XX.
Der Raub des Brautschatzes der jungen Gräfin von Beuchling.

So oft er einen Schatz erspähte, wie flammte
Lüstern sein Auge! wie tobte sein Herz! wie schwellt ihm den Busen
Blut- und Beutebegier!
Kosegarten.

Es war nicht mehr die kleine Gesellschaft, aus Sarberg, Schöneck, Eckold, Schickel, Lehmann und Hentzschel gebildet, welche Philipp als Häuptling befehligte; mehr als hundert Gauner, Diebe, Räuber, Mordbrenner und Mörder hatten schon in den ersten Monaten seiner Ankunft auf sächsischem Boden zur Fahne des mächtigen Lips Tullian geschworen.

Er gab der Bande militärische Eintheilung, formirte sechs Corps, stellte jedes unter die Befehle eines der benannten Vertrauten, und nannte die Bande, über die er selbst den Oberbefehl führte, die schwarze Garde.

Bald ward dieser Name in Sachsen nur mit Bangigkeit und großen Besorgnissen genannt, der Name Lips Tullian war der Schrecken des Landes. Einbrüche in Kirchen und Häuser, Ausplünderung der Reisenden, Angriffe auf Postwagen, Gelderpressungen durch Drohbriefe und Brandstiftungen reiheten sich in himmelschreiender Folge.

Die Bande war im ganzen Lande vertheilt, Lips Tullian mit Mariane größentheils auf Kundschaft, wo sein Handel mit Bändern und den damals so beliebten italienischen Waaren, seine geschmackvolle, feine Kleidung, sein gebildetes Betragen ihm Zutritt in den besten Häusern verschafften, deren Verhältnisse in klingender Beziehung, so wie Gelegenheit zum Einbruche genau zu erforschen, ihm bei seiner Schlauheit keine schwierige Aufgabe war.

In einem Umkreise von einigen Meilen hatte er seine Niederlage in vertrauten Häusern, wo er von Woche zu Woche von seinen Unteranführern Nachricht über die Geschäfte der Bande, über ihre künftigen Unternehmungen erhielt. Gab es einen Angriff oder Einbruch, wo Tollkühnheit an der Spitze stehen mußte, so eilte er dahin, überzeugt, daß seine Gegenwart und sein Beispiel auch den Feigsten seiner Gesellen ermuthigte.

Mehr als ein Jahr hatte er unter den größten Anstrengungen hingebracht, jetzt wollte er sich einige Ruhe gönnen. Er übergab Sarberg das Obercommando, und ging mit Mariane nach Dresden, wo er eine abgelegene Wohnung bezog, zwar zurückgezogen lebte, dabei aber sich in seiner häuslichen Zurückgezogenheit einem schwelgerischen Wohlleben hingab.

Die Ruhe behagte ihm nicht lange; er hatte sich zu sehr an eine verbrecherische Regsamkeit gewöhnt. Es war das Erste, daß er Häuser auskundschaftete, worin verbotene Spiele um hohes Geld getrieben wurden. Er wußte in solche Häuser sich Eingang zu verschaffen, und man empfing den anständigen Fremden mit seiner gefüllten Goldbörse recht freudig.

Lips Tullian verlor und gewann in der ersten Zeit, doch immer so, daß der Verlust den Gewinn weit überstieg. Als er die Spieler recht sicher gemacht hatte, ließ er seine Spielkünste ins Leben treten, und ging nie, außer wenn er es aus Klugheit mäßig machte, vom grünen Tische, ohne die Goldstücke der Spielgesellschaft mit den seinigen vereint zu haben.

Vor dem Anfange des Spieles unterhielt eines Abends Herr von Cotitz die Anwesenden von dem bedeutenden Brautschatze der jungen Gräfin von Beuchling und nannte ihn einen fürstlichen. Lips Tullian brannte die Erde unter den Sohlen; er spielte kopflos, da ihn die Begierde nach diesem fürstlichen Mahlschatze zu sehr bemeisterte. Noch war die Spielzeit zur Hälfte nicht verflossen, als er schon über 100 Dukaten verloren hatte.

Der Verlust machte ihm keine bittere Laune, er freute sich vielmehr darüber, da ihm dadurch Gelegenheit wurde, das Spiel zu verlassen, mit Cotitz, der im Nebenzimmer bei einer Flasche Wein allein saß, zu sprechen, ihn auszuforschen, und dann seinen Plan zu bilden. Cotitz plauderte in seiner Redseligkeit alles, was Philipp wissen wollte, recht ausführlich aus, und sein listiger Zuhörer schied in der größten Zufriedenheit von ihm.

Ohne Gehülfen konnte Lips Tullian nicht zum Ziele kommen, er brauchte nur wenige, aber Leute von feinster Schlauheit und erprobtem Muthe. In Dresden war nicht einer von der Bande gegenwärtig, durch den er die nöthigen Gesellen hätte berufen können.

Die Theilung der Beute im Walde.


GRÖSSERES BILD

Mariane erbot sich gleich zu diesem Geschäfte. Mit ihrem Bandkasten auf dem Rücken eilte sie gleich nach Oeffnung der Thore aus Dresden, und bald kehrte sie mit Sarberg, Schickel, Lehmann und Eckold zurück, die ihr einzeln und in verschiedenen Verkleidungen gefolgt waren.

Der Brautschatz der jungen Gräfin war im Beuchlingschen Palaste in einem Gemache aufbewahrt, das im obersten Geschosse und in der Mitte von zwei Zimmern lag, wovon eines von dem Hofmeister mit seinen gräflichen Zöglingen, das andere von dem Jäger und dem Koche bewohnt war. Und aus dieser Umgebung heraus holten sich die Räuber die Chatoulle mit der reichen Aussteuer in Gold und ein aus Silber geflochtenes Körbchen, worin der Schmuck lag, der einen Werth von 60,000 Thalern hatte.

In einem Walde außerhalb Dresden wurde der Raub getheilt[27], nachdem davon eine große Summe in Gold zur Vertheilung unter die übrigen Mitglieder der Bande abgesondert worden war. Nicht das Mindeste nahm Lips Tullian von seinem, nach den Gesetzen der Gesellschaft ihm doppelt zugefallenen Antheile mit sich in seine Wohnung, aus Furcht irgend einer Entdeckung; er übergab Sarberg alles, und bezeichnete ihm eine Felsenschlucht in der Oberlausitz, wo er es zu vergraben habe.

Im zurückgezogenen Wohlleben brachte nun Lips Tullian mit Marianen seine Tage hin, war Heuchler genug, täglich die Kirche zu besuchen, auf dem Gange dahin die Armen zu beschenken, gewann bei der Nachbarschaft den Ruf eines gar frommen, mildthätigen Herrn, und ergaunerte sich am grünen Tische von Zeit zu Zeit eine schöne Anzahl von Goldstücken.

[27] Hierzu die Abbildung im nächsten Hefte.