Diese Völker bildeten einen vollkommenen Gegensatz zu den Römern und gewissermaßen eine Welt für sich. Ihre physische und geistige Natur trug den ausgesprochenen Stempel echter Ursprünglichkeit und Eigenart. Ihre physische Organisation widersprach durchaus der der Völker der Alten Welt. Die schwarzen glänzenden Augen, das dunkle Haar, das ausdrucksvolle Gesicht des Südländers, in dem sich die Begierde nach Üppigkeit und übermäßigen Genüssen zu spiegeln schien — dieser gemeinsame Typus der bereits erstarrten antiken Welt — traf hier auf sein vollkommenes Gegenteil: die blauäugigen, blonden, großen und starken Germanen mit dem einseitig wilden, kriegerischen Ausdruck im Gesicht repräsentierten einen völlig neuen Typus der menschlichen Natur, der den Beginn der Neuen Welt kennzeichnete.
Ihre Religion, ihre Lebensweise, ihr Temperament, die Grundelemente ihres Charakters unterschieden sich in jeder Beziehung von den zivilisierten Völkern jener Zeit. Die Religion der Germanen zeichnete sich durch eine besondere Eigenart aus. Ihre Gottheit, der Gegenstand ihrer Anbetung, war die Erde. Es war, als hätte der düstere Anblick des damaligen Europa ihnen die Idee zu dieser Religion eingegeben. Nur selten von Sonnenlicht umflossen, immer nur im Schatten hundertjähriger Eichen lebend, und Höhlen als erste Wohnstätten oder Verstecke für ihre Schätze grabend, sahen sie nichts wie die Erde, deren gewaltige Kraft auf ihrer Oberfläche Pflanzen wachsen ließ, die ihnen als armselige Nahrung dienten, und herrliche, hohe Bäume, die über ihren Köpfen rauschten — und so konnten sie die Erde für die Erzeugerin aller Dinge halten. Von ihr leiteten sie ihren Gott Tuisto-Teut ab, der einen Sohn Mannus hatte und von diesem wiederum die verschiedenen Stämme der germanischen Völker, die sie für die ältesten Bewohner der Welt hielten. Es könnte scheinen, als ob dieser Begriff von der Religion sie ganz wesentlich von Asien unterscheidet, aber wir müssen nicht vergessen, welch gewaltigen Einfluß die Natur und die Bodenverhältnisse stets gehabt haben. Die Natur übt eine despotische Herrschaft über den Urmenschen aus. Je mehr der Mensch sich entwickelt, je mehr sein Geist heranreift, um so mehr Macht bekommt er über die Natur, und dann schreibt er ihr die Gesetze vor, aber im wilden Urzustande muß er sich ihren Gesetzen fügen, ist er ihr Sklave. In Mittelasien liegt der Himmel immer offen vor dem Auge da; dort ist er unübersehbar und von einer gewaltigen Ausdehnung; im Vergleich mit ihm erscheint die Erde armselig und klein. Keine einzige hochgewachsene Pflanze, kein spitzer, kantiger, hoher und schmaler Fels fesselt das Auge; das auf den unabsehbaren Flächen sprießende Gras erscheint hier noch niedriger als sonst. Aber hier strahlt die Sonne in ihrer ganzen Herrlichkeit und überflutet alles mit ihrem Licht: leuchtende Sterne übersäen dicht das Himmelsgewölbe, und sie allein dienen den Menschen zum Halt und Wegweiser. Daher war in Asien überall die Anbetung der Sonne und der Himmelsgestirne vorherrschend. Je mehr dagegen die Völker nach Europa vordrangen, desto seltener sahen sie die Sonne. Das dichte, majestätische Dunkel der europäischen Wälder machte einen tieferen Eindruck auf ihre ungebildete Phantasie. Die Nebel und die aus den Sümpfen aufsteigenden Ausdünstungen verbargen den Himmel vor ihnen, und die Notwendigkeit, sich zeitweise mit dem Ackerbau zu beschäftigen, brachte es mit sich, daß sie sich enger an die Erde anschlossen. Daher war auch bei den germanischen Völkern die Anbetung der Gestirne nur sehr wenig verbreitet, und nur bei ganz wenigen Völkern hat sich eine Erinnerung daran erhalten. Tief im Waldesdickicht, das nie von einem Sonnenstrahl durchdrungen wurde, brachten sie ihrer Göttin, der Mutter Hertha, ihre Opfer dar. Es scheint so, als ob ihnen die Finsternis für heilig galt, darin war ihre Religion schon von Anbeginn allen anderen Religionen unähnlich. Sie glaubten an die Unsterblichkeit. Aber ihr Himmel war ein finsterer Himmel. In ihrer Walhalla sahen sie nur die Fortsetzung ihres kriegerischen Lebens: dorthin versetzten sie ihre germanischen Eichen, ihre flammenden Lagerfeuer und das Getöse ihrer Waffen; bleifarbene Wolken verhüllten ihren Himmel, den sie mit den dunklen Schatten ihrer großen im Kriege gefallenen Helden bevölkerten. Die Anbetung Herthas verbreitete sich fast bei allen germanischen Stämmen. Zu den Gegenständen ihrer Verehrung gehörten auch die Schatten ihrer verstorbenen Helden, die sie sich in übernatürlicher, ins Riesenhafte gesteigerter Größe vorstellten. Auch ihre treuen Gefährten, die Kriegsrosse, genossen dieselbe Verehrung, unter denen die weißen nach Tacitus für besonders heilig galten und in den heiligen Hainen untergebracht wurden. Man spannte sie vor den heiligen Wagen, dem der König und die Priester folgten, und aus dem Schnauben der Rosse deutete man die Zukunft.
Die germanischen Völker blieben lange Zeit ihrer ursprünglichen Lebensweise treu. Sie lebten nur für den Krieg, er bildete ihre ganze Freude. Beim Kriegslärm erbebten sie wie junge, kampfmütige Tiger. Sie dachten nur daran, ihre Kräfte zu messen und sich an der Schlacht zu vergnügen. Habgier und Beutelust spielte nur eine geringe Rolle: als Hauptsache galt ihnen nur, sich in der Schlacht hervorzutun, damit ihre Heldentaten später im Liede besungen würden. Alle Vorteile und ihr ganzes Lebensglück hing mit dem Namen dessen zusammen, der sich mit Kriegsruhm bedeckt hatte. Er wurde zum Führer gewählt; ihn bewunderten und verehrten alle Völker. Er war der Vermittler und Richter in allen Streitfragen, und er verteilte im Kriege nach eigenem Ermessen die ganze Beute; sogar fremde und weit entlegene Stämme sandten ihm Pferdegeschirr zum Geschenk; die verwandten und untergebenen Stämme brachten ihm freiwillig die Erzeugnisse ihrer Felder, Früchte, Rinder und Rosse als Gabe dar. Mut und Tapferkeit galten als etwas Göttliches; alles strömte um die Wette der Fahne des Führers zu, und jedermann kämpfte nicht um der Beute willen, sondern um sich vor ihm auszuzeichnen und ein Wort der Anerkennung von ihm zu hören. Sein Name lebte noch lange in den Heldengesängen fort, nach seinem Tode wurden ihm zu Ehren große Festgelage veranstaltet, und noch lange rühmte sich sein Stamm seiner Heldentaten; seinem Schatten wurden allmählich göttliche Ehren zuteil, und er wurde ein Gegenstand der Anbetung. Solch ein Schicksal war beneidenswert, denn auch im unentwickelten Menschen glüht ja schon die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Alle ohne Unterschied eiferten danach, ruhmvolle Taten zu vollbringen; die Schlachten häuften sich, und die Germanen waren stets bereit, auf den ersten Ruf mit ihren wilden Kriegshorden heranzubrausen.
Sie kämpften fast nackt, indem sie ihre athletische Kraft in aller Schlichtheit an den Tag legten. Ein Mantel, der statt von einer Schnalle, von einem Dorn zusammengehalten wurde, ein Raubtierfell über der Schulter — das war ihre ganze Rüstung. Sie stellten sich in dichten Haufen in keilförmiger Schlachtordnung auf und kämpften von nahem und von ferne mit kurzen Lanzen, die Framen genannt wurden; mit der Löwenkraft ihrer Muskeln schleuderten sie sie so weit, wie es nötig war, um den Feind zu erreichen; nur ihre Schilde waren etwas schöner und prächtiger und waren mit grellen Farben bemalt; Scharen von Frauen und Kindern folgten ihnen in die Schlacht, begleiteten sie mit ihrem Geschrei und spornten sie immer wieder zu neuem Mut an: sie dachten nicht an Flucht, der Gedanke an die Sklaverei, die ihre Frauen und Kinder erwartete, verdoppelte nur die wilde Kraft ihres Ansturms, und der Feind war gezwungen, nachzugeben. Die Frauen sogen ihren Männern mitten im Getümmel der Schlacht die Wunden aus, verbanden sie, ja sie trugen die Verwundeten auf ihren Schultern hinweg. Der Tod des Führers wirkte nicht etwa lähmend auf sie, im Gegenteil, er kettete alle durch das stählerne Band der Rache zusammen und machte sie unüberwindlich. Es galt als größte Schande, seinen Schild wegzuwerfen; der Unglückliche, dem dies passierte, wurde ein Opfer der allgemeinen Verachtung und nahm sich selbst das Leben. Nur auf Grund der allgemeinen Achtung herrschte der Führer, ohne daß ihm sonst irgendwelche Machtmittel zu Gebote standen, unumschränkt über die Stämme, und die Krieger befolgten mit bewunderungswürdigem Gehorsam seine Befehle. Doch nicht nur im Kriege hatte er den Oberbefehl, er behielt zuweilen seine Macht auch während des Friedens bei und nannte sich dann Heerführer[10].
Die Germanen waren sehr freiheitsliebend und wollten keine Gewalt über sich anerkennen. Eine eigentliche Regierung gab es nicht. Sie versammelten sich und veranstalteten Volksversammlungen, die jeden Monat bei Neumond und Vollmond, bei außerordentlichen Anlässen jedoch zu jeder beliebigen Zeit abgehalten wurden. Sie erschienen träge und langsam zu diesen Versammlungen, wie um anzudeuten, daß sie aus freien Stücken kämen; es vergingen einige Tage, bis die nötige Zahl beisammen war und die Beratung beginnen konnte. Sie saßen in voller Rüstung da; nur die Priester hatten das Recht, Schweigen zu gebieten; die Familienältesten präsidierten, die sogenannten Grauhaarigen (grawion), die später diesen Namen in den der Grafen veränderten, die Fürsten und die, die sich während der Schlachten ausgezeichnet hatten, führten das Wort; ihre Rede war schlicht und von jenem kräftigen, gedrängten Lakonismus erfüllt, durch den sich die treuherzige Beredsamkeit junger Völker auszeichnet.
