Aber der eine wie der andere sind beides Erscheinungen, die unserer Welt angehören; sie haben beide ein Anrecht auf unsere Aufmerksamkeit, obwohl aus einem ganz natürlichen Grunde das, was wir seltener sehen, unsere Phantasie weit stärker erregt, und so ist der Umstand, daß der Dichter das Gewöhnliche dem Ungewöhnlichen vorzieht, nichts anderes als eine falsche Rechnung des Dichters — eine falsche Rechnung gegenüber seinem zahlreichen Publikum — aber freilich nicht gegenüber sich selbst. Dadurch verliert er nicht, nein, er gewinnt vielleicht sogar noch an Wert, allerdings wohl nur in den Augen einiger weniger Sachkundiger. Bei dieser Gelegenheit fällt mir eine Geschichte aus meiner Kindheit ein. Ich hatte immer eine gewisse Leidenschaft für die Malerei. Ich interessierte mich besonders für eine Landschaft, die ich gemalt hatte, und in deren Vordergrunde sich ein verdorrter Baum erhob. Ich lebte damals auf dem Lande, die Kunstkenner und die Richter, die über mich zu urteilen hatten, waren meine Nachbarn. Einer von ihnen warf einen prüfenden Blick auf das Bild, schüttelte den Kopf und sagte: — „Ein guter Künstler wählt sich immer einen schönen, schlanken Baum mit jungen, frischen Blättern und nicht einen vertrockneten.“ In meiner Kindheit verdroß es mich, solche Urteile zu hören, aber später habe ich daraus eine Lehre gezogen: man muß wissen, was der Masse gefällt und was ihr nicht gefällt. Die Werke Puschkins, die aus der russischen Natur herauswachsen, sind ebenso still und leidenschaftslos, wie die russische Natur. Nur der kann sie ganz verstehen, dessen Seele wahrhaft russische Elemente in sich trägt, der Rußland seine Heimat nennt, dessen Geist so zart organisiert ist und dessen Gefühl so fein zu empfinden gelernt hat, daß er die scheinbar unbedeutenden russischen Lieder und den russischen Geist nachempfinden kann; denn je alltäglicher der Gegenstand ist, desto höher muß der Dichter stehn, um aus ihm das Ungewöhnliche an die Oberfläche zu ziehen, und zwar so, daß dieses Ungewöhnliche zugleich die lauterste Wahrheit darstellt. In der Tat: sind Puschkins letzte Werke auch in ihrem ganzen Werte erkannt worden? Hat auch nur einer den Boris Godunow richtig verstanden und seine Bedeutung begriffen, dieses große und tiefe Werk, voll innerer, unnahbarer Poesie, das jeden groben, bunten Schmuck verschmäht, der der Masse ins Auge sticht. Jedenfalls ist nie ein richtiges Urteil über diese Werke gedruckt worden, und sie sind bis heute so gut wie unbeachtet geblieben.
In seinen kleinen Schriften, dieser herrlichen Anthologie ist Puschkin außerordentlich vielseitig, hier erscheint er noch umfassender und bedeutender als in seinen Dichtungen. Einzelne von diesen kleinen Werken haben etwas so Packendes und Blendendes, daß sie ein jeder verstehen kann, aber der weitaus größte Teil unter ihnen, und zwar die allerschönsten erscheinen der großen Masse unbedeutend und gewöhnlich. Um sie zu verstehen, muß man einen ganz besonderen Spürsinn und einen viel feineren Geschmack haben, als ihn ein Mensch besitzt, auf den nur die allergrößten und hervorstechendsten Züge wirken. Hierzu muß man der groben, schweren Speisen längst überdrüssig, man muß in gewissem Maße Sybarit sein, dem nur kleine Vögel von der Größe eines Fingerhuts oder solche Gerichte Genuß gewähren, deren Geschmack dem fade, seltsam und unangenehm erscheinen muß, der an die Gerichte seines Kochs, eines Leibeigenen vom Lande, gewöhnt ist. Diese Sammlung seiner kleinen Gedichte stellt eine Reihe blendender Bilder dar. Es ist jene klare Welt, erfüllt von jenen Zügen, die nur den Alten bekannt waren, jene Welt, in der die Natur so lebendig zu uns spricht und sich so hell wiederspiegelt, wie in der silbernen Flut eines Flusses, aus dem plötzlich ein blendendweißer Nacken, schneeweiße Hände und ein Alabasterhals, umschattet von nachtschwarzen Locken — oder kristallene Trauben, Myrten und schattige Haine leuchtend emportauchen, als wären sie für das Leben geschaffen. Hier ist alles beisammen: Genuß, Einfalt und ein plötzlicher Höhenflug des Gedankens, der die begeisterte Seele des Lesers plötzlich mit heiligem Schaudern umfängt.
Das sind keine Kaskaden einer Rhetorik, die nur durch Wortreichtum gefällt und in denen ein jeder Satz nur deshalb so wuchtig wirkt, weil er sich mit andern verbindet und durch das Getön der ganzen Masse betäubt, aber einzeln betrachtet, schwach und inhaltsleer erscheint. Hier fehlt jede Beredsamkeit, hier gibt es nur Poesie. Es fehlt jeder äußere Glanz, alles ist einfach, anständig, von nur innerer Klarheit erfüllt, die sich jedoch nicht sofort offenbart. Hier ist alles lakonisch, wie die wahre Poesie es immer ist. Es sind immer nur wenige Worte, aber sie sind so treffend, daß sie alles sagen. In jedem Worte liegt ein ganzer unendlicher Abgrund beschlossen, jedes Wort ist so unerschöpflich wie der Dichter selbst. So kommt es, daß man diese kleinen Werke immer wieder liest, während dieser hohe Vorzug einem Werke fehlt, in dem der Grundgedanke allzu klar hervorleuchtet. Es war mir immer merkwürdig, Urteile von Männern, die den Ruf von Kunstkennern und Literaten hatten, über diese Werke zu hören; hatte ich ehemals doch viel auf sie gegeben, ehe ich ihre Ansichten über diesen Gegenstand kennen gelernt hatte. Man kann diese kleinen Werke einen Prüfstein nennen, an dem man den Geschmack und das ästhetische Gefühl des Kritikers messen kann. Aber seltsam! Man sollte meinen, diese Gedichte müßten jedem verständlich sein! Sie sind so schlicht und zugleich erhaben, so glühend und leuchtend, so sinnlich und zugleich doch wieder so kindlich rein. Wie könnte man sie nicht verstehen? Aber ach, es ist eine unerschütterliche Wahrheit: je mehr ein Poet ein wahrer Dichter ist, je mehr er nur die Gefühle darstellt, die nur ein Dichter kennt und empfindet, um so handgreiflich kleiner wird der Kreis der ihn umgebenden Menge, ja er wird schließlich so eng, daß man zuletzt die Zahl seiner wahren Bewunderer an den Fingern abzählen kann.
1832.
Ich werde immer traurig, wenn ich die neuen Bauten sehe, die unaufhörlich vor unseren Augen entstehen, für die Millionen verschleudert werden und von denen nur die allerwenigsten den erstaunten Blick durch Größe des Entwurfs, Eigenart und Kühnheit der Phantasie, oder auch nur durch die Pracht und die blendende Buntheit der Ornamente fesseln. Und unwillkürlich drängt sich einem der Gedanke auf: sollte die große Epoche der Architektur wirklich endgültig dahin sein? sollten wirklich Genialität und Größe nie wieder bei uns einkehren? oder sind das Vorzüge, die nur jungen von Energie und Enthusiasmus erfüllten Völkern eigen sind, die noch nichts wissen von der langweiligen und leidenschaftslosen Bildung? Warum erheben sich aber dann jene Völker, auf die wir in unserer Selbstzufriedenheit so geringschätzig herabsehen und denen wir kaum einen Platz in der Weltgeschichte einräumen wollen, durch die Schöpfungen ihres finsteren und durch keinen Funken von Wissen erleuchteten Verstandes so hoch über uns? Warum sind denn dann die kolossalen Statuen der Inder so ungeheuer und grandios, warum sind die Baudenkmäler der Araber so herrlich und prächtig? Und wie konnten in Europa während des Mittelalters so viele Bauten von so wunderbarer Größe entstehen? Wie ungern unterwirft man sich der Überzeugungskraft dieser Überlegung, aber alles spricht dafür, daß sie wahr ist. Sie sind vorüber — diese Jahrhunderte, als noch der Glaube, der heiße inbrünstige Glaube alle Gedanken, alle Geister und alles Tun und Trachten auf ein Ziel hinlenkte, als noch der Künstler beständig danach strebte, seine Schöpfungen dem himmlischen Ideal immer mehr anzunähern; zu ihm allein trieb es ihn und schon wenn er seiner ansichtig wurde, erhob er fromm die zum Gebet gefalteten Hände. Seine Gebäude strebten zum Himmel empor, die schmalen Fenster, die Säulen und Pfeiler und die hohen Gewölbe streckten sich in die Höhe, durchbrochen und durchsichtig wie ein Spitzengewebe, schwebte gleich einer Rauchsäule der spitze Turm darüber, und der majestätische Dom erschien gegenüber den Wohnhäusern der Menschen so gewaltig und erhaben, wie das Streben unserer Seele gegenüber den Trieben unseres Leibes.
Es gab einst eine wunderbare christlich-europäisch-nationale Architektur — wir aber haben sie verlassen, aufgegeben und vergessen wie etwas Fremdes und sie geringschätzig behandelt wie etwas Plumpes und Barbarisches. Ist es da ein Wunder, daß sich Europa schon nach drei Jahrhunderten eifrig auf alles mögliche stürzte, gierig alles Fremde annahm, die herrliche antike römische und byzantinische Bauart bewunderte und sie in seiner Weise verunstaltete; Europa wußte nicht, daß es mitten in seinem Herzen Wunderdinge gab, mit denen verglichen alles, was es bisher gesehen hatte, gering erscheint, es wußte nicht, daß es einen Mailänder und Kölner Dom in sich beherbergte, und daß noch heute die Steine des unvollendeten Turms vom Straßburger Münster verwittern.
