Kapitel VIII.

Beispiele von Infektionskrankheiten unseres Klimas, die durch Kugelbakterien hervorgerufen werden: 1. Die Wundinfektionskrankheiten im engeren Sinne und die »Eitererreger«: Staphylokokken als Krankheitserreger. – Streptokokken als Krankheitserreger. – 2. Gonokokken und gonorrhoische Erkrankungen. – 3. Meningokokken und epidemische Genickstarre. – 4. Die Pneumokokken und die Lungenentzündung.

1. Die Wundinfektionskrankheiten im engeren Sinne und die »Eitererreger«.

Man kann sich heute kaum eine Vorstellung davon machen, welche gewaltige Bedeutung für die Gesundheit unzähliger Menschen die Entdeckung einer kleinen Gruppe von Mikroorganismen hatte, die man zuweilen als »Eitererreger« im engeren Sinne bezeichnet. Bevor man diese kleinen tückischen Feinde kannte, und namentlich bevor man durch genaue Erforschung ihrer Eigenschaften und ihrer Verbreitung auch Mittel fand, sie zu bekämpfen, drangen Eitererreger fast regelmäßig in Wunden ein, die durch kleinste Verletzungen oder durch Schuß oder Hieb, außerordentlich oft aber auch in solche, die durch das Messer des Chirurgen entstanden waren. Es kam dann zur Wundeiterung, die die Heilung verzögerte, oft aber auch aus einer lokalen zu einer schweren Allgemeinerkrankung wurde und nicht selten zum Tode führte.

Als Einfallspforte diente den Keimen sehr häufig auch die große Wundfläche, die bei der Geburt regelmäßig entsteht, und das gefürchtete Wochenbettfieber ist nichts anderes als eine Infektion der Gebärmutterwunde mit Eitererregern. Es ist eines der traurigsten Erinnerungsbilder aus der Geschichte der ärztlichen Bestrebungen, das uns vor Augen tritt, wenn wir die für jene Zeit leider allgemeiner gültigen Schilderungen des bekannten ungarischen Arztes Philipp Ignatius Semmelweiß aus den öffentlichen Gebäranstalten Wiens um die Mitte des vorigen Jahrhunderts lesen. Die Sterblichkeit an Wochenbettfieber war dort eine ganz kolossale, sie betrug bis zu 40%, und jede Frau, die dies irgend konnte, vermied es, ihre schwere Stunde gerade in einer der Anstalten zuzubringen, in denen am besten für sie gesorgt sein sollte. Die Ursache der hohen Sterblichkeit waren eben die Wundinfektionen, deren Keime durch die Hände der Ärzte und Studierenden bei ihren Hilfeleistungen selbst von Fall zu Fall übertragen wurden. Die Einführung einer einfachen Händedesinfektion durch Semmelweiß, der im übrigen von den richtigen Vorstellungen über das Wesen der Krankheitserreger noch weit entfernt war, brachte alsbald eine ganz erhebliche Verringerung der Sterblichkeit mit sich.

Die ersten umfangreichen Beobachtungen über Mikrokokken im Wundeiter stammen von deutschen Ärzten, die während des Krieges 1870/71 reichliches Beobachtungsmaterial sammeln konnten. Klebs, Rindfleisch, v. Recklinghausen u. a. fanden in allen möglichen eiternden Wunden kleine Kugelbakterien, die entweder eine kettenförmige oder eine weintraubenförmige Anordnung zeigten. In der Folgezeit gelang es dann Robert Koch, den Beweis zu erbringen, daß es sich dabei um verschiedene Arten von Mikroorganismen handle; es gelang ihm weiterhin, Reinkulturen von ihnen zu gewinnen, und es zeigte sich, daß im wesentlichen die kettenförmigen oder Streptokokken eine Art bilden, während die traubenförmigen oder Staphylokokken eine andere Art darstellen. Die weitere Forschung ergab dann, daß sowohl die Streptokokken als auch die Staphylokokken die Ursache von Allgemeininfektionen werden können, daß beide Mikroorganismen Herzklappenerkrankungen verursachen können, und daß sie auch die Ursache von Krankheiten sind, die entweder nachweislich nicht oder wenigstens nicht nachweislich durch Wundinfektion zuerst entstehen.

Staphylokokken.

