Während er solch leichtsinnige Pläne schmiedete, fühlte er die Röte in seine Wangen steigen; er trat vor den Spiegel und erschrak über seine eingefallenen Züge und die Blässe seines Gesichts. Diesmal kleidete er sich sorgfältig an, wusch sich, kämmte sein Haar, warf sich in seinen neuen Frack und zog eine feine Weste an, legte den Mantel um und ging auf die Straße. Gierig sog er die frische Luft ein und fühlte ein Wohlbehagen in seinem Innern wie ein Genesender, der sich nach einer langwierigen Krankheit zum erstenmal entschlossen hat, an die Luft zu gehn. Als er sich der Straße näherte, die er seit der verhängnisvollen Begegnung nicht mehr betreten hatte, fing sein Herz heftiger an, zu pochen.

Lange suchte er nach dem Hause; es schien, das Gedächtnis versagte ihm den Dienst. Zweimal ging er die Straße auf und ab und wußte nicht, wo er stehnbleiben sollte. Endlich glaubte er das Haus gefunden zu haben. Schnell lief er die Treppe hinauf und klopfte an die Tür: die Tür öffnete sich, — und wer trat ihm entgegen? Sein Ideal! sein geheimnisvolles Traumbild, das Original seiner Phantasien — sie, die sein Alles, sein Leben, sein ganzes furchtbares, qualvolles und doch so süßes Leben ausmachte — sie stand vor ihm. Er erbebte; ganz überwältigt von der Freude, konnte er sich vor Schwäche kaum auf den Füßen halten. Sie stand vor ihm, noch ebenso schön wie ehemals; obgleich ihre Augen etwas trübe waren und eine leichte Blässe auf ihren nicht mehr ganz so frischen Zügen lag, war sie doch immer noch wunderschön.

„Oh,“ rief sie aus, als sie Piskarjow erblickte, und rieb sich die Augen. Es war schon 2 Uhr nachmittag. „Warum sind Sie damals weggelaufen?“

Piskarjow ließ sich ganz erschöpft auf einem Stuhle nieder und blickte sie an.

„Ich bin erst eben aufgewacht; man hat mich um 7 Uhr nach Hause gebracht. Ich war ganz betrunken!“ fügte sie mit einem Lächeln hinzu.

„Oh! wärest du doch stumm, wärest du der Sprache beraubt, statt solche Reden zu führen!“ Wie in einem Panorama, so hatte sie ihm in diesem Augenblick ihr ganzes Leben aufgerollt. Trotz alledem aber nahm er all seine Kraft zusammen: er wollte den Versuch machen, ob seine Ermahnungen keinen Eindruck auf sie ausüben würden. Nachdem er sich ermannt hatte, fing er mit zitternder Stimme an, ihr in glühenden Farben die Schrecken ihrer Lage zu schildern. Sie hörte ihn mit Aufmerksamkeit und mit dem Gefühl des Staunens an, wie wir es wohl beim Anblick von etwas völlig Unerwartetem und Merkwürdigem zu äußern pflegen. Mit einem kaum merklichen Lächeln blickte sie auf ihre Freundin, die in der Ecke saß, in ihrer Arbeit — sie reinigte gerade einen Kamm — innehielt und dem neuen Propheten gleichfalls aufmerksam zuhörte.

„Es ist wahr, ich bin arm!“ schloß Piskarjow nach einer langen und erbaulichen Ermahnung, „aber wir werden arbeiten, wir werden uns beide, einer wie der andere, um die Wette bemühen, unsere Lage zu verbessern. Es gibt nichts Schöneres, als alles seiner eigenen Kraft zu verdanken. Ich werde Bilder malen, du wirst mit einer Arbeit beschäftigt neben mir sitzen und mich zum Schaffen begeistern; es soll uns an nichts fehlen.“

„Wie wäre das möglich!“ unterbrach sie ihn in seiner Rede mit dem Ausdruck tiefer Verachtung. „Ich bin doch keine Wäscherin oder Näherin, daß ich arbeiten sollte!“

Mein Gott! in diesen Worten kam die ganze Häßlichkeit dieses verächtlichen Lebens zum Ausdruck, eines Lebens voller Eitelkeit und Müßiggangs, dieser treuen Gefährten des Lasters.

Hier fiel die Freundin, die bis jetzt still in der Ecke gesessen hatte, frech ein: „Heiraten sie mich! Wenn ich verheiratet bin, werde ich immer so dasitzen.“ Hierbei verzog sie ihr erbärmliches Gesicht zu einer dummen Grimasse, und dies amüsierte die Schöne aufs höchste und brachte sie zum Lachen.

Oh! das war zuviel! das war unerträglich! Er stürzte hinaus, wie von Sinnen und als ob er den Verstand verloren hätte. Seine Gedanken verwirrten sich; ohne Sinn und Ziel, blind, taub und gefühllos, so trieb er sich den ganzen Tag über herum. Niemand wußte, ob er irgendwo geschlafen hatte oder nicht, erst am nächsten Tage kehrte er, von einem törichten Instinkt getrieben, in seine Wohnung zurück, er war in einem schrecklichen Zustande, sein Gesicht war bleich, die Haare waren verwühlt, und in seinen Zügen machten sich Anzeichen von Wahnsinn bemerkbar. Er schloß sich in seinem Zimmer ein, ließ niemand zu sich herein und nahm nichts zu sich. Es vergingen vier Tage, ohne daß sich sein verschlossenes Zimmer auch nur einmal geöffnet hätte, es verging eine Woche, und das Zimmer blieb noch immer verschlossen. Man rüttelte an der Tür, man rief nach ihm, aber es erfolgte keine Antwort; endlich brach man die Tür auf und fand einen leblosen Körper mit einer durchschnittenen Kehle. Das blutige Rasiermesser lag am Boden. Aus den krampfhaft verrenkten Armen und den furchtbar verzerrten Gesichtszügen konnte man schließen, daß seine Hand gezittert und daß der Selbstmörder sich noch lange gequält hatte, bevor seine sündige Seele sich von ihrer Hülle befreit hatte. So starb der arme, stille, bescheidene, schüchterne, kindlich-schlichte Piskarjow, ein Opfer der wahnsinnigen Leidenschaft: er der den Funken eines Talentes in sich getragen, das sich vielleicht zu einer hohen, hellen Flamme hätte entwickeln können! Niemand weinte um ihn, niemand warf einen Blick auf seinen leblosen Körper als der Polizeikommissar und der Stadtarzt, diese gewohnten Gestalten mit ihren gleichgültigen Mienen. Man trug seinen Sarg ganz still ohne jede religiöse Zeremonie nach Ochta, ein einziger Wächter begleitete ihn — aber auch der weinte nur, weil er ein Glas Schnaps über den Durst getrunken hatte. Selbst der Leutnant Piragow, der ihm bei Lebzeiten seine hohe Protektion erwiesen hatte, erschien nicht, um dem Leichnam des Unglücklichen einen letzten Blick zu weihn. Er hatte übrigens ganz andere Dinge im Kopfe: er war mit einem außerordentlichen Erlebnis beschäftigt. Aber wenden wir uns lieber ihm zu: ich liebe die Toten nicht, und es ist mir immer unangenehm, wenn ein Begräbniszug mit dem alten Invaliden, der wie ein Kapuziner gekleidet ist und seinen Tabak mit der linken Hand schnupft, weil er in der rechten eine Fackel trägt, meinen Weg kreuzt. Ich spüre immer etwas wie Verdruß, wenn ich einem kostbaren Katafalk und einem mit Sammet bezogenen Sarg begegne; aber mein Verdruß mischt sich mit Wehmut, wenn ich einen Lastfuhrmann sehe, der einen kahlen, toten Sarg eines Armen mit sich führt, begleitet von einer Bettlerin, die zufällig des Weges daherkam und dem Sarge folgte, da sie gerade nichts anderes zu tun hatte.