Die gotische Architektur, jener gotische Stil, der sich am Ende des Mittelalters herausbildete, ist eine Schöpfung, wie sie der Geschmack des Menschen und seine Phantasie noch niemals hervorgebracht hat. Mit Unrecht will man sie von dem arabischen herleiten. Die Grundzüge dieser beiden Stile gehen weit auseinander; von der arabischen Architektur entnahm die gotische nur die Kunst, der schweren Masse eines Baus eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen und sie mit wunderbaren Ornamenten zu schmücken, aber selbst der reiche Schmuck nahm bei ihr ganz andere Formen an. — Sie ist erhaben und umfassend wie das Christentum! Hier finden wir alles vereinigt: einen Wald von schlanken, hoch über unsere Häupter hinaufstrebenden Pfeilern, gewaltige, schmale Fenster in den verschiedenartigsten Variationen und mannigfachen Rahmen und dazu diese ungeheure, kolossale Masse, die durch eine bunte Menge kleiner Ornamente belebt wird; diese leichten Spinngewebe des Schnitzwerks, das das Ganze in sein Netz einhüllt, es von der Basis bis zur Turmspitze umspinnt und mit ihm gen Himmel zu fliegen scheint: Majestät und Schönheit, Pracht und Schlichtheit, Schwere und Leichtigkeit — das sind Vorzüge, die nur die Architektur der damaligen Zeit zu vereinigen verstanden hat. Wenn man ins heilige Dunkel eines solchen Domes eintritt, wo das Licht phantastisch durch bunt gemalte Scheiben bricht, und seine Augen dorthin emporhebt, wo die mächtigen Pfeiler sich begegnen, kreuzen und schließlich ganz zu verlieren scheinen, daß man ihr Ende nicht absieht, dann ist es nur natürlich, daß man in seiner Seele unwillkürlich etwas von dem Schauer der Gegenwart des Heiligen verspürt, an das selbst der kühne Verstand nicht zu rühren wagt.
Doch — sie ist verschwunden, diese herrliche Architektur! Als der Enthusiasmus des Mittelalters erloschen war, als die Gedanken der Menschen sich immer mehr zersplitterten und sich auf eine Menge anderer Ziele richteten, als die Einheit und Ganzheit des einen Zieles verschwand, da verschwand zugleich mit ihnen auch Größe und Erhabenheit. Die Kräfte zersplitterten sich und wurden immer schwächer. Man begann plötzlich auf allen Gebieten eine Menge der wunderbarsten Dinge zu produzieren, aber etwas wahrhaft Großes, etwas Gigantisches gab es nicht mehr. Eine Anzahl von Bewohnern des byzantinischen Reiches waren aus ihrer, von den Muselmännern besetzten, lasterhaften Hauptstadt entflohen und verdarben nun den Geschmack der Europäer und ihre kolossale Architektur. Die Byzantiner hatten damals schon längst ihren klassischen alten attischen Geschmack verloren, ja, sie hatten sich nicht einmal den alten byzantinischen erhalten und brachten nur noch elende Reste ihres degenerierten Stiles nach Europa mit. Sie versuchten es, die runden, heidnischen, zauberischen, wollüstigen Formen ihrer Kuppeln und Säulen dem Christentum anzupassen, aber sie machten das ebenso ungeschickt, wie sie das Christentum ihrem heidnischen, altersschwachen und jeder Spannkraft entbehrenden Leben angepaßt hatten. Die Kuppel streckte sich empor und nahm eine fast eckige Gestalt an. Die schlanken Linien der Giebel erschienen merkwürdig gebrochen und führten zu nichtssagenden Formen. Die in dieser Weise verunstaltete byzantische Architektur gelangte nach Europa, wo sie ihrerseits noch weiter verändert wurde, weil die Europäer noch die ursprüngliche gotische Idee und Vorstellung in ihrer Seele trugen, die der schwächlichen Vielseitigkeit der Griechen so sehr widersprach. Damals entstanden jene massiven Paläste mit ihren sinnlosen Säulen und Halbsäulen; das alles war zaghaft und kleinlich, das war keine Pracht, sondern nur eine mißgestalte Schlichtheit. Eine Menge mythologischer Köpfe und sinnloser Verzierungen, die an der schweren Masse klebten, verliehen ihr darum doch keine Leichtigkeit, milderten keineswegs ihre schroffen Linien durch einen Zusatz von Zartheit und drückten keinen Gedanken aus. Das Streben nach oben, das den schwersten Massen Leichtigkeit und Erhabenheit verliehen hatte, war verschwunden. Statt dessen wuchsen sie jetzt in die Breite.
Aber die Kirchen, die im XVII. und im Anfang des XVIII. Jahrhunderts gebaut wurden, lassen die Idee ihrer Bestimmung noch weniger erkennen. Bei ihrem Anblick hat man, wie es scheint, dasselbe Gefühl, wie wenn ein roher Mensch sich die Allüren eines feinen Weltmannes zu geben sucht. In ihnen vereinigte sich die gerade Linie in geschmackloser Weise mit der geschwungenen und krummen. Trotz der halbgotischen Form ihrer ganzen Masse haben sie den gotischen Charakter ganz eingebüßt. Die Fenster sind klein und stehen dicht gedrängt nebeneinander oder sie sind ohne jede Harmonie auf eine große Fläche verteilt. Die Pilaster ziehen sich nicht mehr durch die ganze Länge des Baues hin, sondern sind entweder oben unter der Kuppel oder aber in der Mitte der Mauer angeklebt, sie sind kurz, plump und tragen häufig noch ein zweites Stockwerk ebensolcher kleiner und häßlicher Säulenreihen. Die Linie des Daches ist gleichfalls gebrochen; dabei hält man häufig noch an dem gotischen Turm fest, aber es ist nicht mehr der leichte, durchbrochene, durchsichtige Turm, der unter der Hand der mittelalterlichen Künstler eine so ästhetische Gestalt annahm. Jetzt ist er massiv, schwerfällig und strebt auch gar nicht mehr zum Himmel empor. Alles, was an das längliche, aufstrebende gotische Detail erinnerte, wurde nunmehr als geschmacklos verworfen.
Obgleich der Geschmack im Laufe des XVIII. Jahrhunderts etwas besser wurde, haben wir darum noch nichts gewonnen; denn diese Besserung vollzog sich innerhalb der Fesseln fremder Formen. Die gotische Schwere wurde mit Recht verpönt, in ihrer Mischung mit der griechischen Form war sie häßlich bis zur Unmöglichkeit. Jetzt begann man mit noch größerem Eifer die Antike zu studieren. Aber man tat es, wie es ängstliche Schüler tun, die die kleinsten Einzelheiten des Originals mit peinlicher Sorgfalt kopieren und darüber die Idee des Ganzen vergessen. Man nahm einzelne Teile heraus und klebte sie an die ungeheure Masse und überlud diese mit ihnen, die dadurch einen bis dahin geradezu unerhörten Mangel an Einheitlichkeit und Harmonie aufzuweisen begann. Die Säulen und Kuppeln, die uns ehedem am meisten entzückt hatten, wurden bei jedem Gebäude ganz ziel- und zwecklos und an jeder nur möglichen Stelle angebracht. Sie bildeten nicht mehr den Grundgedanken des Bauwerks, sondern nur noch seine Teile oder — besser gesagt — seinen Schmuck. Wir vergrößerten die Dimensionen des Gebäudes immer mehr, während wir die Kuppel im Verhältnis zum Ganzen immer kleiner werden ließen. Wir betrachteten das Gebäude, das wir zum Modell gewählt hatten, nicht aus einer gewissen Entfernung und durch das Vergrößerungsglas, sondern wir sahen es aus der Nähe, und die Kuppel wurde ganz klein und verschwand vor dem Ganzen. Und da wir nun dieses einsame Thronen hoch über dem Gebäude als leer empfanden, so fügten wir schnell noch ein paar weitere hinzu, setzten dem Gebäude noch einige Türme auf, die über sie hinausragten, und die Kuppeln bekamen eine gewisse Ähnlichkeit mit Pilzen. Die Kuppel, dieses schönste und herrlichste Produkt des Geschmacks, wenn sie anmutig und leicht geschwungen das ganze Gebäude beherrscht und strahlend mit ihrer wolkigen Oberfläche auf der ganzen weißen Masse ruht, verschwand vollständig. Ich liebe die Kuppel, jene wundervolle, gewaltige, schwach gewölbte Kuppel, die der reiche Geschmack der Griechen im alexandrinischen Zeitalter und nach ihm im Jahrhundert der Genußsucht und des Egoismus wieder erstehen ließ. Dieses Jahrhundert einer raffinierten Lebenszerstückelung, das Jahrhundert der leichten, duftigen Wollust, der Trägheit und Üppigkeit atmenden Anthologie, wo ein jeder nur sich selbst angehörte, für sich selbst und nicht für die Gesellschaft lebte, und wo über den herrlichen, prächtigen öffentlichen Bädern sich überall diese Kuppel erhob, kühn geschwungen wie das Himmelsgewölbe. Nichts kann die Masse der Häuser so selig und so wundervoll krönen, wie eine solche Kuppel; aber sie darf nur über einem Gebäude ruhn, das sich unermeßlich in die Breite dehnt und einen möglichst großen Flächenraum umspannt. Sie muß auf seinem ganzen großen Grundriß ruhn, sie muß heller als das Gebäude selbst und womöglich ganz weiß sein. Dieses blendende Weiß verleiht ihrer leicht geschwungenen Form einen unbegreiflichen Zauber und eine herrliche Fülle, und sie rundet sich dann noch wunderbarer und luftiger im Himmelsblau. Noch heute haben die Städte von Syrien und Äthiopien einen ganz ungewöhnlichen Reiz, weil sich in ihnen noch einzelne Kuppeln dieser Art erhalten haben. Und auch gegenwärtig noch kann man im Orient eine ganze Menge von großartigen Exemplaren finden.
Der Portikus mit seinen Säulen, dieses leuchtende Erzeugnis des harmonischen, attischen Geschmacks, der keinerlei Überbau über sich duldete, ist uns gleichfalls verloren gegangen. Man kam nicht auf den Gedanken, ihn ins Kolossale zu steigern, ihn über die ganze Breite und Höhe des Gebäudes auszudehnen. Man hat ihn nicht in die Breite entwickelt und auch nicht vergrößert, sondern man wandte ihn in seiner gewöhnlichen Form an. Ist es da ein Wunder, daß Gebäude, die eines mächtigen Portikus bedurft hätten, leer erschienen, da nur über den Portalen einige auf Säulen ruhende Giebel angebracht wurden. Die in Kirchen und Palästen über ihm aufgebauten Massen und Türme, die seinem Charakter gar nicht entsprachen, erdrückten und vernichteten ihn vollends. So ist auch ein Dichter, der kein großes Genie besitzt, stets unzufrieden mit einem einfachen Sujet, und statt es neu zu entwickeln und ins Große zu steigern, verkoppelt er es mit einer ganzen Reihe anderer. Seine Dichtung wird durch die Buntheit der verschiedenen Gegenstände nur belastet, aber es fehlt ihr an einem beherrschenden Gedanken, und so bildet sie kein harmonisches Ganzes mehr.