Staphylokokken finden sich auf den Schleimhäuten und auf der Hautoberfläche Gesunder in großer Zahl, doch sind unter ihnen verschiedene Unterarten zu unterscheiden, von denen nur einzelne krankheiterregende Eigenschaften besitzen. Nur diese letzteren interessieren uns hier; sie finden sich bei einer ganzen Reihe teils harmloser, teils ernsterer, teils auch schwerster menschlicher Krankheiten.

Zu den harmlosen, durch Staphylokokken verursachten Krankheiten gehört der sogenannte Furunkel, eine in Eiterung ausgehende Entzündung eines Haarbalgs, die meist unter geeigneter Behandlung, in leichtesten Fällen auch ohne solche, zur Heilung kommt, ohne dem Erkrankten Schlimmeres als kleine Unannehmlichkeiten bereitet zu haben. Ausgebreitete Furunkulose, die durch Infektion benachbarter Haarbälge entstehen kann, kann immerhin schon äußerst lästig werden. Wichtiger ist zu wissen, daß in seltenen Fällen von einem ursprünglich anscheinend harmlosen Furunkel ein Einbruch der pathogenen Keime in kleine Blutgefäße erfolgen und eine Allgemeininfektion hervorrufen kann, die der Laie gewöhnlich als Blutvergiftung bezeichnet. Bekanntlich ist dies ein das Leben in höchstem Maße bedrohender Zustand. Es sollte deshalb jeder wissen, daß Furunkel unter allen Umständen ärztlicher Behandlung bedürfen, ganz besonders bei älteren Leuten. Besonders große und gefährliche Furunkel, die sich vorwiegend gerade bei älteren Individuen, manchmal aber auch bei jüngeren, entwickeln, bezeichnet man oft als Karbunkel.

Die Staphylokokken können in seltenen Fällen die Ursache schwerer, ja tödlicher Wochenbettinfektionen werden, sehr häufig verursachen sie dann nach dem Eindringen in die Blutbahn Herzklappenerkrankungen. Gerade auf den ergriffenen Herzklappen finden sich in diesen Fällen dann ganz kolossale Mengen der gefährlichen Mikroben, und es kommt gewöhnlich von dort aus zu einer Einschwemmung der Kokken mit dem Blutstrom in die verschiedensten Organe; überall, wo sie hingelangen, werden sie die Ursache von Eiterungen und damit von mehr oder weniger schweren Störungen der Organfunktion.

Abb. 26
Abb. 26.
Staphylokokken; Ausstrichpräparat von einer Reinkultur auf Nähragar; weintraubenförmige Anordnung der Kokken.

Staphylokokken sind auch die Ursache einer sehr gefürchteten Krankheit des jugendlichen Alters, nämlich der akuten Osteomyelitis (Knochenmarkentzündung), die glücklicherweise nur selten auftritt und auch nicht immer den schlimmsten Ausgang nimmt.

Charakteristisch für den Staphylokokkus ist nicht sowohl seine Gestalt – es handelt sich um ein sehr kleines, unbewegliches Kugelbakterium – als vielmehr die Anordnung der Individuen, die sowohl im erkrankten Körper als auch in Kulturen zu kleinen und größeren Häufchen vereinigt sind, die oft in ganz ausgesprochener Weise weintraubenartige Verbände bilden. Die Kulturen sind durch Bildung von schönen Farbstoffen ausgezeichnet, die bei verschiedenen Unterarten verschieden sind; die wichtigsten Unterarten sind nach dieser Farbstoffbildung als »weiße« und »goldgelbe« Staphylokokken bezeichnet.

Abb. 27
Abb. 27.
16 Stunden alte Kolonien von Staphylokokken auf der Nähragarplatte; a natürliche Größe, b etwa 15fach vergrößert. Oberflächliche Kolonien groß, kreisrund, tiefe Kolonien klein, wetzsteinförmig.

Ein Heilserum gegen Staphylokokkeninfektion besitzen wir noch nicht; in neuerer Zeit hat man sich – besonders in England – vielfach bemüht, gerade gegen diesen Mikroorganismus eine »spezifische Therapie« anzuwenden, die nach dem Prinzip der aktiven Immunisation in der Einverleibung kleinster Mengen abgetöteter Reinkulturen (von den englischen Ärzten als »Vaccines« bezeichnet) besteht.

