Arabesken
Zweiter Teil

I
Das Leben

Ein armer Wüstensohn hatte einen Traum: Still liegt das große Mittelländische Meer und breitet sich aus in unendliche Fernen, und von drei verschiedenen Seiten blicken nach ihm hin die glühenden Küsten Afrikas mit ihren schlanken Palmen, die nackten syrischen Wüsten und die vom Meer zerklüfteten, dichtbevölkerten Küsten Europas.

In einer Bucht an dem unbeweglichen Meer erhebt sich das alte Ägypten. Eine Pyramide steht neben der andern; granitene Sphinxe blicken aus grauen Augen; zahllose Stufen führen zu ihnen hinauf. Genährt von dem großen Nil, geschmückt mit geheimnisvollen Zeichen und heiligen Tieren, thront majestätisch das alte Ägypten unbeweglich und wie verzaubert, gleich einer Mumie, die der Verwesung Trotz bietet.

Zahllose unabhängige Kolonien hat das heitere Griechenland um sich herum gegründet. Das Mittelmeer ist mit Inseln übersät, die in grünen Wäldern ertrinken; Oliven, Weinreben und Feigenbäume schaukeln sich mit ihren honiggetränkten Zweigen im Winde; Säulen, weiß wie die Brüste einer Jungfrau, runden sich im üppigen Dunkel der Bäume; der von wundersamem Meißel erweckte Marmor atmet wollüstig und freut sich schamhaft seiner herrlichen Nacktheit; mit Weintrauben geschmückt, Pokale und Thyrsosstäbe in Händen, hält das Volk im geräuschvollen Tanz inne; schlanke, junge Priesterinnen mit wallenden Locken werfen flammende Blicke aus nachtschwarzen Augen. Efeubekränzte Schalmeien, Zimbeln und andere musische Instrumente erklingen. Wie Fliegen schwirren Schiffe um Rhodus und Korkyra und bieten ihre selig geschwellten Fahnen dem Winde dar. Und alles atmet starr und unbeweglich in seiner steinernen Majestät.

Stolz und unermeßlich dehnt sich das eiserne Rom, ein Wald von Lanzen starrt gen Himmel, und in drohendem Glanze leuchten die stählernen Schwerter. Sein gieriges Auge scheint alles verschlingen zu wollen, und weit ausgestreckt ist seine sehnige Rechte. Aber auch Rom liegt unbeweglich da, wie alles rings umher und rührt seine löwenstarken Glieder nicht.

Die Luft des himmlischen Ozeans lastete dumpf und erstickend auf allem. Kein Wellenschlag bewegte das große Mittelmeer, und es war, als wäre das Jüngste Gericht gekommen für die drei Reiche — vor dem Ende der Welt. Da sprach Ägypten, und die schlanken Palmen, die Bewohner seiner Ebenen, schwankten im Winde, und die Obelisken streckten ihre feinen Nadeln noch höher empor: „Hört mich, ihr Völker! Ich allein drang ein in das Geheimnis des Lebens und in das Rätsel des Menschen. Alles ist vergänglich. Gemein ist alle Kunst, armselig jeder Genuß und noch armseliger die Worte und Taten. Der Tod, der Tod herrscht über die Welt und über den Menschen! Der Tod verschlingt alles, und alles lebt für den Tod. Fern, fern ist die Auferstehung! Gibt es denn überhaupt eine Auferstehung? Fort mit den Wünschen, den Genüssen. Armer Mensch! Errichte immer höhere Pyramiden, um dein elendes Dasein wenigstens etwas zu verlängern.“

Und es sprach das heitere Griechenland, das so klar ist wie der Himmel, wie der Morgen und wie die Jugend, und es war, als vernähme man keine Worte sondern Töne einer Schalmei: „Das Leben ward für das Leben geschaffen. Erweitere und bereichere dein Leben, erweitere mit ihm deine Genüsse. Ihm bringe alles zum Opfer dar. Sieh, wie ist alles so plastisch und schön in der Natur, wie ist alles in Eintracht verbunden. In der Welt ist alles enthalten. Alles, auch alles, worüber die Götter gebieten, enthält sie; lern’ es nur finden. Göttlicher, stolzer Gebieter dieser Erde, bekränze dein herrliches Haupt mit Eichenlaub und Lorbeer und genieße dein Leben; fliege hin auf deinem Wagen bei den rauschenden Spielen und lenke kunstvoll die feurigen Rosse. Fern sei deiner freien, stolzen Seele die Habgier und der Neid! Meißel, Palette und Flöte sind geschaffen, die Welt zu beherrschen, sie aber soll sich der Schönheit beugen. Mit Efeu und Weinlaub umwinde deine duftende Stirn und das liebliche Haupt deiner schamhaften Freundin! Das Leben ward für das Leben und für den Genuß geschaffen — lern’ des Genusses würdig sein.“

Und das in Eisen gehüllte Rom klirrte mit dem leuchtenden Walde seiner Lanzen und sprach: „Ich habe des Geheimnis des Menschenlebens ergründet. Die Ruhe ist des Menschen unwürdig, sie richtet ihn zugrunde in seinem eigentlichen Wesen. Kunst und Genuß sind zu gering für seine Seele. Der wahre Genuß liegt in dem gigantischen Wunsche. Verächtlich ist das Leben der Völker und des Einzelnen ohne ruhmreiche Heldentaten. Dürste nach Ruhm, dürste nach Ruhm, o Mensch! Beim betäubenden Lärme der Waffen im Rausch unbeschreiblicher Lust laß auf die Schilde der lanzentragenden Legionen dich heben! Hörst du, wie sich zu deinen Füßen die ganze Welt, wie sich Millionen versammelten und, die Speere schwenkend, in einen einzigen Ruf ausbrechen? Hörst du’s, wie dein Name furchtverbreitend auf den Lippen der fernsten Völker bebt, die am Ende der Welt wohnen? Alles, was dein Blick umfassen kann, erfülle alles mit dem Klang deines Namens! Strebe unablässig weiter, es gibt keine Grenzen weder der Welt noch deiner Wünsche. Furchtbar und streng schreite vorwärts und erweitere deine Weltherrschaft, dann wirst du zuletzt auch den Himmel erobern.“

Und Rom schwieg und heftete seinen Adlerblick auf den Osten. Auch Griechenland wandte seine herrlichen, vom Genuß feuchten Augen nach Osten, und auch Ägypten wandte seine trüben, farblosen Augen dem Orient zu.

Ein steiniges Land; ein verachtetes Volk; ein paar einsame Hütten stehen an nackte Hügel gelehnt, und hie und da nur fällt der spärliche Schatten eines dürren Feigenbaumes auf sie. Hinter einem niedrigen baufälligen Zaun steht eine Eselin. In der Holzkrippe liegt ein Knäblein; die jungfräuliche Mutter steht über es gebeugt und schaut es mit tränenfeuchten Augen an; hoch über der Krippe aber steht ein Stern, und ein herrliches Leuchten erfüllt die Welt.

Die Pyramiden des hieroglyphengeschmückten Ägyptens senkten sich immer tiefer, und Ägypten versank in Träume; unruhig blickte das herrliche Griechenland, Rom senkte die Augen und schaute auf seine eisernen Lanzen; das große Asien mit seinen zahllosen Hirtenvölkern lauschte gespannt, und der Ararat, der Urvater der Erde, beugte seinen Nacken.

1831.

II
Schlözer, Müller und Herder

Schlözer, Müller und Herder sind die großen Baumeister der Weltgeschichte. Der Gedanke an diese war ihr Lieblingsgedanke und verließ sie keinen Augenblick während der ganzen Zeit ihres so verschiedenartigen Lebenslaufes. Man kann sagen, daß Schlözer der erste war, der von der Idee eines einigen großen Ganzen, einer Einheit durchdrungen war, zu der alle Zeiten und alle Völker zusammengefaßt und zusammengeschmolzen werden müssen. Er wollte die ganze Welt und alles Lebendige mit einem Blick umspannen. Es schien, als wünschte er hundert Argusaugen zu besitzen, um mit einem Blick alle Geschehnisse in den entlegensten Teilen der Welt zu übersehen. Sein Stil ist ein Blitz, der fast plötzlich bald hier, bald dort zündet und die Gegenstände momentan, aber mit blendender Klarheit, beleuchtet. Ich weiß nicht, ob er selbst das hätte leisten können, was er den anderen so scharf vorgezeichnet hat; jedenfalls aber war niemand so stark von seinem Objekt ergriffen wie er. Er hatte die Gabe, alles in einem kleinen Brennpunkt zu konzentrieren und oft mit zwei, drei scharfen Strichen, ja zuweilen durch ein einziges Epitheton, ein bestimmtes Ereignis oder ein ganzes Volk zu charakterisieren. Seine Epitheta sind wunderbar, temperamentvoll und kühn und erscheinen als die Frucht eines glücklichen Augenblicks, einer momentanen Eingebung; sie sind von so scharfer verblüffender Wahrheit, daß selbst eine tiefe und dauernd in ihrer Richtung beharrende Forschung sie nicht entdeckt hätte, es sei denn, daß sie von Schlözer selbst ausgeführt worden wäre. Er war nicht eigentlich Historiker, und ich glaube sogar, daß er gar nicht Historiker hätte sein können. Seine Gedanken sind zu sprunghaft, zu leidenschaftlich, um sich zu einer harmonisch und gemächlich dahinfließenden Erzählung zu formen. Er analysierte die Welt und alle verschwundenen und noch lebenden Völker, aber er beschrieb sie nicht; er sezierte die ganze Welt mit dem Messer des Anatomen, zerschnitt und zerlegte sie in massive Teile, er gruppierte und klassifizierte die Völker wie ein Botaniker die verschiedenen Pflanzen nach bestimmten Merkmalen ordnet. Und daher sollte man glauben, daß durch diese Art der Behandlung seine geschichtlichen Aufzeichnungen etwas Skelettartiges und Trockenes erhalten hätten; aber merkwürdigerweise leuchtet alles bei ihm in so grellen Farben, der machtvolle Blitz seines Auges hat etwas so Sicheres, daß man beim Lesen seiner gedrängten Weltskizze erstaunt bemerkt, wie unsere Phantasie sich entzündet, erweitert und alles nach demselben Gesetze ergänzt, das Schlözer mit einen gewaltigem Wort gekennzeichnet hat; zuweilen aber eilt unsere Einbildungskraft die kühn vorgezeichneten Wege noch weiter. Da er einer der ersten war, der von der Größe und dem wahren Ziel der Weltgeschichte beunruhigt wurde, mußte er unbedingt ein oppositionelles Genie werden. Diese seine Stellung gab ihm die große Energie, das Feuer und sogar den Ärger über die Kurzsichtigkeit seiner Vorgänger, die sehr häufig in seinen Schriften zum Ausbruch kommen. Mit einem Donnerwort vernichtet er sie und in diesem einen Wort verbindet sich der Genuß und ein sardonisches Lächeln über den Besiegten mit einer sieghaften Wahrheit. Man könnte ihn mit mehr Recht noch als Kant den Alleszermalmer nennen. Fast immer lassen sich die Männer der Opposition zu sehr von ihrer Stellung hinreißen, indem sie sich in ihrem enthusiastischen Übereifer nur an eine Regel halten — allem Vorangegangenen zu widersprechen. Doch dieser Vorwurf trifft Schlözer nicht: sein germanischer Geist beharrt unerschütterlich auf seinem Standpunkt. Er ist ein strenger, allwissender Richter; seine Urteile sind scharf, kurz und gerecht. Vielleicht werden einige sich darüber wundern, daß ich von Schlözer wie von einem großen Baumeister der Weltgeschichte rede, während doch die Gedanken und Werke, die er diesem Gegenstande gewidmet hat, in einem kleinen Leitfaden für Studenten bestehn; aber dieses kleine Büchlein gehört zur Zahl der Werke, nach deren Lektüre man glaubt, ganze Bände gelesen zu haben; ich möchte es mit einem kleinen Fenster vergleichen, durch das man, wenn man sein Auge nur nahe genug heranbringt, die ganze Welt erblicken kann. Er wirft ein helles Licht auf die Gegenstände, lehrt sie uns begreifen, und schließlich gelangt man dazu, alles mit eigenen Augen zu sehen.

