Die Entrüstung über dies unerhörte Monopol wurde schließlich sehr stark. Endlich entschlossen sich einige Literaten in Moskau dazu, ihre eigene Zeitschrift herauszugeben. Diese neue Zeitschrift war eine Notwendigkeit nicht sowohl für das Publikum, d. h. für die größte Zahl der Leser, als vielmehr für die Literaten, die in verschiedenem Maße unter der „Bibliothek“ zu leiden hatten. Sie war eine Notwendigkeit erstens für die, die einer Freistatt bedurften, in der sie ihre Anschauungen äußern konnten, denn die „Lesebibliothek“ nahm keine kritischen Aufsätze auf, wenn sie nicht dem Geschmack des Chefredakteurs entsprachen, und zweitens für die, die zu ihrem Erstaunen erfahren mußten, wie der Redakteur die Hand an ihre eigenen Werke legte; denn Herr Ssenkowski war bereits so weit gelangt, daß er alle der Bibliothek eingesandten Artikel ohne Ansehen der Person ihrer Autoren einer Bearbeitung unterzog. Er korrigierte Aufsätze militärischen, historischen, literarischen, nationalökonomischen Inhaltes usw., und das tat er alles ohne jede böse Absicht, ohne sich weiter Rechenschaft abzugeben, oder sich dabei von einem Gefühl der Notwendigkeit und des Anstandes leiten zu lassen, ja, er dichtete sogar zu einer Komödie von Von-Wisin einen eigenen Schluß hinzu, ohne zu berücksichtigen, daß diese ja schon ohnedies einen Schluß hatte.
Dies alles war für die Schriftsteller sehr peinlich, die kein einziges Organ hatten, in dem sie ihre Klagen vor der Welt und den Lesern vorbringen konnten.
Aber schon allein das Gerücht von der Gründung eines neuen Journals rief die Empörung der „Lesebibliothek“ wach und veranlaßte sie zu einem völlig unerwarteten Schritt: sie versicherte ihren Abonnenten und Lesern mit ungewöhnlichem Eifer, daß die neue Zeitschrift keineswegs gut gesinnt sei und einen streitsüchtigen Charakter haben würde. Ein Artikel, der bei dieser Gelegenheit in der „Nordischen Biene“ erschien, war anscheinend von einem Menschen geschrieben, der voller Verzweiflung seinen vollständigen Zusammenbruch vor Augen sieht. In ihm wurde dem Publikum mitgeteilt, das neue Journal wolle die „Lesebibliothek“ zugrunde richten, und dies nur deshalb, weil die Herausgeber erklärt hätten, sie würden eine gleiche Anzahl von Bogen erscheinen lassen wie die „Lesebibliothek“. Nicht wahr, ein sehr unvorsichtiges Vorgehen? In solch einem Falle muß man seine selbstischen Gefühle kunstvoll zu verbergen suchen und den richtigen Moment abwarten, um erst dann dem Gegner einen wohlgezielten Schlag zu versetzen. Weil ich eine Zeitschrift herausgebe, soll etwa darum ein anderer keine herausgeben dürfen? Und wie könnte ich zürnen, wenn mir jemand erklärt, er wolle mich zum Vorbild nehmen? Sollte ich ihm nicht vielmehr dankbar sein? Beweist er nicht gerade damit den hohen Grad von Achtung, den ich mir bei dem Publikum erworben habe? Je mehr Wetteifer, desto mehr Gewinn für die Leser und die Literaten.
Aber sehen wir zu, in welchem Maße der „Moskauer Beobachter“ die Erwartungen des nach Neuem lüsternen Publikums, die Hoffnungen der gebildeten Leser, die Erwartungen der Literaten und die Befürchtungen der „Lesebibliothek“ rechtfertigte.
Die neue Zeitschrift hatte, trotz aller ihrer eifrigen Bemühungen, sich überall bekannt zu machen, doch nicht die Mittel, ihr Erscheinen an allen Ecken und Enden Rußlands anzukündigen, da die einzigen Herolde und Verbreiter neuer Nachrichten seine Gegner, die „Nordische Biene“ und die „Lesebibliothek“ waren, die natürlich nie eine in wohlwollendem Ton gehaltene Anzeige über die neue Zeitschrift gebracht hätten. Sie begann auch erst spät zu erscheinen, nicht zu Beginn des neuen Jahres, also nicht zu der Zeit, wo gewöhnlich die Abonnements beginnen, und sie versäumte es, für ein regelmäßiges Erscheinen der Bände und ihre pünktliche Zustellung zu sorgen. Aber der Hauptgrund für den Mißerfolg lag doch im Charakter der Zeitschrift selbst. Schon aus den ersten Bänden, die zur Ausgabe gelangten, konnte man erkennen, daß die Gründung der Zeitschrift nur die Folge einer leidenschaftlichen Wallung war. Auch dem „Moskauer Beobachter“ fehlte es an einer starken Triebfeder, die die ganze Zeitschrift im Gange hielt. Der Redakteur ließ sich nur auf dem Titelblatt sehen. Sein Name war fast völlig unbekannt. Bis dahin hatte er nur einige wertvolle statistische Aufsätze geschrieben, die indessen das rein literarisch gebildete Publikum gar nicht kannte. Seine literarische Richtung war unbekannt. Das war ein großer Fehler der Herausgeber des „Moskauer Beobachters“. Sie hatten vergessen, daß der Redakteur immer eine hervorragende Persönlichkeit sein muß. Das ganze Ansehen einer Zeitschrift ruht auf ihm, auf der Originalität seiner Anschauungen, der Lebhaftigkeit seines Stils, auf seiner Sprache, die allgemeinverständlich und immer unterhaltend sein muß, sowie auf der Frische einer unermüdlichen Wirksamkeit. Aber Herr Androssow trat im „Moskauer Beobachter“ kaum merkbar hervor. Wenn die Herausgeber die Absicht hatten, einen Redakteur an die Spitze des Blattes zu stellen, der nur seinen Namen dazu hergab, wie das bei der allgemeinen Trägheit, die bei uns in Rußland herrscht, üblich geworden ist, dann hätten sie die redaktionelle Arbeit unter sich verteilen müssen. Aber sie überließen dem Redakteur die ganze Verantwortung, und der „Moskauer Beobachter“ glich bald einem jener gelehrten Vereine, deren Mitglieder überhaupt gar nichts tun, ja nicht einmal zu den Sitzungen erscheinen, während sich der Präsident jeden Tag einfindet, in seinem Lehnstuhl Platz nimmt und das Protokoll dieser spärlich besuchten Sitzung abfassen läßt. Immerhin enthielt die Zeitschrift ein paar recht gute Aufsätze und Gedichte von Jasikow und Baratinski; diese Juwelen unserer russischen Literatur gereichten ihr zur höchsten Zierde, dennoch aber spürt man in der Zeitschrift nichts von dem Puls des modernen Lebens oder von einer regen und bewegten Tätigkeit; auch fehlte es ihr an jener Mannigfaltigkeit, an der es einem periodisch erscheinenden Blatte nicht fehlen darf. Die wertvollen Aufsätze, die in dieser Zeitschrift erschienen, glichen wenigen grünen Oasen, die aus einem ganzen Meer sandiger Steppen auftauchten. Auch schienen die Herausgeber nur geringe Kenntnis davon zu haben, was dem Publikum gefällt und was nicht. Oftmals verfielen auch gute Aufsätze der Langenweile, nur weil sie sich durch mehrere Nummern hinzogen und stets mit der Unterschrift versehen waren: „Fortsetzung folgt“. Dies war die Zeitschrift, die die Aufgabe hatte, den Kampf mit der „Lesebibliothek“ aufzunehmen.
Der „Beobachter“ begann mit einem oppositionellen Aufsatz von Schewyrew über die Handelsgeschäfte, wie sie in unserer Literatur aufgekommen waren. Der Autor zog gegen den Handelsgeist in unserer Gelehrtenwelt zu Felde, d. h. gegen das allgemeine Bestreben, sich aus der literarischen Arbeit eine Erwerbsquelle zu schaffen. Der Hauptfehler dieses Aufsatzes lag darin, daß der Autor seine Aufmerksamkeit nicht auf den Kernpunkt richtete. Sodann donnerte er gegen alle, die für Geld schreiben, ohne jedoch die Anschauungen des Publikums über den inneren Wert der Ware zu widerlegen. Dieser Artikel war nur den Literaten verständlich, bereitete der „Lesebibliothek“ ein Ärgernis, bot jedoch dem Publikum keinerlei Belehrung, das nicht einmal begriff, um was es sich handelte. Außerdem war dieser Ausfall sogar völlig unberechtigt, da er sich gegen ein unverbrüchliches Gesetz jeglicher Tätigkeit richtete. Die Literatur mußte sich in ein Handelsunternehmen verwandeln, weil die Zahl der Leser und das Bedürfnis nach Lektüre gewachsen war. Es ist nur natürlich, daß in solch einem Fall die unternehmungslustigen Menschen, ohne viel Talent, stets im Vorteil sind, wie bei jedem Handelsgeschäfte; wo ein gewandter und geriebener Kaufmann einem einfältigen Käufer gegenübersteht, trägt der erstere den Gewinn davon. Man mußte darauf hinweisen, worin der Betrug besteht, und nicht die Höhe der Gewinne abschätzen. Es ist noch kein Unglück, daß ein Literat sich ein einträgliches Haus oder ein paar Pferde anschafft; das Schlimme ist nur, daß dem armen Volk schlechte Ware geliefert wurde, und daß es sich noch etwas auf diese Ware zugute tut. Herr Schewyrew hätte die Aufmerksamkeit auf die armen Käufer und nicht auf die Händler lenken müssen. Die Händler sind meist zugereiste Leute; heute sind sie hier und morgen sind sie weiß Gott wo. Bei dieser Gelegenheit bekam auch der Buchhändler Smirdin einen sehr ungerechten Vorwurf zu hören: dieser hatte sich nichts zuschulden kommen lassen und hätte für seinen Unternehmungsgeist und sein redliches Wirken nichts als Dankbarkeit verdient. Kein Zweifel, er hat manchen Leuten zuviel Freiheit gelassen, die sich lieber mit Handelsgeschäften als mit der Literatur hätten beschäftigen sollen. Das Talent kriecht nicht und schmeichelt nicht, wohl aber die Habgier. Sich hierüber zu beklagen, wäre ebenso komisch und seltsam, wie wenn man sich über die Regierung beklagen wollte, wenn man einmal einem kurzsichtigen Beamten begegnet. Für das Talent ist die Nachwelt da, dieser unbestechliche Juwelier, der nur reinen Brillanten eine Fassung gibt. Herr Schewyrew bewies in seinem Aufsatz zwar einen edlen Zorn gegen die prosaische und unwürdige Richtung in unserer Literatur, aber auf die Mehrzahl des Publikums machte dieser Artikel nicht den geringsten Eindruck. Die „Bibliothek“ antwortete nur kurz und ganz nach der Art ihrer gewöhnlichen Taktik; sie wandte sich an die Zuschauer, d. h. an ihre Abonnenten, und sagte: „Seht, was für eine unvornehme Gesinnung Herr Schewyrew an den Tag gelegt hat, welchen Mangel an Anstand und an vornehmen Gefühlen, indem er uns beschuldigte, daß wir nur für Geld arbeiten, während wir doch ...“ usw. Das ist die allgemeine Taktik unserer Petersburger Zeitschriften und Tagesblätter, sowie ihnen irgend jemand ihre Habgier und ihre Untätigkeit zum Vorwurf macht, beklagen sie sich sofort bei dem Publikum über die unanständige Ausdrucksweise und den unvornehmen Charakter ihrer Gegner und sie erklären, der betreffende Aufsatz sei nur geschrieben worden, um das Publikum zu reizen und ihm das Geld aus der Tasche zu locken. Und daher hielten sie es ihrerseits für ihre heilige Pflicht, das Publikum zu warnen.
