Herr von Sangallo in der Mitte der beiden jungfräulichen Wittwen empfing uns sechs Gäste. Brigitte nahm sogleich ihr Väterchen in Beschlag; die zwei Töchter, meine Mutter und die Frau Pastorin, um sie zu Arminia zu führen. Der Schulmeister ward gebeten, das Pianoforte zu stimmen; der Pastor hörte von angekommenen Candidaten und ging sie aufzusuchen. Ich bat meinen Nachbar Sangallo, mir bis zur Tischzeit sein Haus zu zeigen.
Da hängt zwar der Riß, sprach er. Aber der Weltbaumeister schickt uns auch lieber selbst in seinem Hause umher, und läßt alle par terre wohnen. Ich habe auch nur par terre gebaut. Hohe Häuser mit vielen Stockwerken sind Nothställe; Treppen sind Lungenverderber, Dienerund Köchinnenplagen, Marterwerkzeuge der Alten, Zeitdiebe, Buckelmacher und Beinbrecher der Kinder, und Leichenpein! Wer baut, muß für alle Alter und alle Vorkommenheiten sorgen. Ich habe meiner Frau und den Kindern alles auf ebener Erde hergerichtet. Glücklich, wer Raum hat! Diese große Halle ist — das Atrium der Alten, nur nordisch nöthig mit Glas, mit bunten Scheiben gedeckt, ist der Hof in der Mitte des Hauses. Vier Flügel mit Zimmern liegen umher, groß und klein; Küche, Gewölbe und Kammern. Ich wohne bequemer, gesünder, wie jeder König. Ich brauche keine Treppen der Ehre, worauf sich die Menschen erst — klopfende Herzen ersteigen müssen oder sollen. Freilich mußte ich, endlich überschwemmt von Kindern, den Schlafsaal oben anlegen; aber Sie sollen sehen, wie sicher und bequem. Sie sind doch einmal neugierig, und wohlgesinnten Nachbarn müssen wir uns zeigen, wie wir sind, damit sie uns gegen böse Zungen mit vertreten.
Er öffnete eine Thür, sah in einen Saal, wollte sie mit dem Ausruf „aha!“ wieder zudrücken, aber sagte: Desto besser! Und so fand ich darin auf einer Seite den Schuhmachermeister, den Schneidermeister auf der andern, die beide auf Stühlen und Tischen ihre mitgebrachten Arbeiten auslegten. Ich ging stumm mit dem Vater daran hinunter, und zählte 72 neue Schuhe und 72 neue Frauenkleider; an jedes Stück den Namen der Tochter gesteckt.
„Auf das Sommerhalbjahr!“ Ostern ist zu früh in Deutschland, sich anders zu kleiden; erklärte er mir. Jeder Tochter ein Paar Sonntagsschuhe und ein Paar Wochentagsschuhe; ein Sonntagskleid und ein Wochentagskleid. Zum Winter, um die Fischzeit, geht es mir wieder so! Ich sehe, ich bin wirklich ein lächerlicher Vater für andere in der ganzen Gegend; für mich oft ein weinerlicher! sagte er aber seelenvergnügt und heute wieder in vollem Glanze einer zufriedenen glücklichen Seele. Die Sommerkleider bezahle ich mit grünen Gurken oder Kirschen; die Winterkleider mit sauren Gurken oder Pfeffergürkchen. Er entließ die beiden Lieferanten bis nach dem Anprobiren der neuen Sachen, und sprach: Wie viel hundert solcher, erst winzigen, dann immer größern, besseren Schuhe hat die gute Mutter Erde schon für mich bezahlt! Gut ist’s, wenn in einem Haushalt Jedes zu Etwas besonders angewiesen ist, als seiner Quelle, seiner Möglichkeit! Wie hält man da auf alles! Sie sollten nur sehen meine Kinder Melonen pflegen, (denn das sind — Brusttücher) die wälschen Nüsse klopfen, (denn das sind Bücher und Musikalien) — die Champignons suchen, (denn das sind Zwirn, Nähnadeln und Stecknadeln) die Gänsefedern und Kielen sammeln (denn das sind Bücher, Papier, Siegellack und Postgeld). Einer mißrathenen Kasse darf eine der reichlich gerathenen ihre Wohlthätigkeit beweisen. Als ich anfing lächerlich zu werden, wollte ich dazu zu lachen scheinen, und fuhr — wie man meine Kutschen ins groteske Deutsch übersetzte — mit drei Heuwagen voll Mädchen auf den Ball. Wie Ich geärgert ward, so ärgerte ich einige Töchterbegabte Väter wieder, und bat die weitläuftigen Freier derselben auch zu uns zu Gaste! Und dergleichen, und dergleichen. Denn es ist thöricht, von beschwerlichen, ja gefährlichen Dingen nicht auch den Scherz und die Genugthuung zu erndten! Meine Töchter bekamen den übelsten Stand; sie sollten nicht zu sehr gefällig erscheinen, wie Mädchen aus dem Kinderliede „fünfzehn um ein Strohseil“; und, wie alle Fehler leicht in ihr Gegentheil umsetzen, gab ich acht, und es gelang mir: daß sie aus Haltung und sehr gemessenem Wesen nicht stolz wurden; wie es einem Vater mit 10 großen Töchtern und einem Sohne in der nahen Stadt L...... ergangen ist, denen eigentlich die vielen barocken Anecdoten zukommen, welche die Sage — nun auch von meinem Hause umherträgt. Sie werden sehen und unterscheiden.