Ich glaube, wir haben den Leutnant Piragow verlassen, als er sich gerade von dem armen Maler Piskarjow trennte und der schönen Blondine nacheilte. Diese Blondine war ein leichtsinniges und interessantes Geschöpf. Sie blieb vor jedem Kaufladen stehn und betrachtete die in den Schaufenstern ausgelegten Gürtel, Halstücher, Ohrringe, Handschuhe und sonstigen Kleinigkeiten, drehte sich hin und her, blickte nach allen Seiten und sah sich fortwährend um. „Mein Täubchen!“ sagte Piragow selbstbewußt, setzte seine Verfolgung fort und verbarg sein Gesicht, um nicht von seinen Bekannten erkannt zu werden, in dem Kragen. Doch es ist vielleicht Zeit, den Leser etwas näher mit Piragow bekannt zu machen.

Aber bevor wir erzählen, wer Piragow eigentlich war, ist es am Platze, etwas über die Kreise zu sagen, zu denen Piragow gehörte. Es gibt in Petersburg Offiziere, die gewissermaßen eine Mittelklasse bilden. In Gesellschaften, bei Diners von Staatsräten oder Wirklichen Staatsräten, die sich diesen Titel durch vierzigjährigen Dienst erworben haben, kann man immer den einen oder den anderen Offizier dieser Kategorie treffen. Ein paar höhere Töchter, so bleich und farblos wie Petersburg selbst, von denen einzelne schon recht verblüht aussehen, ein Teetisch, ein Klavier, ein häuslicher Tanz — dies alles ist nicht denkbar ohne die blitzenden Epauletten, die man beim Lampenschein zwischen den sittsamen Blondinen und den schwarzen Fracks der Brüder und Hausfreunde glänzen sieht. Es ist sehr schwer, diese kaltblütigen Jungfrauen aufzumuntern und sie zum Lachen zu bringen, dazu gehört eine große Kunst, oder besser gesagt, dazu bedarf es gar keiner Kunst. Man muß nicht allzu klug und auch nicht allzu komisch reden, und in allem muß jene Hohlheit und Nichtigkeit liegen, die das weibliche Geschlecht so liebt. Doch in dieser Hinsicht muß man den Herren Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie verstehen es ausgezeichnet, sich bei diesen faden Jungfrauen Gehör zu verschaffen und sie zum Lachen zu reizen. Rufe, die von Gelächter erstickt werden, wie: „Bitte, hören Sie auf! Schämen Sie sich doch, einen so zum Lachen zu bringen!“ sind häufig die schönste Belohnung für diese Art Leute. In der besseren Gesellschaft begegnet man ihnen nur selten, oder richtiger gesagt, nie. Hier werden sie ganz von den Leuten verdrängt, die man in diesen Kreisen die Aristokratie nennt. Übrigens aber hält man sie für gelehrte und wohlerzogene junge Leute. Sie lieben es, sich über Literatur zu unterhalten, loben Bulgarin, Puschkin und Gretsch, und sprechen mit Verachtung und geistreichen Sticheleien über A. A. Orlow. Auch versäumen sie keinen öffentlichen Vortrag, ob in ihm nun von der Buchhaltung oder vom Forstwesen die Rede ist. Stets ist der eine oder der andere von ihnen im Theater zu finden, ganz gleichgültig, was für ein Stück gerade aufgeführt wird, es müßte denn eine ganz dumme Posse sein, die ihrem anspruchsvollen Geschmack nicht genügt; sonst aber sind sie immer im Theater. Für die Theaterdirektionen ist das das beste Publikum. In den Stücken sind es hauptsächlich schöne Verse, die sie schätzen; auch rufen sie stets die Schauspieler mit lautem Beifall vor die Rampe; viele von ihnen unterrichten in staatlichen Lehranstalten oder sie bereiten die Zöglinge für diese Anstalten vor, und schließlich schaffen sie sich ein paar Pferde und ein Kabriolett an. Dann wird ihr Wirkungskreis noch ausgedehnter; zum Schluß führen sie eine Kaufmannstochter, die Klavier spielt und etwa 100000 Rubel in bar und einen Haufen bärtiger Verwandter mitbringt, zum Altar. Dieser Ehre werden sie jedoch nie früher teilhaftig, als bis sie wenigstens zum Oberst avanciert sind; denn obgleich die russischen Bartträger[6] immer noch etwas nach Kraut riechen, wollen sie doch ihre Töchter mindestens als Generalsfrauen oder doch als Oberstinnen sehen. Dies sind die wichtigsten Charakterzüge dieser Art junger Leute. Jedoch der Leutnant Piragow hatte noch eine Menge anderer Talente, die nur ihm persönlich eigen waren. Er verstand es ausgezeichnet, Verse aus „Dimitri-Donskoj“ und „Wehe dem Gescheiten“ zu deklamieren, und wußte vortrefflich Rauchringe aus der Pfeife aufsteigen zu lassen, manches Mal konnte er ein ganzes Dutzend nebeneinander aufreihen! Er konnte vorzüglich davon erzählen, daß „die Kanone etwas an und für sich und daß das Einhorn auch etwas an und für sich“ sei ... Übrigens ist es außerordentlich schwer, alle Talente aufzuzählen, mit denen das Schicksal den Leutnant Piragow ausgestattet hatte. Er sprach gern über eine Schauspielerin oder eine Tänzerin, aber nicht mit der Schärfe, wie sich gewöhnlich Leutnants über solche Gegenstände auszulassen pflegen. Mit seinem Leutnantsrang, zu dem er erst vor kurzem avanciert war, war er sehr zufrieden, obgleich er häufig sagte, während er sich aufs Sofa streckte: „ach ja, alles ist eitel, was hat denn das zu bedeuten, daß ich Leutnant bin“; aber in seinem Innern fühlte er sich doch sehr durch die neue Würde gehoben, und in der Unterhaltung bemühte er sich häufig darauf anzuspielen; ja als ihm einmal auf der Straße ein Schreiber begegnete, der ihm unhöflich zu sein schien, hielt er ihn sofort an und gab ihm in kurzen aber scharfen Worten zu verstehen, daß vor ihm ein Leutnant und nicht ein xbeliebiger Offizier stehe — und da in diesem Moment zwei allerliebste Damen vorübergingen — bemühte er sich, sich besonders hübsch auszudrücken. Piragow trug überhaupt eine Leidenschaft für alles Schöne zur Schau und daher protegierte er auch den Künstler Piskarjow: vielleicht kam es übrigens auch nur daher, weil er es so sehr wünschte, sein männliches Gesicht auf der Leinwand zu sehen. Aber nun sei es genug von den Tugenden Piragows. Der Mensch ist ein so erstaunliches Wesen, daß es unmöglich ist, alle seine Vorzüge mit einemmal aufzuzählen, je länger man ihn anschaut, desto mehr neue Eigentümlichkeiten kommen zum Vorschein, und man fände nie ein Ende, wenn man sie alle herzählen wollte.