Und so kam es denn, daß der Ausfall des „Moskauer Beobachters“ an der „Lesebibliothek“ abprallte wie eine Flintenkugel am dicken Fell eines Nashorns, wobei der plumpe Vierfüßler nicht einmal nieste. Nachdem der „Moskauer Beobachter“ seine Kugel abgeschossen hatte, hüllte er sich in Schweigen — ein Beweis dafür, daß er noch gar keinen wohlüberlegten Aktionsplan entworfen hatte und absolut nicht wußte, wie und womit er anfangen solle. Man hätte entweder gar nicht anfangen sollen, oder, wenn man einmal begonnen hatte, nicht so bald wieder aufhören dürfen. Nur durch eine unablässige Tätigkeit hätte der „Beobachter“ durchdringen und seinen Namen im Publikum bekannt machen können, wie das einstmals dem „Telegraph“ gelungen war, der in der gleichen Weise und unter beinahe gleichen Verhältnissen gewirkt hatte. Der „Beobachter“ ließ bald darauf noch einige Nummern erscheinen, ohne jedoch auch nur in einer etwas zur Verteidigung und zur Begründung seiner Anschauungen zu sagen. Endlich, nachdem schon mehrere Nummern erschienen waren, druckte er einen Aufsatz, der sich gegen Brambeus richtete und sich auf einen vor längerer Zeit in der „Bibliothek“ abgedruckten Artikel bezog. Dieser Aufsatz hatte den Namen „Brambeus und die junge Literatur“ getragen, und Brambeus hatte sich in ihr als Gesetzgeber und Schöpfer einer neuen Schule und als Führer einer neuen Epoche — der russischen Literatur bezeichnet.
Dies war allerdings sehr merkwürdig. Es ist ja schon vorgekommen, daß Literaten sich selbst gelobt haben, indem sie sich entweder den Namen ihrer Freunde beilegten, oder auch in ihrem eigenen Namen; aber wenn sie es taten, so geschah es immerhin mit einer gewissen Schamhaftigkeit, worauf sie es später selbst versuchten, die ganze Sache eigenhändig wieder zu vertuschen, da sie fühlten, daß sie sich etwas vergeben hatten. Noch nie aber hat ein Autor sich selbst so frei, so ungeniert gelobt, wie der Baron Brambeus. Dieser originelle Artikel war allzu aufsehenerregend, als daß er unbemerkt bleiben konnte. Das „Teleskop“ nahm ihn sich vor und spottete recht kurzweilig aber freilich nur ganz flüchtig über ihn. Auch Herr Wojeikow wies mit seiner gewöhnlichen Schlauheit auf ihn hin, und schließlich hatte der Aufsatz auch einen Artikel im „Moskauer Beobachter“ zur Folge. Der Zweck dieses Artikels war, den Beweis zu führen, aus welchen Quellen das Talent und die Berühmtheit des Barons Brambeus herstammen, welche Werke fremder Autoren er benutzt, als ob sie sein eigenes Eigentum wären, kurz, aus was für Lappen sich Baron Brambeus seinen Schlafrock zusammengeflickt hätte. Einige anonyme Bücher, die bald danach erschienen, brachten den „Moskauer Beobachter“ in gänzliche Vergessenheit. Selbst die „Lesebibliothek“ hörte schließlich auf, ihn noch weiter zu erwähnen, ein so ohnmächtiger Gegner war er geworden; sie fuhr nach wie vor fort, über Wichtiges und Unwichtiges zu scherzen, und schrieb über alles, was ihr gerade unter die Feder kam.
Dies waren die Taten unserer Zeitschriften. Nachdem wir diese dargestellt, wollen wir zusehen, ob sie in diesen zwei Jahren etwas geleistet haben, was in der Geschichte der Literatur niedergelegt zu werden verdient oder ihr einen eigenartigen Zug aufzuprägen geeignet wäre, zu was für Anschauungen, was für Meinungsäußerungen sie den Grund gelegt, was sie festgestellt und welchem Gedanken sie Bürgerrecht verschafft haben. Ein langes Programm, das Aufsätze über Statistik, Medizin, Literatur usw. verspricht, hat gar keine Bedeutung. Die Ankündigung, daß die Kritik wohlwollend, frei von persönlicher Gehässigkeit und unparteiisch sein werde, bestimmt auch noch kein festes Ziel. Und doch sollte ein solches Ziel die notwendige Voraussetzung einer jeden Zeitschrift sein. Selbst die große Zahl der in ihr erscheinenden Aufsätze hat noch keine Bedeutung, wenn die Zeitschrift keine eigene Meinung hat, und wenn in ihr keine, und sei es nur eine einzige Richtung, zum Ausdruck kommt, die auf ein bestimmtes Ziel hinweist. Die Herausgabe des „Telegraph“ hatte doch offenbar den Zweck, alle möglichen veralteten eingewurzelten, fast mechanisch gewordenen Gedanken unserer derzeitigen Verfechter des Alten und der Klassiker zu stürzen. Der „Moskauer Beobachter“, eine der besten Zeitschriften, obwohl in ihm nicht viel von einer modernen Bewegung zu spüren war, hätte die Aufgabe gehabt, das Publikum mit den hervorragendsten Schöpfungen Europas bekannt zu machen, den Kreis unserer Literatur zu erweitern und uns neue Vorstellungen über die Schriftsteller aller Zeiten und Völker zu vermitteln. Hier ist nicht der Platz, davon zu reden, inwieweit diese beiden Zeitschriften ihren Zweck erfüllt haben; zum mindesten konnten die Leser in ihnen ein solches Streben bemerken. Aber man sehe sich einmal die Zeitschriften, die in den zwei letzten Jahren erschienen sind, aufmerksam an; man versuche es, den Grundgedanken einer jeden festzustellen. Man wird vergeblich nach einem solchen Grundgedanken suchen. Wenn man einen der Bände aufschlägt, ist man erstaunt über die Armseligkeit und Belanglosigkeit der Gegenstände, die dort behandelt werden. Darnach könnte man meinen, in der literarischen Welt habe auch nicht ein einziges wichtiges Ereignis stattgefunden. Und dennoch ist
1. der berühmte Schotte gestorben, der große Künder des Herzens, der Natur und des Lebens, dieser reichste, mannigfaltigste Genius des XIX. Jahrhunderts;
2. hat in der gesamten europäischen Literatur eine neue Geschmacksrichtung voller Unruhe, Erregung und Bewegung die Oberhand gewonnen. Es erschien eine Reihe unreifer, zusammenhangsloser jugendlicher Werke, die jedoch eine starke Begeisterung und eine mächtige Glut ausströmten: eine Folge der politischen Gärungen des Landes, in dem sie entstanden. Diese seltsame Literatur, unruhig wie ein Komet und ebenso unorganisch wie er, hat Europa lebhaft erregt und sich schnell bis an alle Enden der literarischen Welt verbreitet. Und wenngleich diese Erscheinungen einen universellen europäischen Charakter tragen, so haben sie doch auch auf Rußland einen Einfluß ausgeübt; aber fassen wir einmal die rein russischen literarischen Ereignisse ins Auge;
3. hat sich hier in hohem Maße die Lektüre von Romanen und trockenen, langweiligen Erzählungen verbreitet; zugleich machte sich eine allgemeine Gleichgültigkeit gegen die Poesie geltend;
4. erschienen neue Auflagen der Werke von Derschawin und Karamsin, die laut nach einer literarischen Kennzeichnung und nach einer wahrhaften, richtigen Bewertung verlangten, wie die aller übrigen älteren Schriftsteller; denn in der literarischen Welt gibt es keinen Tod, und die Toten greifen ebenso in unser Leben ein und handeln und wirken mit uns wie die Lebenden. Sie verlangten nach einer Rückerstattung dessen, was ihnen wirklich gebührt; sie forderten die Zurücknahme ungerechter Anklagen und falscher Wertschätzungen, die ganze Jahre hindurch und auch heute noch gedankenlos wiederholt werden.
Aber haben denn unsere Zeitschriften auch — auf Grund strenger Überlegung — ausgesprochen, wer Walter Scott war, worin seine Wirkung bestanden hat, was die moderne französische Literatur bedeutet, unter welchen Bedingungen sie entstanden ist, woher sie stammt, was die Ursachen der falschen Geschmacksrichtung waren und worin ihr Wesen bestand; warum die Poesie von Prosawerken abgelöst wurde; auf welcher Bildungsstufe das russische Publikum steht, wer dieses russische Publikum ist, und was die Originalität und Eigenart unserer Schriftsteller ausmacht?
Vergebens wird der Leser in dieser Richtung nach neuen Gedanken oder auch nur nach Spuren eines tiefen, gewissenhaften Studiums suchen.
