Kapitel V.

Milzbrand. – Rückfallfieber.

Wie wir in der Einleitung erfahren haben, brachte die einwandfreie Aufklärung der bakteriellen Ätiologie der Milzbrandkrankheit des Rindes durch Robert Koch den entscheidenden Sieg der für die moderne Bakteriologie grundlegenden Anschauungen mit sich. Deshalb mag es angezeigt erscheinen, gerade diese Infektionskrankheit, die dem Menschen vergleichsweise nur selten gefährlich wird, an schädlicher Bedeutung also weit hinter anderen zurückbleibt, hier an erster Stelle zu besprechen. – Der Milzbrand ist aber nicht die erste dem Menschen drohende ansteckende Krankheit, deren Erreger von einem menschlichen Forscherauge erblickt und als solcher erkannt worden ist, das ist vielmehr das heute in unserem Klima seltene Rückfallfieber, dessen belebte Ursache schon im Jahre 1873 von Obermeier aufgefunden wurde. Es soll an zweiter Stelle behandelt werden.

Milzbrand.

Der Milzbrand gehört zu einer kleinen Anzahl ansteckender Krankheiten, die für gewöhnlich bestimmte Tierarten heimsuchen, aber auch dem Menschen gefährlich werden können und auf ihn übertragbar sind. Eigentliche Milzbrandseuchen kamen besonders früher bei Schafen und Rindern in großer Ausdehnung vor und verursachten enormen wirtschaftlichen Schaden. Auch heute sind sie zwar erheblich eingedämmt, aber noch keineswegs verschwunden. Der Milzbrand kann außerdem auch Pferde, Schweine, Ziegen und verschiedene Arten wilder Tiere und endlich auch den Menschen befallen. – Bei den Tieren verläuft die Erkrankung unter den schwersten Allgemeinerscheinungen gewöhnlich als Darmmilzbrand, der sehr rasch zum Tode zu führen pflegt. Mit den dünnen, blutigen Darmentleerungen werden große Massen von Bazillen ausgeschieden, die dann im Freien nicht selten Gelegenheit finden, Sporen zu bilden. Diese Sporen können verschleppt werden und können bei ihrer großen Haltbarkeit noch nach langer Zeit zu neuen Infektionen und damit unter Umständen auch zum Ausbruch einer neuen Milzbrandseuche führen.

Beim Menschen tritt die Milzbrandinfektion in der überwiegenden Zahl der Fälle in der Gestalt eines Milzbrandkarbunkels der Haut zuerst in Erscheinung. Dieser bildet sich in der Umgebung kleiner, mit Milzbrandbazillen oder Sporen infizierter Wunden und stellt im wesentlichen eine oft recht umfangreiche eitrige Pustel der Haut dar, in deren Umgebung sich gewöhnlich eine sehr starke ödematöse Durchtränkung und Schwellung des Unterhautgewebes ausbildet. Die Infektion erfolgt entweder direkt beim Umgang mit erkranktem Vieh, besonders beim Schlachten, beim Abhäuten und Verscharren, oder – seltener – durch Sporen, die in letzter Linie wieder von irgendeinem Milzbrandfall herstammen. Es ist nicht immer ganz aufzuklären, auf welchem Wege im einzelnen Falle die infektiösen Keime an den Menschen herangelangt sind, aber es zeigt sich, wenn man die Berufsarten der an Milzbrand Verstorbenen beachtet, daß es sich fast immer um Menschen handelt, die mit Tierfellen oder Tierhaaren zu tun haben, also um Arbeiter in Gerbereien, Roßhaarspinnereien, Bürsten- und Pinselfabriken. Eine besonders gefährliche Form des menschlichen Milzbrandes ist der durch Einatmung von Sporen entstehende Lungenmilzbrand (die »Hadernkrankheit«), die am häufigsten Arbeiter befällt, die in Papierfabriken mit dem Sortieren von Lumpen beschäftigt sind. Dieser »Lungenmilzbrand« verläuft in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle tödlich.

Abb. 16
Abb. 16.
Milzbrandbazillen mit Sporen.

Der Milzbrandbazillus ist ein verhältnismäßig großes Stäbchenbakterium, das der Geißeln ermangelt und daher völlig unbeweglich ist. Die Länge der einzelnen Individuen wechselt je nach den Bedingungen; in Kulturen werden lange Fäden gebildet. Sporenbildung findet – bei geeigneter Temperatur – bei Sauerstoffzutritt statt; die Sporen bilden sich im Innern der Stäbchen (s. Abb. 16) als kleine stark lichtbrechende Körnchen, die bald die Dicke des Stäbchens erreichen und schließlich frei werden, während die Reste des Stäbchens selbst verschwinden. – Wachstum und Sporenbildung finden am besten bei 37° statt. – Sehr charakteristisch sind die oberflächlichen Kolonien des Bazillus auf der Platte (s. Abb. 17 und 18).

