Kapitel VII.

Beispiele von Infektionskrankheiten unseres Klimas, die durch Stäbchenbakterien hervorgerufen werden: Diphtherie. – Tetanus. – Influenza. – Keuchhusten. – Unterleibstyphus. (Mit einer Anmerkung über Nahrungsmittelvergiftungen durch Bakterien.)

Diphtherie.

Die Diphtherie war nach der Unterdrückung der Pocken in unserem Lande wohl mit Recht eine der am meisten gefürchteten Krankheiten des kindlichen Alters, bis sie dank dem Diphtherie-Heilserum viel von ihrem Schrecken verlor. Die Krankheit beginnt nach einer gewöhnlich nur 2–5 Tage dauernden Inkubationszeit mit Fieber, Kopf- und Halsschmerzen und Schluckbeschwerden. Diese letzteren beruhen auf der wichtigsten krankhaften Veränderung, die der Diphtheriebazillus verursacht, nämlich auf der Bildung von eigentümlichen bräunlichgrauen Auflagerungen (Pseudomembranen) auf den entzündeten Schleimhäuten des Rachens und der oberen Luftwege, der Mandeln, des Kehlkopfes, seltener der Nase. Diese Pseudomembranen können, wenn sie sehr umfangreich werden, selbst die Atmung erschweren, ja vollständig unterdrücken und dadurch zu Erstickungsgefahr führen, der der Arzt in besonders schweren Fällen nur durch einen Luftröhrenschnitt begegnen kann. Aber auch nach dem Überstehen der ersten lokalen Krankheitserscheinungen können später noch nach Wochen von diesen ganz verschiedene und zuweilen sehr ernste Komplikationen sich einstellen, die in Lähmungen bestimmter Nerven bestehen.

Abb. 24
Abb. 24.
Reinkultur von Diphtheriebazillen. Abstrichpräparat.

Die Ursache der schlimmen Krankheit wurde im Jahre 1887 von Loeffler, einem Schüler Kochs, entdeckt:

Der Erreger der Diphtherie ist ein kleines unbewegliches Stäbchenbakterium, das eine eigentümliche Form und in größeren Verbänden eine charakteristische Anordnung zeigt (Abb. 24) und das sich in den erwähnten Pseudomembranen in sehr großen Mengen vorfindet. Die einzelnen Bazillen sind sehr schlank, häufig ein wenig gekrümmt, und besitzen leichte kolbige oder knopfförmige Anschwellungen an einem oder an beiden Enden, die sich schon bei der Färbung mit den gebräuchlichen Anilinfarben, besonders aber bei Anwendung besonderer Methoden, intensiver färben als die Mitte. Dieses Stäbchen vermag hochwirksame Toxine abzusondern, die sowohl für die lokalen Erscheinungen als auch für die späteren, schon erwähnten sogenannten postdiphtherischen Lähmungen die Ursache abgeben.

Die Ansteckung erfolgt in der Regel durch direkte Übertragung vom Kranken auf den Gesunden; doch wird auch in diesem Falle die Sachlage dadurch kompliziert, daß Diphtherie-Rekonvaleszenten noch wochen-, ja monatelang nach der Überstehung der Krankheit lebende und infektionstüchtige Diphtheriebazillen in ihrem Rachen beherbergen und dadurch zur Verbreitung der Krankheit beitragen können. Bei systematischen Untersuchungen, z. B. bei der Untersuchung sämtlicher eine Schule besuchenden Kinder, hat man mehrfach echte Diphtheriebazillen auch im Rachen von Kindern nachgewiesen, die an der Krankheit weder im Augenblick litten, noch nachweislich gelitten hatten. Diese Freistellungen lassen den Versuch, durch allgemeine prophylaktische Maßnahmen die Verbreitung der Krankheit zu unterdrücken, als ungemein schwierig erscheinen; trotzdem lehrt die Erfahrung, daß diesen Vorbeugungsmaßregeln, wie z. B. rechtzeitigem Schluß der Schulen bei Ausbruch von Epidemien, eine große Bedeutung zukommt, wenn sie in sachgemäßer Weise gehandhabt werden.

Auch heute noch ist die Diphtherie mit Recht eine gefürchtete Krankheit, aber sie hat doch ihren schlimmsten Schrecken verloren, seit v. Behring in dem Diphtherie-Heilserum ein wirksames und zuverlässiges Heilmittel für die Krankheit entdeckt hat.