Sie waren schlicht und offenherzig; ihre Verbrechen waren nur die Folgen ihrer Unwissenheit und nicht ihrer Lasterhaftigkeit. Nur Ehrlosigkeit und eine niedrige Gesinnung galten als Verbrechen; Überläufer und Verräter wurden gehängt und einem qualvollen Tode überantwortet; für ein gemeines und ehrloses Vergehen wurde der Schuldige in einen Sumpf versenkt, und es wurde Schlamm und Reisig auf ihn geworfen, wie um etwas zu verbergen, was nie ans Tageslicht kommen sollte. Die untreue Frau war ganz in der Gewalt ihres Mannes: er durfte ihr das Haupthaar abschneiden, ihr ihre Kleider wegnehmen und sie nackt und schmachbedeckt mit Ruten durch Dörfer und Siedelungen jagen; niemand wagte es, auch wenn sie noch so schön war, ihr sein Mitleid zu bezeigen. Aber diese Fälle waren nur selten, denn die Germanen hatten einen wilden und rauhen Charakter, und bei ihnen herrschten nur Bräuche und Sitten, die gewöhnlich viel stärker sind als Gesetze.
In ihrem häuslichen Leben waren sie ganz im Gegensatz zu ihrem unruhigen kriegerischen Wesen sehr sorglos und träge. Sie waren stumpf und sehr faul und lagen in ihren Hütten herum, ohne sich vom Fleck zu rühren. Je mutiger ein Mann zu sein glaubte, um so mehr hielt er es für unter seiner Würde, sich mit irgendeiner Arbeit abzugeben; die Äcker wurden von alten Leuten, von den Schwachen, Minderjährigen und Knechten bebaut; letztere genossen volle Freiheit und mußten nur eine kleine Naturalabgabe von ihren Feldern zahlen. Alle häuslichen Arbeiten lagen auf den Schultern der Frauen. Die Frau brachte ihrem Manne keine Mitgift in die Ehe mit, im Gegenteil, er mußte ihr am Vorabend der Hochzeit einen Ochsen im Joch, ein voll ausgerüstetes Pferd und eine Lanze darbringen, wie um damit auszudrücken, daß sie von nun an an all seinen Beschäftigungen teilnehmen müsse.
Die Kleidung der Germanen war ganz anders, als dies in der römischen Welt und bei allen südlichen Völkern üblich war, die eine gewisse Liebhaberei für leichte, weite Gewänder hatten; sie trugen enge Kleider, die sich fest an den Körper anschmiegten, und die Tierfelle, in die sie sich mit Vorliebe hüllten, verliehen ihnen ein wildes, tierisches Aussehen. Die Kleidung der Frauen unterschied sich nur wenig von der der Männer; einzelne trugen hochrote Leinwandröcke, die nur bis zum Gürtel reichten, so daß der Hals, der Busen und die Arme offen blieben. Die Kinder waren sich ganz allein überlassen und wuchsen in der Gesellschaft der Haustiere auf. Erst wenn sie volljährig wurden, durften sie Waffen tragen und an den Versammlungen teilnehmen. Die Gastfreundschaft, die allen wilden Völkern von primitiven Sitten eigen ist, war auch den Germanen eigentümlich; der Gast wurde reichlich beschenkt, und wenn jemand nicht in der Lage war, einen Gast zu bewirten, führte er ihn selbst zu einem seiner Genossen.
Am häufigsten jedoch konnte man die alten Germanen bei ihren Festgelagen antreffen, wo manches Mal mehrere Nächte hindurch gezecht wurde, dann war der Wald prachtvoll erleuchtet von lohenden Eichen, und ein Getränk aus gegorenem Gerstensaft, wahrscheinlich der Urahne des heutigen Biers, das in Deutschland so viel getrunken wird, ließ ihren Gedanken, Reden und Entschlüssen freien Lauf. Bei diesen Gelagen kamen alle ihre Unternehmungen zur Reife. Hier faßten sie die Pläne zu ihren kühnen, gewagten Angriffen, die während einer gemächlichen Volksversammlung wohl nicht jedem und auch nicht immer in den Sinn gekommen wären. Sie waren stürmisch, waghalsig, und wenn sie einmal wach, erschüttert und aus ihrer kaltblütigen Indolenz aufgerüttelt waren, kannte ihre Leidenschaft keine Grenzen. Ihre Verwegenheit kam ganz besonders beim Würfelspiel zum Ausdruck, da konnte der wilde Germane so leidenschaftlich werden, daß er sein Haus, seine Waffen, sein Weib, seine Kinder und zuletzt sich selbst verspielte und in die Sklaverei verkaufte — ein Zustand, der ihn schlimmer dünken mußte als der Tod! Vielleicht war dieses wilde Temperament die Quelle jener starken, kühnen Leidenschaften, die den Europäer erfüllen.
So geartet waren die germanischen Völker — diese wilden Elemente, aus denen das neue Europa hervorgegangen ist. Sie zerfielen in unzählige Stämme und überzogen das nördliche Europa ebenso dicht wie die dichten europäischen Wälder. Um einen klaren Überblick über sie zu gewinnen, wollen wir mit den Gegenden beginnen, wo die Alte Welt diese ersten Begründer der Neuen Welt zuerst erblickte, d. h. mit der Donau, die den Römern als Grenze diente. Hier wohnten Stämme, die zwar noch frei aber doch nicht mehr ganz wild waren, und die schon Beziehungen mit dem antiken, zivilisierten Rom angeknüpft hatten, als da sind: die Hermunduren, die Narisker, die Markomannen und die Quaden. Ferner lag eine große Kette von germanischen Stämmen an den Ufern des Rheins von seiner Quelle bis tief herab zu der Stelle, wo er ins Meer fällt. Das waren die Vangionen, Triboker, Nemeter, Matiaken, Ubier; auf sie folgten die Tenkterer, die besten Reiter, deren Reiterei auch bei den Römern berühmt war, und deren ganzer Besitz aus ihren Rossen bestand und immer dem Tapfersten hinterlassen wurde; dann folgten die Usipier und hart an der Mündung des Rheins, wo er ins Meer strömt — die mächtigen Bataver.
Das mittlere Deutschland war ganz mit Wäldern bedeckt und barg die wildesten und mächtigsten Stämme in sich. Von Westen nach Osten fortschreitend, treffen wir zuerst auf die Chatten, die Ahnen der heutigen Hessen; sie bewohnten die aus zahllosen Hügeln bestehenden Ufer des Main. Dieses Volk verbreitete Schrecken um sich durch sein Fußvolk, durch dessen vortreffliche Aufstellung und Organisation, durch seine umsichtige Angriffstaktik und den wilden Ausdruck seiner Gesichter. Die Sitten und Gebräuche der Chatten setzten einen durch ihre Eigenart unwillkürlich in Erstaunen. Kein Jüngling durfte sich das Haar schneiden, ehe er nicht seine Hände in Feindesblut gewaschen hatte, während der Schlacht mußten sie in den vorderen Reihen kämpfen, und dann jagten sie den Feinden mit ihren struppigen, behaarten Gesichtern Angst und Schrecken ein. Jeder Chatte trug einen eisernen Ring am Arm, was sonst für schmachvoll galt, weil der Ring an eine Kette erinnerte, doch durfte er ihn nicht früher ablegen, als bis er mit eigener Hand einen Feind getötet hatte. Südlich von den Chatten wohnten die Cherusker, die Bewohner des Harzes, weiter folgten die Fosen, die Sigambrer, die Brukterer, die Angrivarier, die Chasuarier und endlich die Harier, die sich durch eine ganz eigene Angriffsweise auszeichneten. Sie führten ihre Überfälle in dunklen finsteren Nächten aus, färbten sich, um Schrecken und Furcht einzuflößen, ihren Leib, trugen schwarz angestrichene Schilde und boten sich dem erstaunten Blicke der Feinde, die diesen Anblick nicht zu ertragen vermochten, wie ein Leichenzug dar. Östlich von ihnen in etwas freieren, offener daliegenden Gegenden wohnten die Sueven. Diese bestanden aus einer Menge verschiedener Stämme und führten noch lange Zeit ein Hirtenleben, obwohl sich der Boden wegen seiner vielen Sümpfe nur wenig dazu eignete.
Überhaupt kann man sagen, je mehr man sich dem Süden oder dem Südwesten näherte, um so mehr Ackerbau treibende Stämme traf man an; oder Ackerbau und Viehzucht traten zusammen auf; je mehr man sich dagegen dem Osten, Ungarn, Dacien und Polen näherte, um so mehr überwog das Hirtenleben, und je tiefer man endlich in die Wälder des Harzes eindrang, um so finsterer und kräftiger wurden die germanischen Stämme. Aber die allergefährlichsten unter ihnen, die selbst die Römer fast gar nicht kannten, und die dennoch die eigentlichen Zerstörer ihrer Herrschaft wurden — das waren alle die Stämme, die die Küsten des Meeres und die an der Ostsee gelegenen Länder bevölkerten. Bis hierher waren die Römer nie vorgedrungen. Hier wohnten Seeräuber, die unternehmungslustigsten unter den Germanen, die schon die Lage des Landes und des Meeres dazu zwang, sich in die kühnsten Unternehmungen zu stürzen.
So ein Leben führten die Friesen und Chauken am Ufer der Nordsee, dann ein wenig weiter die gewaltigsten unter den Korsaren des Nordens, die Sachsen, ferner in Holstein die Cimbern, an der Ostsee die Goten, die Wariner, die Rugier und Burgunder und in Preußen die Longobarden, die Vandalen und die Heruler. Außerdem gab es in Mitteldeutschland noch eine ganze Reihe von Abkömmlingen dieser Stämme, die ganz verborgen in Wäldern und Sümpfen lebten; während der häufigen Schlachten und Kämpfe zwischen den einzelnen Stämmen wurden sie aus ihren Verstecken hinausgedrängt und sahen sich nun gezwungen, Plätze aufzusuchen, bis zu denen kein Mensch vordringen konnte. Auch die Berge der Alpen und der Karpathen bargen eine Menge von Fetzen oder Überresten verschiedener Stämme in sich: gallische, germanische und wendische Völker, die in dem wilden Europa herumvagabundierten. Der Nordwesten des Erdteils konnte infolge seiner ungeheuren Unfruchtbarkeit und Armut und seiner langen, öden und ungeheueren Strecken keine starken Völker hervorbringen und großziehen. In seinen weit verstreuten, obdachlosen, verwaisten Bewohnern — den Finnen, und den Abkömmlingen estnischer Stämme erstarb alles Leben, ebenso wie in der Natur jener Gegenden.
