster lassen das Licht nur spärlich hineindringen, das auf den Gesichtern liegende Schweigen und die Grabesstimme des Ausrufers, der mit dem Hammer aufschlägt und zu Ehren der armen, hier auf so sonderbare Weise zusammengeratenen Künste eine Messe liest: alle diese Momente verstecken, wie es scheint, noch das eigentümlich Frostige des Eindrucks. Die Auktion war offenbar im vollen Gange. Ein großer Haufe anständig gekleideter, dicht zusammenstehender Menschen ließ deutliche Spuren seines Interesses und seiner Erregung erkennen. Die Worte „... Rubel! ... Rubel!“ die von allen Seiten ertönten, ließen dem Ausrufer keine Zeit, den immer noch wachsenden Preis, der bereits das Vierfache des zu Anfang genannten betrug, zu wiederholen; die herumstehende Menge bemühte sich um ein Porträt, das jeden, der auch nur ein wenig von der Malerei verstand, aufs lebhafteste fesseln mußte. Es trug den sichtbaren Stempel eines Genies. Anscheinend war es schon des öfteren restauriert und erneuert worden, es stellte die dunklen Züge eines mit einem weiten Gewande bekleideten Asiaten dar, dessen Gesicht einen ganz ungewöhnlich eigenartigen Ausdruck hatte. Was jedoch die Umstehenden am meisten in Staunen setzte, das war das intensive Leben, das aus seinen Augen strahlte; je länger man sie betrachtete, um so tiefer schienen sie einem bis ins innerste Innere zu blicken. Diese Eigentümlichkeit, die auffallende Kunstfertigkeit des Malers nahmen die Aufmerksamkeit fast aller in Anspruch. Viele der Bewerber waren bereits zurückgetreten, weil der Preis ganz enorm in die Höhe geschraubt wurde. Lediglich zwei als Kunstliebhaber bekannte Aristokraten waren noch übriggeblieben und wollten durchaus nicht auf die Erwerbung des Gemäldes verzichten. Sie erhitzten sich und hätten wahrscheinlich den Preis bis zum Absurden emporgetrieben, wenn nicht plötzlich einer der Anwesenden sich mit der folgenden Bemerkung an sie gewandt hätte: „Darf ich Sie bitten, Ihren Streit einen Augenblick ruhen zu lassen? Ich habe vielleicht mehr Anrecht auf dieses Porträt als jeder andere!“
Diese Worte lenkten sofort die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf den Sprecher; es war ein schlanker Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit langen schwarzen Locken. Sein sympathisches Gesicht, das eine gewisse freundliche Sorglosigkeit wiederspiegelte, ließ eine Seele erkennen, die sich von allen aufreibenden Erregungen, die der gesellschaftliche Verkehr mit sich bringt, fernhielt. Seine Kleidung entbehrte aller modischen Übertriebenheiten, jeder seiner Züge deutete auf seinen Künstlerberuf hin. Und in der Tat, es war ein Maler namens B., den viele der Anwesenden persönlich kannten.
„Wie seltsam Ihnen auch meine Worte erscheinen mögen,“ fuhr er fort, als er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet sah, „Sie würden doch vielleicht selbst einsehen, daß ich berechtigt war, sie zu äußern, wenn Sie sich dazu entschließen könnten, eine kleine Geschichte mit anzuhören. Alles bestärkt mich in der Überzeugung, daß gerade dies das Porträt ist, das ich suche.“
Eine nur allzu natürliche Neugierde sprach aus allen Gesichtern, und selbst der Ausrufer hielt mit offenem Munde und mit erhobenem Hammer, neugierig und gespannt in seinem Geschäfte inne. Zu Beginn der Erzählung wandten sich die Blicke vieler unwillkürlich dem Porträt zu, um sich nach und nach immer mehr auf den Erzähler zu heften, dessen Bericht immer interessanter und spannender wurde.