Abb. 28
Abb. 28.
Streptokokken; Ausstrichpräparat von einer Reinkultur in Nährboullion.

Gegen die Infektion mit Staphylokokken läßt sich ein allgemeines Schutzmittel nicht angeben. Es versteht sich von selbst, daß derjenige, der an einem Furunkel leidet, die Übertragung der mit dem eitrigen Sekret ausgeschiedenen Staphylokokken auf die Nachbarschaft durch größte Reinlichkeit, unter Umständen durch Schutzverbände vermeiden muß. Im übrigen bedarf jede nicht völlig harmlose Staphylokokkeninfektion der Behandlung durch den erfahrenen Arzt, der allein über die Größe der Gefahr und über die Mittel zu ihrer Bekämpfung urteilen kann. Von der größten Bedeutung für die Eindämmung der Staphylokokkenerkrankungen des Menschen ist die Tatsache, daß Operationswunden heutzutage, dank den Methoden der modernen Chirurgie, vor dem Eindringen der Keime geschützt bleiben.

Streptokokken.

Größere Schädlinge noch als die Staphylokokken sind die Streptokokken oder Kettenkokken, so genannt wegen ihrer großen Neigung, in künstlichen Kulturen und im Gewebe des Körpers sich zu kettenförmigen Verbänden anzuordnen (vgl. Abb. 28 u. 29).

In erster Linie ist der Streptokokkus ein Wundinfektionserreger, und zwar der schlimmsten einer, sei es, daß er in kleine Verletzungen der Haut, sei es, daß er in die Wunde der Gebärmutter, sei es, daß er in die Operationswunde, die der Chirurg gesetzt hat, eindringt.

Abb. 29
Abb. 29.
Streptokokken im Eiter; Kokkenketten im Körper von weißen Blutzellen eingeschlossen.

Sind Streptokokken in eine kleine oberflächliche Hautwunde gelangt, so tritt eine Entzündung der Wunde ein, die Keime wandern häufig mit dem Lymphestrom in den Lymphbahnen weiter und gelangen in die zugehörigen Lymphdrüsen (z. B. die Axeldrüsen bei Entzündungen an der Hand), die nun ebenfalls entzündet werden, anschwellen, druckempfindlich werden, in schweren Fällen auch vereitern können. Besonders ernst wird der Krankheitszustand, wenn die Kokken in die Blutbahn einbrechen, wozu gerade die Streptokokken große Neigung haben. Es entsteht dann das schwere Symptomenbild der »Blutvergiftung«, die mit hohem Fieber unter sehr verschiedenen Erscheinungen verläuft und nicht selten zum Tode führt.

Dies ist der glücklicherweise seltenste Ausgang der Streptokokkeninfektion einer kleinen Hautwunde. In den meisten Fällen bleibt es bei lokalen Entzündungsprozessen in der Nähe der Wunde oder wenigstens bei einer mehr oder weniger ausgedehnten Erkrankung der zugehörigen Lymphbahnen. Eine solche Entzündung von Lymphbahnen, und zwar speziell von ganz oberflächlich gelegenen Lymphbahnen, ist die sogenannte »Wundrose« (der »Rotlauf«, mit dem griechischen Namen als »Erysipel« bezeichnet), die zunächst nur die nächste Umgebung einer kleinen infizierten Wunde befällt: bei Erysipel findet man massenhafte Streptokokken in den entzündeten oberflächlichen Lymphgefäßen. In der Mehrzahl der Fälle läuft unter geeigneter Behandlung die »Rose« gut ab; nur selten schreitet sie dieser zum Trotz immer weiter fort und kann dann freilich auch das Leben bedrohen.

Ein ganz anderes Bild entsteht, wenn die Streptokokkeninfektion die tieferen Weichteile befällt und zu einer sogenannten »Phlegmone« oder Zellgewebsentzündung führt. In diesen Fällen sind massenhafte Keime in die tiefen Lymphwege und Gewebe eingedrungen, es kommt zu ausgedehnter eiteriger Infiltration und meist auch zu ausgedehntem Gewebszerfall (»Abszedierung«). Betrifft die Zerstörung funktionell wichtige Gewebsteile – z. B. wichtige Muskeln – so kann hier auch nach der Abheilung des akuten Prozesses unter Bildung einer Narbe eine dauernde Schädigung zurückbleiben.