Dies war jene besondere Welt in dem wilden Europa! Das waren die Völker, deren gewaltige Kraft die Römer vor allem an sich erfahren sollten. Und wenn das Weltreich nicht schon viel früher zusammenbrach, so liegt der Grund nur in der ungeheuren Zersplitterung der germanischen Völker, in der Bodenbeschaffenheit Europas, die sie hinderte, zu einem Ganzen zu verschmelzen, in der Einfachheit ihrer Sitten, die sie veranlaßten, sich mit den rohen Erzeugnissen ihres Landes zu begnügen, in dem für diese nur auf die Zerstörung ausgehenden Wilden so bezeichnenden Mangel an Habgier, in ihrem seßhaften Leben und in ihrer Liebe zur Freiheit, die sie immer wieder zwang, sich in die Tiefe der Wälder zurückzuziehen. Die Römer waren sich der Gefahr voll bewußt, die ihnen von der frischen Kraft dieser europäischen Völker her drohte. Und daher waren sie darauf bedacht, keine Grenze des Reiches, weder die asiatische im Osten, noch die afrikanische im Süden, so zu schützen und zu befestigen, wie die europäische im Norden. Hier, kann man wohl sagen, konzentrierte sich ihre ganze militärische Schutzmacht. Und man muß zugeben, daß die Verteidigungsmaßregeln, die während der damaligen Lage des an Erschöpfung zugrunde gehenden Reiches aufgeboten wurden, sehr vernünftig waren. Das römische Reich überließ seine gefährdeten Grenzen den frischen, kriegerischen Völkern, die sie am besten verteidigen konnten und sich anfänglich mit wenigem begnügten. Aber es muß zur Ehre der germanischen Völker gesagt werden, daß nur die äußerste Not sie zwang, dieses Geschenk Roms anzunehmen. Diese Abhängigkeit erschien ihnen wie Sklaverei, und sie eilten wieder in die Tiefe ihrer Wälder zurück — um dort ein Versteck für ihre Freiheit zu suchen. Die Anschläge der Römer zwangen sie, starke Bündnisse miteinander zu schließen, aber diese Bündnisse waren nie offensiver Natur, ihr Zweck bestand immer nur darin, die Freiheit, die den Germanen teurer als alles war, vor Gefahren zu schützen. Eins von diesen Bündnissen, das unter dem Namen des fränkischen Bundes bekannt wurde, wuchs und erstarkte dank der günstigen Lage des Landes und dem immer heftiger werdenden Ansturm seitens aller andern Stämme. Die verschiedenen Völker, die ihm beitraten, hatten einen Teil von Westfalen und Hessen besetzt und sich so eng miteinander verschmolzen, daß sie schließlich nur eine Nation unter dem Namen der Franken bildeten. Doch dieses Bündnis wäre den Römern nie so gefährlich geworden, und ganz Deutschland hätte sich auch weiter nicht geregt, wenn nicht eine fremde Kraft, d. h. Völker, die aus Asien kamen, einen Druck auf die Germanen ausgeübt hätte. Der östliche Teil Europas war äußerst gefährlich wegen seiner weiten Ebenen. Das war ein weitgeöffnetes Tor nach Westeuropa, der große Weg, auf dem die so verschieden gearteten Völker eines nach dem andern herangezogen kamen, hier waren auch die Wälder bedeutend häufiger niedergebrannt, wie in anderen Gegenden; auch die Sümpfe waren hier am frühesten ausgetrocknet und mit jedem Jahrhundert wurde dieser Weg freier und bequemer für die großen Völkerzüge. Die weiten offenen Flächen gaben den Völkern und Stämmen die Möglichkeit, sich zu großen Massen zu vereinigen, und eigneten sich ungemein für ein Nomadenleben, das seinerseits günstige Gelegenheiten zu Angriffen in großem Maßstabe bietet. Ein ganzes Volk konnte plötzlich seine fliegenden Wohnsitze verlassen und mit seiner ganzen Masse einen furchtbaren, unwiderstehlichen Überfall auf ein andres ausführen.
Eins von den germanischen Völkern ward früher denn alle übrigen dazu bestimmt, eine allgemeine Völkerbewegung hervorzurufen. Dieses Volk waren die Goten[11], ein Volk, auf dem ein furchtbarer Fluch zu lasten schien, der es zu ewigem Wanderleben verurteilte. Die Goten mußten lange herumirren, bald erschienen sie in Skandinavien, bald an den beiden Küsten der Ostsee und endlich im weiten Osten Europas. Nach dem Zeugnis des Geschichtsforschers Jornandes saßen sie ursprünglich in Skandinavien. Es ist sogar möglich, daß dies eins der Urvölker Europas war. Nachdem sie ihre schneebedeckte Heimat verlassen hatten, drangen sie bis an die Küsten Preußens und riefen eine große allgemeine Umwälzung hervor. Sie verdrängten die Vandalen, die Longobarden, die Heruler, die Burgunder und Sachsen aus jenen Landstrichen und zwangen sie gegen ihren eigenen Willen, sich am eifrigsten an der Zerstörung des weströmischen Reiches zu beteiligen. Die allgemeine Erschütterung machte sich in ganz Europa bemerkbar: diese ganze Kette der mächtigen baltischen Stämme näherte sich den Grenzen Roms, drängte viele Stämme ins Gebirge und in die Sümpfe zurück, konzentrierte ihre Kräfte noch mehr und machte so die Römer mit neuen Völkern bekannt. Von nun an konnte man Herulern, Vandalen und Longobarden in ihren Armeen begegnen.
Unterdessen hatten die Goten, nachdem sie vor sich her einen Weg gebahnt hatten, die am Ufer der Donau lebenden Völker, die Markomannen und die Quaden, teils vertrieben, teils unterworfen; nun vereinigten sie sich in großen Massen in den südlichen Ebenen Daciens und zogen zusammen mit den unterjochten Stämmen dem Schwarzen Meere entgegen. Je mehr sie nach Süden vordrangen, desto besser wurde der Weg, und um so schneller vollzog sich ihre Wanderung. Endlich erschienen sie mitten in Griechenland und in Kleinasien und brannten die Küsten des Schwarzen Meeres nieder. Chalcedon und Ephesus wurden eingeäschert. Athen wurde in furchtbarer Weise und schonungslos zerstört. Kaiser Decius erkannte die Gefahr, die den östlichen Grenzen seines gewaltigen Reiches drohte; er führte selbst seine Truppen gen Osten und fiel in der Schlacht mit der Waffe in der Hand, während sein Heer im Westen gegen die Vandalen, Heruler und Sueven kämpfte, die von den Goten aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Mit Beute beladen kehrten die Goten zurück, besetzten das heutige Rußland, erhielten auf Grund eines Vertrages mit den Römern ganz Dacien und setzten sich hier fest. Sie rissen die Herrschaft über die Völker, die an den Ufern der Donau wohnten, an sich und beunruhigten das sorglose Kaiserreich durch ihre Gegenwart. Als die Imperatoren, diese mächtigen Beherrscher der Welt, durch eigene schmerzliche Erfahrung den wilden Mut der Goten kennen gelernt hatten, beschlossen sie, sie in ihre Armee aufzunehmen und diesem unüberwindlichen Volk von Barbaren Sold zu bezahlen. Dadurch gewannen sie sich kräftige Verteidiger, zugleich aber zogen sie sich mächtige Feinde heran, denn sie enthüllten ihnen die Geheimnisse einer wohlausgebildeten Taktik, die ihnen später ein noch größeres Übergewicht verleihen mußte. Übrigens aber war die Strategie der Goten auch schon ohnedies unüberwindlich. Sie vereinigten in sich die Taktik der leichtbeweglichen Wandervölker und die der ansässigen bodenständigen Stämme. Sie formierten sich in gewaltigen, dichtgedrängten Massen und zeigten die gleiche Standhaftigkeit im Ansturm des ersten Angriffs, wie während des Höhepunktes der Schlacht oder bei ihrem Ausgang, wo ihre Kraft allmählich erlischt. Eine Schlacht mochte sich noch so lange hinziehen, es war unmöglich, die Reihen der Goten ins Wanken zu bringen. Sie begleiteten ihren Angriff, gleich anderen germanischen Stämmen, mit Gesängen. In ihren Liedern verherrlichten sie die Namen ihrer alten Helden: Fridigern, Vidicula Ethespamar und anderer. Die geistliche Obergewalt lag in den Händen eines einzelnen, dieser war zugleich König, Heerführer und Oberpriester; trotz alledem aber hing er von dem Rate der Tapferen ab.
Bei den Goten herrschte von Urzeiten an das königliche Geschlecht der Balten, und nur aus diesem Geschlecht durfte ihr König gewählt werden. Sie beteten Wotan an, der im grauen Altertum zusammen mit Odin, diesem nordischen Ulyß[12], ihr Heerführer gewesen war. Von allen germanischen Stämmen waren die Goten am meisten zur Assimilation der Kultur befähigt. Bis zur Mitte des IV. Jahrhunderts wurde die Macht der Goten von den Völkern, die an der Donau sowie von denen, die im Westen und Osten des heutigen Rußland saßen, anerkannt. Der Name ihres Königs Hermanrich stand in hohen Ehren an den Ufern des Schwarzen Meeres sowohl als auch in Livland. Allein die gotische Herrschaft wurde durch den großen Völkerzug der Hunnen, die aus Asien hereinbrachen, erschüttert.
Die Hunnen oder Hjongnu waren nach de Guignes ein mächtiger Volksstamm, der die großen Steppen der Tatarei und der Mandschurei bewohnte und China in Unruhe versetzte; da sie jedoch der verschlagenen chinesischen Politik nicht gewachsen waren, wurden sie allmählich den chinesischen Kaisern tributpflichtig. Allein ein großer Teil der Hunnen erhob sich mit seinen Wagen und Roßherden und zog nach Westen, besetzte die Länder jenseits des Kaspischen Meeres und entzog sich so den Blicken Chinas. Ihre Ansiedelung an den Ufern des Kaspischen Meeres verlegen die römischen Historiker in die Zeit Domitians. Es ist hier vielleicht am Platz, darauf hinzuweisen, daß die gebildete griechisch-römische Welt jener Zeit bis zur Regierungszeit des Kaisers Valens gar nicht einmal wußte, daß dieses Volk existiert, bis plötzlich die aus den Gebirgen Asiens hervorbrechenden Hunnen und mit ihnen die Avaren, Unnuguren, Usenguren (Uturguren, Cuturguren) und alle die anderen Völker vor ihnen auftauchten, deren Namen für das feine und zugleich korrumpierte Gehör der Griechen und Römer einen so rohen Klang hatten. Der verheerende, unabwendbare Andrang dieser Bewohner Asiens, ihre Gewohnheit, rohes Fleisch zu essen, die Schädel der Feinde als Becher zu benutzen und die ersten besten unter ihren Gefangenen den Schatten ihrer Ahnen auf blutigen Scheiterhaufen zum Opfer zu bringen, ihre kalmückischen Züge, die flachen, plumpen, braunen Gesichter, die einem schon durch ihren wilden Ausdruck Angst einjagen konnten, ihre kleine Gestalt, die nur aus Muskeln zu bestehen schien — dies alles versetzte die asiatisch-römischen Provinzen in solchen Schrecken, daß deren Bewohner daran zweifelten, ob sie sie wirklich zur menschlichen Gattung rechnen sollten. Sie waren der Ansicht, die Magier und Zauberer, die in den ungeheuren Wüsten am Kaspischen Meer hausten, wären in unreinen Verkehr mit Teufeln getreten, und diesem Bunde seien die Hunnen entsprossen.