Die Wirkung des Heilserums beruht auf dessen Gehalt an spezifischen Antitoxinen (vgl. Kap. III), die imstande sind, die Wirkung der Toxine des Diphtheriebazillus aufzuheben. Man kann dieses Heilserum auch mit Erfolg zum Schutze eines noch gesunden, aber der Ansteckungsgefahr ausgesetzten Menschen verwenden, und v. Behring selbst hat solche Verwendung in ausgedehntem Maße auch früher befürwortet. Dagegen spricht aber der Umstand, daß eine solche Schutzwirkung einer Heilseruminjektion nur eine auf wenige Wochen beschränkte Dauer hat, weil nach dieser Zeit die Antitoxine aus dem Körper des so vorbehandelten Menschen wieder verschwunden sind. Man würde also sehr häufiger Wiederholungen der Seruminjektionen bedürfen, wenn man einen dauernden Schutz erzielen wollte, und, abgesehen von der Umständlichkeit eines solchen Verfahrens, verbietet sich dies auch noch aus gewichtigen anderen Gründen, deren vornehmster in der Schädlichkeit wiederholter Einspritzungen artfremden Serums für den menschlichen Körper besteht.

Die Anwendung des Diphtherieserums wird deshalb in erster Linie zu Heilzwecken, nur in besonderen Fällen zu Schutzzwecken erfolgen dürfen. Die Heilwirkung des Mittels aber tritt um so sicherer und ergiebiger ein, je rascher nach dem Beginn der Erkrankung die Injektion erfolgte. Die frühzeitige Erkennung des Charakters einer diphtherischen Erkrankung ist also von der größten Bedeutung. In sehr frühen Stadien, in denen es zur Bildung deutlich sichtbarer Pseudomembranen noch nicht gekommen ist, vermag oft der Nachweis der echten Diphtheriebazillen im Rachen des verdächtig Erkrankten die Diagnose der Diphtherie zu sichern. Dieser Nachweis kann zuweilen schon durch die mikroskopische Untersuchung eines Ausstrichpräparates vom Rachenschleim erbracht werden. Meist erfordert er aber die Anlegung von Kulturen, die auf einem von Löffler angegebenen, besonders geeigneten Nährboden schon nach etwa 6 Stunden bei Brüttemperatur auskeimen. Die Kürze der Zeit, die der Diphtheriebazillus zu seiner Vermehrung auf diesem Nährboden braucht, ist für die frühzeitige Erkennung von Krankheitsfällen von sehr günstigem Einfluß. Freilich kommen die Vorteile dieser Methode vorläufig nur den Bewohnern größerer Städte zugute, die gut eingerichtete bakteriologische Untersuchungsanstalten besitzen.

Der Tetanus oder Wundstarrkrampf.

Der Wundstarrkrampf ist eine in verschiedenen Fällen sehr verschieden schwer verlaufende Erkrankung, die zustande kommt, wenn – gewöhnlich bei schweren Verletzungen, Knochenbrüchen mit Weichteilzerreißung, Quetschungen usw. – zusammen mit gröberen Verunreinigungen, Schmutz, Gartenerde, Staub, auch Tetanusbazillen in die Tiefe der Gewebe gelangen, diese so sehr verbreiteten Keime, von denen wir oben (S. 30 u. 32) schon gesprochen haben. In seltenen Fällen kann eine Tetanusinfektion auch im Anschluß an eine Geburt – von den Wunden der Geburtswege aus – erfolgen, aber immer nur dann, wenn grobe Unreinlichkeit vorgelegen hat. Charakteristisch für das Krankheitsbild sind Krampfzustände von zunehmender Häufigkeit, Ausdehnung und Schwere.

Der Tetanusbazillus, der zuerst von Kitasato rein gezüchtet wurde, ist ein sehr verbreiteter, anaërober Bazillus, der Eigenbewegungen besitzt und endständige Sporen bildet. Seine krankmachenden Eigenschaften beruhen auf der Bildung von Toxinen, die er auch in Kulturen produziert. Diese Toxine vermögen auch im Tierversuch Tetanus auszulösen und sind ganz außerordentlich wirksam, so daß minimale Mengen von Tetanus-Kulturfiltraten den Tod empfänglicher Versuchstiere unter den charakteristischen Erscheinungen des Wundstarrkrampfes herbeiführen.