Die besonders gefährlichen und besonders traurigen Streptokokkeninfektionen der Gebärmutter führen teils auf dem Lymphwege zu einer Ansteckung des Bauchfelles (Peritonitis), die unter allen Umständen sehr ernst anzusehen ist, oder – in anderen Fällen – zu Einbrüchen in die Blutbahn, damit zu »Blutvergiftung« (Sepsis).

Im Verlaufe von Blutvergiftung durch Streptokokken werden nun mit Vorliebe die Herzklappen ergriffen, auf denen es zu ganz enormen Wucherungen der kleinen Keime kommen kann. Dadurch entsteht dann wieder weiterhin die sehr drohende Gefahr, daß kleine Partikel der Klappenauflagerungen, Partikel, die aber wiederum schon Hunderte, ja Tausende der Mikroben enthalten können, mit dem Blutstrom in die verschiedenen lebenswichtigen Organe verschleppt werden und dort – zunächst in den kleinsten Blutgefäßen, den sog. Haargefäßchen (Capillaren) stecken bleiben. Überall, wo sie sich ansiedeln, rufen die Streptokokken nun aber wieder Entzündung und Eiterung, Einschmelzung des Gewebes und damit auch – je nach der Art des Organs, seinem Bau, seinen Funktionen – schwere Störungen hervor.

Selbst derartige ungemein schwere Krankheitsprozesse können aber ausheilen, freilich nur in der Weise, daß überall da, wo Einschmelzung des Gewebes stattgehabt hat, ein Ersatz des Verlorenen durch Narbengewebe statthat.

Die Herzklappenerkrankung selbst kann häufig zu dauernden Störungen der Funktion dieser für die Blutzirkulation so sehr wichtigen Gebilde – zur Ausbildung eines Herzfehlers – führen.

Aber auch damit ist die gefährliche Rolle der Streptokokken noch lange nicht erschöpft. Vor allem muß noch erwähnt werden, daß im Verlauf der Infektion mit diesen Mikroorganismen auch nicht selten Erkrankungen der Nieren auftreten, die auf lösliche Gifte des Streptokokkus zurückzuführen sind, und die nicht selten zu schwerem Siechtum und schließlich zum Tode führen.

Noch rätselhaft in vieler Beziehung sind weiter Streptokokken-Erkrankungen, die nicht wie die bisher erörterten auf Wundinfektion zurückzuführen sind. So z. B. Halsentzündungen (Anginen), die durch die kleinen Keime – oft allem Anschein nach im Anschluß an »Erkältungen« – hervorgerufen werden, die weiterhin teils zu phlegmonösen Prozessen, teils (selten) zu Blutvergiftung führen können, die aber auch Nierenentzündungen der erwähnten Art im Gefolge haben können.

Endlich ist zu erwähnen, daß Streptokokken sich nicht selten in Krankheitsherden anderer Herkunft nachträglich (»sekundär«) ansiedeln können, so z. B. bei Lungentuberkulose, wo sie häufig eine sehr verderbliche Rolle spielen.