Müller ist ein Historiker ganz anderen Schlages. Still, ruhig und bedächtig, ist er das volle Gegenteil von Schlözer. Mit einer eigenartigen, bezaubernden Liebe gibt er sich seinem Gegenstande hin. Sein Vortrag glänzt nicht durch eine scharf ausgeprägte Eigenart wie der Stil Schlözers; er kennt weder die leidenschaftlichen Ausbrüche, noch den prägnanten Lakonismus, der den Vortrag Schlözers auszeichnet. Er umfaßt nicht alles so momentan, so mit einem Blicke wie jener, umspannt es nicht mit gewaltiger Hand, er erforscht alles, was die Welt erfüllt, ruhig, in bestimmter Reihenfolge, ohne jene Überstürzung und Hast, mit der ein Autor sich ausspricht, der sich fürchtet, jemand könnte ihm seine Gedanken entwenden und ihm zuvorkommen. Das Wort „Untersuchung“ paßt so recht zu seinem Stil; seine Darstellungen sind wahrhafte Untersuchungen. Als Staatsmann beschäftigt er sich vorzüglich mit der Erörterung der Staatsformen und mit den Gesetzen der gegenwärtigen und der untergegangenen Reiche; aber er betont diese Seite nicht in dem Maße, um darüber andre Seiten ganz im Schatten zu lassen, ein Fehler, dessen nur einseitige Historiker fähig sind und in den auch Heeren mitunter verfallen ist; im Gegenteil, er wendet seine Aufmerksamkeit auch allen Grenzgebieten zu. Alles, was in der Geschichte nicht ganz klar ist, was noch wenig erforscht ist, das alles unterwirft er einer Untersuchung. Man fühlt sogar, daß er sich mit Vorliebe mit der Urgeschichte und überhaupt mit den Epochen beschäftigt, wo das Volk noch nicht von der Kultur und ihren Lastern berührt ist und noch seine einfachen Sitten und seine Unabhängigkeit bewahrt. Diese Perioden schildert er mit einer leuchtenden Ausführlichkeit, mit einer sanften Wärme, wie wenn er sich selbst dabei vergäße und sich mitten unter seinen braven Schweizern zu befinden wähnte. Das wichtigste Resultat, das er aus seiner Geschichtsdarstellung zieht, ist dieses, daß ein Volk nur dann glücklich ist, wenn es die alten Sitten des Landes treu befolgt und seine einfache Lebensweise und Unabhängigkeit beibehält. Überall schimmert seine reife Weisheit und seine kindliche Seelenklarheit durch. Der Adel seiner Gedanken und die Freiheitsliebe durchdringen all seine Werke. Nicht der Gedanke an die Einheit und an ein unzertrennliches Ganzes ist das Ziel, nach dem seine Darstellung bewußt hinstrebt; er spricht eigentlich nie darüber, aber sein ganzes Werk läßt uns diese Einheit fühlen, obgleich er über der Betrachtung eines Volkes die Sache der ganzen Welt zu vergessen scheint. Seine Geschichte ist keine ununterbrochene, bewegliche Kette von Begebenheiten; hier gibt es keine dramatischen Effekte; aus allem spricht die bedächtige Weisheit des Autors. Er gibt seinen Gedanken keine scharfen prägnanten Formulierungen: sie scheinen sich bescheiden und häufig wie in einem unbeachteten Winkel zu verbergen, so daß man sie nur entdeckt, wenn man sie sucht; aber dafür sind sie so erhaben und zugleich so tief, daß nach einem Ausdruck Wagners im „Faust“ der ganze Himmel zu dem glücklichen Finder niedersteigt. Dieser bescheidene, prunklose Vortrag und der Mangel an blendenden Lichtern weckt unwillkürlich unser Mitleid; sie sind der Grund, warum Müller so wenig bekannt oder besser gesagt nicht so bekannt ist, wie er es verdient. Nur solche Menschen, die tief durchdrungen von der Idee der Geschichte und einer edleren Bildung fähig sind, können ihn ganz verstehen; den übrigen erscheint er unbedeutend und oberflächlich.

Herder vertritt eine ganz andere Art der Geschichtsauffassung. Er betrachtet alles mit geistigen Augen. Bei ihm verschlingt die Macht der Idee völlig die greifbare Form. Stets sieht er einen Menschen als Vertreter der ganzen Menschheit an. Er forscht tief und begeistert gleich einem Brahmanen der Natur — wie man ihn in Deutschland zu nennen pflegt. Bei ihm werden die Ereignisse bedeutender durch ihre Gruppierung, all seine Gedanken sind erhaben, tiefsinnig und weltumspannend. Sie erscheinen bei ihm nur selten in Beziehung zu der sichtbaren Natur und steigen gleichsam unmittelbar aus ihrem reinen Feuer empor. Daher fehlt es ihnen auch an historischer Greifbarkeit und Plastik. Wenn ein Ereignis riesengroß ist und eine Idee einschließt — dann entfaltet es sich bei ihm mit all seinen geheimsten Nebenwirkungen; aber wenn es zu nah mit dem Leben und der Praxis in Berührung kommt, dann mangelt es ihm am bestimmten Kolorit. Wenn er sich herabläßt, einzelne Persönlichkeiten oder die Lenker der Geschichte zu schildern, dann erscheinen sie bei ihm lange nicht so deutlich wie die allgemeinen Gruppen und sie nehmen eine zu allgemeine Physiognomie an; sie sind entweder ganz gut oder ganz böse; alle die zahllosen Schattierungen der Charaktere, alle Verquickung und Mannigfaltigkeit der Eigenschaften, deren Erkenntnis nur einem Forscher zuteil wird, der die Menschen mit Mißtrauen betrachtet, alle diese Abstufungen verschwinden völlig bei ihm. Er ist unendlich weise in der Erforschung des idealen Menschen und der Menschheit, aber ein Kind in der Erkenntnis des wirklichen Menschen, und dies ist nur natürlich —, da ein Weiser immer groß ist in seinen Gedanken und unwissend in den Kleinigkeiten, die das Leben ausfüllen. Als Dichter steht er weit höher als Schlözer und Müller. Aber gerade weil er Poet ist, so erschafft und erarbeitet er alles in seinem Innern in seinem einsamen Arbeitszimmer; ganz ergriffen von einer höheren Offenbarung, wählte er stets nur das Schöne und Große, weil das nun einmal der Natur seiner erhabenen, reinen Seele entspricht. Aber das Hohe und Schöne reißt sich manches Mal von dem niedren und verachteten Leben los oder wird durch den Druck jener zahllosen und verschiedenartigen Erscheinungen, die soviel Buntheit in das menschliche Leben hineinbringen und deren Erkenntnis nur selten dem weltabgewandten Weisen zufällt, hervorgerufen. Sein Stil zeichnet sich vor dem der anderen durch Bilderreichtum und breite Pinselführung aus, er ist eben Dichter und hebt sich daher deutlich von dem ewig ruhigen und bedächtigen Müller, diesem Philosophen und Gesetzgeber, sowie von dem fast immer schroffen und unzufriedenen kritischen Philosophen Schlözer ab.

Mir scheint, wenn man Herders tiefe Schlüsse, die bis in die fernsten Anfänge der Menschheit reichen, mit dem schnellen, feurigen Blick Schlözers und der erfinderischen, weltgewandten Weisheit Müllers vereinigen könnte, dann hätten wir erst einen Historiker, der da fähig wäre, eine Weltgeschichte zu schreiben. Und doch würde ihm noch manches dazu fehlen; es würde ihm noch an jener dramatischen Kraft mangeln, die wir weder bei Schlözer, noch bei Müller, noch auch bei Herder finden. Ich verstehe unter dem Wort „dramatische Kraft“ nicht die Kunst, die darin besteht, einen guten Dialog zu führen, sondern die Fähigkeit, einem ganzen Werke jenen mitreißenden Schwung und jenes dramatische Interesse mitzuteilen, das manche von Schillers historischen Fragmenten, besonders die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, ausströmen und das fast jedes einfache Geschehnis auszeichnet. Doch zu allem Genannten möchte ich noch gern das Anziehende der Erzählergabe eines Walter Scott und seinen starken Sinn für alle feinen Nuancen hinzufügen. Nehmen wir dann noch Shakespeares Talent für die Entwicklung großer Charaktereigenschaften in den engsten Grenzen hinzu, dann, will es mir scheinen, hätten wir einen Historiker, wie er für eine Darstellung der Weltgeschichte erforderlich ist. Bis dahin aber werden Müller, Schlözer und Herder noch lange unsere großen Wegweiser bleiben. Sie haben viel, sehr viel Licht in die Weltgeschichte gebracht. Und wenn wir heute schon ein paar beachtenswerte geschichtliche Werke besitzen, so verdanken wir diese ihnen allein.

1832.

III
Der Newsky-Prospekt

Es gibt in Petersburg nichts Schöneres als den Newsky-Prospekt; für Petersburg wenigstens bedeutet er alles! Gibt es einen Vorzug, der dieser Schönen unter den Straßen, dieser Zierde unserer Hauptstadt, fehlte! Ich bin überzeugt, daß kein einziger von den blassen Beamten, die ihre Einwohnerschaft bilden, den Newsky-Prospekt — auch nicht für alle Herrlichkeiten der Welt — eintauschen würde. Sie alle sind ganz begeistert für den Newsky-Prospekt; nicht nur die Fünfundzwanzigjährigen, die prachtvolle Schnurrbärte und einen wundervoll sitzenden Rock tragen, nein, auch jene, denen schon weiße Haare ums Kinn sprießen, und deren Köpfe glatt sind wie silberne Schüsseln. Und erst die Damen! Oh! die Damen schwärmen noch viel mehr für den Newsky-Prospekt. Wem kann er denn auch nicht gefallen! Sobald man nur auf die Straße heraustritt, so erfaßt einen schon eine Feiertagsstimmung. Selbst wenn man etwas sehr Wichtiges vorhat, so vergißt man sicherlich sein Geschäft, sobald man den Newsky betritt. Dies ist der einzige Ort, wo die Menschen erscheinen, nicht, weil sie dort sein müssen, und wo sie weder die Notwendigkeit noch das Geschäftsinteresse hintreiben, die doch sonst ganz Petersburg gefangen halten. Es kommt einem so vor, als sei der Mensch, der einem auf dem Newsky begegnet, weniger egoistisch als der auf der Morskaja, der Gorochowaja, Liteinji, Meschtschanskaja und den anderen Straßen, wo der Geiz, die Habsucht und Geschäftigkeit auf allen Gesichtern ausgeprägt ist, die man vorbeikommen oder in Wagen und Droschken einherjagen sieht. Der Newsky ist der wichtigste Verkehrspunkt Petersburgs, wo alles sich begegnet. Der Bewohner der Petersburger oder der Wiborger Seite, der seinen Freund auf Peski oder am Moskauer Tor schon seit vielen Jahren nicht mehr besucht hat, kann ganz sicher sein, ihn hier zu treffen. Kein Adreßbuch und keine Auskunftsstelle kann einem so zuverlässige Nachrichten vermitteln, wie der Newsky-Prospekt. Der Newsky-Prospekt ist allmächtig. Er bildet die einzige Zerstreuung für das an Spaziergängen so arme Petersburg. Wie ist sein Trottoir so rein gefegt und, o Gott! wie viele Füße haben ihre Spuren auf ihm hinterlassen! Der plumpe, schmutzige Stiefel des verabschiedeten Soldaten, unter dessen Wucht scheinbar jeder Granitblock bersten müßte, der kleine, an Leichtigkeit einer Rauchwolke vergleichbare Schuh der jungen Dame, die ihr zierliches Köpfchen nach den glänzenden Ladenfenstern hinwendet, wie die Sonnenblume ihr Antlitz der Sonne zukehrt, und der rasselnde Säbel des hoffnungsvollen Leutnants, der eine tiefe Furche in das Pflaster gräbt — hier tritt alles zutage: die Gewalt der Kraft, wie die Macht der Schwäche. Welch schnelles phantastisches Spiel rollt sich im Lauf eines einzigen Tages hier ab! Wie viele Veränderungen erlebt er im Lauf von vierundzwanzig Stunden! Fangen wir mit dem frühen Morgen an, wenn ganz Petersburg nach heißem, frischgebackenem Brot riecht, und von alten Weibern in zerlumpten Kleidern und Mänteln angefüllt ist, die ihre Streifzüge durch die Kirchen beginnen und die weichherzigen Fußgänger überfallen. Ein wenig später ist der Newsky wieder ganz leer: noch liegen die wohlgenährten Ladenbesitzer und Kommis in ihren holländischen Hemden da und schlafen oder sie seifen ihre ehrwürdigen Backen ein und trinken ihren Kaffee; vor den Türen der Zuckerbäcker versammeln sich Bettler, und der schlaftrunkene Ganymed, der gestern noch gleich einer Fliege mit seiner Schokolade herumschwirrte, kriecht ohne Halsbinde und mit einem Besen in der Hand hervor und wirft ihnen altgebackene Kuchen und Brotreste zu. Auf der Straße trabt arbeitendes Volk einher, manches Mal überschreitet ein Haufen russischer Bauern, die zur Arbeit eilen, den Newsky; ihre Stiefel sind ganz mit Kalk beschmiert, und selbst der Katharinenkanal, der wegen seiner Sauberkeit bekannt ist, wäre nicht imstande, sie rein zu waschen. Um diese Zeit würde ich keiner Dame raten, dort spazierenzugehen, da das russische Volk sich solcher Ausdrücke zu bedienen pflegt, die sie wahrscheinlich nicht einmal im Theater zu hören bekäme. Manches Mal begegnet man auch einem schläfrigen Beamten mit einem Portefeuille unter dem Arm, wenn ihn der Weg nach dem Departement zufällig über den Newsky führt. Man kann wohl sagen, daß um diese Zeit d. h. bis 12 Uhr der Newsky für alle nur ein Mittel und nicht das eigentliche Ziel ist; er füllt sich allmählich mit Leuten, die sich durchaus nicht um ihn kümmern und nur an ihre Beschäftigung, ihre Sorgen und ihren Verdruß denken. Ein russischer Bauer läßt sich über ein Zehnkopekenstück oder gar über eine Kupfermünze im Werte von sieben Kopeken aus, Männer und alte Weiber gestikulieren mit den Händen oder halten Selbstgespräche, wobei sie mitunter recht bezeichnende Gesten machen, aber niemand hört auf sie oder lacht über sie, abgesehen etwa von ein Paar Jungen in buntgestreiften Kitteln mit leeren Flaschen oder neuen Stiefeln in den Händen, die wie ein Blitz auf dem Newsky hin und her schwirren. Um diese Zeit wird niemand darauf achten, wie Sie angezogen sind, selbst wenn Sie statt eines Hutes eine Mütze auf dem Kopfe hätten oder wenn Ihr Kragen aus ihrer Halsbinde hervorkröche.

Um 12 Uhr machen die Gouverneure und Erzieher aller Nationalitäten mit ihren Zöglingen, die Batistkragen tragen, ihren obligaten Spaziergang. Die englischen Johns und die französischen Hähne gehen Arm in Arm mit den ihrer väterlichen Obhut anvertrauten Zöglingen auf und ab und erklären ihnen voller Anstand und Würde, die Schilder seien deshalb über den Kaufläden angebracht, damit man von ihnen ablesen könne, was in einem jeden Laden zu haben sei. Zahlreiche Gouvernanten, blasse Misses und rosige Mademoiselles gehen wichtig hinter leichtfüßigen, koketten Fräuleins einher und schärfen ihnen ein, die linke Schulter höher zu ziehen und sich einer besseren Haltung zu befleißigen, kurz gesagt: um diese Zeit trägt der Newsky-Prospekt einen pädagogischen Charakter.

Doch je mehr der Zeiger gegen 2 Uhr vorrückt, um so mehr verringert sich die Zahl der Pädagogen, Gouvernanten und Kinder und schließlich werden sie ganz von ihren zärtlichen Vätern verdrängt, die ihre buntgekleideten, nervenschwachen Gefährtinnen am Arme führen. Allmählich gesellen sich auch noch die zu ihnen, die ihre so wichtigen häuslichen Angelegenheiten erledigt haben: sie mußten mit ihrem Arzt über das Wetter sprechen, ihm einen kleinen Pickel zeigen, der sich auf der Nase gebildet hatte, mußten sich nach dem Befinden ihrer Kinder und Pferde erkundigen, welch erstere übrigens eine große Begabung an den Tag legten; dann mußten sie einen Theaterzettel und einen wichtigen Zeitungsartikel über die neu angekommenen und abgereisten Personen lesen und endlich mußten sie noch ihren Kaffee trinken; ferner gesellen sich auch noch die zu ihnen, denen ein beneidenswertes Schicksal den segensreichen Beruf eines Beamten für besondere Aufträge bescherte; auch die schließen sich ihnen an, die in den ausländischen Ämtern dienen und sich durch die Vornehmheit ihrer Beschäftigung und ihrer Manieren auszeichnen. Mein Gott! was gibt es doch für herrliche Ämter und Berufe, wie erheben und erquicken sie unser Herz! Aber ach! ich selbst stehe nicht im Staatsdienst und habe nicht das Vergnügen, die feinen Umgangsformen eines Vorgesetzten an mir zu erproben. Alles, was man auf dem Newsky sieht, strotzt förmlich von Würde und Wohlanständigkeit; die Herren in ihren langen Röcken mit den Händen in den Taschen und die Damen in ihren rosa, weißen oder hellblauen Atlasjacken und ihren koketten Hütchen! hier kann man ganz ungewöhnlichen Backenbärten begegnen, die mit einer besonderen, geradezu staunenerregenden Geschicklichkeit hinter die Halsbinde gesteckt sind[5], herrlichen sammetweichen Backenbärten, die wie Atlas glänzen, und schwarz sind wie der feinste Zobel oder ein Stück Kohle; aber ach! leider gehören diese immer nur Ausländern an. Denen, die in den andern Departements dienen, hat die Vorsehung die schwarzen Bärte versagt, und sie müssen zu ihrem großen Leidwesen rote tragen. Ferner trifft man hier so herrliche Schnurrbärte, daß keine Feder und kein Pinsel imstande wären, sie abzuschildern; Schnurrbärte, deren Pflege weitaus die größere Hälfte des Lebens gewidmet wird, die der Gegenstand einer dauernden Sorge bei Nacht und bei Tage sind; Schnurrbärte, die mit den herrlichsten Parfüms und Düften getränkt und mit den kostbarsten und seltensten Pomaden bestrichen sind; die des Nachts in das feinste Velinpapier gewickelt werden, die sich der rührendsten Anhänglichkeit ihrer Besitzer erfreuen und die den Neid aller Vorübergehenden erwecken. Hier wird jedermann geblendet durch die tausend verschiedenen Arten von Hüten, Kleidern und durch all die bunten und leichten Tücher, denen ihre Besitzerinnen häufig ganze zwei Tage lang die Treue bewahren. Es ist, als hätte sich ein ganzes Meer von Faltern von den zarten Blumenblüten erhoben und schwebe nun als leuchtende Wolke über den schwarzen Käfern, die durch das männliche Geschlecht repräsentiert werden. Hier begegnet man solchen Taillen, wie man sie nicht einmal im Traum zu sehen bekommt: feinen, schmalen Taillen, nicht dicker wie ein Flaschenhals, so daß man bei einer Begegnung mit ihren Besitzerinnen ehrerbietig zur Seite tritt, um nur nicht in unvorsichtiger Weise mit seinen unhöflichen Ellbogen gegen sie anzustoßen; es übermannt einen eine Schüchternheit und eine wahre Angst, daß man am Ende gar durch einen unvorsichtigen Atemzug dieses herrliche Gebilde der Natur und der Kunst zerstören könnte. Und was für Frauenärmel man auf dem Newsky antrifft! Nein, welch eine Pracht! Sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit zwei Luftballons, daß man meint, die Dame müßte sich plötzlich in den Äther emporschwingen, wenn der Herr sie nicht festhielte; denn es ist ebenso angenehm und leicht, eine Dame in die Höhe zu heben, wie ein volles Champagnerglas an die Lippen zu setzen. Nirgends begrüßt man sich so würdevoll und so ungezwungen wie auf dem Newsky-Prospekt. Hier kann man einem Lächeln begegnen, einem Lächeln, das einzig in seiner Art und über alle Kunst erhaben ist; man möchte mitunter dahinschmelzen vor Vergnügen über solch ein Lächeln; aber es gibt auch ein Lächeln, vor dem man ganz klein wird und zusammenknickt wie ein Grashalm, so daß man das Haupt senkt, und dann gibt es wieder eines, bei dem man sich höher fühlt als der Admiralitätsturm, und das uns wieder hoch emporhebt. Hier hört man mit außergewöhnlichem Anstand und einem hohen Gefühl der eigenen Würde von Konzerten und vom Wetter reden. Hier begegnet man einer Unzahl unergründlicher Charaktere und Erscheinungen. Gott im Himmel! was für sonderbaren Charakteren begegnet man nicht auf dem Newsky! Es gibt eine Menge von Menschen, die uns bei einer Begegnung stets auf die Füße sehen, und wenn wir vorübergegangen sind, sich umkehren und unsere Frackschöße betrachten. Ich kann bis jetzt nicht begreifen, was das zu bedeuten hat. Anfänglich meinte ich, es seien Schuhmacher, aber keine Spur davon! Gewöhnlich dienen sie in irgendeinem Departement, und viele von ihnen schreiben ausgezeichnete Berichte, die von einer Behörde an die andere gesandt werden, oder es sind Leute, die sich mit Spazierengehen oder in verschiedenen Konditoreien mit dem Lesen von Journalen beschäftigen, mit einem Wort, es sind meist sehr achtbare Menschen. Um diese gesegnete Zeit zwischen 2 und 3 Uhr nachmittags könnte man den Newsky-Prospekt die auf und ab wogende Hauptstadt nennen. Dann gleicht er einer Ausstellung der allerschönsten Erzeugnisse der Menschheit. Der eine läßt seinen feinen Rock mit dem schönsten Biberkragen sehen, ein anderer eine wundervolle griechische Nase, ein dritter einen herrlichen Backenbart, eine vierte ein Paar wunderbare Augen und ein reizendes Hütchen, ein fünfter einen Ring mit einem Talisman, den er am wohlgepflegten Daumen trägt, eine sechste einen Fuß in einem entzückenden Stiefelchen, ein siebenter eine staunenerregende Halsbinde, ein achter einen verblüffenden Schnurrbart, ... aber die Uhr schlägt drei — die Menschen verlaufen sich, und die Ausstellung verödet.

Um 3 Uhr findet ein neuer Dekorationswechsel statt! Auf dem Newsky wird es plötzlich Frühling! er füllt sich ganz mit Beamten in grünen Amtsfräcken. Hungrige Titulär-, Hof- und andre „Räte“ suchen aus allen Kräften ihre Schritte zu beschleunigen. Junge Kollegienregistratoren, Gouvernements- und Kollegiensekretäre beeilen sich noch schnell, ihre freie Zeit auszunutzen und sich auf dem Newsky zu zeigen, und kommen mit einem Anstand einhergegangen, als hätten sie bei Leibe keine sechs Stunden im Bureau gesessen. Dagegen kommen die alten Kollegiensekretäre, Titulär- und Hofräte schnell und mit gesenktem Kopfe vorbeigeschritten, sie haben keine Zeit, sich die Spaziergänger anzuschauen und haben sich noch nicht völlig von ihren Sorgen losgerissen; in ihren Köpfen summt und brummt es, da steckt ein ganzes Archiv von angefangenen und noch nicht abgeschlossenen Arbeiten, und statt der Kaufläden sehen sie nichts wie Konvolute von Akten und das runde Gesicht ihres Bureauchefs.

Von 4 Uhr an ist der Newsky leer, dann trifft man dort kaum noch einen Beamten. Höchstens eine Näherin, die mit einem Karton in der Hand über die Straße läuft oder das arme Opfer eines menschenfreundlichen Tischvorstehers in einem Friesmantel, einen zugereisten Sonderling, dem alle Stunden des Tages gleich viel bedeuten, eine lange, steife Engländerin mit einem Pompadour und einem Buch in der Hand, einen Bureaudiener, einen Russen mit einem dürftigen Bart, in einem baumwollenen Rock, dessen Taille beinahe oben am Halse sitzt, einen Menschen, dem man sofort die ganze Haltlosigkeit seiner Existenz ansieht, und bei dem sich alles bewegt, der Rücken, die Hände, die Füße und der Kopf, wenn er behutsam auf dem Trottoir einhergeht; oder man begegnet etwa noch einem kleinen Handelsmann — sonst trifft man um diese Zeit niemand auf dem Newsky-Prospekt.

Sobald sich jedoch die Dämmerung auf die Häuser und Straßen hinabsenkt und ein in eine Bastmatte gewickelter Nachtwächter langsam die Leiter besteigt, um die Laternen anzuzünden, sobald aus den niedrigen Fenstern der Kaufläden die Kupferstiche hervorgucken, die sich im Laufe des Tages nicht sehen lassen durften, dann belebt der Newsky sich wieder, dann kommt wieder Leben und Bewegung in ihn. Jetzt bricht jene geheimnisvolle Zeit an, wo die Lampen allen Dingen einen so verlockenden, wunderbaren Schimmer verleihen. Um diese Zeit begegnet man vielen jungen Leuten, meistenteils Hagestolzen in warmen Röcken und Mänteln. Um diese Zeit fühlt man, daß dieses alles einen Zweck, ein Ziel oder besser gesagt etwas Ähnliches wie ein Ziel bekommt, etwas ganz Besonderes und Unbestimmtes; jetzt beschleunigen alle ihre Schritte und bleiben dann wieder stehn, es kommt etwas Ungleichmäßiges, Unruhiges in ihre Bewegungen. Lange Schatten huschen über die Mauern und über das Pflaster hin und reichen mit ihren Köpfen fast bis zur Polizeibrücke. Junge Kollegienregistratoren, Gouvernements- und Kollegiensekretäre promenieren lange hin und her, während die alten Kollegienregistratoren, Titulär- und Hofräte größtenteils zu Hause sitzen, entweder weil sie verheiratet sind oder weil ihre deutschen Köchinnen so gut kochen. Jetzt trifft man wieder die alten, ehrwürdigen Herren, die mit so viel Würde und einem erstaunlichen Anstand um 2 Uhr auf dem Newsky spazierengingen. Allein, jetzt sieht man sie ebenso laufen wie die jungen Kollegienregistratoren, um einer von Ferne herannahenden Dame unter den Hut zu gucken. Die vollen, mit dicker roter Schminke bedeckten Lippen und Wangen gefallen nämlich vielen Spaziergängern, hauptsächlich jedoch den Handlungskommis, den Bureaudienern und den Kaufleuten, die lange deutsche Röcke tragen und Arm in Arm scharenweise daherkommen.

„Halt!“ rief um diese Zeit der Leutnant Piragow und hielt einen befrackten und in einen Mantel gehüllten jungen Mann, der neben ihm daherging, am Arme fest, „hast du gesehn?“

„Gewiß habe ich sie gesehn: eine echt peruginische Bianka!“

„Ja, von welcher sprichst du eigentlich?“

„Von ihr, von der da mit den dunklen Haaren; was für Augen, Gott! was für Augen! diese Figur, diese Züge, dies Oval des Gesichts — ein wahres Wunder!“

„Ach was, ich spreche von der Blonden, die hinter ihr nach jener Seite ging. Nun, warum gehst du denn der Brünetten nicht nach, wenn sie dir so gefällt?“

„Ich bitte dich, wo denkst du hin!“ rief tief errötend der junge Mann im Frack. „Als ob sie zu denen gehört, die des Abends auf dem Newsky herumspazieren; das ist gewiß eine feine Dame“ — fuhr er seufzend fort — „ihr Mantel allein kostet sicherlich 80 Rubel.“

„Du Grünschnabel!“ rief Piragow und stieß ihn mit Gewalt nach jener Richtung, wo ihr leuchtender Mantel wehte. „Geh, Einfaltspinsel, sonst entwischt sie dir! ich gehe der Blonden nach!“ Und beide Freunde trennten sich.

„Wir kennen euch!“ dachte Piragow mit einem selbstzufriedenen und selbstbewußten Lächeln; er war davon überzeugt, daß es keine Schöne gab, die ihm widerstehen könnte.

Der junge Mann im Frack und im Mantel ging schüchtern und ängstlichen Schritts nach jener Seite, wo fern von ihm der bunte Mantel flatterte; wenn das Licht der Laterne auf ihn fiel, so leuchteten seine Farben grell auf, um dann wieder fern im Dunkel zu verschwinden. Das Herz des jungen Mannes schlug heftig, und er beschleunigte unwillkürlich seine Schritte. Er wagte gar nicht daran zu denken, daß er die Aufmerksamkeit der sich entfernenden Schönen auf sich ziehen könnte, und noch viel weniger konnte er einen so schwarzen Gedanken zulassen, wie Piragow ihn angedeutet hatte; aber er wollte gern das Haus sehen und sich die Wohnung dieses herrlichen Geschöpfs merken, das direkt vom Himmel auf den Newsky herabgeflogen zu sein schien und wahrscheinlich wieder, Gott weiß wohin, entschwinden würde; und er rannte so schnell vorwärts, daß er in einem fort allerhand solide Herren mit ergrauten Backenbärten vom Trottoir herunterstieß.

Dieser junge Mann gehörte einer Klasse von Menschen an, die bei uns eine recht merkwürdige Erscheinung bilden und ebensowenig unter die Einwohner Petersburgs gehören wie unsere Traumbilder in die reale Welt. Man begegnet diesem außerordentlichen Typus nur ganz selten in einer Stadt, wo fast alle Bewohner Beamte, Kaufleute oder deutsche Handwerker sind. Das war ein Künstler! Nicht wahr, das ist doch eine merkwürdige Erscheinung? Ein Petersburger Künstler! Ein Künstler im Lande des Schnees! im Lande der Finnen, wo alles naß, eben, glatt, blaß, grau und neblig ist! Diese Künstler haben durchaus keine Ähnlichkeit mit den italienischen Künstlern, die stolz und leidenschaftlich sind wie das italienische Land und der italienische Himmel, im Gegenteil, die Petersburger Künstler sind meistens ein braves, schlichtes Völkchen, sie sind schüchtern und sorglos, lieben im stillen ihre Kunst, trinken im kleinen Stübchen ihren Tee mit zwei guten Kameraden, reden bescheiden von ihrem Lieblingsthema und träumen nicht einmal von Luxus oder Überfluß. Stets laden sie irgendein altes Bettelweib zu sich ein und lassen es sechs Stunden bei sich sitzen, um ihr jämmerliches, stumpfes Gesicht auf die Leinwand zu werfen. Sie malen die Perspektive ihres Zimmers, in dem sich allerhand malerischer Plunder herumtreibt: Gipshände und -füße, die mit der Zeit durch den Staub eine kaffeebraune Farbe angenommen haben, zerbrochene Staffeleien, eine hingeworfene Palette, ein Freund, der Guitarre spielt, Wände, die mit Farbenklecksen beschmiert sind, oder ein offenes Fenster, durch das man in der Ferne die blasse Newa und ein paar arme Fischer in roten Hemden sieht. Die Arbeiten dieser Künstler haben fast immer ein graues, trübes Kolorit — diesen unauslöschlichen Stempel des Nordens. Trotz alledem sind sie stets mit wahrhaftem Genuß bei der Arbeit. Häufig lebt in ihnen ein echtes Talent, und wenn nur die frische Luft Italiens sie umwehte, so würde es sich sicherlich ebenso frei, ungehemmt und herrlich entwickeln, wie eine Pflanze, die man aus dem Zimmer in die frische, reine Luft trägt. Diese Künstler sind sehr schüchtern; ein Stern oder eine dicke Epaulette bringen sie schon in solch eine Verwirrung, daß sie sofort mit dem Preis für ihre Werke herabgehen. Manches Mal lieben sie es, sich zu putzen und schön zu machen, aber ihre Eleganz wirkt immer herausfordernd und macht den Eindruck eines Flickens auf einem alten Kleidungsstück. Zuweilen sieht man sie in einem ausgezeichneten Frack und einem schmutzigen Mantel oder in einer teuren Sammtweste und einem ganz befleckten Rock daherkommen. Dann erinnern sie an eine ihrer unvollendeten Landschaften, auf der man häufig eine auf dem Kopf stehende Nymphe entdecken kann, da der Künstler die Landschaft einfach auf eine schon bemalte Leinwand, ein altes Bild, das er einstmals mit Begeisterung begonnen, hingemalt hat, weil er gerade keine andere Leinwand zur Verfügung hatte. Solch ein Künstler sieht niemand gerade ins Auge; wenn er einen ansieht, so ist sein Blick trübe und unbestimmt; er durchbohrt Euch nicht mit dem Habichtauge des Forschers oder mit dem Falkenblick eines Kavallerieleutnants. Dies kommt daher, weil er stets Ihre Züge und zugleich die irgendeines Herkules aus Gips beobachtet, der bei ihm im Zimmer steht, oder weil ihm das Bild vorschwebt, das er demnächst malen will. Daher gibt er Euch auch oft falsche und unzusammenhängende Antworten, und die Gedanken, die in seinem Hirn durcheinanderschwirren, vergrößern noch seine Schüchternheit.

Zu dieser Art von Leuten gehörte auch der oben erwähnte junge Mann — der Künstler Piskarjow; er war sehr schüchtern und bescheiden, aber in seiner Seele lebte doch ein Funke von Gefühl, der im gegebenen Moment zur Flamme werden konnte. Mit einem geheimen Bangen eilte er dem Gegenstande seiner Bewunderung nach, der einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte, und er schien sich selbst über seine Dreistigkeit zu wundern. Die Unbekannte, die seine Augen, seine Gefühle und seine Gedanken so ganz gefangengenommen hatte, wendete plötzlich ihr Köpfchen und sah ihn an! Gott! welch göttliche Züge! Die herrliche, blendend weiße Stirn war von wundervollen Haaren eingerahmt, die schwarz waren wie Achat; sie kräuselten sich in prachtvollen Locken, ein Teil fiel unter dem Hut hervor und berührte die von der abendlichen Kälte leicht getöteten Wangen. Um ihre fest geschlossenen Lippen spielte ein Schwarm von entzückenden Träumen. Alles, was uns von den Erinnerungen unserer Kindheit übrigbleibt — alles, was beim Schein des Lämpchens vor dem Heiligenbilde unsere Schwärmerei und stille Begeisterung weckt — alles dies schien sich auf diesen Lippen voll wundersamer Harmonie zu vereinigen, ineinanderzufließen und widerzuspiegeln. Sie sah Piskarjow an, und sein Herz erzitterte bei diesem Blick, sie sah ihn voller Strenge an, und ein Gefühl der Empörung über diese freche Verfolgung sprach aus ihren Zügen; aber auf diesem herrlichen Antlitz hatte selbst der Zorn etwas Bezauberndes. Von Scham und Schüchternheit übermannt, blieb er stehen und schlug die Augen nieder; aber wie konnte er nur diese Gottheit aus den Augen verlieren, ohne das Heiligtum kennen gelernt zu haben, in dem sie sich niedergelassen hatte. Solche Gedanken schossen unserem jungen Schwärmer durch den Kopf, als er sich entschloß, ihr zu folgen. Damit dies jedoch nicht bemerkt würde, folgte er ihr aus weiter Ferne, blickte sich sorglos nach allen Seiten um und sah sich die Schilder an den Häusern an, ließ aber dabei die Unbekannte keinen Moment aus den Augen. Die Zahl der Spaziergänger wurde geringer, und auf der Straße wurde es stiller, da sah sich die Schöne um, und es schien ihm, als kräusele ein leichtes Lächeln ihre Lippen. Ein Zittern lief ihm durch alle Glieder: er wollte seinen Augen nicht trauen. Nein, es war wohl nur die Laterne, die ihm mit ihrem trügerischen Licht dies Lächeln vorgegaukelt hatte. Allein, der Atem stockte in seiner Brust, alles in ihm erzitterte, alle seine Sinne erglühten, und ein seltsamer Nebel hüllte alles vor ihm ein. Das Trottoir bewegte sich unter seinen Füßen, die Wagen und die vorüberjagenden Pferde schienen stillzustehn, die Brücke dehnte sich immer mehr in die Länge und barst über ihrem Bogen auseinander, die Häuser standen auf dem Kopfe, ein Wächterhäuschen stürzte auf ihn zu, und die Hellebarde des Wächters, die goldenen Buchstaben der Schilder mit der darauf gemalten Schere: alles leuchtete und blitzte unmittelbar vor seinen Augenwimpern auf. Und dies alles hatte der einzige Blick, die eine Wendung des schönen Köpfchens hervorgerufen. Taub, blind und gedankenlos folgte er den zarten Spuren der niedlichen Füßchen und versuchte die Hast seiner Schritte, die nach dem Takt seines Herzschlages dahinstürmten, zu mäßigen. Manches Mal packte ihn der Zweifel: war wirklich der Ausdruck ihres Gesichtes so freundlich gewesen? — und er blieb einen Augenblick stehn, aber das Pochen seines Herzens, eine unüberwindliche Gewalt, die Erregung all seiner Sinne trieb ihn immer wieder vorwärts. Er merkte gar nicht, wie sich auf einmal ein vierstöckiges Haus vor ihm erhob, das mit seinen vier erleuchteten Fensterreihen auf ihn herabsah, und wie er plötzlich gegen das eiserne Geländer vor der Einfahrt stieß. Er sah, wie die Unbekannte die Treppe hinaufflog; dann aber drehte sie sich um, legte den Finger auf die Lippen und gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen. Seine Knie zitterten ihm, seine Gefühle und Gedanken glühten, ein wunderbares Glücksgefühl traf wie ein Blitz mit schneidender Schärfe sein Herz. Nein, das war doch kein Traum! Gott! so viel Glück in einem einzigen Augenblick! welch herrliches Leben in diesen kurzen zwei Minuten.

Aber war es auch wirklich kein Traum? War sie, für deren himmlischen Blick er bereit war, sein ganzes Leben zu opfern, deren Wohnstätte nahe zu sein, er schon für ein unaussprechliches Glück hielt — war sie denn wirklich jetzt eben so freundlich und so aufmerksam gegen ihn gewesen? Er flog die Treppen hinauf. Er war keines irdischen Gedankens fähig, und keine irdische Leidenschaft loderte mehr in ihm. Nein, in diesem Augenblick war er rein und makellos wie ein reiner, keuscher Jüngling, den nur ein unbestimmtes, geistiges Liebesbedürfnis erfüllte. Und was in einem lasterhaften Menschen kühne und häßliche Wünsche geweckt hätte, das läuterte seine Gefühle nur noch mehr. Das Vertrauen, das ihm das herrliche schwache Geschöpf entgegenbrachte, dies Vertrauen verpflichtete ihn zu dem Gelübde, mit ritterlicher Strenge und sklavischer Unterwerfung all ihre Befehle zu erfüllen. Er wünschte nur, daß die Aufgaben, die sie ihm stellen würde, so schwer als möglich, ja, geradezu unausführbar wären, damit er mit voller Anspannung aller seiner Kräfte hinfliegen könnte, sie zu überwinden. Er zweifelte nicht daran, daß irgendein geheimnisvolles und wichtiges Ereignis die Unbekannte bewogen hätte, sich ihm anzuvertrauen, daß sicherlich bedeutende Dienstleistungen von ihm gefordert werden würden, und er fühlte schon die Kraft und die Entschlossenheit in sich, die ihn zu allem fähig machte.

Die Treppe wand sich immer mehr hinauf, und mit ihr drehten sich seine Träume und Gedanken im Kreise herum. „Steigen Sie vorsichtiger hinauf,“ erklang eine Stimme gleich einer Harfe und ließ all seine Sinne von neuem erbeben. Auf dem dunklen Treppenabsatz des vierten Stockwerkes klopfte die Unbekannte an die Tür; sie öffnete sich, und sie traten zusammen ein. Eine hübsche Frau kam ihnen mit einem Licht entgegen; allein, sie sah Piskarjow so eigentümlich und frech an, daß er unwillkürlich die Augen senkte. Sie traten ins Zimmer. Er erblickte in drei verschiedenen Ecken drei weibliche Figuren. Die eine legte Karten, die zweite saß vor einem Klavier und spielte mit zwei Fingern etwas wie eine elende Melodie einer altmodischen Polonäse, die dritte saß vor dem Spiegel und kämmte ihr langes Haar mit einem Kamm, und es fiel ihr nicht ein, beim Eintritt des Fremden ihre Beschäftigung zu unterbrechen. Überall herrschte eine peinliche Unordnung, wie man sie sonst nur im Zimmer eines sorglosen Hagestolzen antrifft. Die noch ziemlich gut erhaltenen Möbel waren mit Staub bedeckt, ein Spinngewebe überzog die Stuckarbeit des Gesimses, durch die halbgeöffnete Tür des benachbarten Zimmers sah man einen mit einem Sporn versehenen Stiefel und den roten Aufschlag eines Uniformrockes, und den Eintretenden drang ganz ungeniert eine laute männliche Stimme und das Gelächter einer Frau entgegen.

Mein Gott, wo war er hineingeraten! Anfangs traute er kaum seinen Augen und fing an, sich die Gegenstände im Zimmer genauer anzusehen; aber die nackten Wände, die Fenster, die durch kleine Vorhänge verhängt waren, deuteten durchaus nicht auf die Gegenwart einer sorgsamen Hausfrau; die schlaffen gealterten Züge dieser elenden Geschöpfe, von denen das eine sich gerade vor seine Nase hingesetzt hatte und ihn ebenso ruhig betrachtete, wie einen Fleck auf einem fremden Kleide, alles überzeugte ihn davon, daß er in eins jener häßlichen Asyle geraten sei, wo das gemeine Laster, das von einer falschen Überkultur und der großen Übervölkerung der Hauptstadt erzeugt wird, sich eine Wohnstätte gegründet hatte — eins jener Asyle, wo der Mensch alles Reine und Heilige, das unser Leben verschönt, schändet und erstickt, wo das Weib, dies schönste Wunderwerk dieser Welt, die Krone der Schöpfung, sich in ein merkwürdiges, zweideutiges Wesen verwandelt hat, wo es mit dem Verlust seiner Seelenreinheit auch alle Weiblichkeit verliert, sich in widerwärtiger Weise die Manieren und das freche Wesen der Männer aneignet, und wo es aufhört, das herrliche, schwache Geschöpf zu sein, das sich seiner ganzen Natur nach so sehr von uns unterscheidet. Piskarjow maß sie vom Kopf bis zu den Füßen mit seinen Blicken, als wolle er sich noch einmal davon überzeugen, ob sie auch wirklich dasselbe Wesen sei, das ihn auf dem Newsky so bestrickt und so weit mit sich fortgeführt hatte. Aber auch jetzt war sie, wie sie da vor ihm stand, noch immer so schön wie vorhin; ihr Haar war noch ebenso herrlich, und ihre Augen erschienen ihm noch immer wahrhaft göttlich. Sie war jung und frisch, kaum 17 Jahre alt — man sah es ihr an, daß das furchtbare Laster sie erst vor kurzem ergriffen hatte! Es hatte sich noch nicht an ihre Wangen herangewagt, sie waren noch frisch, zart und rosig; mit einem Wort, sie war wunderbar schön.

Ganz in ihren Anblick versunken stand er da, und schon wollte er sich in seiner schlichten Weise, wie früher seinen Träumereien hingeben. Aber dieses lange Schweigen langweilte die Schöne; sie lächelte bedeutungsvoll und sah ihm gerade in die Augen. Allein dieses Lächeln hatte etwas Gemeines und Freches, war so sonderbar und paßte so schlecht zu ihrem Gesichte, wie etwa der Ausdruck der Frömmigkeit zu der Fratze eines bestechlichen Beamten oder ein Kontobuch zu einem Poeten. Piskarjow erbebte. Sie öffnete ihre reizenden Lippen und fing an zu reden, aber was sie sagte, war alles so dumm und abgeschmackt ... wie wenn zugleich mit der Tugend auch der Verstand den Menschen verließe! Er wollte nichts mehr hören ... und machte einen furchtbar komischen und einfältigen Eindruck wie ein Kind! Statt ihr Entgegenkommen auszunutzen, statt sich über solch einen Zufall zu freuen — über den sich jeder andere an seiner Stelle ohne Zweifel gefreut hätte — stürmte er, so schnell ihn seine Füße trugen, wie ein Reh auf die Straße.

Gesenkten Hauptes und die Hände in den Schoß gelegt, saß er in seinem Zimmer wie ein armer Bettler, der am Meeresufer eine kostbare Perle gefunden hat und sie wieder ins Wasser fallen ließ. „So eine Schönheit! Solch göttliche Züge! Doch wo mußte ich sie finden? an welchem Ort! ...“ das war alles, was er sagen konnte.

Wahrlich, nie werden wir mächtiger vom Mitleid erfaßt, als beim Anblick der Schönheit, die der verderbliche Odem des Lasters gestreift hat. Ja, wenn sich noch das Häßliche mit ihm verbände, aber die Schönheit, die zarte Schönheit! ... Nur mit der Tugend und mit der Reinheit vereint sie sich in unseren Gedanken. Das schöne Mädchen, das den armen Piskarjow so bestrickt hatte, war wirklich eine wundersame und ungewöhnliche Erscheinung. Aber ihre Anwesenheit in diesem verächtlichen Kreise erschien um so unerklärlicher. Ihre Züge waren so herrlich geformt, der Ausdruck des schönen Gesichts war so edel, daß man durchaus nicht glauben konnte, das Laster habe schon seine Krallen in sie hineingeschlagen. Für einen leidenschaftlichen Gatten wäre sie eine Perle, für die kein Preis zu hoch, seine ganze Welt, sein Paradies, sein ganzer Reichtum gewesen; in einem bescheidenen Familienkreise hätte sie wie ein herrlicher, stiller Stern geleuchtet und mit einer Bewegung ihres wunderschönen Mundes ihre süßen Befehle erteilt. In einem von Menschen erfüllten Saale auf blankem Parkett, bei Kerzenglanz wäre sie eine Gottheit gewesen; eine Schar von Verehrern hätte in wortloser Anbetung zu ihren Füßen gelegen. Aber ach, der furchtbare, teuflische Wille des bösen Geistes, der darnach lechzt, die Harmonie dieses Lebens zu zerstören, hatte sie mit Hohngelächter in diesen schrecklichen Abgrund gestürzt.

Völlig hingenommen von herzzerreißendem Mitleid, saß Piskarjow vor der zusammengeschmolzenen Kerze. Die Mitternacht war längst vorüber, die Turmuhr schlug halb eins, aber er saß noch immer unbeweglich, schlaflos und gedankenlos vor sich hindämmernd da. Schon wollte der Schlummer seine Unbeweglichkeit benützend, ihn leise überwältigen, das Zimmer fing an, vor seinen Blicken zu versinken, und der Kerzenschimmer blinkte noch leise durch die ihn gefangen haltenden Träume, als plötzlich ein Klopfen, das an der Türe ertönte, ihn aufschreckte und wieder ermunterte. Die Tür öffnete sich, und ein Diener in einer eleganten Livree trat ein. Noch nie hatte eine so reiche Livree sein einsames Zimmer aufgesucht. Und noch dazu zu dieser ungewöhnlichen Stunde ... er begriff nichts und starrte mit ungeduldiger Neugierde auf den eintretenden Diener.

„Die Dame,“ sagte der Diener, sich höflich verneigend, „bei der Sie die Güte hatten, vor ein paar Stunden vorzusprechen, bittet Sie, zu ihr zu kommen, und hat den Wagen nach Ihnen geschickt.“

Piskarjow stand in sprachloser Verwundrung da, ein Wagen und ein Livreediener! ... Nein, hier lag sicher ein Mißverständnis vor ...

„Hören Sie, mein Lieber,“ sagte er schüchtern, „Sie haben sich gewiß in der Tür geirrt. Wahrscheinlich hat Ihre Herrin Sie zu einem anderen Herrn geschickt und nicht zu mir.“

„Nein, mein Herr, ich irre mich nicht. Sie haben doch die Dame zu Fuß nach Hause begleitet: bis in ihr im vierten Stock gelegenes Zimmer in der Liteinaja?“

„Ja, das habe ich getan.“

„Nun, dann kommen Sie bitte schnell mit mir, meine Herrin will Sie durchaus sehen und bittet Sie, zu ihr ins Haus zu kommen.“

Piskarjow lief die Treppe hinab. Auf dem Hofe stand wirklich ein Wagen. Er setzte sich hinein, die Tür schlug zu, die Pflastersteine erdröhnten unter den Rädern und Hufen der Pferde, und die erleuchteten Fassaden der Häuser mit den grellen Schildern und Laternen flogen an den Wagenfenstern vorüber. Während der Fahrt zerbrach sich Piskarjow den Kopf, er wußte nicht, wie er sich dies Abenteuer erklären sollte. Ein eigenes Haus, der Wagen, der Livreediener ... dies alles stimmte durchaus nicht zu dem Zimmer im vierten Stock, zu den staubigen Fenstern und dem verstimmten Klavier. Der Wagen hielt vor einer hell erleuchteten Einfahrt, und zu seinem Erstaunen erblickte Piskarjow eine Reihe Equipagen und hell erleuchtete Fenster, er vernahm die Unterhaltung der Kutscher, Musik usw. ... Ein vornehmer Livreediener hob ihn aus dem Wagen und führte ihn ehrfurchtsvoll in ein mit Marmorsäulen verziertes Vorhaus; der goldstrotzende Portier und die umherliegenden Mäntel und Pelze, alles war von dem grellen Lichte einer Lampe erleuchtet. Eine luftige Treppe, mit einem blitzenden Geländer, führte, umfächelt von aromatischen Düften, nach oben. Ohne recht zu wissen wie, hatte er sie erstiegen und nun trat er in den ersten Saal, aber schon beim ersten Schritt fuhr er erschreckt durch die vielen Menschen zurück.

Die ungewöhnliche Buntheit der anwesenden Gäste brachte ihn vollends in Verwirrung; es schien ihm, daß irgendein Dämon die ganze Welt in eine Menge winziger Stücke zerbröckelt und dann diese Stücke ohne Sinn und Verstand durcheinandergewirbelt hätte. Blendende Frauenschultern, schwarze Fräcke, Kronleuchter und Lampen, duftige, fliegende Gazeschleier, ätherische Bänder und ein dicker Konterbaß, der über dem Geländer des wundervollen Chors hervorlugte, dies alles glänzte und glitzerte vor seinen Augen. Plötzlich sah er so viele ehrwürdige Greise und ältere Männer mit Sternen auf den Fräcken, und Damen, die so leicht, stolz und graziös über das Parkett schwebten oder in langen Reihen nebeneinander saßen, er hörte so viele französische und englische Wörter, und die jungen Leute in den schwarzen Fräcken trugen einen so edlen Anstand zur Schau, sprachen oder schwiegen mit so viel Würde, verstanden es so vorzüglich, nur das Allernotwendigste zu sagen, scherzten so herablassend, lächelten so höflich, hatten solch herrliche Backenbärte und wußten so geschickt ihre schönen Hände zu zeigen, indem sie ihre Halsbinde zurecht rückten; die Damen waren so duftig, so ganz hingenommen von einer absoluten Selbstzufriedenheit und Wonne, sie senkten so entzückend die Augen, — daß ... Aber schon das völlig verschüchterte Wesen Piskarjows, der sich ängstlich an eine Säule drückte, ließ seine vollständige Verwirrung erkennen. Währenddessen hatte die Gesellschaft einen Kreis um eine tanzende Gruppe gebildet. Die Tänzerinnen schwangen sich in durchsichtige Schöpfungen der Pariser Modekunst, in Stoffe gehüllt, die ganz aus Luft gewebt schienen, im Kreise herum; sie berührten das Parkett nur ganz oberflächlich mit ihren funkelnden Füßchen und erschienen dadurch noch ätherischer, als wenn sie es überhaupt nicht berührt hätten. Eine von ihnen war noch schöner, kostbarer und glänzender gekleidet als die andern. Ihr ganzes Kostüm zeugte von einer wundersamen Harmonie und einem erlesenen Geschmack, und dabei hatte es den Anschein, als kümmerte sie sich gar nicht darum und als hätte sich diese Harmonie von selbst über sie ergossen. Sie schien die sie umgebende Schar der Zuschauer wohl zu bemerken und bemerkte sie auch wieder nicht, die schönen, langen Wimpern waren gleichgültig gesenkt, und ihre blendendweiße Gesichtsfarbe fiel noch mehr in die Augen, wenn bei einer leichten Senkung des Köpfchens ein schwacher Schatten auf ihre entzückende Stirn fiel.

Piskarjow strengte alle seine Kräfte an, um sich einen Weg durch die Masse der Zuschauer zu bahnen, um sie besser sehen zu können, aber zu seinem größten Verdruß verdeckte ein ungeheurer Kopf mit schwarzem Lockenhaar in einem fort die Tänzerin; dabei sah er sich bald so von der Menge eingezwängt, daß er weder vorwärts noch rückwärts zu gehen wagte, aus Furcht, mit irgendeinem Geheimrat zusammenzustoßen. Endlich jedoch war es ihm auf irgendeine Art gelungen, sich bis nach vorne vorzudrängen und er warf einen Blick auf seine Kleider, um sie ein wenig in Ordnung zu bringen. Aber allmächtiger Gott: Was war das? Er hatte seinen alten Rock an, der voller Farbenflecken war; in der Eile des Aufbruchs hatte er es nämlich ganz vergessen, sich in einen anständigen Anzug zu werfen. Er wurde rot bis über die Ohren, ließ den Kopf hängen und wollte in die Erde versinken, aber es war wirklich keine Versenkung da, in der er hätte verschwinden können: hinter ihm stand eine ganze Mauer von eleganten Kammerjunkern in hochfeinen Uniformröcken. Er wünschte sich so weit fort als nur möglich von der Schönen mit der herrlichen Stirn und den entzückenden Wimpern. Voller Angst hob er die Augen, um zu sehen, ob sie ihn wohl gar anblickte. O Gott, sie stand ja vor ihm! Aber was war das? Was war das? — „Sie ist es!“ schrie er fast mit Aufgebot all seiner Kräfte. Es war wirklich dieselbe Schöne, die er auf dem Newsky-Prospekt getroffen und die er dann nach Hause begleitet hatte.

Unterdessen aber hatte sie die Wimpern erhoben und sah alle mit ihrem klaren Blick an. „O Gott, wie schön ist sie! ...“ das war alles, was er stockenden Atems sagen konnte. Sie suchte den ganzen Kreis mit ihren Augen ab; alle lechzten förmlich darnach, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber sie blickte nur mit einer gewissen Ermüdung und Gleichgültigkeit wieder weg, und ihre Augen begegneten denen Piskarjows. Welch ein Himmel! Welch ein Paradies lag in diesem Blick! Allmächtiger Gott! Woher wollte er die Kraft nehmen, ihn zu ertragen, sein Herz vermochte ihn nicht auszuhalten, es mußte zerreißen und die Seele mit sich entführen! Sie gab ihm ein Zeichen, aber nicht mit der Hand, noch durch eine Neigung des Kopfes, nein — dieses Zeichen lag in dem Blick ihrer verführerischen Augen, in einem so feinen, unmerklichen Ausdruck, daß niemand ihn bemerken konnte; — er aber bemerkte — er verstand ihn. Der Tanz dauerte lange, die müde Musik schien ersterben und erlöschen zu wollen, aber sie raffte sich wieder auf und tönte kreischend und laut schmetternd durch den Saal; da endlich — war der Tanz zu Ende! Die schöne Frau setzte sich nieder, ihr Busen hob und senkte sich unter den zarten Wolken des Gazestoffes; ihre Hand (Gott, was war das doch für eine wundervolle Hand!) sank auf ihre Knie, und fiel schwer auf das durchsichtige Kleid; dem Kleide schien unter dieser Berührung Musik zu entströmen, und die zarte Fliederfarbe ließ das blendende Weiß der schönen Hand noch deutlicher hervortreten. Nur einmal diese Hände berühren — und dann nichts mehr! Keinen anderen Wunsch mehr — jeder andere wäre zu kühn gewesen ... Er stand hinter ihrem Stuhl und wagte es nicht, etwas zu sagen oder Atem zu holen — „Sie haben sich wohl gelangweilt?“ fragte sie, „ich habe mich auch gelangweilt. Ich merke es wohl, daß Sie mich hassen,“ fügte sie hinzu und senkte ihre langen Wimpern.

„Sie hassen? ich? ..“ wollte der völlig fassungslose Piskarjow ausrufen und er hätte gewiß noch eine ganze Menge unzusammenhängender Worte hervorgebracht, aber in diesem Augenblick trat ein Kammerherr mit einem sehr schönen, gelockten Toupet hinzu und machte ein paar witzige und angenehme Bemerkungen. Er lächelte freundlich, ließ hierbei eine Reihe schöner Zähne sehen und schien mit jedem Witz einen Nagel in Piskarjows Herz zu treiben. Zum Glück wandte sich endlich einer von den Anwesenden mit einer Frage an den Kammerherrn.

„Wie unerträglich ist das!“ sagte sie und hob ihre himmlischen Augen zu ihm empor. — „Ich will mich am andern Ende des Saales hinsetzen, kommen Sie zu mir!“ Sie glitt durch die Menge und entschwand seinen Blicken. Halb wahnsinnig machte er sich zwischen den Leuten hindurch Bahn und war gleich darauf an ihrer Seite.

„Ja, das war sie!“ Sie saß da wie eine Königin, schöner und herrlicher als alle andern, und suchte ihn mit den Augen.

„Sie sind hier?“ sagte sie leise. „Ich will aufrichtig gegen Sie sein: die Art unserer Begegnung ist Ihnen gewiß sonderbar erschienen. Konnten Sie wirklich glauben, daß ich zu jener verächtlichen Menschenklasse gehöre, in deren Mitte Sie mich trafen? Mein Betragen scheint Ihnen merkwürdig, aber ich will Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Sind Sie auch imstande,“ sagte sie und sah ihm forschend in die Augen — „es nie jemand zu verraten?“

„O gewiß, ich schwöre Ihnen ...“

Aber in diesem Augenblick trat ein ältlicher Herr an sie heran, fing an, in einer Sprache, die Piskarjow unverständlich blieb, mit ihr zu reden, und reichte ihr den Arm. Sie warf Piskarjow einen flehenden Blick zu und gab ihm ein Zeichen, er solle auf seinem Platz bleiben und ihre Rückkehr abwarten, aber in seiner Ungeduld fühlte er sich außerstande, irgendeinen Befehl, und wäre es selbst der ihrige gewesen, zu empfangen. Er wollte ihr folgen, doch im Gedränge wurden sie voneinander getrennt. Er konnte das fliederfarbige Kleid nicht mehr entdecken, in höchster Unruhe eilte er aus einem Zimmer ins andere und stieß alle, die ihm entgegenkamen, unbarmherzig zur Seite. Allein in den Zimmern saßen nur vornehme und reiche Herren beim Whist und hüllten sich in ein stumpfes Schweigen. In einem Winkel stritten ein paar ältere Leute über die Vorzüge des Militärdienstes gegenüber denen des Zivildienstes, und in einer anderen Ecke machten einige junge Leute in eleganten Fräcken flüchtige Bemerkungen über das mehrbändige Werk eines ernsten Poeten. Piskarjow fühlte, wie ein ältlicher Herr von ehrwürdigem Äußeren ihn bei einem Knopf seiner Rocks ergriff und ihm eine sehr richtige Antwort auf eine Bemerkung von ihm erteilte, aber er stieß ihn grob von sich, ohne zu bemerken, daß der Herr einen recht hohen Orden um den Hals trug. Piskarjow lief in ein anderes Zimmer, sie war nicht da, dann in ein drittes — auch da war sie nicht zu finden. „Wo ist sie nur? Führt mich zu ihr! Oh! ich kann nicht ohne ihren Anblick leben! ich will wissen, was sie mir zu sagen hatte!“ Aber all sein Suchen war umsonst. Müde und ängstlich drückte er sich in eine Ecke, und blickte in die Menge vor ihm, doch seine müden Augen stellten ihm alles in unbestimmten Formen und Konturen dar. Endlich fing er an, die Wände seines eigenen Zimmers zu erkennen. Er blickte auf: vor ihm stand ein Leuchter, die Kerze war fast ganz heruntergebrannt und war im Begriff, zu verlöschen, das Licht war dahingeschmolzen, und der Talg hatte sich über den alten Tisch ergossen.

Er hatte also nur geschlafen. Gott, welch ein schöner Traum! warum mußte er nur wieder erwachen?! warum hatte er nicht noch eine Minute warten können! Gewiß wäre sie zurückgekommen! Das aufdringliche Morgengrauen, das ihn mit seinem trüben Lichte peinigte, blickte durchs Fenster hinein. Das Zimmer lag grau und trübe da: überall herrschte Unordnung ... Oh, diese abscheuliche Wirklichkeit, was war sie im Vergleich mit dem Traume? Er kleidete sich schnell aus, legte sich ins Bett und hüllte sich in die Decke ein, ganz von dem einen Wunsche erfüllt, das entflohene Traumbild wieder zurückzurufen. Der Traum zögerte auch nicht, sich einzustellen, aber er ließ ihn nicht sehen, was er sehen wollte: bald erschien der Leutnant Piragow mit einer Pfeife im Munde, bald der Diener aus der Akademie, bald ein Wirklicher Staatsrat, dann wieder der Kopf einer Finnländerin, die er einst gemalt hatte, und ähnlicher Unsinn.

Bis zum Nachmittag lag er im Bett, weil er wieder einschlafen wollte — aber die Schöne wollte nicht erscheinen. Wenn sie doch nur für einen Augenblick ihre wundervollen Züge vor ihm enthüllt, wenn er doch nur für einen Augenblick ihren leichten Schritt vernommen hätte, wenn ihr entblößter Arm nur für einen Moment, wie eine schneeweiße Wolke an seinen Blicken vorübergeschwebt wäre!

Er hatte alles von sich geworfen und alles vergessen und saß nun mit einer trost- und hoffnungslosen Miene da, ganz in sein Traumgesicht versunken. Er dachte nicht mehr daran, etwas zu unternehmen; teilnahmslos und leblos starrten seine Augen durchs Fenster auf den Hof, wo ein schmutziger Wasserträger Wasser ausgoß, das in der Luft gefror, und wo ein Verkäufer mit meckernder Stimme seine Ware feilbot: „alte Kleider zu verkaufen.“ Alles Wirkliche und Alltägliche berührte sein Ohr fremd und seltsam. So saß er bis zum Abend da, dann warf er sich leidenschaftlich ins Bett. Lange kämpfte er mit der Schlaflosigkeit, aber endlich besiegte er sie. Wieder fing er an zu träumen, aber diesmal war es ein fader, häßlicher Traum. „Gott, erbarme Dich! Oh, laß mich sie sehen, wenn auch nur für einen Augenblick, für einen einzigen Augenblick!“ Er wartete wieder auf den Abend, schlief wieder ein und träumte von einem Beamten, der ein Beamter und zu gleicher Zeit ein Fagott war. „Oh! das ist unerträglich!“ rief er da. Endlich erschien sie ihm, ihr Köpfchen, ihre Locken ... sie sah ihn an ... aber ach, nur ganz kurze Zeit! Wieder senkte sich ein Nebel herab, ... und abermals versank er in einen dummen Traum.

Allmählich bildeten seine Träume den ganzen Inhalt seines Lebens, und von dieser Zeit ab nahm sein Leben eine merkwürdige Richtung an: man konnte sagen, er schlief — wenn er wach war, und er war wach — wenn er träumte. Wenn ihn jemand gesehen hätte, wie er ganz stumm vor seinem leeren Tisch saß, oder wie er auf der Straße einherging, er hätte ihn für einen Nachtwandler oder einen durch Alkohol vergifteten Narren gehalten; sein Blick war völlig ausdruckslos, seine angeborene Zerstreutheit entwickelte sich bis ins Maßlose und verjagte herrisch alle Bewegung und Empfindung aus seinem Gesicht, nur beim Anbruch der Nacht belebten sich seine starren Züge wieder.

Dieser Zustand zerrüttete seinen Organismus, aber die größte Qual brach erst für ihn an, als der Schlaf endlich anfing, ihn ganz zu fliehen. Vom Wunsche verzehrt, diesen seinen einzigen Schatz zu retten, wandte er alle Mittel an, um ihn wiederzuerlangen. Er erfuhr, daß es ein Mittel gäbe, das einem den Schlaf wiederbringt, dazu brauche man nur Opium zu nehmen. Aber wo sollte er sich dies Opium verschaffen! Piskarjow erinnerte sich eines Persers, der Ladenbesitzer war, mit persischen Schals handelte und ihn bei jeder Begegnung gebeten hatte, ihm doch ein schönes Frauenbildnis zu malen. In der Überzeugung, daß der Perser Opium besäße, entschloß er sich, zu ihm zu gehen.

Der Perser empfing ihn, mit verschränkten Beinen auf dem Diwan sitzend: „Wozu brauchst du Opium?“ fragte er ihn.

Piskarjow erzählte ihm von seiner Schlaflosigkeit.

„Gut, ich will dir Opium geben — aber male mir ein schönes Frauenbildnis dafür. Es muß jedoch wirklich schön sein! Sie muß schwarze Brauen und große Sammetaugen haben, und ich selbst will neben ihr liegen und meine Pfeife rauchen! Hörst du, aber schön muß sie sein, wunderschön, hörst du?“

Piskarjow versprach ihm alles. Der Perser ging auf einen Augenblick hinaus und kehrte dann mit einem Fläschchen, das mit einer schwarzen Flüssigkeit angefüllt war, zurück; vorsichtig goß er einen Teil davon in ein anderes Fläschchen und gab es Piskarjow mit der Weisung, nicht mehr als sieben Tropfen in Wasser zu nehmen. Piskarjow griff nach dem kostbaren Fläschchen, das er für keinen Goldklumpen wieder hergegeben hätte und lief Hals über Kopf nach Hause.

Kaum war er zu Hause angekommen, so goß er sich einige Tropfen in ein Glas Wasser, trank es hastig aus und warf sich auf sein Lager.

Mein Gott! welche Wonne war dies! Da war sie! Da war sie wieder, aber jetzt erschien sie ihm in einer ganz anderen Welt. Oh, wie reizend war das! da saß sie am Fenster eines hellen Landhäuschens; ihre Kleidung war von einer Schlichtheit, wie nur ein Poet sie ersinnen konnte. Ihre Haartracht ... Heiliger Gott, wie einfach war sie, und doch wie kleidsam! Der kurze Zopf fiel ihr auf ihren schlanken Nacken herab, alles an ihr war bescheiden, geheimnisvoll und deutete auf einen wunderbar edlen, feinen Geschmack. Wie graziös war ihr Gang, wie harmonisch der Takt ihrer Schritte und das Rauschen ihres schlichten Kleides! wie schön ihr Arm mit dem aus Haaren geflochtenen Armband! Mit Tränen in den Augen sagte sie zu ihm: „Verachten Sie mich nicht, ich bin nicht das, wofür Sie mich halten! Sehen Sie mich an! Blicken Sie mich aufmerksam an und sagen Sie dann: sollte ich denn wirklich dessen fähig sein — woran Sie denken? — O nein, nein, der solches zu denken wagte ... soll ...“

Er wachte gerührt, ja erschüttert, mit Tränen in den Augen auf. „Es wäre besser, du existiertest überhaupt nicht, sondern wärest die Schöpfung eines begeisterten Künstlers, ich würde nicht von der Leinwand weichen, oh, ich würde dich ewig anschauen und dich unaufhörlich küssen. Du wärest mein Leben, mein ganzes Sein die herrlichste Phantasie, und ich wäre glücklich. Ich hätte keinen Wunsch außer nach dir! Wie meinen Schutzengel würde ich dich anrufen, im Schlafe und wenn ich wach wäre, und wenn ich etwas Göttliches und Heiliges darstellen müßte, so würde ich auf dich warten, daß du mir erscheinest. Doch nun, was für ein entsetzliches Leben! Sie lebt — aber was nützt es mir! Ist denn das Leben eines Wahnsinnigen eine Freude für seine Angehörigen und seine Freunde, die ihn einstmals liebten?! Mein Gott, was ist unser Leben! Ein ewiger Streit zwischen Illusion und Wirklichkeit!“ — Solche und ähnliche Gedanken beschäftigten ihn unaufhörlich. Andere Interessen hatte er nicht, er dachte an nichts und aß fast gar nichts; voller Ungeduld und mit der Leidenschaft eines Liebhabers wartete er auf den Abend und die ersehnte Erscheinung. Diese beständige Richtung seiner Gedanken auf ein Ziel gewann schließlich solch eine Gewalt über sein ganzes Sein und seine Einbildungskraft, daß das ersehnte Bild fast täglich vor seinem inneren Auge erschien, aber immer in einer Umgebung, die der Wirklichkeit geradezu widersprach, denn seine Gedanken waren rein wie die Gedanken eines Kindes. Der Gegenstand seiner Liebe wurde durch seine Träume verwandelt und veredelt.

Der Gebrauch des Opiums erhitzte seine Gedanken immer mehr; wenn es einmal einen bis zum höchsten Grade des Wahnsinns ungestümen, qualvoll und verzehrend Verliebten gegeben hat, so war es dieser Unglückliche.

Der schönste von allen seinen Träumen war dieser: Er fand sich in seinem Atelier wieder, war froh gestimmt und saß selig mit der Palette in der Hand da. Auch sie war zugegen und war seine Frau. Sie saß neben ihm, stützte sich mit ihrem zierlichen Ellenbogen auf die Lehne seines Stuhles und sah zu, wie er arbeitete. In ihren dunklen, müden Augen lag eine lastende Fülle des Glücks, alles im Zimmer war durchtränkt von Seligkeit, überall herrschte Helligkeit, Ordnung und Sauberkeit. Himmlischer Gott! sie lehnte ihr herrliches Köpfchen an seine Brust ... Einen schöneren Traum hatte Piskarjow noch nie gehabt und er fühlte sich frischer und weniger zerstreut als vorher. Wundersame Gedanken regten sich in seinem Hirn: „Vielleicht,“ so dachte er, „vielleicht ist sie durch irgendeinen unverschuldeten, schrecklichen Zufall dem Laster verfallen, vielleicht sehnt sich ihre Seele nach Buße, vielleicht verlangt sie selbst danach, sich aus ihrer entsetzlichen Lage zu befreien. Darf man denn gleichgültig zusehen, wie sie zugrunde geht? wo es sich vielleicht nur darum handelt, ihr die Hand entgegenzustrecken und sie vor dem Ertrinken zu retten!“ Und seine Gedanken eilten immer weiter: „Mich kennt niemand,“ sagte er zu sich selbst, „wer kümmert sich um mich, und um wen brauche ich mich zu kümmern?! Wenn sie aufrichtig bereut und ihren Lebenswandel ändert, so — will ich sie heiraten. Ja, ich muß sie heiraten, ich werde verständig handeln! Wieviel Menschen gibt es, die ihre Wirtschafterinnen und manches Mal sogar ganz verwerfliche Geschöpfe heiraten; meine Tat wird uneigennützig und vielleicht sogar groß sein. Ich werde der Welt eine ihrer schönsten Zierden wiedergeben!“