Jetzt sah ich durch das Fenster; Vier Lieutenants kamen geritten. „Jeder auf einem Pferde“ setze ich der Folge wegen hinzu. Der Vater fuhr fort:
In welche seltene Lage hat mich der himmlische Vater hineingesegnet, mich, der ich doch fortwährend meinte: doch endlich einen Sohn in der Ehestandslotterie gewinnen zu müssen; das war mein tragischer Fehler. Da ist mir mein Schicksalstrotz vergolten! Ich leide gerechte Strafe, der ich doch kein Majorat habe, die Niemand mehr Mode machen wird, weil vernünftige, alle ihre Kinder gleichliebende Eltern nicht um Einen Gesegneten die andern so zu sagen verdammen wollen: sich in der Welt herumstoßen zu lassen als allerhand Gethier. Denn Sinecuren, Befehlshaberstellen in aller Welt, käufliche Hauptmanns- und Majorpatente sind wir nicht zu haben so glücklich wie die Engländer. Ich allein kann noch reich heißen; meine Töchter eher arm; soll ich Siebenzehen von ihnen selbst mit dem Blitz erschlagen? Reichthum hilft so schlimm wie nichts: Töchter an Männer zu bringen. Denn von nur 10 schönen Töchtern, deren jede eine Zehntel-, vielleicht eine Fünftelmillion Mitgift erhält, hat mein hochverehrter polnischer Freund, Graf N...., jetzt in D.... erst Eine an Mann gebracht; während Tausend arme Mädchen umher Tausend von Männern im Lande geheirathet haben. Auch Schönheit hilft nicht zur Heirath, möchte ich sagen dürfen. Gute Wirthinnen sein — gar nichts. Angesehene Verwandte haben — gar nichts. Gesundsein — nichts. Selbst Bucklige, Küchenignorantinnen, den Scharfrichter zum Vetter, versorgt Hymen.
Jetzt kamen Vier Herren in Einem Wagen gefahren. „Referendarien“; bemerkte der Vater, und sprach weiter:
In die Bäder — diese vornehmen Gesindevermiethungs-Märkte — zu fahren mit so vielen Töchtern, wäre rasend! Auf Messen und Jahrmärkte mit den angreifischesten Artikeln, unklug! Auf Bälle Eine oder Zwei, ist fruchtlos. Kein Mädchen ertanzt sich einen Mann. Ja, viele vertanzen sich die Nehmer. Denn schon die jetzigen rasenden Tänze machen die schönsten Gestalten, Gesichter, Kleider — im Schwunge geradezu unsichtbar; alle Grazie weicht vor der Wuth; und nach dem Tanze steht ein keuchendes, pustendes, krebsrothes oder todtenblasses bedauernswürdiges Wesen (das nur die Wiener mit dem Wort Pamperlätschen bezeichnen können), da, von den Herren bedauert, weil es Grazie, Gesundheit, Schaamhaftigkeit durch den privilegirten schaamlosen Ballanzug wegwirft — um einen Mann zu ertanzen. Das soll ein Vater mit anhören und ansehen! Etwa Ich! Meine Töchter tanzen nicht, bis die reizendste Pantomime von der Welt, die Minuett wieder Mode wird, und das schöne Steyerisch, wozu wohl noch die steyrische Mädchentracht gehörte. Und nur nach den vergeblichen Fischzügen und Angelhakenauswerfen und Reißenlegen ängstlicher Eltern, was bleibt noch: als ehrsame, wohlerzogene Mädchen im Hause aufsuchen zu lassen! Aber da müßte man wieder eine große vergißmeinnicht-blaue Tafel auswendig über die Hausthür setzen lassen mit den großen goldenen Worten: „Suchet, so werdet Ihr finden“ (das „Ihr“ ja höflichst mit dem großen I!) „Klopfet an, so wird Euch aufgethan;“ und die Tafel inwendig Abends zum Fortgehn illuminiert: „Vergeßt das Wiederkommen nicht, theuerste Freunde!“
Jetzt, sahen wir, kamen fünf schwarzgekleidete Predigtamtscandidaten jeder auf seinen Füßen gelaufen!
„Sie sehen, sprach er, an Heirathscandidaten fehlt es nicht. Gott, wer Gefühl hat, will nicht heirathen? Jedes Mädchen ist gleich bezaubert und gebannt von dem Wort: Wollen Sie heirathen? Denn in dem Wort steckt Alles, was Jugend und Phantasie nur wünschen und träumen. Erst bei der Frage: Wollen Sie mich heirathen, sehen sie sich „den Mann auf Tod und Leben“ etwas genauer an, und haben den Freier sogleich ganz und gar auf einmal weg auf ewige Zeiten; richtiger, wie ein Wechsler die Wichtigkeit eines Dukaten oder die Aechtheit eines Steines nach drei Tagen Probe. Diese Sicherheit, diese Schärfe eines fast augenblicklich summarischen Urtheils ist die wahre Gottesgabe der Mädchen! So beurtheilt die junge Biene schwebend jede Blume vollkommen wahr für sich. Zuletzt, glaub’ ich, das Wahre getroffen zu haben: mannbare Töchter müssen Eltern weder verbergen noch vorführen, also in anständigem Verkehr bleiben mit der Nachbarschaft, mein Herr Nachbar! Was Niemand sieht noch kennt, kann Niemand liebgewinnen und wählen. Guter Ruf der Eltern empfiehlt die Kinder weit genug umher. Denken Sie aber, wie viel müßten mir Freier kommen, wenn meine deux fois neuf-Mädchen, zweifachen Musen und sechsfachen Grazien schnippisch und kostbar auswählen sollten; mein Herr Nachbar? Wie wohlerzogen und schön müssen sie alle sein, daß sie alle jeden Gekommenen hinreißen — wie Göthes „feuchtes Weib“ den Fischer, mein Herr Nachbar. Ich stelle also aus väterlicher Weisheit den Herren, welche kommen, höchstens Drei, besser Zwei, am richtigsten nur Eine meiner Nereïden vor. Zu viel Liebes verwirrt; jedes Weib ist des Andern Vernichterin, Eine hebt die Andere auf. Einzeln ist jede ein Kleinod. Wie würde etwa Robinson Crusoe schon über die Fräulein Po...... in Berlin oder das berühmte aufsätzige „Kind“ entzückt gewesen sein! Müßte aber vor jedem jungen Manne, der ein Weib nehmen will, der ganze unendliche Zug von Mädchen auf der ganzen Erde in Putz, oder ohne allen Putz, vorüber ziehen — welcher Parademarsch[1] von den hundert Millionen Hindostanerinnen, Perserinnen, Cirkassierinnen, und so aller anderen, in geziemendem anständig langsamem Schritt, der ein Schauen, Lächeln und Zulächeln gestattete, und freilich mehrere höchst angenehm verständerte Monate ausdauern dürfte, — so würde der unglückliche Heirathskandidat, wenn sie alle vorüber marschiert wären, wenigstens wahllos, rathlos und verwirrt geworden sein. So ist eine Bildergallerie eine Bildermords-Anstalt, wo nicht nur einzelne leidliche, reizende Bilder, sondern selbst die besten alle Tage ermordet werden.“
[1] Hiezu erscheint hoffentlich eine Illustration.
Jetzt kam in einer blasenden Extrapost (die ganze Erscheinung für ein von Menschen geschaffenes Thier angesehen und angehört) ein an seiner Uniform als Postsecretair erkenntlicher, sehr angenehmer junger Mann.
„Meine der Natur nachgemachte List, sprach Herr von Heiligenhahn, hat Früchte getragen; denn wie die vorigen Gäste, so ist auch dieser ein an der Natur, als an schön blühender Venus muscipula Klebengebliebener; kein Freier, sondern ein Nehmer; ein furchtbarer, oft ehrenräuberischer, manchmal sogar tödtlicher Unterschied! Denn die geradezu göttliche Kraft der Weiber: in Einem ihre Welt zu schauen, diese wohlerdachte Eigenschaft: überschwenglich glücklich zu werden, wird auch durch die Maske der Liebe, die ein blos lüsternes, betrügerisches, von der Natur auf den Kauf gemachtes Männchen vornimmt, der Weiber äußerstes Unglück, die dann verstandlos wähnen, gar keines Mannes werth zu sein, wenn ein Betrüger ihrer unwerth war! So unsinnig sind sie aus Herzentzündung!“
Mein Herr Nachbar, der mir, ich wußte nicht wie, eine Respectsperson geworden, schwieg, setzte sich, und eine Falte, die sehr oft seine Stirn gefurcht haben mußte, furchte sich wieder, und tief. Doch lächelte er dabei und schielte unter den Wimpern tiefsinnig hervor. Seine Reden waren so wahr! Aber daß er so offen solche Hausgeheimnisse redete, die wohl vielen tausend Vätern das Herz bedrücken, das machte mir den Mann unheimlich. Es fiel mir ein, daß er um die Zeit, wo er sein erstes Gut verkaufen müssen, tiefsinnig gewesen sein soll, und dann wieder, als er sein zweites Gut um die Erziehung der Kinder willen — verstoßen. Doch soll sich der Tiefsinn nicht schlimmer als nur dadurch geäußert haben, daß er an seinem Pianoforte die Melodie von „Freut Euch des Lebens“ mit Einem Finger gespielt; oder einige Male Hölty’s schönstes Lied also gesungen:
Ich besah mir indeß einige Bilder an der Wand dieses Ankleidezimmers und fand unter colorirten Modejournalbildern, worauf Mädchen und Mütter mit kleinen Mädchen und Knaben freilich bejammernswürdig zum Muster gekleidet da standen, wie die neuentdeckte hundertste Art Familienaffen, oder Affenfamilien. Darunter stand die Schrift: „Putzaffen“ und der Vers, angeblich von Logau:
Unter einem Bilde mit sogenannten Wespentaillen „Weibern,“ stand:
Er sah mich lesen und sprach: „Das war ein schwerer Punkt, der Mode trotzen lehren: Achtzehn junge Weiber im Hause! Ich mußte zu den bittersten Räucherungsmitteln greifen: die Wespen zu Tode zu räuchern! Was ist schöner, und den edelsten Marmor-Götterbildern gleicher als ein ohne Bänder aufgewachsenes Mädchen! Von allem das Verführerischeste sind am Weibe die Hüften, und ich beschuldigte alle Wespenweiber offenbarer Verführung zu — dem schwer von einem Vater vor seinen Kindern auszusprechendem Worte — Wollust. Sie erblaßten vor Schaam. Ihre reine Seele war besiegt — das Uebrige that ein Seitenstück zum Bilde eines Trinkermagens, das Bild einer, an der Schnürbrust, elend und schmerzlich gestorbenen Apothekerstochter in S****. Den herzgewinnenden Ausschlag aber geben die Pariser Abgüsse der unvergleichlich schönen griechischen Marmorbilder der Frauen, die dem Bildhauer zur Medizeïschen und der Capitolinischen Venus Modell gestanden — mit vollen Taillen. Jener Nachtwächter hatte Unrecht, die Frauen lassen sich schon etwas sagen, aber nicht mit Worten auf der Gasse, sondern mit reizenden Dingen. Die Sinne der Frauen müssen besiegt sein, dann ist es ihr Verstand. Wir reden das unter uns. Vatersein, Muttersein ist ein Amt, das einzige, höchste, göttliche, und das süßeste, belohnendste! Dieses treu zu erfüllen, bin ich weiter nichts geworden als ein Vater. Ich hoffe aber: eine Schaar Töchter, künftige Gattinnen und künftige Mütter wohl und schön ausarbeiten, wie ein Bildhauer in Fleisch und Geist, das heißt viele Männer glücklich machen, eine Heerschaar weise ins Leben geführter Kinder und Enkel in heiliger Stille säen! Ich habe nur Einen Wunsch: Endlich auf meiner jüngsten Tochter Hochzeit tanz’ ich den Großvatertanz, davon glücklich ermüdet schleich ich zu Bett, und — bin todt. —
In solchen Worten schaute ich keinen Unsinn, keinen eingeschlichenen Gedanken; und wir gingen durch saubere freundliche Arbeitszimmer der Mädchen, worin er mir kurz sagte: „Leibliche Arbeit muß mit geistiger Freude bedeckt werden“, wie den Kameelen ihr saurer Weg durch frohe Schalmei! Darum ist die Zeit gewonnen, nicht verloren, die Eine dazu verwendet, Allen vorzulesen. Was? steht dort im kleinen Bücherschrank.“ —
Das war eine Aufforderung. Aber ich will nicht verrathen, welche Bücher ich dort nicht fand. Es könnte es manche Celebrität übelnehmen. Eins aber sage ich: ich erstaunte, wie viel Kernbücher schon die Deutschen in aller Stille aus freier göttlicher Seele geschrieben haben! Die Deutschen werden mit Völkerrecht auch ihre deutsche Bibel haben, damit es wieder etwas Neues zum Verbieten und zum Verbrennen giebt.
„Wenn ich ein Kaiser oder nur ein König wäre, zu welcher Schule des Lebens wollte ich die jahrelange Versammlung der Jugendblüthe des Volkes machen, welche „Soldaten“ heißt! O Gott, welche Gelegenheiten werden versäumt, auf ewig versäumt; „denn auch die Jahre des Volkes sind gezählt!“ Das sagt’ er stöhnend und auf der Stirn furchte sich seine düstere Falte. Ich fand auch deutsche Journale, wozu er sagte: Fast in jedem Journal stehen schöne, wahre, oft für immer merkwürdige Aufsätze oder Stellen, an welchen die mächtigsten Magen zu verdauen haben. Diese, nämlich die schönsten Stellen aus den jährlichen Journalen, müssen gesammelt und dem Volk als Bücher gegeben werden. Die Weiber, da sie gerade das größte Interesse am öffentlichen Volksleben haben, um nicht im Hause die öffentlichen Sünden zu büßen, oder ihre Söhne und Brüder zuletzt einer Verwirrung zum Opfer zu geben, die Weiber müssen in das Volksleben gezogen werden, um miturtheilen und mit den Männern Stimmung geben zu können; darum muß die Jugend, die heranwachsende Mutterschaft schon Kenntniß erhalten, und ein deutsches edles Weib doch so viel, wie jede Höckerfrau in England! Wo Volksverlangen und Volkswohl ein Geheimniß ist, da wird es auch unsichtbar bleiben. Sela! nicht etwa Amen! Aber wie fällt meine deutsche Jugend über die Wahrsagungen und Prophetenstimmen her! Der morgende Tag, das morgende Brot auf dem Tische ist ihr nicht so wichtig, wie ihre Zukunft auf Erden, in welche sich die vormalige ewige Seligkeit verwandelt hat. Aber kommen Sie in den Musiksaal!“
Darin nun überzählte ich 10 Pianoforte, außer dem Directionsflügel, einer herrlichen „Repetition“ von Breitkopf und Härtel in Leipzig, mit einer Claviatur, elastisch und Händebeflügelnd zur Wonne! von einem Tone, erst in der Ferne recht laut und klar. Mein Schulmeister stimmte nur eine Saite, wie er sagte. Vor Abend, sprach der Vater — denn bei Licht Noten lesen ist bei Cassation den Augen der Meinen verboten — werden wir Ihnen und den Gästen eine Sonate à quarante quatre mains vortragen. Warum setzt man unserem deutschen Schröder, der durch das Pianoforte die Musik vom Himmel in alle Häuser getragen hat, nicht auch ein Monument! Wem verdanken unsere, als Muster aus jedem Hause zu werfende Pianofortekünstler ihren Ruhm und ihr Gold? Schrödern! Also Ihm als Tantieme ein Conzert von Jedem! dazu legt jeder Pianoforte-Spieler Einen Pfennig — und so ist das Monument erbaut. Ohne Musik kein deutsches Leben mehr. Musik ist unsere halbe Religion, unser Herzenscultus des Himmlischen allen in der Natur. Der Conzertsaal ist der Tempel der Gefühle, wie an jedem Musikherd, dem Pianoforte — diesem hölzernen Engel, und doch einem Engel! Wer hat schon ermessen, welche Ströme Andacht durch die Musik neben der Kirche vorbeifließen! Wer ermißt die Tiefen der Musik ohne Text, der Jeder frei weltprotestantisch sein Herz unterlegen kann und unterlegt; selbst die Ultramontanen und unsere Citramontanen thun das, die gar nicht wissen: wie frei sie die Musik macht, sonst wäre sie längst verboten, und jede Liedertafel wie eine Herzen- und Seelen-Freimaurerloge, auch noch verboten. Aber den Deutschen die Musik zu nehmen, daran scheiterte endlich Alles. Und wie die Musik die Gemüther erhebt! wie Beethoven die Männer stählt und stolz und feuerfest macht, wie Prometheus! Aber vergeblich war der Schwalbe Warnung an die Vögel: den blühenden Lein auszureißen! die Vögel kannten die Stricke und Netze daraus nicht; „die Vögel lachten;“ Gott regiert die Welt durch Wetter und Wind, und auch die Musik ist so ein Wind! jeder kraftreiche seelenvolle Tonsetzer ist sein Untergott. Aber still, daß wir nicht Kaffeeriecher — Tonlauscher bekommen, deren freilich die unmögliche Zahl von ein Paar Millionen zu besolden wären. Auch ein Quartett von Haydn werden wir Ihnen vortragen. Denn selbst Mozart hat aus so kindlich großem Herzen kein Quartett geschrieben: Haydn ist unser tiefer Orpheus und klarer Homer zugleich. Blos den Quartetten Haydn’s verdanke ich den Besitz meines Herzens, und dadurch der ganzen seligen Welt, von Thau und Blume bis Mensch. Mit seinen Adagio’s und Andante’s darin, getraue ich mich einen vollkommnen sittlichen Menschen zu bilden, ohne jedes Buch, ohne alles „Wort“. Denn Worte sind auch nur in Laute übersetzte Gefühle. Bloße sittliche Worte kenne ich aber nicht.
Mein Schulmeister und Lieutenant spielte jetzt den ersten Satz der einzigschönen Sonate Beethovens, Op. 18 aus C moll, während ich die Musikalien musterte, die endlich so bequem aufgestellt waren, daß sie nicht unter den andern aus dem Stoß durften hervorgezogen werden. Welch ein Reichthum, und nur von den schönsten Werken, unserer Meister! Lohn’ Euch Gott, ihr Künstler! betete ich fast; da ich bedachte: der ächte Künstler arbeitet für die ganze Menschheit, für alle folgenden Geschlechter. Wie viele dieser Werke schon in Amerika, in Ostindien, auf den Inseln oft an schönen Tagen und Nächten ihre Blüthe entfalten und duften, so werden sie die Runde um die ganze Erde machen! Ich brach aber die Hände, nun ich hinaus sah, und ahndete: Alle diese Blätter wird einst die Natur wie Baumblätter verwehen, begraben! Das alles wird nicht mehr sein! Ich klagte das laut. Aber Herr von Sangallo sprach, das bedeutet uns Freude! Was auch andere Sterne in dem großen chemischen Wetterglase das Welt heißt, des Schönen besitzen: Helena und Homer haben Wir allein! nur Wir haben in aller Welt: die schöne Venus und den Apollon, Göthe und Schiller, selber das Wort „und“ haben wir allein! Das ist auch etwas werth: einzige Schätze besitzen! Und die größten Deutschen werden erst kommen, wir sind berechtigt sie erst zu erwarten; so wie das ganze deutsche Volk, nach den Frühlingsstürmen, in herrlicher Blüthe mit reichlichen Früchten in seinem heiteren ruhigen Herbst! Amen, das heißt: das Werdewahr! —
Durch das Frühstückszimmer gingen wir dann in das Ankleidezimmer. Ich durfte durch eine halb mir geöffnete Thür einen Augenblick in das leere Bad der Nereïden sehen. Dann ladete der Vater mich in einem Cabinet auf ein Sopha zum Sitzen ein; er setzte sich mir gegenüber, zog an einer Schnur, und leis und rasch schwebten wir hinauf — auf seiner früher angedeuteten Treppe, die sich wieder senkte — und landeten gleichsam droben in dem freundlichen Schlafsaal mit den schneeweißen Lagerstellen der Mädchen. Eine kleine, kleine gothische Kirche mit Thürmen, aus Gyps geformt, mit bunten Glasfenstern, nannte der Vater — die Nachtlampe. „Den Schwestern liest Eine aus den neuesten Religionsbüchern vor; dann spielt sie ihre Seelen durch die schändlich im Volke vergessene Glasharmonika in den Schlaf. Früh erweckt sie sie so, und liest ihnen und sich dann Leben und Tag überschauend, weihende Worte.“ Unter den „neuen“ Büchern fand ich Astronomische und auserlesene Poesien. Nur Eins hat mir Mühe gemacht, sprach er lachend: das Frühaufstehn! Ich mußte zu dem verzweifelten Mittel greifen, am hellen Morgen den Nachtwächter vor dem Fenster der süß und fest schlafenden Mädchen ein Horn blasen und singen zu lassen. Das war wohl Schande! Doch nur in der Meinung der Verschlafenen. Der Nachtwächter aber wußte von mir nicht anders, als er solle mir den Haushund gewöhnen, daß er über sein Horn nicht heule; welche Abgewöhnung ich nicht in der Nacht vornehmen wolle. Ein Hauptfehler wäre: Kindern durch Ausplaudern ihrer kurzen vergänglichen Fehler, Schande oder Nachrede auf Lebenszeit zu machen! Der Fehler wird verbessert, selber die Kinder und Eltern vergessen ihn. Aber Nachrede bleibt. Die Sache mit dem Nachtwächter ist wahr; aber von einem Andern auf mich, als eisernen Erzieher übertragen ist die Begebenheit: Ich hätte meine stets unvorsichtige und ungeduldige große Tochter Armida in kurzer Zeit von Ungeduld und Unvorsichtigkeit dadurch kurirt, daß ich ihr für ein Tag und Nacht im Busen ausgebrütetes Ei 100 Louisd’or gegeben. Was hilft, ist ein Mittel; und es sieht mir ähnlich! Denn Vorsichtigkeit und Geduld einer Frau sind wohl Goldes werth, und mit 100 Louisd’or durchaus nicht zu theuer bezahlt!
Darauf führte er mich in die Kinderschatzkammer — in das grüne Gewölbe der Jugend, wie er sagte. Aber eine weiße Gestalt war uns leise nachgekommen, nur von mir bemerkt. Sie blieb in der Thür stehen, erröthete vor mir und schlug die Augen nieder. Das war wohl lieblich! Ich erkannte Arminia! Mir klopfte das Herz auf. Ihr gewiß auch. Aber wer anders war da sie zu retten bei ihr in der Noth, als Ich? Denn die letzte Schwester war, verzweifelnd an ihrer Auferstehung, zum Vater gekommen. Wer müßte der sein, der ihr nicht geholfen! Ich fühlte: wie heimlich vertraut wir einander geworden waren und blieben. Sie that keinen Schritt; sie blieb stumm. Und der Vater forderte mich auf zu sehen: die vielen kleinen Jahresschuhe der Kinder! unter durchsichtigen Florstaubschleier. Das war wohl liebliche Waare! Dann eben so die schneeweißen kleinen Strümpfchen, wie für Lämmchen; dann die kleinen Kinderhäubchen alle; rosig, himmelblau, grasgrün, golden — und die Schneeweißchen, Tauf- oder Westerhemdchen mit Spitzen. Lieblich! — Dann mußte ich die Reihe Puppen sehen, zerspielt, mit ernsten Gesichtchen: jede ihren Namen aus dem Kinderparadiese, großgeschrieben in der ausgestreckten steifen Hand! — Hier, das erste Gestricke der Kleinen! Dort das erste gesponnene Garn, vom Vater Katzengarn genannt. Und von der Decke hingen die Christbäume alle, jeder mit seiner Jahrzahl, vertrocknet, fast nadellos; die paar Nadeln daran gelb und braun, wie Haare in einer Gruft! Auf den Zweigen noch die Enden der Wachstocklichtchen, die goldenen und bunten Rosen, und die Zuckermännchen und Weibchen. — Dann wieder die ausgestopften Vögel, die einstige Freude der Kinder: Rothkehlchen!... Zeisig!... Staar!... Kanarienvogel! Dabei ein Lämmchen, ein kleines Hündchen, ein Eichhörnchen. Das war wohl lieblich! Mir war so, als wäre ich in den Himmel gekommen, in das Zimmer, worin der Kindervater seinen unsterblichen Vorrath hat, und daraus immer den Menschenkindern herabfliegen, herabbringen läßt, was ihnen Freude macht. Aber da lagen noch im Sonnenschimmer auf blauer Seide gebettet, unter hellen Glasglocken, die Kinderhärchen! Das war wohl lieblich! Rings umher aus den goldenen Rahmen aber sahen noch die Bilder der Kleinen lächelnd in ihre Kindertage! Und so stand auch der Vater, der jetzt Arminia erblickte und sie zu uns winkte. Sie kam. Der Kukuk rief wieder — dieser Schutzheilige, Allgegenwärtige in den Frühlingen der Jugend und des Alters, der Vogel der Hoffnung und der Erinnerung — und erweckte uns die Gefühle von gestern.
Sie stand vor uns. Aber nicht etwa ein Lächeln war unter ihrem Gesicht verborgen. Und der Vater sprach:... Und Tochter, Du dankst nicht unserem Freunde?
Ihre Glieder regten sich zu einer Bewegung, die gleichsam im Keime, im Hervorbrechen erstickte. Doch reichte sie mir die Hand und bemühte sich mir in die Augen zu sehen.
Das ist schon mein Weib! sprach meine Seele heimlich jauchzend zu mir.
Der Vater aber entschuldigte sie mit den Worten: die Begrabene fühlte sich, wie alle ihres Gleichen, durch den Todesschlaf der Angst überhoben, die wir alle um sie trugen — nun fühlt sie unsere Angst nach!
Sie lehnte sich an den Vater: sie küßte Ihn — ein himmlisches Zeichen zu Gunsten meiner — dann bat sie ihn zu Tisch zu kommen, wo mich und ihn die Anderen schon lange erwarteten.
Ist der alte General da? fragte er.
