Abb. 5. Reste eines versunkenen Waldes an der deutschen Ostseeküste.
(Nach einer Zeichnung von Heinz Niederbühl.)
In diesem Widerspruch weisen jetzt jene alten Meermuscheln tief im Lande sogleich den weiteren richtigen Weg. Sie fallen doch versteint aus versteintem Meeresschlamm von ehemals. Dieser Schlamm ist offenbar vorzeiten durch Arbeit des Wasserkreislaufs vom Lande, vom Gebirge heruntergewaschen und im Meeresgrunde abgelagert worden; die Muscheln bezeugen, daß er wirklich schon einmal im Meere war. Aber heute liegt er ebenso ersichtlich nicht mehr in diesem seinem Meeresgrunde. Hoch auf dem Festland liegt er vielmehr wieder, weit im Binnenlande, ja den Wolken nahe neu in himmelragendem Gebirge. Unglaublich hoch kann er so liegen: im Himalaja finden sich gewisse Schichten mit Meertieren noch bis 5000 m hoch. Hier ist also etwas Besonderes noch nachträglich geschehen, das niemals vom Wasser selbst ausgehen konnte. Durch eine unabhängige Macht ist der Meeresboden wieder ganz aus dem Wasser gehoben, zu neuem Festland gemacht worden. Und auf diesem Festlande ist er, wenn er heute gar hoch im Gebirge liegt, nochmals höher und höher bis in die Wolken hinaufgestaut worden durch eine Gebirgsbildung dieses Festlandes, die ebenfalls seither noch neu stattgefunden haben muß. Im einzelnen können wir heute oft noch angeben, wann diese Bildung erst sich vollzogen haben kann. In jenen jetzt so fabelhaft hoch verstiegenen Schichten am Himalaja finden sich die Reste gewisser meerbewohnender Urtiere, der Nummuliten, die in dieser Gestalt für die Meere im Anfang der sogenannten Tertiärzeit (also schon des dritten geologischen Hauptweltalters, von unten gerechnet) charakteristisch waren. Um diese Zeit muß ein solches Nummulitenmeer also auch dort in Indien noch geblaut haben. In der Zwischenzeit seit damals kann dann aber erst das Gebirge sich gebildet haben, das an seinem Fleck eben diesen Meeresboden bis zu 5000 m Höhe hinaufgeschoben hat, während es selber zugleich in seinem alleräußersten Gipfel es dabei bis zum Mount Everest gebracht hat, also der höchsten Bergerhebung überhaupt der ganzen Erde.
Kein Zweifel, daß wir auch hier vor einer Arbeit unseres Planeten stehen, die sich noch heute fortwirkend studieren läßt, genau wie die Zerstörungsarbeit des Wassers. Wenn wir vom Meer sprachen und seinen unruhigen Wassergeistern, die in Tropfengestalt die Feste zu meistern suchten, so erschien diese Feste, erschien die ganze harte Erdrinde in ihrer mineralischen Starre als der Gegensatz des ewig Ruhigen; passiv ließ sie sich nur von jener Wasserunruhe zerstören; ohne diese Unruhe stand der Granit wirklich von Ewigkeit zu Ewigkeit. Aber auch das ist niemals genau richtig. Um noch einmal an das alte Sintflutbild zu erinnern: in bestimmtem Sinne wandeln wir auch auf dieser festesten Erde beständig eigentlich über einer geheimen Flut, die langsam steigt und ebbt, schaukelt und Wellen wirft, – das alles aber, wunderbar genug, jetzt in Gestalt tiefinnerlichster Verschiebungen des Gesteins selber, die mit echter Wasserbewegung gar nichts zu tun haben.
Seit alters war schon den Menschen, die noch naiv an die Sintflut glaubten, eine höchst unheimliche Erscheinung auch nach dieser Seite geläufig: nämlich das Erdbeben, bei dem die Feste selber wenigstens vorübergehend schwankte wie eine wellenbewegte See. Die neuere Geologie kennt aber noch andere Anzeichen genug. Ganz gemächlich, ohne jede wüste Störung, heben sich gewisse Länder, z. B. Norwegen und Schweden, in geschichtlicher Zeit immer mehr aus dem Ozean. An den alten eingehauenen Wassermarken liest man noch ab, daß die schwedische Küste sich in hundert Jahren stellenweise je um etwa anderthalb Meter gehoben hat. Aus den natürlichen Strandlinien mit ihren vom ehemaligen Wogenschlag eingekerbten Wassermarken kann man aber noch ersehen, daß diese Bewegung schon seit vielen Jahrtausenden (seit Ende der Eiszeit) periodisch andauern muß. Umgekehrt sinken die deutsche Ostsee-, die holländische Nordseeküste. Man hat bemerkt, daß an der Küste der Bretagne sich Reste unterseeischer Wälder finden, alte Römerstraßen sich im Meeresgrunde verlieren, prähistorische Steindenkmäler (Dolmen) nur bei Ebbe noch aus dem Wasser herauftauchen. Der Meeresboden selber, von dem man meinen sollte, er könne bei der beständigen Einfuhr von Bergeslasten Flußsand doch nur seichter werden, senkt sich in ganzen Riesengebieten ersichtlich, wie z. B. im Stillen Ozean die eifrige Gegenarbeit der Korallentiere beweist, die ihre Bauten immer nur in einer gewissen nicht zu großen Tiefe herstellen können, deshalb immer höher bauen mußten und so allmählich Korallenriffe erzeugt haben, die heute wie steile Türme über dem abgesunkenen Grunde ragen. Mitten im Lande bei uns in Deutschland hat man mehrfach bei genauen Messungen Höhenänderungen bis zu 17 cm schon im Laufe von 20 Jahren feststellen können. Im Bergwerksbetrieb glaubt man öfter im explosionsartigen Vorbrechen und Sichfalten geöffneter Schichten, im Aufbäumen und Sichstrecken befreiter Steinplatten unmittelbar Zeuge des geheimen Drängelns der Tiefengesteine zu sein. Gewiß ist es eine schwindelerregende Vorstellung, daß solche sich hebende Küste einen neuen Erdteil, solcher Zentimeterzuwachs langsam aufschwellender Bodenfalten zuletzt einen Himalaja ergeben sollten. Aber die Denkschwierigkeit dabei ist keine größere, als daß die Arbeit eines rinnenden, mit Kohlensäure geschwängerten und im Frost sich dehnenden Regentropfens endlich ein Gebirge von der Höhe dieses Himalaja abtragen und als Sand ins Meer schwemmen sollte. Zu beidem ist nichts nötig, als geologische Zeitmaße. Von jeder einzelnen der größeren geologischen Epochen aber wissen wir, daß sie schon mehrere Millionen von Jahren umfaßte. Der Verlauf einer einzigen könnte also wohl genügen. Wie wir ja auch hören, daß gerade der Himalaja sich erst seit Anfang der uns verhältnismäßig noch nahen Tertiärzeit ganz aufgegipfelt haben muß, während er gleichzeitig seither schon wieder infolge der Wasserverwitterung im vollen Verfall zur Ruine ist. Schwieriger mag die Vorstellung sein, wie es rein technisch überhaupt möglich sei, daß feste Gesteine sich nachträglich so schieben, so knicken, biegen und falten lassen. Es gibt da sehr verschiedene Erklärungen, von denen bisher keine ganz genügt. Über das »Daß« aber kann schlechterdings keine Frage sein. Ein paar Spaziergänge auf bekanntesten Alpenstraßen genügen für jedermann, sich da selber ein Bild zu machen, z. B. an der Axenstraße oder am Walensee. Unsere Alpen sind größtenteils erst in der gleichen verhältnismäßig jungen Erdperiode emporgedrängelt worden, wie der Himalaja. Dabei sind aber die verschiedensten alten Meeresböden mit ihren zu Stein erstarrten uralten Schlammschichten, die einstmals hübsch wagerecht gelegen hatten, in ein geradezu beängstigendes Gewirre und Geschlinge von Falten gepreßt worden, die sich jetzt im Anschnitt der halb zerstörten Felsschroffen wie hin und her gebogene Riesenschlangen oder gigantische Würste vor Augen stellen. Den schlichtesten Beschauer, der nie von den Geheimnissen der Geologie gehört hat, kann man dort staunend ausrufen hören, das sehe ja aus, als wenn der Stein Wellen geschlagen hätte. Es sieht aber nicht bloß so aus, sondern es ist so.
Abb. 6. Gesteinsfalten an der Axenstraße (Schweiz).
Das geschulte Auge des wirklichen Geologen stößt aber in jeder Gegend bei Schritt und Tritt auf die steinernen Wogenspuren. So stark die Wasserarbeit sich überall aufdrängt: die Arbeit dieser Steinflut ist im sichtbaren Erdbilde doch vielfach noch durchschlagender. Wo immer jenes Zerstörungswerk des wühlenden Wassers das Gestein in seinem Gefüge aufgeschlossen oder wo immer es seine ursprünglichen Außenformen noch nicht zu verwischen vermocht hat, da stößt man auf sie. Es brauchen nicht immer unmittelbare Falten zu sein. Wo die drängelnden Gesteinsmassen sich gestaut haben, gewahrt man die Spalten, zu denen sie kämpfend zerbrochen sind, man erkennt, wie die dicken Schichten an solchen Brüchen sich geradkantig auf- und abgeschoben haben, wie ganze Schollen zu Gräben und Kesseln hinabgesunken, andere in Restbrocken als hohe einsame Klötze darüber stehengeblieben sind. Der Laie muß sich belehren lassen, daß aus der Heimat oder von der Karte allbekannte Landschaften solchen wilderen Wogenprall darstellen: das mittlere Rheintal und das Rote Meer solche Grabenversenkungen zwischen zwei Spalten, unsere Vogesen oder unser Schwarzwald solche stehengebliebenen Restklötze. Der Geolog verfolgt die Spur aber weiter auch an den ganzen Kontinenten, die wieder im noch größeren teils solche Klötze und Blöcke, teils aneinander gescharte Faltensockel über den gewaltigen Senkungsfeldern der tiefen Ozeane bilden. Und an tausend Anzeichen erkennt er, weit über den einzelnen Muschelfund im Binnenlande noch hinaus, daß dieses Wogen der Steinrinde unseres Planeten seit Urtagen dauert. Alle geologischen Epochen hindurch dauert es, von der endlos entlegenen Devonzeit, deren Seelilien und Meerkrebse heute im Kalkstein der Eifel liegen, bis zur Steinkohlenperiode, durch deren heute tief verborgene Kohlenschichten noch die Sprünge und Zickzackfalten einer damaligen europäischen Gebirgsbildung laufen, von der sogenannten Triasepoche, deren Korallen- und Kalkalgenriffe heute unsere Dolomitalpen bilden und in der man trockenen Fußes über den Indischen Ozean gehen konnte, bis zur Kreidezeit, deren ozeanischer Schlamm heute aus den weißen Felsen von Rügen glänzt, und zum Tertiär, wo die Seekühe bei Mainz durchs Rheintal schwammen wie heute im Roten Meer, während Scharen flüchtiger Steppenpferde über die Reste der »Atlantis« von Grönland nach Europa herüber und hinüber kreuzten. Immer hat das flutende Auf und Ab des Gesteins dem einförmigen Nivellieren der Wasserarbeit Schach geboten. Ging dieses Nivellieren unablässig neben ihm her, nagte seine Erdteile, seine Gebirgsfalten immer wieder an und suchte seine Meereshöhlungen erneut mit Sand zu verschütten, so machte dieser Wellenschlag des Steinmeeres es zu einem Danaidenwerk, das nie fertig wurde, ewig neu beginnen mußte. Glättete der Wassertropfen rastlos am Relief der Erdkugel, so baute der drängende Stein ebenso ruhelos neues Relief. Gegenüber der wesentlich landfeindlichen Richtung der Wasserarbeit war die Steinarbeit geologisch stets eine landfreundliche. Während der Wasserkreislauf auch da, wo er scheinbar baute: bei seinem Häufen von Sandschichten am Meeresgrunde, eigentlich nur an der noch gründlicheren Überflutung der Länder arbeitete (denn das emporgedrängte Wasser der so versandenden Meere mußte stets bestrebt sein, sich landeinwärts flächenhaft auszudehnen), schuf die Steinbewegung selbst da mehr Land, wo sie den Meeresboden zeitweise senkte; denn in den Abgründen, die sie tiefte, liefen die Wasser umgekehrt zusammen, wodurch anderswo das Flachland der Küsten trocken gelegt werden mußte. Andrerseits wurde auch der Wasserflut mit ihrer rinnenden Sanduhr ein wirkliches Bauen von ihr selbst nachträglich noch aufgezwungen, wenn sie die ungeheuren Lasten Meersand, die jene zwecklos häufte, durch ihr Schaukeln gleichsam über Nacht tatsächlich wieder zu Land machte. Über Nacht freilich nur im Sinne, wie es in der Bibel von den Nachtwachen des Weltschöpfers heißt. Denn in Wahrheit ging das Spiel auch hier durchweg langsam genug. Dafür ging es durch Jahrmillionen. Auf jeden Fall aber mußte die titanische Doppelarbeit dieser beiden Erdgewalten im Laufe dieser Zeiten ein wahrhaft kaleidoskopisches Wechselspiel von Meer und Festland auf unserm Planeten schaffen, von dem das heutige Bild nur gerade einen zufälligen Einzelfall gibt.
Zufällig! Dieses Wort sagt nicht viel und macht dem Naturdeuter durchweg wenig Freude, wenn es auftaucht. Wir möchten das Gesetz dieses Wechsels kennen lernen. Das Gesetz der Wasserarbeit ist ja klar. Waren Festländer, Gebirge, Meere irgendwo gegeben, so drängte das Wasser das Land allmählich ins Meer, und so oft im Verlauf der geologischen Perioden dieser Zustand neu eintrat, so oft trat hier auch mit untrüglicher Folgerichtigkeit die gleiche Arbeit in Kraft. Aber was wir nun noch wissen möchten, ist das Gesetz, nach dem auch die »Steinflut« immer wieder neue Hebungen, Faltungen, Senkungen, Länder, Gebirge, Meere schuf, indem sie den andern Verlauf gleichsam immer wieder herabschraubte. War es ein periodisches Schaffen, das immer in bestimmten Zeiträumen wieder stärker einsetzte? Wohnte ihm ein gewisser Zwang des Umschlags in der Richtung inne, daß etwa, was eine Weile Meeresgrund gewesen war, notwendig dann wieder Land werden mußte, und umgekehrt? Folgte der Schub seiner Falten bestimmten Linien auf der Erdkugel? Und so weiter. Ja das möchten wir wissen, weil es ein vorzüglicher Faden wäre für die Reihenfolge der geologischen Karten in den einander ablösenden Perioden der Erdgeschichte. Leider werden wir hier aber einstweilen von unserm sicheren Wissen noch überall im Stich gelassen.
Diese Unkenntnis hängt stark zusammen mit einer andern. Während uns nämlich die Ursache jenes beständigen Wasserflutens um die Erde von der Sonnenwärme an, die zuerst die Wasserteilchen aus dem Ozean lockt, bis zu den letzten zermahlenen Sandteilchen, mit denen das wolkenragende Gebirge endlich in diesem Ozean anlangt, so gut wie ganz durchsichtig ist, haben wir lange nicht die gleiche Einsicht in die Ursachen jener faltenden Steinflut der Erdrinde.
Eine ganze Weile hat man sich dabei auf einer unmittelbar falschen Fährte bewegt. Man suchte die Ursache in den von unten hebenden vulkanischen Erscheinungen. Aus der Erdentiefe drängen bekanntlich immerzu glühend flüssige Massen aufwärts. Bald entfließen sie unsern Vulkanen noch als Lava, bald erstarren sie bereits in der Tiefe. Zu der Erdrinde verhalten sie sich wie die juvenilen Quellen zum Kreislauf der Gewässer. Sie bringen neue Stoffe hinzu, entsprechend hier statt Wasserdampf und Heißwasser geschmolzenes Gestein. Zweifellos nehmen sie in ihrer Art so auch Anteil an der Arbeit dieser Rinde. Sie mehren die Masse dieser Rinde, schaffen erkaltend mächtige Einlagen und Auflagen, gelegentlich schütten sie auch einmal selber eine Insel im Meer, einen Berg über der Feste auf. Man glaubt auch zu beobachten, daß sie gern da hochquellen, wo eine jener Rindenspalten zeitweise den Druck von oben vermindert. Und auch gegen Teile der Rinde drängeln sie gelegentlich in ihrer Weise. Aber davon kann keine Rede sein, daß sie wirklich die geheimen Kobolde wären, die das ganze Steinmeer tanzen ließen, hinter allen Erdbeben, Faltungen, Senkungen, ja hinter der Entstehung jener Spalten selber ständen. Vollkommen mußte das aufgegeben werden von der neueren Geologie.
Die heute gangbarste Meinung sucht die Ursache der Steinflut vielmehr in der fortdauernden Zusammenziehung der Erdkugel. Gleich allen andern Weltkörpern verdichtet sich die Erde fortgesetzt im Innern. Dabei verkleinert sich ihr Kern. Die Rinde muß nachsinken. Vielfach bricht sie dabei örtlich ein, während andere Teile einzeln stehenbleiben. Vielfach auch wirft sie Falten wie ein schrumpfend sich runzelnder Apfel. Ich verhehle nicht, daß auch diese Ansicht noch viele Schwierigkeiten hat. Sie teilt vorläufig die Gefahr aller Erklärungen, die vom Geologischen ins Astronomische greifen. Immerhin ist sie zurzeit die beliebteste.
Aber auch wenn sie ganz genau richtig wäre, so würde uns das noch gar nichts sagen über das Gesetz, das nun im Engeren dieses Nachgeben und Sichrunzeln der Erdkruste geologisch beherrscht hat. Wir wissen nicht, in was für Absätzen, Zeitfolgen, in was für einem Rhythmus sozusagen diese Rindenschrumpfung sich vollziehen soll. Auch das ist das Mißliche gerade astronomischer Deutungen, daß sie für geologische Dinge durchweg zu allgemein, zu umfassend sind, um im einzelnen etwas zu besagen. Der Astronom hat das Glück äußerst sicherer Berechnungen, eben weil er die Dinge meist so im großen sieht; ihm sind ganze Weltkörper vielfältig nur leuchtende Punkte. Der Geolog haftet trotz seiner langen Zeiträume, die den Laien schon erschrecken, mit seinen Wünschen an sehr viel kleineren Erscheinungsreihen. Und so bleibt es trotz so mancher Versuche, die in alter und neuer Zeit gemacht worden sind, einstweilen aussichtslos, den Wechsel von Wasser und Land in der Urwelt gleichsam aus einer allgemein errechneten Formel ableiten zu wollen.
Wir sind auf die schwerere Aufgabe angewiesen, nach dem mehr oder minder zerstückelten Material, das uns die geologische Vergangenheit hinterlassen hat, die alten Karten einzeln wieder Stück für Stück zusammenzusetzen. In vielen Fällen erscheint das ja einfach. Wenn heute in Schwaben unverkennbarer alter schwarzer Faulschlamm einer Meeresbucht mit den hübsch eingesargten Mumien der an das Leben lediglich im Ozean angepaßten Ichthyosaurier aus der älteren Jurazeit liegt, so ist für diese Ecke die Karte von damals natürlich fertig: wir setzen blaue Meerfarbe auf das betreffende heutige Land. Und so kann man noch vieles deutlich verfolgen. Uralte Gebirge, die der Zahn der Zeit, das heißt die unerbittliche Arbeit des Wassertropfens oben längst wieder heruntergebaut hat, deuten sich noch in den Faltenresten der Tiefe an. Die Sandbarren ihres Meeresdeltas, zu Sandsteinblöcken erstarrt, lehren urweltliche Riesenflüsse kennen. Salzlager verraten die verdampften Salzpfannen von Binnenmeeren. Im roten Stein ringsum erkennt der Geolog noch den alten Wüstenboden. Aber lange nicht alles ist so reinlich geblieben. In nur zu vielen Fällen hat die Regenarbeit die alten Meeresböden, nachdem sie Land geworden waren, seither völlig wieder fortgefressen, und sie hat damit für unsere geologischen Kartenbilder genau die Rolle gespielt wie die Mäuse oder Termiten in wirklichen geographischen Archiven, wo nachher bald dieses, bald jenes Blatt im Atlas fehlte. Anderes haben die Faltungen und Senkungen selbst unkenntlich gemacht. Schließlich sind wir Menschen heute auch noch nicht einmal ganz im Besitz unserer gegenwärtigen Erdkarte, geschweige denn, daß wir überall wüßten, was für Restblätter darunter liegen; die geologische Erforschung der großen Meeresbecken hat eben erst knapp an der Oberfläche begonnen. So bleibt in jeder geologischen Karte, zumal wenn sie ganze Erdteile wiederherstellen will, viel Fragliches, vieles, das bessere Einsicht bald wieder ebenso fortradieren muß, wie die Arbeit des Regentropfens Teile des Originals wegradiert hat.
Aber andrerseits gibt das Wenige, das heute schon ungefähr der Kritik standhält, eine solche Fülle bereits des Lehrreichen und Überraschenden, daß sich jeder Rundgang reichlich lohnt.1 Die großen Erregungen, die in den Tagen der Kolumbus, Tasman und Cook unsern Vorvätern noch zu teil wurden: daß ganz neue Erdteile noch in der Phantasie oder Wirklichkeit auftauchten, sind für unsern späten Abend der eigentlich heroischen Geographie heute zu Ende. In dieser geologischen Ferne sind dagegen wirklich noch unbekannte Erdteile zu finden oder bereits gefunden; was seit Amerigo Vespuccis Zeiten nicht mehr möglich gewesen ist, sollte dort wieder schlichten geologischen Fachleuten beschieden sein: einen neuen Namen zu ersinnen für einen bisher völlig unbekannten und unbenannten Erdteil. Das Märchen, das noch romantischer als das von der Sintflut durch die Völker geht: von ganzen Ländern, die irgendwann einmal im Ozean wieder verschollen wären, von einer »Atlantis«, über deren Grab wir heute mit dem Schiff segelten, viele Tage lang, hat greifbare wissenschaftliche Gestalt dort gewonnen, – anders, aber noch wunderbarer, als die Phantasie zu träumen wagte.
1 Ausgezeichnete Geologen haben sich in neuerer Zeit bemüht, solche geologischen Karten zu entwerfen. Von Deutschen muß hier insbesondere Frech erwähnt werden in seiner unschätzbaren Lethaea palaeozoica. Vielfach im Anschluß an Entwürfe von Frech, Neumayr, Koken und Lapparent, doch mit eigenen Änderungen hat Karten aller geologischen Hauptabschnitte kürzlich Theodor Arldt in seinem umfangreichen Werke »Die Entwicklung der Kontinente und ihrer Lebewelt« (Leipzig, bei W. Engelmann) gegeben. Das Studium dieses ausgezeichneten Buchs kann jedem, der sich tiefer in das Fachmaterial einarbeiten will, nur aufs wärmste empfohlen werden. Unsere Skizzen schließen sich zumeist an hier gegebene Linien an, wobei ich Herrn Dr. Arldt in Radeberg meinen besonderen Dank für die freundliche Erlaubnis der Benutzung auszusprechen habe. Daß auch bei diesen Umrissen viele Einzelheiten noch Hypothese sind, sei ausdrücklich hier hervorgehoben, ohne daß es den allgemeinen Anschauungs- und Einführungswert zu schmälern braucht.
Wenn wir einen denkenden Blick auf unsere heutigen Erdteile und Meere werfen, überzeugt jetzt im allgemeinen, daß auch dieses Umrißbild unseres Schulatlas nicht die Ewigkeit bedeutet, sondern geworden ist, wie alles andere auf dieser Erde, wie Tier und Pflanze, wie wir selbst, und daß ihm eine ganze Kette andersartiger »Erden« im geographischen Sinne voraufgegangen ist, so können uns gewisse Züge kaum entgehen, die hier wie ein Fingerzeig aussehen, auch ehe man noch beginnt, alten Meeresböden, alten Gebirgen, alten Festländern wirklich im Gestein nachzuspüren.
Durch den Zufall der Entdeckungsgeschichte haben wir uns daran gewöhnt, bei den Erdteilen von einer Alten und Neuen Welt zu reden, also zwei großen getrennten Landmassen auf der Ost- und der Westhalbkugel; und beim Meer denken wir am meisten an das atlantische, das diese beiden Gegenstücke für uns Kulturmenschen so lange und so weit voneinander gehalten hat. Ein Betrachter vom Weltraum aus würde aber anders urteilen, und wir können uns leicht seinen Standpunkt verschaffen, wenn wir einen in der richtigen Achsenschiefe eingestellten Globus drehen. Es gibt da eine Lage, bei der fast die ganze Frontwölbung einheitlich erfüllt ist vom Wasserblau des Stillen oder Pazifischen Ozeans. Eine wirkliche »Wasserseite« hat hier der Erdball. Schaut man dann über den Nordpol hinaus, so erscheinen die Landmassen drüben für ihr Teil ebenfalls als eine Einheit; sie ergeben eine »Landseite« der Kugel; der Atlantische Ozean gewinnt dort nur das Wesen eines sehr großen Kanals, der zweimal, nördlich über Schottland, Island, Grönland, südlich bei Afrika-Brasilien, eine starke Neigung zeigt, sich zu schließen. Den stärksten Block dieser »Landseite« bilden im Norden Asien (mit Europa) und Nordamerika (mit Grönland). Mit geringer Phantasie ließen sie sich über den Pol hinweg als wirklicher nordischer Riesenerdteil zusammenschließen. Die heutige trennende Überflutung, die unter den Eisfeldern des Pols durchgeht, erschiene dann nur als ein nebensächliches, mehrfach durch Inseln oder Meeresbodenwölbung stark verstopftes, vielleicht vergängliches Kanalstück, das sich hier als Verlängerung des atlantischen Kanals durch die einheitliche nordische Landmasse ziemlich mühsam bis zum Stillen Ozean durchgebohrt hat. Es scheinen noch mehrere Anläufe zu solchen Kanälen dort zu bestehen, die aber noch weniger erreicht haben; so zwischen Grönland und Nordamerika einer in der Verlängerung der Davis-Straße; bei uns in Europa der stumpf auslaufende Vorstoß Nordsee, Ostsee, Bottnischer und Finnischer Meerbusen; aus der heutigen Landbeschaffenheit ließe sich leicht aber auch noch einer dazu denken, der Asien und Europa am Ural hin, etwa zwischen dem Kaspischen Meer und der Obmündung, teilte und vielleicht südwestlich Anschluß an das Mittelmeer erhielte.
Jedenfalls liegt die heute auf der Karte noch unruhigste, wie frisch erst zerstückelt aussehende, überall klippenhafte Stelle dieser Einbrüche zwischen den Nordteilen Europas und Grönland. Die bekannte, überaus unruhige Gestaltung des Kartenbildes von Europa wird hier von der einen Seite mitbedingt. Sie ist ja bemerkt worden, so lange die Kultur sich jetzt auf dieser (eigentlich ist sie es heute doch nur) Halbinsel Asiens immer enger vereinigt hat. Nicht müde sind denkende Geschichtsforscher und Geographen geworden, aus ihr die weittragendsten Folgerungen für die Entwicklung dieser Kultur zu ziehen. In der Tat gibt es kein zweites so großes Landgebiet der Erde, das geographisch einen so durchgearbeiteten Charakterkopf hätte, wie Europa, und daß gerade er für die weitere Charakterbildung auch des Kulturantlitzes der Menschheit von der größten Bedeutung sein mußte, ist klar. Aber wieder diesen geographischen Charakter wird man sich nur erklären können durch eine ungemein reiche geographisch-geologische Vergangenheit. Seit den ältesten Zeiten bis in die jüngsten Tage meint man hier eine Stätte nicht abreißender Erlebnisse, Wandlungen, Kämpfe des Erdbildes zu sehen, deren Geschichte die eigenartigsten Überraschungen zu versprechen scheint. Das gilt aber wie von Europas Nordseite, so eher verstärkt noch auch von seiner Südseite am Mittelmeer. Hier aber gibt sich Gelegenheit, auf etwas Neues in der gesamten Kontinentbildung der Landseite unseres Planeten von heute aufmerksam zu werden.
Nimmt man Nordamerika, Grönland, Asien und Europa als eine geschlossene nordische Landmasse an, so stellen sich dieser Masse unverkennbar die übrigen Erdteile alle als südlich gelagert gegenüber: Südamerika, Afrika, Australien und die einsame hohe Klippe des Südpolarlandes. Statt der hergebrachten Einteilung in einen Ostteil und Westteil des Festlandes der Erde erhalten wir einen ausgesprochenen Nordteil und einen ausgesprochenen Südteil. Dieser Südteil läßt sich aber heute nicht entfernt so zu einem Einheitsblock vereinigen, wie die Nordmasse. Eigentlich sind es vier heute gut in sich geschlossene Einzelblöcke, die sich wie riesige Inseln südwärts unter den Nordblock lagern. Nähert sich immerhin noch einigermaßen die äußerste Ecke des westlichen Nordafrika der östlichsten von Brasilien, grüßt Feuerland merkbar zu der südpolaren Klippe hinüber, so trennen doch ganz unabsehbare Meeresweiten heute etwa das Kap Horn vom Kapland, das Kapland von der australischen Westküste, Afrika von der Antarktis. Man hat das Gefühl, daß hier statt unruhiger, noch spät möglicherweise fortdauernder Einzelversuche von Kanalsprengungen wie in der Nordmasse zu irgendeiner älteren Zeit eine wirkliche endgültige Zerstücklung mit Sinken ungeheurer Zwischengebiete stattgefunden haben müßte, falls man auch für diese Südhälfte der Gesamt-Landseite eine ursprüngliche geschlossene Blockeinheit annehmen will, die dem Nordkontinent einen ebenso großen Südkontinent im ganzen gegenüber gesetzt hätte. Und das unverkennbar größte Loch würde man dabei im Indischen Ozean annehmen müssen. Nordamerika liegt immerhin heute noch Südamerika, Europa Afrika, Ostasien Australien gegenüber; von Vorderindien geht es dagegen in die offene blaue Wasserwüste hinein, bis tief unter die abschneidende Wölbung der Kugel. Obwohl der mathematische Südpol selbst gegenwärtig auf einer einsamen Ecke Landes liegt, muß man im ganzen doch sagen, daß auf unserer heutigen Karte das Wasser eine gewisse Neigung zeigt, zu der eigentlichen, durch irgendein Gesetz ihm preisgegebenen Wasserseite unseres Planeten (wie sie der Stille Ozean darstellt) auch noch den Südteil der Landseite von den höheren Breiten an äquatorwärts aufdringlich stärker zu überschwemmen. Wobei aber doch auch wahr bleibt, daß vier große Blöcke darin liegen, die wirklich in mehrerem Betracht ganz wie vier stehengebliebene Pfeiler einer Gesamtmasse aussehen, die auch hier im Süden einmal der »Sintflut« trotzte, heute aber aus irgendeinem Grund in diese Trümmer zerfallen ist. Noch wieder ein Interessantes betrifft aber dann die Angliederung dieser Südstücke an die große Nordmasse.
Der Ausdruck »Insel« für die Südkontinente im Verhältnis zum Nordklotz ist ja nur bedingt richtig. Nordamerika hat eine ganz dünne Verbindung mit Südamerika, und Afrika hing wenigstens noch in geschichtlicher Zeit bei Suez mit Asien zusammen. Aber diese winzigen Landbrücken von heute können nicht darüber täuschen, daß auf weite Strecken hin ein »Mittelmeer« bestrebt ist, in ungefähr paralleler Richtung zum Äquator den Nordkontinent von den Südkontinenten durch ein mehr oder minder deutliches westöstliches Wasserband zu scheiden. Unmittelbar geläufig ist uns das gewohnheitsmäßig als Mittelmeer bezeichnete Stück dieses Trennungsmeeres, das Europa von Afrika sondert. Es ist hier schmal, kanalhaft, streckenweise fast verstopft heute; sein europäisches Ufer ist über alle Maßen reich gegliedert, und wir alle wissen hier wieder, wie diese Gliederung in Spanien, Italien, Griechenland eine Macht ersten Ranges für die Kulturgeschichte geworden ist. Mehr naturgeschichtlich werden wir aber auch hier den Schauplatz langer und noch nahe zu uns heranreichender Bewegungen und Umwälzungen vermuten. Ein ganz ähnliches Mittelmeer mit großen Inseln und reicher Ufergliederung finden wir dann zwischen Nordamerika und Südamerika. Die erwartete künstliche Durchstechung der Landenge von Panama würde ihm eine freie Einlaufstelle zum Stillen Ozean geben, wie sie unser altweltliches Mittelmeer bei Gibraltar zum atlantischen hat. Zwischen dieses mittelamerikanische und unser europäisch-afrikanisches Mittelmeer schiebt sich das Mittelstück dieses Atlantischen Ozeans. Dächten wir uns wirklich die Nordmasse einmal ganz vereint, also etwa von Nordeuropa über Island nach Grönland und Nordamerika eine geschlossene Küste bildend; und dächten wir uns auch einmal in den Südgebieten wirklich noch Afrika und Südamerika mit ihren zustrebenden Ecken verwachsen: so wäre der so allein übrigbleibende Mittelteil des Atlantischen Ozeans auch nur ein echtes Stück »Mittelmeer« zwischen Nord und Süd, in dem das vom Stillen Ozean kommende amerikanische Mittelmeer mit breitem weiterschreitendem Wasserring sich einfach bis zu dem europäisch-afrikanischen Mittelmeer fortsetzte. Die Wasserbahn zwischen Nord und Süd ginge tatsächlich von Panama bis etwa nach Palästina einheitlich durch. Von dort könnte man sie weiter abbiegen lassen durch den großen Einsturzgraben des Roten Meeres bis an die asiatische Seite des Indischen Ozeans, wo heute allerdings, wie gesagt, das große Loch ist und die Fortsetzung des Südlandes überhaupt fehlt, wenn man nicht die unendlich entfernte Südpolklippe noch für den entlegensten Rest nehmen will. Jedenfalls käme man aber auch hier mit Wasser weiter, schnitte noch einmal zwischen Ostasien und Australien eine Art mit Landvorsprüngen und Inseln fast verstopften malaiischen Mittelmeers, um endlich wie auf der amerikanischen Seite im Stillen Ozean, also auf der großen Wasserseite überhaupt, zu münden. Von Wasserseite zu Wasserseite durchbrechend, schnitte das »große Mittelmeer« als Gesamtbegriff die ganze Landseite des Planeten quer auf Nord und Süd auseinander. Immerhin muß auf dem letzten, dem asiatischen Stück die starke Richtungsbiegung beim Roten Meer auffallen. Der klaren Richtungsfolge entsprechend, möchte man mit dem Wasserring dort viel lieber unmittelbar durch Asien hindurchgehen, quer durch Zentralasien bis, sagen wir einmal, Südchina oder Hinterindien. Ein hier durchbrechendes zentralasiatisches Mittelmeer als östliches Ringstück des Ganzen hätte jedenfalls noch eine interessante Folge. Es schlüge ein Stück von Südasien, vor allem das riesige Dreieck Vorderindien, zu den Südländern hinüber, machte es zu einem heute vereinzelten Pfeiler dort gleich Afrika und Südamerika, einem letzten Pfeiler, der doch noch wenigstens an der Grenze des großen rätselhaften Lochs im Indischen Ozean ragte. Keiner kann die Karte von heute ansehen, ohne zu fühlen, daß Vorderindien trotz seiner kleineren Maße eine geradezu auffällige äußere Ähnlichkeit mit Südafrika und Südamerika besitzt; wenn etwa in der Gegend des Himalaja statt eines schneebedeckten Hochgebirges heute noch ein Meeresarm blaute, so würde keiner zweifeln, daß hier in Indien ein kleiner fünfter Südblock, eine Art von Süd-Asien im viel schärferen, Süd-Amerika drüben entsprechenden Sinne erhalten sei. Die Erwähnung des Himalaja gibt aber selber einen neuen Fingerzeig.
Dieser Himalaja im Bunde mit den andern riesigen Gebirgsfalten Zentralasiens verstopft heute einer so gedachten östlichen Verlängerung des großen trennenden Mittelmeers den unmittelbaren Weg, eben weil er vorhanden ist. Das muß uns auch sonst auf die störende Rolle gewisser großer Gebirgszüge unserer heutigen Weltkarte bei diesem Mittelmeer aufmerksam machen. In dem vorhandenen Mittelmeer zwischen Europa und Afrika kann uns nicht entgehen, daß eine Hauptschuld an den zahlreichen Hemmungen, Verstopfungen und Verengungen, die dieses Stück Wasserring zwar nicht ganz unterkriegen, aber doch allenthalben sozusagen quetschen, auch einige der bekanntesten Faltengebirge von heute tragen: die Apenninen schneiden es nahezu mitten durch, die Pyrenäen, Alpen, Karpathen hemmen seine Breitenentfaltung nach Europa hinein, und so weiter. In Mittelamerika bauen die Kordilleren, von Nordamerika kommend und nach Südamerika weiterlaufend, mit an der Mauer, die dem freien Anschluß des großen Mittelmeers zum Stillen Ozean an dieser Stelle den Weg verlegt. Alle die hier genannten Gebirge gehören aber ein und derselben Faltungszeit der Erdrinde an, und zwar (es wurde beim Himalaja oben schon erwähnt) einer verhältnismäßig noch jungen. Sie sind erst entstanden im Verlaufe hauptsächlich des mittleren Abschnitts der Tertiärperiode, also zu einer Zeit, da der Mensch schon entweder im Entstehen begriffen oder sogar bereits vorhanden war. Wir haben keine Überlieferung davon, aber vielleicht könnten sich Menschenaugen alle diese Gebirge noch fortdenken. Damals dann muß auch jedes jener Hemmnisse fortgefallen sein, und wir würden uns denken dürfen, daß der Ring unseres trennenden Riesenmittelmeers zwischen dem Nord- und Südlande tatsächlich noch ganz anders glatt durchgegangen wäre.
Es würde mir nicht einfallen, den Leser so lange auf unserm doch allbekannten Kartenbilde von heute spazieren zu führen, wenn nicht der vielleicht verblüffende Sachverhalt einfach der wäre, daß mit dieser Betrachtung schon ein ganzer Hauptteil der wesentlichsten Veränderungen gestreift ist, die uns der Geolog für seine Weltalter gegenwärtig an dieser Karte aufzuzählen weiß. Die eigentümliche Lage des Stillen Ozeans gegenüber den andern Meeren und dem Gesamtblock der Landgebiete; die allmähliche Entstehung des Atlantischen Ozeans; der ungeheure Nordblock; seine Durchkreuzung durch polar gerichtete Meereskanäle; die Zertrümmerung der atlantischen Landverbindung zwischen Nordeuropa und Grönland; Europa als ein Brennpunkt immer erneuter geologischer Unruhe; die Möglichkeit eines Südblocks und seiner Zersplitterung; das Geheimnis des Indischen Ozeans; Entstehung und wechselnde Schicksale des großen Mittelmeers; die wahre Rolle Indiens; die Wandlungen des Kartenbildes durch neu aufsteigende Gebirgsfalten: jeder einzelne dieser Punkte bildet ein entscheidendes Kapitel in unserer heutigen Kenntnis vom Wechsel von Wasser und Land in der geologischen Vergangenheit, so weit es sich um halbwegs beweisbare Vermutungen handelt.
So gern der Geschichtsschreiber der Erdkarte möchte: er kann niemals mit dem wirklichen Anfang beginnen. Wenn eine Anschauung, die wieder mehr astronomisch als geologisch ist, die Erde in ihren äußersten Urtagen auch an der Oberfläche glühend flüssig sein läßt, so hat das mit einer Karte noch nichts zu tun. Die älteste Erstarrungskruste dieses Glutballs – darüber sind sich heute die meisten Geologen und Mineralogen so ziemlich einig – kennen wir ebenfalls heute nicht mehr; wir haben keinen Fleck, der in diesem Sinne nachweisbar noch jetzt echtes »Urland« wäre. Eine gangbare Vermutung, die natürlich von jenem Bilde der glühenden Urerde abhängig ist, läßt auf dieser zunächst noch warmen Rinde das Wasser, das bis dahin als Dampf in der Atmosphäre schwebte, sich zum ersten Mal überall niederschlagen in Gestalt eines ältesten allumflutenden Erdmeeres. Auch über dieses Bild läßt sich mit Tatsachen noch nichts aussagen. Es muß dahingestellt bleiben, ob wenigstens dieses wahre »Urmeer« wirklich zunächst noch sintfluthaft die ganze Kugel umwogt haben könnte oder ob es auch damals sich sogleich schon Unebenheiten, Schollen, Falten, vulkanischen Aufgüssen der neuen Rinde anbequemen, steile Rindenteile frei lassen und sich in Senkungen sammeln mußte; das letztere ist natürlich das wahrscheinlichere. Was man aber gelegentlich sonst schon von diesem Urmeer oder diesen Urmeeren zu wissen glaubte, hat sich durchweg als viel zu frühe Vermutung herausgestellt. Ihre noch heißen, chemisch weit wirksameren Wasser sollten die sogenannten kristallinischen Schiefer als eine Art ersten Heißschlammes abgesetzt haben. Es handelt sich hier um mächtige Gesteinsschichten der heutigen Erdrinde, die einerseits wie Wasserabsätze, Meeresschlamm der Vorwelt, aussehen, andrerseits aber im Gegensatz zu sonstigen geologischen Meeresniederschlägen auch irgendeinen Wärmeeinfluß, der sie innerlich anders gestaltete, verraten. Frühere Ansicht nahm sie sämtlich für uralt, älter als alle sonstigen Schichten jener Art. Da sollte sie dann das heiße Erstmeer unter ganz absonderlichen Verhältnissen, die nie mehr so wiedergekehrt wären, gebildet haben. Die neuere Geologie glaubt zunächst nicht mehr an das wirkliche Uralter aller dieser kristallinischen Schiefer; auch viel jüngere Bodenabsätze des Meeres können in solche nachträglich verwandelt worden sein, wenn sie durch Senkungen und Faltungen der Erdrinde nachmals noch wieder in das Bereich stärker erwärmter Erdentiefen gerieten. Je tiefer andrerseits aber eine Schicht ihrem Alter nach wirklich lag, desto sicherer mußte sie dieser nachträglichen Umformung im Erdenschoße verfallen. Was also an Schiefern wirklich bis ins Uralter reicht, das muß vermutlich heute samt und sonders kristallinisch verändert sein. Zu ihrer Zeit und in ihrem Urmeer selbst aber können auch solche Urschiefer genau so entstanden und ursprünglich beschaffen gewesen sein, wie alle späteren nicht kristallinischen. Dann verraten sie uns aber auch nichts über ein heißes Urmeer, mögen sie so alt sein wie sie wollen.
Wie immer es sich aber mit dieser, man darf wohl noch sagen, »mythischen« Periode der Geologie verhalte: unfaßbar lange Zeiträume müssen nach ihr bereits verflossen gewesen sein bis zu dem Punkte, wo unsere wirkliche geologische Überlieferung beginnt. Bekanntlich bezeichnet man die uns bekannten und aus allerlei Gründen mehr oder minder gut voneinander unterscheidbaren großen Abschnitte der Erdentwicklung mit hergebracht festen Namen, die bald an einfache Zahlzeichen (z. B. Tertiärperiode für das dritte Hauptweltalter), bald an eine ihrer bekanntesten Hinterlassenschaften anknüpfen, z. B. die Steinkohlenperiode oder die Kreideperiode, bald endlich einen Ort nennen, wo solche Erbteile von damals in Gestalt von Gesteinsschichten sich besonders auffällig gemacht haben, z. B. die Devonperiode nach der englischen Landschaft Devonshire (abgekürzt Devon). Die größte Errungenschaft der neueren Geologie ist aber dabei, daß man die zeitliche Reihenfolge dieser Einzelabschnitte von oben nach unten kennt, also weiß, daß etwa die Steinkohlenperiode weit älter liegt, als die Kreideperiode, und die Devonperiode noch wieder älter als diese Periode der Steinkohlenbildung. Längere Zeit hindurch war nun überhaupt die älteste dieser Epochen, aus der man nicht bloß mehr oder minder kristallinisch veränderte und unklar gemachte Gesteinsschichten, sondern wohl deutbare Ablagerungen mit noch eingebetteten Tierresten hatte, die sogenannte kambrische Periode, die ebenfalls nach einem südenglischen Berggebiet (Kambria ist ein alter Name für Wales) ihre Bezeichnung bekommen hatte. Und erst eine neuere Errungenschaft ist es wieder, daß man doch auch dahinter noch ein Stück weiter vorgedrungen ist, – bis in eine Erdperiode hinein, die man nach dem Heimatgebiet der heute untergehenden nordamerikanischen Algonkin-Indianer (wo von ihr gebildetes Gestein unter anderm gefunden wird) die algonkische oder kurz das Algonkium nennt; diese zweite Bezeichnung entspricht dem Brauch der auch sonst abkürzend von »dem Kambrium« oder »der Kreide« oder »dem Tertiär« geologisch reden läßt.
Mit diesem Algonkium geht für uns recht eigentlich der Vorhang der Erdgeschichte im engeren auf. Nicht allzu viel ist es, was wir von ihrem ersten Akt dabei noch zu sehen bekommen, aber bezeichnend genug ist es schon. Mit aller Sicherheit erkennen wir, daß wir auch hier nicht bei einem wirklichen Anfang der Dinge selbst, sondern bloß bei einem Anfang unseres Wissens stehen. Denn nicht erst im rohen Werden, sondern aufgeschlagen, längst offenbar aufgeschlagen bereits ist die ganze Bühne, auf der fortan die Erdentwicklung weiter spielen sollte. Man vermag dieser algonkischen Periode auf Grund ihrer bisher bekannten einwandfreien Hinterlassenschaften nicht mehr so auf der Erde nachzugehen, daß man eine Karte ihrer Länder und Meere entwerfen könnte. Aber das Wenige, das wir von ihr noch haben, beweist, daß sämtliche Voraussetzungen zu einer solchen Karte im heutigen Sinne schon in ihr klar gegeben waren. Nicht so, daß ihre Länder, Meere und Gebirge genau am gleichen Fleck hätten liegen müssen, wo diese geographischen Einzelheiten heute liegen; aber so, daß Land, Meer, Gebirge schon überhaupt vorhanden waren. Aus ganz einfachen Stichproben läßt sich das mit sieghafter Überzeugungskraft nachweisen.
Da gähnt in Nordamerika, in der Landschaft Arizona, das Naturwunder des sogenannten großen Cañon des Koloradoflusses. Alle Vergnügungsreisenden dort besuchen und bestaunen es heute schon. An einer weiten Hochebene hat sich eine Reihe von Jahrhunderttausenden lang wieder einmal die Macht des rinnenden Wassers erprobt. Das Stromnetz hat unablässig wühlend und nagend die Gesteinsschichten zerstückelt, eine nach der andern wie Butterbrotscheiben abwärts wieder erschließend, wie sie sich in der geologischen Reihenfolge der Perioden einst übereinander gestapelt hatten. Zuletzt hat es sich dann noch wie mit dem Messer in den Grund eingeschnitten, schauerliche Spalten von fabelhafter Tiefe bildend, die eher an die Rillen des Mondes erinnern, als an irdische Täler. Cañons, Röhren, nennt sie der Spanier. Jener größte ist 60 Meilen lang und bis 2000 Meter tief. Nackt starren die Schichten aus seiner Wand, in wunderbar grellen Farben gleißend, hinunter und hinunter steigend, als solle es mit dem Wort der Bibel wirklich bis in der Erde Nieren gehen. Schier unglaublich wirkt es schon, was an solchem einzelnen Fleck sich im endlosen Verlauf der Urwelt überhaupt alles ablagern konnte. Die Hochebene im ganzen beginnt fern oben mit Gesteinen aus der Tertiärzeit. Dann aber geht es rückwärts buchstäblich durch alle Weltalter. Die eigentliche enge Cañonspalte muß sich noch durch eine Bergesbreite Kalk und Sandstein der alten Steinkohlenperiode sägen. Bis sie noch immer tiefer und tiefer stürzend in ihrem grauenhaften Schlunde endlich auch den uralten Boden des Kambriums schneidet. Selbst dort aber ist diesmal kein Ende. Aufspalten muß sich die noch entlegenere Urerde des Algonkiums. Auf einen einzelnen hellen Augenblick sehen wir in ihre Landschaft. Aber wieviel sieht der Geolog da sogleich.
Abb. 7. Versteinerter Sand mit Erhöhungen und Furchen (sogenannten »Rippelmarken«), die durch Wellenschlag oder unmittelbar durch den Wind in urweltlichen Tagen erzeugt wurden.
(Aus dem Buntsandstein der Permperiode.)
Zu Stein verbackener Sand mit sogenannten Rippelmarken, rippenförmigen Erhöhungen und Furchen, wie sie durch Wellenschlag und Wind an flacher Küste noch heute entstehen, deutet auf Uferdünen. Also Grenze, wo Wasser und Land sich schon damals begegneten. Kalk hat sich abgesetzt, wohl aus seichten Seen; also auch so etwas war schon da. Zu andern Malen hat das wirkliche Meer den Fleck überflutet, Krebse und beschalte Wurmtiere heranführend. Gelegentlich im Laufe der Zeiten ist ein mächtiger Lavastrom des Weges geflossen. Also auch schon Vulkanismus. Und wie sollte er nicht? Die ganze Schichtenlage, nachdem sie eine geraume Weile sich so gebildet hatte, ist eines Tages damals schon ergriffen worden auch vom Schaukeln der Steinflut. Spalten sind hindurchgebrochen, von denen wir wissen, daß sie dem Aufquellen glühender Massen heute noch so günstig sind. An diesen Spalten haben die ganzen Schichten sich zerstückelt, verschoben, schief gelagert, steile Blockmassen als Berge und tiefe Senken als Täler bildend. Auch dieses zeitweise Landschaftsrelief aber ist durch den Kreislauf der Gewässer abermals abgenagt, geglättet, in ebenen Plan verwandelt worden, ehe noch die folgende kambrische Periode begann. Denn diese konnte ihre eigenen Schichten wieder ganz wagerecht auf solchem Plan lagern. Noch mehr aber verrät uns das Wunder des Cañon. Ehe das alles sich bildete im Algonkium, diese Ufersande, Kalke, Lavadecken, hatte an dieser gleichen wandlungsreichen Stelle bereits ein gewaltiges Gebirge gestanden. Kristallinische Schiefer, durchsetzt mit empordrängendem Granit, waren durch Faltung der damaligen Erdrinde (damals schon!) hoch emporgestaut worden, wie so viel Jahrmillionen später unsere noch stehenden Alpen oder Kordilleren. Noch zeigt die tragende Masse unter jenen andern Schichten innerlich ganz deutlich die Wellenlinien dieser Faltung. Aber wiederum: noch ehe jene algonkischen Schichten, die heute darauf lagern, sich absetzen konnten, hatte auch an diesem Gebirge die zerstörende Verwitterung durch den schürfenden, sprengenden und schmelzenden Wassertropfen gearbeitet. Und heruntergearbeitet endlich (in was für Zeiträumen sicherlich!) hatte sie noch vorher das ganze, ganze Gebirgsrelief schon so vollkommen, daß auch dieses Gebirge zuletzt wieder einen oben vollständig glatten Plan gebildet hatte, der nur noch in der Tiefe die letzten abgeschnittenen Faltungszacken wahrte. Über die flache Platte dieses Blocks aber war dann die Uferwelle dahergekommen, die jene Rippelmarken in den Sand schrieb, – in den Sand, in dem wohl hier und da noch letzte Körnchen von diesem abgewaschenen Gebirgsrelief selber lagen. Kein Zweifel: alles, was bis heute eine »Karte« auf der Erdkugel gebaut hat, ist schon damals beim Werk gewesen. Und auch das bestand bereits, was in aller Folge so abhängig gewesen ist von dieser Erdkarte mit seinen tausend Anpassungen und Entwicklungen, zugleich aber dieser Karte erst noch wieder den eigentlichen Inhalt für uns gegeben hat: das organische Leben.