Piragow fuhr also fort, die Unbekannte zu verfolgen; von Zeit zu Zeit unterhielt er sie mit Fragen, auf die sie kurz und scharf oder mit unverständlichen Lauten antwortete. Sie gingen durch das dunkle Kasansche Tor und bogen in die Meschtschanskaja, diese von kleinen Tabak- und Kramlädenbesitzern, deutschen Handwerkern und finnischen Nymphen bevölkerte Straße, ein. Die Blondine beschleunigte ihre Schritte sichtlich und schlüpfte in die Pforte eines ziemlich schmutzigen Hauses. Piragow folgte ihr. Sie lief eine schmale, dunkle Treppe hinauf, öffnete eine Tür und trat ein, während ihr Piragow mutig folgte. Plötzlich befand er sich in einem großen Zimmer mit schwarzen Wänden und einem verräucherten Plafond. Ein ganzer Haufen von eisernen Schrauben, Schlosserwerkzeugen, Instrumenten, glänzenden Kaffeekannen und Leuchtern lag auf dem Tisch, und der Boden war mit eisernen und kupfernen Sägespänen bestreut. Piragow begriff sofort, daß dies die Werkstätte eines Handwerkers war. Die Unbekannte verschwand weiter durch eine Seitentür. Piragow besann sich einen Augenblick, dann aber folgte er der russischen Maxime und entschloß sich, „vorwärts“ zu eilen. Er trat in ein andres Zimmer, das dem ersten durchaus nicht ähnlich sah: es war sehr sauber und ordentlich, und man erkannte sofort, daß der Wirt ein Deutscher war. Ein überaus merkwürdiges Bild setzte Piragow aufs höchste in Erstaunen: vor ihm saß Schiller — nicht jener Schiller, der den Wilhelm Tell und die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges geschrieben hat, sondern der bekannte Schiller, ein Schlossermeister aus der Meschtschanskistraße. Neben Schiller stand Hoffmann, aber wiederum nicht der Dichter Hoffmann, sondern ein tüchtiger Schuhmachermeister dieses Namens aus der Offizierstraße und ein großer Freund Schillers. Schiller war betrunken, saß auf einem Stuhl, stampfte mit dem Fuß und sprach mit großem Eifer auf den andern ein. Dies alles hatte Piragow noch nicht in Erstaunen gesetzt; was seine Verwunderung erregte, war die höchst merkwürdige Stellung dieser beiden Gestalten. Schiller saß da, hielt den Kopf in die Höhe und streckte seine ziemlich dicke Nase vor; Hoffmann aber hatte diese Nase mit zwei Fingern gefaßt und fuhr mit der Schneide eines Schustermessers über ihre Oberfläche hin und her. Beide sprachen Deutsch, und daher konnte Leutnant Piragow, der außer „guten Morgen“ kein Wort Deutsch konnte, nichts von der ganzen Sache verstehen. Im übrigen aber hatten Schillers Reden folgenden Inhalt: „Ich will sie nicht, ich brauche keine Nase!“ sagte er und fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. „Allein für diese Nase verbrauche ich 3 Pfund Tabak monatlich. Und ich zahle in einem elenden russischen Laden — weil die deutschen Läden keinen russischen Tabak haben — ich zahle in einem elenden russischen Laden 40 Kopeken pro Pfund: das macht also 1 Rubel 20 Kopeken — und zwölfmal 1 Rubel 20 Kopeken, das macht wiederum 14 Rubel 40 Kopeken. — Hörst du’s, mein Freund Hoffmann, allein für die Nase 14 Rubel und 40 Kopeken. An Feiertagen schnupfe ich Rapé — denn an einem Feiertage will ich doch keinen scheußlichen russischen Tabak schnupfen. Das Jahr über schnupfe ich 2 Pfund Rapé zu 2 Rubel das Pfund — 4 Rubel und 14 Rubel das macht im ganzen 18 Rubel 40 Kopeken allein für Tabak. Das ist mein Ruin! Freund Hoffmann, ich frage dich, habe ich nicht recht?“ Hoffmann, der auch angetrunken war, gab seine Zustimmung. „20 Rubel 40 Kopeken. Ich bin ein Schwabe, ich habe einen König in Deutschland! Ich will keine Nase mehr haben! schneide sie mir ab, da, da ist meine Nase!“

Und wenn nicht das unerwartete Eintreten des Leutnants Piragow dazwischengekommen wäre, dann hätte Hoffmann sicherlich ohne viele Umstände Schillers Nase abgeschnitten, denn er hatte ja schon das Messer in der Hand, wie wenn er eine Schuhsohle zuschneiden wollte.

Schiller war sehr verdrießlich, daß plötzlich ein unbekannter, ungebetener Fremdling ihn im ungelegensten Moment störte. Obgleich er sich ganz im Banne des Bier- und Weinrausches befand, fühlte er doch, daß sein Zustand und die Beschäftigung, bei der er angetroffen wurde, in Gegenwart eines fremden Zeugen etwas Unschickliches haben mochte. Piragow verbeugte sich leicht und sagte mit der ihm eigenen Zuvorkommenheit: „Sie entschuldigen doch!“

„Machen Sie, daß Sie fortkommen!“ sagte Schiller gedehnt.

Diese Antwort verblüffte den Leutnant Piragow. Solch eine Behandlung war ihm ganz neu. Das Lächeln, das eben auf seinen Zügen gespielt hatte, verschwand plötzlich. Im Gefühl seiner gekränkten Würde sagte er: „Ich muß mich sehr wundern, mein Herr ... wahrscheinlich haben Sie nicht bemerkt ... daß ich Offizier bin ...“

„Was ... Offizier? Ich bin ein Schwabe! Ich (und hierbei schlug Schiller mit der Faust auf den Tisch) werde bald selbst Offizier sein, anderthalb Jahre Junker, zwei Jahre Leutnant, und gleich morgen bin ich Offizier! So mach’ ich’s mit einem Offizier! Aber ich will nicht dienen, pfff ....“

Hierbei hielt er sich die Hand vors Gesicht und blies drauf.