Es ist gelungen, ein dem Diphtherieserum in seiner Wirkungsweise ähnliches Tetanusserum zu gewinnen, doch ist leider dessen Wirksamkeit nicht ausreichend, um den einmal ausgebrochenen Starrkrampf noch sicher zu heilen. Dagegen wird neuerdings berichtet, daß die Injektion verhältnismäßig kleiner Mengen des spezifischen Serums einen sicheren Schutz gegen den Ausbruch des Tetanus bei Leuten gewährt, die durch verunreinigte schwere Verletzungen in erheblichem Grade der Gefahr der Erkrankung an Wundstarrkrampf ausgesetzt sind.

Influenza.

Man bezeichnet in Laienkreisen und freilich vielfach auch in ärztlichen Kreisen mit »Influenza« oder »Grippe« häufig allerhand leichtere oder schwerere Erkrankungen, die mit Katarrhen der oberen Luftwege einhergehen. Man sollte im engeren Sinne aber diesen Namen nur auf eine ganz bestimmte, durch ihre enorme Ausbreitungstendenz charakterisierte, ausgesprochen epidemische Krankheit beschränken. Nur für diese gelten die folgenden Angaben. Die Krankheitserscheinungen bestehen in starken Kopfschmerzen und Kreuzschmerzen, großer Mattigkeit, Erscheinungen, die alle auffallend plötzlich einsetzen und sofort ein starkes Krankheitsgefühl auslösen. Dazu kommen in den leichteren Fällen Katarrhe der oberen Luftwege, die aber in schwereren Fällen, namentlich bei älteren Leuten, zu gefährlichen, ja tödlichen Lungenentzündungen führen können.

Die Ursache der Influenza wurde von R. Pfeiffer im Jahre 1892 in einem ganz außerordentlich kleinen Stäbchenbakterium entdeckt, dessen Reinzüchtung nur bei Körpertemperatur und ausschließlich auf Nährböden gelang, die entweder Blut oder anderes, nichtkoaguliertes Körpereiweiß enthielten. Der Influenzabazillus erliegt außerhalb des Körpers rasch der Eintrocknung und wird ohne Zweifel ganz wesentlich durch direkte Übertragung von Mensch zu Mensch gefährlich.

Diese Übertragung erfolgt in erster Linie durch die beim Husten verstreuten feinsten bazillenhaltigen Tröpfchen unmittelbar, oder, wohl seltener, mittelbar, durch sogenannte Kontaktinfektion (Kontakt = lateinisch Berührung), wenn nämlich bazillenhaltiger Auswurf auf irgendeine Weise durch Unreinlichkeit verschleppt wird, und so rasch, daß zur Eintrocknung keine Zeit ist, in die oberen Luftwege, vor allem in den Mund, eines gesunden Individuums gelangt.

Dieser direkten Übertragung von Mensch zu Mensch entspricht die außerordentlich rasche Verbreitung der Seuche in den Kulturländern, die genau den großen Verkehrswegen, speziell den großen Eisenbahnlinien, folgt und vorläufig wohl allen Schutzmaßnahmen trotzt. An ein Absperren der Grenzen gerade gegen diese Krankheit ist kaum zu denken, vor allem mit Rücksicht auf relativ leichte Fälle, die nicht erkannt werden, und so kann man gerade gegenüber der echten Influenza nach dem heutigen Stande unseres Wissens in der Tat eine sicher wirksame Schutzmaßnahme nicht angeben. Man kann nur für den Fall neuen Auftretens einer Epidemie besonders allen weniger widerstandsfähigen älteren und kränklichen Leuten empfehlen, den Verkehr mit allen irgendwie der Infektion Verdächtigen zu vermeiden, wobei dann freilich die Entscheidung, wer der Infektion verdächtig ist, so schwer ist, daß man sich am besten vollständig gegen die Außenwelt abschlösse, ein Verhalten, das nur den wenigsten Menschen möglich ist. Daß eine solche Vorsicht von Erfolg begleitet sein kann, ergibt sich beispielsweise aus der Beobachtung, daß bei Epidemien, die so gut wie niemand verschonten, sogenannten Pandemien, z. B. einzelne Klöster vollständig frei von Fällen der Seuche blieben.

Keuchhusten.

Jedermann in unserem Klima kennt die für kleine Kinder so außerordentlich ansteckende quälende Krankheit, die wegen der ungemein heftigen Hustenanfälle den Namen Keuchhusten trägt, und die, wenn auch im allgemeinen nicht gerade das Leben bedrohend, doch durch ihre lange Dauer außerordentlich schädlich und namentlich für ganz kleine Kinder nicht unbedenklich ist. Die große Ansteckungsgefahr bei dieser Krankheit ist ja allgemein bekannt. Die Verbreitung erfolgt entweder durch direkte Berührung, etwa beim Küssen, oder auch durch die beim Husten verspritzten Tröpfchen, die ihrerseits wieder entweder eingeatmet werden können oder auf Umwegen in den Mund und in die oberen Luftwege gesunder Kinder gelangen. Der Verbreitung der Krankheit läßt sich ausschließlich durch die möglichst frühzeitige Isolierung der erkrankten Kinder bis zu einem gewissen Grade vorbeugen.

Während mehrfache Versuche, den Krankheitserreger zu finden, zu unbestrittenen Ergebnissen nicht geführt hatten, scheint es jetzt, daß es den belgischen Forschern Bordet und Gengou vor zwei Jahren endlich gelungen ist, den Keuchhustenerreger in einem sehr kleinen und nur schwer in Kulturen zu gewinnenden Stäbchenbakterium zu entdecken. Eine erhebliche Stütze für die Ansicht, daß dieses Bakterium der spezifische Krankheitskeim ist, liegt in der Feststellung, daß das Serum von Rekonvaleszenten häufig spezifische Antikörper gerade gegen diesen Bazillus aufweist. Wie weit man danach zu der Hoffnung berechtigt ist, daß es in absehbarer Zeit gelingen wird, auch ein Heilserum für die Krankheit zu gewinnen, das ist vorderhand nicht abzusehen.

Typhus.

Wegen der Schwere der Krankheitserscheinungen und der Zahl der Opfer, auch wegen der großen Schwierigkeiten, die seine Bekämpfung auch heute noch der ärztlichen Wissenschaft bereitet, gehört der Unterleibstyphus zu den gefährlichsten Infektionskrankheiten unseres Klimas.

Das Krankheitsbild ist in den schwereren Fällen meist sehr charakteristisch. Nach erfolgter Übertragung des Ansteckungsstoffes pflegt eine Inkubationszeit von etwa 2 Wochen Dauer zu verstreichen, gegen deren Ende sich unbestimmte und zunächst geringfügige Krankheitserscheinungen einstellen, vor allem Mattigkeit, Unlust zur Arbeit, Appetitlosigkeit, leichte Kopfschmerzen. Ganz allmählich pflegen die Erscheinungen schwerer zu werden, die Temperatur steigt mehr und mehr an. Erscheinungen von seiten des Darmkanals, zunächst gewöhnlich Stuhlverhaltung, dann Durchfälle, stellen sich ein, dazu kommt neben gänzlicher Appetitlosigkeit quälender Durst und im weiteren Krankheitsverlauf bei besonders schweren Fällen kürzere oder längere Bewußtseinsstörungen mit allen ihren peinlichen Folgezuständen. Meist erst nach mehrwöchiger Krankheit gehen die Erscheinungen langsam zurück, das Fieber läßt nach, und endlich tritt die Rekonvaleszenz ein, die nicht selten noch durch Rückfälle unterbrochen wird. Nicht ganz selten führen aber diese schweren Fälle, trotz aller ärztlichen Bemühung, zum Tode.

Um so merkwürdiger mag es auf den ersten Blick erscheinen, daß neben schweren auch leichtere, ja, wie man seit kurzem weiß, gar nicht selten auch allerleichteste Formen von Typhuserkrankung vorkommen, die sehr oft von dem Betroffenen selbst gar nicht als Krankheit, geschweige denn als Typhuserkrankung im besonderen erkannt werden.