War es nur ein seltsamer Instinkt, der die Hunnen zurücktrieb, oder erschreckten sie die allzu bunten mit Gärten und Städten übersäten Flächen des römischen Asiens, die die Nomadenvölker für Gefängnisse halten und daher fliehen, oder fanden sie keine öden, freien Steppen, deren sie für ihre zahllosen Herden unbedingt bedurften — genug, sie zogen, statt die Richtung nach Süden einzuschlagen, — nach Nordwesten, berührten auf ihrem Wege den Kaukasus, scheuchten ein paar Volksstämme, die an seinem Fuße wohnten, auf und nahmen sie auf ihrer Wanderung mit sich, und diese große Masse von Nomaden ergoß sich über Europa. Auf dem vorgeschobensten Posten Europas standen damals, wie wir gesehen haben, die Goten. Ihre zahlreichen Stämme und die von ihnen unterjochten Völker waren die ersten Wachtposten Europas und standen in dichten Scharen vor seinem mächtigen Tore, ein Tor, das leider viel zu gewaltig für den kleinen Erdteil — Europa — war. Und die Goten, dieselben Goten, die bis dahin für das unüberwindliche Bollwerk Europas und für eine unbesiegbare Macht gegolten hatten, wichen vor den Hunnen zurück. Es konnte auch gar nicht anders kommen. Die geheimnisvolle Kraft eines solchen Ansturms seitens solcher asiatischer Völkermassen war den Goten vollkommen unbekannt. Wenn die Goten gewußt hätten, daß ein solcher Einfall asiatischer Stämme nur durch den ersten gewaltigen Anprall gefährlich ist, und daß nur die Fähigkeit, ihnen einen dauernden Widerstand entgegenzusetzen und die Schlacht in die Länge zu ziehen, den Sieg entscheiden kann — wenn die Goten dies gewußt hätten, dann hätten sich die Hunnen wieder in den Kaukasus zurückgezogen, und Europa hätte nichts von der großen Erschütterung verspürt, die sein ganzes Äußere umwandeln sollte. Aber dies Geheimnis blieb den Goten unbekannt. Übrigens muß man auch anerkennen, daß es einer schier übermenschlichen Tapferkeit und Geistesgegenwart bedurfte, um dem ersten Ansturm der Hunnen zu widerstehen. Sie begleiteten ihren Angriff mit so entsetzlichem Geschrei, ihre ungeheuren Massen kamen so dichtgedrängt herangeflogen, ihre beinahe wilden Rosse kamen so wütend angerast, als stürzten sie einen steilen Abhang hinunter und als könnten die Reiter selbst ihren Sturmschritt nicht hemmen; ihr schmales, zwischen den dicken Backen fast verschwindendes Auge war so scharf und sicher, sie gaben der Schlacht jeden Augenblick eine so rasche Wendung, sie konnten sich so schnell in alle Winde zerstreuen und verschwinden, sich so plötzlich wieder in einem Haufen vereinigen, sie schleuderten mit so großer Treffsicherheit einen ganzen Wald von Lanzen gegen ihren Feind, selbst wenn sie die Flucht ergriffen, wußten sie sich so vorzüglich durch ihre Geschosse zu decken und sie begleiteten dies alles mit einem so wilden, betäubenden Geschrei, daß sich schwerlich ein Heerführer finden konnte, dessen Auge nicht unsicher, dessen Kopf nicht schwindlig geworden wäre im Kampfe mit den Hunnen.
Nachdem sie die Goten vertrieben hatten, nahmen die Hunnen den westlichen Teil der polnischen Provinzen des heutigen Rußland, den Norden und die Donauländer ein — wieder nahm die Geographie Europas ein andres Ansehen an. Dadurch, daß die Hunnen einen so großen Flächenraum besetzten, mußten sie notwendigerweise eine starke Erschütterung und eine mächtige Verschiebung in den Wohnsitzen der einzelnen Völker hervorrufen. Die zurückgedrängten Goten zogen, obwohl ihnen dies nicht leicht wurde, nach Westen und Süden weiter; die Vandalen und Sueven, mit denen sich die Römer, oder besser gesagt, die römischen Germanen an den Grenzen schon vielfach gemessen hatten, zogen durch Frankreich über die Alpen und drangen in Spanien ein. Und hier in Spanien stießen plötzlich Völker aus den verschiedensten Himmelsgegenden zur allgemeinen Verwunderung miteinander zusammen: die Sueven von den Küsten der Ostsee und aus dem schneebedeckten Skandinavien und die Alanen, die die Hunnen auf ihrem Zuge vom Fuße des Kaukasus verscheucht und hierher getrieben hatten.
Fünfzig Jahre lang irrten die Hunnen in den Steppen Rußlands herum, zogen mit ihren Zeltwagen von Ort zu Ort und trieben ihre Roßherden von einem Platz zum andern, ohne weitere Eroberungen zu machen; denn auch diesmal wurde Westeuropa durch seine Urwälder und seine hügelige Bodenbeschaffenheit gerettet, auch fehlte es den Hunnen an einem unternehmenden Anführer. Sie begnügten sich damit, ihre nächsten Nachbarn zu überfallen, raubten meist ihre Frauen und Kinder und trieben ihre Herden mit sich fort. Unter diesen Raubzügen hatten die Goten, da sie ihnen am nächsten wohnten, am meisten zu leiden. Die Goten teilten sich um diese Zeit in zwei große Stämme: in die Westgoten, die sich ihre Könige aus der älteren herrschenden Linie der Balten, und in die Ostgoten, die ihre Könige aus dem neuen Herrschergeschlecht der Amaler wählten. Immer mehr von den Hunnen zurückgedrängt, drangen sie bis zum Süden der jetzigen Ukraine und der Moldau vor. Ein Teil der Westgoten, die sich nirgends sicher fühlten, wandte sich, geführt von Fridigern, Alatheus und Saphrax, mit der Bitte an den römischen Kaiser, er möge es ihnen erlauben, die Donau zu überschreiten, sich am südlichen Ufer des Flusses anzusiedeln und die römischen Provinzen gegen Überfälle der immer mächtiger werdenden Barbaren zu verteidigen. Der Kaiser Valentinian, der das Reich gemeinschaftlich mit seinem Bruder Valens regierte, nahm diese unerwartete Hilfe mit Freuden an — und die Westgoten überschritten die Donau. Unterdessen hatten die Ostgoten und ein Teil der Westgoten, die im Südosten wohnten, häufig unter Hungersnöten zu leiden, und da sie sahen, daß die Not immer stärker wurde, baten sie den Kaiser Valens, der die östlichen Provinzen verwaltete und in Konstantinopel residierte, sie mit allerhand Waren zu versorgen und ihnen zu gestatten, mit den Bewohnern des Landes Handel zu treiben.
Der Kaiser befahl den Regenten von Thracien, Lupicinus und Maximus, die Bitten der Goten in allen Punkten zu erfüllen; beide waren typische Griechen aus der byzantinischen Zeit — hinterlistig und immer bereit, auch ohne dringende Veranlassung ein Verbrechen zu begehen, den Barbaren gegenüber aber hielten sie jede Missetat für erlaubt. Sie ließen sich mit den Goten nicht erst in Handelsgeschäfte ein, sondern raubten sie ganz einfach aus und trieben sie bis zum Äußersten, so daß diese genötigt waren, ihre eigenen Frauen und Kinder zu verkaufen; endlich luden sie die heldenmütigsten Goten unter freundschaftlichen Vorwänden zu sich ein und beschlossen, sie heimlich umzubringen. Dies rief die Rachsucht dieses wilden Volkes, das sich jedoch noch ein ursprünglich menschliches Gefühl bewahrt hatte, wach. Ungeheure Scharen von Goten fielen in Thracien ein, drangen bis Konstantinopel vor, brannten alles nieder und plünderten und äscherten alle Städte und ihre Umgegenden ein, die sie auf ihrem Wege antrafen. Der Kaiser Valens befand sich in einer sehr mißlichen Lage. Er war ein eifriger Arianer und verfolgte unbarmherzig alle Gegner dieser Sekte. Infolgedessen hatte er viele Feinde, und selbst sein Bruder Valentinian, der Kaiser von Rom war, verweigerte ihm seine Hilfe. Überdies war der Kaiser Valens auch sehr grausam und mißtrauisch; man hatte ihm geweissagt, ein Mann, dessen Name mit den Buchstaben Theo... beginnt, würde seinen Untergang herbeiführen — und so ließ er denn sämtliche Theoderiche, Theodate und Theodosiusse, die irgendein bedeutenderes Amt bekleideten, erdolchen oder erwürgen. Es versteht sich von selbst, daß diese Taten in seinen Untertanen keinen allzu großen Eifer und keine Neigung, ihren Monarchen zu verteidigen, wachriefen, und außerdem waren diese Untertanen ein erbärmliches und charakterloses Volk; die Soldaten waren jederzeit bereit, zu meutern und beim ersten Anlaß die Flucht zu ergreifen; die Staatsgelder wanderten in die Hände von Eunuchen, Günstlingen, Konkubinen und schlauen Priestern, und so erhielt Valens schließlich die Strafe für sein früheres Leben. Verlassen von den fliehenden Soldaten, suchte er Schutz in einer armseligen Hütte und wurde zusammen mit dieser von den rachsüchtigen Goten verbrannt. Nur der Unkenntnis der Goten, die sich nicht auf die Belagerung einer Stadt verstanden, verdankte Konstantinopel seine Rettung. Triumphierend und mit Beute beladen kehrten die Goten zu ihren Wohnsitzen zurück, bei den Römern eine schauerliche Erinnerung an ihren Besuch hinterlassend.