Der Leutnant Piragow sah ein, daß ihm nichts andres übrigblieb, als sich zu entfernen; aber diese unziemliche Behandlung seines Standes war ihm doch sehr unangenehm. Ein paarmal blieb er auf der Treppe stehn, wie wenn er Mut fassen wollte und darüber nachdächte, wie er Schiller seine Frechheit büßen lassen könnte. Endlich kam er zu dem Schluß, daß Schiller zu entschuldigen sei, da sein Hirn mit Bier und Wein angefüllt wäre, auch fiel ihm die reizende Blondine wieder ein, und so entschloß er sich, das alles zu vergessen. Am folgenden Tage betrat der Leutnant Piragow frühmorgens die Werkstatt des Schmiedes. Im ersten Zimmer kam ihm die hübsche Blondine entgegen und fragte ihn mit recht unfreundlicher Stimme, die ihr sehr gut zu Gesicht stand: „Was wünschen Sie?“

„Ah, guten Tag, meine Schöne! Sie erkennen mich wohl nicht? Sie kleiner Schelm! was für schöne Augen Sie haben!“

Hierbei wollte ihr der Leutnant Piragow in liebenswürdiger Weise einen Finger unters Kinn legen und es emporheben, aber die Blondine stieß einen erschrockenen Laut aus und fragte ihn ebenso unfreundlich: „Was wünschen Sie?“

„Nur Sie zu sehen, sonst wünsche ich nichts!“ erwiderte der Leutnant Piragow freundlich lächelnd und trat näher, aber als er merkte, daß die ängstliche Blondine nach der Tür strebte, setzte er hinzu: „Ich möchte ein Paar Sporen bestellen, meine Liebe, können Sie mir ein Paar Sporen machen? Um Sie liebzuhaben, brauche ich allerdings keine Sporen, im Gegenteil, eher noch Zügel! Was für reizende Händchen!“

Der Leutnant Piragow war bei solcher Art Liebeserklärungen immer sehr höflich.

„Ich werde gleich meinen Mann rufen!“ rief ihm die Deutsche laut zu, ging hinaus und einige Minuten darauf erblickte Piragow Schiller, der noch ganz verschlafen und kaum von seinem gestrigen Rausch ernüchtert ins Zimmer trat. Als er den Offizier erkannte, stieg die gestrige Szene wie ein Traum vor ihm auf. Eine klare Erinnerung hatte er in diesem Zustande nicht, aber er fühlte, daß er irgendeine Dummheit begangen hatte, und empfing daher den Offizier mit recht verdrießlicher Miene.

„Weniger als 15 Rubel kann ich für die Sporen nicht nehmen!“ sagte er, um Piragow so schnell wie möglich loszuwerden, denn es war ihm, dem ehrlichen Deutschen, sehr peinlich, dem Manne gegenüberzustehn, der ihn in solch einer peinlichen Situation gesehen hatte. Schiller liebte es, nur mit zwei, drei guten Freunden und ohne Zeugen zu zechen, daher schloß er sich für diese Zeit ein und verbarg sich selbst vor seinen Arbeitern.

„Warum sind Sie denn so teuer?“ sagte Piragow freundlich.

„Es ist doch deutsche Arbeit!“ erwiderte Schiller kaltblütig und strich sich das Kinn. — „Ein Russe wird sie Ihnen für 2 Rubel anfertigen.“

„Schön, um Ihnen zu beweisen, daß ich Sie liebe und Ihre Bekanntschaft zu machen wünsche, will ich Ihnen 15 Rubel bezahlen!“

Schiller besann sich einen Augenblick: als ehrlicher Deutscher schämte er sich ein wenig. Von dem Wunsche getrieben, Piragow seine Absicht auszureden, sagte er, daß er die Sporen frühestens in zwei Wochen herstellen könne. Aber Piragow erklärte sich ohne jedweden Widerspruch mit allem einverstanden.

Der Deutsche dachte ein wenig nach und grübelte hin und her, ob er wohl seine Arbeit so ausgezeichnet ausführen könnte, daß sie wirklich 15 Rubel wert würde.

In diesem Augenblick trat die Blondine in die Werkstatt und machte sich etwas am Tisch, der mit Kaffeekannen besetzt war, zu schaffen. Piragow benutzte Schillers Nachdenklichkeit, trat dicht an sie heran und drückte ihren Arm, der bis zur Schulter entblößt war.

Dies mißfiel Schiller sehr: „Meine Frau!“ schrie er ihn an.

„Was wollen Sie denn?“ entgegnete die Blondine.

„Geh in die Küche!“ Die Blondine entfernte sich.

„Also in zwei Wochen?“ sagte Piragow.

„Ja, in zwei Wochen,“ sagte Schiller nachdenklich, „ich habe jetzt viel Arbeit!“

„Auf Wiedersehn, ich komme wieder vor!“

„Auf Wiedersehn!“ sagte Schiller und schloß die Tür hinter ihm.

Der Leutnant war fest entschlossen, seine Werbung nicht aufzugeben, obgleich die Blondine ihm sichtlich Widerstand entgegensetzte. Er konnte es nicht fassen, daß man ihm widerstehen könnte, um so weniger, als seine Liebenswürdigkeit und sein illustrer Rang ihm alles Recht auf Entgegenkommen gab. Man muß noch hinzufügen, daß Frau Schiller bei all ihrem Liebreiz sehr beschränkt war. Übrigens bildet ja bei einer hübschen Frau die Dummheit noch einen besonderen Reiz. Wenigstens habe ich viele Männer gekannt, die von der Dummheit ihrer Frauen begeistert waren und in ihr ein Symptom kindlicher Unschuld sahen. Die Schönheit bringt geradezu Wunder hervor. Alle geistigen Mängel wirken bei einer schönen Frau, anstatt abzustoßen, nur noch besonders anziehend; selbst das Laster erhält einen gewissen Anschein von Lieblichkeit. Aber wo die Schönheit fehlt, da muß eine Frau mindestens zwanzigmal so klug sein wie ein Mann, um Achtung oder gar Liebe einzuflößen. Doch trotz ihrer Beschränktheit war Frau Schiller stets ihrer Pflicht treu geblieben, daher wurde es Piragow sehr schwer, sein kühnes Unternehmen erfolgreich zu Ende zu führen. Allein die Überwindung von Hindernissen ist stets mit Genuß verbunden, und so wurde unsere Blondine ihm nur noch interessanter. Er fing an, sich sehr oft nach den Sporen zu erkundigen, so daß Schiller dies zuletzt lästig wurde. Er gab sich alle Mühe, die begonnene Arbeit schnell zu beendigen, und endlich waren die Sporen fertig.

„Ach, welch eine herrliche Arbeit!“ rief der Leutnant Piragow beim Anblick der Sporen. „Mein Gott, wie vortrefflich sind sie gemacht. Selbst unser General nennt solche nicht sein eigen!“

Ein Gefühl der Selbstzufriedenheit erfüllte Schillers Seele. Seine Augen nahmen einen vergnügten Ausdruck an, und er war innerlich bereit, sich völlig mit Piragow auszusöhnen. „Dieser russische Offizier ist ein kluger Mann!“ dachte er bei sich.

„Nicht wahr, Sie können doch auch Einfassungen für Dolche und andere Waffen anfertigen?“

„Oh, gewiß kann ich das,“ sagte Schiller lächelnd.