Die Ursache des Prozesses ist der Typhusbazillus, der zuerst von Eberth im Jahre 1880 gesehen, dann im Jahre 1884 von Gaffky zuerst gezüchtet und genauer in seinen Eigenschaften erforscht wurde. Es handelt sich um ein kleines, sehr lebhaft bewegliches Stäbchen, das diese Beweglichkeit einer größeren Anzahl von Geißeln verdankt, und das die Eigenschaft der Sporenbildung nicht besitzt. Dieses Stäbchen findet sich in allen Typhusfällen in großen Mengen im Darminhalt und in der krankhaft veränderten Darmwand, ferner aber auch im Blute der Kranken und in deren Organen. Anfänglich machte seine sichere Erkennung große Schwierigkeiten, da sich im Darm regelmäßig normalerweise Bazillen finden, die den Typhusbazillen, äußerlich wenigstens, ähnlich sehen, die sog. Kolibazillen. Man lernte aber bald auf Grund der chemischen Leistungen die beiden Bakterienarten sicher und rasch zu unterscheiden, noch leichter und schneller gelingt heute die Unterscheidung auf Grund der spezifischen Seroreaktion, die im Kapitel III besprochen wurde. – Zur Feststellung des typhösen Charakters eines verdächtigen Krankheitsfalles wird neuerdings als einfachstes Mittel der Nachweis der Typhusbazillen im Blute herangezogen. Einige Kubikzentimeter des einer Armvene entnommenen Blutes werden mit Agar vermischt zu Plattenkulturen verarbeitet. Schon vor Ablauf eines Tages entwickeln sich dann bei Brüttemperatur nahezu regelmäßig große Kolonien des Typhusbazillus mit sehr charakteristischen Eigenschaften, – vorausgesetzt, daß man es mit einem Falle von echtem Typhus zu tun hatte.

Abb. 25
Abb. 25.
Typhusbazillen; Abstrich von einer Reinkultur.

Da die erste und wesentlichste Ansiedelung der Typhusbazillen im Darm erfolgt, ist es wahrscheinlich, daß sie immer vom Mund aus in den Körper eindringen. Vereinzelte Typhusfälle, die hier oder da auftreten, beispielsweise Erkrankung des Pflegepersonals in großen Krankenhäusern, sind ohne Zweifel darauf zurückzuführen, daß Typhusbazillen aus den Ausscheidungen eines Kranken auf irgendeinem Wege mit den Nahrungsmitteln oder mit der Hand in den Mund des Gesunden gelangt sind. Nicht nur die Darmentleerungen, sondern in sehr vielen Fällen auch der Harn der Kranken enthält enorme Mengen der infektiösen Keime, und es ist nur zu erklärlich, daß, namentlich in der Umgebung benommener Kranker, tausend Möglichkeiten der Kontakt-Infektion gegeben sind.

Neuerdings ist z. B. von Geheimrat Curschmann, einem der erfahrensten Typhuskenner, besonders auf die Rolle der Fliegen bei der Verschleppung von Keimen hingewiesen worden; daß diese Tiere mit kleinsten Partikelchen der Entleerungen eines Kranken Keime verschleppen können, ist von vornherein einleuchtend; man hat es aber auch unmittelbar nachweisen können, indem man Fliegen aus dem Krankenzimmer eines Typhösen über eine Nähragarfläche kriechen ließ und nach einiger Zeit neben anderen Kolonien auch solche des Typhuserregers aufgehen sah.

Die wichtigste Maßnahme, die zur Eindämmung der Typhuserkrankungen führen kann, ist deshalb wiederum die absolute oder doch tunlichste Isolierung des erkrankten Menschen. Schwerkranke sollten immer in Krankenhäusern untergebracht werden, die über besondere Isolierstationen verfügen. Von den ganz leichten Fällen ist dies selbstverständlich nicht zu verlangen. Unbedingte Erfordernis ist aber, daß sämtliche typhusbazillenhaltigen Ausscheidungen sofort in besonderen Gefäßen desinfiziert werden. Die neuere Zeit hat uns nun gelehrt, daß diese Aufgabe erheblich größer und damit schwieriger ist, als man früher wohl annahm, insofern, als sowohl die Rekonvaleszenten von schweren Typhusfällen als auch die schon erwähnten ganz leicht Erkrankten oft viele Monate hindurch die gefährlichen Keime beherbergen und ausscheiden. Bei gutem Willen kann nun zwar ein einigermaßen intelligenter Mensch für die Vernichtung dieser ausgeschiedenen Bazillen hinreichend sorgen, die erste Voraussetzung hierfür ist aber die Erkenntnis seiner Krankheit resp. seiner Gefährlichkeit. Um diese bemühen sich besonders die Medizinalbeamten und Ärzte und an vielen hervorragend gefährdeten Stellen besondere zur Typhusbekämpfung begründete Institute.