Bald darauf erfolgte die endgültige Teilung des römischen Reichs. Der Kaiser Theodosius hoffte, es noch durch diese Säkularisierung zu retten, er glaubte, die Schwäche des Reiches sei die Folge seiner unermeßlichen Größe und der Unmöglichkeit seiner Beherrschung durch einen einzelnen. Die östliche Hälfte, die von nun an mit Recht die griechische genannt wurde — noch treffender hätte man sie das Reich der Eunuchen, Komödianten, Günstlinge, Rennbahnen, der Verschwörer, der gemeinen Mörder und der disputierenden Mönche nennen können — erhielt Arcadius, der ganz unter dem Einfluß seines verschmitzten Vormunds Rufinus stand; die westliche Hälfte, die mit Unrecht die römische genannt wurde, weil hier alle beliebigen Ämter der Verwaltung von Emporkömmlingen besetzt waren, die von Goten, Vandalen oder anderen germanischen Völkern abstammten und nur mit einem dünnen äußerlichen Firniß römischer Bildung überzogen waren: diese westliche Hälfte, die mitten im eigenen Herzen gewaltsam eindringende Feinde beherbergte, und die wie ein lebendiger Leichnam die Lebenskraft in sich schwinden sah und fühlte, dies weströmische Reich fiel dem minderjährigen Honorius zu, der sich völlig von Stilicho leiten ließ; letzterer war von Geburt ein Vandale, der unter Theodosius ein treuer und tapferer Vasall gewesen war, aber unter dessen unbedeutendem Sohn ein gemeiner Schwächling wurde. Die Vormünder, die die entgegengesetzten Enden Europas regierten, haßten einander. Das erste Geschenk, das Rufinus, der schlau war wie ein byzantinischer Grieche, seinem Feinde Stilicho übersandte, war das mächtige Heer der Westgoten, die er überredet hatte, Italien zu erobern, während er ihnen versprach, seinerseits Rom jede Hilfe zu verweigern. Und die Westgoten verließen insgesamt ihre Wohnsitze in Dacien und an den Ufern der Donau und drangen in Italien ein. Aber für Stilicho hatte diese Invasion gar keine Schrecken, im Gegenteil, er freute sich im geheimen über sie und knüpfte eine Menge von Plänen an sie. Vor allem hoffte er, mit Hilfe dieser zahlreichen Menge junger, kräftiger Barbaren viele andere Barbaren, die schon ins Innere des römischen Reichs eingedrungen waren, zu vernichten. Damals gehörte Gallien zu Rom und es gehörte doch auch wieder nicht dazu. Der starke Frankenbund stand mit den unter seiner Hegemonie vereinigten Stämmen an der Grenze dieses Landes; im Osten und Süden, d. h. im Herzen Frankreichs, hatten sich’s die Alemannen und Burgunder bequem gemacht. In Spanien hielten die Sueven, die Alanen und Vandalen die besten Teile des Landes, d. h. den Süden, besetzt, und die römischen Präfekten und Befehlshaber spielten unter ihnen eine recht traurige Rolle: sie bekleideten eine Würde, ohne die geringste Macht zu besitzen. Es schien fast, als läge über der halben Welt statt des römischen Reichs nur sein langer, mächtiger Schatten. Dieses Reich glich einer tausendjährigen Eiche, die einen durch ihren ungeheuren Umfang in Erstaunen setzt, aber deren Inneres schon längst verfault und vermodert ist. Stilicho wußte geschickt Alarich von seiner Absicht, sich in Italien niederzulassen, abzubringen, indem er ihm das reiche blühende Spanien anbot. Er hatte sogar den Plan, diese Barbaren gegen seinen Feind Rufinus aufzuhetzen; ja er träumte schon davon, sich, wenn der Plan gelingen sollte, an Stelle des schwachen Honorius zum Kaiser ausrufen zu lassen, aber die Sache war zu fein gesponnen, und statt dessen sank sein eigener Kopf vom Rumpfe. Der schwache, unbedeutende Honorius, der auch nicht einen von Stilichos Plänen erfaßt hatte, befahl einem seiner Feldherrn, der ebenso unverständig war wie er, den Goten, die sich schon nach Spanien gewandt hatten, um sie zu schädigen, in den Rücken zu fallen. Da aber kehrte Alarich mit einem Male um und stand nun plötzlich vor den Toren Roms. Wie gewöhnlich floh Honorius; der Senat, der seine Ohnmacht einsah, flehte den mächtigen Goten an, er möge doch abziehen, versprach ihm, Tribut zu bezahlen, und folgte ihm sofort einen Teil aus; der Sieger entschloß sich, auf den anderen Teil zu warten, und zog sich von Rom zurück. Kaum aber hörte Honorius, daß die Gefahr vorüber sei, als er nach Rom zurückkehrte, doch er dachte nicht daran, den versprochenen Tribut zu bezahlen. Da jedoch erschien Alarich in heller Empörung vor den Mauern Roms, und drohte, die ewige Stadt in einen Haufen Asche zu verwandeln.
Am 23. August 409 nahmen die Mauern der Weltresidenz den Anführer der Goten in sich auf. Die herrlichen Häuser und Paläste wurden geplündert, aber der fürchterliche Alarich verbot die Brandstiftung und das Blutvergießen. Hieraus kann man ermessen, wie groß seine Willenskraft und die Macht war, die er über seine wilden Heerscharen besaß, konnte er sie doch davon abhalten, wovon selbst ein Befehlshaber gebildeter Truppen seine Soldaten nicht immer abzuhalten imstande ist. Von Honorius war in der Stadt keine Spur zu entdecken, er hatte längst Zeit gefunden, sich davonzumachen. Dafür aber machte der Eroberer kein Hehl aus seiner tiefen Verachtung der Römer; er ernannte ihren Präfekten Attalus zum Kaiser und ließ ihn auf den Knien vor der Tür seines Zeltes vorbeirutschen. Nachdem er seinen Rachedurst gestillt hatte, verließ er Rom und zog nach dem Süden Italiens. Hier schmiedete er große Pläne; er erbaute eine Flotte und wollte schon seine siegreichen Fahnen nach der afrikanischen Küste tragen, da gebot der Tod seinem Siegeszuge Halt. Um ihm ein Grab zu bereiten, leiteten die Westgoten das Bett des Busentostromes ab, gruben auf seinem Grunde ein tiefes Grab, in das sie den Leichnam hinabsenkten, schütteten es zu und lenkten den Strom in sein früheres Bett zurück, damit niemand das Grab des großen Goten schänden oder ihm Schimpf antun könnte. Nach Alarichs Tode ward Athaulf zum König gewählt und dieser führte die Goten endlich nach Spanien, wo sie sich sehr bald festsetzten und ein mächtiges gotisches Königreich gründeten, nachdem sie die unbedeutenden römischen Befehlshaber von dort vertrieben hatten.
Die Einwanderung der Westgoten machte sich an allen Enden Spaniens lebhaft bemerkbar. Die Alanen und Sueven wurden stark bedrängt und sahen sich gezwungen, die Herrschaft der Goten anzuerkennen. Selbst die Vandalen, die bis dahin in Spanien die stärkste Vormacht gebildet hatten, wurden energisch zurückgedrängt und gegen die Küste des Mittelmeers zurückgeworfen. Schon dachte der König Geiserich daran, nach Afrika überzusetzen. Da trat ein Ereignis ein, das die Verwirklichung seines Planes, wie absichtlich, noch beschleunigte. Um diese Zeit herrschte in Rom für den minderjährigen Valentinian und seine Mutter der berühmte Aëtius; er war sehr unternehmend, ehrgeizig, schlau und nicht wählerisch in den Mitteln, wenn es galt, zu erringen, was er wünschte. Aëtius hatte einen mächtigen Feind in Bonifacius, dem Statthalter in Afrika, und daher war er entschlossen, ihn zugrunde zu richten. Zu diesem Zweck ließ er ihn im Auftrag des Kaisers nach Rom rufen. Bonifacius aber hatte den Plan durchschaut, und daher war er entschlossen, in Afrika zu bleiben und Geiserich um Hilfe anzugehen. 427 landete Geiserich mit seinen Vandalen und einem Teil der Alanen an der afrikanischen Küste und bezeichnete seinen Weg durch Brandstiftungen und Verwüstungen. Zu spät sah Bonifacius ein, welchen Fehler er begangen hatte, sich einen solchen Gast einzuladen. Er hatte sich bereits mit seinem Kaiser ausgesöhnt und wollte nun seinem unruhigen Verbündeten Einhalt gebieten. Aber es war nicht so leicht, mit Geiserich fertig zu werden, und Bonifacius ward geschlagen. Geiserich steckte Karthago in Flammen, plünderte die Häuser, metzelte die Einwohner nieder und riß alle Reichtümer an sich, die er nur finden konnte.
Die schnellen Erfolge entfachten seinen wilden Ehrgeiz noch mehr. Bald war die ganze Küste Nordafrikas der Herrschaft der Vandalen unterworfen. Mit Feuer und Schwert bekehrte er die Bevölkerung zum arianischen Glauben und gründete eins der mächtigsten Reiche dieser wilden und finsteren Epoche. Nun aber wurde Geiserich übermütig. Seine fürchterliche Flotte zerstreute sich über das Mittelmeer und machte durch ihre Raubzüge jegliche Schiffahrt unmöglich. Jedes Jahr erschien dieser numidische Löwe an sämtlichen Küsten des Mittelmeers, von Griechenland und Illyrien bis Gibraltar, und raubte, als sammele er die Ernte von den eigenen Feldern ein, alles, was diese blühenden und bevölkerten Gegenden erzeugten. Spanien, Sizilien, Sardinien, Dalmatien hatten abwechselnd die fürchterliche und zerstörende Hand dieses gekrönten Piraten zu fühlen, der hier so schnell das erste Reich christlicher Corsaren gegründet hatte. Endlich aber erfaßte ihn inmitten aller Größe und der Pracht der zusammengeraubten Reichtümer jener Geisteszustand, jene schreckliche Melancholie, die den Geist verdorren läßt und quält und stets der Vorbote der Tyrannei, dieser furchtbaren Seelenkrankheit der Herrscher, ist. Er begann mißtrauisch zu werden gegen alle, die ihn umgaben, und sein Argwohn erstreckte sich zuletzt sogar auf seine Gemahlin, die Tochter eines Königs der Westgoten: er bildete sich ein, sie habe die Absicht, ihn zu vergiften. Ganz hingenommen von diesem Gedanken, befahl er, ihr Nase und Ohren abzuschneiden, und schickte sie so verunstaltet zu ihrem Vater. Weil er aber die Rache der Goten fürchtete, machte er dem Hunnenführer Attila den Vorschlag, von Norden aus in Spanien und Italien einzubrechen.
Attila residierte in Dacien; hier hatte er, unweit der Donau, sein Standlager aus rohen, hölzernen Hütten aufgeschlagen, in deren Mitte sich sein plumper Palast erhob. Attila war der Führer, der den Hunnen bis dahin gefehlt hatte. Er hatte gezeigt, welch furchtbare Gewalt die vorwärtsstürmende Kraft der Asiaten annehmen kann. Der ganze Nordosten Europas erkannte seine Herrschaft an. Die lange Kette der Völker, die dem schier unüberwindlichen Hunnenkönige Tribut zahlten, begann mit dem Kaukasus und endete am Rhein. Die Goten, die Gepiden, die Alanen, die Heruler, die Akatirer, die Thüringer und die Slawen, sie alle wurden von den Grenzen seines schnell wachsenden Nomadenreichs umschlossen. Der griechische Kaiser, der seine Verachtung kennen gelernt hatte, sandte ihm demütig seinen Tribut und lag im Staube vor seiner Macht und Größe. Attila war ein Mensch von kleiner Gestalt, fast ein Zwerg, mit einem ungeheuren Kopf und kleinen Kalmückenaugen, und sein Blick war so schnell, daß keiner seiner Untertanen ihn ertragen konnte, ohne unwillkürlich zu zittern. Mit diesem Blick allein beherrschte er alle seine Stämme, die trotz ihrer zerstreuten Wohnsitze und trotz der Verschiedenheit ihrer Lebensweise, ihrer Sitten und Gebräuche durch sein Wort zu einem einzigen Wesen zusammenschmolzen. Mitten unter seinen Höflingen, die mit geraubtem Golde prunkten, ging dieser merkwürdige Mensch in einem groben, weiten Gewand umher, lag auf einem gewöhnlichen Lager von Filz und trank fast nur Wasser aus einem Holzeimer; weder sein Roß, noch sein Sattel waren je mit Edelsteinen geschmückt, und er nannte sich selbst die Geißel Gottes, die gesandt ward, um die Welt zu züchtigen. Seine Macht über die Truppen war grenzenlos: sie glaubten, daß er ein verzaubertes Schwert besäße, mit dem er die ganze Welt erobern müsse. Die unterworfenen Völker beugten sich mit bewunderungswürdigem Gehorsam unter seine Herrschaft. Übrigens war auch jeder Gedanke an eine Empörung völlig ausgeschlossen, denn Attila hätte leicht vor seinem Zelt eine Pyramide von Schädeln errichten können, bei deren Anblick wohl einem jeden die Lust zu solchen Unternehmungen vergangen wäre. Er ließ sich nicht gern ohne Grund in einen Krieg ein, besonders wenn der Friede für ihn dieselben Vorteile hatte. Er war ein furchtbarer Richter. Er konnte auch großmütig sein, aber nur gegen Sklaven, die zu seinen Füßen lagen. Aber Attilas Rache .... jedoch niemand hätte den Mut gehabt, seine Rache heraufzubeschwören.
Anscheinend hatte Geiserichs Vorschlag ihn in seinen eigenen Plänen befestigt. Auf sein Gebot sammelten sich all seine zahllosen Stämme, und er zog mit ihnen gen Westen. Das römische Reich merkte bald, welch große Gefahr ihm drohte. Alle Nationen, die das Westeuropa jener Zeit bevölkerten, wurden von einer gewaltigen Aufregung ergriffen. Und nun geschah etwas Außerordentliches: Das ganze barbarische Westeuropa vereinigte sich zu einem einzigen Bündnis, die Römer schlossen sich den Zerstörern ihres Reichs, den Westgoten, Alanen und Franken an. Nomaden- und Hirtenvölker stürzten sich auf seßhafte und zum Teil schon ackerbauende Völker, das ungestüme despotische Asien auf das gefestigte, freie Europa. Hier müssen wir bemerken, daß die germanischen Völker um so freiheitsliebender waren, je weiter gen Westen sie lebten. Die Alpen waren von alters her eine Schutzwehr der europäischen Freiheit und im weiten Umkreise um sie herum haben sich die Stämme auch heute noch einen gewissen Unabhängigkeitszug bewahrt. Die Marneebene in Frankreich sollte der Schauplatz dieser in der Geschichte einzig dastehenden Schlacht werden. Das freie Westeuropa, die Römer, die Westgoten, die Aremoriker, die Breonen, die Burgunder, die Sachsen, die Alanen und die Franken unter Führung ihrer Könige und Feldherrn und unter der Oberleitung des gewandten Aëtius und das nomadisierende Osteuropa: die Ostgoten, Alanen, Gepiden, Markomannen, Veneter, Longobarden, Heruler, Akatirer, Avaren, Thüringer, Roktolanen sowie einige slawische Stämme unter der Führung ihrer Fürsten, Könige und Prinzen, geleitet von dem einen allmächtigen Willen Attilas, sollten eine Entscheidung über so manches herbeiführen, was für die Nachwelt von höchster Bedeutung ward. Das freie Europa hielt stand. Die unüberwindliche verderbenbringende Reiterei Attilas und die verbündeten Völker wurden zurückgeworfen, und der unbezwingliche Hunne, der seine ganze ihm zu Gebote stehende Willenskraft eingesetzt hatte, kehrte mit seinen Roßherden und Völkern in die Ebenen Ungarns und Pannoniens zurück. Aëtius, der nicht den Wunsch hatte, daß die Westgoten, die sich in dieser blutigen Schlacht mehr denn alle übrigen ausgezeichnet hatten, ein zu großes Übergewicht gewönnen, erleichterte Attila den Rückzug. Die große Völkerliga zerfiel, nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt hatte, und alles kehrte, da man annahm, die Gefahr sei vorüber, in seinen Anfangszustand zurück.
Aber der fürchterliche Hunnenführer raufte sich zornig seinen edlen Haarschopf und fiel nach einem Jahr, nachdem er die Reihen seiner Truppen durch neue ergänzt hatte, in Italien ein, wo der sorglose Kaiser Valentinian und sogar Aëtius selbst nichts von Gefahr ahnten. Die erste Stadt, die Attilas schwere Hand zu spüren bekam, war Aquileja. Er äscherte sie vollkommen ein und wurde so die Veranlassung, daß ein Häuflein überlebender Einwohner am Adriatischen Meere die Stadt Venedig gründeten. Von hier zog er wie eine feurige Geißel durch ganz Italien. Die Städte Concordia, Brescia, Vicenza, Padua, Verona, Mantua, Mailand, Modena, Parma ließen nichts wie niedergebrannte Mauern sehen. „Ich schwöre es,“ rief der wilde Hunne, „da soll kein Gras mehr wachsen, wo der Huf meines Rosses den Boden berührt hat!“ Endlich sah auch Rom Attila vor seinen Mauern. Der erschrockene Papst trat in vollem Ornat und begleitet von einer ganzen Prozession dem unerbittlichen Hunnen entgegen und, — war es nun die Pracht des christlichen Ritus oder der unter den wilden, ja selbst unter den heidnischen Völkern vielfach verbreitete Gedanke, daß Rom etwas Heiliges in seinen Mauern berge — genug, Attila begnügte sich damit, einen großen Tribut zu erheben, zog sich zurück und verließ Italien.
Schon sollte die vereinigte Liga der westlichen Völker seine Macht und Rache kennen lernen, aber sein plötzlicher Tod rettete sie. Attila fand einen seltsamen Tod. Er, der so düster und zurückhaltend gewesen war, der es nicht einmal geduldet hatte, daß der Griff seines Säbels und sein Filzsattel mit goldenem Zierat oder Edelsteinen geschmückt werde, veränderte von einem Tage zum andern seine Lebensweise. Nachdem er die Tochter des Kaisers von Baktrien, ein Mädchen von wunderbarer Schönheit, geheiratet hatte, gab er sich, ganz berauscht von Wein und Gelagen, mit einer so wilden Leidenschaft der Sinnenlust hin, daß er seine ganze stählerne Lebenskraft wie in einem Zuge ausströmen ließ. Ein Blutstrom rann ihm aus Ohren, Mund und Nase, und er erstickte.
In einer unbekannten Wüste, in stockfinstrer Nacht grub man Attila das Grab und begleitete diese Arbeit mit Gesängen, in denen seine Heldentaten gepriesen wurden. Sein Leichnam wurde in einen dreiwändigen Sarg gelegt — die eine Wand war von Gold, die andre von Silber und die letzte von Kupfer; seine Waffen und das Geschirr seiner Rosse wurde mit ihm ins Grab gesenkt. Alle Knechte und Sklaven, die die Grube gegraben, wurden am Grabe erstochen, damit kein Lebender je die Stelle fände, wo die Gebeine des großen Mannes ruhten[13].
Nach dem Tode Attilas stoben die Hunnen plötzlich auseinander und zerstreuten sich wie alle asiatischen Völker, die nur durch den mächtigen Willen eines Führers zusammengehalten werden. Nunmehr breiteten sich die europäischen Völker weiter und freier aus, sie wurden selbständiger, und im Osten traten slawische Stämme mehr in den Vordergrund, die sich allmählich vermehrten und in sechzig verschiedene Stämme teilten; sie zogen bis nach Tirol, machten nach dem Abzug der Ostgoten an den Grenzen des griechischen Kaiserreichs von sich reden, drangen immer mehr in die weiten Ebenen ein und verwandelten sich allmählich in seßhafte Völker.
Über Italien lagen nach den Verwüstungen Attilas noch lange Rauchwolken, aber selbst in den halbzerstörten Ruinen nisteten noch immer allerhand Tücken und Ränke, und in diesem völlig erschöpften Reiche gab es immer noch elende Ehrgeizlinge. Dem Senator Maximus war es gelungen, Aëtius, die einzige Stütze des schwankenden Thrones, vor dem ohnmächtigen Kaiser Valentinian zu verdächtigen, und der undankbare Valentinian erschlug ihn mit eigener Hand. Nun aber, als er dieser Stütze verlustig gegangen war, fiel er selbst von der Hand des Maximus, dieser setzte sich die Kaiserkrone auf sein von kindischem Ehrgeiz erfülltes Haupt und heiratete die Witwe Eudoxia. Die Witwe aber dürstete nach Rache, sie war empört über den gemeinen Mord an ihrem Gemahl, Italiens Schicksal beunruhigte sie wenig, und so forderte sie Geiserich im geheimen auf, nach Rom zu kommen, um den Tod des Kaisers, seines Verbündeten und Freundes, zu rächen.