„Jedem von Ihnen ist doch wohl jener Stadtteil bekannt, den man Kolomna nennt,“ begann er. „Hier ist alles anders als in den andern Teilen Petersburgs. Dies Quartal erinnert weder an die Hauptstadt, noch an die Provinz. Wenn man in dies Kolomnaviertel gerät, ist einem fast zumute, als ob einen nach und nach alle jugendlichen Gefühle und Leidenschaften verlassen. Hier hinein fällt kein Zukunftsblick, hier ist alles ruhig und starr und unbeweglich. Hierher flüchtet sich alles, was sich als Niederschlag des Hauptstadtbetriebes absetzt. Hier schlagen inaktive Beamte, Witwen und Personen in bescheidenen Verhältnissen ihr Ruheplätzchen auf, die auf eine Entscheidung des Senats harren und sich daher selbst zu einem fast lebenslänglichen Aufenthalt in diesem Quartier verurteilt haben; hier wohnen verabschiedete Köchinnen, die sich den ganzen Tag hindurch auf den Märkten herumtreiben, stundenlang in dem Kramladen stehen, mit dem Verkäufer schwatzen und sich jeden Tag für fünf Kopeken Kaffee und für vier Kopeken Zucker kaufen, und endlich findet sich hier noch jene Sorte von Leuten, die man am besten mit dem einen Worte „die Aschgrauen“ bezeichnen könnte, Menschen, deren Anzug und deren Gesicht, Haare und Augen eine trübe, aschgraue Farbe haben, wie ein Tag, an dem es nicht stürmt und wo die Sonne nicht scheint, sondern wo weder das eine noch das andre stattfindet: ein grauer Nebel hüllt alles ein und nimmt allen Gegenständen ihre scharfen Konturen. Zu ihnen kann man alle abgedankten Logenschließer, Titularräte und Marsjünger mit einem ausgestochenen Auge und dicken aufgedunsenen Lippen rechnen. Lauter Menschen ohne Temperament und ohne jede Leidenschaft, sie gehen stumpfsinnig einher ohne dem, was um sie her passiert, die geringste Aufmerksamkeit zu schenken und schweigen tagelang, ohne an etwas zu denken. In ihren Zimmern sieht es öde und leer aus; oft besteht ihr Mobiliar einzig und allein aus einer Karaffe mit echter russischer Wodka, an der sie den ganzen Tag unaufhörlich nippen, ohne daß sie ihnen ernstlich zu Kopfe steigt, was einem gewöhnlich nur nach einem kräftigen Schluck zustößt, wie ihn sich wohl Sonntags ein junger deutscher Handwerksbursche — dieser Student der Meschtschanskistraße[14] und alleinige Beherrscher des Bürgersteigs zu gestatten pflegt, — allerdings erst — wenn Mitternacht vorüber ist.
In Kolomna geht es äußerst still zu; nur selten zeigt sich ein Wagen, in dem Schauspieler sitzen, und der dann durch sein donnerndes Gerassel allein die allgemeine Ruhe stört. Hier gibt es nur Fußgänger, so mancher Droschkenkutscher kommt hier oft langsam und ohne Fahrgast dahergefahren oder schleppt etwas Heu für seine struppige Mähre herbei. Eine Wohnung kann man hier schon für fünf Rubel monatlich haben, den Morgenkaffee miteingeschlossen. Witwen, die eine kleine Pension beziehen, gehören hier schon zu den vornehmsten Leuten; das sind Damen von gutem Benehmen, die ihre Zimmer oft fegen und sich mit ihren Nachbarinnen über die teuren Preise des Fleisches und des Kohles unterhalten. Sie haben gewöhnlich eine junge Tochter, ein wortkarges, mitunter recht niedliches Geschöpf, dazu ein garstiges Hündchen und eine Wanduhr mit einem traurig tickenden Pendel. Weiter gibt es hier Schauspieler, denen es ihre Gage nicht gestattet, von Kolomna wegzugehen, ein freies Völkchen, das wie alle Künstler nur dem Genusse lebt. Sie sitzen in ihren Schlafröcken da, und reparieren wohl eine Pistole, kleben aus Pappe allerlei Gegenstände, die man im Hause braucht, spielen mit einem Freunde oder Gast eine Partie Dame oder Karten und verbringen so den ganzen Tag, wobei man jedoch nicht etwa denken darf, daß sie am Abend etwas anderes tun, höchstens daß sie zuweilen noch einen Grog zu sich nehmen. Auf diese Magnaten und Aristokraten von Kolomna folgt schließlich nur noch das gemeinste und verkommenste Pack; es genauer zu bezeichnen, wäre ebenso schwierig, wie die Aufzählung jener zahlreichen Insekten, die in altem Essig keimen. Da gibt es alte Weiber, die beten, alte Weiber, die trinken, und solche, die zugleich beten und trinken, ferner solche, die sich auf völlig unbekannte Weise durchschlagen, und wie emsige Ameisen ganze Haufen alter Lumpen und Wäschestücke von der Kalinkin-Brücke nach dem Trödelmarkte schleppen, um sie dort für fünfzehn Kopeken zu verkaufen; mit einem Worte der elendeste Bodensatz der Menschheit, dessen Lage selbst der menschenfreundlichste Sozialpolitiker kaum zu verbessern vermöchte.