Auch; antwortete sie, sich die Lippe beißend; und Herr von Stifter mit seiner Frau und den vier Söhnen? Sie verneigte sich ganz erblaßt und ging. Er sah ihr nach und meinte dann: Wie gern seh’ ich meine Tochter noch in ihrem Frieden, so noch ungedungen! unbezwungen von Augen und Herz und eigener Himmelsgewalt. Aber ich muß des Nordlichtes schon gedenken, das bald in ihre Blüthen, auf ihre Früchte, in ihre Nächte fällt.
Aus allem diesem nahm ich ab, ich solle abnehmen: daß sicher noch Niemand Anwartschaft auf Arminia habe. Ich blickte zur Sonne, um mich zu stärken, mit Muth zu erfüllen, indem ich mir an ihrer Ewigkeit alles zu Traum verschweben lassen wollte, nur Arminia eben nicht! Dann sprach ich wahrscheinlich — denn ich hörte nichts von meinen Worten —:
Geben Sie mir dies Mädchen zum Weibe!
Kurz darauf setzte ich hinzu: Gestern, als sie begraben war, hätten sie mir sie gegönnt!
Er lächelte, als dächt’ er: heute lebt sie; dann antwortete er mir: Herkömmlich ist es, sich für die Ehre zu bedanken.... die ich nicht begreife. Sie scheinen zu lieben; das würde Ihr Glück sein, wenn ihre Liebe — — Liebe ist; (mir fehlt ein Gleichniß, ein Beiwort, denn der Liebe gleicht Nichts). Prüfen Sie sich. Daß Sie aber meine Tochter von mir, dem Vater, verlangen, bei mir um sie anhalten, das erlaubt drei Antworten auf drei Voraussetzungen. Eine, die: Ich sitze, wie ein Mann in der Bude, überhäuft von Waare. Ich muß losschlagen — mit Schaden —; und meine Töchter sind so wohlerzogen, so dankbar und mir so gehorsam, daß Ich nur ja sagen darf. Aber meinetwegen in allen Dingen, nur in der Liebe keinen Gehorsam! Das heißt mit der Liebe. Das ist ja eben die bittere Erfahrung, die jetzt viele Tausende machen: die Liebe läßt sich nicht befehlen; nur das, mit Zwang ja mit Abscheu „Thun“ — zur Noth. So aber meint der reiche alte General — der gestern um meine Arminia angehalten hat, und heute kommt, mein Jawort zu holen. Hier ist ein Brief. Er ist wahrscheinlich kein Frommer, der sich auch den Glauben und das Beten hat zum Schein befehlen lassen, und denkt: Ich und Er werden mit dem Schein, also mit der Heuchelei zufrieden sein, weil er hochgestellt und reich ist. Ich werde nach Tisch ihm die Antwort schriftlich zusagen, und Sie sollen die Antwort concipiren! Auf gleiche Bedürfnisse schließt man weltliche Bündnisse, und Verträge mit Denen, die gegen unsere Bedürfnisse fanatisch denken und handeln. Also muß der Brief ein Concordat mit ihm sein. Das wirksame Gefühl dazu geben Ihnen etwa die Sätze: Alle goldenen Schätze und Kreuze, ja Kronen eines Alten, wiegen nicht die jungen Jahre eines Mädchens auf. Das ärmste Bauermädchen, das den alten uns bekannten Dalailama heirathete, wäre schändlich um das betrogen, was die ganze Welt Einem nur einmal zu geben hat, um die Jahre, das Leben! Der Werth der jungen Jahre ist unermeßlich! Dagegen ist aller Reichthum der Reichen nichts, gar nichts; aller Rang und Stand der Berangten ist dagegen nichts, gar nichts. Denn die Jahre sind die einzigen Gaben der Welt an Jeden, sein eigener schönster und höchster Besitz, die Blüthe der Zeit, die Frucht der Ewigkeit. O möchten doch alle vermeintlich armen Mädchen einsehen, was sie besitzen mit ihrer Jugend! Aber die Unschuld nur giebt uns Achtung vor uns selbst und Werthgefühl unserer selbst, jeden Haares an unserem heiligen Leibe, heiliger, als Reste von Todtenknochen, und wenn Gott selbst der Todte wäre! Ein Alter, der ein junges Mädchen liebt, wie er seine Anfechtungen nennt, hat den Weltverstand verloren und meint, was ihm tausend Fälle bestätigen: die Mädchen denken: „lieber äußerlich glücklich, als doch nicht innerlich! Lieber Pein und Strafe, als Leere! Lieber schlecht und kurz geheirathet, als gar nicht.“ Solchen Unverstand müssen Eltern mit Gewalt brechen. Stellen Sie sich vor, junger Mann und hoffentlicher Herr Schwiegersohn: eine alte Frau will Sie zum Manne haben; und mit der Erbitterung gegen diese ehrwürdige Dame, verfassen Sie dem alten reichen hohen Herrn den Absagebrief, aber so artig, als wenn die Begehrte — Arminia wäre.“
Ich versicherte meinen ganzen Kopf und mein ganzes Herz auf den Brief zu verwenden.