„So machen Sie mir also eine Fassung für meinen Dolch. Ich werde ihn Ihnen bringen; ich habe einen sehr schönen türkischen Dolch, aber ich möchte ihn anders fassen lassen!“

Schiller traf dieser Vorschlag wie eine Bombe. Er runzelte die Stirn. „Da haben wir’s!“ dachte er bei sich, und schalt sich innerlich, daß er selbst Anlaß zu einer neuen Bestellung gegeben hatte. Es jetzt noch abzulehnen, schien ihm unehrenhaft, auch hatte ja der russische Offizier seine Arbeit gelobt. — Kopfschüttelnd erklärte er seine Bereitwilligkeit, aber der Kuß, den Piragow der zierlichen Blondine beim Fortgehen dreist auf die Lippen drückte, brachte ihn vollends aus der Fassung.

Ich halte es nicht für überflüssig, den Leser etwas näher mit Schiller bekannt zu machen. Schiller war ein echter Deutscher in vollstem Sinn des Wortes. Schon als zwanzigjähriger Jüngling, in jener glücklichen Zeit, wo ein Russe noch sorglos in den Tag hinein lebt, hatte sich Schiller bereits sein Leben zurechtgelegt und wich nie und in keinem Fall von seinem Ziel ab. Er hatte bei sich beschlossen, immer um 7 Uhr aufzustehn, um 2 Uhr zu Mittag zu essen, in allem gewissenhaft zu sein und sich Sonntags zu betrinken. Er hatte sich vorgenommen, im Laufe von zehn Jahren ein Kapital von 50000 Rubeln zurückzulegen, und schon dieser Entschluß genügte, um die Erfüllung seines Planes so sicher und unumstößlich zu machen wie das Schicksal; denn eher vergißt es ein Beamter, in das Vorzimmer seines Chefs hineinzublicken, als daß ein Deutscher sich entschließt, sein Wort zu brechen. Niemals gab er mehr aus, als er sich vorgenommen hatte, und wenn die Kartoffelpreise über das gewöhnliche Maß stiegen, legte er doch nie eine Kopeke zu, sondern verminderte lieber das Quantum; wenn er auch manches Mal nicht ganz satt wurde, so gewöhnte er sich doch daran. Seine Ordnungsliebe ging so weit, daß er bei sich beschlossen hatte, seine Frau nicht häufiger als zweimal am Tage zu küssen und, um ihr nur ja keinen überzähligen Kuß auf die Lippen zu drücken, tat er nie mehr als einen Kaffeelöffel voll Pfeffer in die Suppe; übrigens wurde diese Regel am Sonntag nicht so streng eingehalten, da Schiller an diesem Tage stets zwei Flaschen Bier und eine Flasche Kümmel trank, auf den er freilich immer schimpfte. Er pflegte jedoch nicht so zu trinken wie die Engländer, die sich gleich nach dem Mittag einschließen und sich ganz allein und still für sich berauschen. Er als Deutscher bedurfte beim Zechen stets der Anregung und Begeisterung und trank daher immer in Gesellschaft, entweder mit dem Schuster Hoffmann oder mit dem Tischler Kunz, der ebenfalls ein Deutscher und dazu ein großer Säufer war. Dies war der Charakter unseres ehrenwerten Schiller, der nunmehr in eine sehr schwierige Lage geraten war. Obgleich er ein Phlegmatiker und ein Deutscher war, so erregte doch das Betragen Piragows so etwas wie Eifersucht in ihm. Er zerbrach sich den Kopf, es wollte ihm aber durchaus nichts einfallen, auf welche Art und Weise er den russischen Offizier abschütteln könnte.

Unterdessen spielte Piragow, wenn er sich im Kreise seiner Kameraden befand und gemütlich die Pfeife rauchte, — die Vorsehung hat es nun einmal so eingerichtet, daß, wo Offiziere beisammen weilen, auch die Pfeife nicht fehlen darf — häufig auf das Techtelmechtel mit der reizenden Blondine an; mit einem bedeutungsvollen und angenehmen Lächeln rühmte er sich bereits einer großen Intimität mit ihr; in Wirklichkeit aber begann er bereits, die Hoffnung zu verlieren, daß er sie jemals würde erobern können.

Eines Tages machte er einen Spaziergang auf der Meschtschanskaja und blickte immer auf das Haus, an dem das Schild Schillers mit den Kaffeekannen und Teemaschinen prangte; zu seiner großen Freude entdeckte er plötzlich das Köpfchen der Blondine, die sich aus dem Fenster beugte und die Vorübergehenden betrachtete. Er blieb stehn, warf ihr einen Handkuß zu und rief: „Guten Morgen!“ Die Blondine erwiderte seinen Gruß wie den eines alten Bekannten.

„Ist Ihr Mann zu Hause?“

„Ja,“ sagte die Blonde.

„Und wann ist er nicht zu Hause?“

„Sonntags ist er gewöhnlich nicht zu Hause!“ sagte die dumme Gans.

„Das ist nicht übel,“ dachte Piragow bei sich, „das könnte man ausnutzen.“ — Und schon am nächsten Sonntag schneite er der Blondine ins Haus hinein. Schiller war wirklich nicht anwesend. Die hübsche Hausfrau war aufs höchste erschrocken; aber diesmal war Piragow vorsichtig, betrug sich sehr ehrerbietig, verbeugte sich in verbindlicher Form und ließ dabei die ganze Schönheit seiner biegsamen, straffen Gestalt zur Geltung kommen. Er scherzte sehr nett und höflich, aber das deutsche Schäfchen gab auf alles nur ganz einsilbige Antworten. Endlich, nachdem er schon über alles mögliche geredet hatte und nun bemerkte, daß sie nichts interessierte, schlug er ihr vor, etwas zu tanzen. Die Deutsche ging darauf ein, denn die deutschen Frauen pflegen bekanntlich sehr gern zu tanzen. Dieses gab Piragow Anlaß zu den kühnsten Hoffnungen: erstens machte ihr dieses Spaß, zweitens konnte er hierbei seine Gewandtheit und seine elegante Taille sehen lassen, drittens kann man sich einer Dame beim Tanzen noch mehr nähern als sonst, er konnte die hübsche Deutsche umarmen und damit den Grund zu allem weiteren legen, kurz, er hoffte auf einen vollständigen Triumph. Er begann eine Gavotte vor sich hin zu summen, weil er wußte, daß die Deutschen einer allmählichen Steigerung bedürfen. Die niedliche Blondine trat in die Mitte des Zimmers und hob ihren reizenden Fuß empor. Diese Stellung versetzte Piragow derart in Begeisterung, daß er ihr einen Kuß auf den Fuß drücken wollte. Die Deutsche fing an zu schreien, wodurch sie ihren Reiz in den Augen Piragows noch mehr erhöhte. Er überschüttete sie mit Küssen. Da ging plötzlich die Tür auf, und Schiller, Hoffmann und der Tischler Kunz traten ein. Alle drei ehrenwerten Handwerker waren betrunken wie die Schlosser.

Ich überlasse es dem Leser, sich den Ärger und den Zorn Schillers vorzustellen.