Mit dem hier Angeführten sollte keineswegs der Versuch gemacht sein, die Rolle der Streptokokken als Feinde des Menschen zu erschöpfen; es sollte nur ungefähr ein Bild von der Vielseitigkeit ihrer pathogenen Fähigkeiten gegeben werden. Diese außerordentlich große Buntheit der Krankheitsbilder hat auf die ätiologische Erforschung der Streptokokkenerkrankungen Einfluß gehabt: bei all den verschiedenen Krankheiten fand man durchaus ähnliche, durch die Bildung von Ketten und gewisse färberische Eigentümlichkeiten abgezeichnete Mikrokokken. Man konnte sich lange Zeit auch in den Kreisen der wissenschaftlich forschenden Ärzte nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß diese alle der gleichen Art von Bakterien angehören könnten. Nach den Erfahrungen bei anderen Infektionskrankheiten (Cholera, Typhus, Diphtherie z. B.) erwartete man, für jedes wohl charakterisierte Krankheitsbild auch einen spezifischen Erreger annehmen zu müssen. Und so sind denn zahlreiche Anstrengungen gemacht worden, Artunterschiede zwischen dem Erreger der Wundrose und dem von eiterigen Prozessen, von Herzklappenerkrankungen usw. aufzudecken. Im wesentlichen haben alle diese Versuche zu negativen Ergebnissen geführt, und mit einer Einschränkung, die hier nicht näher erörtert werden kann, müssen wir heute die Arteinheit aller Streptokokken, die dem Menschen gefährlich werden – wenigstem vorläufig, d. h. bis zum Beweis des Gegenteils – annehmen. Warum die Infektion einer Wunde einmal zur Wundrose, ein anderes Mal zur Phlegmone führt, warum sie einmal in kurzer Zeit zur Blutvergiftung überführt, ein andermal nach kurzer harmloser Erkrankung abheilt, das sind vorläufig ungelöste Rätsel. Wir müssen uns damit begnügen, die Verschiedenheit des Verlaufes einer Streptokokkeninfektion auf die Unterschiede der Bedingungen, die der Keim in verschiedenen Organismen vorfindet, und auf die Verschiedenheit der Reaktion letzterer auf den Eindringling zurückzuführen. Das wird uns weniger dunkel und wertlos erscheinen, wenn wir an dieser Stelle einmal wieder auf den schon mehrfach eingeführten Vergleich der beiden kriegführenden Heere zurückgreifen. Nicht nur der letzte Ausgang, sondern jede Phase des Verlaufes des Kampfes wird hier abhängig sein von zahlreichen Faktoren, von der Einfallspforte, die der Angreifer vorfindet, von ihrer Verteidigung durch den Angegriffenen, von den Kämpfen, die sich weiter im Innern des Invasionsgebietes abspielen, den Festungen, die der Angegriffene zu seinem Schutze besitzt, ihrer Besatzung und Ausrüstung usf.

Wichtiger als eine in letzter Linie fruchtlose Verfolgung dieser vorläufig wohl in exakter Weise nicht lösbaren Probleme ist für uns die Frage, was die ärztliche Wissenschaft gegenüber diesen Feinden des Menschengeschlechtes vermag.

Da muß zunächst zugegeben werden, daß ein durchaus zuverlässig wirksames Heilserum für Streptokokkeninfektionen trotz aller darauf verwandten Mühe noch nicht existiert. Doch werden andererseits Sera hergestellt, die in der Hand des erfahrenen Arztes und namentlich bei frühzeitiger Anwendung schon ermutigende Erfolge geben. – Auch die aktive Immunisierung durch Injektion kleiner Dosen abgetöteter Reinkulturen zu Schutz- und Heilzwecken hat man mit Erfolg versucht.

Wichtiger ist, daß die moderne Chirurgie große Fortschritte in der Behandlung der Wundinfektion durch Stauungs- und Saugbehandlung und andere Methoden gemacht hat, und daß der Arzt heute diesen Krankheitsprozessen viel besser gerüstet gegenübersteht als noch vor einem Jahrzehnt, geschweige denn vor 30 Jahren.

Jede Wundinfektion aber bedarf der sachverständigen ärztlichen Behandlung, die freilich desto mehr Aussicht auf Erfolg hat, je eher sie einsetzt.

Besser noch, als der best behandelte Kranke trifft es derjenige, der die Infektion selbst vermeidet. Dazu kann in erster Linie wieder sachgemäße Behandlung jeder der Infektion ausgesetzten Wunde dienen. Keine Wunde aber ist in so hohem Grade der Infektionsgefahr preisgegeben, als die vergleichsweise gewaltig große Wundfläche, die durch die Geburt entsteht, und so ist denn auch die unendliche Mühe vollauf gerechtfertigt, die die Ärzte sich um den Schutz gerade dieser Wunde seit Jahrzehnten gegeben haben. Der Lohn aller dieser Mühe liegt in dem unbestreitbaren Erfolge, in der vergleichsweise großen Seltenheit schwerer Wochenbettfieber nach sorgfältig geleiteter Geburt.

Von analoger, vielleicht noch größerer Bedeutung für die Menschheit ist die Vermeidung der Streptokokkeninfektionen durch die moderne Chirurgie. Denn der gefährlichste Feind des Chirurgen ist eben der heimtückische Wundinfektionskeim, der Streptokokkus, der heute – dank den Methoden moderner Chirurgie – unendlich viel schwerer und seltener einmal in eine Wunde eindringt, die zu Zwecken der Heilung gesetzt ward, als früher.

2. Gonokokken und Gonorrhoe.

Eine in ihrer traurigen Bedeutung für die Menschheit früher bei weitem unterschätzte Infektionskrankheit stellt die in der wissenschaftlichen Medizin als Gonorrhoe bezeichnete Krankheit dar, die ganz wesentlich die Harnwege und die Schleimhäute der Generationsorgane befällt und deshalb auch zu den »venerischen« Krankheiten gerechnet wird. Es handelt sich in den Anfangsstadien um akut einsetzende eitrige Entzündungen dieser Schleimhäute, die aber namentlich bei unzureichender Behandlung in chronische Prozesse von außerordentlicher Langwierigkeit übergehen können. Die chronische Gonorrhoe des Mannes ist die Quelle unendlich vielen menschlichen Elends, vor allem als Ursache der Kinderlosigkeit (Sterilität) vieler Ehen: die gonorrhoische Erkrankung kann einerseits unmittelbar völlige Zeugungsunfähigkeit des Mannes und somit Sterilität der Ehe zur Folge haben, andererseits, wenn eine Eheschließung erfolgt, bevor der Mann völlig geheilt ist, langdauerndes Siechtum und entweder völlige Sterilität der Frau oder deren Sterilität nach dem ersten Wochenbett verursachen. Ganz besonders traurig war endlich noch, besonders in früherer Zeit, die außerordentlich häufige Übertragung des Krankheitsprozesses auf die Augenbindehaut schon während der Geburt des Kindes einer gonorrhoisch infizierten Frau. Schwere eitrige Augenentzündungen, die häufig zum Verluste des Augenlichtes führten, waren die häufige Folge dieser Übertragungsweise, der man erst seit wenigen Jahrzehnten systematisch dadurch vorbeugt, daß man ein Tröpfchen einer antiseptischen Silbersalzlösung in den Augenbindehautsack des Neugeborenen einträufelt. Die gonorrhoische Augenentzündung in den ersten Lebenstagen ist seit der Einführung dieser Maßnahmen durch Credé so gut wie ausgetilgt, und unendlich viel Elend ist dadurch der Menschheit erspart worden. Immerhin kommt auch heute noch, wenn auch viel seltener, gonorrhoische Infektion der Augenbindehaut zustande, gelegentlich auch durch unreinliches Verhalten bei gonorrhoisch erkrankten erwachsenen Individuen. Wenn man nun ferner noch erfährt, daß, freilich in seltenen Fällen, die gonorrhoische Infektion auch mit Gelenkrheumatismus und Herzklappenerkrankung einhergehen und so das Leben unmittelbar bedrohen kann, so wird man nicht mehr an dem großen Ernst der Krankheit zweifeln können.

Als Erreger der gonorrhoischen Krankheitsprozesse wurde im Jahre 1879 von Neißer ein durch seine eigentümliche Semmelform und durch seine Lagerung in bestimmten Körperzellen wohl charakterisierter Mikrokokkus entdeckt (vgl. Abb. 30), dessen Reinkultur, die anfänglich auf Schwierigkeiten stieß, wenige Jahre später Bumm gelang. Der Gonokokkus gehört zu den sehr anspruchsvollen Mikroorganismen: er geht durch Abkühlung und durch Eintrocknung außerhalb des Körpers außerordentlich rasch zugrunde und wird daher ausschließlich durch Übertragung von Mensch zu Mensch oder doch auf allerkürzesten Umwegen gefährlich.

Der Kampf gegen die Gonorrhoe hat daher in erster Linie die Vermeidung der Weiterverbreitung durch direkte Ansteckung ins Auge zu fassen und zu diesem Zweck vor allem in gründlicher und sachgemäßer Behandlung jedes erkrankten Individuums bis zu seiner völligen Heilung zu bestehen. Wichtig ist auch, daß jeder Kranke über die außerordentlich große Gefahr, die eine gonorrhoische Augenentzündung mit sich bringt, unterrichtet und deshalb zu besonderer Reinlichkeit ermahnt wird.

Die Behandlung des Erkrankten ist ausschließlich Sache des Arztes, dem heute eine ganze Anzahl von wirksamen Arzneimitteln für diesen speziellen Zweck zur Verfügung stehen, durch deren sachgemäße Anwendung in Verbindung mit einer geeigneten Diät die meisten Krankheitsfälle geheilt werden können.