Geiserich ließ nicht gern lange auf sich warten; sofort verließ er mit seinen Vandalen die afrikanische Küste, schiffte sich auf seinen Piratenschiffen ein und landete in Italien. Und alles, was vom Schwert Attilas verschont geblieben war, das vernichtete Geiserich in gewohnter Weise. Er untersuchte nicht lange, wer recht und wer unrecht hatte, oder wem er Hilfe leisten sollte. Alle traf dasselbe Schicksal. Geiserich verstand sich besonders gut auf das Plündern; nach ihm fand niemand etwas, woran er sich hätte bereichern können. Rom, das bis dahin selbst von den Heiden verschont geblieben war, wurde von diesem christlichen König ganz erbarmungslos geplündert; alles, was überhaupt mitgenommen werden konnte, wurde mitgenommen. Er füllte seine Schiffe mit einer Unzahl von Gefangenen, mit denen er selbst nichts anzufangen wußte; er nahm eine Menge von Schauspielern und Künstlern mit, selbst die Frau des Kaisers samt ihren Töchtern, denen er doch zu Hilfe geeilt war, zuletzt holte er auch die goldene Kuppel vom Kapitol herunter und schleppte sie zugleich mit anderen Schätzen nach Afrika.
Nach all diesen Ereignissen erinnerte Italien kaum noch an den Schatten seines ehemaligen Ruhms. Einst in herrlicher Blüte prangend, der Glanzpunkt der europäischen Natur, bot es jetzt den wilden Anblick eines verwüsteten, zerstörten Landes dar. Der Name des Kaisers war in den verlassenen Städten kaum noch zu hören. Der römische Imperator hatte gar keine Einkünfte mehr. Er war nicht mehr imstande, seinem eigenen Heer, das aus Herulern, Rugiern und Turcilingern bestand, seinen Sold zu bezahlen. Und so setzte denn ihr Anführer Odoaker den Kaiser ab und wurde selbst ein unbeschränkter und völlig unabhängiger Herrscher; allein, er wollte die kaiserliche Würde gar nicht mehr annehmen, sondern nannte sich ganz einfach König der Heruler. Ein anderer Teil des römischen Heeres befand sich in Gallien, es war durch die Alpen gewissermaßen von der Heimat abgeschnitten, und sein Anführer Syagrius, der von den Ereignissen in Italien gar keine Kunde hatte, verteidigte hier das gar nicht mehr existierende Reich gegen den vereinigten Frankenbund, der um diese Zeit bereits übermächtig zu werden begann, weil ein unternehmender König und Feldherr, Chlodwig, an seiner Spitze stand. Syagrius, der von seinem Reich abgeschnitten war und gar keine Verstärkungen erhielt, fiel es schwer, diesen frischen Kräften Widerstand zu leisten: er gab nach, und Gallien wurde von fränkischen Stämmen überschwemmt. Bald darnach brachen die Ostgoten unter der Führung von Theoderich von den nördlichen Grenzen des oströmischen Reiches auf, nahmen Italien ein und brachten die dort lebenden Völker unter ihre Herrschaft. Kurze Zeit nachher setzten die Angelsachsen auf ihren plumpen, kühnen Schiffen über das Meer, unterwarfen England — und damit fand die große Völkerwanderung, soweit sie sich in großen Massen vollzog, endgültig ihren Abschluß, aber in engeren Grenzen und in kleinerem Umfange nahm sie auch noch weiter ihren Fortgang. Die vielen wilden Jäger, die dieses allgemeine Herüber- und Hinüberwandern und dieser beständige Wechsel der Wohnsitze herangezogen hatten, waren von einer starken Leidenschaft für allerhand Abenteuer und Wandern ergriffen, und obgleich ganz Europa jetzt scheinbar unbeweglich dalag, rührte es sich und wogte es dort hin und her wie auf einem ungeheuren Marktplatz. Alle Nationen waren so durcheinandergemengt, daß es vergeblich gewesen wäre, eine reine und unberührte entdecken zu wollen, und erst mit der Zeit drückten bestimmte stabile Regierungsformen oder Beschäftigungen den bedeutendsten unter ihnen eine besondere Eigenart und bestimmte unterscheidende Merkmale auf. Damals gab es vier große Völkergruppen oder -massen, die die anderen an Bedeutung überragten, gleichsam vier Hauptpunkte, in denen sich die Macht Europas konzentrierte. In Spanien — die Westgoten, die mit einem Teil der von ihnen unterjochten Völker dort eingefallen waren, sich daselbst, d. h. in Spanien mit den Alanen, Sueven, Vandalen und einigen anderen von diesen abhängenden Stämmen vereinigt und in dem Gebirge von Asturien eine Menge feindlicher Banditenbanden wider sich aufgeregt hatten. Ferner in Gallien die Franken, die bereits aus den früheren Nachbarn der Römer, den Germanen von der Donau und vom Rhein, den Usipiern, Sigambern, Cheruskern, Chatten, Brukteren, Angrivariern, Chasuariern und anderen eine Nation gebildet, sich mit den einheimischen römischen Galliern vereinigt, mit den unterworfenen Aremorikern, Bretonen, Alemannen, Burgundern und zum Teil auch mit den Bajuwaren und Friesen verbunden, ohne sich doch mit ihnen zu verschmelzen, und die das Gebiet ihrer Herrschaft bis über die Alpen über den Rhein hinaus ausgedehnt hatten.
Das war eine der mächtigsten Völkergruppen. Im nördlichen Deutschland saßen die Sachsen, die durch ihre Wildheit und ihr Korsarentum Schrecken erregten und sich nur wenig mit anderen Stämmen vermischt hatten, und in Italien die Ostgoten, in deren Masse sich viele Abkömmlinge von Völkern befanden, die in Osteuropa herumwanderten — Sueven, Alanen, Avaren, Slawen, Gepiden — und die unter der geschickten und festen Regierung Theoderichs eine Zeitlang das Übergewicht in Europa erlangten. Außerdem übten diese großen Völkermassen noch eine Schutzherrschaft über eine Menge weit abseits wohnender Stämme aus.
Die Grenzen zwischen ihnen verloren sich oft in unbekannte Räume; in dem von den Grenzen eingeschlossenen Lande erhielten sich häufig viele Völker, die hier ganz unabhängig durch- und nebeneinander lebten. So in Mitteldeutschland — die Longobarden, dann ein Teil der Bajuwaren, die sich in Italien ausgezeichnet, und alle Völker, die einst in den ehemals unermeßlichen Wäldern des Harzes und des felsigen Vorgebirges der Alpen gelebt hatten. Der Osten Europas war von den völlig zerstreuten slawischen Stämmen besetzt, die unter dem ewigen Druck aller aus Asien nach Europa strömenden Völker noch nicht Zeit gefunden hatten, tätig in die Weltgeschichte einzugreifen. Jenseits des so bezeichneten Kreises im Norden und Osten wohnten verschiedene Völker, die noch in dunkler Tatenlosigkeit dahinlebten.
Dies war die Lage Europas am Ende des V. Jahrhunderts, dessen Ausgang so laut und unruhig war, als durch den unbeschreiblichen Ratschluß der Vorsehung das gewaltige Chaos, das die dunklen Elemente zu einer neuen Welt in sich trug, sich auf Europa niedersenkte, als sich Völker in ungeheuren Massen verheerend auf andere Völker stürzten, zu jener Zeit, als noch gewaltige, finstere Taten geschahen, als die Namen eines Alarich, Geiserich und Attila gleich unruhigen Kometen durch die Welt schwirrten, während die Alte Welt im Osten langsam vermoderte, als die römische Kultur sich zaghaft an die Küsten Syriens, Alexandriens und Konstantinopels drängte und die ketzerischen Lehren eines Nestor und Eutiches an ihren gebrechlichen altersschwachen Kräften nagten.
Heute hat sich etwas Außerordentliches ereignet. Ich stand diesen Morgen ziemlich spät auf, und als Mawra mir meine frisch geputzten Stiefel hereinbrachte, fragte ich sie, wieviel die Uhr sei. Als ich hörte, daß es längst zehn geschlagen hätte, beeilte ich mich mit dem Ankleiden. Ich muß gestehn, am liebsten wäre ich gar nicht in die Kanzlei gegangen, da ich im voraus wußte, was für eine saure Miene unser Abteilungschef machen würde. Schon seit geraumer Zeit pflegt er mich immer wieder zu fragen: „Sag’ mal, Freundchen, was geht eigentlich in deinem Oberstübchen vor, du läufst hin und her wie ein Irrsinniger und wirfst alles so durcheinander, daß sich selbst der Teufel nicht mehr auskennt, du schreibst die Titel mit kleinem Anfangsbuchstaben und datierst und numerierst die Akten nicht.“ So ein verdammter Kerl! Sicherlich plagt ihn der Neid, weil ich im Arbeitszimmer des Direktors sitze und die Federn für Seine Exzellenz schneide. Mit einem Wort: ich wäre gar nicht in die Kanzlei gegangen, wenn ich nicht die Hoffnung gehabt hätte, den Kassierer zu sehn, und von diesem Juden wenigstens einen kleinen Vorschuß auf mein Gehalt herauszukriegen. Das ist auch so eine Kreatur. Gerechter Gott, eher bricht das Jüngste Gericht herein, als daß er einem das Gehalt für einen Monat vorausbezahlt! Bitte ihn, soviel du willst, geh meinetwegen zugrunde, sei in der größten Klemme — der alte Satan rückt nicht mit Geld heraus. Dafür muß er sich von seiner Köchin zu Hause ohrfeigen lassen. Das ist ja weltbekannt. Ich sehe auch nicht ein, was es für Vorteile hat, im Departement zu dienen. Man hat da doch gar keine Einnahmen! In den Gouvernementsverwaltungen, in den Zivil- und Staatsbehörden dagegen, das ist eine ganz andere Sache! Da sitzt einer ganz in die Ecke gedrückt da und kritzelt irgend etwas — sein Frack ist ganz fadenscheinig — er hat eine Fratze, daß man ausspucken möchte. Aber seht mal hin, was er sich für eine Villa leistet! Man darf es gar nicht erst wagen, ihm eine schön vergoldete Porzellantasse anzubieten. „Das,“ sagt er, „solch ein Geschenk, das ist was für ’nen Doktor.“ Er dagegen muß gleich ein paar Pferde, eine Equipage oder einen Biberkragen für 300 Rubel haben. Äußerlich ist er so bescheiden und spricht so zart: „Wollen Sie mir nicht für einen Augenblick Ihr Messerchen leihen, um meine Feder zu schneiden!“ und dabei rupft er einen derartig, daß er einem kaum das Hemd am Leibe übrigläßt. Das muß man allerdings zugeben, unser Dienst hat etwas Vornehmes, überall herrscht eine solche Reinlichkeit, wie sie sich in keiner Gouvernementskanzlei finden dürfte, alle Tische sind aus Mahagoni, und die Vorgesetzten sagen „Sie“ zu einem. Ja, ich muß gestehn, ich hätte längst die Kanzlei verlassen, wenn nicht dieser vornehme Ton bei uns herrschte.
Ich legte meinen alten Mantel an und nahm einen Regenschirm in die Hand, denn es regnete heftig. Die Straßen waren leer; nur ein paar alte Weiber, die sich mit ihren über den Kopf geschlagenen Röcken vor dem Regen schützten, einige russische Kaufleute unter riesigen Schirmen und ein paar Droschken kamen mir entgegen. Von den besseren Leuten begegnete ich nur einigen von unseren Beamten. Bei einer Straßenkreuzung erblickte ich einen von ihnen. Als ich ihn bemerkte, dachte ich mir sofort: „He, Freundchen, du gehst mir nicht in die Kanzlei, du eilst jener Schönen nach, die vor dir herläuft, und spähst nach ihren Füßchen. Solche Teufelskerle, diese Beamten! Bei Gott! Die geben selbst einem Offizier nichts nach! Da braucht nur irgendein Mädel in einem netten Hütchen vorüberzugehn, sofort hat er sie schon gekapert.“ Als mir dies durch den Sinn ging, fiel mein Blick auf einen Wagen, der gerade vor einem Laden hielt, an dem ich vorüberkam. Ich erkannte ihn sofort: es war der Wagen unseres Direktors. Ich überlegte: „Er hat in diesem Laden nichts zu tun — gewiß ist es seine Tochter!“ Ich drückte mich dicht an die Wand. Der Bediente öffnete den Schlag, und sie hüpfte heraus wie ein Vögelchen. Sie wandte ihr Köpfchen nach rechts und nach links, wie reizend zuckte sie mit den Brauen und wie blitzten ihre Augen! ..... Gott! mein Gott, ich bin verloren, ganz verloren! ... Warum mußte sie aber auch bei solch einem Wetter ausfahren! Da soll noch jemand behaupten, daß die Frauen keine Leidenschaft für allerhand Putz und Flitterwerk haben. Sie hatte mich nicht erkannt, ich hatte ja absichtlich versucht, mich ganz hinter meinem Kragen zu verkriechen, weil ich einen ganz alten, fleckigen Mantel von altmodischem Schnitt umgelegt hatte. Jetzt trägt man Mäntel mit einem langen Kragen, und der meine hat mehrere kurze übereinander; obendrein war das Tuch nicht einmal decatiert. Ihr Hündchen, das nicht Zeit gehabt hatte, in die Ladentür zu schlüpfen, blieb auf der Straße. Ich kenne dieses Hündchen, es heißt Maggie; ich hatte keine Minute auf der Straße gestanden, da hörte ich plötzlich ein feines Stimmchen: „Guten Tag, Maggie!“ Was ist denn das, wer spricht denn da?! Ich schaute mich nach allen Seiten um und sah zwei Damen unter einem Regenschirm daherkommen: die eine war schon recht alt, die andere noch jung; sie gingen an mir vorüber, da erklang es aufs neue: „Schäm’ dich, Maggie!“ Hol’s der Teufel! Ich sah, daß Maggie einen Hund beschnüffelte, der hinter den Damen einherlief. „Aha!“ sagte ich zu mir; „wie wird mir, sollte ich am Ende betrunken sein? Aber das passiert mir ja nur höchst selten!“ „Nein, Fidel, du irrst dich!“ Jetzt sah ich’s deutlich: die, die dies sagte, war Maggie selbst: „Ich war, wau, wau, ich war, wau, wau, wau, sehr krank!“ „Sieh einer das Hündchen an!“ Ich muß gestehn, ich war sehr erstaunt, als ich hörte, daß es geradeso sprach wie ein Mensch. Aber als ich später alles ordentlich überlegte, hörte ich auf, mich zu wundern. Wahrhaftig, so etwas ist auf Erden schon häufiger vorgekommen! Man erzählt sich, daß in England einmal ein Fisch ans Land geschwommen sei, der zwei Worte in einer so merkwürdigen Sprache gesprochen hätte, daß sich die Gelehrten schon drei Jahre darüber den Kopf zerbrechen und doch nicht herauskriegen können, was das für eine Sprache war. Ich habe auch in der Zeitung von zwei Kühen gelesen, die in einen Laden gekommen seien und ein Pfund Tee verlangt hätten. Aber ich muß sagen, ich wunderte mich doch noch mehr, als ich Maggie sagen hörte: „Ich habe dir geschrieben, Fidel; gewiß hat Polkan dir meinen Brief nicht überbracht.“ Teufel auch, ich habe noch nie im Leben gehört, daß ein Hund schreiben kann. Richtig schreiben kann doch nur ein Edelmann ... Natürlich, es kommt wohl auch einmal vor, daß irgendein Kaufmann, ein Bureaumensch oder sogar ein Leibeigner etwas hinkritzelt! Aber das ist doch immer nur ein mechanisches Geschreibsel! Ohne Punkte, ohne Komma und ohne alles Stilgefühl! ...
Das setzte mich in Erstaunen. Ich muß gestehn, seit einiger Zeit fange ich an, Dinge zu sehen und zu hören, die bis jetzt noch kein Mensch gesehen und gehört hat. „Ich will mal diesem Hündchen folgen“, sagte ich zu mir, „und erfahren, wie und was es denkt.“ Ich spannte meinen Schirm auf und ging hinter den Damen her. Wir bogen in die Erbsenstraße, dann in die Meschtschanskaja, nachher in die Storljarnaja und endlich zur Kokuschkin-Brücke ein und blieben vor einem großen Hause stehn. „Dieses Haus kenne ich!“ sagte ich zu mir, „es gehört Swerkow.“ So ein Kasten! Was leben da nicht alles für Leute! Wie viele Köchinnen und wie viel Zugereiste gibt es da! Auch von uns Beamten gibt es da eine ganze Menge! Die sitzen wie Hunde einer auf dem andern und hetzen noch einen dritten auf ihn. Hier wohnt auch einer meiner Freunde, der sehr gut Piston bläst. Die Damen stiegen in den fünften Stock hinauf. „Schön,“ sagte ich zu mir „jetzt will ich nicht mitgehen, ich will mir die Gegend merken und nicht versäumen, mir die erste Gelegenheit zunutze zu machen.“
Heute ist Mittwoch und daher habe ich meinen Chef in seinem Arbeitszimmer aufgesucht. Ich kam absichtlich etwas früher, setzte mich hin und spitzte noch einmal alle Federn an. Unser Direktor muß ein sehr kluger Mensch sein. Sein ganzes Kabinett ist mit Bücherschränken angefüllt. Ich las die Titel einiger Bücher. Lauter gelehrtes Zeug, so gelehrt, daß unsereiner sich gar nicht dranwagen kann — alles französische oder deutsche Bücher. Und wenn man ihm erst ins Gesicht sieht — uff — welche Würde leuchtet einem aus seinen Augen entgegen. Ich habe noch nie gehört, daß er ein unnützes Wort gesagt hätte. Wenn man ihm ein Papier reicht, bemerkt er höchstens: „Wie ist es heute draußen?“ „Feucht, Euere Exzellenz!“ Ja, das ist keine Gesellschaft für unsereinen. Er ist ein Staatsmann! Dennoch aber merke ich, daß er mich besonders gern hat. Ach, wenn doch auch seine Tochter ... so eine verfluchte Geschichte! ... Doch still davon! Kein Wort mehr! Ich las heute in der „Biene“. Die Franzosen sind doch ein dummes Volk! Was wollen sie eigentlich? Bei Gott, ich möchte sie alle übers Knie legen und auspeitschen. Ich las auch eine sehr nette Beschreibung eines Balles, die ein Gutsbesitzer aus Kursk verfaßt hatte. Diese Kursker Gutsbesitzer schreiben doch sehr gut. Da bemerkte ich, daß die Uhr halb eins schlug, und dennoch wollte „unser Chef“ noch immer nicht aus seinem Schlafzimmer herauskommen. Aber keine Feder ist imstande, das zu beschreiben, was sich um halb zwei Uhr abspielte. Die Tür wurde geöffnet, ich glaubte schon, es sei der Direktor, und sprang, mit den Papieren in der Hand, vom Stuhl auf: aber es war sie, sie selbst! Alle Heiligen! wie herrlich war sie angezogen! Ihr Kleid war schneeweiß wie das Gefieder eines Schwanes — ein wundervolles Kleid. Und wie sie mich anblickte — glich sie der Sonne — bei Gott — der Sonne! Sie grüßte und sagte: „Ist Papa nicht hier gewesen?“ Herr Gott! was für eine Stimme! — der reinste Kanarienvogel, wahrhaftig, der reinste Kanarienvogel! „Euere Exzellenz!“ wollte ich sagen, „vernichten Sie mich nicht, aber wenn Sie mich schon durchaus vernichten wollen, so tun Sie es mit Ihrem hochgeborenen Händchen!“ Aber hol’s der Teufel, die Zunge versagte mir ihren Dienst, und ich sagte nur: „Durchaus nicht!“ Sie sah erst mich an, dann die Bücher und ließ dabei ihr Taschentuch fallen; ich sprang eilig hinzu, glitt aber auf dem verfluchten Parkett aus und hätte mir fast die Nase zerschlagen, doch hielt sie mich noch im letzten Moment aufrecht und hob das Tuch auf! Alle Heiligen! Welch ein Tuch! der allerfeinste Batist — Ambrosia — das reine Ambrosia! Man glaubte ihm förmlich die Vornehmheit seiner Besitzerin anzumerken. Sie bedankte sich und lächelte flüchtig, so daß sich ihre zuckersüßen Lippen kaum merklich kräuselten, dann ging sie. Ich blieb noch eine Stunde lang sitzen, als plötzlich der Diener hereintrat und sagte: „Aksentjij Iwanowitsch, gehen Sie nach Hause, der Herr ist schon fortgefahren.“ Ich kann dieses Bedientenvolk nicht leiden; immer rekeln sie sich im Vorzimmer herum, und unsereins zu grüßen, das fällt ihnen gar nicht ein. Aber das ist noch nicht das Ärgste; einmal kam ein solcher Hund sogar auf den Gedanken, mir eine Prise anzubieten, ohne vom Stuhl aufzustehen. Ja, weißt du denn nicht, du dummer Sklave, daß ich ein Beamter und ein Edelmann bin?! Indessen nahm ich meinen Hut, legte mir allein meinen Mantel um, denn diesen hohen Herrn fällt es doch nicht ein, unsereinem hineinzuhelfen, und ging meiner Wege. Zu Hause lag ich meistens auf dem Bett. Dann schrieb ich ein paar schöne Verse ab: