[3] Siehe auch Forel, Prof. Dr. Hygiene der Nerven und des Geistes im gesunden und kranken Zustande. Brosch. 2.50. Verlag von Ernst Heinrich Moritz, Stuttgart.

Nun hat Mosso auf Grund seiner mit dem Ergographen gemessenen Leistungsfähigkeit der Muskeln, welche er nach intensiver Geistesarbeit erheblich herabgesetzt fand, behauptet, daß es physiologisch falsch wäre, Geisteserholung durch körperliche Uebungen schaffen zu wollen, weil die Muskelanstrengung nach Geistesanstrengung den Erschöpfungszustand des Gehirns nur steigere. Aber Mossos eigene Versuche widerlegen diese Behauptung. Denn nur nach mehrstündiger, übermäßiger Geistesanstrengung war die körperliche Leistungsfähigkeit herabgesetzt, dagegen nach mäßiger Geistestätigkeit erhöht. Mäßige körperliche Anstrengung erholt, übermäßige erschöpft das Gehirn.

Daß der Wechsel von körperlicher und geistiger Arbeit erholend wirkt, wird leicht verständlich, wenn wir die Erfahrungen des täglichen Lebens uns zu Nutze machen. Sehen wir nicht angestrengt geistig Tätige sich Erholung verschaffen durch andere geistige Arbeit, z. B. Musik-, Schach-, Karten- und andere Erholungsspiele? In jedem Fall wird der psychische Apparat gebraucht, aber stets ein anderer Abschnitt desselben, so daß der zuvor tätige sich erholt, wenn der nächstfolgende arbeitet. Um wie viel größer muß die Erholung des Gehirns sein, wenn man nicht nur einzelne Teile desselben, sondern deren Summe untätig sein läßt durch körperliche Uebungen. Zuntz urteilt darüber: „Die Muskeltätigkeit richtig dosiert, liefert dem Zentralnervensystem durch ihre Stoffwechselprodukte die wirksamsten Narkotika, die einzigen, welchen man auch bei dauerndem Gebrauche eine schädliche Wirkung nicht nachsagen kann.”

Man kann sowohl für die Nerven, als auch für die Muskeln zwei Arten der Ermüdung unterscheiden, die normale (physiologische) und die krankhafte (pathologische). Erstere tritt nach mäßigen geistigen oder körperlichen Anstrengungen auf und kann durch Willensenergie und starke äußere Eindrücke überwunden werden, um noch eine erhebliche Leistungsfähigkeit zu dokumentieren, dann aber folgt die zweite, für welche eine weitere Kraftreserve nicht mehr vorhanden ist. Die physiologische Ermüdung des Gehirns wird durch maßvolle individualisierte Leibesübung am besten beseitigt. Die Ermüdungsstoffe, die durch körperliche Tätigkeit erzeugt werden, wirken betäubend (narkotisch), wie Mosso nachgewiesen hat, indem er das Blut eines durch Arbeit erschöpften Hundes auf einen gesunden übertrug.

Die physiologische Ermüdung muß nach dem Angeführten für das Training benutzt werden. Je weiter man durch Uebung dieselbe hinausschieben lernt, desto später wird die pathologische Ermüdung eintreten, d. h. desto größer wird die absolute Leistungsfähigkeit.

6. Wirkung der Leibesübung auf den Verdauungs-Apparat.

Auch der Verdauungsapparat kann durch vernünftiges Training Vorteile haben.

Die Wechselbeziehung von Verdauungs- und Muskelarbeit habe ich ja bereits dargetan. Der gefüllte Verdauungsapparat setzt die Leistungsfähigkeit der Muskeln herab, umgekehrt vermindert die durch Muskelarbeit erzeugte starke Durchblutung des Bewegungsapparats die Absonderung der Verdauungssäfte, und damit die Aufsaugung (Resorption). Da die Bauchmuskeln bei den meisten körperlichen Uebungen aber mittätig sind, werden dieselben andererseits mechanisch befördernd auf die Darmtätigkeit einwirken. Wird also durch Leibesübung die absondernde (sekretorische) Tätigkeit der Verdauungsorgane herabgesetzt, so wird die Bewegungstätigkeit der Darmmuskeln (Peristaltik) verstärkt. Zwar findet man nach plötzlichen sehr ausgiebigen Leibesübungen eine etwas herabgesetzte Arbeit des Verdauungsapparates bei regelmäßigem Betrieb desselben, aber als Endeffekt des Training schließlich eine wesentliche Erhöhung seiner Leistungsfähigkeit. Dieselbe erklärt sich aus der Steigerung des Stoffverbrauchs, welchem sich der Verdauungsapparat anpaßt (akkomodiert). Jedoch gibt es selbstverständlich eine Grenze der Anpassung, die nicht überschritten werden darf. Vernünftig betriebene Leibesübungen werden dieser Anpassungsgrenze unter allmählicher Steigerung der Leibesübungen nahe zu kommen suchen.

7. Wirkung der Leibesübung auf den Geschlechts-Apparat.

Ferner darf die Wirkung gesundheitlich betriebener Leibesübungen auf den Geschlechtsapparat nicht unerörtert bleiben.

Das durch Leibesübung betäubte (narkotisierte) Zentralnervensystem beruhigt auch die Geschlechtssphäre. Dazu kommen die durch Körpertätigkeit hervorgebrachten Veränderungen im Zirkulationsapparat. Die häufigen und reichlichen Monatsblutungen (Menstruationen) der Frauen werden meist am besten durch geeignete Leibesübungen reguliert, die unfreiwilligen Samenergüsse (Pollutionen) eines abnorm reizbaren Genitalapparates verlieren sich durch richtig dosierte Körperbewegungen. Dem vorzeitigen Eintritt der Geschlechtsreife, dem geschlechtlichen Ausschweifen der Phantasie in der Reifungszeit (Pubertätsperiode) wird am besten durch systematisch betriebene Leibesübungen vorgebeugt.

So sehen wir denn, daß alle Teile des Körpers und des Geistes wesentliche Vorteile von einer vernünftig und individuell betriebenen Körperübung haben können.

Wichtig ist eine richtige Ernährung des Körpers, damit derselbe den erhöhten körperlichen Anforderungen gewachsen bleibt. Zur Bewertung derselben muß man den Einfluß der Leibesübung auf den Stoffwechsel und die Wärmeregulation kennen.

8. Wirkung der Leibesübungen auf den Stoffwechsel und die Wärmeregulation.

Daß der Gaswechsel von Sauerstoff und Kohlensäure (CO2) durch Muskeltätigkeit gesteigert wird, habe ich bereits besprochen. Nun haben die Wärmemessungs- (kalorimetrischen) Versuche von Atwater und Benedict ergeben, daß die Wärmeerzeugung sowohl in der Ruhe, als auch bei Muskeltätigkeit dem Gaswechsel und dem Verbrennungswerte, der nach den Ausscheidungen bemessenen Verbrauchsnährstoffe entspricht. Die zum Stoffwechsel verwendeten Nährstoffe werden also unter normalen Verhältnissen vollständig zu Wasser, Kohlensäure und Harnbestandteilen verbrannt. Nur bei Sauerstoffmangel in den arbeitenden Muskeln steigt der respiratorische Quotient (Verhältnis von Sauerstoff zu Kohlensäure = CO2). Man kann demnach aus der Verbrauchsmenge der durch Harn und Schweiß ausgeschiedenen Stickstoffsubstanzen und dem gleichzeitigen Gaswechsel die Höhe des Nährstoffumsatzes während der Muskeltätigkeit berechnen. Da uns nun die Verbrennungswärmen der Nährstoffe bekannt sind, so ergibt sich mit Leichtigkeit die bei der Arbeit aufgewandte Energie. Die Arbeit ist nach Meterkilogrammen meßbar. So fand man, daß für gewöhnlich bei Muskeltätigkeit 13 (ca. 35%) der erzeugten Energie mechanische Arbeit, 23 Wärme werden. Bei starker Muskelermüdung, sowie bei Arbeiten, für welche wir nicht trainiert sind, verringert sich der mechanische Nutzeffekt. Uebung und guter Ernährungszustand setzen den Stoffverbrauch erheblich herab. Der vernünftig Trainierte wird also den relativ geringsten Stoffverbrauch haben. Nun hat sich durch Zuntz’s Versuche herausgestellt, daß Eiweiß, Fette und Kohlehydrate gleichwertig[4] für die Erzeugung der Muskelleistungen sind, jedoch kann nach Pflueger das Eiweiß für sich allein zu hohen Muskelleistungen befähigen, während die stickstoffreien Fette und Kohlehydrate gleichzeitig noch einen bestimmten Eiweißumsatz nötig machen. Dagegen hat sich gezeigt, daß durch körperliche Uebungen der Eiweißzerfall nicht entsprechend (proportional) der geleisteten Arbeit gesteigert wird, wie dies beim Umsatz der stickstoffreien Nährstoffe der Fall ist. Das stimmt auch genau mit den Resultaten von Pettenkofer und Voit überein.

[4] Chauveau und Seegen nahmen den Zucker als einzige Muskelkraftquelle an und glaubten, daß Eiweiß und Fett nur insofern zur Bildung mechanischer Leistungen zu gebrauchen wären, als aus ihnen erst Zucker gebildet werden müßte. Diese Annahme ist aber deswegen eine irrige, als durch diese Umbildung ja große Wärmemengen für die Muskelarbeit verloren gehen müßten. Die aus Fett und Eiweiß gebildeten Kalorien müßten also einen geringeren Nutzeffekt haben. Das stimmt mit den physiologischen Tatsachen jedoch nicht überein.

Der Stoffverbrauch während der Leibesübung betrifft also in erster Linie die Kohlehydrate und Fette.

Damit ist bewiesen, daß der Muskel imstande ist, für die Arbeitsleistung die benötigte Spannkraft aus Fett oder Kohlehydraten zu entnehmen, es ist aber damit nicht gesagt, daß die Muskeln etwa gar kein Eiweiß gebrauchen und verbrauchen können. Es wird im Gegenteil nach den übereinstimmenden Resultaten aller Physiologen eine gewisse Menge der Eiweißzufuhr gefordert zur Erhaltung der Kraft und zur Wärmebildung besonders bei gesteigertem Stoffwechsel, wie er bei Leibesübungen auftritt.

Da nun Eiweiß eine höhere Verdauungsarbeit als die stickstoffreien Körper beansprucht, den arbeitenden Muskeln also mehr Blut entzieht, als sie zu ausgiebiger Arbeit gebrauchen, da sie ferner die durch die Leibesübung an sich gesteigerte Wärmebildung noch erhöhen, so ist es nicht ratsam, während der Leibesübungen eine eiweißreiche Kost zu genießen. Casparis Versuche haben ferner gelehrt, daß bei längere Zeit betriebenem Training der Eiweißzerfall stetig geringer wird, ein Umstand mehr, der dem Trainierenden zu gute kommt und ihn heißt, die Eiweißzufuhr auf ein physiologisches Minimum herabzusetzen.

Für die schnelle Beseitigung einer bereits eingetretenen Ermüdung während der Dauer einer Leibesübung eignet sich am besten der Zucker, wahrscheinlich deswegen, weil er am schnellsten verdaut wird.

Leibesübungen steigern in jedem Falle die Körpertemperatur und zwar erheblich stärker in der Peripherie, als im Körperinnern. Die periphere Erwärmung der Extremitätenmuskeln befördert den Stoffwechselumsatz und damit die Arbeitsleistung. Die Muskeln leisten daher zu Anfang weniger, als wenn sie 10-15 Minuten gearbeitet, und damit einen Kalorienzuwachs von ca. 50 Kalorien erfahren haben.

Auf die näheren Wärmeverhältnisse während des Trainings komme ich später erst zurück, hier sei nur die Tatsache der Erhöhung der Arbeitsleistung durch Erhöhung der Wärmeproduktion bei den Uebungen festgelegt.

Bezüglich der Trainingdiät sei weiter gesagt, daß es nun nicht allein auf den genügenden Stoffersatz ankommt, sondern auch darauf, daß möglichst wenig Ermüdungstoffe entstehen, und wofern sie entstanden sind, leicht zum Export gelangen. Nach den praktischen Erfahrungen hat sich eine harnsäurefreie, reizlose und mehr feste Ernährung herausgestellt als diejenige, die am wenigsten zur Ermüdung disponiert, und bei der die Ermüdung am schnellsten überwunden wird. Die Nahrung darf nicht heiß genossen werden, und nicht in größerer Menge, als vom Körper mit Leichtigkeit vollständig verbrannt werden kann.

9. Wirkung der Leibesübungen auf die Sinnesorgane.

Durch die Sinne tritt der einzelne Mensch in Verbindung zur Außenwelt und zu seinen Mitmenschen. Er empfängt die ersten Eindrücke durch dieselben. Er riecht die Blumen vermöge des Geruchsinnes, er schmeckt den Honig durch den Geschmacksinn, er sieht die Farben und Formen mittels des Lichtsinnes, er hört Geräusche und Töne mittels des Gehörsinnes, er tastet und orientiert sich im Raum mittels des Hautsinnes. Das, was der einzelne Sinn beobachtet und erfahren hat, das setzt er sich im Gehirn wieder zusammen und schafft sich vom Gesehenen, Gehörten, Geschmeckten etc. geistige Bilder, die um so ausgeprägter im Gedächtnis bleiben, je präziser und je feiner die Sinne beobachtet haben. Hat das Gehirn einen gewissen Vorrat von Sinnesbildern aufgespeichert, so kann es auch ohne Hilfe der Sinne sich Dinge vorstellen, welche ihm nur geistig z. B. durch Erzählen vorgeführt werden. Diese geistige Hervorbringung der Gedächtnisbilder ist aber nur eine Reproduktion und Kombination der vorhandenen Sinnesbilder. Ohne Sinnesbild kein geistiges Anschauungsbild, kein Erinnerungsbild, kein Urteilbild, kein Vergleichsfeld, kein Phantasiebild, kein Begriffsbild. Umgekehrt, je feiner und sorgfältiger, je detaillierter und nüanzierter das Sinnesbild, um so besser und ausgeprägter auch alle Arten der geistigen Bilder. Zunächst muß man daher selbständig beobachten lernen, dann lernt man auch selbständig denken und wird geistig stark, im anderen Fall aber geistig schwach und nervös.

Außer dem Denkvermögen besitzt nun das Gehirn noch ein Gefühls- und ein Triebleben. Denken, Fühlen und Wollen sind die drei Haupteigenschaften desjenigen, was wir als Seele bezeichnen.

Die Gefühle benennen wir nach den Quellen, aus denen sie entspringen, als Schönheits-, Wahrheits-, moralische und religiöse Gefühle.

Das Schönheitsgefühl entspringt der Wahrnehmung der Sinne. Die feinsinnige Nase riecht Dinge, welche der stumpfsinnigen verborgen bleiben; jene kann auch größere Geruchsmengen genauer beurteilen als diese, kurzum, sie hat höhere Kraft und größere Leistungsfähigkeit, und wird dementsprechend die Grenzen für Wohlgeruch und Ekel anders ziehen. Ein gleiches Verhältnis hat für den Geschmacks-, den Haut-, den Gehör-, den Augensinn statt.

Das ungebildete, stumpfe Ohr kann Unreinheit und Reinheit der Töne weniger unterscheiden und beurteilen als das feinhörige, das stumpfe Auge sieht weniger weit und detailliert inbezug auf Form und Farbe als das feinsinnige, und kann weniger Licht verarbeiten.

Je geübter die Sinnesorgane sind, desto mehr Kraft können sie in jeder Beziehung entwickeln, und desto mehr wird das Schönheitsgefühl vertieft. Je vertiefter aber dasselbe ist, um so mehr schöne Handlungen werden demselben entspringen. Ebenso wie die Sinne kann aber auch der Geist das Schönheitsgefühl hervorrufen. Durch den Reichtum der Darstellung und der Formen wird er uns für Schönheit begeistern.

Die Kraft der Sinnesorgane und die Größe der Denkkraft bedingt demnach die Vertiefung des Schönheitsgefühls.

Dem Schönheitsgefühl ist das Gefühl für Wahrheit verwandt. Je genauer eine malerische, architektonische, musikalische, rednerische etc. Komposition die Haupt- und Nebenmomente trifft, um so lebenswahrer ist sie, und desto lebhafter empfinden wir das Gefühl der Wahrheit. Dasselbe kann aber auch rein geistiger Natur sein. Je eingehender wir einen Gegenstand geistig durchdringen, je genauer wir Licht und Schattenseiten erkennen, um so näher kommen wir der Wahrheit, um so mächtiger wird das Lustgefühl für die Wahrheit in uns lebendig. Je größer also die Denkkraft, um so intensiver das Gefühl für Wahrheit. Je tiefer das Wahrheitsgefühl ist, um so mehr wahre Handlungen entspringen demselben.

Aehnliches gilt auch für die sogenannten moralischen Gefühle.

Betrachtet man das Aeußere des Tieres, der Pflanze oder schließlich des Menschen, so kann im Menschen das Gefühl der Schönheit entstehen, ergründet man die Lebensbedingungen der Wesen, so kann in uns das Gefühl der Wahrheit hervorgerufen werden, bringt man die Lebensbedingungen der Wesen mit der Außenwelt der organischen und unorganischen Natur in ordnende Verbindung, gibt man denselben entsprechend ihrer erkannten Natur und Zweckmäßigkeit den richtigen Platz, die gebührende Rücksicht und Pflege, so entsteht in uns das moralische Gefühl; wir fühlen, daß wir unsere Pflicht tun möchten. Jede Tätigkeit unseres Organismus, jede beabsichtigte oder unbeabsichtigte Handlung des Menschen steht aber entweder in Harmonie oder Disharmonie mit den natürlichen Lebensbedingungen unserer selbst, sowie aller anderen Organismen, ist also schon aus sich entweder moralisch oder unmoralisch. Wir haben also die Pflicht, die Erkenntnis dieser Lebensbedingungen in uns zu fördern, damit wir ihre Zweckmäßigkeit erfahren. Diese Erkenntnis wird uns aber, wie wir gesehen haben, in erster Linie durch unsere Sinne.

Die Schulung, resp. Veredelung der Sinne ist daher für die Erzeugung einer gesunden Moral Voraussetzung. Pervers gerichtete Sinne bringen auch eine perverse Moral hervor. Unser jetziges Kulturleben mit seinen Perversitäten bezeugt dies.

In abnormer und übertriebener Weise wird das Sinnesleben der modernen Menschen beansprucht, daher vorzeitig verbraucht und falsch gerichtet. Was Wunder, daß Irrenhaus und Zuchthaus so bevölkerte Sammelplätze aller derjenigen Personen geworden sind, deren Denk- und Handlungsweise so sehr vom normalen abweicht, daß sie zur Gefahr für ihre Umgebung werden! Nur auf dem Wege der Gesundung und Gesunderhaltung der Sinne wird man auch einen Gesundheitszustand der Moral erhalten.

Dasselbe, was ich vom Schönheits-, Wahrheits- und moralischen Gefühl gesagt habe, gilt von jeder Art des Gefühls, z. B. auch von dem religiösen Gefühl, d. h. demjenigen Gefühl, welches uns in ein bestimmtes persönliches Verhältnis zur Gottheit bringt.

Wie das Gefühl auch immer heißen mag, in jedem Fall wird dasselbe durch die Kraft des Geistes vertieft.

Nicht minder abhängig, als die Denk- und Fühlkraft der Seele von den Sinnen ist, ist auch das Triebleben oder die Willenskraft von denselben.

Die geschulten Sinne melden früher und intensiver die Verunreinigung von Wasser, Luft, Speisen etc. an als stumpfe Sinne, erzeugen demnach ein viel lebhafteres Empfinden der energischen Abwehr. Ebenso steigert eine vertiefte Erkenntnis die Energie des Willens.

Die Kraft der Sinnesorgane kann aber durch Leibesübungen erheblich gesteigert werden, wofern man nur jegliche einseitige Uebung eines Sinnes vermeidet, wofern man den richtigen Wechsel von Ruhe und Arbeit der Sinnesorgane berücksichtigt und schließlich jegliche Uebermüdung der Organe ausschaltet.

Die Sinnesorgane haben im wesentlichen ihren Sitz im Kopf und in der Haut. Alle diejenigen Uebungen, welche eine Erholung des Kopfes und des Hautorgans bewirken, werden auch die Sinnesorgane erfrischen.

Tafel II.

Fig. 8. Passive Kopfdrehung.

Fig. 9. Passives Auseinander- und Zusammenführen der Arme. (Künstliche Atmung.)

 

Tafel II.

Fig. 8. Passive Kopfdrehung.

Fig. 9. Passives Auseinander- und Zusammenführen der Arme. (Künstliche Atmung.)

Ein wichtiges Moment, das bei der Uebung der Sinnesorgane beachtet werden muß, ist, daß man den betreffenden Sinn nicht nur vielseitig methodisch übt, sondern auch stets rechtzeitig ruhen läßt. Will man z. B. das Fernsehen des Auges üben, so tut man gut, daß man den in der Ferne zu schauenden Gegenstand zunächst nach Form, Farbe etc. ganz genau aussieht, die Augen darauf schließt, und geistig sich das Gesehene veranschaulicht. Hat man diese geistige Photographie in allen Nuancen dem Gedächtnis einverleibt, so erweitert man die Entfernung. Nachdem man durch Schließen der Augen denselben die nötige Ruhe verschafft hat, besieht man mit dem erholten gekräftigten Sehorgan aus weiterer Entfernung, sucht alle Details des Erinnerungsbildes unter abwechselndem Schließen und Oeffnen der Augen wiederholt zu schauen. So lernt das Auge methodisch das Fernsehen, auf ähnliche Weise trainiert man dasselbe im Farben- und Perspektivsehen etc.

Tafel III.

Fig. 10. Oeffnen und Schließen der Beine als Widerstandsbewegung.

Fig. 11. Armsenken als Selbsthemmungsübung.

 

Tafel III.

Fig. 10. Oeffnen und Schließen der Beine als Widerstandsbewegung.

Fig. 11. Armsenken als Selbsthemmungsübung.

In gleicher Weise lernt das Ohr hören, die Haut tasten, die Nase riechen, die Zunge schmecken.


II. Teil.
Wert einiger besonderer Arten der Bewegung.

Haben wir nun erfahren, wie Leibesübungen auf alle Teile des Körpers und Geistes wirken, so müssen wir uns einige Sonderheiten derselben vergegenwärtigen, um sie individuell und zu bestimmten Zwecken erweitern zu können.

Denn Bewegungen dienen nicht allein dem Zwecke des Gesundwerdens und Gesundbleibens, sondern können zur Selbstzucht benutzt werden, wie dies in der sogenannten pädagogischen Gymnastik geschieht, wo man bestrebt ist, den Körper dem eigenen Willen zu unterwerfen. Oder man kann die Bewegungen benutzen, um einen fremden Willen unter den eigenen zu beugen, wie dies z. B. beim Schießen, Fechten etc. in der militärischen Gymnastik statt hat. Schließlich kann man Bewegungen ästhetisch benutzen, um sein Denken und Fühlen körperlich zu veranschaulichen.

Wir können nun unsere Bewegungen so einrichten, daß wir uns dabei ganz gleichgültig (passiv) verhalten und unsere Glieder von einem zweiten Menschen oder einer Maschine bewegen lassen. Dann spricht man von einer Passivbewegung. (Fig. 8 und 9.)

Oder wir können unsere Glieder selbsttätig bewegen, dann spricht man von einer Aktivbewegung.

Diese Aktivbewegungen kann man sehr verschiedenartig gestalten. Man kann z. B. einen Widerstand einschieben. Beugt man den Arm im Ellenbogengelenk, während ein anderer Mensch diese Beugung zu verhindern sucht, so muß man dessen Kraft beim Widerstand überwinden. Hält man den Arm in der Beuge, ein zweiter Mensch streckt mit stärkerer Kraft denselben, so daß man nun entsprechend der eigenen Kraft nachgeben muß, so fügt man sich dem Widerstand. In dem ersten Falle spricht man von einer aktiv duplizierten, im zweiten von einer passiv duplizierten Widerstandsbewegung. (Fig. 10, 14, 14a, 15.)

Der Widerstand kann in der verschiedensten Weise gegeben sein, z. B. durch menschliche Gegenkraft beim Ringen, durch maschinelle in der Heilgymnastik, durch Gewichte beim Hanteln oder in der Schwergewichtsathletik etc.

Wenn man den Widerstand aus dem eigenen Ich, dem eigenen Willen heraus schafft, so spricht man von einer Selbsthemmungsbewegung. (Fig. 11.) Geht man z. B. denselben Weg, den man gewöhnt ist in fünf Minuten zurückzulegen, absichtlich unter Beanspruchung der völligen Aufmerksamkeit in zwanzig Minuten, so ist man genötigt, den Schritt um das vierfache zu verlangsamen. Man wird seine ganze Willenskraft und Aufmerksamkeit darauf richten müssen, die Schritte so zu hemmen, daß man nicht ungleichmäßig ausschreitet oder stehen bleibt oder schneller wird, als man sich vorgesetzt hat.

Geht man diesen Weg bergan oder mit einem Menschen am Arm, welcher gewohnheitsgemäß langsam ausschreitet, so wird einem die Bremsarbeit leichter fallen als unbelastet und ungehindert. Die langsamste und am wenigst belastete Selbsthemmungsbewegung erfordert die höchste Arbeit.

Fig. 13. Keulenschwingen, eine Förderungsbewegung.

In gewissem Gegensatz zur Selbsthemmungsbewegung steht die sogenannte Förderungsbewegung. (Fig. 12, 13, 14a.) Diese Bewegung hat keinen Widerstand zu überwinden und geschieht rhythmisch und automatisch ohne jede Anstrengung körperlicher oder geistiger Art. Sitzt man z. B. im Schaukelstuhl und wiegt sich in demselben hin und her, so bedarf es nur des ersten Anstoßes, dann schwingt der Körper im Stuhle hin und her, ohne daß man die Muskeln in Bewegung setzen oder das Gehirn durch den Aufmerksamkeitsakt in Anspruch zu nehmen braucht. Eine derartige Bewegung ist auch das Gehen in der Ebene, denn das Körpergewicht stellt hier die Schwungmasse vor, welche den Körper rhytmisch und automatisch fortbewegt. Und gerade der Rhythmus der Bewegung ist dabei das fördernde Moment, man denke nur, wie leicht man beim Marsche ausschreitet, den man nach dem Rhythmus einer Musikkapelle etc. ausführt, wie leicht man nach den Klängen der Musik tanzt.

Fig. 14 a. Widerstands- und Förderungsbewegung des Holzsägens.

Diese reine Förderungsbewegung kann man zu einer sogenannten belasteten Förderungsbewegung machen, wenn man ihr einen Widerstand entgegensetzt.

Tafel IV.

Fig. 12. Vorderarm-Beugen und Strecken als Förderungsbewegung.

Fig. 14. Widerstandsübung mit Largiadère’s Bruststärker.

 

Tafel IV.

Fig. 12. Vorderarm-Beugen und Strecken als Förderungsbewegung.

Fig. 14. Widerstandsübung mit Largiadère’s Bruststärker.

Läßt man z. B. die rhythmische und automatische Bewegung des Gehens statt in der Ebene als Bergsteigen ausführen, so stellt die Steigung der Berge einen Widerstand, eine Belastung vor.

Die reine Förderungsbewegung wirkt auf die Nerven beruhigend und bahnt dem Willensantrieb den Nervenweg vom Gehirn zum Muskel. Dann spricht man von der sogenannten „bahnenden” Bewegung, einer Form der sogenannten Koordinationsübungen.

Die Koordinationsübungen sind Uebungen, welche die Ordnung der Bewegungen erzielen will. Sie reguliert diese Art der Bewegung durch den Gesichts- und Muskelsinn, sowie den übrigen Empfindungsapparat.

Aus dem Charakter der geschilderten Bewegungen folgt von selbst die verschiedene individuelle Ausnutzbarkeit. Je nach der körperlichen und geistigen Anlage kann sich das Individuum die für ihn passende Bewegung heraussuchen. Denn es ist durchaus nicht notwendig, daß z. B. der kreislaufkranke Mensch wegen dieses seines körperlichen Fehlers auf jede Bewegung verzichtet, ja in vielen Fällen begeht er eine Unterlassungssünde. Wenn er Vorteil und Nachteil der Bewegungen kennt, wird er jenen sich zu eigen machen, diesen zu vermeiden wissen.

Muskelarbeit ist z. B. für Herzkranke, welche einen sogenannten kompensierten Herzfehler haben, ein sehr richtiges Diätikum, damit Stoffwechsel und Herzernährung nicht leiden. Aber diese Muskelarbeit muß so bemessen sein, daß sie keinerlei Beschwerden verursacht.


III. Teil.
Wert der Sportübungen, des Turnens, von Spiel und Tanz.

1. Der Sport.

Alle Sportübungen haben ein gemeinsames Charakteristikum, nämlich das, daß sie ziemlich erhebliche Anforderungen an die Kraft und Gewandtheit der Sinne und des Geistes stellen. Dem Reiter, wie dem Radfahrer, Schwimmer, Ruderer etc. begegnen bei der Ausübung des Sportes ungezählte, unvorhergesehene Dinge, die, wenn sie seiner Aufmerksamkeit entgehen, ihm Gefahr bringen können. Der Reiter muß nicht nur auf den Reitweg, sondern auch auf die Individualität seines Pferdes acht haben; für den Radfahrer, Segler etc. gilt ähnliches. Er muß, wenn er mit Vorteil seinen Sport ausüben will, eine gewisse innere Ruhe besitzen und in der Handhabung des Sportinstrumentes geübt sein.

Der Sport setzt demnach, soll er mit Vorteil ausgeübt werden, eine turnerische Ausbildung und geschulte Sinne voraus. Meist wird der Sport leider einseitig und unvernünftig betrieben, und übt häufig nur einzelne Muskelgruppen und wird dadurch zum Schädigungsmittel des Körpers. Betreibt man denselben jedoch mit genügender Rücksicht auf die Hygiene und die Aesthetik, so kann dies angewandte Turnen nicht nur zu einer vorzüglichen Schulung der Sinne und des Geistes, sondern auch der Gelenkigkeit des Körpers werden.

Welche Uebungen wir auch immer treiben, wir müssen dieselben stets sowohl zur Entwicklung unserer Körperkräfte, als auch der Gelenkigkeit betreiben. Denn gerade Gewandtheit gebrauchen wir im gewöhnlichen Leben mehr als Kraft. Meistens gebrauchen wir in der Praxis des Lebens nur leichte Gegenstände, diese aber im schnellen Wechsel und in schneller Aufeinanderfolge. Genau so wie dem Muskelapparat ergeht es unseren Sinnen und unserem Denkvermögen. Die Gewandtheit der Sinne, schnell die Gegenstände wahrzunehmen, wird im praktischen Leben mehr Erfordernis, als schwer wahrnehmbare durch die Kraft der Sinne zu eruieren, und die Lösung schwieriger Probleme wird von uns für gewöhnlich nicht gefordert, als vielmehr nur leichte Denkübungen zu treiben, um den schnellen Wechsel einfacher Lebensverhältnisse auch schnell zu erfassen.

Kraft und Gelenkigkeit stehen nun aber in einem gewissen gegenseitigen Verhältnis.

Treibt z. B. der berufs- und gewohnheitsmäßig viel Sitzende täglich körperliche Uebungen um den hygienischen Ausgleich gegen die aufgezwungene Ruhe und die Einseitigkeit der Denkarbeit zu schaffen, und verwendet auf diese Uebungen seine volle Kraft, so wird er in Wochen, Monaten und Jahren zu einer bestimmten Höhe der Kraftentwicklung gelangen. Schränkt der Uebende nun im täglichen Uebungspensum die Zahl der Kraftübungen ein und veranstaltet an deren Stelle eine Zahl Gelenkigkeitsübungen, so wird er zu seiner Freude bemerken, daß der Fortschritt in dieser Uebungsperiode mindestens der gleiche, wenn nicht sogar ein größerer ist.

Daraus folgt, daß die Kraftentfaltung eine schnellere und größere ist, je mehr die Kraftübungen mit Gelenkigkeitsübungen abwechseln.

Diejenige Uebung, welche gleichmäßig Kraft und Gelenkigkeit ausbildet, ist deswegen auch als die naturgemäße zu bezeichnen und deswegen auch die schöne und zweckmäßige.

Ein Körper, welcher nur Kraftübungen treibt, wird plump und vierschrötig und bleibt frühzeitig in der Entwicklung stehen. Ein Körper hingegen, welcher nur Gewandtheitsübungen macht, entbehrt bald der schönheitlichen, kraftstrotzenden Abrundung. Ausdauer, Schnelligkeit und Sicherheit der Gewandtheit wachsen rasch bei gleichzeitigen Kraftübungen. Nur durch die innige Durchdringung beider Uebungsarten wird die architektonische Schönheit und gleichzeitig die Schönheit der Bewegung, die sog. Anmut, erworben, und nur so wird die Würde der Bewegung erreicht. Deswegen gebührt z. B. auch den bei uns so sehr vernachläßigten und mißverstandenen Uebungen des Tanzens und Ringens eine hervorragende Stelle in der körperlichen Erziehung.

In der Schule der Kraft- und Gelenkigkeitsentfaltung unseres Körpers, unserer Sinne und unseres Geistes steht aus denselben Gründen aber auch ein vernünftig betriebener Sport obenan. Nur darf nicht eine Sportart allein, sondern müssen mehrere Sportarten die sich gegenseitig ergänzen, zur vernünftigen Leibeserziehung herangezogen und diese wiederum hygienisch und ästhetisch betrieben werden.

a) Das Reiten.

Das Reiten, soweit es nur der Fortbewegung dient, beansprucht relativ geringe Kraft. Die Allgemeinermüdung ist eine relativ geringe, weil der Reiter „sich nur in einer gewissen Haltung heben läßt”, also zunächst mehr passiv tätig ist. Herz und Lunge werden nur wenig beansprucht. Dagegen ist die örtliche Ermüdung der Adduktoren des Oberschenkels (Anzieher des Oberschenkels) eine erhebliche. Günstig wirkt das dauernde Erschüttern des Körpers auf die Verdauung und die stetige Aufmerksamkeit auf den Weg und das Pferd vorzüglich geistig ableitend, besonders bei denjenigen Menschen, welche sich gewohnheitsgemäß und krankhaft viel mit sich selbst beschäftigen, also auf Hysterische, Hypochonder und Neurastheniker. Anders liegen natürlich die Verhältnisse bei demjenigen Reiter, welcher liebevoll die Individualität resp. die Rasse seines Pferdes erfaßt, und nur so kann er das Reiten zu einer Reitkunst erheben. Wer die Leistungfähigkeit seines Pferdes entwickeln will, muß die Eigentümlichkeit seines Pferdes berücksichtigen, sonst wird er eben aus demselben nichts zu machen wissen und dasselbe verderben, andernfalls jedoch dasselbe voll und ganz beherrschen. Die Kraftanstrengung ist dementsprechend eine höhere, namentlich beim Dressieren oder Zureiten eines unbändigen Pferdes, wo der Reiter bald, wie man sagt, bis aufs Hemd naß ist. Hierbei gebraucht der Reiter nicht nur die Bein-, sondern vor allem auch die Armmuskulatur.

b) Das Radfahren.

Billiger als das Reiten ist bekanntlich das Radfahren, das, wie das Reiten eine Bewegung in frischer Luft ist. Die Reinheit der Luft läßt allerdings häufig viel zu wünschen übrig, weil ja der Radfahrer die staubigen Chausseen benutzen muß. Der Stoffverbrauch ist beim Radfahren ein sehr bedeutender, während das Ermüdungsgefühl ein sehr geringes ist. Der Körper verbrennt erhebliche Mengen Eiweiß und Fett und verliert große Mengen Körperwassers; deshalb wirkt dieser Sport so vorzüglich bei fettsüchtigen Menschen und durch die Erhöhung des Stoffwechsels bei gleichzeitiger Erschütterung des Körpers auch befördernd auf schlechte Verdauung. Der Radfahrer hat ein hohes Sauerstoffbedürfnis und vertieft deswegen ausgiebig seine Atmung, während die Zahl der Atmungszüge bei vernünftigem Training nicht vermehrt wird. Wer daher die ruhige vertiefte Atmung beim Radfahren übt, der übt in hervorragender Weise seine Lungen und kann aus seinem schwachen Atmungsapparat einen äußerst kräftigen entwickeln. Trotzdem ist dem beginnenden Lungenschwindsüchtigen wegen der Gefahr der Blutung und des vielen Staubschluckens vom Radfahren abzuraten. Die Gefahr des Staubatmens wird durch eine reine Nasenatmung vorgebeugt.

Ein großer Vorteil des Radfahrens ist auch das geringe Ermüdungsgefühl. Deshalb wirkt dieser Sport so hervorragend gut bei leichteren Graden der Nervenschwäche und sonstigen nervösen Zuständen. Abgesehen davon, daß der Nervenschwache sich in frischer Luft bewegt und damit der gleichzeitigen günstigen Einwirkung des Lichtes auf Körper und Geist ausgesetzt ist, daß die Abwechselung in der Natur nie Langeweile oder nervöse Verstimmungen aufkommen läßt, macht er sich die Vorteile der sogenannten Förderungsbewegung zu nutze. Und das Radfahren ist eine noch viel bessere Förderungsbewegung als das Gehen. Ein Radfahrer gebraucht, wenn er einen Weg von 7 Kilometern noch einmal so schnell zurücklegt, als ein gemütlich ausschreitender Wanderer, nur die Hälfte der von diesem aufgewendeten Energie und diese Ersparnis wächst entsprechend dem schnelleren Tempo beider für den Radfahrer. Dies Verhältnis besteht natürlich nur so lange zu Recht, als das Radfahren eine automatische Bewegung ist. Das Radfahren ist nur für den Geübten eine Förderungsbewegung; wer es erst erlernen muß, für den ist es eine Anstrengung, der er in Krankheitsfällen eventuell nicht gewachsen ist, und er muß auf das gesundmachende Mittel verzichten, weil er in gesunden Tagen diese Kunst nicht erlernt hat.

Kann das geringe Ermüdungsgefühl des Radfahrens daher von großem Vorteil sein, so kann es auch bedeutende Nachteile mit sich bringen. Denn der Fahrer täuscht sich leicht über die Erschöpfung seines Herz- und Gefäßapparates hinweg, wie die Erfahrung gezeigt hat, weil er sie nicht rechtzeitig fühlt und erwirbt sich Zustände der akuten Herzerweiterung, der Verletzung des Herznervenapparates und der Herzmuskelverdickung mit ihren Folgezuständen. Deswegen ist dem Herzleidenden im Allgemeinen der Radfahrsport gefährlich. Ganz verwerflich ist es ferner, wenn Radfahrer Mittel gebrauchen, welche sie scheinbar erfrischen aber im Grunde nur über das Ermüdungsgefühl hinwegtäuschen, wie dies durch den Kokagenuß geschieht. Im Gegenteil, jeder Radfahrer muß sorgfältig auf den Beginn der Herzermüdung achten. Gewisse Sportregeln sollte ferner der Fahrer nie außer Acht lassen.

Die Fahrgeschwindigkeit auf ebenem Terrain soll die von 15 Kilometern in der Stunde nicht übersteigen, sie soll eine geringere sein auf gepflasterter Straße, bei Gegenwind und bei Steigungen. Diese Sportregeln müssen um so mehr beachtet werden, je größer die Uebersetzung des Rades ist, weil sich die Muskelarbeit auf weniger Umdrehungen konzentriert.

Wichtig ist ferner Sitz und Haltung des Radfahrens für die Gesundheit. Der Sattel, auf welchem der Fahrer sitzt, darf nicht nach vorn zu schmal werden und keine nach oben gewendete Spitze haben, weil er sonst das Dammfleisch und die benachbarten Organe beleidigt, sondern muß so eingerichtet sein, daß der Fahrer bequem auf den beiden Sitzknorren sitzt.

Damit die Lungen ausgiebig atmen und das Zwerchfell bequem nach abwärts steigen kann, muß das Rad so gebaut sein, daß der Fahrer aufrecht sitzen kann. Der Sattel muß so hoch über den Pedalen liegen, daß beim Durchtreten der Fuß und das Knie nur mäßig nach abwärts gebeugt werden brauchen. Unter den genannten Voraussetzungen ist das Fahrrad dann auch für Kinder und Frauen zu empfehlen. Letztere dürfen natürlich nicht durch den Panzer des Korsetts die vorteilhaften Wirkungen auf Atmung und Herz illusorisch machen.

c) Das Rudern und Segeln.

Im Gegensatz zu der Gelenkigkeitsübung des Radfahrens ist das Rudern eine Kraftübung, welche in staubfreier und meist etwas kühlerer Luft auf dem Wasser statt hat. Die Gefahren der Staubeinatmung und der Ueberhitzung werden damit beseitigt. Vorwiegend werden beim Rudersport die Muskeln des Rumpfes und der Arme geübt. Wenn die Arme die Ruder an den Körper heranziehen, so werden dabei nicht nur die Armmuskeln gebraucht, sondern auch die vom Brustkorb zu den Armen verlaufenden Muskeln, die wir als Hilfsmuskeln der Atmung kennen gelernt haben; aber auch die Brust-, Leib- und Rückenmuskeln werden gleichzeitig gebraucht, um den Rumpf als Stützpunkt fest zu machen. Dazu kommt das Vorwärts- und Rückwärtsneigen des Rumpfes, welches Bauch- und Rückenmuskulatur kräftigt und die normale Bewegung der Verdauungsorgane steigert, und, sofern der Ruderer das Tempo der Ruderführung nach der Atmung einstellt, resp. auf ruhige Atemführung achtet, der Atemschulung förderlich wird. Aber auch die Beine nehmen schließlich an der Körperarbeit teil, wenigstens, wenn die Ruderschläge weit ausholen; denn gegen das Stemmbrett gestützt, müssen sie durch Beugen und Strecken die Körperbewegungen begleiten. In den Sportsbooten mit ihren Gleitsitzen wird den Beinen die Hauptarbeit übertragen, dadurch aber der Oberkörper weniger geschult. Diese Art der Sportsübung ist daher wie jede andere Höchstleistung in der sportlichen Konkurrenz eine vorzügliche Schulung des Willens, aber sie bringt körperliche Schädigungen mit sich, die nur ein völlig gesunder und ausgewachsener Körper gelegentlich sich zumuten darf.

Als körperliche Uebung kommt der Segelsport wenig in Frage. Abgesehen davon, daß er dem Segler einen Einblick und Urteil in marinetechnischen und Weltverkehrsfragen verschafft, erzieht er denselben zur Kaltblütigkeit.

d) Das Schwimmen.

Wichtiger für die Körperpflege ist der Schwimmsport. Derselbe bietet wie der Rudersport die Staubfreiheit der Wasserfläche; die Abhärtung und Reinlichkeitspflege der Körperoberfläche sind weitere Vorteile. Eine Ueberhitzung durch forcierte Bewegung ist durch die gleichzeitige Wasserabkühlung ausgeschlossen. Letztere setzt aber auch soviel Blut und Wärme voraus, daß der Schwimmende sich durch die Bewegung die nötige Reaktion verschaffen kann. Die Schwimmbewegung nimmt besonders die Extremitätenmuskulatur in Anspruch, aber auch Herz- und Lungenkraft, besonders beim Schwimmen gegen den Strom und beim Schnellschwimmen. Schwimmt man jedoch in ruhigem Tempo, so kann man die Schwimmübung zur Dauerübung erheben, der erst die je nach der Temperatur des Wassers mehr oder weniger schnell eintretende starke Abkühlung, Einhalt gebietet. Menschen mit Fehlern im Kreislaufsystem kann Schwimmen gefährlich werden.

e) Das Gehen in der Ebene und das Bergsteigen.

Eine der vorzüglichsten Förderungsbewegungen ist das Gehen in der Ebene, das automatisch wie die Atmungstätigkeit geschieht, weil es sich ohne Aufmerksamkeit und rhytmisch vollzieht. Der Kraftverbrauch ist ein relativ geringer. Die Muskelarbeit wird von den besttrainierten Muskeln des Körpers, den Beinmuskeln geleistet, die 56% der Gesamtmuskulatur ausmachen. Die Ermüdung tritt daher nicht durch die Beinmuskulatur, sondern durch die Erschöpfung von Lungen und Herz ein, denn der Gehsport regt ungemein stark die Atmungs- und Kreislauftätigkeit an. Da aber die Steigerung der Ermüdung eine allmähliche ist, so kann nur durch starke Uebertreibung der Organismus geschädigt werden. Aus demselben Grunde ist der Gehsport der heranwachsenden Jugend und alten Leuten ohne Bedenken zu empfehlen.

Das Gehen gegen einen gewissen Widerstand ist der Bergsport. Er bietet zunächst die Vorteile der Höhenluft, die im wesentlichen in einer Anregung auf die Tätigkeit unserer Organe besteht und damit dieselben zur körperlichen Uebung zwingt. Da heißt es Ausdauer beweisen, bald bergauf bald bergab zu steigen. Beim Anstieg werden Herz- und Lungenkraft stärker beansprucht, und kann man gerade deswegen, wenn man systematisch vorgeht die Herzkraft steigern. Beim Absteigen hat der Körper je nach dem Grade der Neigung eine verschieden große Bremsarbeit zu leisten. Ist man zum Klettern gezwungen, so schafft der Vorteil der Abwechslung Anregung, andererseits wird der Bergsteiger zur sachgemäßen Handhabung des Bergstocks oder des Eispickels gezwungen, dazu kommt die Anstrengung des Seilhaltens. Die Arme sind also nunmehr in ähnlicher Weise wie die Beine zur Arbeit gezwungen. Je schwieriger die Bergpartien werden, um so mehr wird das Nervensystem beansprucht. Denn Auge und Ohr werden intensiv gebraucht, die äußerste Aufmerksamkeit, Kaltblütigkeit und Schwindelfreiheit sind erforderlich, will man nicht einen Unfall erleiden. Deshalb ist der Bergsport nur für den absolut gesunden Menschen brauchbar und jede Uebertreibung desselben aufs sorgfältigste zu meiden.

f) Das Schlittschuh- und Schneeschuh-Laufen.

Zum Wintersport gehören das Schlittschuh- und das Schneeschuh-Laufen. Beide sind in sofern sehr schätzenswert, als sie uns aus der durch mangelnde Lüftung, durch Beleuchtung und Heizung verdorbenen Stubenluft ins Freie locken. Die Kräfte, die wir beim Eislauf gebrauchen, sind nicht erhebliche, wenigstens nicht für den geübten Läufer, und solange das Laufen nicht zum Kunstlauf erhoben wird, ist der Eislauf eine gute Förderungsbewegung. Einer Ueberhitzungsgefahr ist der Läufer wegen der Kälte des Luftmediums nicht ausgesetzt. Gegen Erfrieren einzelner Körperteile kann er sich durch verstärkte Eigenbewegung und Bekleidung schützen. Der Kunstlauf ist abgesehen von der stärkeren örtlichen Muskelermüdung eine vorzügliche Uebung der Geschicklichkeit.