Fig. 34. Röntgenstrahlenapparat.

e) Röntgen- und Becquerelstrahlen.

Prof. Röntgen in Würzburg, jetzt München, machte die Entdeckung, als er eine Hittorf’sche Röhre (= luftleergemachte Röhre, in welcher die Entladung elektrischer Induktionsströme erfolgt) mit schwarzem und undurchsichtigem Karton umhüllte, in die Nähe eines mit fluoreszierendem Bariumplatincyanür bestrichenen Schirmes brachte, daß derselbe aufleuchtete. Es mußte also etwas, obwohl für unser Auge unsichtbar, von der Röhre ausstrahlen, welches ungehindert durch den Karton hindurch wirkte. Diese Strahlen, die von der Kathode ausgehen, aber keine Kathodenstrahlen sind, weil sie vom Magnet nicht abgelenkt werden, nannte Röntgen X-Strahlen. (Fig. 34.) Dieselben entladen elektrische Körper, interferieren nicht, werden weder regelmäßig reflektiert noch gebrochen, durchdringen dagegen fast alle Stoffe. Auf die photographische Platte wirken sie ebenso wie die Lichtstrahlen. Sie durchdringen die Weichteile des menschlichen Körpers leichter als die Muskeln, am schwersten die Knochen, werden also nicht wie die chemischen Lichtstrahlen vom Blute verschluckt, und können deshalb Tiefenwirkung äußern.

Man verwendet das Röntgenlicht zur Erkennung der kranken Teile des Körpers, aber auch zu deren Heilung. Leider verbrennt dasselbe ungemein leicht die Haut und muß deshalb sehr vorsichtig angewendet werden. Bei Hautkrankheiten, zur Enthaarung und einigen anderen Erkrankungen leistet es gute Dienste, ja es wird immer häufiger von Krebsheilungen durch Röntgenlicht berichtet.

Ob den sogenannten Becquerelstrahlen nützliche Einwirkungen auf den menschlichen Körper zuzuschreiben sind, ist mit Sicherheit bisher noch nicht festgestellt. Es sind dies diejenigen Strahlen, welche von dem metallischen Uran ausgehen und leuchtfähige Körper zum Leuchten bringen. Sie haben im menschlichen Körper keine Tiefenwirkung.[6]

[6] Näheres über die Heilkraft der Röntgen- und Becquerelstrahlen s. Riecke, Hygiene der Haut, Haare und Nägel, (Bibliothek der Gesundheitspflege Bd. 12.)

f) Blondlot-Strahlen (N-Strahlen).

Hochinteressant sind schließlich die von dem Nancyer Professor Blondlot entdeckten Strahlen, welche er zu Ehren der Stadt Nancy die (N-) Nancy-Strahlen genannt hat. Er fand nämlich bei der Untersuchung der von Röntgen-Röhren abgehenden Strahlen gewisse Strahlen, welche einen schwachen elektrischen Funken verstärken. Wie die X-Strahlen durchdringen sie undurchsichtige Körper z. B. dünne Metallplatten, Holz, Papier, werden aber andererseits durch eine 3 mm dicke Steinsalzschicht oder durch Wasser und andere Substanzen aufgehalten. Sie unterscheiden sich ferner von den X-Strahlen dadurch, daß sie den Gesetzen der Reflexion gehorchen, polarisierbar und refraktibel sind. Diese merkwürdigen Strahlen werden von den meisten Lichtquellen so besonders von der Sonne ausgesandt und von der Mehrzahl der Körper aufgenommen. Sie können durch Kompression eines Körpers hervorgerufen werden; sie werden von Pflanzen und vom Tierkörper ausgesandt. Der menschliche Körper sendet die N-Strahlen in verschiedener Intensität aus je nachdem der Muskel ruht oder sich zusammenzieht, je nachdem ein Nerv oder Nervenzentrum in stärkerer oder schwächerer Erregung ist. Diese Strahlen sind bisher nur zu diagnostischen Zwecken verwendet worden; wie weit sie hygienisch oder für Heilzwecke brauchbar sind ist bisher noch nicht festgestellt.

4. Die Luft in Beziehung zum menschlichen Körper.

Hat sich das Licht in vieler Beziehung als ungemein wertvoll, ja unersetzbar für den menschlichen Körper erwiesen, und haben wir das Licht als diejenige Nahrung kennen gelernt, welche unser Blutorgan fast völlig verschluckt, um daraus ungeahnte Energiemengen im Körper aufzuspeichern und daraus Kräfte der verschiedensten Mächtigkeit zu bilden, so können wir dennoch, wenn auch nur als Sieche, unser Dasein ohne dasselbe fristen. Ohne Luftnahrung aber können wir nur wenige Minuten sein, ohne Luft müssen wir sterben. Diese unterhält alle unsere Lebensprozesse, sie ist also von noch größerer Bedeutung für uns als das Licht.

Die Erde ist von einer Lufthülle umgeben, welche im wesentlichen aus 20,75% Sauerstoff, 78,38% Stickstoff, 0,03% Kohlensäure und 0,84% Wasserdampf besteht, dazu kommen Spuren von salpetriger Säure, Ammoniak, Grubengas und Sonnenstäubchen. Unter letzteren versteht man Kieselsäure, Staub und die mit dem Staub aufgewirbelten Partikeliten der belebten und unbelebten Natur. Wie alle auf der Erde befindlichen festen oder flüssigen Körper wird auch die Luft von der Anziehungskraft der Erde festgehalten. Die Luft übt demnach einen Druck auf die Oberfläche der Erde und ihre Bewohner aus; dies ist der sogenannte Luftdruck, der mit einem Gewicht von 5 Trillionen Kilogramm auf die Erde drückt. Dieser Luftdruck zeigt infolge der hohen Beweglichkeit und Ausdehnungsfähigkeit der Luft unausgesetzt Schwankungen. Ebenso ist der Wassergehalt und der Wärmezustand der Luft in stetiger Veränderung. Den Einfluß der Sonnenstrahlung haben wir ja bereits kennen gelernt.

Aber wir leben ja nicht nur in durchsonnter, sondern auch in durchfeuchteter, durchwindeter, heißer, warmer und kalter Luft in ihren verschiedenen Kombinationen.

Ihr Verhältnis zum menschlichen Körper verstehen wir am besten, wenn wir erstens die verschiedenen atmosphärischen Einflüsse und zweitens die Funktionen desjenigen Organs kennen, welches uns von derselben abschließt und wiederum mit ihr verbindet, nämlich des Hautorgans.

Die Luft äußert eine mehr oder weniger starke Wärme- resp. Kältewirkung.

Diejenige Luft, welche höhere oder niedrigere Temperaturen, als die augenblickliche Hauttemperatur hat, wirkt als ein Reiz von der Oberfläche aus, ruft die sogenannte Reaktion hervor. Je größer die Reizwirkung ist, d. h. je mehr die Lufttemperatur von der Hauttemperatur sich entfernt, um so stärker ist auch die Reaktion von seiten des Körpers.

Diese Reizwirkung ist für den Kältereiz eine etwas andere als für den Wärmereiz. Beide reizen die Empfindungs- und die Gefäßnerven; leiten den Reiz zu den nervösen Zentralorganen und wirken von dort aus umstimmend und verändern daselbst den Blutumlauf, sie verändern reflektorisch die Peristaltik im Verdauungsapparat und die Tätigkeit der Eingeweide, sie beeinflussen die Herz- und Gefäßarbeit, sie verändern Atmung und Körpertemperatur, kurzum sie wirken von der Oberfläche aus reflektorisch in die Tiefe auf alle Organe. Ist diese Reizwirkung eine vorübergehende und der Kraft des Körpers individuell angepaßte, so wird die Anregung zu erhöhter Lebensbetätigung die Folge sein, ist der Reiz ein mehr gleichbleibender, nicht wechselnder oder für die Reaktionskraft zu starker in seiner Höhe oder seiner Dauer, so wirkt er ermüdend, abspannend, erschlaffend und lähmend. Bei fortdauernder Wärmewirkung wird der Körper von der Oberfläche aus mehr und mehr mit Wärme geladen bis zur vollkommenen Wärmestauung, auf welche der Körper dann mit erhöhter Verdunstung des Körperwassers und mit Schweißausbruch antwortet und damit den Ausgleich zur Norm anstrebt.

Bei fortdauernder Kälteeinwirkung auf den Körper kommt es zur abnormen Abkühlung von der Oberfläche aus, die mehr und mehr in die Tiefe eindringt. Aber auch gegen die Gefahr der Durchkältung hat der trainierte Körper Schutzvorrichtungen.

Die Wärme- und Kälteeinwirkung der Luft ist jedoch für denjenigen Körper der abgehärtet ist, d. h. welcher sich an die verschiedenen Temperaturen gewöhnt hat, niemals eine Gefahr und niemals eine Verminderung der Lebensenergie, sondern stets eine Mehrung derselben. Denn die Lufttemperatur ist in jeder Sekunde eine etwas andere, stetig stuft sie sich nach oben oder unten ab, und jede Veränderung derselben bedeutet stets einen neuen Lebensreiz. Denn die Luftkomponenten sind vielfache und sich gegenseitig verändernde, so daß auch die von ihnen ausgehende Wirkung auf den Körper eine wechselnde, vielseitige und anregende sein muß. Und gerade in dem steten Wechsel und Ineinandergreifen der Luftfaktoren liegt das Charakteristische des sogenannten Luftbades.

Die Wissenschaft hat bisher nur die einzelnen Faktoren der Luft isoliert betrachtet und zu hygienischen und Heilzwecken benutzt, z. B. die Sonnenwirkung in ihren Eigenschaften der Wärme und des Lichtes, die Luftverdichtung und Luftverdünnung etc., nicht aber in ihrer Gesamtwirkung und ist deshalb zu einer Kenntnis und Bewertung des Luftbades bisher noch nicht vorgedrungen. Würde dieselbe aber den Luftfluß, die Luftelektrizität, die Luftfeuchtigkeit, die Luftgerüche u. s. w. berücksichtigt haben, so würde sie zu der Erkenntnis gekommen sein, daß die Luft für den menschlichen Körper der mannigfachste aller Lebensreize ist, der durch seine Vielseitigkeit stetig die Lebensenergien vermehrt. Man gehe nur aus der Sonne in den Schatten und bemerke den Gegensatz der Temperaturen, man trete nur auf die freiliegende Ebene aus dem Walde heraus, der Schutz vor dem Winde bietet, um die bald mildere, bald gewaltigere Massagewirkung der Luftbewegung am Körper zu fühlen, wie sie die heiße, warme oder kalte, trockene oder feuchte Luft in den Körper zu pressen sucht, wie sie den Körper austrocknet oder die Oberfläche spröde oder feucht oder warm oder kalt macht; man bemerke, wie wir die Muskeln anspannen müssen um dem mehr oder minder starken Luftdruck zu begegnen. Dieselbe Luftbewegung, die wir als Druck der veränderten Temperatur an unserem Körper fühlen, sehen wir sie nicht mit unseren Augen und hören dieselben nicht mit unseren Ohren deutlich vor uns, wie der Wind heult, wie die Bäume rauschen, das Meer braust und wogt, wie die Blumen die Köpfchen neigen, wie die Wolken jagen! Riechen wir nicht die uns zugewehten Gerüche! Allein dieser Anreiz unserer Sinnesnerven genügt, um schon mehr oder minder starke Bewegungen unserer Seele hervorzurufen.

Aber noch vielseitiger ist der Luftreiz. Kombinieren wir die Sonnen-, die Temperatur- und Luftflußwirkungen mit denen der Luftfeuchtigkeit in ihren verschiedenen Abstufungen. In der feuchten Luft können wir sämtliche Bäder nehmen, die wir sonst nur in den Wasser-Badeanstalten zu bekommen gewöhnt sind. Kalte und warme Wasser-Bäder von kurzer oder langer Dauer, wechselnd in ihrer Temperatur mit stärkerer oder schwächerer Wasser-Bewegung, gleichsam ein Wellenbad oder Regendouche oder Strahlendouche, mit mehr oder weniger Elektrizität oder chemischer Lichtkraft geladen.

Fügen wir schließlich noch den Faktor der Luftelektrizität zu allen bisherigen, von der wir wissen, daß sie bei jeder Temperatur besteht, daß sie mit ihrer Erhebung bei nebligem Wetter zunimmt, daß ihre Niederschläge bald positiv, bald negativ elektrisch sind, daß sie in ihrer Positivität und Negativität wechselt, daß sie eine tägliche Periode hat. Da wir ferner wissen, daß auch der menschliche Körper elektrische Ströme beherbergt und daß unser Hautorgan in wechselndem Grade die Elektrizität zurückhält und aufnimmt, so sind wir auch berechtigt anzunehmen, daß unser Körper von der Luftelektrizität beeinflußt wird, auch wenn wir die speziellen gesundheitlichen Gesetze noch nicht wissenschaftlich erforscht haben.

So sehen wir denn, daß sämtliche Reizarten, die wir zur Unterhaltung des Lebens nötig haben, in der Luft enthalten sind, nämlich der thermische, chemische, mechanische, elektrische und physiologische Reiz. Haben wir den Körper mit sämtlichen gymnastiziert, so ist er an die dieselben gewöhnt, d. h. gesund, hat er sich derselben entwöhnt, so ist die Reaktion darauf eine quantitativ aber qualitativ veränderte und der Körper krank. Wie die Entwöhnung dieser Lebensreize den Körper siech macht, so läßt ihn die Gewöhnung an dieselben wieder gesunden.

5. Die Arbeitsleistung der menschlichen Haut.

Bekanntlich sondert die Haut, welche beim Erwachsenen eine Größe von 112 qm hat, stetig feste, flüssige und gasförmige Stoffe ab. Die in dauernder Abschilferung begriffenen Hornschichtsschüppchen, die ausfallenden Haare, der von den Talgdrüsen abgesonderte Hautschmer, welcher Haare und Haut einfettet und geschmeidig erhält, der von den ca. 2 Millionen Schweißdrüsen abgesonderte Schweiß sind solche Absonderungsprodukte. Mit dem Schweiß verlassen Farb- und Riechstoffe, sowie Selbstgifte den Körper. Die Hautatmung ist eine nicht unerhebliche: Gasförmig entströmen der Hautpforte Kohlensäure und Wasserstoff und wird Sauerstoff in geringer Menge vom Körper aufgenommen. Die Kohlensäureausscheidung ist zwar für gewöhnlich nur gering, nämlich nur 13-12% der gesamten Kohlensäure-Elimination; sie kann jedoch mit zunehmender Außentemperatur und bei Körperbewegung bis zum neunfachen wachsen. Die Wasserdampfabgabe durch die Haut ist dagegen eine bedeutende. Während 24 Stunden beträgt sie im Ruhezustand des Körpers 7-800 gr, steigt jedoch bei Bewegung leicht auf 1500-2000 gr und darüber. Mit dem Körperwasser verlassen Kochsalz, Harnstoff, Fette, flüchtige Fettsäuren, Cholesterien, Rodan und andere noch nicht studierte, teils spezifisch riechende, teils giftige Stoffe den Körper. Die hohe Giftigkeit des Schweißes steht unzweifelhaft fest und wird durch Körperarbeit ebenso wesentlich erhöht wie sein Gehalt an Bakterienkeimen. Die Haut vollzieht demnach die Funktion der Drainage (Trockenlegung) und der Entgiftung des Körpers.

Nun entzieht aber jedes Liter Wasser, das bei 37° C verdampft wird, dem Körper 580 Kalorien Wärme (unter Kalorie versteht man diejenige Wärmemenge, welche nötig ist, um 1 Kilogramm Wasser von 0° auf 1° Celsius zu erwärmen).

Die Haut wird also durch die Wasserabgabe zu einem vorzüglichen Kühlapparat des Körpers. Die Einrichtung zur Wärmeabgabe wird durch die Fähigkeit der Haut, direkt Wärme auszustrahlen und auszuleiten vervollkommnet. Andererseits ist die Haut die Vermittlerin der Wärmezufuhr von außen, die unter Umständen eine größere sein kann als die der Wärmeabgabe. Dadurch ferner, daß das Hautorgan ein großes Blutgefäßnetz besitzt, das bei maximaler Erweiterung ein Drittel des Gesamtblutes aufnehmen kann, und dieses Blutreservoir je nach Bedarf weit und eng eingestellt werden kann, ist der Körper im stande an der Oberfläche Wärme aufzunehmen oder abzugeben, Kälte, Wind und Nässe von sich fern zu halten. Vermittels feinsinniger Nerven vermag der Körper diese sogenannte physikalische Wärmeregulation aufs prompteste einzustellen; denn sie zeigen feiner als die besten Barometer, Thermo-, Anemo- oder Hygrometer, die geringsten Wetterkombinationen und Wetternuanzen an, vorausgesetzt, daß man sie geübt hat. Unwillkürlich richtet sich der Körper nach dieser Wetteranzeigevorrichtung, indem er z. B. bei Kälte oder feuchter, windiger Luft einerseits die Wärmeabgabe durch Zusammenziehung der Blutgefäße und der gesamten Haut verhindert und andererseits die Muskeln durch Zittern, Frostschauer etc. in Bewegung bringt und auch sonst das Gefühl erweckt, durch willkürliche Bewegungen Wärme zu erzeugen.

6. Beeinträchtigung der Arbeitsleistung des Hautorgans durch die Kleidung.

Bedenkt man alle diese wichtigen Lebensfunktionen des Hautorgans, die der Atmung, der Trockenlegung der Gewebe, der Entgiftung, der Kühlung und der Heizung, sowie schließlich der Wettereinstellung des Körpers, so versteht man leicht, daß ein Aufhören ihrer Funktion gleichbedeutend mit dem Aufhören des Lebens ist. Ja es braucht nicht einmal die Gesamtoberfläche der Haut, sondern nur ein größerer Bezirk derselben funktionsunfähig gemacht zu werden, wie dies so häufig bei oberflächlichen Verbrennungen statt hat, und der Tod tritt ein.

Jede Behinderung der Hautfunktion führt zu Störungen der Körperfunktionen in mehr oder weniger hohem Grade, so unter andern auch durch unsere moderne Bekleidung.

Es ist experimentell von Schierbeck nachgewiesen worden, daß je mehr der Körper bekleidet ist, um so mehr die Wasserdampfabgabe desselben eingeschränkt wird. Damit ist aber bewiesen, daß durch die Kleidung die Drainage- und Entgiftungsfunktion des Hautorgans, sowie die der Wärmeregulation nicht unwesentlich beeinträchtigt wird. Es steht wissenschaftlich ferner fest, daß der unbekleidete Körper, weil die Luft ein schlechter Wärmeleiter ist, durch Leitung nur ganz geringe Mengen Wärme verliert, dagegen durch Strahlung dreimal mehr. Dieser Wärmeverlust durch Strahlung ist jedoch nicht so bedeutend, als man von vornherein annehmen sollte, weil ja die Luft 20-25mal schlechter Wärme leitet als das Wasser.

Erst die durchfeuchtete Luft leitet besser und steigert den Wärmeverlust durch Strahlung, welcher aber nach Prof. Rubner durch Bestrahlung der Sonne selbst bei geringem Hochstand derselben in reichlichem Maße kompensiert wird.

Die durchsonnte Luft kompensiert also den eventuellen Nachteil der Luftdurchfeuchtung.

Bei feuchter Luft, selbst wenn dieselbe von stärkeren Niederschlägen begleitet ist, hat der nackte Körper außer dem Schutz der Sonnenbestrahlung noch den der Fettigkeit der Haut. Denn dieselbe sorgt dafür, daß z. B. der Regen schnell an ihr abfließt, und der Körper so vor zu großen Wärmeverlusten bewahrt bleibt.

Durchwindete Luft schützt bei mittleren und höheren Temperaturen den unbekleideten Körper vor zu großen Wasserverlusten und läßt Temperaturen, die die Körpertemperatur übersteigen, leichter ertragen.

Bei warmer aber windiger Luft beginnt der Körper frühzeitiger unwillkürliche Muskelbewegungen wie Zittern, Zusammenschauern etc. auszuüben und ist leichter aufgelegt, auch willkürlich die Muskeln zu bewegen als bei windstiller, warmer Luft. Beide Arten der Bewegung erzeugen Körperwärme, gleichen also den durch den Wind erzeugten Wärmeverlust durch stärkere Wärmeproduktion aus.

Der Körper hat aber, wie wir gesehen haben, in dem großen Blutgefäßnetz der Haut eine Kühl- oder Wärmevorrichtung je nach Bedarf.

Bei windiger kalter, oder windiger nasser Luft zieht er die Blutgefäße zusammen, drängt das Blut in das Körperinnere und verhindert so eine abnorme Abkühlung, bei windiger warmer Luft läßt er die Blutgefäße sich später erweitern als bei windstiller warmer Luft, weil er die Blutwärme ja länger festhalten muß und läßt er frühzeitiger unwillkürliche und willkürliche Bewegungen ausführen, als bei windstiller warmer Luft, weil er ja früher auf die Erzeugung von Körperwärme angewiesen ist.

Die Fähigkeit der Haut sich für jede mögliche Lufttemperatur einzurichten, bedeutet demnach für den Körper einen Sonnen-, Nässe-, Wind-, Kälte- und Wärmeschutz.

Der unbekleidete Mensch ist, vorausgesetzt, daß er gesund und sein Hautorgan ein durch die verschiedenen Wetterkombinationen geschultes ist, stets dem Bekleideten gegenüber im Vorteil. Gegen das etwaige Zuviel des Lichtes der Sonne, hat er die Bräunung, gegen Regen die Fettigkeit, gegen Wind, Kälte und Wärme die Erweiterung oder Verengerung der Hautblutgefäße. So kann z. B. bei hohen Kältegraden der nackte Mensch wärmer als der bekleidete sein, denn die Kleidung ist nur solange ein Wärmeschutz, als sie selbst noch warm ist. Ist sie erst einmal kalt geworden, so muß der Mensch durch Bewegung, Nahrung etc. eine größere Wärmemenge erzeugen, einmal um den Körper selbst wieder auf die gewünschte Temperaturhöhe zu bringen, zweitens um die kalt gewordene Kleidung zu erwärmen. Kalte Kleidung entzieht dem Körper ziemlich erheblich Wärme, zumal wenn dieselbe durchfeuchtet ist. Die Kleidung tritt also nur da in ihr Recht, wo es gilt, dem Körper den produzierten Wärmevorrat zu erhalten.

Ein ähnliches Verhältnis ist bei hoher Lufttemperatur der Fall; auch hier muß der Körper eine doppelte Leistung vollbringen, nicht blos sich selbst, sondern auch die Kleidung abkühlen.

So schnell als der Witterungswechsel in jeder Minute es erfordert, kann man die Temperatur und den Feuchtigkeitsgehalt nicht abändern; eine gut trainierte daher wetterfeste und regulationsfähige Haut vermag diese Leistung aber blitzschnell für jede Wetterkombination zu vollbringen.

Dem Bekleideten kommt der produzierte Schweiß für die Abkühlung nicht völlig zu gute. Denn wie gelegentlich anstrengender Uebungen nachgewiesen worden ist, enthält die Kleidung häufig 6-8000 gr Wasser, welches bis in die äußeren Kleiderschichten eindringt. Daselbst erfolgt die Verdampfung nur zum Teil auf Kosten des Körpers, vielmehr auf Kosten der umgebenden Luft. Diese vom Körper aufgebrachten Schweißverluste sind für den bekleideten Körper also nutzlos und sind bei wasserdampfreicher Luft sogar zu fürchten, weil dann die Verdampfung in der den Körper direkt umspielenden Luftschicht gehindert ist.

Die mit Schweiß imprägnierte Kleidung ist wegen ihres Reichtums an Toxinen und Bakterien eine Infektionsgefahr, sowohl für den Träger selbst, als auch für seine Mitmenschen, eine Brutstätte aller möglichen Krankheitskeime.

Die durchschweißte oder auch von außen durchnäßte Kleidung bietet die Gefahr der Erkältung für einen in Bewegung Gewesenen, wofern dieselbe nicht rechtzeitig durch trockene ersetzt wird, sobald der Körper in Ruhe kommt. Denn die nachträgliche Verdampfung entzieht dem Körper, der während der Ruhe pro Stunde höchstens 80 Kalorien produziert, viele hundert Kalorien, führt also zur abnormen Abkühlung des Körpers. Die Durchblutung des Hautorgans während der Bewegung macht einer plötzlichen Blutleere in der Ruhe Platz, bedingt also eine plötzliche Blutüberfüllung der Eingeweide und stellt plötzlich und abnorm hohe Anforderungen an die Regulierfähigkeit des Hautorgans.

Und so sehen wir denn tatsächlich, daß bei kühler Witterung unsere unbekleideten Teile häufig wärmer sind als die bekleideten, so wird uns der Regen und Schnee auf den unbekleideten Körperstellen weniger lästig als in unserer Kleidung, die wir möglichst bald abzulegen suchen, so sehnen wir uns bei heißer, sonniger Witterung darnach, den Körper zu entblößen und alle die Vorteile, die Licht und Wärme der Sonne bringen, an unseren Körper heranzulassen. Denn die chemische, bakterientötende, stoffwechselanregende, die Wärme und lebenerwirkende Kraft des Lichtes ist ja nicht nur in der Heilwissenschaft, sondern auch in weiten Laienkreisen bekannt.

Andrerseits bietet die Kleidung dem Menschen selbstverständlich auch viele Vorteile, die für unsere heutige Kultur nicht zu unterschätzen sind. In der Rauhkeit unseres Klimas sind wir auf dieselbe angewiesen. Denn nur in der warmen Jahreszeit könnten wir dieselbe bei beruflicher Tätigkeit zur Not auf längere Zeit entbehren. Wir können aber z. B. eine sitzende Beschäftigung während der kühlen Jahreszeit nicht ohne Schaden für unseren Körper unbekleidet ausüben. Die Kleidung tritt überall da in ihr Recht, wo dem Körper durch unsere Lebensgewohnheiten, durch die Art der Beschäftigung die Gelegenheit genommen wird, genügend Wärme zu produzieren, wo sie uns hilft, mit dem produzierten Wärmevorrat Haus zu halten.

Nun könnte man den Einwurf machen, daß die zeitweilige Lüftung des nackten Körpers im Luftbade zwar für das sonnige Griechenland, nicht aber für unsere rauhen klimatischen Verhältnisse geeignet sei. Dieser Einwurf besteht jedoch nicht zu recht. Denn leben nicht noch heute die Feuerländer in ihrem bekanntlich sehr rauhen Klima (Jahresmittel der Temperatur ist 6,2°) dauernd fast nackt? Und hat nicht das Massenexperiment unserer deutschen Luftbadler den Gegenbeweis bereits erbracht?

7. Welchen Nutzen hat der kranke Mensch vom Luftbade?

Um die Frage, ob der kranke Mensch Nutzen vom Luftbade hat, korrekt zu beantworten, müßte ich eigentlich ein Buch für sich schreiben. Der Rahmen dieser Blätter gestattet nur eine mehr summarische Beantwortung.

Nur wenige Hautkranke gibt es, welche bei richtiger Ausnutzung des Luftbades von demselben keinen Vorteil haben. Alle diejenigen Patienten, denen die Haut brennt, schmerzt, juckt und sonstige abnorme Empfindungen verursacht, finden sehr schnelle Linderung und schließlich Heilung, wenn sie Schattentemperaturen und die kühleren Temperaturen der Frühjahrs-, Herbst- und milderen Winterszeit benutzen. Je nach dem Kräftezustand des Körpers und nach dem Kältegrad und Luftfluß der Atmosphäre sollen sich die stärkere oder schwächere allgemeine Körperbewegung machen. Das Hautorgan wird durch den Wetterreiz einerseits und durch die Muskelbewegung andererseits in Bewegung gebracht, gymnastiziert. Durch diese direkte und indirekte Hautgymnastik, die gleichzeitig die Vorteile der Körpergymnastik und der Abhärtung mit sich bringt, wird die Ursache der abnormen Hautempfindungen beseitigt. Die kühlen Lufttemperaturen wirken bei denjenigen Kranken, die infolge einer akuten Hautentzündung ein ausgesprochenes Gefühl der Hitze und der Spannung haben, ebenfalls ungemein angenehm und heilend. Diese entspannende und kühlende Luftwirkung kann man durch zuvoriges Einölen mit irgend einem gereinigten Oel erheblich unterstützen. Auch da wo die Haut rauh und rissig geworden ist, soll man zuvor tüchtig und wiederholt einölen, sonst würde sie namentlich bei etwas stärker bewegter Luft noch rissiger und eventuell blutend. Diese Behandlung empfiehlt sich besonders bei Rotlaufkranken, die jede Temperatur und jede Lichtstärke der Luft benutzen können, nur die Oelung der Haut vorausgesetzt. Einen auffallend schnellen und unkomplizierten Verlauf beobachtet man bei allen denjenigen Fieberkranken, welche gleichzeitig einen Ausschlag am Körper zeigen, der im ursächlichen Zusammenhang mit der Fiebererkrankung steht, z. B. bei Masern-, Scharlach-, Pocken-, Typhuskranken, die vorwiegend einer Sonnenbehandlung unterworfen werden. Umhüllt man diese Kranken mit dünnen porösen roten Schleiern, schützt ihre Augen durch farbige Gläser, läßt sie selbstverständlich in absoluter Ruhelage und wechselt je nach der Intensität der Körperreaktionen mit Schattentemperaturen und leichteren Wasserapplikationen, so ist ihre Genesung eine schnellfortschreitende und vollständige.

Die Kranken, deren Haut das Symptomenbild des sog. Exzems mit oder ohne bakterielle Komplikation zeigt, bedienen sich in allen Stadien der Erkrankung mit Vorteil des Lichtbrandes, dem sie sich in möglichst ausgiebiger Weise viele Stunden aussetzen. Nässung, Schuppung etc. verschwinden, die kranke Haut wird auf dem Wege der Entzündung durch eine neue gesunde Haut ersetzt. In ähnlicher Weise gesunden Kranke, bei welchen in das geschwächte Hautorgan von außen Bakterien eingedrungen sind und dort ihr Parasitenleben auf Kosten des Organismus führen. Besonders deutlich sichtbar ist die Genesung der Kranken mit Schuppenflechte. Auch bei denjenigen Menschen, deren Haut wassersüchtige Schwellung zeigt, erweist sich die ausgiebige Belichtung und die windige heiße trockene Luft als unschätzbares Heilmittel. Die vorteilhafte Behandlung Lupuskranker und Patienten mit Hautkrebs mit dem Sonnenbrand ist wohl allgemein bekannt.[7] Auch Hautwunden und selbst tiefere Wunden, die von der Oberfläche aus zugänglich sind, heilen unter Besonnung und Eintrocknung ungemein schnell und ergeben ebenso wie bei Lupus und Hautkrebskranken schöne glatte Narben. Auch die Wintersonne genügt in ihrer Intensität, wofern man nur ausgiebig die wenigen Sonnenscheinstunden ausnutzt.

[7] Vergl. Rieder, Prof. Dr. H., Die bisherigen Erfolge der Lichttherapie. Verlag von Ernst Heinrich Moritz, Stuttgart. Preis 75 Pfg.

Von auffallend günstiger Wirkung ist die Luftbadbehandlung bei allen Stoffwechselkranken; sie ist am stärksten an lichtvollen, windigen Tagen, zumal wenn sie mit individueller Körpergymnastik und individuell angepaßten Wassermaßnahmen vereinigt wird. Zuckerkranke, Fettsüchtige, Rheumatiker, Gichtiker, Blutarme, Bleichsüchtige, Rhachitische, Skrofulöse etc. verlieren relativ schnell die fehlerhafte Verarbeitung der Körperstoffe.

Bei denjenigen Menschen, bei welchen der Stoffwechsel derart darniederliegt, daß sie schlecht ernährt und siech sind, empfiehlt sich eine häufige leichte Massage in der Sonne.

Bei Nervenkranken ist vorzüglich das farbige Licht je nach dem Erregungszustand der Nerven zu wählen. Diejenigen Centren, welche den Sitz der Erkrankung darstellen, sind besonders vor den chemisch wirksamen Strahlen zu schützen und erst allmählich an dieselben zu gewöhnen. Kühlere Temperaturen, besonders der frühen Morgenstunden werden von Nervösen im Luftbade im Allgemeinen angenehmer empfunden und wirken schneller erholend. Fernhalten aller Luft- und Licht-Kontraste, verbunden mit absoluter Ruhe und öfteren einförmigen Reizen im Anfange, sodann bei fortschreitender Erholung Gymnastik der Sinne durch Naturbeobachtung, verbunden mit Atemgymnastik im Liegen, sodann mit leichter Streichmassage und Passiv- und Förderungsbewegungen, sodann Aktiv-Bewegung durch Nacktbeschäftigungsbehandlung der Gartenarbeit, dazu milde Wasserbehandlung und schließlich systematisch aufsteigende aktive Freiluftgymnastik, bis Gewöhnung an sämtliche Luftfaktoren, so besonders auch an ausgiebige Lichtfülle und starke Licht-Luftkontraste eingetreten ist und eine energische Körperbetätigung spielend geleistet wird, garantieren die Heilung. Neben dieser Behandlung ist eine seelisch individuell angepaßte Suggestionstherapie mit eventueller Benutzung der Hypnose anzuraten. Lungenschwache sollen vorsichtige Lungengymnastik zunächst unter teilweiser Entblößung treiben und scharfe Luftkontraste vermeiden, allmählich dreister werden, bis das Hautorgan als Hülfslunge genügend erzogen ist. Besonders Schwindsüchtige mit und ohne Tuberkelbazillencomplikation sollen so vorsichtig beginnen und anfangs warme, trockene, staubfreie, womöglich ozonreiche und lichtstarke Luft bevorzugen.

Von längeren Freiluft-Liege-Kuren habe ich weniger Vorteil gesehen. Ist die Neigung zu reichlichen Schweißen und zu Blutungen vorüber, dann sollen sie dreist jede Lufttemperatur und jeden Luftwechsel selbstverständlich staubfreie Luft und stärkere Atemgymnastik und schließlich Allgemeingymnastik und Dauerlauf zur Genesung benutzen. Eine vorsichtige örtliche und später allgemeine Wasserbehandlung begünstigen die Genesung. Patienten mit Lungenerweiterung sollen bei erschwertem spärlichem Abhusten feuchte Luft bevorzugen und hauptsächlich forcierte Ausatmungsgymnastik betreiben im Gegensatz zum Einatmungs- und Atemhalten-Training Schwindsüchtiger. Die erfolgreiche Freiluftbehandlung Keuchhustenkranker ist wohl bekannt genug, um hier noch weiter erörtert zu werden.

Von geradezu verblüffendem Erfolg ist die Freiluftbehandlung Herzkranker, bei welchen man das Herz durch blaue Herzkühler schützt. Auch bei ihnen beginne man mit milderen Temperaturreizen, obwohl man die Wärme- und Lichtstauung des Körpers nicht sonderlich zu fürchten braucht. Hat der Herzkranke Gelenkerscheinungen, rheumatische Schmerzen, Blausucht, Eiweißharnen, wassersüchtige Symptome, so schalte man ebenso wie bei Nierenkranken feuchte und kalte Luft in der Behandlung aus, man denke jedoch daran, daß der Kranke nicht eher als gesundet betrachtet werden kann, als bis er auch an diese Luftfaktoren wieder gewöhnt ist. Massagebehandlung, individuelle Wasserbehandlung, Diät, passive und Förderungsgymnastik, später Aktivgymnastik, besonders der Rotationsbewegungen der Extremitäten (keine Rumpfgymnastik), Atmungstraining sind unterstützende Heilfaktoren.

Infektions-, Vergiftungs- und Verdauungs-Kranke der verschiedensten Art sind nicht minder erfolgreich bei richtiger Ausnutzung der Lichtluftfaktoren als unterleibskranke Frauen; bei jenen sind die örtlichen hydrotherapeutischen und insbesondere die diätetischen Maßnahmen, bei diesen neben örtlicher Hydrotherapie (Wasserbehandlung) vor allem die Thure Brandt-Massage und Gymnastik unterstützende Hilfsmittel.

Selbstverständlich ist es wohl, daß diejenigen Menschen, deren Krankheitserscheinungen wir mit dem Namen der Erkältungskrankheiten bezeichnen, gerade durch Anwendung der Luftfaktoren am schnellsten genesen und durch Gewöhnung an die Luftfaktoren einer Wiederkehr der krankhaften Reaktionen ihres Körpers vorbeugen.

Nicht unwichtig ist der Umstand, daß diejenigen Menschen, die unter der Behandlung der Luftfaktoren ihre Gesundheit wiedergewonnen haben, mit denselben umgehen und ihrer individuellen Körperveranlagung anpassen lernen, also den guten Zustand ihres Körpers zu erhalten wissen und diese Gesundheitsarbeit spielend und frohsinnig in bester seelischer Verfassung geleistet wird.

8. Das Licht-Luftbad eine soziale Forderung.

In Rücksicht auf die gesundheitlichen Schädigungen, die die Beschränkung des Licht-Luftgenusses für das Einzelindividuum und für die Gesamtheit hat, muß man auf Abhilfe sinnen. Diese Uebelstände zu mildern resp. zu beseitigen, ist Aufgabe der Licht-Luftsportbäder.

Die Erfahrung in unseren modernen Sanatorien und in dem einzigen Krankenhaus des deutschen Reiches, welches vorurteilsfrei das Lichtluftbad als Heilfaktor benutzt, (es ist dies das Kreiskrankenhaus Groß-Lichterfelde bei Berlin unter Leitung des Geheimen Medizinalrat Professor Dr. E. Schweninger) hat gezeigt, daß eine große Zahl kranker Menschen allein durch den richtigen Gebrauch der Luft in den Luftbädern gesunden, daß sie aber in vielen Fällen wegen des Mangels bestehender Luftbäder ihrem Bedürfnis nach Lüftung später nicht mehr genügen können und von neuem erkranken. Es fehlt ihnen also das gesunderhaltende Mittel.

Für die Lösung vieler Gesundheitsfragen, z. B. der Tuberkulose- oder der Carcinomfrage, sowie für die Menschen dichtbewohnter Großstädte, ist die Schaffung derartiger Licht-Luftsportplätze ein dringendes Erfordernis.

Die hygienische Forderung der Luftbäder besteht für jeden Beruf zu Recht, für Reich und Arm, für Mann und Weib, für Kind, Jüngling und Greis, für Turner, Soldaten und für alle, welche irgend einem Sport huldigen.

So ergeben sich die sozialen Vorteile von selbst.

Ein abgehärtetes, seuchenfestes Volk, das seine Freude in natürlichen Genüssen sucht, den Luft- und Naturgenuß eintauscht gegen die so zweischneidigen Freuden des Alkohols, Nikotins, der geschlechtlichen Exzesse und anderer Genüsse, ist der Gefahr der Rasseentartung erheblich weniger ausgesetzt als eine immer mehr und mehr verweichlichende, genußsüchtige Bevölkerung.

Die Wehrfähigkeit des deutschen Volkes würde nicht unerheblich durch die Einrichtung von Luftbädern erhöht werden.

Die praktische Reformierung des Gasthauswesens würde durch Luftbäderanlagen wesentlich gefördert und erleichtert.

Das deutsche Turnwesen, alle Arten des Sports, das Schul-, Sport- und militärische Training würden gesundheitlich und ästhetisch gestaltet.

Die sozialen Gegensätze würden gemildert. Denn dem nackten Körper fehlen die Insignien von Reich und Arm, und das gemeinsame Ziel, den Körper im gemeinsamen, wagemütigen Spiel gesund und schön zu gestalten, wozu der Luftgenuß den unbekleideten Körper einladet, erhöht das Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Volksgenossen.

Die wenigen Luftbadeanstalten, die bisher im Reiche bestehen, haben praktisch bewiesen, daß dieselben stark besucht werden, daß die Besucher, je länger sie den Luftgenuß hatten, desto gesunder wurden, daß sie mehr und mehr im steigenden Kraftgefühl den frischen Wagemut fanden, den nur das Vertrauen auf die eigene Kraft und Gesundheit schaffen, daß sie an Stelle der Genußsucht die Mäßigkeit setzten.

Die Luftbadeanstalten sind schließlich nicht nur eine hygienische und soziale Forderung, sondern auch eine Forderung der Aesthetik.

Der nur an den Hüften bekleidete Mensch, bei welchem etwaige Unebenheiten des Körpers nicht durch die Kleidung verdeckt werden, der andere nackte, schönheitliche Körper vorbildlich im Luftbade sieht, sucht alsbald seiner Eitelkeit folgend seinen Körper schönheitlich zu gestalten. Er benutzt die körperliche Uebung zur Modellierung seines Körpers und übt im Gegensatz zum Gipfelturner oder Radfahrer oder Berufsathleten nicht nur einzelne Muskeln, sondern sämtliche Muskelgruppen in harmonischer Weise. Die Einseitigkeit jener, die sich in übermäßiger Dicke der Arme bei gleichzeitiger Dünne der Beine oder umgekehrt, oder in irgend welchem Mißverhältnis der Körperproportionen zeigt, imponiert dem Nacktübenden nicht, er erkennt das Unschöne mehr und mehr und ruht nicht eher, bis er die Schwäche und das Häßliche seiner Körperformen beseitigt hat. So wird er allmählich, je schöner seine Körperformen sich modellieren, selbst ein schöner Vorwurf für den Künstler (s. Titelbild).

Dabei lernt das Auge des Beschauers, der zuvor das Nackte als anstößig und unsittlich betrachtete, dieses wieder als sittlich, rein und schön auffassen.

Der griechische Künstler, der in den Palaestren den in der Nacktheit schön gebildeten Körper in Ruhe und Bewegung dauernd vor Augen hatte und darum vorbildlich Schönes schaffen konnte, hat vor dem deutschen Künstler dann nichts mehr voraus. Das Auge des Künstlers, sowie jedes Beschauers, wird schönheitlich erzogen, die Sinne werden veredelt, die Kunst wird mehr und mehr Allgemeingut.

Die Einrichtung von Luftbädern ist nun aber tatsächlich ein Bedürfnis weiter Volksschichten geworden.

Das geht vor allem daraus hervor, daß sich zahlreiche Vereine mit derartigen Bestrebungen in fast allen größeren Städten des deutschen Reiches gebildet haben, die unter dem Namen des „Deutschen Vereins für vernünftige Leibeszuchtbekannt sind, daß Privatleute aus eigenen Mitteln im Kleinen derartige Luftbäder an vielen Orten schufen, daß Zeitschriften entstanden, welche ähnliche Forderungen aufstellten. Die beste und bekannteste Zeitschrift dieser Art ist „Kraft und Schönheit”.

Endlich ist darauf hinzuweisen, daß die Einrichtung von Luftbädern dem Staate keine wesentlichen Kosten verursachen würden. Turnplätze, Kasernenhöfe, Spielplätze inmitten und an der Peripherie der Städte sind zur Genüge vorhanden; eine etwaige Umzäunung der Plätze, Angliederung an Badeanstalten und Armierung mit Turn- und Sportgeräten erfordern nur ganz geringe Mittel. Turn- und Schullehrer, welche mit den für den Licht-Luftgebrauch nötigen Vorsichtsmaßregeln bekannt gemacht werden müßten, sind in genügender Zahl vorhanden. Eine höhere Belastung des Etats wäre also unnötig, Ersparnisse an anderen hygienischen Instituten sehr wahrscheinlich. Als Beispiel und Vorbild ist das städtische Freilicht-Luftbad Münchens anzuführen, welches diese Stadt an eine Volksbadeanstalt angliederte. Das Luftbad war bei einem Eintrittspreis von 10 Pfennig trotz des regnerischen Sommers von einer täglichen Mindestzahl von 500 Besuchern frequentiert. An den Sonntagen stieg die Besucherzahl bis auf 900. Das Terrain erwies sich für das ungeheure Bedürfnis, obwohl es eine Größe von 400 Quadrat-Ruten hatte, als viel zu klein und soll deswegen um das vierfache vergrößert werden.

9. Praxis des Nacktturnens.

Nachdem wir die Gesetze der Bewegung, des Lichtes und der Luft und ihre Einwirkung auf den menschlichen Körper kennen gelernt haben, steht es außer Frage, daß Leibesübungen jeder Art logischer Weise nackend betrieben werden müssen.

a) Die Notwendigkeit des Nacktturnens.

Durch die Gymnastik wird schneller als durch die Bewegungen des täglichen Lebens Aufbau und Abbau der Stoffe des Körpers erzielt; trotzdem lernt derselbe, sich den Uebungen anzupassen, und produziert weniger Ermüdungsstoffe, je ausdauernder er trainiert wird. Diese sind, wie Erfahrung und Experiment bewiesen haben, Giftstoffe. Je schneller dieselben entfernt werden, um so schneller ist die Erholung. Der menschliche Körper ist vergleichbar dem Ofen. Beschickt man denselben mit Heizmaterial und schließt frühzeitig die Ofenklappe, so wird das Feuer nur langsam glimmen und allmählich ausgehen und viel unverbrannte Schlacken zurücklassen; öffnet man dagegen die Ofenklappe, gewährt also der Luft ausgiebigsten Zutritt in den Ofen, so wird das Feuer lustig und hell aufflackern und das Heizmaterial vollkommen und ohne Bildung von Schlacken verbrennen. Wenn im menschlichen Körper die Millionen Oeffnungen der Haut zum Eintritt für Licht und Luft offenstehen, so wird auch das Lebensfeuer hell brennen und alle, auch die schwerverbrennbaren Heizstoffe des Körpers vollkommen verbrannt werden. So wird die Bildung von Belastungs- und Ermüdungsstoffen hintangehalten, so aber auch für eine schnelle und ausgiebige Erholung gesorgt. Denn die Giftstoffe treten ungehindert an die Oberfläche des Körpers und werden hier durch die Desinfektionskraft des Lichtes unschädlich gemacht, von der Feuchtigkeit der Luft, dem Regen etc. abgewaschen, von dem Winde verweht. Gleichzeitig erfolgt von denselben Naturkräften der stete Antrieb zu erneuter Bewegung. So sehen wir denn auch in der Praxis die Nacktgymnastik sich als eine charakteristisch unbelastete vollziehen. Geist und Seele sind freudig animiert, der Körper arbeitet spielend. (Fig. 35, 36, 37, 38.) Die Krafterzeugung, der schönheitliche Aufbau und die Erziehung des Körpers zur Ausdauer, geschehen ungehindert und vollkommener.

b) Die Hilfsmittel des Nacktturnens.

Der Nacktturner hat nun zur Erlangung einer gesundheitlichen Entwicklung seines Körpers zu Kraft und Schönheit mehrfache Hilfsmittel. Sobald er in irgend einem Teile des Körpers die Ermüdung fühlt, tut er gut, sich denselben zu streichen und zu reiben, d. h. sich selbst zu massieren. Er bringt durch die Selbstmassage die Ermüdungsstoffe zur schnellen Aufsaugung und wird wieder schnell übungsfähig.

Ein weiteres Hilfsmittel ist die richtige Anwendung des Wassers. Wenn der Körper durch die Bewegung und unter dem Einfluß des Lichtes und der Luft in den Zustand erhöhter Reaktionsfähigkeit gekommen ist, unterstützt man die Abhärtung, d. h. die Anpassung des Körpers an sämtliche Licht-Luftfaktoren, die durch das Luftbad an sich schon in hohem Maße erzielt wird, durch den systematischen Gebrauch des Wassers. Man beginne nicht gleich mit schroffen Temperaturgegensätzen, sondern mit Temperaturen, welche der Körpertemperatur ziemlich nahe kommen und gehe erst allmählich entsprechend der Individualität des Körpers zu extremen Temperaturen über, bis man jede beliebige Temperatur ertragen gelernt hat. Man wähle auch nur kurzdauernde Wasserprozeduren z. B. milde Douchen auf Brust und Rücken in Dauer von 10-15 Sekunden, Halbbäder in Dauer von 6-8 Sekunden etc. und ähnliche Prozeduren. Die mit der Wasseranwendung verbundene Reinlichkeit des Körpers ist ein weiterer Gewinn desselben. Sehr wichtig ist für die Benutzung des Wassers, namentlich wenn man dasselbe kalt gewählt hat, die Sorge für schnelle Wiedererwärmung des Körpers in der einen oder anderen Weise, durch Bewegung, Umhüllung, Besonnung etc.[8]