Die Zweite Antwort für Sie wäre: Sie ahnden und ehren den Verlust, den ein Vater leidet, wenn er ein Kind hingeben soll! Die gediehene Fruchtpalme seiner Sorge und Mühe, seine als holde Lebendige auferstandene Lehre, Liebe und Treue, einen Hauptgewinn seines Lebens — da Sie dem alten Stamme die grünen Zweige abhauen, daß er kahl und leer stehen soll, bis er eingeht. Mögen Sie dafür einst mit der freudigen Wehmuth belohnt werden: dem heiligen Gange der Welt sich hoffnungsvoll zu fügen. Eine Tochter glaubt man wegzugeben, zu verlieren — ein Sohn scheint etwas zu nehmen, zu gewinnen — eine Frau. Aber beide sind verloren; doch wenn die Kinder gewinnen, dann werden gute Eltern reich. Dr. Troxler hat mich versichert, meine Herren Schwiegersöhne würden fast lauter Söhne haben. Der Familientypus, der Mensch bleibt: „Mädchen und Knaben sind nur Revers und Avers derselben Goldmünze der „Geister-Falschmünzerei““ — spricht unser Nachbar von Stifter darein; weil seine gute Frau, die bei ihm zum bleichen Gespenst sich verzehrt hat, ihm gar keine Kinder gebracht; und seine Verwandten ihn verhindern, daß auch nur Einer seiner Nebensöhne legitimiert werde, um sein nicht fern von hier liegendes großes Majorat zu erben. Deswegen ist er schon bei Lebenszeit nach Ostfrei gezogen, das seiner Frau verschrieben ist. Sie werden die Unglückliche sehen, die so gut ist, wie ein homerisches Weib, das seines Mannes natürliche Kinder mit solcher Liebe und Eifersucht, und solchem Neid und Gram erzogen, daß sie bald zu den Schatten steigen wird. Und stellen Sie sich vor, diese Unglückliche wird in weitem Kreise hiehin und dahin als wunderthätiges Bild geholt! — eingeladen von Frauen schon oder noch wankender Greluchons. Und ihr Anblick, ihr Schweigen, ihre himmlische Geduld, ein leichtentschlüpftes Wort, ihr widerwilliges leises tiefes Aufathmen, das ein Seufzen oder Gebet schien, hat nach ihrem Abschied die verstocktesten, verblendetsten Männer ihren Frauen zu Füßen geworfen.
Trotz meiner Rührung freute ich mich; denn welchem Schwiegersohne kann man eine einschneidendere Warnung geben, als er that; und noch mehr dadurch, daß er mich darauf bei Tisch der wie vom Tode erstandenen blassen armen Frau gegenüber setzte, von der ich schon bei meinem heutigen ersten Besuch vor Jammer fast übereilt geschieden war. Er zahlte mir also schon Gold „auf den Schwiegersohn“ aus!
„Meine dritte Antwort an Sie wäre, fuhr er fort: Sie haben den weisen Vorsatz: Du mußt dir die Liebe der Geliebten gewinnen. Ohne zu lieben heirathen, ein dich nicht liebendes Weib nehmen, ist Todsünde, weil es nicht das wahre göttliche Leben bringt. Liebe ist ja die ganze Sache dabei. Mit Begeisterung muß alles geschehen. Die Begeisterung ist alles selbst. Ob einander Liebende dann verstehen die Liebe zu erhalten, das ist ein Anderes. Darum ist ein Herrnhutisches Losen und Gelost werden die Austreibung — des höchsten Wesens! Darum ist Weibergemeinschaft: Erniedrigung unter den Elephanten! Nur Jüngling und Mädchen lieben einander mit der Liebe, die einzig den Namen Liebe verdient! Sie nur macht Weib und Mann glücklich, glücklich die Kinder. Nur unter Weib, Mann und Kindern ist Liebe — gegen Andere alle ist nur: Agape, und von ihnen ist auch nur Agape zu verlangen, Anderen wohlzuwollen, wie sie uns; aber Niemand kann sich selber lieben, also auch nicht alle Anderen. Aber alle Anderen lieben sich untereinander, aber alle nur als Mann und Weib und Kinder. Und das thut der Eisbär! Das, die Vögel alle in allen Nestern! Das, die Blumen und Blüthen alle! — Das ist der Geist der Welt und ist das, was man sonst die Seligkeit nannte, aber was sie allein überall wirklich und ewig ist. Andere sollte man nur agapiren wie sich — aber alle Liebende lieben den geliebten Anderen mehr wie sich! Die Schlange läßt das Leben für ihre Kleinen! Die Menschenmutter stirbt für ihre Kinder — und mit Freuden! mit Freuden! Glücklicher kann der Geist der Welt in keiner Gestalt werden. Ich wünsche meine Tochter glücklich. „Darum, heißt es, soll Dich die Tochter lieben; wenn der Vater, als Hausverstand sie Dir geben soll! Zwinge sie also dazu dadurch, daß Du ein Mann bist, durch alles was und wie Du da bist und was Du hast. Denn das alles eben bist Du. Nur hüte Dich, daß die Geliebte nicht blos Deine Liebe liebt, und sich Dir aus Rührung, Eitelkeit, Mitleid oder Weiblichkeit nur ergiebt. Ihre Liebe muß nach Dir heimlich weinen!“ — Aber zu dem allen spreche ich, und gebe Ihnen ein Zeichen: Wenn Arminia zögert und ihr Jawort zu geben hinausschiebt, dann gerade liebt sie Sie. Denn jedes Haus und jedes Herz hat seine eigene Religion! Ich werde ihr von Ihrem gottseligen Vorhaben sagen, und wenn sie bei Tische nicht ißt — dann trinken Sie auf meine Gesundheit! —“