Auf Walter Scott hat man bei uns nur ein wenig geschimpft. Die französische Literatur wurde von den einen mit einem kindlichen Enthusiasmus aufgenommen; sie erklärten, die modernen Schriftsteller wären bis in die tiefsten Geheimnisse des menschlichen Herzens eingedrungen, die selbst einem Cervantes und Shakespeare verborgen geblieben wären; andere wieder schmähten sie, ohne selbst zu wissen warum, während sie selbst Werke im Geschmack dieser Schule schrieben, nur mit dem Unterschied, daß diese noch mehr Unsinn und mehr Torheiten enthielten. Die Frage: warum bei uns fade Romane und Erzählungen einen solchen Erfolg haben, hat keinen von ihnen beschäftigt, statt dessen brachten sie zu den schon existierenden noch ihre eigenen auf den Markt. Über unser Publikum sagten sie nur, es sei ein hochachtbares Publikum und es müsse sich auf alle Zeitschriften und alle möglichen Blätter abonnieren, denn diese könne ein jeder lesen: der Familienvater wie der Kaufmann, der Militär wie der Literat; über Derschawin, Karamsin und Krylow hatten sie gar nichts zu sagen, oder sie wiederholten einfach dasselbe, was ein Kreisschullehrer seinen Schülern erzählt, und halfen sich mit einem paar banalen Phrasen.
Worüber schrieben also unsere Journalisten? Sie sprachen von den beliebtesten und nächstliegendsten Dingen, sie redeten von sich selbst, lobten in ihren Zeitschriften ihre eigenen Aufsätze, waren ausschließlich mit sich selbst beschäftigt und schenkten allen anderen Gegenständen höchstens eine kühle, leidenschaftslose Beachtung. Alles Große und Außerordentliche schien unsichtbar geworden zu sein. Ihre gleichgültige Kritik richtete sich auf Gegenstände, die kaum der Rede wert waren.
Worin bestand nun der eigentliche Charakter dieser Kritik? Was in ihr am deutlichsten zum Ausdruck kam, war folgendes:
1. Eine starke Mißachtung der eigenen Meinung. Fast nie hatte man den Eindruck, daß der Kritiker seine Tätigkeit für etwas Wichtiges hielt, mit einem Gefühl der Ehrfurcht, und nachdem er sich die Sache zuvor überlegt hatte, an sie heranging; daß er, während er seine Feder führte, an die kleine Zahl seiner Zeitgenossen gedacht hätte, die eine höhere, edlere Bildung besaßen und vor denen er für jedes seiner Worte Rechenschaft ablegen mußte. Die Kritik in unseren Zeitschriften war meist eine Art Possenreißerei. Was tat man, wenn man das Buch eines Schriftstellers lobte, den man protegieren wollte? Man sagte nicht etwa einfach: „dieses Buch ist gut,“ oder „es verdient in dieser und jener Hinsicht Anerkennung,“ o nein: die Rezensenten erklärten, „dieses Buch ist wundervoll, ganz außergewöhnlich, es ist unerhört genial, es ist das beste russische Buch; es kostet fünfzehn Rubel, der Autor steht hoch über Walter Scott, Humboldt, Goethe und Byron. Kaufen Sie dies Buch, lassen Sie es sich einbinden und stellen Sie es in Ihre Bibliothek, kaufen Sie auch die zweite Auflage und stellen Sie sie gleichfalls in Ihre Bibliothek, es kann nie schaden, wenn man zwei Exemplare von einem guten Werk besitzt.“ Der größte Teil der Bücher wurde ohne jede Überlegung und ganz kritiklos verherrlicht. Wenn man alle Bücher zusammenzählen wollte, die als erstklassig angepriesen wurden, so könnte wohl jemand glauben, es gäbe in der ganzen Welt keine reichere Literatur als die russische; wenn ihn nicht — freilich erst nach einiger Zeit — die widersprechenden Urteile derselben Rezensenten über dieselben Werke nachdenklich und stutzig machen müßten. Und dieselbe Maßlosigkeit trat in den abfälligen Urteilen über Werke von Autoren hervor, die sich den Haß oder die Abneigung des Kritikers zugezogen hatten. Und so ergoß sich sein Zorn ebenso rückhaltslos, indem er einem momentanen Gefühl nachgab.
2. Der literarische Unglaube und die literarische Unbildung. Diese beiden Eigentümlichkeiten haben sich in der letzten Zeit in unserer Literatur besonders verbreitet. Nie findet man den Namen von Schriftstellern erwähnt, die ihre Laufbahn bereits vollendet haben, und die, von der Sonne des Ruhmes umstrahlt, von ihrer Höhe auf uns herabblicken. Kein Rezensent hat seine Augen ehrfürchtig zu ihnen erhoben und ihnen Beachtung geschenkt. Fast nie begegnet man den Namen eines Derschawin, Lomonossow, Von-Wisin, Bogdanowitsch, Batjuschkow usw. auf den Seiten unserer Zeitschriften. Nie hört man was über ihren Einfluß, der auch heute noch fortdauert und sich heute noch bemerkbar macht. Nie werden sie zur Vergleichung mit der heutigen Epoche herangezogen. Es ist, als wäre unserem Zeitalter die Wurzel abgeschnitten, als gäbe es keinen Ursprung, von dem wir herstammten, und als gäbe es für uns keine Geschichte unserer Vergangenheit. Diese literarische Unbildung verbreitet sich hauptsächlich unter den jüngeren Rezensenten, so daß unsere zeitgenössische, kritische Literatur wie etwas Fremdes, Angeschwemmtes erscheint. Ein, zwei Jahre vergehen, und die Reden, die anfänglich ziemlich laut und rege waren, verstummten und verhallten wie ein Ton ohne Resonanz oder wie eine Phrase, die auf dem gestrigen Ball fiel. Die Namen der Schriftsteller, die ihren Ruhm längst fest begründet, und die Namen derer, die erst nach einem solchen streben, sind zu einem bloßen Spielzeug geworden. Der eine Rezensent richtet die wieder auf, die sein Gegner fallen gelassen hat, und das alles geschieht ohne jede Kritik ganz gedanken- und ideenlos. Häufig verdankt ein Name seinen Ruhm dem Streit zweier Rezensenten. Von den Schriftstellern unseres Vaterlandes wird nicht geredet, dafür beginnt jeder Rezensent, selbst wenn er über ein ganz unbedeutendes, belangloses Buch schreibt, unbedingt mit Shakespeare, den er nie gelesen hat. Es ist heutzutage eben Mode, von Shakespeare zu reden — also her mit dem Shakespeare! Er erklärt: „Wir wollen das vorliegende Buch von folgendem Gesichtspunkt aus betrachten. Sehen wir zu, inwieweit unser Autor mit Shakespeare übereinstimmt,“ und dabei ist das Buch, das analysiert werden soll, — ein barer Unsinn, der ohne jegliche Absicht, mit Shakespeare zu rivalisieren, geschrieben ist, und höchstens mit dem Geist und der Ausdrucksweise des Rezensenten selbst Ähnlichkeit hat.
3. Der Mangel an einer rein ästhetischen Genußfähigkeit und an Geschmack. In den Moskauer Journalen findet man noch hin und wieder einen gewissen Geschmack oder eine Art Liebe zur Kunst, die Kritik der Petersburger Zeitschriften, besonders die der sogenannten „anständigen“ dagegen ist außerordentlich dürftig. Die besprochenen Werke werden hoch über die Byrons, Goethes usf. erhoben. Aber nirgends gewinnt der Leser den Eindruck, daß dies der Ausfluß eines Gefühls, ein Zeichen des Verständnisses ist, daß es aus der Tiefe einer dankerfüllten, tiefergriffenen Seele hervorquillt. Ihr Stil ist trotz seiner äußeren oft verschnörkelten, glänzenden Prunkhaftigkeit von einer ertötenden Kälte. Nur dann merkt man ihm eine gewisse Lebhaftigkeit und einen leidenschaftlichen Schwung an, wenn sich der Rezensent an einer wunden Stelle getroffen, wenn er sich in seiner persönlichen Würde getroffen fühlt. Die Gerechtigkeit verlangt, daß wir hier die Kritiken von Schewyrjow erwähnen, die eine lobenswerte Ausnahme bilden. Er teilt uns seine Eindrücke in der Form mit, wie seine Seele sie aufnimmt. Aus seinen Aufsätzen spricht stets ein Mensch, der nachdenkt, ja, der sich mitunter vom ersten Eindruck fortreißen läßt.
4. Die Kleinheit der Gedanken und ein kleinliches Prahlen. Wir haben schon gesehen, daß die Kritik sich nie mit bedeutenden Fragen beschäftigte. Die Aufmerksamkeit der Rezensenten war stets auf eine ganze Reihe inhaltsloser Bücher gerichtet, nicht etwa deshalb, um sie zu analysieren, sondern um die Liebenswürdigkeit des Kritikers zu beweisen und die Leser zum Lachen zu bringen. In wie hohem Maße die Kritik mit allerhand Torheiten und albernen Streitereien beschäftigt war, konnten die Leser bereits aus dem berühmten Prozeß gegen die beiden armen Fürwörter „dieser und jener“ ersehen. So weit also ist es allmählich mit der russischen Kritik gekommen!
Wer aber waren denn die, die bei uns über die Literatur redeten? Während dieser Zeit ließen weder Schukowski, noch Krylow, noch Fürst Wjasemski ihre Meinung hören, auch die, die noch vor kurzer Zeit eine Zeitschrift herausgegeben hatten, die in mancherlei Aufsätzen ihre eigene Stimme erhoben und einen eigenen Geschmack und wirkliche Kenntnisse an den Tag gelegt hatten, waren verstummt: kann man sich da noch über solche Zustände in unserer Literatur wundern?
Warum schwiegen denn die Schriftsteller, die in ihren Werken ein echtes ästhetisches Gefühl offenbart hatten? Hielten sie es für unter ihrer Würde, in die Sphäre der Tagesliteratur hinabzusteigen, wo gewöhnlich allerhand Kämpfer laut miteinander im Streite liegen? Wir haben kein Recht, hierüber zu entscheiden. Wir wollen hier nur bemerken, daß eine Kritik, die von echtem Geschmack und einem tiefen Verstand geleitet wird, daß die Kritik eines hochbegabten Talentes gleichwertig ist mit jeder originalen Schöpfung: aus ihr lernen wir den Schriftsteller, den sie analysiert, und in noch höherem Maße den Kritiker selbst kennen. Die Kritik eines Talentes überlebt das ephemere Dasein einer Zeitschrift. Für die Geschichte der Literatur ist sie geradezu unschätzbar. Unsere Literaturgeschichte ist noch jung. Sie hat nur wenige Koryphäen hervorgebracht; aber für die Kritik eines Denkers bietet sie ein reiches Feld dar und Arbeit für viele Jahre. Unsere Schriftsteller haben sich eine völlig eigenartige Form geschaffen; trotz des gemeinsamen Zuges unserer Literatur, der Neigung zur Nachahmung, enthalten sie doch rein russische Elemente, ja selbst die Art, wie wir nachahmen, hat einen ganz besonderen nordischen Charakter an sich und stellt auch in der europäischen Literatur eine beachtenswerte Erscheinung dar. Aber genug davon. Wir wollen diese Ausführungen mit dem aufrichtigen Wunsch schließen, daß sich bei uns im kommenden Jahr eine lebhaftere Tätigkeit entwickeln, und bei einer größeren Anzahl von Zeitschriften die Abhängigkeit vom Monopol immer mehr verschwinden möge, auf daß dadurch bei allen ein lebhafterer Wetteifer entbrenne, ihre Bestimmung zu erfüllen. Zum mindesten macht sich schon heute darin ein tröstliches Streben bemerkbar, daß einzelne Zeitschriften versprechen, im kommenden Jahre der Herausgabe ihrer Bände mehr Sorgfalt zuzuwenden als früher. Die Verleger des „Sohnes des Vaterlandes“ und des „Teleskop“ haben von Verbesserungen gesprochen. Man kann kaum daran zweifeln, daß bei größerer Mühewaltung mehr geleistet werden kann. Jedenfalls begleiten wir unseren Wunsch mit herzlicher Aufrichtigkeit und der heißen Fürbitte: Möge das Streben aller und eines jeden einzelnen tausendfältige Frucht tragen; je uneigennütziger und gewissenhafter seine Tätigkeit sein wird, um so mehr wohlverdiente Anerkennung und Dankbarkeit möge ihm zuteil werden.
Seltsam — wohin nur die Residenz Rußlands verschlagen ward —: Bis ans Ende der Welt. Ein merkwürdiges Volk, diese Russen. Einst besaßen sie in Kiew eine Hauptstadt, da war es zu heiß, da war es nicht kalt genug; und so siedelte denn die russische Residenz nach Moskau über — doch nein, auch hier war’s noch nicht kalt genug. Herrgott! Also her mit Petersburg! Aber wie wildfremd sind sich dafür auch Mutter und Sohn! Was für eine Landschaft! Was für eine Natur! Die Luft ist mit Nebel erfüllt, die blasse, graugrüne Erde ist mit verkohlten Baumstümpfen, Tannen, Kiefern und kleinen Erdhügeln bedeckt ... Noch gut, daß einen die blitzschnell vorüberfliegenden, schnurgeraden Chausseen und die russische Troika mit Sang und Klang wie im Sturmwind an ihnen vorbeitragen. Und welch ein Unterschied — welch ein Unterschied zwischen den beiden. Moskau ist noch bis heute ein langbärtiger russischer Bauer — Petersburg dagegen ist schon ein gewandter Europäer. Wie sich das alte Moskau weit ausgedehnt, wie es in die Breite gewachsen ist! Und wie hat sich dagegen das stutzerhafte Petersburg zusammengezogen und in die Länge gestreckt! Von allen Seiten ist es von Spiegeln umstellt, hier die Newa, dort der Finnische Meerbusen! Wahrhaftig, es fehlt ihm nicht an Gelegenheit, sich selbst anzuschauen, sich zu bespiegeln! Bemerkt es nur das kleinste Stäubchen oder Flöckchen auf seinem Kleide, so wird’s sofort entfernt. Moskau ist ein altes Hausmütterchen, es bäckt seine Pfannkuchen, sitzt daheim, sieht sich die Dinge von ferne an und läßt sich, ohne sich vom Sessel zu erheben, erzählen, wie es in der Welt hergeht. Petersburg dagegen ist ein flotter Bursche, der nie zu Hause sitzt, der immer gut angezogen ist, sich für Europa schön macht und den Ausländern zunickt. In Petersburg ist alles in steter Bewegung, vom Keller bis hinauf zur Dachkammer; um Mitternacht fängt man an, französische Brötchen zu backen, die am nächsten Morgen allesamt von der aus den verschiedensten Volksstämmen zusammengesetzten Bevölkerung verzehrt werden; während der Nacht leuchtet bald eins seiner Augen, bald das andre. Während der Nacht liegt ganz Moskau in tiefem Schlaf, am Morgen aber schlägt es ein Kreuz, verneigt sich nach allen vier Himmelsrichtungen und fährt dann mit seinen Kalatschi[14] auf den Markt. Moskau ist weiblichen[15], Petersburg männlichen Geschlechts. In Moskau gibt es lauter Bräute, in Petersburg lauter Freier. Petersburg gibt mehr acht auf seine Kleidung, hat die grellen Farben nicht gern, ebensowenig wie alle kühnen Abweichungen von der Mode, Moskau dagegen verlangt, daß, wenn’s schon eine Mode geben soll, diese auch nach allen Regeln durchgeführt werde; trägt man lange Taillen — dann müssen sie noch viel länger werden; werden große Frackaufschläge getragen, dann sind sie hier so groß wie das Tor einer Scheune. Petersburg — ist ein Mensch von peinlicher Akkuratesse — ein echter Deutscher, es erwägt alles und rechnet alles nach, und ehe es eine Abendgesellschaft gibt, tut es einen Blick in die Tasche; Moskau — ist ein russischer Edelmann, wenn er sich einmal amüsiert, dann amüsiert er sich so, daß er hinfällt, und kümmert sich nicht darum, ob er mehr ausgibt, als er in der Tasche hat. Moskau liebt die goldene Mittelstraße nicht. Alle Moskauer Zeitschriften bringen am Schluß jeder Nummer, sie mögen einen noch so gelehrten Inhalt haben, immer ein Modebild; die Petersburger Zeitschriften bringen nur selten Illustrationen als Beilage, aber wenn sie einmal eine beifügen, dann kriegt ein Leser, der das nicht gewöhnt ist, einen Schreck. Die Moskauer Zeitschriften reden von Kant, Schelling usf. usf., in den Petersburger Journalen wird nur vom Publikum und über die gute Gesinnung geschrieben ... In Moskau halten die Zeitschriften Schritt mit dem Jahrhundert, verspäten sich aber bei Zustellung ihrer Nummern; in Petersburg halten die Journale nicht Schritt mit dem Jahrhundert, dafür erscheinen sie mit großer Pünktlichkeit zur festgesetzten Zeit. In Moskau bringen die Literaten ihr Geld durch, in Petersburg verdienen sie welches. In Moskau fährt alle Welt in dichte Bärenpelze eingehüllt — und meist zu einem Diner; in Petersburg läuft alles in Friesröcken herum, die Hände tief in die Taschen vergraben, und fliegt in höchster Eile zur Börse oder ins Bureau. Moskau amüsiert sich bis 4 Uhr morgens und verläßt am nächsten Tage das Bett nicht vor 2 Uhr. Petersburg amüsiert sich auch bis 4 Uhr morgens, und doch eilt es am andern Tage, als ob nichts passiert wäre, schon um 9 Uhr in seinem Friesrock in die Kanzlei. Nach Moskau kommt Rußland mit vollen Taschen und kehrt erleichtert wieder zurück. Nach Petersburg kommen die Leute mit leerem Beutel und fahren mit einem hübschen Kapital nach allen Himmelsgegenden auseinander. Nach Moskau kommt Rußland in Winterschlitten auf holperigen Winterwegen gefahren, um zu kaufen und zu verkaufen: in Petersburg läuft das russische Volk im Sommer zu Fuß, um bei einem Bau Beschäftigung zu finden und um zu arbeiten. Moskau — ist die große Vorratskammer, hier türmt sich Ballen über Ballen, und den kleinen Händler beachtet es kaum. Petersburg ist ganz in kleine Stücke zersplittert, hat sich in lauter Läden und Kaufhäuser aufgelöst und macht Jagd auf die ärmeren Käufer. Moskau sagt: „Wenn der Käufer mich braucht — wird er mich schon finden!“ Petersburg fährt Ihnen mit seinen Aushängeschildern direkt unter die Nase, verkriecht sich mit seinem „Weinausschank“ bis unter den Fußboden Ihrer Wohnung und bringt seine Droschkenhaltestellen geradewegs in Ihrem Haustor unter. Moskau sieht über seine eigenen Einwohner hinweg und sendet seine Waren nach ganz Rußland; Petersburg verkauft seine Krawatten und seine Handschuhe an seine eigenen Beamten. Moskau ist eine große Markthalle; Petersburg — ein heller Kaufladen. Moskau ist für Rußland eine Notwendigkeit. Rußland ist eine Notwendigkeit für Petersburg. In Moskau begegnet man nur selten einem Frack mit Uniformknöpfen, in Petersburg hat jeder Frack solche Knöpfe. Petersburg macht sich gern über die Unbeholfenheit und Geschmacklosigkeit Moskaus lustig. Moskau spottet über Petersburg, weil hier nicht gut russisch gesprochen wird. In Petersburg spazieren um 2 Uhr auf dem Newsky-Prospekt Leute, von denen man meinen könnte, sie seien aus den Modebeilagen der Journale, die in den Schaufenstern ausliegen, entsprungen; sogar ganz alte Damen haben hier so dünne Taillen, daß man lachen muß; in Moskau trifft man stets inmitten der Masse modern gekleideter Spaziergänger eine alte Frau mit einem Kopftuch, die keine Spur von Taille hat. Ich könnte noch mancherlei sagen, allein es ist —
„Ein Abstand von ganz ungeheurer Größe! ...“
Es ist schwer, die allgemeine Physiognomie von Petersburg zu schildern. Es hat etwas, das an eine amerikanische Kolonie in Europa erinnert: ebensowenig ursprüngliche Nationalität und ebensoviel fremdländische Mischlinge, die sich noch nicht zu einer festen Masse zusammengefügt haben. Soviel verschiedene Nationen sich hier zusammen finden, ebensoviel Gesellschaftsschichten gibt es hier. Diese Kreise sind streng voneinander geschieden: Aristokraten, Beamte im Dienste, Handwerker, Engländer, Deutsche, Kaufleute, sie alle bilden Kreise, die sich nur ganz selten miteinander vereinigen, gewöhnlich aber für sich leben und sich unterhalten, ohne daß einer von dem andern etwas weiß.
Jeder von diesen Kreisen besteht, wenn man genauer zusieht, wieder aus einer Menge kleiner Kreise, die gleichfalls nicht miteinander zusammenhängen. Nehmen wir z. B. die Beamten. Die jungen Gehilfen der Tischvorsteher bilden ihren eigenen Kreis, und nie wird der Abteilungschef zu ihnen herabsteigen. In Gegenwart eines Kanzleibeamten hebt wiederum der Tischvorsteher seinen Kopf um ein paar Zoll höher. Die deutschen Handwerker und die deutschen Beamten bilden auch ihren besonderen Kreis. Die Lehrer bilden einen Kreis, die Schauspieler einen, ja sogar die Literaten, die noch immer recht zweideutige und zweifelhafte Persönlichkeiten darstellen, stehen abseits für sich da. Mit einem Wort, es ist fast so, wie wenn eine riesengroße Postkutsche bei einem Gasthause vorgefahren wäre, in der alle Gäste während der Fahrt in ihre Mäntel gehüllt dagesessen hätten, und nur darum zusammen in den allgemeinen Saal träten, weil eben kein anderer Raum vorhanden ist. Der Versuch, öffentliche Vereine zu gründen, hat bis jetzt keinen Erfolg gehabt. Der Petersburger besucht auch den Klub nur, um dort Mittag zu essen, und nicht, um seine Zeit dort zu verbringen. Daß Petersburg noch nicht zu einem Gasthaus geworden ist, das liegt allein an einer inneren Naturanlage des Russen, der, trotzdem er sich beständig an den Fremden abschleift, sich immer noch eine gewisse Originalität bewahrt hat. Um von jedem dieser einzelnen Kreise erzählen zu können, um ihr Leben, das in Genüssen und Vergnügen, Hoffnungen und Schmerzen dahinfließt, zu studieren, müßte man zu den Leuten gehören, die gar nicht schreiben, weil diese Leute — dies ist der Lohn für ihre Tätigkeit — absolut keine Zeit haben. Also lassen wir die Bälle und Soireen beiseite. Ich will mich den Vergnügungen zuwenden, die eine längere Erinnerung an sich zurücklassen und die von allen Gesellschaftsklassen mitgemacht werden. Die Theater und Konzerte — das sind die Punkte, wo alle Klassen der Petersburger Gesellschaft zusammenstoßen, wo sie genug Muße haben, sich aneinander sattzusehen. Das Ballett und die Oper — sind der König und die Königin der Petersburger Theater. Sie waren noch prächtiger, rauschender, hinreißender als in den früheren Jahren, und die entzückten Zuschauer hatten völlig vergessen, daß es auch noch eine gewaltige Tragödie gibt, die den gleichgestimmten Herzen der stumm lauschenden Menge unwillkürlich die erhabensten Gefühle einhaucht, daß es eine Komödie gibt, die das getreue Abbild der sich vor uns hin und her bewegenden Gesellschaft ist: eine tief durchdachte Komödie, die durch die Tiefe ihrer Ironie uns zum Lachen reizt; nicht zu jenem Lachen, das durch einen oberflächlichen Eindruck, durch einen flüchtigen Witz oder durch einen Kalauer hervorgerufen wird, auch nicht zu jenem Lachen, das die rohe Menge in unserer Gesellschaft bewegt, die nach Verrenkungen und fratzenhaften Verzerrungen der Natur verlangt, sondern zu jenem elektrisierenden, belebenden Lachen, das, durch den blendenden Gedankenblitz erschüttert, unwillkürlich, frei, ungewollt, unmittelbar aus der Seele hervorströmt, das aus dem ruhigen Genuß geboren wird und nur durch einen hohen Verstand hervorgerufen werden kann. Die Zuschauer hatten recht, wenn sie von dem Ballett und der Oper entzückt waren ... Auf der dramatischen Bühne gab es Melodramen und Possen und zugereiste Gäste, die sich auf der französischen Bühne zu Hause fühlten, aber auf der russischen eine recht merkwürdige Rolle spielten. Es ist ja eine längst anerkannte Tatsache, daß die russischen Schauspieler sich recht seltsam ausnehmen, wenn sie Marquis, Vicomtes und Barone spielen, ebenso wie die französischen Schauspieler wahrscheinlich recht komisch wären, wenn sie versuchen wollten, russische Bauern darzustellen. Und wie machen sich Bälle, Abendgesellschaften und moderne Routs, die in den russischen Stücken vorkommen, auf der Bühne? Und die Possen? Die Posse hat sich schon längst die russische Bühne erobert und bildet die Unterhaltung der Mittelklassen, denn diese Leute wollen eben lachen. Wer hätte gedacht, daß wir nicht nur Übersetzungen, sondern auch Originalpossen auf der russischen Bühne zu sehen bekommen würden? Eine russische Posse! Es ist wirklich sehr merkwürdig, und zwar deshalb, weil dieses leichte, farblose Spiel nur bei den Franzosen entstehen konnte, bei einer Nation, deren Charakter keine tiefen, unwandelbaren Züge besitzt; aber wenn man den immer noch etwas schwerfälligen und rauhen russischen Charakter zwingt, sich als „petit maître“ zu bewegen, dann kommt es mir immer so vor, wie wenn einer von unseren wohlbeleibten, pfiffigen und langbärtigen Kaufleuten, der bis dahin nichts anderes als schwere Stulpenstiefel getragen hat, statt dieser den einen Fuß mit einem schmalen Schuh und Strümpfen à jour bekleiden wollte, während der andere noch im Stiefel steckt, und dann in diesem Aufzuge im ersten Paar der Française erscheinen wollte.
Es sind schon fünf Jahre, seit sich das Melodrama und die Posse alle Theater der Welt erobert haben. Welch eine Nachäfferei! Sogar die Deutschen .... wer hätte das gedacht, daß selbst die Deutschen, dieses gediegene, zu tiefen, ästhetischen Genüssen geneigte Volk, daß die Deutschen jetzt Possen schreiben und spielen und geschwollene, kalte Melodramen zusammenkleistern und für die Bühne bearbeiten. Ja, wenn dieses Miasma noch auf den Wink eines mächtigen Genies hergetragen worden wäre! Als alle Welt der Leier Byrons nachahmte, war dies keineswegs lächerlich; im Gegenteil, in diesem Streben lag etwas Tröstliches. Aber daß Dumas, Dulange und andere — universale Gesetzgeber werden konnten! ... Ich möchte schwören, das XIX. Jahrhundert wird sich dieser fünf Jahre schämen! O Molière! großer Molière! du, der du deine Charaktere so großzügig ausstattetest, mit einer solchen Vollkommenheit entwickeltest, der du ihre Schatten so eingehend studiert hast, und du strenger, umsichtiger Lessing, und du edel glühender Schiller, der du die Menschenwürde in so poetisch verklärtem Lichte dargestellt hast! schaut hin, was jetzt nach euch auf eurer Bühne geschieht, seht, was für ein seltsames Ungeheuer sich unter dem Namen des Melodramas unter uns eingeschlichen hat! Wo ist denn unser Leben? wo bleiben wir mit all unseren heutigen Leidenschaften und Seltsamkeiten? Wenn wir doch nur einen schwachen Widerschein davon in unseren Melodramen erblicken könnten! Aber unser Melodrama lügt in der schamlosesten Weise ....
Welch unbegreifliche Erscheinung: nur das große, tiefe, ungewöhnliche Talent bemerkt und entdeckt das, was uns alltäglich umgibt, was unzertrennlich mit uns verwachsen ist, das Gewöhnliche; das dagegen, was nur selten geschieht, was eine Ausnahme bildet, was uns durch seine Häßlichkeit, durch seine Unförmlichkeit inmitten der Ordnung in Erstaunen setzt, ist gerade das, wonach die Mittelmäßigkeit mit beiden Händen greift. Und so fließt das Leben eines großen Talents wie ein großer breiter Strom in voller Regelmäßigkeit, rein wie ein Spiegel, dahin und reflektiert mit derselben Klarheit die dunklen und die hellen Wolken: bei der Mittelmäßigkeit dagegen fließt es hin wie eine trübe und schmutzige Welle und spiegelt weder die Helligkeit noch die Finsternis.
Das Seltsame ist der Gegenstand des heutigen Dramas geworden. Es kommt vor allem darauf an, eine Begebenheit darzustellen, die unbedingt neu, unbedingt merkwürdig, noch nie dagewesen und ganz unerhört sein muß: ein Mord, eine Feuersbrunst, die allerwildesten Leidenschaften, an die man in der modernen Gesellschaft gar nicht einmal denkt! Wie wenn die Söhne des glühenden Afrika europäische Fräcke angezogen hätten; Henker und Gift — nichts als Effekt, dieser ewige unvermeidliche Effekt, und doch weckt keine Gestalt unsere Teilnahme. Noch nie hat ein Zuschauer das Theater gerührt und tränenden Auges verlassen, im Gegenteil, er setzt sich eilig und in einer seltsamen Erregung in den Wagen, und es dauert lange, bis er seine Gedanken sammeln und sich klar über sie werden kann. Solch ein Schauspiel bietet man unserer verfeinerten, gebildeten Gesellschaft! Unwillkürlich steigen die blutigen Wettkämpfe, zu denen ganz Rom während der Epoche höchster Macht und stumpfer Übersättigung zusammenströmte, vor einem auf. Aber, Gott sei Dank, wir sind noch keine Römer und stehen nicht vor dem Untergang unseres Daseins, sondern im Morgenrot des Lebens! Wenn man alle Melodramen, die in unserer Zeit gegeben worden sind, zusammennimmt, so könnte man glauben, in ein Museum geraten zu sein, in dem absichtlich alle Mißgeburten und Auswüchse der Natur vereinigt sind, oder besser gesagt — man glaubt einen Kalender vor sich zu haben, in dem mit kalendermäßiger Kaltblütigkeit alle merkwürdigen Ereignisse eingetragen sind, und wo unter jedem Datum zu lesen steht: heute geschah an dem und dem Orte folgender Spitzbubenstreich; heute wurde der Räuber und Brandstifter Soundso geköpft; dann und dann hat der Handwerker X. seine Frau umgebracht .... und dergleichen mehr. Ich kann mir das Staunen eines unserer Nachkommen vorstellen, der das Leben unserer Gesellschaft aus unseren Melodramen studieren wollte.
Da ist es denn nicht zu verwundern, daß das Ballett und die Oper noch eine erfreuliche Erscheinung sind und einem eine gewisse Erholung bieten: hier findet man doch noch einen ruhigen Genuß. Die Oper wird bei uns mit einem gierigen Enthusiasmus aufgenommen. Bis heute noch ist die Begeisterung nicht vorüber, mit der sich ganz Petersburg auf die lebendige, feurige Musik der „Fenella“ und die wilde, von höllischen Genüssen erfüllte Musik „Robert des Teufels“ stürzte. — „Semiramis“, die noch vor fünf Jahren vom Publikum sehr kühl aufgenommen wurde, versetzt heute, wo die Musik Rossinis fast einen Anachronismus bildet, dasselbe Publikum in Verzückung. Über den Enthusiasmus, den die Oper „Das Leben für den Zaren“ hervorgerufen hat, will ich gar nicht erst reden: er ist begreiflich und ganz Rußland bekannt. Über diese Oper müßte man entweder sehr viel oder gar nichts sagen.
Ich rede jedoch nicht gern über die Musik oder über den Gesang. Mir scheint, alle musikalischen Traktate und Rezensionen müssen die Musiker von Fach langweilen; in der Musik ist das allermeiste unaussprechlich und beruht auf einer unbewußten Wirkung. Die Leidenschaften der Musiker — sind keine irdischen Leidenschaften; die Musik ist nur hin und wieder der Ausdruck unserer Leidenschaften oder besser gesagt: sie ahmt ihre Stimme nach, um auf sie gestützt, sich wie ein perlender, singender Springquell gänzlich anderer Leidenschaften in eine andere Sphäre emporzuschwingen. Ich will nur noch bemerken, daß sich die Melomanie immer mehr verbreitet. Leute, denen man gar keine musikalische Denkart zutrauen würde, sitzen beständig in dem „Leben für den Zaren“, im „Robert“, in der „Norma“, in „Fenella“ und in „Semiramis“. Beinahe zweimal in jeder Woche wird eine Oper aufgeführt; jede von ihnen erlebt unzählige Aufführungen, und trotzdem ist es häufig schwer, ein Billett zu bekommen. Ist das nicht eine Folge unserer slawischen zum Gesang neigenden Natur? Und ist es nicht eine Rückkehr zu unserer alten Zeit, nach einer Reise durch das fremde Land der europäischen Kultur, wo alles um uns herum eine fremde Sprache sprach und wo sich lauter fremde Menschen um uns drängten — eine Rückfahrt in einem russischen Dreigespann mit seinen klingenden Glocken — ist es nicht so, als erhöben wir uns von unserem Sitz, und als riefen wir, unsere Mützen schwenkend, aus: „In der Fremde ist es schön — aber zu Hause ist’s doch noch besser.“
Was für eine herrliche Oper könnte man nach unseren nationalen Motiven komponieren! Zeigt mir ein Volk, das mehr Lieder hätte! Unsere Ukraine hallt wider von Liedern. Auf der Wolga, von ihrer Quelle bis zum Meere, ertönen — die ganze Reihe der dahintreibenden Barken entlang — die Lieder der Schiffsknechte. Unter Gesang werden in ganz Rußland aus Balken von Fichtenholz die Hütten gezimmert. Mit Gesang fliegen die Ziegel von Hand zu Hand und wachsen Städte wie Pilze empor. Alte Frauen singen, wenn der kleine Russe in Windeln gewickelt wird, wenn er sich verheiratet und wenn er begraben wird. Alles, was reist, Adlige und Bürgerliche, fliegen beim Gesang des Kutschers dahin. Am Schwarzen Meer singt der bartlose braune Kosak mit dem pechschwarzen Schnurrbart, während er seine Flinte ladet, ein altes Lied; und dort am anderen Ende Rußlands erlegt der russische Händler rittlings auf einer Eisscholle sitzend, den Walfisch mit seiner Harpune und singt ein Lied dazu. Und da sollte es uns an Stoff zu einer nationalen Oper fehlen! Die Oper Glinkas ist nur ein schöner Anfang. Er hat es mit viel Glück verstanden, in seinem Werk zwei slawische Tonsprachen zu vereinigen; man hört es deutlich, wo der Russe und wo der Pole spricht; aus dem Gesang des einen hört man die freie, weite Melodie des russischen Liedes heraus, aus dem des anderen den kecken, schnellen Rhythmus der polnischen Mazurka.
Das Petersburger Ballett ist hervorragend. Bei dieser Gelegenheit muß ich ein paar Worte über das Ballett überhaupt sagen. Die Ballettaufführungen in Paris, Petersburg und Berlin haben eine hohe Vollendung erreicht; aber man muß gestehen, daß der Fortschritt nur in der wachsenden Pracht der Kostüme und der Dekorationen besteht, das eigentliche Wesen des Balletts, jedoch, die Erfindung hält nicht Schritt mit der Ausstattung, die Ballettschreiber bringen nur wenig Neues in den Tänzen. Bisher fehlt es noch an dem eigentlich Charakteristischen. Sehen wir einmal zu: an allen Enden der Welt gibt es überall Nationaltänze; der Spanier tanzt ganz anders als der Schweizer, der Schotte wiederum anders als der Deutsche (bei Teniers), der Russe anders als der Franzose und der Asiate. Selbst in den verschiedenen Provinzen desselben Staates wechseln die Tänze. Der Russe des Nordens tanzt nicht so wie der Kleinrusse, wie der Südslawe, der Pole oder Finne; der Tanz des einen ist ausdrucksvoll, der des andern gefühllos, der eine ist wild und rasend, der andere ruhig, der eine gewaltsam und schwerfällig, der andere leicht und ätherisch. Woher stammt diese Mannigfaltigkeit der Tänze? Sie stammt aus dem Charakter der Völker, aus ihrer Lebensweise und der Art ihrer Beschäftigung. Ein Volk, das ein stolzes, kriegerisches Leben führt, bringt diesen Stolz auch in seinem Tanz zum Ausdruck; bei einem sorglosen, freien Volk spiegelt sich auch in den Tänzen eine grenzenlose Freiheit und eine poetische Selbstvergessenheit; ein Volk, das in einem heißen Klima lebt, läßt auch in seinen Nationaltänzen Glut, Leidenschaft und Eifersucht spüren. Der Schöpfer eines Balletts kann zur Charakterisierung seiner tanzenden Helden, wenn er sich nur von einem feinen Geschmack leiten läßt, aus diesem reichen Stoffe wählen, soviel er will. Es versteht sich von selbst, daß er, wenn er erst einmal den Grundcharakter erfaßt hat, ihn noch weiter entwickeln und sich weit über sein Original emporschwingen kann, so wie ein musikalisches Genie aus einem einfachen Liede, das es auf der Straße hört, ein ganzes Gedicht macht. Wenigstens wird der Tanz erst dann einen tieferen Sinn erhalten, und so kann diese leichte, luftige und feurige Sprache, die bis jetzt immer noch etwas beengt und beschränkt erscheint, sich zu höherer Form und Plastik entwickeln.
Die Petersburger sind große Freunde des Theaters. Wenn Sie einmal an einem frischen, kalten Morgen, während der rosig goldene Himmel von durchsichtigen Rauchwolken, die aus den Schornsteinen aufsteigen, durchzogen wird, auf dem Newsky-Prospekt spazieren sollten, dann treten Sie um diese Zeit ins Foyer des Alexandra-Theaters: Sie werden erstaunt sein über die hartnäckige Geduld, mit der die hier versammelte Volksmenge in dichten Haufen den Billettverkäufer belagert, der seine Hand aus dem Kassenfenster herausstreckt. Wie viel Lakaien aller Art drängen sich hier, der eine im grauen Mantel mit einer bunten seidenen Krawatte, aber ohne Mütze, und ein anderer, bei dem der dreistöckige Kragen der Livree einem bunten Tintenwisch aus Tuch in Gestalt eines Schmetterlings gleicht. Hier drängen sich auch jene Beamten, die sich die Stiefel von ihren Köchinnen putzen lassen, und die niemand haben, den sie nach einem Theaterbillett schicken können. Hier können Sie auch sehen, wie ein echtrussischer Held plötzlich die Geduld verliert, auf den Schultern der ganzen Menge bis zur Kasse vordringt und sein Billett empfängt. Dann erst wird Ihnen klar werden, wie sich bei uns die Liebe zum Theater bemerkbar macht. Und was wird auf unseren Bühnen gegeben? — Melodramen und Vaudevilles! ... Ich hasse diese Melodramen und Vaudevilles.
Die Lage der russischen Schauspieler ist sehr traurig. Vor ihnen zittert und brodelt ein aufnahmefähiges Publikum, und sie müssen Leute darstellen, die sie noch nie gesehen haben. Was sollen sie mit diesen seltsamen Helden anfangen, die weder Franzosen noch Deutsche sind, sondern halbverrückte Leute, die weder eine bestimmte Leidenschaft noch eine charakteristische Physiognomie haben? Wie soll man da zeigen, was man kann, wie sollen sich unter solchen Verhältnissen Talente entwickeln? Gebt uns um Gottes willen wahrhaft russische Charaktere, gebt uns uns selber, unsere Gauner und unsere Querköpfe! herauf mit ihnen auf die Bühne und gebt sie dem Gelächter aller preis! Das Lachen — ist etwas wahrhaft Großes, es raubt uns weder das Leben, noch unser Eigentum, und doch steht der Schuldige da wie ein Hase, dem man die Beine zusammengebunden hat. Wir haben uns so sehr an die farblosen französischen Stücke gewöhnt, daß wir uns beinahe fürchten, unsere eigenen zu sehen. Wenn man uns einen lebendigen Charakter vorführt, so glauben wir gleich, das sei eine persönliche Anspielung, weil die dargestellte Person weder einem Paysan, einem Theater-Tyrannen, einem Reimschmied, einem Richter oder dergleichen verbrauchten Typen gleicht, die von zahnlosen Autoren förmlich in ihre Stücke geschleppt werden, so wie man etwa einen jener unvermeidlichen Figuranten auf die Bühne schleppt, die vor dem Publikum mit dem gleichen stereotypen Lächeln ihre im Laufe von vierzig Jahren bis zur Virtuosität einstudierten „Pas“ herunterholzen. Wenn man z. B. sagt, daß es in einer Stadt einen nicht ganz nüchternen Hofrat gibt, so fühlen sich gleich alle Hofräte beleidigt, und manch ein anderer „Rat“ sagt wohl gar: „Wie ist das nur möglich, ich habe einen Verwandten, der ist Hofrat: ein vortrefflicher Mensch! wie kann man denn sagen, daß es einen betrunkenen Hofrat gibt!“ Als ob ein einziger einen ganzen Stand um seine Ehre bringen könnte! Und solch eine Empfindlichkeit ist bei uns tatsächlich in allen Gesellschaftsklassen verbreitet. Braucht es etwa noch der Beispiele? Man denke nur an den „Revisor“.
Es ist wirklich peinlich. Es wäre doch wirklich höchste Zeit, einzusehen, daß nur eine getreue Darstellung von Charakteren — nicht in ihren längst bekannten immer aufs neue wiederholten allgemeinen Zügen — sondern in einer Form von wahrhaft nationalem Gepräge, die uns durch ihre Lebendigkeit überrascht, so daß wir ausrufen: „Ja aber, mir scheint, das ist doch ein Bekannter von mir!“ — daß nur solch eine Darstellung einen wesentlichen Nutzen bringt. Wir haben aus dem Theater ein Spielzeug in der Art jener Rasselchen gemacht, womit man Kinder herbeilockt, wir haben vergessen, daß das Theater ein Katheder ist, von dem aus man einer ganzen großen Menge eine lebendige Lehre vorträgt, auf ein Beispiel hinweist, wo uns beim festlichen Lichterglanz, beim Lärm der Musik, unter einstimmigem Gelächter, ein weitbekanntes, verstecktes Laster gezeigt wird, und wo, begleitet von der geheimen Stimme der allgemeinen Teilnahme, ein allbekanntes, sich ängstlich verbergendes, edles Gefühl ans Licht gezogen wird.
Aber genug vom Theater. Ich habe schon zuviel davon geredet. Der Winterkarneval schließt mit einer lauten und lärmenden Woche ab; dann fliegt die eine Hälfte der Petersburger auf Schaukeln durch die Luft oder saust wie der Wirbelwind die Rodelbahn hinunter, während sich die andere Hälfte in eine lange Kette von Wagen verwandelt, die sich kaum vorwärtsbewegt, immer wieder aufgehalten von dem für Ordnung sorgenden Gendarmen; da gibt’s den ganzen Tag über und am Abend alle möglichen Vorstellungen, und der ganze Admiralitätsplatz ist mit Nußschalen bedeckt ....
Still und finster ist die Zeit der großen Fasten. Es ist einem, als vernehme man eine Stimme, die einem zuruft: „Halt ein, Christenmensch: sieh zu, wie du lebst.“ Die Straßen sind leer. Man sieht keine Wagen. Ein sinnender Zug liegt auf den Gesichtern der Vorübergehenden. Ich liebe dich, du Zeit der Nachdenklichkeit und des Gebets! Freier und mit mehr Überlegung werden meine Gedanken dahinfließen, und diese ganze seichte, eitle Gesellschaft wird sicherlich müde und verschlafen daliegen und vergessen, zu mir zu kommen und mich mit ihrem trivialen Gerede über Whist, Literatur, Auszeichnungen und Theater zu plagen.
Die Fastenzeit in Petersburg ist das Fest der Musik. Um diese Zeit kommen hier Musiker aus allen Teilen Europas zusammen. Das Monstre-Konzert zum Besten der Invaliden hat immer etwas Gewaltiges; vierhundert Musiker! das macht einen mächtigen Eindruck! Wenn der harmonische Zusammenklang von vierhundert Tönen unter dem dröhnenden Gewölbe emporhallt, dann muß, wie mir scheint, auch die Seele jedes Zuhörers, und wäre sie noch so armselig, von einer ganz ungewöhnlichen Erschütterung durchzittert werden.
Während der Fastenzeit fällt dann und wann ein Sonnenstrahl in die Petersburger Atmosphäre. Der westliche Teil, der dem Meere zugewandt ist, wird heller. Der Norden blickt von der Wiborger Seite weniger finster herüber. Immer häufiger halten die Wagen auf der Straße, und die Insassen steigen aus, um auf dem Trottoir spazierenzugehen. Seit dem Jahre 1836 ist der Newsky-Prospekt, dieser laute, ewig bewegte, emsige, vorwärtsdrängende Newsky-Prospekt ganz heruntergekommen: der Treffpunkt der vornehmen Welt ist an den Englischen Kai verlegt worden. Der verstorbene Kaiser liebte den Englischen Kai. Er ist auch wirklich wundervoll. Aber jetzt, wo der Korso dahin verlegt worden ist, habe ich erst bemerkt, daß der Kai etwas zu kurz ist. Die Spaziergänger sind trotzdem noch im Vorteil, denn die Hälfte des Newsky-Prospekts war immer von Handwerkern und Beamten besetzt, und man hatte hier die Aussicht, dreimal soviel Püffe zu bekommen, wie an irgendeinem anderen Ort.
Warum eilt nur unsere Zeit, die durch nichts zu ersetzen ist, so schnell dahin? Wer ruft sie zu sich? Was bilden doch die großen Fasten für einen ruhigen, stillen Zeitabschnitt! Was kann man in diesen sieben Wochen nicht alles vollbringen? Jetzt will ich mich endlich ernstlich an meine Arbeit machen. Jetzt werde ich endlich vollenden, was mich der Lärm und die allgemeine Unruhe nicht vollenden ließen. Aber ach, die erste Woche geht schon zu Ende! Ich habe noch nicht angefangen und schon kommt die zweite hinter ihr hergejagt, schon ist die erste Hälfte der dritten vorüber, schon kommt die vierte heran, schon beginnt der große Jahrmarkt im Gostinnij Dwor[16], und eine ganze Galerie von jungen Weidenruten mit wächsernen Früchten und Blumen blüht unter den dunklen Hallen auf. Als ich an dieser bunten Allee, in deren Dunkel eine Menge von roh geschnitztem Kinderspielzeug aufgetürmt war, vorüberging, wurde mir recht peinlich zumute. Ich ärgerte mich über die rotwangigen Kinderfrauen, die sich hier in ganzen Trupps herumtrieben, über die Kinder, die ganz glücklich vor diesem Haufen eines ihnen so viel Vergnügen bereitenden Plunders stehenblieben, und über den schwarzen untersetzten Griechen mit dem großen Schnurrbart, der sich moldauischer Konditor titulierte und allerhand zweifelhafte und undefinierbare Leckereien feilbot. Die auf den Tisch ausgebreiteten Stiefelbürsten, bleiernen Äffchen, Gabeln und Messer, Honigkuchen und kleinen Spiegel widerten mich an. Die bunte Menge aber drängt sich und schiebt sich immerfort weiter, überall begegnet man demselben Ausdruck in den Zügen; mit derselben Neugierde wie im vorigen Jahr, wie vor zwei und drei und mehr Jahren, blickt man auf all die Dinge; ich aber und jeder einzelne Mensch von diesem Volk sind schon nicht mehr dieselben, es sind andere Gefühle, die es heute bewegen, nicht die, die es im vergangenen Jahr bewegten, die Gedanken sind finsterer geworden, von den Lippen strahlt uns kein so heiteres Seelenlächeln entgegen wie ehedem, und jeden Tag verliert es etwas von seiner früheren Lebhaftigkeit!
Auf der Newa gab es früh Eisgang. Ohne von den Winden beunruhigt zu werden, taute das Eis noch beinahe vor dem eigentlichen Eisgang auf und war so locker, daß es sich, während es von der Strömung fortgetragen wurde, von selbst auflöste. Bei nahezu gleicher Zeit sandte auch der Ladoga-See seine Eismassen hinunter. Die Hauptstadt war plötzlich wie verwandelt. Die Spitze des Glockenturms der Peter-Pauls-Kirche, die Festung, die Wilhelmsinsel, die Wiborger Seite und der englische Kai — alles nahm ein malerisches Aussehen an. Rauchwolken ausstoßend, kam der erste Dampfer herangeflogen! Von Wassilij Ostrow und nach ihm hin fuhren die ersten, mit Beamten, Soldaten, alten Kinderfrauen und englischen Kanzleibeamten besetzten Kähne über die Newa. Ich kann mich nicht erinnern, daß wir in jüngster Zeit so ein stilles, heiteres Wetter gehabt haben. Es war am Abend vor Ostersonntag, als ich den Boulevard der Admiralität betrat und auf ihm bis zum Landungsplatz der Dampfer schritt, von dem einem zwei Jaspis-Vasen entgegenleuchten; da lag mit einem Male die Newa offen vor mir, auf der Wiborger Seite schimmerte das helle Rot des Himmels durch einen blauen Nebel hindurch, die Häuser der Petersburger Seite waren in ein beinahe violettes Licht getaucht, das ihr unschönes Äußere verhüllte, die Kirchen, über deren gewölbte Flächen der Nebel seine monotone Decke breitete, schienen wie auf einen Hintergrund von hellrosa Stoff gemalt oder aufgeklebt, und in dieser violetten und hellblauen Finsternis blitzte allein die Turmspitze der Peter-Pauls-Kirche auf und spiegelte sich im unendlichen Wasserspiegel der Newa — da schien mir’s, als sei ich gar nicht in Petersburg, sondern als wäre ich in eine andere Stadt versetzt, in der ich schon einmal gewesen war, wo ich alles kenne und wo es das gibt, was Petersburg nicht hat ... Da war auch der bekannte Ruderknecht, den ich schon mehr als ein halbes Jahr nicht gesehen hatte, er machte sich am Ufer mit seinem Kahn zu schaffen, vertraute Reden klangen an mein Ohr; und dann das Wasser und der Sommer, die es in Petersburg nicht gab.
Ich liebe den Frühling außerordentlich. Sogar hier in diesem rauhen Norden ist er meine liebste Jahreszeit. Mir scheint, kein Mensch in der ganzen Welt liebt ihn so wie ich. Mit ihm kehrt meine Jugend zu mir zurück; im Frühling ist meine Vergangenheit mehr als eine bloße Erinnerung — sie liegt vor meinem Blick und treibt mir Tränen in die Augen. Ich war durch die hellen, klaren Tage des Ostersonntags so berauscht, daß ich den großen Jahrmarkt auf dem Admiralitätsplatz gar nicht bemerkte. Nur ganz von ferne sah ich, wie eine Schaukel einen jungen Burschen, Arm in Arm mit einer Dame in elegantem Hut, hoch in die Luft trug, und an einer Ecke streifte mein Auge das große Schild einer Schaubude, auf dem ein ungeheurer roter Teufel mit einer Axt in der Hand abgebildet war. Sonst habe ich nichts mehr gesehen.
Es ist fast, als ob das Leben der Residenz mit dem Ostersonntag seinen Abschluß findet, und es scheint, als mache sich hierauf alles, was wir auf der Straße sehen, auf die Reise. Die Vorstellungen und die Bälle nach Ostern sind nichts als die Reste von denen, die vor der Fastenzeit stattfanden, oder besser gesagt — sie sind die letzten Gäste, die später aufbrechen als die anderen, am Kamin noch einige Worte wechseln, und die Hand vor den Mund legen, um ihr Gähnen zu verbergen. Die Stadt trocknet ganz aus, auch die Trottoirs sind trocken. Die Petersburger Gentlemen spazieren im bloßen Rock, jeder mit einem andern Spazierstock herum; statt der schweren Kutschen sieht man halbgedeckte Droschken und Kabrioletts über das glatte Straßenpflaster rollen. Jetzt werden auch viel weniger Bücher gelesen. Schon sieht man in den Schaufenstern statt der wollenen Strümpfe Sommermützen und Reitpeitschen ausliegen. Mit einem Wort, während des ganzen Monats April scheint ganz Petersburg im Aufbruch begriffen. Es ist so angenehm, die sitzende, seßhafte Lebensweise aufzugeben und von einem weiten Weg unter einen andern Himmel nach den grünen Hainen des Südens, nach Ländern, in denen eine neue Luft weht, zu träumen. Der hat es gut, dem am Ende einer Petersburger Straße die in die Wolken ragenden Berge des Kaukasus, die Seen der Schweiz, das mit Lorbeeren und Anemonen geschmückte Italien oder das trotz seiner Öde noch herrliche Griechenland winkt .... Aber halt ein, mein Gedanke: noch türmen sich zu meinen beiden Seiten die Häuser Petersburgs empor ....
Sie waren so süß und so qualvoll, diese schlaflosen Nächte. Er saß krank in seinem Lehnstuhl. Ich war bei ihm. Der Schlaf wagte es nicht, meine Lider zu berühren. Stumm und gehorsam schien er das Heiligtum unseres nächtlichen Wachseins zu achten. Es war mir so süß, neben ihm zu sitzen und ihn anzuschaun. Schon seit zwei Nächten sagten wir uns du. Wie viel näher war er mir seitdem gerückt. Er saß immer gleich sanft, still und ergeben da. Gott! wie freudig, mit welcher Heiterkeit hätte ich seine Krankheit auf mich genommen! Und wenn mein Tod ihm seine Gesundheit hätte zurückgeben können, wie bereitwillig hätte ich mich ihm in die Arme geworfen!
Heute nacht war ich nicht bei ihm. Ich hatte mich endlich entschlossen, wieder einmal zu Hause zu schlafen. Oh! wie häßlich, wie trivial war diese Nacht und mein verächtlicher Schlaf! Ich schlief schlecht, obgleich ich alle Nächte in der vergangenen Woche schlaflos verbracht hatte. Der Gedanke an ihn peinigte mich. Ich sah ihn vor mir, wie er mich flehend und vorwurfsvoll anblickte. Ich sah ihn mit den Augen der Seele. Wie ein Verbrecher eilte ich am nächsten Morgen in aller Frühe zu ihm. Er erblickte mich von seinem Bett aus und lächelte mit jenem Engelslächeln, das ihm jetzt eigen war. Er reichte mir die Hand und drückte sie liebevoll. „Verräter!“ sagte er. „Du bist mir untreu geworden.“ — „Mein Engel,“ rief ich aus, „verzeihe mir. Ich habe gefühlt, wie du gelitten. Ich habe mich die ganze Nacht gequält. Meine Ruhe war keine Ruhe. Verzeihe mir.“ Er war so gütig. Mild drückte er meine Hand. Wie war ich da für die Qualen meiner so sinnlos verbrachten Nacht belohnt! — „Mein Kopf ist mir so schwer,“ sagte er. Ich fächelte ihm mit einem Lorbeerzweig Kühlung zu. „Oh, wie kühl, wie schön das ist!“ sagte er. Seine Worte waren ... ach, wie waren diese Worte ...! Was hätte ich damals nicht dafür gegeben — auf welche irdischen Güter, diese verächtlichen, gemeinen, häßlichen Güter hätte ich damals nicht verzichtet ... nein ... oh, sprechen wir nicht davon! O du, in dessen Hände diese formlosen, schwachen Zeilen, dieser matte Ausdruck meiner Gefühle, kommen — wenn sie überhaupt in deine Hände kommen — du wirst mich verstehn. Sonst wirst du sie nie zu sehen bekommen. Du wirst verstehn, wie häßlich dieser ganze Haufen von Schätzen und Ehren, dieser tönenden Lockungen der Holzpuppen ist, die man Menschen nennt. Oh! mit welcher Freude, mit welcher Wut wollte ich alles zerstampfen und zertreten, was das mächtige Zepter des Kaisers des Nordens zu verschenken hat, wenn ich nur wüßte, daß ich damit ein Lächeln auf seinem Antlitz erkaufen könnte, das mir eine kleine Erleichterung ankündigt.
„Warum hast du mir einen so schlimmen Mai gebracht?“ sagte er, als er erwachte; er saß im Lehnstuhl, er hörte den Wind, der hinter den Fensterscheiben brauste, die süßen Wohlgerüche wilder Jasminblüten und weißer Akazien mit sich führte und sie mit den Rosenblättern durch die Luft trug.
Um 10 Uhr ging ich zu ihm hinunter. Ich hatte ihn vor drei Stunden verlassen, um selbst etwas auszuruhn und etwas zurechtzumachen, um ihm eine kleine Abwechslung zu verschaffen, damit mein Erscheinen ihm später mehr Freude bereite. Ich kam um 10 Uhr zu ihm hinunter. Er saß schon über eine Stunde allein. Die Gäste, die bei ihm gewesen waren, hatten ihn längst verlassen. Er saß allein. Die Qual der Einsamkeit war auf seinem Gesicht zu lesen. Als er mich erblickte, winkte er leicht mit der Hand. „O du mein Retter,“ sagte er. Noch heute klingen mir diese Worte im Ohre. „O du mein Engel, du hast dich gelangweilt?“ „Oh! wie habe ich mich gelangweilt!“ antwortete er. Ich küßte ihn auf die Schulter. Er reichte mir seine Wange. Wir küßten uns; er drückte noch immer meine Hand.
Er lag nicht gern im Bett und legte sich fast nie nieder. Er zog seinen Lehnstuhl und die sitzende Stellung vor. Aber in dieser Nacht sagte ihm der Arzt, er müsse sich ausruhn. Mißmutig stand er auf, stützte sich auf meine Schulter und ging zu seinem Bett. Mein liebes Herz! Sein müder Blick, sein bunter warmer Rock, sein langsamer Schritt, ich sehe das alles noch, es steht mir vor Augen. Er lehnte sich an meine Schulter und flüsterte mir ins Ohr, indem er einen Blick auf das Bett warf: „Jetzt bin ich verlassen.“ — „Wir wollen nur eine halbe Stunde im Bett bleiben,“ sagte ich ihm, „dann setzen wir uns wieder in deinen Stuhl!“ Ich blickte auf dich, du liebe, zarte Blüte! Die ganze Zeit, während du im Bett oder im Lehnstuhl schliefst oder nur schlummertest, folgte ich jeder deiner Bewegungen, bei jedem Blick aus deinen Augen wie durch eine unerklärliche Gewalt an dich gebannt.
Wie seltsam neu war mir damals mein Leben, und doch war mir’s, als sei das alles nur eine Wiederholung von etwas Fernem, längst Dagewesenem! Aber mir scheint, es ist schwer, eine Vorstellung davon zu geben, mir war’s, als kehre ein flüchtiger, neuer Abschnitt meiner Jugend zu mir zurück, einer Zeit, wo die junge Seele nach Freundschaft und Verbrüderung mit ihren jungen Altersgenossen dürstet, nach einer wahrhaft jugendlichen Freundschaft voller lieber, beinahe kindlicher Kleinigkeiten und gegenseitiger Beweise einer zärtlichen Anhänglichkeit; wo es so süß ist, einander Aug’ in Auge zu schauen, wo man häufig sogar zu dem überflüssigsten Opfer bereit ist. Alle diese süßen, jungen, frischen Gefühle — die, ach, nur die Bewohner einer unwiederbringlich verlorenen Welt sind — alle diese Gefühle kehrten zu mir zurück. Mein Gott, warum nur? Ich blickte auf dich, meine liebe, junge Blüte! Wehte mich darum dieser liebliche Duft der Jugend so plötzlich an, um mich dann mit einemmal in eine noch größere, tödliche Erstarrung der Gefühle zu stürzen, und um mich plötzlich um zehn Jahre älter zu machen, damit ich noch verzweifelter, noch hoffnungsloser auf mein dahinschwindendes Leben sehen sollte? So flammt ein ausgehendes Licht noch ein letztes Mal in der Luft auf und erleuchtet noch einmal zitternd die düstren Mauern, um dann für immer zu erlöschen.