Abb. 30
Abb. 30.
Gonokokken im Eiter bei akuter Gonorrhoe. Semmelförmige Doppelkokken im Körper von Eiterzellen (weißen Blutzellen).

Unbedingte Pflicht eines jeden, der einmal gonorrhoisch infiziert war, ist, daß er eine Ehe unter allen Umständen erst dann eingeht, wenn ärztlicherseits seine Heilung festgestellt und ihm daraufhin die Erlaubnis zum Heiraten gegeben worden ist.

3. Meningokokken und epidemische Genickstarre.

»Genickstarre« ist der volkstümliche Ausdruck für ein Krankheitsbild, dem eine entzündliche Erkrankung der Hirnhäute zugrunde liegt. Das namentlich für den Laien auffälligste Symptom einer solchen Erkrankung ist die Nackensteifigkeit, die sich schon gleich bei Beginn der Erkrankung zeigt und später bis zur Starre zu steigern pflegt. Hirnhautentzündungen können nun auf sehr verschiedene Weise zustande kommen und auch durch verschiedene bakterielle Krankheitserreger bedingt sein. Zum Beispiel kommt es nicht selten im Anschluß an Mittelohreiterungen zu einem Übergreifen der eitrigen Entzündung auf das Schädelinnere und die Hirnhäute, andererseits können eitrige Prozesse, die im Gehirn entstanden sind, auf die Hirnhäute übergreifen, endlich können bei penetrierenden Schädelwunden die Hirnhäute infiziert werden. Bei allen diesen entzündlichen Prozessen können die verschiedensten Bakterien als Entzündungs- und Eitererreger wirksam sein; in erster Linie kommen die Wundinfektionserreger, die Streptokokken und Staphylokokken in Betracht (s. u.).

Im engeren Sinne pflegt man als Genickstarre oder epidemische Genickstarre nur Krankheitsfälle zu bezeichnen, die durch einen besonderen, wohl charakterisierten Krankheitserreger verursacht werden, den sogenannten Meningokokkus, der zu den Hirnhäuten vom Nasenrachenraum aus auf dem Wege der Lymphbahn vordringt. Der Meningokokkus, der von Weichselbaum entdeckt wurde, ist ein dem Gonokokkus (s. o.) ziemlich ähnlicher Diplokokkus, der sich in dem eitrigen Exsudat in den Maschen der Hirnhäute, meist vorwiegend im Innern von Leukocyten vorfindet, von denen er aufgenommen wird (s. über Phagocytose oben im Kap. II).

Die Genickstarre tritt besonders oft epidemieartig, ja ausgesprochen epidemisch auf und befällt besonders jugendliche Individuen, Schulkinder, Soldaten. Die verschiedenen Epidemien sind in verschiedenem Grade bösartig und mit Recht sehr gefürchtet.

Die Übertragung der Keime vom Kranken auf den Gesunden erfolgt nach dem heutigen Stande unserer Kenntnisse wohl wesentlich durch den meningokokkenhaltigen Speichel. Zu ihrer Vermeidung sind also alle die Maßnahmen notwendig, die eine Verbreitung des ansteckenden Speichels hintanhalten, vor allem möglichste Isolierung aller Erkrankten und Desinfektion ihres Auswurfs und ihrer Wäsche.

In den letzten Jahren hat man günstige Erfolge bei der Behandlung der Genickstarre mit einem Heilserum (Meningokokkenserum) erzielt.

4. Pneumokokken und die Lungenentzündung.

Lungenentzündungen können sich im Verlaufe der verschiedensten Infektionen beim Menschen entwickeln. Wir erinnern uns beispielsweise der Lungenentzündung im Verlaufe der Pesterkrankung oder derjenigen bei Influenza. Die Erkrankungen sind nach Ausdehnung und nach Verlauf recht verschieden, und es ist hier ganz unmöglich, sie im einzelnen näher zu besprechen. Im engeren Sinne versteht man unter einer Lungenentzündung oder »Pneumonie« aber in unserem Klima speziell eine durch ganz bestimmte Krankheitserscheinungen und einen sehr charakteristischen Verlauf ausgezeichnete akute Infektionskrankheit.

Die Krankheit beginnt meist ganz plötzlich, ohne daß irgendwelche leichteren Krankheitserscheinungen vorangegangen wären, mit einem Schüttelfrost, an den sich ein hohes Ansteigen der Temperatur anschließt, während gleichzeitig auch den kräftigsten Erkrankten das Gefühl schweren Krankseins erfaßt. Bald stellen sich dann sehr starke Schmerzen beim Atmen, gewöhnlich vorwiegend auf einer Seite der Brust ein, allmählich kommt etwas Hustenreiz hinzu, der zunächst spärliche, später reichlichere Auswurf ist rötlichbräunlich infolge von Blutbeimengungen. Mehrere Tage halten die schweren Krankheitserscheinungen an, das Fieber ist hoch, oft tritt auch Benommenheit hinzu. Das ganze Bild ist ein sehr ernstes. Gewöhnlich am 7. Tage kommt es dann zur »Krisis«. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle tritt ein rascher Abfall der Temperatur zur Norm ein, und gleichzeitig beginnt das Allgemeinbefinden sich wesentlich zu heben: die Gefahr ist überwunden. In nicht ganz seltenen Fällen bleibt aber dieser günstige Umschlag aus, und namentlich durch Alter oder durch Alkoholismus oder Herzkrankheiten geschwächte Individuen, zuweilen aber auch kräftige junge Menschen können der Krankheit zum Opfer fallen.

Abb. 31
Abb. 31.
Abstrich vom Auswurf bei Lungenentzündung. E = Eiterzellen, P = Pneumokokken (mit deutlichen »Kapseln«).

Als Ursache dieser häufigen und unter allen Umständen ernsten Erkrankung wurde von A. Fränkel im Jahre 1886 ein Mikrokokkus entdeckt, der gewöhnlich als Pneumokokkus oder Diplokokkus pneumoniae bezeichnet wird. In Abstrichen vom Auswurf eines Pneumonikers findet man reichliche, in der Regel zu zweien angeordnete Kugelbakterien, die meist eine sehr deutliche Kapsel besitzen und gewöhnlich ein wenig längsoval gestaltet sind (vgl. Abb. 31). In Kulturen auf den gewöhnlichen Nährböden besitzen sie diese Kapsel nicht.

Diese Pneumokokken finden sich nicht selten auch bei anderen infektiösen Krankheitsprozessen beim Menschen, verhältnismäßig häufig z. B. bei gewissen entzündlichen Ohrenerkrankungen, vor allem aber auch bei sehr verschiedenen leichteren und schwereren Erkrankungen der Atmungsorgane; eine Pneumokokkenerkrankung stellen auch gewisse geschwürige Prozesse der Hornhaut des menschlichen Auges dar. Sie finden sich endlich aber auch, wenn auch in spärlicher Zahl, nahezu regelmäßig im Speichel gesunder Menschen. Da die Pneumokokken für manche Versuchstiere, besonders für Mäuse, außerordentlich große Virulenz besitzen, so kann man häufig eine Maus dadurch tödlich infizieren, daß man ihr eine ganz kleine Menge menschlichen Mundspeichels unter die Haut bringt. Enthält das Speicheltröpfchen Pneumokokken, was annähernd in 70 % aller Fälle zutreffen soll, so entwickelt sich alsbald eine meist sehr rasch zum Tode führende Pneumokokkensepsis d. h. eine Überschwemmung der ganzen Blutbahn mit den Mikroorganismen.

Versuche, ein Heilserum gegen Pneumokokkeninfektionen des Menschen, ganz besonders auch gegen Augenerkrankungen herzustellen, sind in großem Umfange und mit vielversprechenden anfänglichen Erfolgen unternommen worden. Die Wirksamkeit der betreffenden Sera ist aber noch nicht völlig unbestritten, soweit wenigstens ihr Heilerfolg beim Menschen in Frage kommt. Dagegen ist unzweifelhaft sichergestellt, daß das gebräuchlichste der in Frage kommenden Heilsera bei empfänglichen Tieren, insbesondere bei Mäusen, eine ausgesprochene schützende und heilende Wirkung besitzt. Es steht zu hoffen, daß auch beim Menschen, insbesondere bei der croupösen Pneumonie in Zukunft noch günstigere Ergebnisse mit einer Serumtherapie erreicht werden.