Zu Beginn des XIX. Jahrhunderts begann sich plötzlich die Idee der attischen Schlichtheit zu verbreiten, sie wurde — wie das immer zu geschehen pflegt — zur Mode und legte ihren Stempel auf alles, selbst auf die Kleider der Frauen, die sich in leichte nachlässige Hetärengewänder verwandelten. Man hätte meinen können, die Zeit hätte sich noch weiter in das Studium der Antike vertiefen und ihren Geist noch umfassender ergründen müssen, und doch trug alles, was nach ihrem Vorbild erbaut wurde, den Stempel des Kleinlichen und Miniaturhaften. Man lernte wohl die Kunst, die Teile miteinander zu verbinden und zu harmonisieren, nicht aber die, dem Ganzen Größe zu verleihen und ihm die Proportion zu geben, die das Staunen und die Bewunderung des Beschauers erregen konnte. Diese neue Strömung gab sich fast ausschließlich in der Errichtung kleiner Lauben, Gartenpavillons und ähnlichen Spielereien aus. Diese Dinge hatten wohl mancherlei Attisches an sich, aber man mußte sie durch das Mikroskop betrachten. Bei großen öffentlichen Gebäuden dagegen hielt man es nicht für nötig, sich von diesem Stil leiten zu lassen; und so wurde dieser schließlich primitiv und einfach bis zur Plattheit. Eine überaus schädliche Richtung in der Architektur führte zu der Idee der Proportion, aber nicht zu der, die ein Gebäude in Beziehung auf sich selbst, sondern nur zu der, die es in Beziehung auf die es umgebenden Bauten haben muß. Das ist fast ebenso, wie wenn ein Genie sich von allem Originellen und Ungewöhnlichen fernhalten wollte, weil die gewöhnlichen Menschen sonst gar zu armselig und unbedeutend erscheinen würden. Diese Proportionalität bestand auch darin, daß ein Gebäude, so groß seine Dimensionen an sich auch sein mochten, unbedingt klein erscheinen mußte. Man isolierte es und suchte einen so gewaltigen und breiten Platz für es aus, daß es einen noch weit unbedeutenderen Eindruck machen mußte. Es war fast so, als gölte es vor allem, den Gedanken einzuprägen, daß das Große gar nicht groß sei, und als wollte man die Achtung und die Andacht vor dem Großen gewaltsam in der Seele ersticken und den Menschen gegen alles gleichgültig machen.
Man begann nun, allen städtischen Gebäuden eine ganz platte einfache Form zu geben. Die Häuser suchte man einander so ähnlich wie möglich zu machen, aber sie glichen mehr Scheunen und Kasernen, als heiteren Wohnstätten von Menschen. Ihre ganz glatte Form gewann durchaus nicht an Lebhaftigkeit durch die kleinen, regelmäßigen Fenster, die gegenüber dem ganzen Gebäude das Aussehen von zusammengekniffenen Augen annahmen. Und auf diese Architektur waren wir noch vor kurzem so stolz, hielten sie für die höchste Blüte des Geschmacks und erbauten ganze Städte in ihrem Stile. Wenn sich heutzutage jemand erkühnte, inmitten dieser glatten einförmigen Häusermassen einen Bau zu errichten, der den Stempel eines eigenartigen, scharf ausgeprägten Stiles trüge, oder unmittelbar neben ein Gebäude im attischen Geschmack ein anderes gotisches zu setzen — man würde ihn sicherlich für halb verrückt halten! Und darum haben ja auch die neuen Städte gar keine Physiognomie: sie sind alle so regelmäßig, so einförmig, so monoton; wenn man eine Straße kennen gelernt hat, fühlt man sich schon gelangweilt und verspürt durchaus keinen Wunsch, in eine zweite hineinzublicken. Das ist eine lange Reihe von Mauern und weiter nichts! Vergebens sucht das Auge nach einem Punkt, wo sich eine Mauer von der ununterbrochenen Reihe loslöst, in die Höhe schießt und in kühn geschwungener Wölbung nach den Wolken strebt oder in einen gewaltigen Turm ausmündet. Eine alte deutsche Stadt mit ihren engen Gassen, ihren bunten Häusern und ihren hohen Glockentürmen bietet ein Bild dar, das unserer Einbildungskraft weit mehr zu sagen hat; selbst die Ansicht einer morgenländischen Stadt mit ihren hohen schlanken Minaretts, ihren bunten orientalischen, ganz im Grün der Gärten ertrinkenden Kuppeln hat weit mehr Charakter und strömt mehr Poesie und Phantasie aus als unsere europäischen Städte mit ihrer modernen Architektur.
Große und kolossale Türme gehören unbedingt zu einer Stadt, ganz abgesehen von der großen Bedeutung, die sie für die christlichen Kirchen haben — sie bieten nicht nur einen schönen Anblick dar und dienen ihnen nicht nur zum Schmuck, sie sind auch darum so notwendig, weil sie einer Stadt ein scharfes charakteristisches Gepräge geben und die Rolle eines Leuchtturms spielen, der jedem den Weg weist und ihn davor bewahrt, sich zu verirren. Noch notwendiger sind sie für die Hauptstädte, da sie günstige Punkte darbieten, von denen aus man die Umgebung beobachten kann. Bei uns begnügt man sich gewöhnlich schon mit einer Höhe, die gerade ausreicht, das Stadtbild zu überblicken. Und doch wäre es für eine große Stadt von hervorragender Bedeutung, einen Überblick über eine Fläche von mindestens 150 Werst in allen Richtungen zu haben. Dazu würden wahrscheinlich schon ein oder zwei Stockwerke mehr genügen, und das Bild würde sich sofort ändern, denn bei der Erhöhung des Standortes nimmt die Peripherie des Horizontes in ungeheurer Progression zu. Die Hauptstadt gewinnt damit einen großen Vorteil, wenn ihr der Überblick über die Provinz gewährleistet wird und wenn sie die Dinge schneller vorauszusehen vermag; ein Gebäude, das das gewöhnliche Maß übersteigt, nimmt sogleich ein majestätisches Ansehen an. Auch der Architekt hat nur Vorteil davon, denn die Größe des Baues spornt seine Begeisterung zu höherem Fluge und regt seine Einbildungskraft lebhafter an.
Diese Richtung in der Architektur schien dagegen ihre Größe wie mit Absicht verbergen zu wollen, während sie doch gerade ihre Raumwirkung um so stärker hätte betonen sollen. Nein, das Gesetz der Größe ist ein anderes: ein Gebäude muß sich fast unmittelbar über dem Haupte des Beschauers bis ins Grenzenlose erheben, auf daß sich ein plötzliches Staunen seiner bemächtige, und er muß kaum imstande sein, die ganze Höhe mit den Augen auszumessen. Daher ist es immer besser, wenn ein Gebäude auf einem kleinen Platze steht. In diesen darf eine Straße münden, so daß man den Bau von ferne in perspektivischer Verkürzung übersehen kann; in der Nähe aber muß er eine überwältigende Größe haben. Es ist auch gut, wenn eine Straße an ihm vorbeiführt, wenn an seinem Eingangstor Wagen donnernd vorüberrollen, wenn sich Menschen um ihn drängen und durch ihre Kleinheit seine Größe noch gewaltiger erscheinen lassen. Gebt nur dem Menschen mehr Raum, und er wird höher und stolzer emporblicken auf die vor ihm liegenden Gegenstände. Alles wird ihm klein erscheinen. Wir sind so seltsam konstruiert; unsere Nerven sind so merkwürdig eingerichtet, daß nur das Plötzliche, das uns beim ersten Blick Betäubende uns erschüttert. Daher muß die Höhe eines Gebäudes im Verhältnis zum Platze, auf dem es steht, wachsen. Wenn es vom äußersten Ende des Platzes aus klein erscheint und der Beschauer nicht in Staunen und Verwunderung versetzt wird, sondern dazu erst näher herankommen muß, dann ist es nichts mit dem Gebäude, und zugleich damit sind die Mühen und die Kosten, die es verursacht hat, dahin.
Aber kehren wir zu der Schlichtheit des Stiles zurück, der unser XIX. Jahrhundert beeinflußt hat. Selbst die Griechen fühlten es, daß die ewigen geraden Linien und die vollkommene Schlichtheit bei einem Gebäude gar zu platt wirken müssen, besonders wenn eine größere Anzahl solcher Bauten nebeneinander stehen. Sie fühlten, daß die strenge Regelmäßigkeit und Einfachheit unbedingt in der nächsten Umgebung irgendeinen Gegensatz herausforderten, um originell zu wirken und aufzufallen. Und daher überwölbten sie ihre Häuser mit einem Laubdach. Und in der Tat, das blendende Weiß der geraden Wand oder des schlanken Giebels mit seinen Säulen hebt sich überaus schön von dem grünen Dunkel des Laubes ab. Denn es bildet einen Kontrast zu dem wolkigen Dickicht der Bäume, die ihre Zweige fast immer unregelmäßig, aber darum um so schöner darüber ausbreiten. Auch wenn ihre Gebäude von anderen Bauten umgeben waren und mitten in der Stadt standen, empfanden sie dies Übermaß an Schlichtheit und versuchten es daher, ihnen möglichst viel Abwechslung zu geben. Zunächst dachten sie an die Natur und an Bäume; aber in der Stadt ist der Baum ein teures Objekt, und so verfielen sie darauf, statt der glatten dorischen Säulen immer häufiger korinthische mit Kapitälen aus krausem Blattwerk zu verwenden; überhaupt kamen alle Völker instinktiv darauf, ihre Gebäude mit Blättern oder Weinranken und -trauben oder anderen Zieraten, die entfernt an Baumzweige erinnerten, zu schmücken. Sie folgten dabei blind und unwillkürlich einer dunkeln Eingehung ihres Geschmacks. In der gotischen Architektur spiegelt sich der Eindruck von einem dunklen Urwaldgestrüpp, wo seit unvordenklichen Zeiten nie der Schlag einer Axt ertönte, am deutlichsten wieder. Diese sich in unendlichen Linien verlierenden Ornamente, dieses Netz durchbrochenen Schnitzwerks ist nichts anderes als die ferne Erinnerung an den Baumstamm mit seinen Ästen, Zweigen und Blättern. Daher stelle man ruhig neben einen gotischen Bau eine griechische Architektur in ihrer schlichten Anmut. Sie wird zwischen ihnen dastehen wie in einer Umgebung von herrlichen, majestätischen Bäumen, und der griechische wie auch der gotische Bau werden dadurch noch an Reiz gewinnen. Die höchsten Effekte werden durch schroffe Gegensätze erzielt. Die Schönheit wirkt nie glänzender und auffälliger als im Kontrast; ein Kontrast wirkt nur dort häßlich, wo er das Produkt eines rohen Geschmacks oder richtiger des Mangels an jeglichem Geschmack ist; wo er dagegen unter der Herrschaft eines feinen und edlen Geschmackes steht, da ist er die Vorbedingung für alles andere und da wirkt er in gleichem Maße auf alle Menschen. Die einzelnen Teile stehen untereinander in einem harmonischen Verhältnis, nach demselben Gesetz, nach dem die hellgelbe Farbe mit der dunkelblauen, die weiße mit der hellblauen, die hellrote mit der grünen usw. harmonieren.
Alles hängt vom Geschmack und von der Kunst der Gruppierung ab, nur muß man es vermeiden, bei ein und demselben Gebäude verschiedene Geschmacksrichtungen und Stile miteinander zu vermischen. Man lasse ein jedes für sich ein Ganzes und Ursprüngliches bilden, dann darf der Gegensatz zwischen diesen eigenartigen Individuen und ihr Verhältnis zueinander schroff und kraftvoll sein. Je mehr Denkmäler der verschiedensten Baustile eine Stadt aufzuweisen hat, um so interessanter ist sie, um so häufiger wird sie die Aufmerksamkeit des Beschauers auf sich lenken und ihn dazu veranlassen, bei jedem Schritt stehenzubleiben und zu genießen. Wäre es denn etwa wünschenswert, daß der Spaziergänger in einem englischen Garten statt der langen Reihe überraschender Bilder immer nur denselben Weg wiederfände oder doch immer solche Alleen, die durch ihre Ausblicke so sehr an schon früher Gesehenes erinnern, daß sie einem längst bekannt vorkommen.
Wir bedürfen durchaus einer gewissen Toleranz; denn ohne sie ist in der Kunst nichts zu erreichen. Alle Stilarten sind schön, wenn sie in ihrer Art schön sind. Jeder Stil, der glatte und massive der Ägypter, der kolossale und bunte der Indier, der prächtige maurische Stil, der finstere durchgeistigte gotische, der anmutige griechische Stil — sie alle sind schön, wenn sie der Bestimmung des Baues entsprechen. Sie alle wirken majestätisch, wenn sie nur richtig verstanden werden.
Wenn man jedoch von mir verlangte, ich solle einem von diesen verschiedenen Baustilen einen entschiedenen Vorzug geben, so würde ich immer den gotischen wählen. Er ist rein europäisch, ein reines Erzeugnis des europäischen Geistes — und darum steht er uns auch am besten an. Seine wunderbare Erhabenheit und Schönheit übertrifft alle andern, aber ich flehe euch an, habt Mitleid mit ihm und verunstaltet und korrumpiert ihn nicht. Blickt häufiger hin auf den berühmten Kölner Dom, — da habt ihr ihn in seiner ganzen Vollkommenheit und Majestät. Weder die Antike noch die Moderne haben je ein herrlicheres Denkmal erschaffen. Ich ziehe die gotische Architektur auch noch darum vor, weil sie den Künstlern mehr Spielraum gewährt. Die Phantasie strebt lebendiger und feuriger in die Höhe als in die Breite; daher darf man den gotischen Stil auch nur bei Kirchen und solchen Bauten anwenden, die sich hoch zum Himmel emporrecken. Die Linien und die der Gesimse entbehrenden gotischen Pilaster müssen eng gedrängt das ganze Gebäude durchziehen. Keinesfalls dürfen sie zu weit voneinander abstehen, und niemals darf die Länge des Gebäudes seine Breite nicht mindestens um zwei- oder sogar dreimal überragen. Denn dann vernichtet es sich selbst. Richtet es auf, wie es dies verlangt, höher, immer höher, laßt seine Mauern emporstreben und dicht, wie von Pfeilen, Pappeln oder Föhren, von unzähligen Eckpfeilern umgeben sein. Nirgends darf es Horizontale und Ruhepunkte geben, nirgends Gesimse, die dem Ganzen eine andere Richtung verleihen und die Dimension des Gebäudes verringern. Alle Linien müssen vom Fundament bis zur Spitze ihre Richtung bewahren. Größere Fenster, von mannigfaltigster Form und kolossalen Verhältnissen! Eine leichte ätherische Spitze, und je mehr sich der Bau in die Höhe schwingt, um so durchsichtiger, schwebender muß er werden. Vor allem aber vergesse man die Hauptsache nicht: es darf kein Verhältnis zwischen der Höhe und der Breite bestehen. Das Wort „Breite“ muß völlig verschwinden. Hier gibt es nur eine gesetzgebende Idee: die Höhe.
Ich bin überzeugt, daß mancher einwenden wird, die Errichtung eines gar zu hohen Baues sei nutzlos: was wir brauchen, ist mehr Raum, die Höhe habe keinen Wert für uns und sei ein unproduktiver Aufwand von Material. Aber ich rate ja auch gar nicht dazu, diesen gotischen Stil bei Theatern, Börsen oder Vereinshäusern, wie überhaupt bei Bauten anzuwenden, die die Bestimmung haben, Sammelplätze für das Amüsement, für Händler und Arbeiter zu sein. Jeder wird mit mir einverstanden sein, daß es keinen erhabeneren, großartigeren und passenderen Stil für ein Wohnhaus des Christengottes gibt, als den gotischen. Wem aber würden wir dann entsagen? was aufgeben? Alles Erhabene, alles Gewaltige, bei dessen Anblick alle Gedanken sich auf ein Ziel richten und den Betenden von seiner niederen Hütte abziehen. Hier ist es vielleicht am Platze, sich der alten großen Wahrheit zu erinnern, daß das Volk nicht imstande ist, die Religion in derselben Reinheit und Körperlosigkeit zu erfassen, wie ein Mensch von höherer Bildung, daß auf den gemeinen Mann die sichtbaren Gegenstände den stärksten Eindruck machen und daß, je geringer diese Wirkung auf ihn, desto schwächer auch seine Begeisterung und sein einfältiger Glaube ist. Die Pracht versetzt den schlichten Mann in eine Art von Betäubung, und sie ist die einzige Feder, die den Wilden bewegt. Das Ungewöhnliche macht einen Eindruck auf jeden Menschen, aber nur dann, wenn es von schroffer Kühnheit ist und einem in die Augen sticht. Hier ist keine Sparsamkeit und kein Geiz am Platze, vielmehr würde die Sparsamkeit an dieser Stelle in ihr Gegenteil umschlagen, und der Vorteil, der sich aus ihr ergäbe, käme dem eines einzelnen Menschen gegenüber dem der ganzen Menschheit gleich.
Walter Scott war der erste, der den Staub von dem gotischen Stil entfernte und die Welt auf seine Vorzüge hinwies. Von da ab begann er sich rapide zu verbreiten. In England wurden alle neuen Kirchen im gotischen Stile gebaut. Sie sind sehr hübsch, sehr gefällig für das Auge, aber ach! es fehlt die wahre Größe, die uns in den großen Baudenkmälern der Vorzeit entgegentritt. Trotz der Spitzbögen über den Fenstern und trotz der Türme ist der wahrhaft gotische Charakter in ihnen nicht überall gewahrt, und oft entfernen sie sich zu weit von ihren Vorbildern. Einmal sind sie an und für sich schon nicht kolossal genug (ein großer Mangel bei einem gotischen Gebäude!) und ferner fehlt jener Wald vierkantiger, schlanker Pfeiler und Linien, die sich einträchtig durch den ganzen Bau hindurchziehen, oder er ist mit Bewußtsein beiseite gelassen worden, und die daher rührende Glätte verleiht ihnen unwillkürlich einen anderen Charakter.
Durch die machtvolle Sprache Walter Scotts begann der gotische Stil sich schnell überall zu verbreiten und überall einzudringen. Noch ehe er Zeit hatte, sich zu wahrer Größe zu erheben, wurde er kleinlich und spielerisch. Landhäuser, Schränke, Paravents, Tische, Stühle — alles wurde gotisch. Und die mächtigen und herrlichen Ornamente wurden zu allerhand Spielereien verwandt. Unser Jahrhundert ist so klein, unsere Wünsche und Neigungen sind so zersplittert, unsere Kenntnisse sind so enzyklopädisch, daß wir unsere Gedanken gar nicht auf einen einzigen Gegenstand zu konzentrieren vermögen. Und daher zerstückeln wir alles, was wir hervorbringen, indem wir lauter Nichtigkeiten und Nippes erzeugen. Wir besitzen die wunderbare Gabe, alles ins Kleinliche und Gewöhnliche herabzuziehen. Die ägyptische Architektur, deren ganze Wirkung auf ihren ungeheuren Dimensionen beruht, verwenden wir beim Bau von kleinen Brücken und Torbögen, deren Spitze ein vorüberfahrender Droschkenkutscher mit der Hand erreichen kann. Den gotischen Stil verwenden wir bei der Anfertigung von Ohrgehängen und Uhrgehäusen und den griechischen bei der Anlage von Gartenlauben. Dagegen bedienen wir uns bei großen öffentlichen Gebäuden einer Architektur, der man kaum einen eigenen Stil zuschreiben kann. Sie ist so sinnlos, stellt eine derartige unharmonische Verbindung von Teilen dar und verrät einen solchen Mangel an Phantasie, daß man sie unmöglich als einen eigenartigen charaktervollen Stil anerkennen kann.
Es gibt eine Goldader, von der man jedoch kaum weiß, daß sie existiert. Es gibt eine ganz eigene, besondere Welt, aus der Europa noch so gut wie gar nicht geschöpft hat. Das ist die orientalische Architektur, dieses Erzeugnis der reinen Phantasie, einer wunderbaren, glühenden orientalischen Einbildungskraft, die sich in Hyperbeln und Allegorien hüllt und das Leben und seine prosaischen Nöte flieht. Das Leben der Asiaten konnte sich nie so vielseitig entwickeln, wie das der Europäer, ihre Bedürfnisse waren nie so mannigfaltig und zahlreich wie die unsrigen, und daher ist es nur natürlich, daß ihre einfachen Wohnhäuser der Buntheit, Klarheit und Anmut entbehren. Sie stehen isoliert da, haben etwas Monotones und wirken ebenso langweilig durch den Mangel an jeglicher Idee, wie der Asiate selbst, während er ruht. Aber überall, wo die asiatische Prachtliebe, dieser herrliche, mächtige Prunk, der in ihren Märchen aufleuchtet, hingedrungen ist, überall, wo diese perlengeschmückte Tochter der orientalischen Phantasie hingelangte, da stehen auch heute noch wundersame, prächtige Paläste. Ihr Bau währte ganze Jahrhunderte. Ein ganzes Volk, eine ganze Nation arbeitete an ihrer Aufrichtung, und die Vorfahren glaubten an eine Vollendung durch die kommenden Generationen, wie an eine unausbleibliche Vorherbestimmung. Überall, wo diese allmächtige massive Prachtliebe oder der wilde Enthusiasmus ihrer ursprünglichen Religion Boden gewann, da türmten sich, durch ihre Riesendimensionen furchterzeugende Denkmäler auf, vor denen der Gedanke staunend verstummt, wenn man bedenkt, wie unbedeutend ihre Mittel und ihr Wissen und wie armselig ihre Maschinen waren, die sie zum Heben und Befestigen dieser schrecklichen Massen benutzten. Aber eine noch größere Bewunderung ergreift uns, wenn wir sehen, wie der halbwilde und noch ganz unkultivierte Mensch sich bei der Errichtung dieser gigantischen Bauten plötzlich entwickelt, von der Idee der Gottheit durchdrungen und begeistert wird, so daß er unwillkürlich seinen Geist aufleuchten läßt und der allmählichen jahrhundertlangen Bildungsarbeit vorauseilt.
Man werfe einen Blick auf diesen massiven, majestätischen Tempel von Tritschingur (Trichinopoli) der Indier, der seiner Größe nach wohl eins der bedeutendsten Gebäude darstellt. Diese pyramidenförmige Verjüngung der Masse nach oben, dieses allmähliche Kleinerwerden der Stockwerke, diese Unzahl indischer Säulengänge, die die Mauern umkleiden, diese übereinander getürmten Pilaster und Säulen, die den Eindruck machen, als klömmen sie aneinander hinauf, nur um so schnell wie möglich den Gipfel des ganzen Massivs zu erreichen — das alles ist das Erzeugnis eines ganz eigenartigen Geschmacks. Aber wenn der Tempel von Tritschingur (Trichinopoli) allzu schwerfällig ist und einen allzu heidnischen Charakter hat, so sehe man sich den wunderbaren Kutub-Minar an, dessen sich Dehli mit Recht rühmt. Ich kenne in der ganzen Welt keinen zweiten Turm, der bei einer fast attischen Schlichtheit so viel tiefe Schönheit ausströmte und in dem die Phantasie sich so rein und erhaben verkörperte. Wenn wir uns diesen Stil auch nicht vollkommen aneignen können, so könnten die Europäer doch mit Nutzen dieses pyramidale, kegelförmige Streben nach oben, diese charakteristische Eigentümlichkeit des indischen Stils bei ihren Bauten in Anwendung bringen.
Der orientalische Stil der Paläste ist ganz entgegengesetzter Art. Hier herrscht die asiatische Pracht vor. Das Gebäude dehnt sich stark in die Breite aus. Die gewaltige orientalische Kuppel ist entweder ganz rund oder sie wölbt sich wie eine wollüstige umgestülpte Vase; sie hat die Form einer Kugel oder sie beherrscht, reich beladen mit Schmuck und mit Schnitzwerk versehen, wie eine prunkvolle Mitra patriarchalisch das ganze Gebäude. Unten am Fuße friedigt ein ganzes Gehege von kleinen Kuppeln wie ein Reigen demütiger Sklaven die mächtigen Mauern ein. Auf allen Seiten erheben sich schmale Minarets, die durch ihre leichte, heitere Haltung einen wunderbaren Kontrast zu der gewichtigen majestätischen Form des ganzen Gebäudes bilden. So ruht der Mohammedaner in seinem weiten gold- und edelsteingeschmückten Gewande inmitten schlanker nackter Huris mit ihren blendend weißen Leibern.
Nirgends hat die Baukunst so verschiedene Formen angenommen wie im Orient. Man kann wohl sagen, daß hier jedes Gebäude ohne Rücksicht auf schon vorhandene Stilformen seine eigene Architektur ausbildete, oder richtiger, es entsprang aus ganz neuen Voraussetzungen, aus der Ahnung eines eigenen Stilgefühls, das mit den früheren nur eine entfernte Ähnlichkeit hatte und stets auf religiösen und nationalen Prinzipien beruhte. Ganz Indien ist mit herrlichen Bauten übersät; jeder Bau hat eine scharf ausgeprägte Eigenart, er trägt in so hohem Grade den Stempel seines eigenen Wesens, daß man ihn nie in einer gemeinsamen Kategorie mit den anderen unterbringen kann. Diese Unzahl mannigfaltigster Kuppelformen, die einander nie gleichen, diese Ornamente und Zieraten, die immer neu und immer voneinander verschieden sind — alles spricht von einer wunderbaren Phantasie, die sich niemals durch irgendwelche Regeln in Fessel schlagen ließ. Übrigens lag der Grund dieser Mannigfaltigkeit vielleicht in den zahllosen Sekten, die Indien erfüllten und eine ewige Opposition, eine beständige Reizsamkeit der Einbildungskraft zur Folge hatten. Aber von noch herrlicherer Pracht erfüllt, wie sie nur die orientalische Natur ausströmt, sind die Gebäude, die durch den arabischen Stil beeinflußt wurden. In Asien fand während jener verheerenden Zusammenstöße alter und neuer Völker, besonders aber derer, die den Islam bekannten, eine außerordentlich starke Vermischung der Stilarten statt, die besonders kühne Abweichungen zur Folge hatte. Aber niemals und nirgends hat sich die Kühnheit mit einer so wundersamen Pracht verbunden wie bei den Arabern; sie entnahmen der Natur alles, was sie an edelster Schönheit in sich birgt. Ihre Architektur hat nichts von dem Charakter undurchdringlicher Wälder; sie besteht ganz aus Blumen; sie ist mit Blumen geschmückt, sie ertrinkt in einem Meer von herrlichen üppigen Blüten, wie sie das zarte anmutige Tal Kaschmirs übersäen. Ihre geschnitzten Säulen sind mit Tulpen umwunden, ihr Schnitzwerk stellt Vergißmeinnicht, vierblätterige Blüten oder sich entfaltende Rosen dar. Ihre Galerien gleichen Palmenhainen, deren Wipfel sich zu Hallen wölben; alles verrät ihre außerordentliche Prachtliebe und ihren blühenden Geschmack. Diese Architektur scheint wie geschaffen für ein Leben, das dem Genuß geweiht ist, und für heitere, helle Wohnstätten der Menschen. Alles Finstere und Düstere ist hier restlos ausgestoßen. Jeder Baum ist so wunderbar und von einem zauberischen Reiz wie eine orientalische Schöne mit ihren schwarzen Augen, die wie Blitze funkeln, mit ihrem bunten Gewande, und ihrem kostbaren Halsgeschmeide.
Die orientalische Architektur weist etwas auf, was die Europäer noch niemals angewendet haben; das sind ihre Säulen, die nicht glatt, sondern vom Sockel bis zum Kapitäl mit bunten Zieraten versehen sind. Mitunter sind diese Säulen ganz durchbrochen und filigranartig: das Schnitzwerk durchdringt sie vollständig. Es ist dies die wundersamste Erfindung des orientalischen Geschmacks. Ein solcher Bau mag noch so massiv sein, die Säulen lassen ihn trotzdem beinah ätherisch erscheinen. Man könnte sich fragen, warum sollen wir diesen Stil nicht auch auf unsern Boden verpflanzen? Aber der Geist und der Geschmack des Menschen ist ein seltsames Ding: ehe er die Wahrheit erreicht, macht er so viele Umwege, begeht er so viel Torheiten, Verkehrtheiten und Sinnlosigkeiten, daß er sich nachher selbst über seinen Unverstand wundert. Europa hat sich um all diese Baudenkmäler nicht einmal gekümmert. Nur der Stil der Chinesen, den man wohl als den allerarmseligsten und kleinlichsten unter den Stilgattungen der orientalischen Völker bezeichnen kann, wurde gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts durch einen seltsamen Zufall zu uns herübergetragen. Es war noch gut, daß die Europäer ihn nach ihrer Gewohnheit sogleich beim Bau von kleinen Brücken, bei Pavillons, Vasen und Kaminen nachahmten, und daß es ihnen nicht in den Sinn kam, ihn bei großen Bauten anzuwenden. In der Tat hatte dieser Stil manche Vorzüge bei kleinen Nippessachen, weil die Europäer ihn sofort in ihrem Geiste vervollkommneten und ihm eine Anmut verliehen, die er an und für sich gar nicht besitzt. Fehlt es doch auch dem Volk, das ihn hervorbrachte, trotz seiner hohen Bildung, völlig an Energie.
Es gibt noch eine Stilart, die sich grundsätzlich von allen bisher erwähnten unterscheidet; es ist dies die Architektur der indischen und ägyptischen Katakomben, bei denen diese zwei Völker in so wundersamer Weise zusammentrafen und so Anlaß dazu gaben, eine ursprüngliche Verwandtschaft zwischen beiden anzunehmen. Ihr Hauptmerkmal ist ihre Schwere; hier vereinigt sich alles zu einer plumpen Masse, zu einem Klumpen. Das Gebäude ruht gewichtig, wie auf Elefantenfüßen, auf kurzen schweren Säulen, deren Dicke fast ebenso bedeutend ist, wie ihre Höhe. Hier kommt die Breite und die Masse zur absoluten Herrschaft. Es ist, als ob das ganze Gewicht der Erde in ihr zur Darstellung käme, der Erde in deren Innerem sich ihre plumpe Majestät versteckt. Das, was bei andern Stilarten ein Fehler ist, wird hier zu einem Vorzug. Diese unterirdische Architektur hat auch etwas Erhabenes, obwohl sie ganz andere Gedanken anregt. Hier wirkt das Gewicht nicht häßlich, sondern großartig, weil es die Grundidee des ganzen Gebäudes darstellt. Wenn sich ein Künstler die Aufgabe stellt, etwas Massives und Schweres zu schaffen, und wenn es ihm gelingt, so ist sein Werk sicherlich gut. Aber wenn er die Absicht hatte, etwas Schwerfälliges hervorzubringen, und etwas produziert, was gar nicht schwerfällig wirkt, oder umgekehrt, wenn er etwas Leichtes hervorbringen will, und statt dessen etwas erzeugt, was schwerfällig wirkt, so ist das auf jeden Fall vom Übel. Nachdem man die Erde von diesen unterirdischen Bauten entfernt hatte, und diese nun im Lichte der Sonne dastanden, boten sie immer einen seltsamen und zugleich furchterregenden Anblick dar. Es schien fast, als ließe die Erde plötzlich ihr tiefstes Innere sehn, und als läge die Finsternis plötzlich von grellem Lichte beleuchtet da — diese Finsternis, die nur vom Lichte erhellt, nicht aber von ihm vertrieben wird, wie eine ägyptische Urne oder der Kopf eines Toten auf einer festlich geschmückten Tafel. Mir scheint, man tat unrecht, diese Architektur unter die Erde zu verbannen: wenn wir sie plötzlich inmitten heiterer, leichtgebauter Häuser erblicken, kann sie ihren Eindruck auf uns nicht verfehlen, ja, sie wird sicherlich einen starken Effekt hervorbringen. Ein einziges solches Gebäude inmitten einer stark bevölkerten Stadt würde sicherlich wundervoll wirken, aber nur eins und nicht mehr. Bei Bauten dieser Art bestehen die Teile aus schweren Massen, aber bei alledem sind ihre Verhältnisse von einer inneren, wenn auch beinahe schrecklichen Harmonie erfüllt. Und etwas Vollendetes in diesem Stile zu leisten, ist sicherlich nicht ganz leicht.
Die sich über dem Erdboden erhebenden Bauten der Ägypter weisen einen ganz anderen Charakter auf; sie sind gleichfalls massiv, zugleich aber sind höchste Anmut und Schlichtheit zwei Züge, die man nie an ihnen vermissen wird. Ihren Grundcharakter aber bilden ihre kolossalen Dimensionen. Je glatter, je weniger gegliedert und mit auffallenden Verzierungen versehen sie sind, um so besser. Aber man wende sie nur nicht bei kleinen Brücken an, ohne ihre ungeheuren Dimensionen ist diese Architektur weniger als gar nichts. Ich wiederhole noch einmal: jeder Stil ist schön, wenn all seine Voraussetzungen erfüllt und wenn er in strengem Einklang mit seiner Bestimmung gewählt und durchgeführt ist. Ohne diese wohlmeinende und unparteiische Toleranz kann es keine wahrhaften Talente noch auch wirklich großartige Werke geben. Fort mit dieser Scholastik, die jedem Gebäude das gleiche Maß vorschreibt und verlangt, daß alles in demselben Geschmack gebaut werde! Eine Stadt muß aus den verschiedensten Massen bestehen, wenn wir verlangen, daß sie unseren Augen eine Freude sein soll. Mögen sich in ihr die verschiedensten Stilarten vereinigen. Mag sich doch in derselben Straße ein finsteres gotisches Gebäude, ein mit üppigem Zierat geschmückter orientalischer Palast, ein kolossaler ägyptischer Bau und ein von anmutiger Harmonie erfülltes griechisches Haus erheben! Da mögen die leicht gewölbte milchfarbene Kuppel, die andächtige, ins Grenzenlose ragende Turmspitze, die orientalische Mitra, das abgeplattete italienische und das hohe, mit Figuren geschmückte flämische Dach, die vierkantige Pyramide, die runde Säule und der eckige Obelisk uns entgegentreten. Die Häuser dürfen so wenig wie möglich zu einer kompakten einförmigen Mauer verschmelzen, sondern sich bald hoch emporrecken und bald wieder tiefer herabsinken. Türme von verschiedenstem Stil sollen das Straßenbild beleben. Sollte es wirklich jemand geben, der den Mut, oder besser gesagt, die Schwäche hätte, zu behaupten, eine flache Ebene in der Natur ließe sich mit einer Gegend voller sich übereinander türmender Schluchten, Felsblöcke und Hügel vergleichen?
Ein Architekt, der wirklich schöpferische Kraft besitzt, muß eine gründliche Kenntnis aller Baustile besitzen; am wenigsten sollte er den Geschmack der Völker verachten, auf die wir wegen ihrer künstlerischen Rückständigkeit gewöhnlich herabzusehen pflegen. Er muß sie alle umfassen, studieren und all ihre unendlichen Variationen in sich aufnehmen. Was aber die Hauptsache ist, er muß in ihre Idee eindringen und sich nicht nur ihre kleinen äußeren Formen und Teile aneignen. Um jedoch ihr Wesen zu ergreifen, dazu muß er ein Genie und ein Poet sein.
Aber wenden wir uns nun zu der Architektur der Städte. Eine Stadt sollte so gebaut werden, daß jeder ihrer Teile, jede einzelne Häusermasse ein lebendiges Bild darbietet. Jede Häusergruppe muß belebt werden, so daß sie — wenn ich mich so ausdrücken darf — immer neue charakteristische Züge hervorzubringen scheint, damit sie sich unserem Gedächtnisse einpräge und unserer Einbildungskraft keine Ruhe lasse. Es gibt Bilder, die man sein Leben lang nicht vergißt, und es gibt solche, die man trotz aller Anstrengungen nicht im Gedächtnis festhalten kann. Die Baukunst ist gröber, zugleich aber großartiger als alle anderen Künste, wie die Malerei, die Skulptur und die Musik. Und daher liegt ihre Wirkung in dem Effekt, den sie ausübt. Ein Stadtbild hat den Vorzug, daß man es mit einem Schlage verändern und nach eigenem Ermessen umgestalten kann. Häufig braucht man nur ein einziges Gebäude zu den schon bestehenden hinzuzufügen, und es verändert gänzlich seine Form und erhält einen völlig andern Charakter, so wie die Zeichnung eines Schülers plötzlich unter dem Pinsel oder dem Stift des Lehrers Leben gewinnt. Er verstärkt an der einen Stelle die Linie, retuschiert etwas an einer andern, er berührt die dritte kaum, und alles wird anders. Außerdem führen uns häufig die Fehler selbst auf die Idee, wie wir sie vermeiden können. Das Charakterlose bringt uns das Charaktervolle, das Kleinliche und Platte seine Gegensätze, das Kühne und Ungewöhnliche zum Bewußtsein. Eine Vertiefung nach unten erweckt die Idee einer Erhöhung nach oben und umgekehrt. Das Genie ist ein Besitzer unendlicher Reichtümer, vor dem die ganze Welt mit allen ihren Schätzen verblaßt.
Bei der Anlage einer Stadt muß man auch auf die Bodenbeschaffenheit achten. Städte werden entweder auf Anhöhen, auf Hügeln oder in der Ebene erbaut. Eine hochgelegene Stadt erfordert weniger Kunst, weil da die Natur schon selbst bei ihrem Bau mithilft. Sie erhebt die Häuser bald auf ihre majestätischen Hügel und läßt sie mitten unter ihren Nachbarn wie Riesen erscheinen, bald wieder läßt sie sie in die Tiefe herabsinken, um die umstehenden Häuser zur Geltung zu bringen. In solchen Städten ist es nicht notwendig, für eine große Abwechslung zu sorgen. Hier kann man glatte und einförmige Fronten verwerten, weil schon das ungleichmäßige Terrain eine gewisse Abwechslung hineinbringt, indem es ihnen verschiedene Standpunkte anweist. Man muß darauf achten, daß die Höhe der einzelnen hintereinander stehenden Häuser so zur Geltung komme, daß der Beschauer am Fuße eines Hügels den Eindruck gewinnt, als erhebe sich vor ihm eine zwanzigstöckige Masse. Dort bedarf es keiner großen Kunst, wo die Natur noch gewaltiger ist als die Kunst, und da dient die letztere nur dazu, die erstere zu schmücken. Da dagegen, wo das Terrain eben und einförmig ist, wo die Natur schlummert, da muß die Kunst mit voller Kraft einsetzen. Sie muß Farbe und Kolorit in die Landschaft hineinbringen, muß — wenn ich mich so ausdrücken darf — den Boden aufwühlen, die Ebene verschwinden lassen und die tote, flache Wüste beleben. Hier wären Schlichtheit und Einförmigkeit Sünde. Hier muß die Architektur so eigenartig wie nur möglich sein: sie muß bald ein düsteres Äußeres annehmen, bald wieder einen fröhlichen Ausdruck, bald muß sie einen altertümlichen Eindruck machen, bald wieder durch ihre Neuheit verblüffen. Sie muß uns mit Schrecken erfüllen, durch ihre Schönheit blenden, bald düster blicken wie ein von Gewitterwolken verfinsterter Tag, und bald wieder heiter wie ein strahlender Morgen voller Sonnenglanz. Die Architektur ist in ihrer Art auch eine Weltchronik, sie spricht noch zu uns, wenn die Sagen und Gesänge längst verstummt sind und wenn uns nichts mehr von einem untergegangenen Volke berichtet. So mag sie denn, wenn auch nur teilweise, sich mitten in unseren Städten erheben, wie sie einst zu Lebzeiten eines zugrunde gegangenen Volkes existierte, auf daß bei ihrem Anblick uns immer der Gedanke an sein vergangenes Dasein aufsteige, daß wir uns in sein Leben und in seine Sitten und Gewohnheiten, in seinen Bildungsgrad versetzen und mit Dankbarkeit an dies Volk zurückdenken, dessen Auftreten selbst eine Sprosse an der Leiter unseres eigenen Aufstiegs bedeutet[4].
Sollte es wirklich ganz unmöglich sein, sei es auch nur um der Originalität willen, eine völlig neue und eigenartige Architektur zu erschaffen, die allen Einflüssen der älteren entzogen ist! Wenn der wilde, noch wenig entwickelte Mensch, dem nur die Natur, die er selbst noch so schlecht versteht, als Lehrmeisterin und Anregerin dient, ein Werk voller Schönheit, voll unbewußten instinktiven Stilgefühls schafft, woher können denn wir mit unseren so stark entwickelten Fähigkeiten und die wir die Natur in all ihrem geheimen Wirken soviel besser verstehen, — woher können denn wir nichts schaffen, was von dem ganzen Reichtum unseres Wissens durchdrungen ist. Die Idee der Baukunst ward ja aus der Natur selbst geschöpft, aber zu einer Zeit, als der Mensch ihren Einfluß noch lebhaft empfand. Jetzt aber hat er die Kunst noch über die Natur erhoben — könnte er da seine Gedanken nicht aus der Kunst selbst oder richtiger aus der harmonischen Verschmelzung von Natur und Kunst schöpfen! Man sehe nur, welche ungeheure Erfindungskraft er bei der Herstellung all der kleinen Mittel eines verfeinerten Luxus an den Tag legt. Man blicke hin auf all diese modernen Spielereien, die täglich emportauchen und wieder verschwinden. Man betrachte sie meinetwegen durch das Mikroskop, wenn sie anders unsere Aufmerksamkeit nicht fesseln — welch feiner Geschmack spricht aus ihnen, was für herrlichen nie dagewesenen Formen begegnen wir da! Hier finden wir einen Stil, wie er früher noch nie existiert hat. Das Schnitzwerk und die Arbeit sind so originell, so neu und dabei so schön, daß wir uns häufig nicht satt sehen können. Aber ach! wir fühlen nicht das geringste Mitleid, wenn wir bemerken, wie der Geschmack des Menschen sich in der Produktion von Nichtigem und Vergänglichem verbraucht, statt sich in Ewigem und Unwandelbarem zu objektivieren. Könnten wir denn dieses in Stückwerk sich zersplitternde Kunstvermögen nicht auf große Gegenstände richten, muß denn alles, dem wir in der Natur begegnen, durchaus eine Säule, eine Kuppel oder ein Bogen sein? Wieviel Formen gibt es, die noch ganz unberührt daliegen. In wie tausendfältiger Weise kann die gerade Linie sich in die gebrochene wandeln und ihre Richtung ändern! Wie unendlich mannigfaltig kann sich die Krumme wölben und ausweichen, wieviel neue Ornamente und Verzierungen lassen sich einführen, die noch nie ein Architekt in seinen Kodex eintrug! — In unserem Jahrhundert gibt es solche Errungenschaften und soviele ganz neue, nur ihm eigene Elemente, aus denen man das Material zu einer Unzahl neuer noch nie dagewesener Bauten schöpfen könnte! — Nehmen wir z. B. jene herabhängenden Verzierungen, wie sie erst vor kurzem gebräuchlich wurden. Bisher wurde diese hängende Architektur nur bei Theaterlogen, Balkonen und kleinen Brücken angewandt. Aber wenn erst ganze Stockwerke schweben und durch kühne Bogen miteinander verbunden sein werden, wenn ganze Massen statt auf schweren Säulen auf durchbrochenen Stützen von Gußeisen ruhen, wenn zahllose Balkone ein Haus von unten bis oben mit verschlungenem gußeisernem Gitterwerk schmücken und tausenderlei herabhängende gußeiserne Verzierungen es mit einem leichten Netz umgeben werden, so daß es durch sie hindurchschimmert wie durch einen durchsichtigen Schleier, wenn diese diaphanen Verzierungen sich um einen herrlichen runden Turm schlingen und zusammen mit ihm zum Himmel emporfliegen würden, — welch eine Leichtigkeit und ätherische Schönheit würden dann unsere Häuser annehmen. Welch eine Menge von Anregungen finden wir überall verstreut, die im Kopfe eines Architekten ganz unerhörte, lebendige Ideen erzeugen können; aber freilich müßte dieser Architekt ein schöpferisches Genie und ein Dichter sein.
1831.
[Dieser Aufsatz ist vor langer Zeit geschrieben. In den letzten Jahren ist der Geschmack in Europa und besonders in unserem geliebten Rußland besser geworden. Es gibt schon viele Architekten, die unserem Lande Ehre machen. Unter diesen möchte ich Brjulow nennen, dessen Bauten von wahrhaftem Geschmack und echter Originalität erfüllt sind.]
Nie ist ein Fürst während einer solchen Blütezeit seines Reiches zur Herrschaft gelangt, wie Al-Mamun. Das furchterregende Kalifat erhob sich mächtig auf dem klassischen Boden der Alten Welt. Im Osten umfaßte es den ganzen blühenden Südwesten Asiens, Indien mit eingeschlossen; im Westen zog es sich längs den Ufern Afrikas bis nach Gibraltar hin. Seine mächtige Flotte beherrschte das Mittelmeer. Bagdad, die Hauptstadt dieser neuen, wunderbaren Welt, sandte seine Befehle bis in die entlegensten Grenzen seiner Provinzen. Das neu bekehrte Asien strömte in die ausgezeichneten Schulen von Bassor, Nippur und Kufa und reifte nun zu höherer Kultur. Damaskus konnte alle Lüstlinge in seine kostbaren Stoffe hüllen und ganz Europa mit Stahlklingen versorgen; schon dachte der Araber, Mohammeds Paradies auf der Erde zu errichten: er schuf Wasserleitungen, Paläste und ganze Palmenwälder, wo Springbrunnen anmutig spielten und die Wohlgerüche des Orients zum Himmel stiegen. Und doch hatte bei all dem Luxus noch keine der moralischen Krankheiten einer politischen Gesellschaft Zeit gehabt, hier Wurzel zu fassen. Alle Teile dieses großmächtigen Reiches, dieser mohammedanischen Welt, waren eng untereinander verbunden und dieser Zusammenhang wurde durch den Willen des merkwürdigen Harun immer mehr und mehr gefestigt, denn dieser hatte die vielseitigen Fähigkeiten seines Volkes erkannt. Er war weder nur Philosoph auf dem Thron, noch allein Politiker, noch bloß Krieger oder Literat im Kaisermantel. Er vereinigte alles in sich, erstreckte seine Tätigkeit gleichmäßig auf alles und ließ keinen Teil über den andern Oberhand gewinnen. Er impfte seiner Nation nur gerade so viel von der fremdländischen Kultur ein, wie nötig war, um ihre eigene Entwicklung zu fördern. Damals hatten die Araber die Epoche des Fanatismus und der Eroberungen schon hinter sich, waren aber noch immer von Enthusiasmus erfüllt, und die feuersprühenden Seiten des Koran wurden noch mit derselben Begeisterung gelesen und seine Gebote noch ebenso sklavisch befolgt. Harun verstand es, den Gang der Administration und die Regierungsgeschäfte zu beschleunigen und durch die Furcht vor seiner Allgegenwart seinen Befehlen überall Geltung zu verschaffen. Die Statthalter und Emire, die sonst immer darnach strebten, Selbstherrscher und Despoten zu sein, fürchteten sich, dem Blicke des verkleideten Kalifen, dem nichts entging, zu begegnen — und so ging die Regierung ohne Gesetze fest und bestimmt ihren Weg. Unter solchen Umständen trat Al-Mamun die Herrschaft an. Byzanz nannte ihn den hochherzigen Beschützer der Wissenschaft, die Geschichte reihte seinen Namen unter die Wohltäter der Menschheit ein. Dieser Herrscher wollte sein politisches Reich in ein Reich der Musen verwandeln. Er besaß die Lebhaftigkeit und alle Fähigkeiten, die für ein ernstes Studium notwendig waren. Sein Charakter war von einer edlen Vornehmheit, das Streben nach Wahrheit seine Devise. Er war verliebt in die Wissenschaft, und zwar ganz selbstlos, er liebte sie um ihrer selbst willen, ohne an ihren Zweck und ihre Anwendung zu denken. Er gab sich ihr mit einer einseitigen Leidenschaft hin. Damals hatten die Araber erst eben den Aristoteles entdeckt. Ihrer allzu stürmischen, ungeheuren orientalischen Phantasie mußte der allumfassende, scharf denkende, griechische Philosoph fremd bleiben, aber die arabischen Gelehrten, die schon seit langer Zeit an mühsame Arbeit und schon an die Exaktheit und das formale Denken gewöhnt waren, gaben sich mit einem wissenschaftlichen Feuereifer dem Studium hin. Diese endlosen Schlüsse, diese die Ordnung dessen, was sie in ihren Seelen früher nur teilweise und wie durch ein Aufleuchten empfunden hatten, seine Erhebung zur Evidenz, das alles mußte die damaligen Gelehrten bezaubern. Al-Mamun, der unter ihrem Einfluß erzogen wurde, war von einem wahren Hunger nach Kultur erfüllt und gab sich alle erdenkliche Mühe, diese bis dahin unbekannte griechische Welt in sein Reich einzuführen. Bagdad breitete seine Arme freundschaftlich der ganzen gelehrten Welt seiner Zeit entgegen. Die Gnade des Kalifen stand jedem offen, der irgendeinem Beruf angehörte, er mochte die Religion bekennen, die er wollte, und von noch so entgegengesetzten Prinzipien erfüllt sein. Es war nur natürlich, daß vor allem die Männer ihr Wissen nach Bagdad trugen, die in ihren Seelen noch das Bild des in christliche Formen gekleideten Polytheismus trugen, die bereit waren, mit ihrem Herzblut Ammonius Saccas, Plotin und die anderen Bekenner des Neuplatonismus zu verteidigen und die in dem nur zu sehr mit dem Streit um die verschiedenen christlichen Dogmen beschäftigten Byzanz kein Feld für ihre gelehrten Turniere fanden. Bagdad verwandelte sich in eine Republik der mannigfaltigsten Fakultäten, Wissenschaften und Meinungen. Der königliche Araber versenkte sich aufmerksam in die betäubende Musik dieser gelehrten Disputationen und Spitzfindigkeiten. Die höheren Staatsbeamten konnten sich dem Beispiel ihres Herrschers nicht entziehen, und alle höheren Schichten des Reiches wurden von einer Art literarischer Monomanie ergriffen. Die Wesire und Emire versuchten ihrerseits, allerhand gelehrte Fremde an ihren Hof zu ziehen. Es ist selbstverständlich, daß die Administration damit in den Hintergrund gerückt wurde, daß die Würdenträger vieles, was zur Regierung gehörte, dem Gutdünken ihrer Sekretäre oder Günstlinge überließen, daß diese Günstlinge häufig ganz ungebildet waren und ihre Stellung oft nur durch Intrigen erklommen, und daß dies alles nicht ohne Einfluß auf das Volk bleiben und mit der Zeit auf die Regierenden selbst zurückfallen mußte. Die große Zahl theoretischer Philosophen und Dichter, die hohe Regierungsposten einnahmen, ließ im Lande keine starke Regierung aufkommen. Ihre Sphäre liegt ganz wo anders; sie erfreuen sich des allerhöchsten Schutzes und gehen ruhig ihren Weg. Nur die wenigen großen Dichter machen hierin eine Ausnahme, wenn sie den Philosophen, den Poeten und den Historiker in sich vereinigen, sie, die die Natur und den Menschen ergründen, in die Vergangenheit dringen und die Zukunft voraussehen, und deren Worten das ganze Volk lauscht. Sie sind Hohepriester. Kluge Herrscher ehren sie durch ihren Verkehr, behüten ihr kostbares Leben und fürchten sich, dieses Leben durch Beteiligung an der so vielseitigen Tätigkeit des Regierens zu unterdrücken. Sie werden nur bei äußerst wichtigen Ministerräten hinzugezogen, da sie bis in die Tiefe des menschlichen Herzens dringen.
Der edle Al-Mamun hatte den aufrichtigen Wunsch, seine Untertanen glücklich zu machen. Er wußte, daß die Wissenschaften, die die Entwicklung der Menschen fördern, das beste Mittel, der treuste Führer zum Ziel seien. Mit aller Gewalt zwang er seine Untertanen, die von ihm eingeführte Kultur anzunehmen. Aber die Aufklärung, die Al-Mamun zu verbreiten bestrebt war, entsprach am wenigsten dem angebotenen Charakter und der angeborenen Phantasie der Araber. Die wenig kraftvollen Prinzipien des Polytheismus, die sich in ein bloßes Wortspiel verwandelt hatten, die frechen Verstümmelungen christlicher Ideen, die ein so seltsames Licht auf die Wissenschaft jener Zeit warfen, die sich nicht mit dieser verschmolzen, und man kann wohl sagen, sie durch ihr Übergewicht vernichteten, bildeten einen krassen Kontrast zu der feurigen Natur der Araber, deren Phantasie die nüchternen Schlüsse des kalten Verstandes nur allzusehr unterdrückte. Dieses Volk ging nicht, nein, es flog förmlich seinem Entwicklungsziele entgegen. Sein Genius offenbarte sich plötzlich und gleichzeitig im Kriege, im Handel, in den Künsten, in der Manufaktur und in der üppigen Poesie des Orients. Seine reichen Gaben, wie ähnliche in der Geschichte der Menschheit noch niemals dagewesen waren, entfalteten sich reich, strahlend, eigenartig und in höchster Orginalität. Es schien fast, als sollte dieses Volk sich zu einer Nation von höchster Vollkommenheit entwickeln. Aber Al-Mamun verstand es nicht! Er beachtete die große Wahrheit nicht, daß die Bildung aus dem Volke selbst kommen muß, daß eine aufgepfropfte Kultur nur insoweit angeeignet werden darf, als sie die eigene Entwicklung fördert, daß aber die Entwicklung eines Volkes nur aus den eigenen nationalen Elementen hervorgehen kann. Für die Araber aber wurde ihr Betätigungsfeld durch diese unfruchtbare fremdländische Kultur nur versperrt. Der Kosmopolitismus Al-Mamuns, der allen Gelehrten aller Parteien den Eintritt in sein Reich gestattete, ging fast gar zu weit. Die Privilegien, die den Christen im Reiche zuteil wurden, mußten notwendig den Haß der eigenen Untertanen erwecken und hatten selbst die Verachtung nützlicher Einrichtungen zur Folge, — ja, das Volk verlor sogar allmählich die Liebe zu seinem Herrscher. In seinen Regierungsmaßregeln war Al-Mamun mehr theoretischer als praktischer Philosoph, der doch ein Herrscher vor allem sein müßte. Er kannte das Leben seines Volkes aus Beschreibungen und Erzählungen anderer und nicht aus eigener Anschauung wie der große Harun, der es persönlich studiert hatte. Bei den asiatischen Regierungsformen, die keine bestimmten Gesetze kennen, liegt die ganze Verwaltung auf den Schultern des Monarchen selbst, und daher muß seine Tätigkeit eine außergewöhnlich intensive, muß seine Aufmerksamkeit beständig gespannt sein; er darf niemand vertrauen, und sein Auge muß die Vielseitigkeit eines Argus haben; es braucht nur einen Augenblick einzuschlafen, und die mit seinen Vollmachten ausgestatteten Statthalter lehnen sich auf, und das Reich ist von einer Million Despoten erfüllt.
Al-Mamun aber lebte in seinem Bagdad wie in einem Musenreich, das er sich selbst geschaffen hatte und das ganz von der politischen Welt getrennt war. Die Christen, die allmählich auch anfingen, sich in die Verwaltung einzumengen, konnten den Volksgeist und die Landessitten nicht kennen lernen. Außerdem war der fremde Glaube den Arabern, die noch an ihrem Enthusiasmus und ihrer Unduldsamkeit festhielten, unerträglich. Und während der Name Al-Mamuns auf den Lippen aller damaliger Gelehrten schwebte und seine Gastfreundschaft buntbeflaggte Schiffe an die syrische Küste lockte, wurde seine Macht im Innern des Reiches immer schwächer und schwächer. Die Bewohner der Provinzen, die ihren Kalifen nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hatten, schätzten seinen Namen nur wenig. Die militärischen Kräfte nahmen immer mehr ab. Die Kultur, die ihren Ausgangspunkt gewöhnlich von Bagdad, dem Zentrum des Reiches, nahm, verringerte sich und erlosch immer mehr, je mehr sie sich den fernen Grenzen näherte. In den Grenzländern hatte sich der Kulturzustand der Araber noch auf dem Niveau seiner ersten Periode erhalten, hier standen noch von Fanatismus erfüllte Truppen, die jederzeit bereit waren, den Glauben Mohammeds mit Feuer und Schwert zu verbreiten. Die mächtigen Emire, die bald die unzureichende Verbindung mit Bagdad erkannten, träumten von der Unabhängigkeit, und Al-Mamun mußte noch während seiner Regierung den Abfall Persiens, Indiens und der entlegenen Provinzen Afrikas erleben. Aber vielleicht wäre diese falsche Richtung der Verwaltung noch ein Übel gewesen, das wieder gutzumachen war, wenn Al-Mamun seine Wahrheitsliebe nicht zu weit getrieben hätte. Er wollte der religiöse Reformator seiner Nation werden. Er besaß einen rein theoretischen Verstand, war über jeglichen Aberglauben und alle Vorurteile erhaben, auch war er genauer über einige christliche Dogmen unterrichtet, als seine Vorgänger, und so konnte er seine Augen nicht gegen die zahllosen Widersprüche und den blühenden Unsinn, die in den Verordnungen des fanatischen Schöpfers des Korans überall zum Ausdrucke kommen, verschließen. Er entschloß sich, das heilige Buch Mohammeds zu reinigen und zu reformieren, und das in einer Zeit, als noch alle niederen Regierungsbeamten sowie der ganze Pöbel davon überzeugt waren, daß das Buch vom Himmel stamme, und wo der Zweifel an dem allergeringsten Gebote schon für das größte Verbrechen galt. Der halbgriechischen Denkungsweise Al-Mamuns war der völlig blinde Enthusiasmus seiner Untertanen ganz fremd. Die Unterdrückung des Fanatismus hielt er für den ersten Schritt zur Kultur seines Volkes — und doch bildete dieser Fanatismus das ganze Sein des arabischen Volkes; diesen Fanatismus, dem er seine ganze Entwicklung und seine glänzende Epoche verdankte, zu zerstören, hieß den politischen Bestand des ganzen Reiches untergraben. Al-Mamun erschien das Paradies Mohammeds, in das der Araber sein ganzes sinnliches Leben, dieses nur für den Genuß und für die Wollust bestimmte Leben, hineintrug, als der Gipfel der Torheit. Aber er ließ dabei außer acht, daß diese Gebote ein Produkt des glühenden, arabischen Klimas, des feurigen Temperaments des Arabers waren, daß dies Paradies für den Mohammedaner die große Oase inmitten der Wüste seines Lebens war, daß nur die Hoffnung auf dies Paradies es dem so sinnenfrohen Araber ermöglichte, alle Armut und Unterdrückung zu ertragen und, beim Anblick des in Luxus förmlich versinkenden Sybariten den Neid in seiner Seele zu bekämpfen. Der Gedanke, daß auch er einmal von Huris umringt, in einem Luxus schwelgen werde, der die Pracht aller irdischen Machthaber weit übertrifft, war wohl nur einer Sinnlichkeit und einer blühenden Phantasie faßbar, wie sie die Natur den Arabern verliehen hatte. Und vielleicht hätte sich der Glaube dieses Volkes erst im Verlauf der ferneren Entwicklung ohne allzu empfindliche Störungen reinigen lassen; Al-Mamun aber hatte kein Verständnis für die asiatische Natur seiner Untertanen.
Man kann sich den Grad der Empörung in den zahllosen Schichten des Volkes vorstellen, als das Gerücht von den Neuerungen des Kalifen sich verbreitete. Wie mußte sich das Volk zu ihnen stellen, das dem Kalifen schon allein wegen der Förderung der christlichen Religion und seiner Vorliebe für die Fremden offen des Modalismus oder der Ketzerei anklagte? Die rohe Masse der alten strenggläubigen Bekenner des Koran zwangen den Kalifen durch ihren harten Widerstand endlich, zu den Waffen zu greifen. Und der edle, hochherzige Al-Mamun, der von wahrer Menschenliebe durchdrungen war, wurde zum Verfolger seiner eigenen Untertanen. Durch diese Verfolgungen weckte er von neuem den wilden Fanatismus der Araber, aber schon nicht mehr jenen Fanatismus, der die früheren Nomadenvölker Arabiens zu einer Masse verschmolzen hatte — sondern einen oppositionellen Fanatismus, — einen Fanatismus, der die Massen auseinanderriß, der Zank und Streit bis in die innersten Gründe des Reiches trug, der die rohen Leidenschaften der Araber aufrührte, der den Dolch und das Gift des Hasses in die Hand der fanatischen Bekenner des Islams drückte, und der eine Unzahl verblendeter Sekten erstehen ließ, unter ihnen die schrecklichste, die der Karmaten, die noch lange, zur Zeit der Kreuzzüge, unter dem Namen der syrischen Assassinen ihr Wesen trieben. Mitten in den Unruhen, die an den verschiedenen Enden des Reiches ausbrachen, inmitten der Empörung und des Parteienzwists starb der edle Al-Mamun, der mit einer Hand zahllose Wohltaten und reiche Mittel für Schulen, Werkstätten und für die Kunst ausgestreut und mit der anderen seine unbotmäßigen, fanatischen Untertanen gezüchtigt hatte — er starb, ohne sein Volk verstanden zu haben und selbst unverstanden von seinem Volk. In jedem Fall aber hat er uns ein lehrreiches Beispiel gegeben. Er hat der Welt das Bild eines Herrschers geboten, der trotz allen Willens zum Guten, trotz aller Sanftmut des Herzens und bei aller Aufopferungsfähigkeit und seiner außergewöhnlichen Liebe zu den Wissenschaften, doch eine der wichtigsten, wenn auch unbewußten Ursachen wurde, die den Fall seines Reiches beschleunigten.