All diese Leute habe ich nur zu dem Zwecke angeführt, um Ihnen zu zeigen, wie oft dieses Volk in die Notlage kommt, eine plötzliche, vorübergehende Hilfe in Anspruch und zu einer Anleihe seine Zuflucht zu nehmen. Und in der Tat findet man unter ihnen auch viele Wucherer, die ihnen gegen ein Pfand und hohe Zinsen kleinere Summen leihen. Diese kleinen Wucherer sind viel herzloser und gefühlloser, als die großen, denn sie entspringen aus der Armut und aus einem seine Lumpen offen zur Schau stellenden Elend, das der reiche und vornehme Wucherer gar nicht kennt, weil er nur mit solchen Kunden zu tun hat, die in einer eleganten Equipage vorfahren, — und daher erstirbt in ihnen schon früh jedes menschliche Gefühl. Unter diesen Wucherern gab es einen ... aber hier darf ich wohl erwähnen, daß das Geschehnis, welches ich Ihnen erzählen will, in das verflossene Jahrhundert, nämlich in die Regierungszeit der verstorbenen Zarin Katharina II. fällt. Sie können sich vorstellen, daß auch das Äußere Kolomnas und ihr inneres Leben sich seitdem bedeutend verändert haben. Also unter den Wucherern gab es einen, der in jeder Beziehung ein ungewöhnlicher Mensch war. Er hatte sich schon vor langer Zeit in diesem Viertel niedergelassen und trug stets ein weites, asiatisches Gewand. Seine dunkle Gesichtsfarbe deutete auf seine südliche Herkunft hin; welcher Nation er jedoch eigentlich angehörte, ob er ein Inder, Grieche oder Perser war, darüber konnte niemand etwas Bestimmtes aussagen. Der hohe, fast ungewöhnliche Wuchs, das dunkle, magere, verbrannte Antlitz, die seltsame, auffallende Gesichtsfarbe und die großen, feurigen Augen mit den finsteren, buschigen Augenbrauen ließen ihn als eine markante Erscheinung unter allen aschgrauen Bewohnern der Hauptstadt hervortreten. Selbst seine Behausung hatte keine Ähnlichkeit mit den einförmigen Holzbaracken Kolomnas. Er wohnte in einem steinernen Hause, wie sie vormals genuesische Kaufleute zu errichten pflegten. Die Fenster hatten eine unregelmäßige Form, waren alle verschieden groß und mit Riegeln und hölzernen Läden versehen. Dieser Wucherer unterschied sich schon dadurch von seinen Kollegen, daß er jeden seiner Klienten, ob es nun eine alte Bettlerin oder ein verschwenderischer höherer Beamter des Hofes war, mit einer beliebigen Summe zu versehen vermochte. Vor seinem Hause hielten oft elegante Equipagen, aus deren Schlag bisweilen der Kopf einer feinen Weltdame hervorlugte. Man erzählte sich, wie das so gewöhnlich geschieht, daß seine eisernen Truhen mit unermeßlich viel Geld, Diamanten und verschiedenen kostbaren Pfandgegenständen angefüllt seien, daß er aber trotzdem frei von der Habgier gewöhnlicher Wucherer wäre. Er verlieh sein Geld sehr gerne und setzte annehmbare äußerst bequeme Zahlungstermine für seine Kunden an, nur ließ er die Zinsen durch allerhand eigentümliche arithmetische Operationen zu ganz maßlosen Summen anwachsen. So wenigstens urteilte Fama über ihn; was aber am auffälligsten war und auf jeden Fall alle verblüffen mußte, das war das seltsame Schicksal aller derer, die bei ihm Geld borgten. Sie gingen alle auf klägliche Weise zugrunde. Ob es nun aber nur leeres Geschwätz, nur ein sinnloses, abergläubiges Gerede der Menschen oder ein mit Absicht verbreiteter Klatsch war, das blieb unbekannt. Indessen gab es doch einige Fälle, die sich binnen ganz kurzer Zeit vor allen Augen abspielten und die einen tiefen und überwältigenden Eindruck auf die Leute machten. Damals lenkte gerade ein Jüngling aus einer vornehmen aristokratischen Familie, der sich bereits in jenen Jahren im Staatsdienste ausgezeichnet hatte, die Aufmerksamkeit auf sich: ein glühender Verehrer alles Echten und Erhabenen, ein eifriger Förderer menschlicher Geistesarbeit und hoher Kunst, mit einem Worte ein Mensch, der ein wahrhafter Mäzen zu werden versprach. So kam es denn, daß er sehr bald nach seinen Verdiensten von der Zarin selbst ausgezeichnet wurde, die ihm ein mit seinen eigenen Wünschen und Ansprüchen übereinstimmendes bedeutendes Amt und einen Posten anvertraute, auf dem er viel für die Wissenschaften und für alles Gute wirken konnte. Der junge Beamte umgab sich mit Künstlern, Dichtern und Gelehrten. Er wollte allen Arbeit verschaffen und alle nach Kräften fördern. Er gab auf eigene Kosten eine Reihe von nützlichen Werken heraus, verteilte eine Menge von Aufträgen und setzte viele Preise aus; auf diese Weise verausgabte er ungeheuer viel Geld und geriet schließlich in pekuniäre Verlegenheiten. Aber da er ein vornehmer und hochherziger Charakter war, wollte er nicht von seinem Vorhaben abstehen, er suchte überall Anleihen aufzunehmen und wandte sich endlich an den uns schon bekannten Wucherer. Er erhielt auch eine bedeutende Summe von ihm, aber bald darauf ging eine gewaltige