ZWÖLFTES KAPITEL.
GONDAR IM JAHRE 1881.

Die Lage Gondars. – Theodor plünderte die Stadt. – Ursachen der verminderten Bevölkerung. – Der von der frühern Kaiserfamilie abstammende Knabe. – Milde des Negus Johannes gegen Abkömmlinge vormaliger Kaiserfamilien. – Der Gemp oder das Kaiserschloss. – Der Eremit auf dem Thurm. – Besuch beim obersten Geistlichen. – Theuere Marktpreise. – Gold- und Silberarbeiter. – Sklavenhandel in Abessinien verboten, doch noch betrieben. – Der Vater des Etschege. – Zahl und Beschäftigung der Geistlichen. – Lustschlösser. – Kirchen. – Stadttheil der Falascha oder Juden. – Die Falascha-Missionare. – Die Falascha von den Soldaten geplündert. – Abschied. – Der Mönch.

GONDAR MIT DEM GEMP (KAISERSCHLOSS).

S. 252.


GRÖSSERE BILDANSICHT

Gondar liegt auf einem Sporn, welcher aus den gleich nordwärts von der Stadt sich zusammenziehenden Bergketten entspringt. Westlich davon rinnt die Kaha, östlich der Angareb. Beide vereinigen sich am Fusse des Gondarberges zum Kaha-Angareb und gehen dann bald darauf in den Magetsch, dessen aus Lavasteinen erbaute Brücke wir soeben überschritten. Noch erblickt man nichts von der alten Stadt, dann aber plötzlich – man glaubt zu träumen – tauchen Burgen und Schlösser auf, man erblickt crenelirte Mauern, in weiterer Entfernung liegen, versteckt zwischen buschigen Bäumen, Paläste und Kirchen. Ist das eine abessinische Stadt? – Wenn man sonstwo in Abessinien auf eine Stadt oder einen grössern Ort trifft, sieht man weiter nichts als eine Anhäufung spitzdachiger, strohbedeckter, gleichförmiger Hütten. Und daneben oder darüberhin ragt ein grösseres Gebäude mit konischem Dach: es ist die Kirche, die gewöhnlich in einem Hain von Oel- oder Wachholderbäumen liegt. Wie so ganz anders hier! In Gondar herrschte europäischer Einfluss, das merkt man gleich. Freilich, beim Näherkommen wird dieser erste Eindruck abgeschwächt, weil sich nun bald auch die eigentlichen Stadttheile der Eingeborenen herausheben, die man zuerst gar nicht bemerkte oder übersah. Jene auf europäische Art gebauten Burgen und Schlösser bilden einen eigenen, vom übrigen abgesonderten Stadttheil, aber die Spannung bleibt doch, und man beeilt sich mit der Findung des Lagerplatzes, um so bald wie möglich die interessanten Baulichkeiten einer nähern Besichtigung unterwerfen zu können.

Wie immer, so lehnte ich auch diesmal die von den Bewohnern uns angebotene Wohnung ab, obwol sie uns dringender als anderwärts dazu einluden, und am dringendsten der neue Kentiba[130], welcher zugleich mit uns Debra Tabor verliess, wo er einige Tage vor unserer Abreise vom Negus mit der Bürgermeisterei von Gondar belehnt worden war. Ich liess mein Zelt am Westrande der Stadt, aber etwas unterhalb ihres bewohnten Theiles neben dem Flusse Kaha aufschlagen, mit der Aussicht auf die Lustgärten und Bauten Quosquam.

Der ganze Morgen ging hin mit Empfang von Besuchen: zuerst kam der Kentiba mit den ältesten Bewohnern, dann die Geistlichkeit von den vielen einzelnen Kirchen, deren jede ihre Vertreter schickte, sodass der Empfang kein Ende nehmen wollte. Auch der Stellvertreter des Etschege erschien und bedankte sich für das rothe Tuch.[131] Alle baten um Entschuldigung, wenn die mir gebührende Lieferung nicht genau käme, aber das war nur eine falsche Bescheidenheit, denn von allen Seiten strömten die Gaben herbei, und da ich keine einzige ohne ein entsprechendes Gegengeschenk annahm, herrschte zwischen uns bald das beste Einvernehmen.

Natürlich hielt ich sobald wie möglich Umschau über eine Stadt, welche wegen ihrer ausgezeichneten Lage sicher dermaleinst wieder eine Rolle spielt.

Gondar liegt nach Bruce[132] auf 12° 34′ 30″ nördl. Br. und 37° 33′ östl. L. von Greenwich.[133] Die Höhe über Massaua beträgt ca. 1904 m, über dem Tana-See ca. 149 m. Die von drei so vorzüglichen Beobachtern verschieden angegebene Breite der Stadt erklärt sich zum Theil vielleicht aus den verschiedenen Standpunkten bei der Beobachtung, denn die Länge von Norden nach dem Süden beträgt mindestens 3 km.

Gondar soll unter Kaiser Fasilidas, welcher von 1633–1668 regierte und als Kaiser den Namen Alem Saged führte, erbaut sein. Wahrscheinlich ist aber Gondar als abessinische Stadt weit älter; nur die grossartigen Bauten: der Gemp, die Lustschlösser und die steinernen Brücken in der Nähe der Stadt verdanken ihm ihre Entstehung. Die Einwohnerzahl ist je nach der Anzahl der jedesmaligen Besucher verschieden. Wenn Bruce für Gondar 10000[134] Familien annimmt, müsste man die Einwohnerzahl mindestens auf 40000 Seelen veranschlagen. Combes und Tamisier geben nur 6000 Einwohner an; Rüppel, welcher etwas früher in Gondar war, 6500, d’Abbadie 12–13000. Heuglin greift wieder auf die Rüppel’sche Zahl zurück und spricht von 6–7000 Seelen. Unter den neuern Reisenden liess sich Vigoni[135] von 8000 Einwohnern erzählen, ohne aber für diese Angabe einstehen zu wollen. Heuglin sagt übrigens in seinem ältern Werke (Gotha 1857): Gondar besitze höchstens 5–6000 Einwohner, dürfe aber vor wenigen Jahren noch mindestens die doppelte Zahl von Einwohnern gehabt haben.

Ich selber versuchte weder die Zählung der Häuser, wie Rüppel, noch die der Familien, wie Bruce. Mein Aufenthalt, der sich kaum auf eine Woche erstreckte, gestattete das nicht. Aber nach häufigen Gängen durch die Stadt, nach Besichtigung aller Stadttheile, kam ich zu der Ueberzeugung, dass Gondar im Jahre 1881 höchstens noch 4000 Einwohner besass, und begründe die Abnahme der so grossen frühern Einwohnerzahl durch den Umstand, dass Gondar nicht ferner Residenz für die Kaiser von Abessinien, die Atseh, und ebenso wenig für die Itegeh, d.h. Kaiserinnen blieb, welche in Gondar Hof zu halten pflegten, falls die Kaiser ins Feld rückten. Zwar verloren die Kaiser in den letzten Jahren mehr und mehr an Ansehen und Reichthum, aber der mit ihrer Person doch immer verbundene Nimbus verfehlte nicht, manche abessinische Familien nach Gondar zu ziehen. Rüppel, d’Abbadie, Tamisier und Combes, welche als letzte Europäer noch den letzten Schattenkaiser besuchten, geben uns in ihren Schilderungen ein treffendes Bild davon. Sodann bewirkten die entsetzlichen, über die Stadt verhängten Heimsuchungen Theodor’s die starke Verminderung der Einwohnerzahl Gondars. Nicht nur mordete und schändete er, sondern alles in seinen Augen nur einigermassen Werthvolle schleppte er fort. Gondar, zweimal von Theodor überfallen und gründlich ausgeplündert, verlor, wie man sagt, unter seiner Regierungszeit 5000 Einwohner. Und wenn auch nur die Hälfte der angegebenen Zahl sich bewahrheiten liesse, wie schrecklich für eine Stadt! Bei der Gelegenheit soll Theodor auch sämmtliche Bücher, deren er nur habhaft werden konnte, weggeschleppt haben. So sehr ich auch nach amharischen geschichtlichen Werken in Gondar sowol wie auch später in Axum forschte, wo ich namentlich auf die Chronik fahndete, deren Rüppel im zweiten Bande seines Werkes, S. 108, erwähnt, es gelang mir nur Bücher religiösen Inhaltes ans Tageslicht zu ziehen. Von den vielen Büchern, welche z.B. Combes und Tamisier als vorhanden anführen, war, ausser solchen religiösen Inhalts, kein einziges aufzutreiben. Und sicher hielt sie nicht böser Wille verborgen: mit dem Kentiba und der ganzen Geistlichkeit stand ich ja auf bestem Fuss, wie man mir denn auch Kirchengeräthe verkaufte. Aber auf meine Frage nach Büchern gaben sie stets die Antwort: „Theodor hat alle fortgeschleppt“. So auch in Matraha. Die werthvollsten abessinischen Bücher befinden sich jetzt wol in London, da den Engländern die ganze Bibliothek Theodor’s auf Magdala in die Hände fiel. Wie vieles aber mag bei dieser Gelegenheit zu Grunde gegangen sein, denn die ganze Umgebung von Magdala war beim Rückzug der englischen Truppen mit zerrissenen amharischen Büchern, losen Blättern und Fragmenten überstreut.

Als dritte Ursache der Entvölkerung kann man auch die gewaltsame Bekehrung der Mohammedaner anführen. Der mohammedanische Stadttheil, Islambed genannt, welcher nach Rüppel 300 Häuser enthielt, steht jetzt fast ganz verlassen da. Denn wenn auch ein Theil von den Muselmanen zur christlichen Religion übertrat, so wanderten doch die meisten aus Gondar aus, an welchen die Stadt eine grosse Zahl geschickter Arbeiter verlor. Seuchen, welche gleichfalls in diesem Theile von Abessinien wütheten, trugen auch wol zur Verminderung der Einwohnerzahl bei; kurz, ich glaube mit 4000 die Seelenzahl Gondars sehr hoch angegeben zu haben.

Was weiterhin dem Beobachter bei den Bewohnern von Gondar auffällt, ist die meist vollkommen kaukasische Bildung: sehr viele tragen schlichtes Haar, das sogar nicht einmal die leiseste Kräuselung zeigt. Ich glaube dies direct auf die Portugiesen zurückführen zu müssen. Hier lebten sie ja vorzugsweise und vielleicht im Verhältniss zur abessinischen eingeborenen Einwohnerschaft in grosser Zahl. Kräftig und im besten Alter kamen sie. Und wenn schon die meisten Reisenden und Missionare sich nicht abhalten liessen, mit den jungen schönen Abessinierinnen, die ja so unbefangen ihre Liebe bieten, nähere Verhältnisse einzugehen, die fast nie ohne Folgen blieben, um wie viel mehr ist das von den im Lande bleibenden Portugiesen anzunehmen! Der Einfluss auf körperliche Bildung macht sich auch bis heute noch geltend. Wie viele Jahre sind denn seit jener Zeit verflossen? Etwa zweihundert. Also durch etwa sieben oder acht Generationen hindurch läuft das portugiesische Blut. Einer meiner Diener aus dieser Stadt, Namens Muchenen, sah den Portugiesen so ähnlich, dass ich hätte schwören mögen, sein Ururgrossvater sei Portugiese gewesen.

Im übrigen hat sich das Aussehen Gondars, seitdem es die letzten Reisenden beschrieben, wol wenig verändert. Abbadie, Rüppel, Combes und Tamisier sahen und begrüssten noch den letzten Schattenkaiser Atse Sahala Dinguil oder, wie Rüppel schreibt, Aito Saglo Denghel. Der Titel Atse ist augenblicklich in Abessinien erloschen. Es existiren aber noch immer Cognaten der Familie. Ein Knabe von 12–14 Jahren, der Kaiserfamilie entsprossen, besuchte mich zweimal; er brachte auch Geschenke, die ich erwiderte, aber der Aufforderung, seinen Vater zu besuchen, mochte ich nicht nachkommen, um nicht durch meine Aufmerksamkeit den jetzigen Negus Negesti zu verletzen.

Die alte Sitte des Tödtens oder des Einsperrens der nähern und nächsten Verwandten der abessinischen Herrscherfamilie existirt heute nicht mehr. In frühern Jahrhunderten hielt man sie auf irgendeiner Amba gefangen, jetzt lässt man sie leben und laufen. Wir sahen, dass der jetzige Negus Johannes, welcher im günstigsten Falle Cognat der kaiserlichen alten Familie ist, den Menelek von Schoa, der viel grössere Anrechte auf die Stelle eines Atse hätte, nicht nur leben liess, sondern auch aufs neue mit dem Königreich Schoa belehnte. Ja sogar auch der älteste Sohn Theodor’s, Meschescha, erhielt die seinem Vater ursprünglich eigene Provinz Quorra zurück. Meschescha fand ich am Hofe des Kaisers, woselbst auch der jüngste erst 15 Jahre alte Sohn des Kaisers Theodor, Namens Heilu, eine prinzliche Stellung einnahm. Die ehemals dem König von Schoa verlobte Tochter Theodor’s lebt jetzt verheirathet mit Ras Bariau, dem Statthalter von Schireh. Dieselbe Herrscherfamilie, welche zu Zeiten des Tekla Haimanot die Provinz Lasta erhielt[136], waltet seit der Zeit der Theilung bis heute noch im Ras Gobesieh und Ras Buru-Lande. Uebrigens bewirkt die vermeintliche Abstammung von der alten Salomonischen Dynastie in Abessinien stets Unheil genug. Jeder Prätendent hat nichts Eiligeres zu thun, als sich seinen Stammbaum zurechtzulegen, um seine Ansprüche womöglich in den Augen des dummen Volkes durch eine hundertfältige Ahnenreihe zu legitimiren.

Das Verhältniss der Stadt Gondar ist so: der nordwestlichste Theil, Etschegebed, wird westlich von Felaschabed, welches 2 km ausserhalb der eigentlichen Stadt liegt, durch die Kaha getrennt. Das eigentliche Quartier der Bewohner, Farsbed, liegt südlich vom Gemp oder östlich von Etschegebed; südlich von letzterm, aber getrennt davon durch einen grossen unbewohnten Raum, das ehemalige Quartier der Mohammedaner: Islambed; endlich oberhalb des letztern Gaingbed. Auf hügeligem Berge nimmt den nördlichsten und höchsten Punkt der Gemp ein, zwischen welchem und der übrigen Stadt sich ein grosser freier Platz für den Wochenmarkt befindet. Unregelmässig schon wegen der hügeligen Lage, unterscheidet sich die Stadt in ihrem Aeussern durch nichts von den andern grossen Städten des Reichs. Dieselbe Form der Häuser und Kirchen, dieselben krummen Strassen zwischen hohen steinernen Mauern, hinter welchen die runden steinernen Hütten der Bewohner liegen. Doch kann man immerhin in Gondar eine verhältnissmässig grössere Zahl zweistöckiger Hütten finden, die Mauern sind sorgfältiger gearbeitet, und kleine runde Bogenfenster neuern Ursprungs bezeugen, dass die Abessinier das Wölben von den Portugiesen lernten.

Von weitem und von höher gelegenen Punkten sieht Gondar, abgesehen von den wahrhaft grossartigen Ruinen, wirklich reizend aus. Dort die vielen Kirchen in uralten Hainen von Juniperus- und wilden Oelbäumen, und fast in allen Höfen die Uontsa (cordia habessinica) oder grosse Sykomoren! Häufig auch lugen über die mit Rankgewächsen und anderm Grün umsponnenen Mauern Mandeln-, Granaten-, Citronenbäume und Schambukgebüsch (Arundo Donax), jenes dem Spanischen Rohr ähnliche Gras.

KAISERLICHES GEBÄUDE IN GONDAR.

THEILE DES GEMP MIT VERZIERUNGEN, WIE SIE HIER UND DA IN STEIN ERHALTEN SIND.

S. 260.


GRÖSSERE BILDANSICHT

Die meisten Reisenden machen der eigentlichen Stadt, welche am höchsten liegt, den Mangel an Wasser zum Vorwurf. Gondar hat allerdings oben keinen Brunnen, aber zu beiden Seiten der Stadt fliesst Wasser, und je nördlicher, desto näher ist man demselben. Wir campirten weit nach Norden, aber südwestlich vom Gemp, und gleich zu unsern Füssen floss der Kahafluss, aus welchem man fleissig oberhalb Trinkwasser schöpfte, während ihn unterhalb waschende Männer benutzten.

Unser erster Gang galt natürlich dem berühmten Kaiserschlosse, dem schon mehrfach erwähnten Gemp, welchen englische und deutsche Reisende so oft und ausführlich beschrieben, dass eine Wiederholung überflüssig sein möchte. Trotzdem Theodor einigemal im Gemp residirte, kann jetzt von Wohnbarkeit keine Rede mehr sein. Rüppel, Combes, Tamisier fanden doch noch einige bewohnte Gemächer, in welchen der letzte, in nothdürftige Lumpen gehüllte Atse ihnen Audienz ertheilte. Jetzt könnte man kaum noch gegen die Unbilden des Wetters irgendeinen sichern Platz darin finden. Dennoch erregen die wirklich grossartigen Ruinen unser Erstaunen. Von weitem gesehen, macht der Gemp mit den ihn umgebenden, oft 10 m hohen crenelirten Mauern den Eindruck jener alten genuesischen und venetianischen Schlösser, wie man sie im Orient überhaupt und ebenso an der istrischen und spanischen Küste sieht, wenn man von Barcelona südwärts mit dem Dampfer bis Cartagena oder Valencia fährt.

Durch einen hohen gewölbten Bogengang in der Mauer betritt man den grossen gepflasterten Hofraum: eine sonst in Abessinien unbekannte Sache, wenn man absieht von der grossen Plattform vor der Kirche von Aksum. Die Mauern des eigentlichen kaiserlichen Palastes sind gut erhalten, da das Gestein aus Basalt und nur die Fenstereinfassung aus Sandstein besteht, der, wie Heuglin meint, aus Korata stammt. Aber wie traurig sieht es im Innern aus! Die grossen Säle mit ihren Decken in Stucco sind halb verfallen; die geschwärzten Kamine, die Nischen, die alkovenartigen Oeffnungen: alles das lässt wol noch die ehemalige Bestimmung erkennen, ist aber jetzt ganz unbenutzbar. Die Fussböden mancher Zimmer sind jetzt mit Lebensgefahr zu begehen: der Regen hat den Mosaikboden, der darauf ruhte, aufgeweicht, und oft gähnt uns durch ein grosses Loch die darunterliegende Halle entgegen. Die steinernen Treppen zu den Thürmen hinauf, deren massiv cementirte Kuppeln crenelirte Umgänge haben, sind gut erhalten. Auf einem der Thürme fanden wir im obersten Gemach einen Eremiten, welcher, wie er angab, seit zwölf Jahren nicht aus seiner Behausung herauskam. Seine Nahrung, ausschliesslich Brot und Wasser, brachten ihm die Bewohner Gondars und der Umgegend: ein grosser Haufen Brot sowie ein Napf klaren Wassers gaben Zeugniss davon. Seine ganze Kleidung bestand in einem ledernen Hemde. Dazu ein grosser Stab, um Fledermäuse und andere lästige Thiere fern zu halten, ein Rosenkranz und ein Messingkreuz: das war das ganze Geräth dieses sonderbaren Heiligen. Er starrte von Schmuz, denn natürlich hatte er sich seit zwölf Jahren nicht gewaschen, was seine Heiligkeit in den Augen der Abessinier besonders hervorhob.

Welch eine wunderbare Fernsicht von diesem Thurme herab! Ich glaube, kaum von einem Schlosse in Europa gibt es eine schönere. Vollkommen begreiflich, dass hier thatkräftige Kaiser ihr Schloss erbauten. Zu unsern Füssen die ausgedehnte Stadt; dann nach Süden der Blick über die fruchtbarsten Gefilde von Dembea, die sich immer mehr erweitern und auf den herrlichen Tana-See auslaufen, den man am Horizont hell erglitzern sieht.

Besonders interessirten mich am Boden der verschiedenen Säle die Verzierungen, welche meistens an maurische Architektur erinnerten. Stets wiederholte sich im Stucco das sogenannte Siegel Salomonis, offenbar eine Anspielung auf die Abstammung der Dynastie von Salomo, denn an einen wirklichen Zusammenhang mit maurischer Architektur kann nicht gedacht werden. Das oft angebrachte Kreuz sah man sowol in Stucco als auch auf den äussern Gebäuden in Stein ausgehauen. Auch fehlte im Relief der abessinische Löwe nicht, ganz so, wie man ihn in den Siegeln der Negusse eingeschnitten findet.

Betrachtet man bei der Durchwanderung diesen Palast mit seinen grossen Sälen, Corridoren, Galerien und Kellern, mit den wohlerhaltenen steinernen und halbverfallenen hölzernen Treppen, mit den hohen, stets glasfensterlosen Rundbogenöffnungen, vor welchen aber noch halbvermoderte Holzläden in den verrosteten Angeln hin und her klappern, so konnte man sich trauriger Gedanken nicht entschlagen. Aber die nicht gänzliche Ruinhaftigkeit des Gemp berechtigt zu der Hoffnung, dass dereinst irgendeinem starken Geiste die Wiederaufrichtung Gondars, des Gemp und des ganzen abessinischen Reiches gelingen werde.

Dieser grosse Palast ist keineswegs das einzige Gebäude in dem weitläufigen, von der Mauer umgebenen Hofraume. Nordwestlich erhebt sich, nur kleiner, aber ebenfalls mit flachem Dach und von Thürmen flankirt, ein Ebenbild des grossen Palastes, bestimmt für den Ras, welcher, obschon in Wirklichkeit der Herrscher von Abessinien, äusserlich dem Kaiser nachstand. Der dicht neben dem Palaste des Kaisers befindliche, durch eine Brücke damit verbundene Palast der Kaiserin verdient auch Beachtung. Einen kleinen, zierlichen, pavillonartigen Bau bezeichnete unser Gondarensischer Führer als „Liebeshaus“, in welchem sich die Geliebten der frühern Kaiser aufhielten.

Im innern Hofe des Gemp sieht es entsetzlich verwildert aus: überall fast undurchdringliche Dickichte von Ricinus, Schambuk (Arundo Donax) und Schlingpflanzen, durch die sich Hyänen und andere Raubthiere enge Pfade zu ihren Höhlen in den dunkeln Gewölben bahnten. Man darf daher ja nicht allein und unbewaffnet im Gemp umherwandeln. Wie unser Führer versicherte, sind häufig schon Kinder, welche sich zum Spielen dorthin begaben, nicht zurückgekehrt.

Auch die von Heuglin schon erwähnten schönen und jetzt prächtig entfalteten Dracänen fanden wir in den Hofräumen des Gemp.

Natürlich machten wir auch dem obersten Geistlichen der Stadt einen Besuch. Seine Wohnung liegt jetzt auf dem höchsten Punkte inmitten Islambeds. Aber für einen so wichtigen Mann, mindestens ein Bischof an Rang, war sein Haus dürftig und arm eingerichtet. Der hohe Geistliche hatte gerade einen Ochsen abschlachten lassen, weshalb wir eine Zeit lang im Hofe warten mussten und zusehen konnten, wie die untere Geistlichkeit seines Sprengels, welche zugleich bei ihm Dienerstelle vertrat, Brondo ass. Zufällig bemerkte ich auch durch die Thür, wie der hohe Würdenträger selbst seine Mahlzeit einnahm, wobei zwei andere Geistliche ihm ihre Schama überbreiteten[137], damit er von niemand gesehen werde. Wir wurden recht freundlich aufgenommen und dann über eine steinerne Treppe ins obere Haus geführt. Die Bewirthung beschränkte sich, wie fast überall in Gondar, auf Schnaps von sehr zweifelhafter Güte, ja, von fuseligem Geschmack. Die, wie gesagt, nicht besondere Wohnung bestand aus einem Erdgeschoss, in das man nachts Vieh hineintreibt, und einer obern Abtheilung, welche eigentlich nur einen grossen Raum bildet, denn die von derselben ausgehenden kleinern Räumlichkeiten sind so klein, dass sie zum Wohnen nicht benutzt werden können. Dem sofort eröffneten religiösen Gespräch suchte ich mich dadurch zu entziehen, dass ich durch Schimper erklären liess, ich verstände absolut nichts von solchen Dingen. Und als er dennoch immer wieder darauf zurückkam und namentlich meine Meinung über die Jungfrau Maria wissen wollte, machte ich der Sache dadurch ein Ende, dass ich mich erhob und verabschiedete.

Beim Durchreiten des ehemaligen mohammedanischen Stadttheils gewährten die vielen leerstehenden Wohnungen, trotz der kurzen herrenlosen Zeit schon wahre Ruinen, einen trostlosen Eindruck. Noch trauriger sehen aber die leerstehenden oder vielmehr verwaisten Moscheen aus, welche der Pöbel zum Theil demolirt zu haben schien, denn durch grosse Maueröffnungen konnte man in das Innere derselben hineinsehen.

Ich ritt sodann zum Kentiba, welcher in dem vornehmen Gaingbed seine Amtswohnung hat. Aber trotzdem sie vorher, wie Schimper sagte, eigens gereinigt worden war, roch es darin von wahrhaft schauderhaften Dünsten. Auf dem Raume zwischen dem Gemp und Gaingbed hielt man gerade grossen Markt, den wir mit allem zum Leben Nothwendigen sehr gut versehen fanden. Sogar europäische Gegenstände konnte man erhalten, aber zu fabelhaften Preisen. So kostete ein gewöhnlicher Spülkump von weissglasirtem Steingut, wie man ihn in Deutschland und England für 10–15 Pfennig kauft, einen Maria-Theresienthaler, d.h. vier Mark. In demselben Verhältniss theuer waren die sogenannten Beril, d.h. bauchigen Flaschen, aus denen man Tetsch trinkt, Gläser und leere Weinflaschen, sowie andere nicht in Abessinien vorkommende Gegenstände. Ausserdem gab es kleine Spiegel, bunte Taschentücher, weissen, rothen und schwarzen Zwirn, rothes Garn, Knöpfe, Glasperlen verschiedenster Art, meist für die Gallaländer bestimmt. In den Häusern selbst boten aber auch Kaufleute Tuch, Kattun, Sammt und Seide feil. Die Gold- und Silberarbeiter sind meist eingewanderte Griechen oder Mohammedaner, welche in Abessinien Christen wurden oder werden mussten. Ihre Schmucksachen aus Silber oder vergoldetem Silberfiligran würden jedem europäischen Goldschmied zur Ehre gereichen. Ich kaufte kleine Haarnadeln und Silberkettchen mit Medaillons, die manchmal in Gestalt reizender Büchsen oder Rollen Amulette oder Moschus enthalten, welcher bei den Abessiniern beliebt ist.

Die Abessinier, gleichgültig ob christlicher oder mohammedanischer Abstammung, verstehen schon längst die Kunst des Vergoldens. Sie amalgamiren Quecksilber mit Gold, reiben damit das Silber ein und verflüchtigen dann das Quecksilber durch Feuer. Ueberhaupt haben sie in Gold- und Silberarbeiten von allen afrikanischen Völkern, selbst Araber und Berber nicht ausgenommen, den höchsten Grad der Kunst erreicht.

Aeusserst billig waren auf dem Markte die heimischen Producte. Der Thaler hatte hier einen Werth von zwanzig Amolen. Ein gutes Pferd konnte man für sechs bis acht Thaler, ein gutes Rind für drei bis vier Thaler bekommen. Der Kaffee war ebenso billig wie in Debra Tabor, desgleichen Mehl, Getreide, Zwiebeln, Knoblauch, rother Pfeffer. Auf meine Frage, ob man auch Sklaven kaufen könne, erhielt ich eine verneinende Antwort. Der jetzige Negus Negesti verbot den Sklavenhandel im Umfang seines ganzen Reiches, gleichwol betreibt man ihn in Godjam und Schoa wenigstens mit Mohammedanern und Heiden noch öffentlich. Ja, man sagte mir, dass selbst Johannes nach grossen Raubzügen ein Auge zuzudrücken pflege, wenn seine Soldaten von den geraubten Frauen und Kindern welche verkaufen, nur dürfen es keine Christen sein. Männer werden stets entmannt und getödtet. Der fortwährende Sklavenhandel auf der ägyptischen Grenze ist eine bekannte Thatsache. Die ägyptischen Soldaten verkaufen ihre gefangenen hübschen Abessinierinnen oder heirathen sie bestenfalls, stets aber müssen diese zum Islam übertreten. Viel häufiger noch fallen mohammedanische Civilisten, welche den immerwährenden Kriegszustand benutzen, auf abessinisches Gebiet ein, um zu plündern und Gefangene zu machen, die sie verkaufen. Die englische Jagdgesellschaft, welche 1881 aus Bogos und Mensa zurückkam, traf unterwegs eine ganze Karavane gefesselter abessinischer Sklaven. Dass von Suakin Sklaven ausgeführt werden, erwähnte ich bereits. Es ist auch ganz unmöglich, die weite ägyptische Grenze zu überwachen. Die ägyptische Regierung möchte den Sklavenhandel gern abschaffen, kann es aber nicht. Das ganze, durch die mohammedanische Religion aufs innigste mit dem Wesen der Sklaverei verwachsene Volk hält diese für gesetzlich.

Anerkennen muss man aber doch immer, dass sowol Theodor, dieser auf Plowden’s und Bell’s Zureden, wie auch später Johannes den Sklavenhandel verbot. Anzuerkennen deshalb, weil bei den Christen Abessiniens Neues und Altes Testament in gleicher Geltung steht, in letzterm aber genug Stellen vorkommen, aus denen mit Leichtigkeit Sklavenhalten und Sklavenverkauf als vollkommen erlaubte Dinge nachgewiesen werden können.

Ich besuchte auch den ehrwürdigen Vater des Etschege. Obschon ohne officielle Stellung und nicht einmal Geistlicher, bewohnt er eine schöne Wohnung in Etschegebed, eigentlich die einzige in Gondar reinlich gehaltene, in der sich auch etwas Luxus entfaltete. Der alte Mann vereinte viel Wohlwollen mit Wissen, und eine gewisse Herzensgüte leuchtete von seinem Antlitz. Sein Sohn, damals oberster Geistlicher im Reich, war sein Abgott. „Ich bete täglich, dass es ihm gelinge, den Kaiser von Raubzügen abzuhalten und zu veranlassen, dass er sich eine feste Wohnstätte wähle. So lange keine feste Residenz, so lange kein Friede im Lande!“ fügte er nach einer Weile hinzu. Ich hütete mich wohl, irgendwie eine Meinung zu äussern, obwol ich innerlich aus vollem Herzen zustimmte. Denn eine feste Residenz würde den Negus nöthigen, seine Einkünfte zu regeln, seine Truppen, seine Beamten zu besolden. Dann endlich wäre das Land vor jenen Raubzügen sicher, welche jetzt unternommen werden müssen, um die Truppen zu ernähren.

Auch der Vater des Etschege liess uns Schnaps darbieten, den wir nicht ausschlagen durften. Man trank ihn aus kleinen Kaffeeschalen, zuvor aber musste der Diener einige Tropfen davon kosten, um an den Tag zu legen, dass kein Gift darin sei.

Nach der Aussage der Bewohner hat Gondar vierzig Kirchen. Die Zahl der Geistlichen ist Legion. Ob sie aber 1200 beträgt, wie Heuglin will, wage ich nicht zu behaupten. Man nannte mir einige hundert. Aber das ist für eine Stadt von höchstens 4000 Seelen schon zu viel. Man sollte meinen, in Abessinien seien die Geistlichen ohne alle Beschäftigung, aber das ist keineswegs der Fall: nicht selten Meister der Kalligraphie, stellen sie auf Pergament geschriebene Prachtwerke mit schön ausgemalten Anfangsbuchstaben her. Uebrigens malen sie auch alle Bilder: kleinere auf 20 cm langen oder grössere auf 3–4 m langen und nur 10 cm breiten Pergamentstreifen, wo Bibelsprüche mit scenischen Darstellungen abwechseln. Dann die grossen Kirchenbilder. Ebenso verfertigen sie jene Andachtskrücken, deren sich stets alle abessinischen Geistlichen, auch Mönche und Nonnen, bedienen, zu welchen ihnen Goldschmiede die eisernen, messingenen, silbernen und goldenen Kreuze liefern. Ferner die höchst originell gearbeiteten Lesepulte, welche gewöhnlich aus einem Spiess bestehen, den man auf Pilgerreisen als Waffe brauchen kann. Will man ihn als Pult benutzen, so steckt man die eiserne Spitze in die Erde und befestigt ein Pult daran, mit Bleikugeln an zwei Schnuren, die man auf die Seiten des Buches legt, damit sie der Wind nicht umweht.

Wie zur Zeit der frühern Kaiser ist Gondar auch jetzt noch immer Mittelpunkt der Kunst und Wissenschaft, wenn von letzterer die Rede sein kann. Hier erhalten die meisten Geistlichen und zahlreicher als in Aksum, ihre Ausbildung, auch Laien. Namentlich kommen die Söhne vornehmer Familien nach Gondar, um lesen und schreiben zu lernen.

Wie schon erwähnt, werden hier die hauptsächlichsten Gold- und Silbersachen hergestellt. Aber auch solche von Horn, namentlich die Trinkbecher. Dann musikalische Instrumente, Kirchengefässe, prächtige Sattel für Pferde und Maulthiere, und nirgends kunst- und prachtvoller.

Nichts gibt aber dem Fremden einen bessern Begriff von dem ehemaligen Glanze und der Pracht, welche an den Höfen der frühern äthiopischen Kaiser geherrscht haben muss, als ein Besuch der ausserhalb der Stadt zerstreut liegenden Lustschlösser.

Verlässt man Gondar westwärts, so trifft man zuerst auf ein längliches Viereck hoher steinerner Mauern mit Schiesscharten und an den Ecken mit Thürmen, von denen einige mit Thüren versehen sind. Südlich bemerken wir eine grosse Bresche und ein offenes Thor von niedrigen Verhältnissen, nördlich den Haupteingang durch ein besonderes Gebäude hindurch. Von dem eigentlichen Schloss sieht man von aussen gar nichts, denn ein einziger dichter Wald prachtvoller uralter Wachholderbäume ragt über den Mauern hervor. Es ist dies das vom Kaiser Jasu Berhan Saged erbaute Lustschloss, welches Heuglin merkwürdigerweise als eine von Fasilidas erbaute Kirche bezeichnet. Das Schloss, Namens Kaha-Mankil, hatte wahrscheinlich wie in Kassel das Marmorbad dieselbe Bestimmung. Nur ist die Anlage ganz anders. Inmitten des herrlichen Gartens grub man ein grosses ca. 3 m tiefes Becken und darin auf steinernen Säulen und Bogen erbaute man ein wie der Garten längliches Haus mit zwei Zimmern, also mit derselben Anordnung, wie das vom jetzigen Kaiser auf Samara in Debra Tabor errichtete. Das Ganze ist Ruine, aber nicht dergestalt, dass es nicht mit einigem Aufwand vollkommen wiederhergestellt werden könnte. Eine Brücke, welche zum Hause führt, ist noch vorhanden. Selbst die Wasserleitung, um das Becken zu speisen, existirt noch. Sie kommt aus der unfern vorbeifliessenden Kaha, welche diesem Lustschloss den Namen gab und speiste ausserdem noch zwei grosse massiv aufgeführte Badestuben, die jedoch jetzt vollkommen Ruine sind.

QUOSQUAM, RUINE DES KAISERLICHEN LUSTSCHLOSSES.

MIT ORNAMENTEN IN VERGRÖSSERTEM MASSSTABE.

S. 271.


GRÖSSERE BILDANSICHT

Noch vor dem Betreten dieses reizenden Lustgartens bemerkt man an der nordöstlichen Ecke des Gartens einen kleinen Dom, welcher in seinem Aeussern sehr an die bekannten „Marabuts“, d.h. Kuppelbauten Nordafrikas erinnert. Angeblich soll der Kaiser Kaleb hier sein Pferd begraben haben.

Noch malerischer liegt hier das Lustschloss Koskam oder Quosquam[138], wie ich es aussprechen hörte. Man erblickt es schon von Kaha-Mankil aus. Hoch oben auf den Bergen liegt es, reizend von Waldung umgeben, auf dem Berge selbst stehen schöne Schirm-Akazien. Auch hier umschliesst es eine Mauer, jedoch mit ebenso vielen Breschen als heilen Stellen. Zuerst gelangt man auf eine grosse Plattform, mit herrlicher Aussicht auf Gondar, auf den im Wiesenthal so reizend eingebetteten Kaha-Mankil und endlich nach Süden zu auf den silbernen Tana-See. Die mit grossen Steinplatten belegte Plattform hat Platz für mehrere hundert Menschen. Will man nun durch ein grosses Thor zwischen zwei hohen Thürmen von ungleicher Dicke das Hauptgebäude betreten, so gähnt einem schon nach einigen Schritten ein verödeter Raum mit eingefallenem Dach und dem zertrümmerten Gebälk des ersten Stockwerks entgegen. Wahrscheinlich verursachte ein Brand den Ruin des ungefähr 50 m langen und 20 m breiten Baues. Mittels einer steinernen Treppe gelangt man auf den dickern Thurm und oben in ein gewölbtes Zimmer, vor welchem sich über dem Portal ein betretbarer Balkon befindet. Ohne Zweifel fand der Brand schon vor Jahren statt, da jetzt im Innern des Baues grosse Bäume wachsen. Hier aber und zwar als Gast der Iteghe[139], deren Sommerresidenz dieses Schloss war, lebte längere Zeit Bruce, welcher uns in ergreifenden Worten die Demüthigungen schildert, welche während seiner Anwesenheit sich der regierende Atse musste gefallen lassen.

Südlich von diesem grossen Gebäude stehen noch die Ruinen eines Rondels, worüber Heuglin (S. 218 seiner „Reise nach Abessinien“, Jena 1868) sagt: „In einem auf Bogen ruhenden grössern Hause, etwas südlich von dem Lustschlosse und östlich von der Kirche, wohnt ein Nachkomme der alten abessinischen Dynastie, den ich schon vor Jahren hier kennen lernte. Er heisst Asfa Wosen und lebt ziemlich zurückgezogen von bescheidenen Einkünften. Seine Wohnung besteht in einem niedrigen runden Thurm aus zwei Stockwerken, mit grossem Strohdach. Um die ganze obere Etage führt ein offener Gang, in den Zimmern prangen noch spärliche Reste aus vergangenen bessern Zeiten, seidene Tapeten mit metallenen Stiften verziert, glasirte Ziegel mit Arabesken und Bildern und einige alte Oelgemälde, sowol Porträts als Thierbilder, offenbar von einem europäischen Künstler in Abessinien gefertigt.“

Von alledem ist, abgesehen von den nackten Wänden der Zimmer, an welchen man allerdings noch Spuren ehemaliger Tapeten bemerkt, nichts, gar nichts mehr übrig. Unheimlich starrt dieses einst so reizende Häuschen mit seiner Leere gen Himmel. Dass aber dort vormals eine gewisse Pracht herrschte, wissen wir aus der Beschreibung Bruce’s, welcher unter andern von den grossen venetianischen Spiegeln des kaiserlichen Empfangssaals spricht.

Weiter nach hinten, aber noch innerhalb der Ringmauer, liegt die grosse Kirche von Quosquam. Wie alle abessinischen Kirchen gebaut, zeichnet sich diese durch ihre besondere Grösse aus und soll vordem durch die zu ihr gehörenden Ortschaften sehr reich gewesen sein, die man ihr jetzt zurückgab, aber ohne die kostbaren Gefässe aus Edelmetall, ohne die Kronen ehemaliger Könige, ohne die grosse Bibliothek.[140] Alles das schleppte Theodor fort, wenn es nicht schon theilweise vorher bei andern Wirren und Plünderungen verloren ging.

Auf eine der übrigen Kirchen Gondars, obschon ich die meisten besuchte, hier näher einzugehen, gewährt kein Interesse. Alle zeigen ungefähr dieselbe Fassung. Erwähnen will ich blos noch: nur zwei Kirchen haben Glocken, von welchen die holländische Regierung im vorigen Jahrhundert der abessinischen zwei zum Geschenk machte. Einige Kirchen weisen auf portugiesischen Ursprung.

Selbstverständlich besuchten wir auch den Stadttheil Falaschabed, welcher auf dem rechten Ufer der Kaha liegt, also eigentlich gar nicht zu Gondar gehört. Einen Ausbruch von Fanatismus fürchtend, nahm ich einige zwanzig Soldaten Bedeckung mit, aber das wäre kaum nöthig gewesen, so demüthig zuvorkommend, aber zugleich auch so zurückhaltend fand ich die Bewohner. Die Kenner abessinischer Literatur wissen, dass die Falascha die abessinischen Juden sind. Man hat viel über ihr Herkommen geschrieben, aber es ist wol kein Zweifel, dass sie eines Stammes mit den übrigen Abessiniern sind. Dasselbe Aeussere, dieselbe Kopfbildung, dieselbe Hautfarbe; sie unterscheiden sich nur durch ihre Sprache, indem die meisten den Quorra-Dialekt, die bei Gondar Wohnenden aber auch Amharisch sprechen. Juden sind sie unzweifelhaft, obwol sie von den andern Juden der Welt sehr abweichen. Zwar fussen sie, wenigstens zum Theil, auf dem Alten Testament; sie regeln ihr Leben nach den zehn und übrigen Geboten Moses’; aber sie glauben an kein Wiedererscheinen des Messias; sie wissen nichts von der Babylonischen Gefangenschaft, was schon für das Alter ihrer Religion spricht; sie haben keine Kenntniss von der Existenz des Talmud; sie stehen ausser der Gemeinschaft mit den eigentlichen Juden. Gerade so auch die Juden von Draa und Tafilet. Nimmt man an, dass alle Abessinier ursprünglich aus Arabien stammen; dass sie dort schon in frühester Zeit den mosaischen Glauben annahmen; hierauf nach Afrika, nach ihrem jetzigen Stammland Abessinien zogen und daselbst wohnen blieben; dass also sämmtliche Abessinier einst jüdischen oder, besser gesagt, mosaischen Glaubens waren; dass die Mehrzahl derselben im 4. Jahrhundert zur christlichen Lehre übertrat, ein kleiner Rest aber mosaisch blieb: dann haben wir die einfachste Lösung über Herkunft und Abstammung jenes interessanten jüdischen Bruchtheils.

Am Abend nach meinem Besuche in Falaschabed überraschten Schimper zwei Falascha-Missionare, welche über Metemmeh ins Land kamen, nachdem sie vorher von Massaua in Aethiopien einzudringen versuchten. Von da kamen sie aber nur bis Tsatsega, denn Ras Alula liess sie in Ketten legen und einkerkern. Vielleicht sässen sie noch in Gefangenschaft, wenn nicht Schimper dorthin kam, dessen Fürsprache ihre Freiheit bewirkte. Sie sprachen etwas Englisch und Deutsch und waren europäisch gekleidet. Sie wollten nach Debra Tabor, um sich vom Negus die Erlaubniss zur Bekehrung der Falascha zu erbitten. Ich rieth ihnen davon ab, als sie mich bei meiner Abreise von Gondar begrüssten: ich kannte die Gesinnungen des Negus Negesti in Betreff solcher Bekehrungen genau.

Trotzdem verschiedene deutsche Missionare über ihre Reisen zu den Falascha eigene Schriften veröffentlichten, z.B. Stern, Rosenthal und besonders Flad[141], so ist doch manches Irrthümliche über die abessinischen Juden verbreitet. So behaupten die meisten, sie gingen unbewaffnet. Aber es kamen verschiedenemal Falascha zu mir, um Töpfe oder andere Sachen zu verkaufen, und stets waren sie bewaffnet. Es geht hieraus schon hervor, dass sie Handel treiben, obwol man abermals behauptete, dass sie den Handel als mit ihrer Religion nicht verträglich verabscheuten. Die Falascha kleiden sich ebenso wie die abessinischen Christen und haben mit diesen hinsichtlich der Speisevorschriften u.s.w. eine grössere Verwandtschaft, als man nach den bisherigen Berichten über sie annehmen möchte. Man muss nur immer festhalten, dass die christlichen Monophysiten Abessiniens ebenfalls alle Satzungen des Alten Testaments als zu Recht bestehend betrachten. Was ihren Fanatismus anbetrifft, so dürfte derselbe kaum den der abessinischen Christen übersteigen, und ebenso wenig wie diese sind sie mit der hebräischen Sprache bekannt. Ihre mit den abessinischen Christen gemeinsame Sprache ist das Gees[142] (auch Ghez, Gheez u.s.w. geschrieben). Wären sie echte Juden, müssten sie alle Schriften des Alten Testaments besitzen und Hebräisch sprechen können, denn bei den Juden ist das Hebräische die heilige Sprache; der echte Jude darf nur das Alte Testament im hebräischen Text lesen und nur auf Hebräisch beten. Für die abessinischen Mosaisten ist aber Gees die heilige Sprache.

Möglich, dass die Falascha von Gondar keine regelrechte Kirche besassen. Zwar die Missionare beschrieben sie als eine aus drei Abtheilungen bestehende, den christlichen Kirchen ähnliche. Aber das mir gezeigte gottesdienstliche Gebäude hatte gar keine Aehnlichkeit damit, es glich eher einer mohammedanischen Moschee: länglich-viereckig aus Stein gebaut, mit nur einer Thür, ihr gegenüber eine Art hölzerner, durchaus mit Matten belegter Tisch (Altar), auf welchem ein grosser, wie es schien, aus Bronze verfertigter Leuchter stand, mit je drei Armen und einem Arm in der Mitte, wie er im Buche Mosis beschrieben wird. Ich war wol der erste Christ, dem sie gutwillig einen Einblick in ihre Kirche gestatteten. Ebenso freundlich und gefällig wie die übrigen Abessinier, kamen sie, mit ihrem Schum an der Spitze, um mich zu begrüssen. Als ich aber Miene machte, ihre Kirche zu betreten, baten sie mich, davon abzustehen, auch von dem Besuche ihrer Häuser, „sie würden sie sonst nicht wieder bewohnen können“. All diesen Unsinn äusserten sie so freundlich und liebenswürdig, dass ich selbstverständlich meine Bitte durchaus nicht wiederholte, obschon es nur eines Winkes bedurfte, um sie durch die Soldaten mit Gewalt zu erzwingen. Nachdem ich noch einige hübsche Silberkettchen von ihnen gekauft, schied ich in bester Freundschaft. Als sie jedoch hinter mir her mit Wasser (wahrscheinlich geweihtem) sprengten, um ihr Dorf von der Anwesenheit eines Ungläubigen oder so vieler Ungläubigen zu reinigen, musste ich die Soldaten zurückhalten, welche sich auf sie stürzen wollten, um sie „für diese Unverschämtheit“, wie sie sich ausdrückten, zu züchtigen.

Aber unverschämt waren nicht sie, sondern die Soldaten. Ich erhielt in Gondar nicht nur die gesetzlichen Lieferungen in reichlichem Maasse, sondern auch von allen Seiten viele Geschenke. Ausserdem kaufte ich täglich Bier, Tetsch und sogar Schnaps, welchen die Frau eines ehemaligen Missionars, Namens Meier oder Obermeier, gut zu destilliren verstand, um meine ganze Begleiterschaft an Ruhetagen bewirthen zu können. Sogar die anspruchsvollen Damen meines Gefolges zeigten sich in Gondar zufrieden. Die Soldaten aber ergossen sich über die ganze Stadt. Gleich am ersten Tage liess mir ein hoher Geistlicher sagen, dass sie sogar in Etschegebed eingedrungen wären, um ein Haus zu plündern. Offenbar geschah die Beschädigung dieses für unverletzlich gehaltenen Stadttheiles aus Unkenntniss. Ich beeilte mich, der geplünderten Familie ihren Verlust zu ersetzen.

Aber bald nach meinem Besuche der Falascha, als ich mich bei eintretender Nacht bereits zurückgezogen, stürzte Schimper in mein Zelt mit dem Rufe: „Die Soldaten morden und plündern die Falascha!“ In der That ertönte aus hundert Kehlen ein markdurchdringendes Geschrei. Bald darauf fielen Schüsse. Zwei Häuser standen in Flammen. Der Kentiba kam und verfügte sich nebst meinem Hauptmann Mariam[143] an Ort und Stelle. Dann meldeten sie: „Soldaten drangen bei einem Falascha ins Haus und wollten etwas Tiefkorn (eragrostis) haben. Der Falascha widersetzte sich. Andere Soldaten kamen hinzu. Nun Rauferei, wobei ein Schuss fiel. Nur ein Falascha wurde verwundet. Das Feuer entstand wol nur zufällig. Jetzt ist alles wieder ruhig.“ Von einer Bestrafung der Soldaten war natürlich keine Rede, man hatte ja nur einen Falascha verwundet! Meiner Verwunderung darüber begegnete ein Bewohner Gondars mit der Bemerkung: „Nun, was thut’s damit? Der Negus gibt ohnedas nächstens Befehl, dass sich alle Falascha sollen taufen lassen.“

Ich rüstete zum Aufbruch. Abgesehen von den Plünderungsscenen konnte ich von Gondar nur angenehme und bezüglich der prachtvollen Ruinen auch sehr denkwürdige Erinnerungen mitnehmen. Bürger wie Geistlichkeit machten mir den Aufenthalt so angenehm wie möglich, und wenn ich auch hier hartnäckig die Annahme einer Wohnung verweigerte, so that ich dies lediglich aus Reinlichkeitsrücksichten. Männer, Frauen, auch junge Mädchen kamen häufig mit kleinen Angebinden. Frisches Brot, Pfirsiche, junges Gemüse oder irgendetwas anderes brachten sie. Ging auch bei den meisten der Hintergedanke auf den Empfang eines bessern Geschenkes, so äusserten sie doch keine Unzufriedenheit, wenn sie anscheinend zuerst nichts erhielten. Um so grösser dann ihre Freude über das schliesslich doch Erhaltene.

Zum Mitgehen meldeten sich viele Nonnen und Mönche, welche alle auf meine Kosten nach Jerusalem wollten. Einen Mönch nahm ich denn auch in meinen Dienst, mit der Zusicherung, dass ich ihn auf meine Kosten nach Jerusalem wolle reisen lassen. Aber alle?! Dazu gehörte viel Geld. Meine Karavane vergrösserte sich auch hier wieder; selbst einige Mönche und Nonnen schlossen sich an, sie konnten dann doch wenigstens bis Massaua sicher reisen.

Der mich begleitende einäugige Mönch – die meisten Mönche in Abessinien leiden an irgendeinem körperlichen Gebrechen – führte alle seine Habe mit sich, denn eine Reise nach Jerusalem und der damit verbundene Aufenthalt in der heiligen Stadt dauert Jahre. Er trug ein ledernes, seit vielen Jahren nicht gewechseltes, ungewaschenes Hemd. Gegen Regen oder kaltes Wetter diente ihm eine Art Lederburnus.[144] Auf seinem Haupte sass ein gelbes Käppchen. Ein Rosenkranz, ein hölzernes Kreuz, ein Strohsonnenschirm, ein gewöhnlich als Spiess getragenes, oben schon beschriebenes Bücherpult, endlich ein an seinem Gürtel aus Hanfseil hängendes Büchlein mit den Psalmen David’s bildete seine übrige Ausstattung. Hosen trug er nicht. Von meinen Maulthieren liess er zwei Ledersäcke tragen: der eine mit Büchern, die er verkaufen wollte und später in Massaua auch recht gut los wurde; der andere mit angesammelten Nahrungsmitteln. Seit er Mönch wurde, hatte er, weil dies für fromm galt, sich nicht gewaschen; und da wir uns in der Fastenzeit befanden, enthielt er sich trotz der anstrengenden Märsche jeder thierischen Nahrung, auch der Eier und Fische. Sobald wir lagerten, baute er sich dicht neben meinem Zelte eine kleine Hütte aus Reisig und las vor seinem aufgestellten Bücherpult mit näselnder Stimme seit Jahren denselben Psalm täglich vielleicht funfzigmal, denn er hatte ein Gelübde gethan, diesen Psalm, ich erinnere mich nicht mehr welchen, viele tausendmal zu lesen. Die Abessinier liessen sich indess seine Anwesenheit gern gefallen, denn nun konnten sie ja von dem guten Mönch leicht Absolution erhalten, z.B. Samstags, wenn sie von dem geschlachteten Rinde assen oder überhaupt nicht fasteten. Umsonst und ohne Auferlegung von Bussübungen ertheilte er die Absolution: die kostenfreie Reise nach Jerusalem sei für ihn Belohnung genug, sagte er. Nur einmal machte er eine Ausnahme: ein abessinischer Diener, der ihm gebeichtet, dass er nachts von Ratten und Mäusen geträumt habe, musste so und so oft ein Gebet hersagen.

Absichtlich zeichnete ich so genau das Bild dieses Mönches, eines übrigens durchaus guten, sittenreinen und unschuldigen Menschen, um dadurch auf die mehr oder weniger grosse Aehnlichkeit aller abessinischen Mönche hinzuweisen.