„Frechling!“ schrie er in höchster Wut, „wie wagst du es, meine Frau zu küssen! Du bist ein Lump und kein russischer Offizier! Hol dich der Teufel, nicht wahr, Freund Hoffmann, ich bin ein Deutscher und kein russisches Schwein! (Hoffmann bejahte dies.) Zum Donnerwetter, ich will doch keine Hörner tragen! Pack’ ihn am Kragen, Freund Hoffmann! ich will nicht —“ fuhr er fort und fuchtelte gewaltig mit den Händen in der Luft herum, wobei sein Gesicht so rot wurde wie seine Weste. — „Ich lebe schon acht Jahre in Petersburg, ich habe eine Mutter in Schwaben und einen Onkel in Nürnberg, ich bin ein Deutscher und kein Hornvieh! — Reiß ihm die Kleider vom Leibe, Freund Hoffmann! halt ihn an den Händen und Füßen fest, Kamerad Kunz!“

Und die Deutschen packten Piragow an Händen und Füßen.

Vergeblich versuchte er, sich freizumachen; diese drei Handwerker waren die kräftigsten unter allen Petersburger Deutschen und verfuhren so grob und unhöflich mit ihm, daß ich, wie ich gestehen muß, keine Worte finde, diese traurige Szene zu schildern.

Ich bin überzeugt, daß Schiller den nächsten Tag wie im Fieber war und zitterte wie das Espenlaub, da er jeden Augenblick auf das Erscheinen der Polizei gefaßt war; er hätte, weiß Gott, wieviel dafür gegeben, wenn das gestrige Ereignis nur ein Traum gewesen wäre. Ader das Geschehene läßt sich nun einmal nicht mehr ungeschehen machen. In der Tat ließ sich nichts mit der Wut und der Empörung Piragows vergleichen. Schon der Gedanke an die fürchterliche Beleidigung brachte ihn dem Wahnsinn nahe. Die Verbannung nach Sibirien oder Spießrutenlaufen erschienen ihm als die geringsten Strafen, die Schiller verdient hatte. Er flog nach Hause, um sich umzuziehen und von dort direkt zum General zu fahren; ihm wollte er die Unverschämtheit der deutschen Handwerker in den glühendsten Farben schildern. Zu gleicher Zeit wollte er auch eine schriftliche Klage beim Generalstab einreichen: falls aber die angesetzte Strafe nicht genügend streng ausfallen sollte, wollte er die Sache vor alle Instanzen bringen.

Allein dies alles fand einen ganz merkwürdigen Abschluß: unterwegs trat er in eine Konditorei, aß zwei Kuchen aus Blätterteig, warf einen Blick in die Zeitschrift „Die Nordische Biene“ und verließ das Lokal schon weniger wütend und aufgebracht. Der recht angenehm frische Abend lud ihn dazu ein, etwas auf dem Newsky auf und ab zu gehen; gegen neun Uhr hatte er sich so weit beruhigt, daß er fand, am Sonntag ginge es nicht gut, den General zu belästigen, auch würde er ihn wohl schwerlich zu Hause treffen, daher begab sich Piragow zu einer Soiree bei dem Chef der Kontrollbehörde, wo sich ein sehr netter Kreis von Beamten und Offizieren seines Regiments zusammenfand. Er verbrachte den Abend sehr angenehm und zeichnete sich bei der Mazurka so aus, daß nicht nur die Damen, sondern auch die Herren ganz begeistert waren.

Als ich vorgestern auf dem Newsky einherschlenderte und mich dieser beiden Ereignisse erinnerte, dachte ich so bei mir: „Wie herrlich eingerichtet ist doch unsere Welt! Wie merkwürdig, wie unbegreiflich spielt doch das Schicksal mit uns; erreichen wir je, was wir wünschen? erlangen wir je, was die Bestimmung unserer Kräfte und Fähigkeiten zu sein scheint? es kommt immer anders, als man glaubt. Dem einen beschert das Schicksal die herrlichsten Pferde, er aber fährt gleichgültig spazieren, ohne ihre Schönheit zu bemerken, während ein anderer, dessen Herz vor Leidenschaft für Pferde glüht, zu Fuß geht und sich damit begnügen muß, mit der Zunge zu schnalzen, wenn ein schöner Rappe an ihm vorüberjagt. Ein dritter hat einen ausgezeichneten Koch, aber leider einen so kleinen Mund, daß er nicht mehr als zwei Stückchen hineinstopfen kann, sein Freund dagegen hat ein Maul von der Größe des Generalstabstors und muß sich, ach! mit einem simpeln deutschen Kartoffelgericht begnügen. Wie sonderbar spielt doch das Schicksal mit uns!“

Aber am seltsamsten ist doch das, was auf dem Newsky zu geschehen pflegt. Oh! traut ihm nicht, diesem Newsky-Prospekt! Ich hülle mich immer fester in meinen Mantel, wenn ich über diese Straße gehe und gebe mir die größte Mühe, mich um keins der Dinge zu kümmern, die mir dort begegnen. Dort ist alles Trug, alles ist nur ein Traum, und nichts ist das, als was es erscheint. Sie glauben vielleicht, dieser Herr, der dort in einem feinen Rock daherkommt, sei sehr reich: keineswegs; der ganze Kerl besteht aus nichts anderem, als aus diesem Rock. Sie bilden sich ein, daß diese beiden Dickwänste, die dort vor der im Bau begriffenen Kirche stehen, über ihren Stil reden — kein Gedanke. Sie sprechen darüber, welch seltsame Pose zwei Krähen einnehmen, die auf ihrem Giebel einander gegenübersitzen. Sie glauben wohl, daß jener Enthusiast, der mit den Händen gestikuliert, davon spricht, wie seine Frau einem ihm ganz unbekannten Offizier durch das Fenster eine Papierkugel an den Kopf geworfen hat — durchaus nicht, er redet über Lafayette. Sie meinen wirklich, daß diese Damen ... ach, den Damen sollten Sie überhaupt nicht trauen! Blicken Sie auch weniger in die Schaufenster hinein: die dort ausliegenden Nichtigkeiten sind vielleicht sehr schön, aber sie schmecken mächtig nach einigen Hundertrubelscheinen. Vor allem aber möge Gott Sie davor bewahren, den Damen unter die Hüte zu gucken! Wie verlockend auch abends der Mantel einer Schönen im Winde flattert, auf keinen Fall würde ich ihr aus Neugierde nachgehen. Halten Sie sich fern, um Gottes willen, halten Sie sich möglichst fern von der Laterne und gehen Sie schnell, so schnell wie möglich, vorüber! Sie können noch von Glück sagen, wenn Ihnen nur ein häßlicher Fettfleck auf Ihren eleganten Rock tropft. Aber auch abgesehen von der Laterne, überall lauert der Betrug auf Sie. Der Newsky-Prospekt ist immer voller Lug und Trug, am meisten jedoch dann, wenn die Nacht wie ein dichtes Gewölk auf ihn niedersinkt und die weißen und hellgelben Mauern der Häuser hervortreten läßt, wenn die ganze Stadt in Lichterglanz erstrahlt und gleichsam vom Donner erdröhnt, wenn Myriaden von Equipagen über die Brücken rollen, die Vorreiter schreiend auf den Pferden vorbeigaloppieren, und wenn Satan eigenhändig die Lampen anzündet, nur um alles in einem übernatürlichen Licht erscheinen zu lassen.

IV
Über die kleinrussischen Lieder

Erst in den letzten Jahren, in der Zeit, wo das Streben nach Originalität und nach einer eigenartigen nationalen Poesie erwacht ist, haben die kleinrussischen Lieder, die der gebildeten Welt bis dahin ganz unbekannt und nur im Volke lebendig waren, die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Bis dahin war nur ihre bezaubernde Musik dann und wann in die höheren Kreise gedrungen, die Worte aber waren ganz unbeachtet geblieben und hatten niemandes Neugierde geweckt. Ja, selbst die Melodien wurden niemals in vollständiger Fassung mitgeteilt. Irgendein talentloser Komponist zerstückelte sie mitleidlos und fügte sie in seine eigenen gefühllosen, plumpen Schöpfungen ein.[7] Aber die allerschönsten Stimmen und Lieder haben nur die Steppen der Ukraine vernommen: nur hier erklingen sie unter dem Dache niedriger Lehmhütten, die von Maulbeer- und Kirschbäumen umstanden sind, im Glanze der Morgensonne mittags und abends, während die zitronengelben Garben des Weizens unter der Sichel der Schnitter hinsinken, und nur hin und wieder wird der Gesang unterbrochen durch den Schrei der Steppenmöwe, durch das Lied zahlloser Scharen von Lerchen und den ängstlichen Schlag der Golddrossel.

Ich will mich nicht über die Bedeutung der Volkslieder auslassen. Sie sind die lebendige, leuchtende, farbige Geschichte des Volks, die Wahrheit, die das ganze Leben einer Nation bloßlegt. Wenn dies Leben tatkräftig, wechselvoll, frei und eigenartig und von Poesie erfüllt war, und wenn dies Volk trotz seiner Vielseitigkeit keine höhere Zivilisation erreicht hat, dann lebt sich all sein Feuer, all seine herrliche, jugendliche Kraft in den Volksliedern aus. Sie sind ein Grabdenkmal seiner Vergangenheit — ja mehr als ein Grabdenkmal: ein mit einem beredten Relief geschmückter und mit einer historischen Aufschrift versehener Stein ist nichts im Vergleich mit dieser lebenden, redenden und von der Vergangenheit kündenden Chronik. In dieser Beziehung bedeuten die Volkslieder für Kleinrußland alles: seine Poesie, seine Geschichte und das Grab seiner Väter. Wer nicht in die Tiefen dieser Lieder gedrungen ist, der wird nichts von der Vergangenheit dieses blühenden Stückes Rußland erfahren. Der Historiker darf in ihnen nicht Hinweise auf Tage und Daten von Schlachten, genaue Ortsbeschreibungen oder wahrheitsgetreue Berichte suchen; in dieser Beziehung werden ihn nur die wenigsten Lieder weiterbringen. Wenn er aber das wahre Wesen, die Elemente des Charakters, alle Schwankungen und Nuancen des Gefühls und alles dessen, was ein bestimmtes Volk bewegt, seiner Leiden und Freuden ergründen, wenn er den Geist vergangener Zeitalter, den allgemeinen Charakter des Ganzen und jedes einzelnen Teiles erforschen will, dann wird er in jeder Beziehung befriedigt sein; die Geschichte des Volks wird sich ihm in einer leuchtenden Größe offenbaren.

Die kleinrussischen Lieder können mit vollem Recht historisch genannt werden, weil sie sich nicht einen Augenblick vom Leben entfernen und stets den historischen Moment und den geschichtlichen Zustand treu widerspiegeln. Sie alle sind von der schrankenlosen Freiheit des Kosakenlebens durchdrungen und durchflutet. Aus allem redet die Kraft, der Frohsinn, die Seelenstärke, mit der der Kosak den sorglosen Frieden des Familienlebens aufgibt, um sich in die Poesie der Schlachten, in Gefahren und zügellose Gelage mit den Kameraden zu stürzen. Weder die dunkelbrauige Freundin mit ihrer strahlenden Frische, ihren braunen Augen, dem blendenden Glanz ihrer Zähne, die in hingebender Liebe dem Roß in die Zügel fällt, noch die Tränenbäche vergießende alte Mutter, deren ganzes Dasein in dem einen Gefühl der Mutterliebe aufgeht, — nichts hat die Macht, ihn zurückzuhalten. Eigensinnig und unerschütterlich eilt er in die Steppe und ins Lager der Kameraden hinaus. Die Gesellschaft seiner Kumpane, der lebenslustigen Raubritter, ersetzt ihm alles — Weib, Mutter, Schwestern und Brüder. Die Bande dieser Brüderschaft gehen ihm über alles und sind noch stärker als die Liebe. Das Schwarze Meer leuchtet, die herrliche unermeßliche Steppe vom Taman bis zur Donau — dieser wilde Ozean von Blüten wogt unter dem Hauch des Windes. In der unendlichen Tiefe des Himmels verschwinden Schwäne und Kraniche. Der sterbende Kosak liegt mitten in der Kühle dieser jungfräulichen Natur hingestreckt da, er nimmt seine letzte Kraft zusammen, um nicht zu sterben, ohne noch einmal seinen Kameraden einen Blick nachgesandt zu haben.

Denn wohl wußte es das Kosakenhaupt,

Daß es nicht fern vom Kosakenheer sterben würde.

Als er sie erblickt, ist er befriedigt, und stirbt. Ob nun das Kosakenheer still und gehorsam in den Krieg zieht, ob Pulverdampf und Kugelregen sich aus den Gewehren entlädt, ob der Metkrug oder der Weinbecher kreist, ob von der furchtbaren Hinrichtung des Hetmans berichtet wird, daß einem die Haare dabei zu Berge stehn, von der Rache des Kosaken oder von einem erschlagenen Helden, der mit weit ausgestreckten Armen und wirrem Schopf auf dem Rasen liegt, oder vom Geschrei der in den Wolken schwebenden Adler, die um das Recht streiten, dem Kosaken die Augen auszuhacken — alles dies lebt in den Liedern und ist in ihnen mit kühnen Farben geschildert.

Ein anderer Teil der Lieder stellt die andere Seite des Volkslebens dar: hier finden wir zahllose Züge aus dem Familienleben des Kosaken, und hier herrscht der absolute Gegensatz. Dort hören wir nur von Kosaken, vom Kriege und vom wilden Lagerleben; hier dagegen ersteht vor uns die Frauenwelt, diese wehmütige, zärtliche Liebe atmende Welt; die zwei Geschlechter verkehren nur kurze Zeit miteinander und trennen sich dann für ganze Jahre. Diese Jahre schwinden für die Frau in banger Erwartung und Sehnsucht nach ihren Männern und ihren Liebsten dahin, die einst wie ein Traum, ein Phantasiegebilde in ihrem herrlichen Kriegsschmuck an ihnen vorüberzogen. Daher ist auch ihre Liebe von einer unendlichen Poesie durchwebt. Das frische, unschuldige, einem Täubchen vergleichbare junge Weib hat plötzlich die höchste Seligkeit, das Paradies des Weibes, das nur für die Liebe geschaffen ist, kennen gelernt. Ihr erster Lebensfrühling, den sie mit dem starken, freien Sohn des Krieges verlebt hat, hat ihr ganzes Lebensglück in einen flüchtigen Augenblick zusammengedrängt; mit ihm verglichen hat das ganze Leben keinen Wert; sie lebt nur in der Erinnerung an diesen Moment. Sehnsüchtig erwartet sie vom Morgen bis zum Abend die Rückkehr ihres Gatten mit den schwarzen Brauen.

O ihr schwarzen Augenbrauen,

Wie schwer macht ihr mir das Leben,

Keine Nacht wollt ihr

Alleine schlafen.

Sie lebt ausschließlich von Erinnerungen. Alles, was sie zusammen gesehen, wo sie miteinander geweilt, was sie miteinander geredet, alles ruft sie sich in die Erinnerung zurück, ohne auch das Geringste außer acht zu lassen. Sie wendet sich an alles, was sie in der Natur entdeckt, an alles, was Leben ausströmt, selbst an die leblosen Gegenstände, klagt ihnen ihr Leid und spricht mit ihnen. Und wie einfach, wie poetisch schlicht sind ihre seelenvollen Worte. Alles bringt sie in Beziehung zu ihrem Gefühl und wird nicht müde zu reden, denn der Mensch hat immer viele Worte, wenn der Schmerz eine geheime Süße in sich birgt. Endlich spricht sie in stiller, hoffnungsloser Verzweiflung:

Ach, jetzt kann ich nicht mehr wandeln,

Wo ich mit dem Liebsten ging.

Ach, jetzt kann ich nicht mehr lieben,

Den ich einst so sehr geliebt.

Ach, jetzt kann ich nicht mehr wandeln

Vor dem Schlosse in der Früh.

Ach, ich kann mich nicht mehr lehnen

An den Arm des Heißgeliebten.

Ach, jetzt kann ich nicht mehr wandeln

In dem Wald und Nüsse suchen.

Ach, vorüber, längst vorüber

Ist die heitre Mädchenzeit.

Um denen, die die kleinrussische Sprache nicht beherrschen, die Tiefe des Empfindens, die sich in diesen Liedern offenbart, so verständlich wie möglich zu machen, will ich hier eines dieser Lieder in der Übertragung anführen.

Mein Liebster zürnt mir und grollt mir. Er sattelt seinen Rappen und zieht in die Ferne, weit, weit fort von mir.

„Wohin ziehst du, mein Geliebter, du mein graues Täubchen, wohin entfliehst du? Wem überlässest du mich schutzloses, junges Wesen?“

„Ich lasse dich in Gottes Obhut, Geliebte! Warte auf mich, bis ich von der weiten Reise zurückkehre.“

Oh, wenn ich wüßte, wenn ich es doch sehen könnte, wohin mein Liebster trabt, so wollte ich ihm auf dem ganzen Wege Brücken aus grünem Schilf bauen und ihn immerfort bei mir erwarten.

Allmächtiger Gott, ebne die Berge und Täler, auf daß die Wege überall glatt seien, und daß er bequem von seinem Ziele bis vors Haus reiten kann.

Ah! die Wiesen singen, die Ufer klingen, das Gras auf den Wegen fängt an zu grünen; da ist er, mein Geliebter kommt geritten!

Ah! die Wiesen singen, die Ufer klingen, der Wacholder erblüht — gewiß plaudert mein Geliebter, mein graues Täubchen irgendwo mit einer andern.

Warum kamst du nicht geflogen, wie ich dich bat! Hattest du kein Roß, kanntest du den Weg nicht mehr, oder hat’s dir deine Mutter verboten?

„Ich habe ein Pferd; auch kenne ich den Weg, und die Mutter hat mir schon gestern abend geboten, mein Roß zu satteln.

Aber kaum sitz’ ich auf dem Pferde, kaum reit’ ich zum Tore hinaus, da läuft schon die andere mir nach und stöhnt und weint so bitterlich, da greift mir ihr Kummer ans Herz.“

Man könnte tausende von ähnlichen Liedern anführen und vielleicht noch weit schönere. Alle sind sie wohlklingend, duftig und außerordentlich mannigfaltig. Überall gibt es neue Farben, eine große Schlichtheit und eine unbeschreibliche Zartheit des Gefühls. Wo aber die Gedanken das Religiöse streifen, sind sie ganz besonders poetisch. Sie bewundern nicht die gewaltigen Werke des ewigen Schöpfers; eine solche Bewunderung gehört schon einer höheren Entwicklungs- und Erkenntnisstufe an; ihr Glaube ist so unschuldig, so rührend und so rein wie die unbefleckte Seele des Kindes. Sie wenden sich an Gott, wie Kinder an ihren Vater. Sie führen ihn häufig mit so unschuldiger Einfalt in ihr Alltagsleben ein, daß seine kunstlose Darstellung in ihnen gerade durch ihre Einfachheit etwas Erhabenes an sich hat. Dadurch erhalten in den Liedern der Kleinrussen auch die gewöhnlichsten Gegenstände etwas unbeschreiblich Poetisches, wozu auch die Überreste verschiedener aus der altslawischen Mythologie herstammenden Sitten, die sie dem Christentum angepaßt haben, sehr viel beitragen. Oftmals fleht ein trauerndes Mädchen Gott an, er möge eine Wachskerze am Himmel entzünden, bis der Liebste über die Donau gesetzt ist. Auf allem liegt der Stempel reinster, ursprünglichster Kindheit und folglich hoher Poesie. Die Form ihrer Lieder, der Mädchenlieder sowohl wie der Kosakenlieder, ist fast immer dramatisch — ein Zeichen für die Entwicklung des Volksgeistes und des tätigen, unruhigen Lebens, das dies Volk so lange geführt hat. Fast niemals haben ihre Lieder eine beschreibende Form und sie gefallen sich nicht in ausführlichen Darstellungen der Natur. Nur hie und da scheint die Natur in der einen oder der andern Strophe hindurch, aber nichtsdestoweniger sind ihre Züge so neu, so fein, so bezeichnend und gut, daß sie den ganzen Gegenstand vor die Seele zaubern. Übrigens nimmt man zu ihnen nur darum seine Zuflucht, um die Gefühle der Seele kräftiger zum Ausdruck zu bringen. Und daher unterwerfen sich die Naturerscheinungen gefügig den Gefühlsregungen. Derselbe Gegenstand spiegelt sich immer gleichzeitig in der inneren und äußeren Welt, oft ist statt der ganzen äußeren Umgebung nur ein einziger markanter Zug oder ein Teil dieser Umgebung berührt. Nirgends findet sich ein Satz wie etwa der folgende: „es war Abend;“ statt dessen ist immer die Rede von gewissen Vorgängen, die abends zu geschehen pflegen, z. B.: