Fig. 7. Der langausgezogene schmale Brustkorb eines Schwindsüchtigen mit den tiefen Nischen der Ober- und Unterschlüsselbeingrube und den eingezogenen Zwischenrippenräumen (schematisch.)
Daraus folgt die gesundheitliche Ueberlegenheit des militärischen und turnerischen Training durch Dauer- und Schnelligkeitsübungen, wie Marschieren, Laufen, Schwimmen gegenüber den forcierten Kraftübungen der Berufsathleten.
Der Training zeigt seine gesundheitliche Wirkung aber nicht nur auf die direkt tätigen, sondern auch auf die übrigen Organe.
Von immenser Bedeutung ist die Beeinflussung des Blut- und Lymphgefäßsystems durch das Training.
Das Herz zieht sich bekanntlich in einer Minute 72mal zusammen und leistet damit eine Arbeit von 521⁄2 kgm. Beim ruhigen Gehen steigt die Pulszahl auf 80, die Arbeitsleistung wird damit erhöht auf 58,3 kgm.
Beim schnellen Gehen ist die Pulszahl 100, was einer Arbeitsleistung von ca. 73 kgm entspricht. Bei größten Muskelanstrengungen steigt die Pulszahl auf 200 bis 240, beim angestrengten Radfahren auf 150-200-250; ähnlich liegen die Verhältnisse beim Rudern.
Mit Aufhören der Muskeltätigkeit kehrt die Herztätigkeit noch nicht zur Norm zurück; das Herz wird also länger angestrengt, und dieses Verhalten des Herzens ist um so deutlicher, je länger die Muskeltätigkeit dauert. Die Beschleunigung der Herztätigkeit ist noch 5-15 Minuten nach getaner Arbeit deutlich, ja sie wurde von Mosso noch 2 Stunden nach einem Bergaufstieg nachgewiesen. Dabei bleibt bei einem gesunden Menschen die Herzarbeit eine regelmäßige. Nur das kranke Herz beginnt seine Tätigkeit auszusetzen. Läßt man das erregte Herz zur Ruhe kommen und nach der Erholung weitere Uebungen anstellen, so wird die gleiche Pulsbeschleunigung wie beim ersten Arbeitspensum erreicht, jedoch dauert die Nacherregung bedeutend länger. Doch nicht nur die Zahl der Pulsschläge, sondern auch der Blutdruck wird beeinflußt, und zwar steigert jede Muskeltätigkeit den Blutdruck, diese Steigerung wird unterbrochen von geringen Blutdrucksenkungen, dauert im wesentlichen nur während der Arbeitszeit, hängt im wesentlichen von dem Tempo der Arbeit, von der Größe der Arbeit im Verhältnis zur Leistungsfähigkeit der arbeitenden Muskelmotoren, und von derem Trainiertsein ab. Das Herz wird durch Muskelübungen in den Stand gesetzt, sich energischer und kraftvoller zusammenzuziehen. Die Blutdruckschwankungen nach der Arbeit sind stets wesentlich geringer als während der Arbeit. Die Herzarbeit ist also in sehr hohem Maße von Muskeltätigkeit abhängig.
Aehnlich wie Muskelarbeit wirkt auch Trinken. Durch Trinken wird nämlich die Blutmenge größer, damit steigt der Blutdruck, der zwar bald durch ein vermehrte Harnlassen und Schwitzen ausgeglichen wird, aber doch vorübergehend die Herzarbeit vermehrt. Der Einfluß des Trinkens ist jedoch weniger groß, als der der Muskelarbeit, weil das Blutgefäßsystem sich der stärkeren Füllung durch Erweiterung und Verengerung anpaßt. Am meisten wird Pulsfrequenz und Blutdruck durch beide Momente gleichzeitig gesteigert. Daraus ergibt sich die praktische Regel, daß Trinken während der Leibesübung unterbleiben muß. Der Einfluß eines vernünftigen Training auf das Herz geht aus der Tatsache hervor, daß unter Beobachtung gewisser Regeln bei einem bestimmten Maß täglicher Uebung in der Ruhezeit die Pulszahl unter die Norm fällt, also im Ganzen ruhiger, aber dabei energischer arbeiten lernt. Wichtig wird die Blutverteilung im Körper für die Auswahl der Zeit des Training.
Chauveau und Kaufmann wiesen nach, daß der Stoffverbrauch im maximal arbeitenden Muskel 20mal und die durchströmende Blutmenge 7-10mal größer ist als in der Ruhe. Dieser Vorgang ist nur dadurch möglich, daß die kleinsten Zweige der Schlagadern sich erweitern. Und zwar geschieht die Erweiterung unter dem Einfluß der Gefäßnerven, denen die Antriebe zur Erweiterung gleichzeitig und beigeordnet mit den Bewegungsantrieben für die Muskeln vom Zentrum aus zugehen und zweitens durch Reflexwirkung, indem durch die Muskeltätigkeit eine örtliche Dyspnoe (Atemnot) und damit eine Aufspeicherung von Stoffwechselprodukten erzeugt wird. Die örtliche Erweiterung der Blutgefäße in den tätigen Muskeln wird aber durch eine Verengerung in anderen Gefäßgebieten abgeglichen, da ja die Blutmenge im wesentlichen die gleiche (4-5 Liter) bleibt. In erster Linie nehmen an der Verengerung die großen Bauchgefäße teil, welche für gewöhnlich große Blutmengen beherbergen. „Die Bauchgefäße stellen eine seenartige Erweiterung des Strombettes dar, dessen Blutvorrat durch Kontraktion jederzeit disponibel wird,” sagt Zuntz. Aus diesem Blutsee schöpfen die Blutgefäße der Muskeln durch Vermittlung des rechten Herzens, wenn sie durch höchste Arbeit sich und damit die ganze Muskelbahn erweitern. Eine Verblutung in die Muskelgefäße, wie man sie gelegentlich annahm, kann deshalb, solang dieser Blutsee vorhanden ist, nicht statthaben. Während der Verdauung ist dieses Gefäßreservoir stark angefüllt, Muskel und Gehirn dagegen relativ blutleer; daher bestehen in der Verdauungszeit Muskelmüdigkeit und Unlust zu geistiger Tätigkeit. Wird trotzdem in der Verdauungszeit stärkere Muskelarbeit geleistet, so wird naturgemäß die Verdauung verzögert, deshalb sind Muskelübungen während der Verdauung unzuträglich.
Wie das Herz wird auch das übrige Gefäßsystem durch Muskelarbeit beeinflußt.
Die Arterienwände sind normaler Weise elastisch und können dadurch Blutverteilung und Blutdruck regulieren. Büßen sie aus irgend einem Grunde ihre Elastizität mehr oder weniger ein, wie dies bei alten Leuten oder bei Arteriosklerotikern (Arteriosklerotiker ist derjenige Mensch, dessen Gefäßwände mehr oder weniger verkalkt, deshalb starr und unelastisch sind) der Fall ist, so verlieren sie auch ihre Regulationsfähigkeit, sie können sich demnach auch nur ungenügend dem durch Leibesübungen gesteigerten Drucke anpassen. Deshalb sind für Leute mit starrem Arterienrohr die Leibesübungen gefährlich, denselben sind Leibesübungen zu verbieten oder wenigstens erst sorgfältig vorzubereiten.
Die Blutbewegung und der Blutdruck in den Harngefäßen hängen von der Herzkraft, von der Weite und Regulationsfähigkeit der Schlag- und Blutadern (Arterien und Venen) ab. Ist der venöse Abfluß behindert, so tritt eine Stauung in den Organen ein.
Wir wissen nun aber, daß jede Einatmung (Inspiration) das Venenblut ansaugt, also auf den Blutumlauf begünstigend wirkt. Muskeltätigkeit vertieft erfahrungsgemäß die Atmung, ist also schon aus diesem Grunde ein Förderungsmittel beschleunigten Blutumlaufs, andrerseits dehnt und erschlafft der arbeitende Muskel die oberflächlichen Venengefäße. Dehnt man aber einen elastischen Schlauch, so kann derselbe mehr Luft oder Flüssigkeit aufnehmen als zuvor. Er ist dann wie eine Pumpe, bei welcher man den Kolben herausgezogen hat, und der nun die Flüssigkeit aussaugt. So saugen die Venen die Blutflüssigkeit an und pressen sie dann wieder aus. Diese doppelte Vorwärtsbewegung der Blutsäule durch Ansaugen und Auspressen geschieht in der Richtung zum Herzen, denn ein Rückfluß des Blutes wird durch die Taschenventile der Venen verhindert. Bei oberflächlicher Atmung und fehlender venöser Regulationstätigkeit durch Muskelarbeit sahen wir daher Störungen im Organismus wie Stauungen im Pfortadersystem, Krampfadern, Haemorrhoiden etc. entstehen. Es ist bei der Entstehung genannter Leiden noch die Eigenschwere des Blutes zu würdigen, welche durch Herz und Muskeltätigkeit überwunden werden muß, um das Blut zum Herzen hinauf zu heben. Außer den genannten Hilfskräften der Zirkulation, dem Tiefatmen und der Muskelbewegung kommt noch diejenige Muskeltätigkeit in Frage, welche die großen Muskelbinden spannt und entspannt. Letztere wirken nach Braune als Druck- und Saugapparat auf die in der Tiefe liegenden Venen. So die große Halsfaszie und das Poupart’sche Schenkelband. Wird z. B. letzteres durch starke Außendrehung und Ueberstreckung des Beines nach hinten stark gespannt, darauf durch Innendrehung und Beugung entspannt, so werden die daruntergelegenen großen Blutadern gepreßt, darauf stark erweitert, weil ja die Faszie (Muskelbinde) mit der Gefäßwand verklebt ist.
Bewegungen, welche erfahrungsgemäß speziell den Blutumlauf befördern, sind: 1. die Tiefatmungen, 2. die Rumpfübungen, 3. die sogenannten Zirkulationsübungen der Schweden, d. h. derjenigen Uebungen, welche den zu übenden Körperteil durch Drehung um die eigene Axe auswinden, wie man ein nasses Tuch durch Drehung trocken windet. (Siehe Uebungstafel).
Vergleicht man die Arbeitskraft des Herzmuskels mit der Kraft anderer Muskeln, so findet man nach Schmidt, daß das Herz in einer Stunde etwa ebensoviel leistet, wie die Beinmuskulatur, wenn sie während einer Stunde den Körper auf eine Höhe von 500 Metern trägt. Eine gleiche Leistungsgröße haben auch andere Muskeln des Körpers. Ein kräftiger Bergsteiger kann nun diese Leistung im günstigsten Falle während 8 Stunden fortsetzen, dann versagen die Kräfte, das Herz aber arbeitet ruhig, während der 24 Stunden des Tages weiter. Das Herz leistet also das 3fache im Verhältnisse zur Muskelsubstanz, was die Muskeln bei höchster Arbeit leisten können, sogar im gewohnten Zustande der Ruhe. Bei ausgiebiger Muskelbewegung leistet das Herz jedoch das 6-8fache der Ruhearbeit.”
„Das Herz kann also im Verhältnis zu seinem Gewicht (1⁄3 kgm) das 4-5fache an Arbeit leisten als die übrige Körpermuskulatur.”
Worin ist nun diese hohe Arbeitsfähigkeit des Herzens begründet?
1. Der Herzmuskel hat bessere Blutzirkulationsverhältnisse als die übrigen Muskeln; Blutzufuhr und Abfuhr sind besser, daher kann er die sogenannten Ermüdungsstoffe leichter fortschwemmen.
2. Die Herzarbeit ist nicht dem Willen unterworfen, sondern wird automatisch und rhytmisch geleistet. Und alle automatisch arbeitenden Muskeln und Nervenzentren haben eine ganz minimale Ermüdung, wie wir dies auch beim Atmungsorgan beobachten können. Der Herzmuskel ist der besttrainierte Muskel, er arbeitet zeitlebens ohne zu ermüden.
Ein dauernd tätiger Muskel wie der Herzmuskel wird selbstverständlich auch wesentlich mehr Nahrung als ein nur zeitweilig arbeitender verbrauchen. Das haben auch die Berechnungen von Zuntz ergeben, welcher fand, daß bei Muskelarbeit durchschnittlich 15% des gesamten Stoffumsatzes nur für Unterhaltung der Herz- und Atemtätigkeit verwendet wird. Aber nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ muß die Nahrung für den Herzmuskel die beste sein, um eine dauernde Tätigkeit leisten zu können.
Und zwar braucht der Herzmuskel mehr noch als jeder Muskel reichliche Sauerstoffnahrung, denn er muß den arbeitenden Muskeln mehr Sauerstoff zuführen und muß größere Arbeit liefern, um die Endprodukte der erhöhten Verbrennungsprozesse zur Ausscheidung bringen zu helfen. Die Eliminationstätigkeit unterstützen die Lungen wesentlich, denn sie besorgen die Kohlensäureentladung und Entwässerung des Blutes in hervorragendem Maße. Nun fand Zuntz bei einem Versuche am Pferde, daß der Sauerstoffverbrauch bei mäßiger Muskeltätigkeit 6mal so groß war, wie bei Muskelruhe. Andrerseits gilt als feststehend, daß in der Ruhe nur etwa die Hälfte des Sauerstoffs verbraucht wird. Daraus folgt, daß mäßige Arbeit allein durch bessere Ausnutzung des Blutsauerstoffes geleistet werden kann, ohne daß der Herzmuskel mehr zu arbeiten braucht. Erst nachdem durch vermehrte Muskeltätigkeit die zweite Hälfte des Sauerstoffvorrats verbraucht ist, wird eine größere Herzarbeit nötig und zwar „nahezu proportional dem Sauerstoffverbrauch”, der nach Zuntz um das 15-18fache steigen kann.
Diese Mehrarbeit leistet der Herzmuskel durch Vermehrung der Zahl der Zusammenziehungen und durch Vergrößerung des Schlagvolumens.
Da nun aber die roten Blutkörperchen die Sauerstoff-Flotte vorstellen, d. h. der Sauerstoff an die roten Blutkörperchen gebunden ist, so wird das Herz um so weniger zu leisten haben, also geschont, wenn die Sauerstoff-Flotte recht groß ist. Das an roten Blutkörperchen arme, also auch sauerstoffarme Blut Bleichsüchtiger, wird daher vorzeitig bei starken Muskelanstrengungen Herzermüdung hervorrufen. Ferner ist klar, daß bei einem dünnen wasserreichen Blut wenig rote Blutkörperchen, also auch verhältnismäßig wenig Sauerstoff, zum Herzen gelangt.
Ein gesundheitliches Training muß maximale Leistungen unter Schonung der Herzkraft anstreben.
Es muß also Blut und Gewebe spezifisch schwer zu machen suchen; dies wird erreicht durch Genuß einer nicht zu eiweißhaltigen, aber nährsalzreichen, dabei wasserarmen und reizlosen Nahrung unter gleichzeitiger Trockenlegung der Gewebe durch Schwitzen, Abdampfen und Harnlassen, ohne dabei zu übertreiben, denn eine Wasserverarmung des Blutes kann durch maximale Arbeit, bei zu großer Hitze zum Hitzschlag führen. Will man den Herzmuskel durch Leibesübung zu Höchstleistungen erziehen, so muß man die Uebungsarbeit jedesmal so bemessen, daß der Herzmuskel das allmählich und systematisch aber stetig größer werdende Arbeitspensum ohne Ermüdung leisten kann. Denn bei starker Beschleunigung der Herztätigkeit kontrahieren sich die Herzkammern bereits, bevor ihre Füllung erreicht ist, daher kann auch nicht alles Blut in die Arterien eingetrieben werden, was sich an dem kleinen, schwachen und beschleunigten Puls deutlich zeigt. Es kommt zur Rückstauungskongestion im Lungenkreislauf, zur Lungenschwellung und Lungenstarrheit, und zur Behinderung des Atems. Der Blutüberfüllung im Lungenkreislauf aber entspricht eine Blutarmut im Körperkreislauf. Dadurch entsteht eine ungenügende Speisung aller Organe mit sauerstoffreichem, arteriellem Blut insbesondere des Herzens, welches am meisten zu leisten hat. Dasselbe versagt zuerst, Herz- und Pulsschlag werden unregelmäßig, das Herz hat eine akute Funktionsstörung (Insufficienz) erlitten, welche sich meist nach Aufhören der Anstrengung schnell zurückbildet. Jedoch kann sich aus der akuten Insufficienz eine Herzerweiterung (Dilatation) entwickeln, indem die Herzmuskeln dem gesteigerten Blutdruck nicht genügend Widerstand leisten können, sie werden gedehnt. Derartige vorübergehende Ermüdungszustände des Herzens betreffen mit Vorliebe die linke Herzkammer und finden sich bei jeder Schnelligkeitsübung, wie Schnellauf, schnellem Radfahren, Schnellrudern, Schnellschwimmen etc. Sie können sich durch Herzstillstand bis zum Tod steigern. Ich erinnere an das „klassische Beispiel des Siegesläufers von Marathon, der die Siegesnachricht überbringt und dann tot auf dem Markte in Athen zusammenbricht.”
Jede Schnelligkeitsbewegung kann nun aber so eingerichtet werden, daß Herz- und Lungentätigkeit mäßig ansteigen ohne jene Erschöpfungssymptome zu zeigen und dauernd auf dieser mäßigen Höhe erhalten werden, d. h. man macht die Schnelligkeitsübung zur Dauerübung. Ihre Grenze liegt in der Allgemeinermüdung, sie umfaßt also die Muskel- und Nervenermüdung der Kraftübungen und die Herz- und Lungenermüdung der Schnelligkeitsübungen. Die Ermüdungsstoffe sind im Blute übermäßig angehäuft.
Gebraucht man jedoch die Schnelligkeits- und Dauerübungen vernünftig, d. h. steigert man sie nicht bis zur Atemlosigkeit und bis zum Herzklopfen, so können sie die Leistungsfähigkeit des Herzens stetig steigern und das normale Wachstum des kindlichen Herzens in einziger Art fördern. Unterbleibt die rechtzeitige Uebung des Herzens in der Jugend, so ist ein mangelhaft entwickeltes, ein blutarmes, blasses und unterernährtes Herz die Folge, welches wahrscheinlich eine der Ursachen späterer Schwindsucht ist.
Ich erinnere auch an den Wert von Dauer- und Schnelligkeitsübungen in dem Entfettungstraining beim fettumwachsenen Herzen und bei allgemeiner Fettleibigkeit.
Anders wirken die kurzdauernden Kraftübungen auf das Herz. Hier ist es die sogenannte Pressung oder Anstrengung, welche gefährlich werden kann. Wollen wir mit der Extremitätenmuskulatur eine Kraftleistung vollbringen, so müssen wir den Rumpf zum Stützpunkt der Extremitäten nehmen, d. h. ihn starr machen. Dies tun wir, wenn wir bei tiefer Inspiration die Brustmuskeln zusammenziehen; dadurch pressen wir den Inhalt des Brustkorbes und der Bauchhöhle fest zusammen, entleeren das Blut der Herzkammern schnell, während wir gleichzeitig den Abfluß des venösen Blutes in die Vorhöfe verhindern. Die übermäßige Füllung des Venensystems und die Blutleere des mehr arbeitenden Herzens hören erst auf, wenn die in den Lungen zusammen gepreßte Luft entweicht, der Rumpf seine Starrheit verliert, die Kraftleistung zu Ende ist, und macht einem plötzlichen vehementen Einschießen des venösen Blutes in das geschwächte rechte Herz Platz. Eine vorübergehende Erweiterung des rechten Herzens ist die Folge und kann zu einer mehrtägigen Reizbarkeit führen, die wahrscheinlich durch eine Beleidigung des nervösen Apparates bedingt ist. Abgesehen von dieser Reizbarkeit, die auch eine dauernde bleiben kann, treten als Schädigung der Kraftübungen höhere Grade von Erweiterung des rechten Herzens, Klappenfehler, ja rascher Tod ein. In welcher Weise wir unsere Bewegungen in Rücksicht auf Zentralnervensystem, auf die nervösen Zentren des Herzens und des Gefäßsystems einzurichten haben, werden wir weiter unten sehen. (Weiteres s. auch Eichhorst, Hygiene des Herzens).
Der fehlerhaft Uebende preßt nun häufig schon bei Uebungen, die einen maximalen Kraftaufwand noch gar nicht erfordern. Da sich die Pressung durch den Willen unterdrücken läßt, so ist es Pflicht des Gymnastiklehrers auf die Atemführung bei Kraft- — besonders auch bei Gerätübungen zu achten.
Leichtere Kraftübungen können erst bei längerer Dauer Schädigung hervorrufen, schwere Kraftübungen jedoch, bei denen der Anstrengungsvorgang notwendig ist, führen, wenn sie häufig betrieben werden, zur dauernden Beeinträchtigung des Herzens, der Herzmuskel entartet (degeneriert) und wird schwach.
Schaltet man daher die Pressung bei Kraftübungen aus, unterläßt man bei Dauerübungen plötzliche Steigerungen zu Kraftleistungen und macht die Dauerübung nicht zu abnormen Schnelligkeits- und umgekehrt die Schnelligkeitsübung nicht zur maximalen Dauerübung, so kann man systematisch und vernünftig vorgehend den Herzmuskel vorzüglich trainieren, d. h. den Eintritt seiner Ermüdung weit hinausschieben und eine physiologische Zunahme der Muskelsubstanz erreichen.
Nach Leitenstorfer ist „eine mäßige Herzhypertrophie (Herzvergrößerung), solange sie der Gesamtmuskulatur entspricht, kein krankhafter Zustand, kein Herzfehler, sondern ein auf naturgemäßem Wege errungener Gewinn.”
Nicht minder groß sind die Wirkungen der Leibesübungen auf die Atmung.
Dieselbe geht bekanntlich in den Lungen vor sich und zwar in der Weise, daß durch den Muskelzug der Rippenheber und Zwischenrippenmuskeln die Rippen gehoben werden, dadurch der Brustraum von vorn nach hinten und von rechts nach links hin erweitert wird; durch die Tätigkeit des Zwerchfells wird die Höhe des Brustraums vergrößert. Die Lungen, welche den Brustwänden dicht anliegen, müssen dem erweiternden Zuge der Brustwände folgen, dadurch wird Luft hineingesogen, und die Lungen werden erweitert. Erschlaffen die Einatmungsmuskeln, so wirken die Elastizität und Schwere des Brustkorbes auf die Elastizität der Lungen, drücken die Lungen damit zusammen und bringen die in denselben befindliche Luft zum Entweichen.
Diese Atmungsmechanik können wir durch unseren Willen verflachen oder vertiefen, verlangsamen oder beschleunigen, jedoch nur innerhalb gewisser Grenzen. Gewöhnlich vollzieht sich der Atmungsprozeß unwillkürlich wie die Herzarbeit und reguliert sich automatisch nach dem Atmungsbedürfnis des Körpers.
Bei der gewöhnlichen ruhigen Atmung erneuern wir nun bloß etwa 2⁄6 bis 1⁄7 derjenigen Luftmenge, die wir bei tiefster Ein- und Ausatmung umsetzen können, nämlich nur 500 ccm = 1⁄2 Liter.
Wir machen bei ruhiger Atmung etwa 15 Atemzüge, setzen also 71⁄2 Liter Luft um, bei tiefster Ein- und Ausatmung ist der Umsatz 7mal so groß, also 521⁄2 Liter. Wird nun aber, wie dies ja bei Leibesübungen stets der Fall ist, die Zahl der Atemzüge vermehrt, sagen wir bis auf 45 in der Minute, so erhalten wir einen Luftumsatz in den Lungen von 3 × 521⁄2 = 1571⁄2 Liter. Dieser Luftumsatz in den Lungen besteht nun darin, daß das Lungenblut Sauerstoff aus der Luft aufnimmt; die Lunge ist also ein Magen, bestimmt zur Aufnahme der wichtigsten Lebensnahrung, des Sauerstoffs.
Ferner erweist sich die Lunge als ein wichtiges Ausscheidungsorgan, denn sie gibt an die Atmosphäre Kohlensäure und Wasserdampf ab. Vermöge ihrer Fähigkeit, das Verbrennungsgas der Kohlensäure abzugeben, wird die Lunge eines der wichtigsten Organe zur Entgiftung des Körpers, denn die Kohlensäure ist ja einer der Ermüdungs- und Schlackenstoffe, der den Körper in kurzer Zeit vergiftet.
Durch ihre Fähigkeit Wasserdampf zu verdunsten aber kann die Lunge die Körpergewebe trocken legen, eine Eigenschaft, die von immenser Bedeutung ist, wenn man bedenkt, daß damit der größte Bestandteil des Körpers, das Körperwasser, welches ca. 65% des Körpergewichts ausmacht, wesentlich angegriffen, reduziert werden kann.
Die Lunge ist demnach ein bedeutender Drainageapparat des Körpers.
Bedenkt man weiter, daß die Ausatmungsluft wärmer ist als die Einatmungsluft, daß Körperwasser nur durch Erhöhung der Temperatur verdampfen kann, daß also durch den Verdampfungsprozeß jedesmal eine bestimmte Wärmemenge des Körpers verbraucht wird, so ist deutlich, welchen Wert die Lungentätigkeit als Abkühlungsapparat des Körpers hat.
Nun denke man sich, daß die Lungenmaschine als Herz-Kreislauf-Regulierapparat, als Sauerstoffmagen, als Entgiftungsvorrichtung, als Drainageapparat und schließlich als Kühlvorrichtung durch Leibesübung statt ihrer gewohnten Arbeit von 71⁄2 Liter Luftumsatz in der Minute 1571⁄2 Liter stofflich umsetzt, dann kann man sich ein ungefähres Bild von dem kolossalen Einfluß eines vernünftigen Lungentrainings auf den Körper machen, und wird umsomehr einsehen, daß dieser Einfluß durch ein vernünftiges Vorgehen reguliert werden muß.
Weiter mache ich aufmerksam auf die Wirkung einer ausgiebigen Tiefatmung.
Da die Lungen durch den Luftkanal des Nasenrachenraums und der Luftröhre mit der Außenluft in Verbindung stehen, so ist der Druck der Binnenluft der Lungen, gleich dem Atmosphärendruck, also = 760 mm Hg (Hg = Quecksilber, als Abkürzung des lateinischen Wortes Hydrargyrum). Wird während der Einatmung der Brustraum durch Muskelarbeit weiter, so muß die elastische Spannungskraft und die Schwere des Brustkorbes überwunden werden. Je größer diese Widerstände sind, d. h. je tiefer eingeatmet wird, desto mehr Arbeit wird geleistet, denn die elastische Kraft, die bei der Einatmung zu überwinden ist, wächst durch tiefste Inspiration von 7 auf 9-30 mm Hg. Es wird durch Tiefatmung also eine immense Kraft aufgespeichert, welche bei der Ausatmung zur Geltung kommt, indem sie bei Erschlaffung der Einatmungsmuskeln die Lungen zurückzieht.
Je weiter die Lungenbläschen geöffnet werden, um so geringer, und je enger diese Lufträume werden, desto größer wird der Druck sein, den die Binnenluft ausübt. Die Lungen ziehen nun entsprechend dieser ihrer elastischen Kraft an den Brustwandungen und an den im Brustraum gelegenen Hohlorganen. Diese Kraft nennt man Saug- oder Aspirationskraft der Lungen. Der Gesamtinhalt des Brustraumes, d. i. Rippen- und Mittelraum mit Herz- und großen Gefäßen steht demnach, abgesehen von den Lungen selbst, unter einem Druck, welcher gleich ist dem Atmosphärendruck vermindert um denjenigen Druck, welcher der Saugkraft der Lungen entspricht; derselbe ist als der Binnenbrustdruck bezeichnet worden. Derselbe wird also normaler Weise von der Saugkraft resp. von den elastischen Kräften der Lunge reguliert. Je stärker dieselbe zur Geltung kommt, wie bei tiefster Inspiration, desto geringer ist der Binnenbrustdruck.
Bei ruhiger Atmung ist der elastische Zug der Lungen bei Atmungsstellung 9 mm Hg., demnach der Binnenbrustdruck = 760 - 9 = 751 mm Hg.
Bei ruhiger Ausatmung ist der elastische Zug = 7 mm Hg., der Binnenbrustdruck = 760 - 7 = 753 mm Hg.
Bei ruhiger Atmung ist daher der auf die im Brustraum gelegenen Gefäße lastende Druck kleiner, als der auf die außerhalb desselben gelegenen einwirkende. Nach Munk muß daher eine Aufsaugung des Blutes aus den außerhalb des Brustraumes gelegenen Blutgefäßen stattfinden und damit die Blutbewegung beschleunigt werden. Und diese Blutstrombeschleunigung muß um so größer sein, je geringer der Binnenbrustdruck, d. h. je tiefer die Atmung ist.
Die Beschleunigung des Blutstroms macht sich zunächst im Pfortaderkreislauf bemerkbar. Aus den kleinsten Auflösungen der Schlagadern, den sogenannten Haargefäßen (Kapillaren) des Magens, der Milz und des Darmrohrs gehen Blutadern (Venen) hervor und sammeln sich zum sogenannten Pfortaderstamm, der in der Leber von neuem ein Kapillarsystem bildet, aus welchem die Lebervenen entstehen, die in die untere Hohlvene einmünden. Letztere führt das verbrauchte Blut dem Herzen zur Regeneration zu. Durch die kapillare Strombettbildung in der Leber ist die Blutbewegung daselbst eine verlangsamte und erst durch die geschilderte Saugkraft wird sie wieder beschleunigt. Dazu kommt die unterstützende aktive Kraft der Bauchpresse bei der Tiefatmung, d. i. der Herabstieg des wichtigsten Atmungsmuskels, des Zwerchfells, welches Brust- und Bauchhöhle voneinander scheidet und die Bauchmuskeltätigkeit, welche beide zusammengenommen von oben und von vorn ebenso wie den gesamten Bauchinhalt auch die Leber zusammenpressen.
Die Tiefatmung wird also zu einem willkürlich zu gebrauchenden Massageapparat der Leber, der Därme, der Nieren und aller übrigen Baucheingeweide.
Die Beförderung der Verdauung, der Harnabsonderung, des Stoffwechsels etc. sind unmittelbare und notwendige Folgen.
Derselben Einwirkung aber unterliegt auch der Brustgang des Lymphgefäßsystems (ductus thoracicus), so daß der Lymphstrom vom Darm und den Extremitäten her beschleunigt wird.
In gleicher Weise sucht der negative intrathoracische Druck die Wandungen der Herzhöhlen voneinander zu entfernen; er fördert also die Füllung derselben während ihrer Erschlaffung (diastolische Füllung). Im Röntgenbilde kann man bei starker Herabsetzung des Binnenraumbrustdruckes die Vergrößerung des Herzens beobachten.
Ferner begünstigt die Saugkraft der Lungen auch den kleinen oder Lungen-Kreislauf. In der lufthaltigen Lunge sind die Blutgefäße weiter als in der luftleeren, und wird nun bei der Einatmung der Binnenbrustdruck stärker negativ, so äußert er seinen gefäßerweiternden Einfluß mehr auf die dünnwandigen Venen als auf die starren Arterien. Auf diese Weise erfährt der Lungenkreislauf eine inspiratorische Beschleunigung; dadurch wird während der Inspiration der linken Herzkammer mehr sauerstoffreiches Blut zugeführt als bei der Expiration und der Herzmuskel selbst besser ernährt.
Durch die Tiefatmung aber werden alle genannten Wirkungen stärker als bei ruhiger Atmung und durch systematische vernünftige Atemgymnastik resp. Leibeszucht wachsen:
1. die elastischen Spannkräfte der Brustwände,
2. die elastischen Spannkräfte der Lunge,
3. die mechanische Erweiterungsfähigkeit des Brustraums, der Brustspielraum wird größer und dadurch
4. die vitale Lungenkapazität (Fassungskraft der Lungen für Luft) und werden zu Hilfskräften der Blut- und Lymphzirkulation und sorgen dadurch für eine bessere Ernährung aller Organe.
Durch Vertiefung der Atmung kann man aber nicht nur den Blutumlauf beschleunigen oder verlangsamen, sondern auch Einfluß auf den Blutdruck gewinnen.
Beschleunigt man die Tiefatmung, so steigt der Blutdruck in den Schlagadern während der Ausatmung, verlangsamt man die vertiefte Atmung, so steigt zwar auch der Blutdruck und erreicht seine größte Höhe beim Beginn der Ausatmung, sinkt dann aber, bis er beim Beginn der Einatmung die größte Tiefe erreicht hat.
Es gibt gewisse Zustände der Lungen, welche mit Lungenblähung und Lungenstarrheit einhergehen. Bei diesen Zuständen kann tiefes Einatmen Schaden anrichten, weil es in die bereits blutüberfüllten Lungen noch mehr Blut ansaugt. Hier ist gerade die Entlastung des Blutkreislaufs durch verstärkte und beschleunigte Ausatmung am Platz.
Atmung und Pulszahl stehen stets in einem bestimmten Verhältnis und zwar wie 1 zu 4. Haben wir z. B. 16 Atemzüge in der Minute, so wird die Pulszahl gleich 4 × 16 = 64 sein.
Weil dieses Verhältnis nun ein konstantes ist, wir ferner die Atmung willkürlich gestalten können, so werden wir durch Verlangsamung unserer Atmung auch stets einen beschleunigten Puls verlangsamen und durch Beschleunigung der Atmung auch einen verlangsamten Puls beschleunigen können. Wir haben also in der Lunge ein vorzügliches Regulierorgan der Herz- und Kreislauftätigkeit. Dieses Verhältnis zwischen Puls- und Atmungszahl hat zu mannigfachster praktischer Ausnutzung geführt.
So benutzen es Oertel und Herz beim stufenweisen Ein- und besonders Ausatmen (sakkardiertes Atmen), indem sie jeden Atemstoß mit einer Zusammenziehung des Herzmuskels zusammenfallen lassen, was man leicht erreicht, wenn man sich selbst den Puls fühlt und bei jedem Anstieg der Pulswelle einen Atemstoß vollführt. Dieses Stufenatmen beansprucht gleichzeitig geistige Arbeit und wird damit zur sogenannten Aufmerksamkeitsübung.
Der Atmungstraining ist aber auch vorzüglich zu gebrauchen zur Erziehung der Nerven. Es ist dies die Methode des französischen Schauspiellehrers François Delsarte.
Wer hätte nicht am eignen Leibe die Wirkung der Gemütsbewegung bei besonderen Gelegenheiten und Krisen im Leben kennen gelernt!
Ich erinnere nur an die Beispiele des Examenskandidaten, oder des Soldaten beim Beginn der Schlacht, des Bräutigams, der seiner Erwählten sich erklärt, des jungen Theologen, der seine erste Predigt hält etc. Tief atmet der Geängstigte einmal, dann aber ist ihm der Atem wie vergangen, und schließlich jagt die ganz verflachte Atmung, das Herz pocht, der Puls ist beschleunigt, die Gedanken sind verwirrt, er empfindet den Drang zum Harnen oder zur Kotentleerung.
Was ist geschehen? Durch die abnorme Erregung der Nerven ist die Atmung gestört, damit wird aber gleichzeitig durch das bestehende Verhältnis von Atmungs- und Pulszahl entsprechend die Kreislauftätigkeit abnorm. Alle Reize, welche die sogenannte unwillkürliche oder glatte Muskulatur des Gefäßsystems zur Zusammenziehung bringen, wird auch in der glatten Muskulatur aller derjenigen Körperorgane wirksam, die demselben Nerveneinfluß unterstehen. Deswegen zieht sich auch die Blase zusammen und preßt gegen unseren Willen den Urin aus derselben, obwohl ihre geringe Füllung gar keinen Grund zur Entleerung bietet. In gleicher Weise ergeht es dem Darm, welcher durch Knurren und Plätschern und Drang zum Kotlassen die Zusammenziehung seiner Muskelwände und die vermehrte peristaltische Unruhe offenbart.
Gelingt es dem Betroffenen aber, Herr über seine Atmung zu werden, seine Atmung wieder regelmäßig zu gestalten, zu vertiefen und den Atem nach Belieben zu halten, so fallen auch alle genannten Folgezustände der gestörten Atmung fort.
Das Herz in seiner Abhängigkeit von der Atmung, muß die Pulse wieder regelmäßig gestalten und verlangsamen, im Leibe wird die Spannung herabgesetzt, Blase und Darm wieder ausgedehnt.
Nun wissen wir aber, daß nicht nur die Affekte körperliche Veränderungen hervorrufen, sondern auch umgekehrt.
Zum Beweis dafür dient die tägliche Beobachtung. Wie viele Lehrer gibt es nicht, die sich mehr und mehr in Wut reden! Wie viel Leidtragende gibt es doch, die nichts von Trauer über den Hingang irgend einer fremden Person empfinden, die aber ihr Gesicht in Trauerfalten legen und schließlich bis zur wahren Empfindung tiefster Trauer durch die rein äußere Mimik gelangen! So im Leben, so auf der Bühne. Man erinnere sich nur der klassischen Beschreibung dieses psychologischen Vorganges, die Lessing in der Hamburgischen Dramaturgie vom mittelmäßigen Schauspieler gibt, der sich eine Anzahl mimischer Regeln von einem ursprünglich Empfindenden abstrahiert, um seiner Seele das Gefühl des dargestellten Affektes aufzuzwingen.
Haben wir es daher gelernt, unsere Atmung willkürlich zu gestalten, so sind wir auch Herr unserer Affekte.
Nicht zu unterschätzen ist ferner die von den Physiologen bewiesene Tatsache, daß jede ausgiebige Einatmung eine vermehrte Blutansammlung im Brustkorb und gleichzeitig eine relative Blutleere im Gehirn erzeugt. Dadurch tritt eine Verminderung der geistigen Aktivität, eine Abnahme des Bewußtseins, und damit ein psychischer Ruhestand ein. Eine Reihe von forcierten tiefen Einatmungen können sogar, wofern sie sehr rasch hintereinander ausgeführt werden, eine kurze Bewußtlosigkeit hervorrufen, deren man sich zur Ausführung von kleinen chirurgischen Operationen, sowie zur Hypnose bedienen kann. Diese Methode durch beschleunigte Tiefatmung das Gehirn blutleer zu machen, erinnert an die Methode der Javaner durch Fingerdruck auf die großen Halsschlagadern eine künstliche Narkose hervorzurufen.
Um ein System einer guten Atemschule zu gewinnen, ist es notwendig, die einzelnen Faktoren, die die Mechanik des Atmens bedingen, genau zu studieren und sich zu vergegenwärtigen.
Betrachten wir zunächst die Einatmung (Inspiration). Durch die Zusammenziehung des Zwerchfells wird der Brustkorb dadurch erweitert, daß die Rippen gehoben und zwar nach auswärts gehoben werden, jedoch nur solange, als die Baucheingeweide den Bauch füllen. Fehlt der Widerstand der Baucheingeweide, so werden die Rippen nach einwärts gezogen. Daraus folgt, daß bei der normalen Atmung der Widerstand der Baucheingeweide überwunden werden muß, der um so größer ist, je stärker die Därme mit Verdauungsmassen gefüllt sind. Die Baucheingeweide versuchen nun diesem von oben her wirkenden Druck auszuweichen, werden nach hinten aber durch die Wirbelsäule, nach unten durch den Knochenring des Beckens verhindert; so bleibt ihnen nur das Entweichen nach den Seiten und nach vorn, wo die Weichheit der Bauchdecken zur Nachgiebigkeit disponiert. Sind nun die Bauchdecken schlaff und welk, so werden sie durch den Druck mehr und mehr nachgiebig und gedehnt, und es kommt zu der häßlichen Form des runden Dickbauches oder des Spitzbauches, zum Verlust der sogenannten Taille, zur Wampenbildung etc., der häufigsten Degenerationsform des Menschen; andererseits kommt es zu der veränderten unvollkommenen Atmung, als ob die Eingeweide herausgenommen wären, die Rippen werden nicht gehoben und der Rippenrand nach einwärts gezogen. Es fehlt dem Zwerchfell eben der Stützpunkt der Eingeweide, um die Rippen nach oben und auswärts zu heben. Sind dagegen gekräftigte Bauchmuskeln vorhanden, so spannen sich dieselben an, ohne sich zusammenzuziehen und geben für den Bauchhöhlenkasten auch von den Seiten und von vorn her unnachgiebige und feste Wände ab. Können somit die Baucheingeweide nicht entweichen, so müssen sie selbst den Druck aushalten, werden etwas zusammengedrückt und bieten nun ihrerseits einen festen Stützpunkt zur Hebung und Auswärtsrollung der Rippen. Eine dementsprechende Entfaltung des Lungengewebes und ihre ausgiebige Lüftung sind die notwendigen Folgen.
Ebenso wie der Widerstand der Baucheingeweide, so wirken auch die Zwischenrippenmuskeln als Heber und Auswärtsdreher der unteren Rippen des Brustkorbes. Bei der Verflachung der Atmung, wie wir sie heutzutage bei der Mehrzahl der Menschen finden, werden sie bei sogenannter ruhiger Atmung gar nicht gebraucht, sondern erst bei angestrengtem Atmen und dienen nur dazu, den Brustkorb in mittlerer Weite in Spannung zu erhalten, den Atmungskorb vor Erschlaffung, die Rippen durch Auspolsterung vor gegenseitiger Reibung zu bewahren.
Schließlich gebrauchen wir noch eine Anzahl von sogenannten Hilfsmuskeln, welche bei forcierter Einatmung, bei Atemnot etc. in Aktion treten. Diese Reservemuskeln haben sämtlich die Eigentümlichkeit sich mit dem Schultergürtel in Verbindung zu setzen, sei es, daß sie von demselben entspringen oder an demselben endigen. Sie gehen hin oder kommen her vom Halse, von den Armen, von der Brust oder vom Rücken. Sie spielen aber auch für die ruhige, nicht forcierte Atmung eine nicht unbedeutende Rolle, denn wir sehen bei denjenigen Menschen, bei welchen durch Anlage oder Krankheit diese Muskeln verkümmern und schwinden, nicht nur ein Einfallen des oberen Teiles des Brustkorbes und sonstige Gestaltsveränderungen desselben, sondern auch Verkümmern der darunter gelegenen Lungenabschnitte und mehr oder weniger deutliche Behinderung der Atmung.
Als wichtige Faktoren der Einatmung haben wir demnach kennen gelernt:
1. Das Zwerchfell,
2. den Widerstand der Baucheingeweide,
3. die Spannung der Bauch- und Zwischenrippenmuskeln,
4. die inspiratorischen Hilfsmuskeln.
Bei der Ausatmung (Exspiration) sind im wesentlichen diejenigen Spannkräfte wirksam, welche während der Einatmung aufgespeichert worden sind. Erschlaffen die Einatmungsmuskeln, so wirken einerseits die Elastizität und die Eigenschwere des Brustkorbes und die Elastizität der Lungen, andererseits die aktive Zusammenziehung der Luftröhrenmuskulatur, welche nach Duchenne allein imstande ist, die sauerstoffverbrauchte Luft aus den Enden des Luftröhrenbaumes herauszupressen. Vergegenwärtigt man sich ferner, daß der Leibinhalt durch die Darmgase einerseits und durch den Druck des herabgestiegenen zusammengezogenen Zwerchfells und der gespannten Bauchmuskeln andrerseits komprimiert ist, dadurch elastische Spannkräfte während der Einatmung auch in der Bauchhöhle aufgespeichert werden, so ist es klar, daß diese Spannkräfte während der Ausatmung frei werden müssen, um die Schwerkraft des Zwerchfells zu überwinden. Die Erschlaffung der Einatmungsmuskeln ist aber ebenso wie ihre Inanspruchnahme nicht nur eine automatische unwillkürliche, sondern auch eine willkürliche. Wir können die Bewegung der Ein- und Ausatmung fördern und hemmen, wir können mehr oder weniger Willens- und Nervenkräfte für sie aufwenden, das Atmungstraining demnach sowohl als Schule für die Lungen, als auch der Baucheingeweide, als auch für das Herz- und Gefäßsystem, als auch schließlich für die Nerven gebrauchen.
Auch die Ausatmung hat wie die Einatmung Reservemuskeln zur Verfügung, die sie bei lautem Sprechen, beim Singen oder bei Atemnot während der Ausatmung gebraucht, und zwar sind dies wiederum die Bauchmuskeln, die bei ruhiger Atmung wenig zur Geltung kommen. Fehlen dieselben jedoch oder sind dieselben verkümmert, so kann ein einziger Hustenstoß bereits Gefahr bringen. Es ist also die Bauchpresse, welche sowohl bei der Einatmung wie bei der Ausatmung die aktive Rolle der Hilfsaktion übernimmt, und zwar nehmen ihre einzelnen Muskeln in der Weise teil, daß der breite Muskelgurt des queren Bauchmuskels während der Einatmung nur dann aktiv wird, wenn sämtliche inspiratorische Hilfsmuskeln in Arbeit sind und das Zwerchfell aufs äußerste zusammengezogen ist, um den Ball der Baucheingeweide gegen die an der Kuppe bereits abgeflachte Wölbung des erstarrten Zwerchfells anzupressen und die Rippen gewaltsam nach außen zu heben, während der Ausatmung dagegen nur, wenn das Zwerchfell bereits völlig erschlafft ist. Während für die forcierte Einatmung die übrigen Bauchmuskeln nicht in Frage kommen, helfen bei der angestrebten Ausatmung noch der innere und äußere schräge Bauchmuskel mit, welche die Rippen nach abwärts ziehen.
Die Armbewegungen, soweit sie den Arm vom Rumpf entfernen, dienen im wesentlichen der Inspiration, doch muß man dabei Acht haben, daß das Zwerchfell nicht durch Aktivität der Bauchpresse in seiner Tätigkeit eingeschränkt wird.
Die Beinbewegungen, sofern sie mit aktivem Eingreifen der Bauchpresse geschehen, dienen der Expiration.
Für die mechanische tiefste Erweiterung des oberen Brustkorbabschnittes mit Hebung des Brustbeins, wie wir sie beim Wogen des weiblichen Busens durch Unterdrückung der Atmung in den unteren Abschnitten wegen Korsettgebrauches finden, ist es gut die Exkursionen im unteren Abschnitt durch Aufpressen der Hände zu beschränken, durch welche Stellung der Arme gleichzeitig der Schultergürtel gehoben wird. Dies kann einseitig und doppelseitig geschehen. (Einseitiges und doppelseitiges Tiefatmen siehe Uebungstafel). Empfindet Jemand beim forcierten Tief-, Ein- und Ausatmen Schwindel, so darf nicht zu stark forciert werden.
Passiverweiterungen der Brusthöhle erreicht man durch Heben des Schultergürtels und durch kräftiges Rückwärtsführen der horizontalgestreckten Arme. Dies kann durch Beihülfe eines Gymnasten oder aber durch Hängen in Ringen, am Reck, an der Leiter etc. oder durch Biegungen der Wirbelsäule resp. des Rumpfes nach hinten und nach den Seiten, schließlich auch nach vorn geschehen.
Die Uebung der exspiratorischen Hilfsmuskeln muß während der Einatmung geschehen. Denn eine energische Zusammenziehung der Ausatmungsmuskeln ist unmöglich, wenn die Baucheingeweide nicht energischen Widerstand leisten. Das Zwerchfell darf also nicht nachgeben, dies erreicht man leicht durch Kehlkopfverschluß. Dies gilt jedoch nur für die spezielle Schulung der exspir. Hilfsmuskeln.
Bei anderen Uebungen jeder Art soll nur die unregelmäßige und oberflächliche Atmung bekämpft werden.
Dies erreicht man am sichersten, wenn man die Atmung rhythmisch und tief gestaltet, und man diesen Atemtypus durch Kommando einübt.
Läßt man Beugen und Strecken als Selbsthemmungsbewegung ausführen, so läßt man während des Beugens sowohl tief ein-, als auch tief ausatmen, ebenso während der Streckung.
Bei einer Widerstandsbewegung dagegen läßt man während der Beugung tief einatmen, während der Streckung ausatmen.
Die Einatmung erfolgt im allgemeinen am besten dann, wenn der Muskel positive Arbeit leistet.
Bei allen Bewegungen, welche mit Erweiterung des Brustkorbes einhergehen, läßt man gleichzeitig ein- nicht ausatmen.
Will man allein und einseitig die Hilfsmuskeln der Ausatmung üben, so muß man ebenfalls die Einatmungsphase benutzen.
So ergeben sich die Regeln für die Atemschule von selbst.
Jeder einzelne Akt der Atmung muß für sich methodisch geübt werden, die Einatmung, das Atemhalten, das Ausatmen und das Stufenatmen.
Derjenige Teil der Atmung, der dem Uebenden am schwersten ausführbar ist, muß am meisten geübt werden. Nur so kommt man zu einer vollständigen Beherrschung der Atemmuskeln.
Dieser Atemgymnastik müssen Muskelübungen folgen, welche Hals-, Brust-, Schulter-, Bauch- und Rückenmuskeln kräftigen und ausdauernd machen und schließlich durch Kräftigung aller Muskeln das Atembedürfnis steigern. Denn eine zeitlang je nach dem Grade der Herrschaft, die wir über unsere Lungen erlangt haben, können wir zwar den Atmungsprozeß durch unsern Willen regulieren, dann aber tritt die Selbstregulation durch das Sauerstoffbedürfnis in Kraft. Letzteres aber können wir durch Muskeltätigkeit erhöhen. Empfehlenswertes Training der Atemgymnastik sind die Dauer- und Schnelligkeitsübungen.
Ball- und andere Bewegungsspiele, Gehen, Marschieren, Laufen, Bergsteigen, mäßiges Radfahren, Schlittschuhlaufen, Schwimmen und Rudern. Jedoch darf keine der genannten Uebungen zur Kraftübung werden, die ja durch die notwendige Pressung das Atmungsgeschäft hemmt.
Fragen wir uns weiter, wie wirken Leibesübungen auf das Nervensystem?
Die Leibesübungen sind im Gegensatz zu den Reflexbewegungen (das sind diejenigen Bewegungen, die selbsttätig durch Erregung von den Empfindungsnerven hervorgerufen werden) gewollte, also dem Einfluß des Willens unterworfen. Der Willenreiz kommt im Gehirn zur Geltung. Das Gehirn schickt den Reiz durch die periphere Nervenleitung zum Endorgan, also zum Muskel, der durch Zusammenziehung seinen Gehorsam beweist. Das Gehirn hat demnach bei Leibesübungen Arbeit zu leisten, die mit der Zahl der Erregungen wächst. Alle Bewegungen, die wir ausführen, sind (tetanische) anhaltende Bewegungen, die eine Reihe von Reizen in schneller Aufeinanderfolge und zwar, wie Helmholtz gezeigt hat, ca. 20 in 1 Sekunde erfordern. Mit der Zahl der Reize steigert sich auch die Kraft der Einzelkontraktion. Je stärker der Reiz, desto schneller zieht sich der Muskel zusammen. Ein ermüdeter Muskel ist nur durch starke Reize noch zur Arbeit zu bewegen.
„Die vom Gehirn geleistete Arbeit ist daher um so größer, je länger die Kontraktion dauert, je größer die Kraftleistung des Muskels ist und je schneller die Bewegungen ausgeführt werden.” Bei allen Bewegungen, die wir ausführen, ist nicht ein Muskel, sondern sind Muskelgruppen zu bewegen. Das Gehirn muß zu allen Muskeln nicht nur Bewegungsreize schicken, sondern sie auch in richtiger Reihenfolge und in bestimmter Abstufung wirken lassen. Diese ordnende Tätigkeit des Gehirns bezeichnet man als Koordination. Man unterscheidet bei der Koordination einer Bewegung dreierlei Arten von Muskeltätigkeit.
1. Die eigentliche kraftleistende Bewegung („Impulsive Muskel-Association” Duchenne),
2. Die mäßigende Bewegung („Moderatorische Muskel-Association” Duchenne),
3. die statische oder haltende Tätigkeit („Kollaterale Association” Duchenne.)
Jede dieser Arten kann in den Vordergrund treten, z. B. bei den Gleichgewichtsübungen die haltende oder die mäßigende bei den Handfertigkeiten, ebenso wie bei der Tätigkeit, der an der Stimmbildung oder bei der Mimik beteiligten Muskeln, kurzum bei der Tätigkeit aller nahe zusammengelegener und zusammengehörender Muskeln.
Müssen Muskeltätigkeiten koordiniert werden, welche größere Teile des Skeletts bewegen, so daß große, weit entlegene Muskelbezirke gleichzeitig in Anspruch genommen werden, so spricht man von Geschicklichkeitsübungen, wie wir sie beim Frei- und besonders beim deutschen Gerätturnen haben.
Je verwickelter eine Bewegung, desto schwieriger ist auch die Koordination und desto größer die vom Gehirn zu leistende Arbeit. Letztere kann jedoch durch Uebung auf ein Minimum herabgesetzt werden, wenn die Bewegung „mechanisiert” worden ist, d. h. wenn im Zentralorgan von der auszuführenden Bewegung ein deutliches Erinnerungsbild entstanden ist. Bei der Erlernung einer jeden neuen Bewegung wird nun unnötig viel Kraft verschwendet. Steifheit der Bewegung und Mitbewegungen offenbaren das Ungeübtsein. Ist dagegen die Bewegung mechanisiert, so geschieht sie leicht und zweckentsprechend, damit wird sie aber kraftsparend und schön.
Unser deutsches Turnen schult aber vorzugsweise die Geschicklichkeit, ist also eine Schule der Koordination; es ist in der Hauptsache eine Nerven- und dann erst eine Muskelgymnastik. Die Koordinationsaufgaben müssen eine systematische Uebungsfolge haben, so daß jede des Kraftaufwandes eine Steigerung erfährt, sobald die vorangehende erlernt ist. Je größer im Zentralnervensystem die Zahl der Erinnerungsbilder vielfacher Bewegungen ist, desto besser wird die Koordinationsfähigkeit auch für bisher unbekannte Bewegungen, desto sicherer wird die Beherrschung des Körpers in allen Lagen.
Unser deutsches Turnen genügt aber nicht für alle Seiten der Nervengymnastik. Eine wohlkoordinierte Bewegung erfordert Ueberlegungszeit wie jeder andere Denkakt. Die vorhergehende Koordination wird bei den sogenannten Aufmerksamkeitsübungen geschult, zu welchen wir die Ordnungsübungen und den Reigen rechnen. Ihr Uebungswert für die Muskeln, für Stoffwechsel, Atmung und Kreislauf ist ein minimaler, dagegen ein maximaler für das Gehirn. Deshalb soll man Menschen, deren geistige Tätigkeit sowieso hohe Ansprüche an die Aufmerksamkeit stellt, mit diesen Uebungen verschonen, um ihr Gehirn nicht zu überlasten. Die Gerätübungen genügen zur Schulung der Aufmerksamkeit allermeist.
Anders liegen die Verhältnisse für die Ausbildung der plötzlichen Koordination.
Im Leben geschehen oft genug Ereignisse, wo man auch schnellste Bewegungen ausführen muß, bei denen man zuvor nicht überlegen kann. Es kommt nicht darauf an, wie die Bewegung ausgeführt, ob ordentlich oder unordentlich, sondern nur, daß aufs schnellste der tatsächliche Zweck erreicht ist. Ich erinnere nur an die Wichtigkeit, welche das schnellste und sicherste Ueberwinden von Hindernissen in der heutigen Kriegführung hat. Die Schnelligkeit der Ausführung der Bewegung ist abhängig von der Schnelligkeit der Innervation und ihre Uebung ein wesentlicher Teil der Nervengymnastik, die in einer harmonischen Leibeserziehung nicht vernachlässigt werden darf.
Diese Art der Nervenübung erzeugt Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit und heißt Schlagfertigkeitsübung. Solche Schlagfertigkeitsübungen sind die Lauf- und Ballspiele sowie Kampfspiele, das Fechten, Boxen und besonders auch das Ringen. Die Schlagfertigkeitsübungen stellen hohe Anforderungen an die Gehirntätigkeit und die übrige Nervenkraft, sie dürfen daher nur von Nervenstarken, nicht von Neurasthenikern oder sonstigen Nervenkranken ausgeübt werden. Für die letzteren sind die automatischen oder halbautomatisch ausgeführten Bewegungen Erholung.
Von hohem Einfluß ist die Psyche bei der Nervengymnastik.
Nacktsein während der Uebung, freundliches Wetter, muntere Gesellschaft, ein lustiges Lied etc. sind Unterstützungsmittel des Nerventraining.
Die Nerventätigkeit geht natürlich mit dem Stoffverbrauch Hand in Hand. Da derselbe während der Tätigkeit nicht schnell genug gedeckt werden kann, so erschöpft sich der Energievorrat. Das Nervensystem bedarf, um Ersatz zu schaffen, Ruhe. Ist bei regelmäßiger Wiederkehr der Ermüdungstätigkeit die Erholung stets eine vollkommene, so wächst die Leistungsfähigkeit, es lernt, weniger schnell zu ermüden.
Besteht jedoch ein Mißverhältnis von Nervenanspannung und Erholung, so entstehen vorzeitige Ermüdung, Nervosität, Neurasthenie und andere Nervenkrankheiten. Daran wird auch nichts durch den Gebrauch von künstlichen Anregungsmitteln des Arzneischatzes oder der Genußmittel geändert. Vorübergehend wird zwar eine erhöhte Nerventätigkeit erzielt, aber nur, damit nachher die Erschlaffung um so größer wird.
Daß Leibesübungen tatsächlich die Geistesermüdung beseitigen, dafür spricht die tägliche Erfahrung, von Ziemßen äußert sich darüber folgendermaßen: „Die Erfrischung und Erholung des angestrengten Nervensystems wird am besten durch körperliche Arbeit bewirkt; die körperliche Arbeit muß an Stelle der geistigen treten, die Glieder müssen sich rühren, während der Kopf ausruht.”[3] Leibesübungen verlangen zwar von dem ermüdeten Gehirn eine neue Arbeitstätigkeit, aber sie nehmen andre Gehirnteile in Anspruch, wofern es nicht Aufmerksamkeitsübungen sind. Sie wirken trotzdem erholend, weil Muskeltätigkeit, wie wir gesehen haben, die Blutzirkulation beschleunigt und dadurch die Ermüdungsstoffe fortschwemmt und die ermüdeten Hirnteile häufiger mit sauerstoffreichem Blute durchspült.