Abb. 17
Abb. 17.
16 Stunden alte Kolonie von Milzbrandbazillen auf der Agarplatte. a natürliche Größe, b etwa 15mal vergrößert.

Bei den gebräuchlichen Versuchstieren wird durch Impfung mit kleinsten Mengen einer Reinkultur von Milzbrandbakterien eine rasch zum Tode führende Infektion ausgelöst. Die im Tierkörper gewachsenen Bazillen zeigen eine eigentümliche Veränderung, die in Kulturen auf den gewöhnlichen Nährboden nicht zur Beobachtung kommt: sie besitzen eine breite Hülle oder »Kapsel« (vgl. Abb. 19).

Abb. 18
Abb. 18.
Klatschpräparat vom Rande einer oberflächlichen Kolonie von Milzbrandbazillen (S. Abb. 17). Aufbau der Kolonie aus einzelnen, zu regelmäßigen Fäden vereinigten Stäbchen. Stark vergrößert.

In der Bekämpfung der Milzbrandseuche beim Vieh sind ausgezeichnete Erfolge teils mit dem Pasteurschen Impfverfahren (s. o. Seite 43), teils mit anderen ähnlichen Methoden erzielt worden, und ohne Frage kommt diese Eindämmung der Krankheit beim Vieh indirekt auch dem Menschen zugute. Von wichtigen Maßnahmen, die die Verbreitung der Krankheit verhüten, sind vor allen Dingen solche zur rationellen Beseitigung der Tierkadaver zu nennen, ferner aber besonders Vorsichtsmaßregeln, die die Arbeiter in den obengenannten Industrien vor der Infektion schützen sollen. Im wesentlichen handelt es sich dabei um Vorschriften, die sich auf eine möglichst zuverlässige Desinfektion der Rohmaterialien erstrecken.

Abb. 19
Abb. 19.
Milzbrandbazillen im Gewebsaft (Milz) einer der Infektion erlegenen Maus. B = Bazillen mit »Kapseln«; Z = drei tierische Zellen.

Von verschiedenen Forschern sind endlich auch spezifische Sera gegen Milzbrand hergestellt worden, so in Deutschland durch Sobernheim. Diese Sera haben sich bei Tieren sowohl zu Schutz- als auch zu Heilzwecken gut bewährt. Dagegen sind die Erfahrungen über ihren Wert für die Behandlung des menschlichen Milzbrandes noch nicht völlig geklärt, z. T. deshalb, weil die an sich seltene Krankheit beim Menschen, wie erwähnt, auch ohne spezifische Behandlung sehr häufig gutartig verläuft. Man ist aus diesem Grunde im einzelnen Falle außerstande, bestimmt zu sagen, ob ein günstiger Ausfall auf Rechnung des Heilserums zu setzen ist oder nicht. Man müßte zur Beantwortung der Frage also ein größeres Material mit Serum behandelter und unbehandelter Fälle statistisch vergleichen. Einzelne derartige Statistiken sprechen für die Wirksamkeit des Serums.

Rückfallfieber.

Das Rückfallfieber ist bei uns in Deutschland heutzutage eine im ganzen recht selten gewordene Erkrankung, die aber neuerdings besonders dadurch an Interesse gewonnen hat, daß sie als relativ häufige Krankheit unserer afrikanischen Schutzgebiete erkannt worden ist. Noch vor wenigen Jahrzehnten kamen übrigens auch bei uns in Deutschland größere Epidemien der Krankheit vor.