Veränderung mit ihm vor: er wurde mit einem Male ein Verfolger und Unterdrücker aller aufstrebenden Geister und Talente. An allem, was ihm vor Augen kam, entdeckte er sofort die schlechten Seiten und deutete jedes harmlose Wort falsch. Um diese Zeit brach gerade die französische Revolution aus, und dieses Ereignis gab ihm plötzlich den Anlaß zu allen möglichen Verdächtigungen und häßlichen Taten, überall fing er an, revolutionäre Umtriebe zu wittern; jedes Ereignis schien ihm eine schlimme Andeutung zu enthalten. Er wurde so argwöhnisch, daß er sich schließlich sogar selbst zu mißtrauen begann; er gab sich zu einer ganzen Reihe abscheulicher und höchst ungerechter Denunziationen her und machte dadurch unzählige Menschen unglücklich. Die Folgen einer solchen Handlungsweise war natürlich die, daß das Gerücht davon bis an den Thron gelangte. Die großmütige Kaiserin war ganz entsetzt und sprach sich in hochherziger Weise, die der schönste Schmuck gekrönter Häupter ist, darüber aus. Ihre Worte sind uns zwar nicht genau überliefert, aber ihr tiefer Sinn prägte sich im Herzen vieler ein. Die Kaiserin bemerkte, es seien gar nicht die monarchischen Regierungen, die die hohen und vornehmen Seelenregungen unterdrückten; in einer solchen Staatsform seien die Werke des Geistes, der Dichtung und der Künste keineswegs verachtet und Verfolgungen ausgesetzt, vielmehr seien die Monarchen ihre natürlichen Protektoren, erst unter ihrem hochherzigen Schutze erstände ein Shakespeare, ein Molière usw., während andererseits ein Dante in seinem republikanischen Vaterlande keine Ruhestätte finden konnte. Wahre Genies entfalteten sich nur in den glänzenden Zeitaltern mächtiger Könige und Königreiche und nicht unter dem Einflusse häßlicher politischer Vorgänge und terroristischer Republiken, die der Welt bis jetzt noch keinen einzigen Dichter geschenkt hätten. Sie erklärte, man müsse die Dichter und Künstler reichlich belohnen und auszeichnen, denn sie schenkten der Seele Ruhe und Frieden und bewahrten sie vor häßlichen Leidenschaften und Empörung; die Gelehrten, die Dichter und alle schaffenden Künstler seien die Perlen und Diamanten in den Kaiserkronen: sie seien der höchste Schmuck, der das Zeitalter eines großen Herrschers kröne und ihm einen herrlichen Glanz verleihe. Während die Kaiserin diese Worte sprach, war sie unendlich schön und göttlich. Ich erinnere mich, daß die alten Leute nicht anders als mit Tränen in Augen davon sprechen konnten. Alle zeigten die lebhafteste Teilnahme für den Fall. Zur Ehre unserer Nation muß hier bemerkt werden, daß sich in dem Herzen eines Russen stets der hochherzige Wunsch regt, die Partei der Bedrückten zu ergreifen. Der hohe Beamte, der das ihm geschenkte Vertrauen zu sehr mißbraucht hatte, wurde gebührend bestraft und seines Amtes enthoben, aber noch eine weit peinigendere Strafe war es für ihn, daß er eine unverhüllte und allgemeine Mißachtung aus den Gesichtern seiner Mitbürger lesen konnte. Es läßt sich kaum beschreiben, wie sehr seine eitle Seele darunter litt. Gekränkter Stolz, betrogener Ehrgeiz, vernichtete Hoffnungen: all diese Empfindungen vereinigten sich zu einer drückenden Qual, und in entsetzlichen Wahnsinnsanfällen riß sein Lebensfaden ab. Noch ein anderer frappanter Fall trug sich gleichfalls vor aller Augen zu. Von den vielen schönen Frauen, an denen unsere nordische Hauptstadt damals nicht arm war, lief besonders eine allen anderen den Rang ab. Sie vereinigte in sich in wunderbarer Weise alle Reize unserer nordischen Schönheit mit denen des Südens; das war ein kostbarer Edelstein, wie man ihn nur selten auf der Welt findet. Mein Vater gestand, niemals in seinem Leben etwas Ähnliches gesehen zu haben. Alle Vorzüge schienen sich in diesem Wesen vereinigt zu haben: Reichtum, Geld und seelische Anmut. An Bewerbern fehlte es natürlich nicht; der interessanteste und hervorragendste unter ihnen aber war ein Fürst R..., ein vornehmer junger Mann von wahrhaft edelem Charakter, wohlgestaltet und von ritterlichem, hochherzigem Wesen, das höchste Ideal aller Frauen, ein richtiger Romanheld und in allem ein echter Grandisson. Fürst R. war leidenschaftlich, ja geradezu wahnsinnig in sie verliebt, und seine Liebe wurde ebenso feurig erwidert. Leider erschien bloß den Verwandten diese Partie als Mesalliance. Die Erbgüter seiner Familie gehörten nämlich nicht mehr ihm, die ganze Familie war in Ungnade gefallen, und der schlechte Zustand seiner Verhältnisse war allgemein bekannt. Plötzlich verläßt der Fürst für eine Zeitlang die Hauptstadt, allem Anscheine nach, um seine Verhältnisse zu regeln, taucht aber bald darauf wieder auf, wobei er einen unglaublichen Prunk und Luxus entfaltete. Seine glänzenden Feste und Bälle machen ihn bald bei Hofe bekannt. Der Vater der Schönen ist ihm wohlgeneigt, und bald darauf findet in der Stadt eine Hochzeitsfeier statt, die überall Aufsehen erregt. Woher diese Veränderung und der ungeheure Reichtum des Bräutigams stammte, darüber konnte freilich niemand genauere Auskunft geben; man tuschelte bloß im geheimen davon, er wäre irgendwelche Abmachungen mit dem rätselhaften Wucherer eingegangen und hätte bei ihm eine größere Anleihe gemacht. Wie dem aber auch war, die Hochzeit beschäftigte die ganze Stadt, und Bräutigam wie Braut erregten den Neid aller Leute. Jedermann wußte, wie heiß und standhaft sie sich geliebt — und was für lange Qualen beide zu erdulden gehabt hatten; überall schätzte man sie wegen ihres edelen Charakters und ihrer hohen Vorzüge. Die leidenschaftlichsten unter den Frauen malten sich schon im voraus die paradiesischen Wonnen aus, die den jungen Ehegatten bevorständen. Und doch kam alles anders. Im Lauf eines einzigen Jahres ging mit dem Gatten eine furchtbare Veränderung vor. Das Gift einer argwöhnischen Eifersucht und Unduldsamkeit schien plötzlich seinen bis dahin vornehmen und makellosen Charakter angefressen zu haben; unerklärliche Launen entstellten sein ganzes Wesen; er wurde ein Tyrann, der seine Frau beständig quälte, und scheute schließlich — was niemand voraussehen konnte — nicht einmal vor den unmenschlichsten Taten zurück: er peinigte und schlug seine eigene Gattin. Schon nach einem Jahre war die Frau nicht wieder zu erkennen, sie, die noch unlängst eine so glänzende Erscheinung gewesen war und Scharen von treuen Anbetern und glühenden Verehrern angezogen hatte. Endlich ließ sie — unfähig, ihr schweres Los noch weiter zu ertragen — ein Wort über Scheidung fallen, aber der Gatte geriet schon bei dem leisesten Gedanken daran in Wut. In der ersten Erregung drang er mit einem Messer bewaffnet in ihr Zimmer ein, und er hätte sie zweifellos sofort niedergestochen, wenn er nicht überwältigt und festgehalten worden wäre. Ganz außer sich und voller Verzweiflung zückte er sein Messer gegen sich selbst und beschloß sein Leben in schrecklichen Qualen.
Außer diesen beiden Fällen, die sich vor den Augen der ganzen Welt abgespielt hatten, wurde noch eine Reihe anderer erzählt, die sich unter den niedren Klassen zutrugen, und die fast alle einen ebenso entsetzlichen Ausgang nahmen. Ehrliche, nüchterne Männer wurden plötzlich zu Trunkenbolden, Gehilfen bestahlen ihre Chefs, ein Droschkenkutscher, der viele Jahre hindurch ehrlich und fleißig gedient hatte, erstach auf einmal einen Fahrgast wegen einiger Pfennige. Natürlich mußten solche Erzählungen, die noch dazu meist sehr ausgeschmückt und übertrieben waren, den einfältigen Bewohnern Kolomnas eine Art unwillkürlichen Grauens einflößen. Niemand zweifelte mehr daran, daß dieser Mann mit der Hölle im Bunde stehe. Man erzählte sich, daß er seinen Kunden Bedingungen stelle, die einem die Haare zu Berge steigen ließen, und die der unglückliche Schuldner nie einem andern mitzuteilen wagte; daß sein Geld eine besondere Anziehungskraft ausübe, von selbst zu glühen anfange und seltsame Merkzeichen an sich trage ..., mit einem Worte, es waren viele unsinnige Gerüchte über ihn im Umlauf. Und so ist es denn auch nicht weiter merkwürdig, daß die ganze Einwohnerschaft Kolomnas, diese ganze Welt armer alter Frauen, kleiner Beamter und untergeordneter Schauspieler, kurz, all dieses elenden Volkes, das wir soeben beschrieben haben, lieber alle Leiden und die höchste Not auf sich nehmen, als den schrecklichen Wucherer um ein Darlehn angehn wollte, es gab sogar arme alte Frauen, die es vorzogen, vor Hunger zu sterben, als ihre Seele zugrunde zu richten. Wenn man dem Wucherer auf der Straße begegnete, wurde man unwillkürlich von einer seltsamen Angst ergriffen. Die Passanten wichen ihm furchtsam aus, drehten sich immer wieder nach ihm um und verfolgten die in der Ferne verschwindende riesenhafte Gestalt noch lange mit ihren Blicken. Schon in seinem Äußern lag so viel Ungewöhnliches, daß jedermann unwillkürlich den Eindruck hatte, es mit einem übernatürlichen Wesen zu tun zu haben. Diese harten, scharf gemeißelten Züge, wie man sie selten bei einem Menschen antrifft, diese glühende, bronzene Gesichtsfarbe, diese dichten buschigen Augenbrauen, die unerträglich schrecklichen Augen, selbst seine weite, bauschige asiatische Kleidung — alles schien darauf hinzudeuten, daß alle Leidenschaften anderer Menschen vor denen, die dieser Körper in sich barg, verbleichen mußten. Jedesmal, wenn mein Vater ihm begegnete, blieb er unbeweglich stehen und konnte sich bei solch einer Gelegenheit nicht enthalten, laut auszurufen: „Ein Teufel! Ein wahrhaftiger Teufel!“ Doch nun muß ich Sie schnell noch mit meinem Vater bekannt machen, der übrigens der eigentliche Held dieser Geschichte ist.
Mein Vater war in vielen Beziehungen ein merkwürdiger Mensch. Er war ein seltener Künstler, einer von denen, wie sie nur Rußland aus seinem jungfräulichen Schoße erzeugt, ein Autodidakt, der alle künstlerischen Gesetze und Regeln ohne Lehrer und ohne die Anleitung der Schule ganz aus sich selbst heraus entdeckt hatte, und in dem mächtigen Drange nach ständiger Vervollkommnung, aus Gründen, die ihm vielleicht selbst unbekannt blieben, immer den Weg ging, den ihm sein Instinkt wies: er war eines jener ursprünglichen Wunder, die von den Zeitgenossen nicht selten mit dem verletzenden Beiwort „ungebildeter Mensch“ bezeichnet und die durch Angriffe und eigenes Mißgeschick nicht ernüchtert und abgekühlt werden, sondern nur noch neuen Eifer und neuen Drang aus ihnen schöpfen und dann jene Werke innerlich weit hinter sich lassen, die ihnen den oben erwähnten Titel eingebracht haben. Er erkannte in jedem Gegenstand intuitiv die Gegenwart einer Idee; ganz von selbst ging ihm die wahre Bedeutung des Wortes „Historische Malerei“ auf, er begriff, warum ein einfacher Zopf, ein schlichtes Porträt von Raffael, Lionardo da Vinci, Tizian oder Correggio einen Anspruch auf diese Bezeichnung hatten, während ein riesiges Gemälde geschichtlichen Inhalts dennoch nur ein Genrebild bleiben konnte, trotz aller Prätensionen des Malers, damit ein großes historisches Gemälde geschaffen zu haben. Sowohl eigene Neigung als innere Überzeugung führten ihn den religiösen Stoffen des Christentums, der höchsten und letzten Stufe des Erhabenen, zu. Er besaß weder Ehrgeiz, noch Empfindlichkeit, Eigenschaften, die leider bei so vielen Künstlern einen wesentlichen Bestandteil ihres Charakters bilden. Dies war eine herbe Persönlichkeit, ein ehrlicher, gerader, beinahe grober Mensch, der sich nach außen durch eine harte Rinde gegen die Umwelt abschloß und innerlich nicht ohne Stolz war, der sich jedoch über seine Mitmenschen zwar stets in schroffer Weise, doch zugleich milde und versöhnlich äußerte. „Wozu soll ich mich nach ihnen richten?“ pflegte er gewöhnlich zu sagen; „ich arbeite ja nicht für sie! Ich will meine Bilder ja nicht in einem Salon bewundern lassen! Wer mich versteht, wird mir sicher dankbar sein. Einem Mann aus der vornehmen Gesellschaft kann man es nicht weiter verargen, wenn er nichts von Malerei versteht; dafür versteht er was von Karten, von guten Weinen oder Pferden ... Wozu braucht denn ein großer Herr auch mehr zu wissen? Wenn so ein Mensch erst von allem gekostet hat und sich auf das Geistreicheln verlegt, dann ist er erst recht nicht zu ertragen. Suum cuique! Schuster bleib bei deinen Leisten! Meiner Meinung nach ist ein Mensch, der es offen eingesteht, wo er nicht Bescheid weiß, einem Heuchler vorzuziehen, der so tut, als ob er etwas von Dingen versteht, von denen er gar keine Ahnung hat, und der nur herumpfuscht und andre Leute schädigt.“ Er arbeitete schon für den bescheidensten Preis, der ihm nur die Mittel zum Unterhalt seiner Familie und die Möglichkeit zu weiterem Schaffen bot. Auch weigerte er sich niemals, einem andern zu helfen und einem armen Kollegen hilfreich die Hand zu reichen. Er hatte sich den einfachen, frommen Glauben unserer Ahnen erhalten, und das war vielleicht der Grund, daß es ihm so gut gelang, den von ihm gemalten Gesichtern jenen hohen Ausdruck zu verleihen, nach dem so manches große Talent vergebens strebt. Endlich glückte es ihm, durch unausgesetzte Arbeit und rastlose Verfolgung des einmal vorgesteckten Zieles auch die Achtung derer zu erringen, die ihn früher einen ungebildeten Menschen und einen hausbackenen Autodidakten genannt hatten. Er bekam Aufträge, Wandgemälde für Kirchen zu malen, und es fehlte ihm nie an Arbeit. Einmal war er gerade durch solch ein Werk sehr in Anspruch genommen. Ich erinnere mich nicht mehr genau an das Sujet und weiß nur noch, daß auf dem Gemälde der gefallene Engel, der Geist der Finsternis, dargestellt werden sollte. Dieses Problem beschäftigte ihn lange Zeit: Wie würde er ihn malen? In der Person dieses Engels mußte der furchtbare Druck und die Pein, die auf dem Menschen lastet, zum Ausdruck kommen. Hierbei schwebte ihm wohl oft das Bild des rätselhaften Wucherers vor, und er dachte sich unwillkürlich: „Das wäre das rechte Vorbild für meinen Teufel!“ Und nun stellen Sie sich selbst vor, wie erstaunt und erschrocken er war, als eines Tages, während er arbeitete, an die Tür seines Ateliers gepocht wurde, und der schreckliche Wucherer bei ihm eintrat. Kein Wunder, daß sein Inneres erbebte, und ein heftiges Zittern seinen ganzen Körper überlief.
„Du bist Maler?“ fragte er, ohne viel Umstände zu machen, meinen Vater.
„Ja, ich bin Maler!“ versetzte mein Vater verwirrt und gespannt, was nun folgen würde.
„Gut! Dann porträtiere mich! Ich werde vielleicht bald sterben! Kinder habe ich nicht. Aber ich will nicht ganz untergehen, ich will weiterleben. Kannst du mir ein solches Porträt malen, das den vollen Eindruck des Lebens macht?“
Mein Vater dachte: „Was kann ich mir Besseres wünschen? Er bietet sich mir selbst als Modell für den Teufel an!“ So willigte er denn ein, sie einigten sich über Zeit und Preis, und gleich am nächsten Tage erschien mein Vater mit Pinsel und Palette bei ihm. Der Hof mit den hohen Mauern, die Hunde, die eisernen Tore und Riegel, die bogenförmigen Fenster, die mit merkwürdigen Teppichen bedeckten Truhen und endlich der seltsame Hausherr selbst, der ihm unbeweglich gegenüber saß: all das machte einen eigentümlichen Eindruck auf ihn. Die Fenster waren wie mit Absicht unten so verstellt und verhängt, daß das Licht nur von oben hereindringen konnte. „Hol’s der Teufel! wie fein sein Gesicht jetzt beleuchtet ist!“ sagte er vor sich hin und fing eifrig an zu arbeiten, wie wenn er befürchtete, daß die günstige Beleuchtung bald verschwinden könne. „Was für eine Kraft in ihm liegt,“ wiederholte er leise; „wenn es mir nur zur Hälfte gelingt, ihn so darzustellen, wie er jetzt dasitzt, dann wird er alle meine früheren Arbeiten in den Schatten stellen. Er wird mir wahrhaftig aus der Leinwand herausspringen, wenn ich der Natur auch nur im mindesten treu bleibe. Was für auffallende Züge!“ wiederholte er unaufhörlich, indem er noch eifriger arbeitete, und nun sah er selbst, wie schon einige Partien des Gesichts auf der Leinwand erschienen. Aber je mehr er sich ihnen näherte, ein desto stärkeres, ihm selbst unbegreifliches Gefühl der Unruhe und der Furcht überfiel ihn. Trotzdem aber nahm er sich vor, jede kaum merkliche Linie, jeden kleinsten Ausdruck mit peinlicher Genauigkeit zu registrieren. Vor allem beschäftigte er sich mit der Darstellung der Augen; in ihnen lag so viel Kraft, daß man offenbar gar nicht hoffen durfte, ihr tiefstes Wesen auf dem Bilde wiederzugeben. Dennoch hatte er sich fest vorgenommen, um jeden Preis alle, auch die unwesentlichsten Töne und Schattierungen aus ihnen herauszuholen und ihr Geheimnis zu ergründen ... Aber kaum hatte er begonnen, sich in sie zu versenken und zu vertiefen, als ein solch unbegreiflicher Druck, ein solch eigentümlicher Widerwille seine Seele erfaßte, daß er für einige Zeit den Pinsel niederlegen mußte, um erst nach dieser Ruhepause die Arbeit wieder aufzunehmen. Endlich konnte er es nicht länger ertragen; er fühlte, wie sich diese Augen in seine Seele bohrten und eine sonderbare Unruhe in ihr hervorriefen. Am dritten Tage wurde dieses Gefühl noch intensiver. Ihm wurde ganz ängstlich zumute. Er warf den Pinsel in die Ecke und erklärte dem Wucherer mit Nachdruck, er könne ihn unmöglich weiter malen. Da hätte man sehen müssen, welche Veränderung diese Worte in dem schrecklichen Manne hervorriefen. Er warf sich plötzlich vor dem Maler auf die Knie, umklammerte seine Füße und flehte ihn an, das Porträt zu vollenden, er erklärte, daß sein ganzes Schicksal und seine ganze irdische Existenz von diesem Porträt abhingen, schon jetzt habe ja des Künstlers Pinsel seine lebendigen Züge auf der Leinwand festgehalten — wenn diese Züge genau im Bilde fixiert würden — werde sein Leben durch eine übernatürliche Macht im Porträt weiter fortbestehen; dann brauche er nicht ganz zu sterben, und er werde der Welt erhalten bleiben. Diese Bitten entsetzten meinen Vater; sie erschienen ihm so ungewöhnlich und frevelhaft, daß er Pinsel und Palette wegwarf und jählings aus dem Zimmer stürzte.
Der Gedanke an dieses Ereignis beunruhigte ihn die ganze Nacht und den ganzen Tag hindurch; am andern Morgen ließ ihm der Wucherer durch eine Frau, das einzige Wesen, das bei ihm diente, das Porträt zustellen. Sie erklärte ihm ohne alle Umschweife, daß ihr Herr das Bild nicht haben wolle, nichts dafür bezahlen werde und es ihm daher zurücksende. Am Abend desselben Tags erhielt er die Kunde von dem Tode des Wucherers, und die Nachricht, daß er demnächst nach dem Brauche seiner Religion beigesetzt werden solle. Dies alles erschien ihm höchst unerklärlich und seltsam, zu alledem aber machten sich von diesem Moment an in seinem Charakter gewisse Veränderungen bemerkbar. Er litt unter einer merkwürdigen Erregtheit und Ruhelosigkeit, deren Ursache er selbst nicht begreifen konnte, ja er tat bald darauf etwas, was wohl niemand von ihm erwartet hätte. Seit einer gewissen Zeit lenkten die Arbeiten eines seiner Schüler die Aufmerksamkeit eines kleinen Kreises von Kennern und Liebhabern auf sich; mein Vater hatte sein Talent immer anerkannt und eine tiefe Neigung für ihn gefaßt. Jetzt aber wurde er plötzlich von einem häßlichen Neid gegen ihn ergriffen. Die allgemeine Sympathie, die sich in den Unterhaltungen über ihn äußerte, wurde meinem Vater ganz unerträglich. Endlich erfuhr er zu seinem großen Verdruß, daß sein Schüler den Auftrag erhalten hatte, ein Bild für eine erst vor kurzem vollendete prachtvolle Kirche zu malen. Das versetzte ihn in eine furchtbare Wut. „Ich werde diesem Grünschnabel doch nicht den Triumph gönnen!“ rief er aus. „Nein, mein Lieber, du hoffst zu früh, die Alten in den Staub zu ziehen! Gott sei Dank, noch fühle ich genug Kraft in mir! Wir wollen doch abwarten, wer den andern zuerst in den Staub zieht!“ Und der biedere, in seinem Kerne grundehrliche Mann wandte sich allen möglichen Ränken und Schleichwegen zu, die er bisher stets verabscheut hatte, und brachte es endlich auch so weit, daß um den Auftrag für das Kirchenbild ein allgemeiner Wettbewerb ausgeschrieben wurde, an dem sich natürlich auch andere Künstler beteiligten durften. Hierauf schloß er sich in seinem Atelier ein und machte sich eifrig an die Arbeit. Es schien, als ob sich seine ganzen Kräfte und seine ganze Persönlichkeit auf dieses Gemälde konzentriert hätten, und in der Tat kam so eins seiner besten Werke zustande. Niemand zweifelte daran, daß ihm die Palme zufallen würde. Die Bilder wurden der Jury eingereicht, aber alle anderen Werke verhielten sich zu diesem wie die Nacht zum Tage. Plötzlich jedoch machte einer der anwesenden Kunstrichter — wenn ich nicht irre, ein Geistlicher — eine Bemerkung, die alle überraschte. „In dem Bilde dieses Künstlers offenbart sich wirklich ein starkes Talent,“ meinte er, „aber den Gesichtern geht der fromme, heilige Ausdruck ab. Es liegt vielmehr etwas Dämonisches in diesen Augen, als hätte eine böse Macht die Hand des Künstlers geführt.“ Alle blickten hin, und in der Tat, die Wahrheit dieser Worte ließ sich nicht bestreiten. Mein Vater stürzte auf sein Bild los, wie um diese verletzende Bemerkung selbst auf ihre Berechtigung hin zu prüfen, aber er gewahrte mit Entsetzen, daß er allen seinen Gestalten die Augen des Wucherers verliehen hatte. Sie blickten ihn so teuflisch und vernichtend an, daß er selbst unwillkürlich schauderte. Das Bild wurde abgelehnt, und er mußte zu seinem unbeschreiblichen Ärger erfahren, daß die Palme seinem Schüler zufiel. Es läßt sich unmöglich beschreiben, in welcher Wut und Raserei er nach Hause zurückkehrte. Er hätte beinahe meine Mutter geschlagen, er warf die Kinder hinaus, zerbrach Pinsel und Staffeleien, riß das Porträt des Wucherers von der Wand, ließ sich ein Messer geben und wollte Feuer im Kamin entzünden, um das Bild — nachdem er es in Stücke geschnitten hätte — zu verbrennen. Aber bei diesem Vorhaben wurde er durch die Ankunft eines Freundes überrascht, der soeben in das Zimmer getreten war. Dieser Freund war gleich ihm ein Maler, ein lustiger Bursche, der stets mit sich zufrieden war, sich nicht mit weitliegenden Plänen abgab und alle Arbeiten, die ihm unter die Hand kamen, fröhlich in Angriff nahm, um sich nach deren Beendigung noch fröhlicher ans Schlemmen und Zechen zu machen.
„Was hast du da? Was willst du verbrennen?“ fragte er ihn, indem er an das Porträt herantrat. „Aber ich bitte dich, das ist ja eines deiner besten Werke! Das ist ja der Wucherer, der erst kürzlich gestorben ist! Ja, das ist ein vollkommenes Kunstwerk! Den hast du nicht bloß vorzüglich getroffen, du bist ihm sozusagen in die Augen hineingekrochen! So lebhaft haben sie ja nicht einmal geblickt, als er noch am Leben war, wie hier bei dir!“