Hin und wieder kommt es zu explosionsartig auftretenden Typhusepidemien hier oder da. In solchen Fällen hat sich in der Regel nachweisen lassen, daß irgendwo durch typhöse Ausscheidungen Verunreinigungen einer Trinkwasserquelle erfolgt waren, die dann direkt oder nicht selten auch auf einem Umwege zu einer sehr erheblichen Verbreitung der Krankheit beigetragen haben. Mehrfach hat sich gezeigt, daß die gemeinschaftliche Ansteckungsquelle für eine große Zahl von Typhusfällen in der Milch zu suchen war; die Typhusbazillen stammten dann wiederum aus infiziertem Wasser, das entweder zur Reinigung der Gefäße oder aber in betrügerischer Absicht zur Verdünnung der Milch verwendet worden war. Die Anstrengungen der Medizinalbehörden sind deshalb in neuerer Zeit auch besonders auf die Bekämpfung des Typhus in den Dörfern gerichtet, in denen bisher die Wasserversorgung vielfach noch nicht mit der gleichen Schärfe überwacht werden kann als in den Städten.


Einige Ähnlichkeit mit dem Unterleibstyphus haben manche Fälle von Vergiftungen durch Nahrungsmittel, die mit bestimmten, dem Typhusbazillus nahestehenden Bakterien infiziert waren. Es mag deshalb hier eine kurze Erörterung dieser und ähnlicher Erkrankungen und ihrer Entstehung angeschlossen werden.

Nach dem Genuß verdorbener, d. h. in Fäulnis übergegangener Nahrungsmittel treten oft sehr erhebliche Krankheitserscheinungen, in erster Linie heftige Verdauungsstörungen, auf. Die Ursache dieser Erkrankungen liegt in der Giftigkeit mancher der bei der Fäulnis entstehenden Abbau- oder Zersetzungsprodukte der organischen Substanzen, vor allem der Eiweißabbauprodukte. Da die Zersetzung auf der Lebenstätigkeit von Bakterien beruht, so kann man in gewissem Sinne auch diese Erkrankungen den Spaltpilzen auf die Rechnung setzen. Es ist aber einleuchtend, daß es sich dabei um etwas ganz anderes handelt als um eine Infektionskrankheit. – Man vermeidet diese Schädlichkeit in der Regel leicht dadurch, daß man sich vor dem Genuß aller verdorbenen Nahrungsmittel, die durch Aussehen, Geruch und Geschmack ja meist leicht erkennbar sind, hütet.

Man hat aber anderseits nach dem Genuß von Nahrungsmitteln, die im gewöhnlichen Sinne durchaus nicht verdorben waren, mehr oder weniger heftige Erkrankungen auftreten sehen, die zuweilen geradezu epidemieartig erschienen, indem sie gleichzeitig eine große Anzahl von Personen befielen, die von irgendeiner Speise genossen hatten. Dabei handelte es sich teils um Fleischkonserven, Wurst, teils auch um Gemüsekonserven, aber auch um andere Speisen verschiedener Art. In solchen Fällen ist es bereits mehrfach gelungen, die Ursache der Erkrankung in bestimmten Bakterienarten nachzuweisen, die sowohl in dem betreffenden Nahrungsmittel als auch in den Darmentleerungen der Erkrankten nachgewiesen werden konnten. Bei einzelnen solcher Erkrankungen gelang es, die gleichen Bakterien auch im Blute der Patienten zu finden. In diesen Fällen haben wir es also mit einem echten infektiösen Prozeß zu tun.

Es ist ganz ausgeschlossen, die verschiedenen Krankheitsformen und die dabei bisher gefundenen Krankheitserreger hier zu erörtern oder auch nur aufzuzählen. Glücklicherweise gehören derartige Erkrankungen und besonders derartige Epidemien zu den seltenen Vorkommnissen. Da sie aber unter Umständen große Ähnlichkeit einerseits mit der asiatischen Cholera, anderseits, wie erwähnt, mit dem Typhus aufweisen, so kann ihre richtige Erkennung besonders in Zeiten, wo die eine oder andere dieser beiden Krankheiten uns bedroht, von großer Wichtigkeit sein. So ist es vorgekommen, daß gerade während des Auftretens einzelner Cholerafälle in unsern östlichen Provinzen, zu einer Zeit also, in der man eine epidemische Verbreitung der Cholera zu befürchten hatte, »explosionsartig« eine große Anzahl von Erkrankungen an Brechdurchfall in einer Stadt der Provinz Brandenburg auftraten, die einige Beunruhigung verursachten, bis die bakteriologische Untersuchung ergab, daß es sich um Nahrungsmittelvergiftung durch eine bekannte Bakterienart, vor allem also nicht um Cholera handelte.