Das Krankheitsbild ist in erster Linie charakterisiert durch einen sehr eigentümlichen Fieberverlauf. Gewöhnlich beginnt die Krankheit plötzlich mit Schüttelfrost und schwerem Krankheitsgefühl, Gliederschmerzen und anderen etwas wechselnden Erscheinungen. Die Temperatur steigt bald sehr hoch an, meist über 40°, und fällt erst nach einer 5–7tägigen Fieberperiode zur normalen Temperatur, meist noch erheblich tiefer, ab. Gleichzeitig pflegt starker Schweißausbruch zu erfolgen, die Krankheitserscheinungen gehen zurück, der Patient scheint sich zu erholen und bleibt eine ganze Reihe von Tagen fieberfrei, bis plötzlich ein ganz ähnlicher Anfall wie der erste, der meist nur etwas kürzer ist, beginnt. Auch dieser endigt mit »kritischem« Abfall der Temperatur, die meist wiederum eine Reihe von Tagen normal bleibt, bis der dritte, meist letzte Anfall erfolgt, nach dessen Überwindung dann die Rekonvaleszenz eintritt. In seltenen Fällen ist die Anzahl der Anfälle noch größer, oft werden auch nur zwei Anfälle beobachtet. Im allgemeinen pflegt der Ausgang günstig zu sein; nur vorher geschwächte Individuen erliegen gelegentlich der Krankheit.

Im Blute von Rückfallfieberkranken während des Anfalles entdeckte bereits im Jahre 1873 der deutsche Arzt Obermeier feinste, Eigenbewegungen zeigende, flach schraubenförmig gewundene Fäden (Abb. 20), die er mit vollem Recht, wie wir heute wissen, als die Ursache der Krankheit ansprach. Metschnikoff zeigte, indem er sich selbst mit dem Blute eines Rekurrenskranken impfte, die Übertragbarkeit der Krankheit mit dem spirillenhaltigen Blute auf den Menschen: er erkrankte an typischem Rückfallfieber. Robert Koch gelang die Übertragung der Krankheit in gleicher Weise auf Affen. In jüngster Zeit wiesen endlich dann Novy und Knapp nach, daß man sie auch auf Ratten und Mäuse überimpfen könne, was jahrzehntelang für unmöglich galt. Erst durch diese Feststellung wurde ein genaueres Studium der Spirillen weiteren Kreisen der Forscher möglich, denn eine Kultur der Spirillen ist bisher nicht gelungen. Auch besteht übrigens bisher noch keine Einigkeit darüber, ob sie zu den Bakterien oder zu den niedersten tierischen Lebewesen gehören.

Abb. 20
Abb. 20.
Spirillen des Rückfallfiebers im Blute einer künstlich infizierten Maus. E = rote Blutkörperchen; W = weiße Blutkörperchen; Sp = Spirillen.

Im erkrankten Körper finden sich die Spirillen ganz ausschließlich im Blute und in den blutbildenden Organen. Daraus ergibt sich, daß sie in keinerlei Ausscheidung der Kranken in die Außenwelt gelangen, und es ergibt sich weiter die Frage, wie denn unter diesen Umständen die Verbreitung der Krankheit zustande komme. Man hatte darüber schon längst richtige Vermutungen. Es lag nämlich sehr nahe, anzunehmen, daß blutsaugende Insekten die Überimpfung vom kranken auf den gesunden Menschen vermitteln, die wir bei experimenteller Übertragung auf Tiere absichtlich vornehmen. Damit war die Beobachtung auch gut vereinbar, daß die Krankheit ganz vorwiegend die niederen Volksklassen befällt und hier wieder vor allem die untersten Schichten, Vagabunden z. B., heimsucht, die im allgemeinen besonders viel mit Ungeziefer in Berührung kommen. Zwar ist für das europäische Rückfallfieber die Ungezieferart, die speziell für diese Übertragungen verantwortlich gemacht werden muß, noch nicht mit unbestrittener Sicherheit festgestellt, wohl aber ist diese Feststellung Robert Koch für die Spirille des afrikanischen Rückfallfiebers gelungen, das mit dem europäischen sehr weitgehende Übereinstimmung zeigt und auch von Spirillen von durchaus ähnlichen Eigenschaften ausgelöst wird. Das afrikanische Rückfallfieber wird nach Kochs Feststellungen durch eine bestimmte Zeckenart verbreitet, die nachts den Menschen befällt und Blut saugt. Dabei hat sich die sehr merkwürdige Tatsache gefunden, daß die Spirillen, die mit dem Blute eines rekurrenskranken Menschen in den Körper der Zecken gelangen, mit den Eiern, die das Tier legt, in die Außenwelt gelangt, nicht zugrunde gehen. Es finden sich vielmehr später in einzelnen Eiern wieder lebende Mikroorganismen, und die Zecken, die sich aus solchen Eiern entwickeln, sind nachweislich wieder imstande, Spirillen und Rekurrensfieber auf gesunde Tiere (und also auch auf den Menschen) zu übertragen. Europäer erkranken auch in Afrika deshalb selten an Rekurrens, weil sie dem Biß der gefährlichen Zeckenart weniger ausgesetzt sind als die Neger.