Eines Morgens kam Hentzschel zu ihm mit der Nachricht, daß bei dem Juden Assor Marx zu Halle ein Schmuck von hohem Werthe liege, welchen Marx für eine Banquiersfrau in Leipzig aus Frankfurt besorgt habe; daß aber dieser Schmuck sehr gut verwahret, und es das Allerschwierigste sei, ihn dem wachsamen Juden zu entwenden.
Lips Tullian ließ sich von Hentzschel über Assors häusliche Verhältnisse, seinen Charakter, die Lage des Hauses etc. die genaueste Auskunft bis auf die geringfügigsten Umstände geben, und versicherte mit großer Bestimmtheit, der Schmuck sei so viel als in seinen Händen, wenn Marx ihn nicht schon abgeliefert habe. Er traf unverzüglich seine Anstalten.
Als Lips Tullian noch mit dem schwarzen Wenzel in Gemeinschaft stand, befanden sich bei ihrer Bande zwei Juden. Er machte sich alles eigen, woraus er für sein Handwerk Vortheil ziehen konnte. In jeder müßigen Zeit unterhielt er sich mit diesen Juden, bewirthete sie mit Wein, und hatte bald von ihren Gebräuchen, ihrer Religion, ihrer Sprache und ihren sonstigen Eigenheiten so viel erlernt, daß er kühn in jedes Judenhaus treten und für einen Glaubensgenossen gelten konnte.
Schnell war er in einen Israeliten umgewandelt, und mit seinem falschen Barte, auch mit Arbe Kaufes und Tfille[28] ausgestattet, wanderte er nach Halle zu, und wurde auf dem Wege dahin von reisenden Juden mit einem treuherzigen: „Gotelkom!“[29] begrüßt.
Durch Hentzschel, der die Verhältnisse des Assor Marx genau kannte, hatte Lips Tullian erfahren, Assors Reichthum habe sich nicht so sehr aus guten Handelsgeschäften, als vielmehr aus dem Ankaufe gestohlner Waaren von Werth gemacht. Dieser Umstand erleichterte sein Unternehmen.
Er trat in Assors Haus, sagte diesem, daß er aus Prag und auf einer Reise nach Berlin begriffen sei, hier seine Frau, die in Frankfurt Geschäfte mache, erwarte, und bat Assor, ihm bis zu deren Ankunft gegen reichliche Vergütung Pflege und Herberge zu geben.
Während der Anrede zählte er, gleichsam tändelnd, eine bedeutende Anzahl von Goldstücken aus einer Hand in die andere. Der habsüchtige Marx blinzelte mit verlangenden Blicken auf die schönen Goldstücke hin, schrieb schon in Gedanken die Rechnung mit doppelter Kreide und bot dem reichen Glaubensgenossen sich, sein Haus, Küche und Keller zu allen Diensten an. Bald saßen die beiden bei einer Flasche Wein traulich zusammen, und schon nach einer Stunde wußte Marx mit geheimer Freude, daß sein Gast einen bedeutenden Schatz an Juwelen besitze, welchen er aus sehr bewegenden Gründen um einen mäßigen Preis losschlage.
Außer Marx, seiner Frau, zwei Enkeln und einem alten Knechte wohnte Niemand im Hause. Lips Tullian war schlau genug, seine Kenntniß von dem hier befindlichen Schmucke nicht im Geringsten ahnen zu lassen; er schien sogar einige Winke, die ihm Marx darüber gab, nicht im Geringsten zu beachten.
Dagegen hatte er sich bald das innigste Vertrauen des alten Knechtes erworben, und dieser, als ein geborner Pole ein Freund des Branntweins und von Lips Tullian in einer Winkelschenke überreichlich damit bewirthet, vertraute in der Trunkenheit dem aufmerksam Lauschenden, daß in seines Herrn Keller ein sehr theurer Schmuck liege, aber schon in einigen Tagen nach Leipzig abgeführt werde. Ehe noch der Sinnlose unter dem Tische lag, hatte Lips Tullian schon erfahren, wo der Eingang zum Keller sei, wo die Schlüssel verwahrt werden, in welcher Ecke des Kellers das Schmuckkästchen, zur Sicherheit gegen Diebe, tief im Sande verscharrt liege.
Es war Sabbath, und Lips Tullian bat um Erlaubniß, seinen geehrtesten Hauswirth, wie auch dessen Ehefrau und Kinder mit einem köstlichen Weine bewirthen zu dürfen, von welchem er gestern im Gasthofe zur goldnen Traube getrunken und gleich einige Flaschen gekauft habe.
Der Knecht mußte den Wein aus des Gastes Wohnzimmer herab tragen. Die Flaschen waren versiegelt, und Marx versicherte seinen lieben Angehörigen mit wichtiger Kennermiene, daß er schon jetzt für die Vortrefflichkeit dieses Weines bürge, weil man nur Flaschen von den besten Sorten versiegle.
Die Gläser wurden gefüllt, die Gesellschaft leerte sie auf gegenseitiges Wohl, auch der Knecht erhielt seinen tüchtigen Antheil. Niemand hatte bemerkt, daß Lips Tullian sein Glas auf den Boden ausgoß, und bald würde Niemand vermocht haben, es zu bemerken, da schon bei der ersten Flasche Marx, seine Frau, die Kinder und der Knecht in einem todähnlichen Schlafe lagen; so schnell war die Wirkung des betäubenden Mittels, womit jener den Wein reichlich gemischt hatte.
Die Kellerschlüssel aus dem Verschlusse zu holen, das Kästchen mit dem Schmucke unter dem Sande hervor zu ziehen, es zu zertrümmern, und den Schmuck in dem Leibgurte zu verwahren, war für den Räuber das Werk der kürzesten Zeit.
Damit begnügte sich aber der Bösewicht noch nicht. Er öffnete einen Kleiderschrank, worin Marx sehr feine Anzüge, die er von jungen Verschwendern wohlfeil gekauft hatte, verwahrte, vertauschte den seinigen gegen einen solchen, that den langen, falschen Bart von sich, nahm aus dem Schranke, der des Juden kostbarste Sachen enthielt, das baare Gold, an Thaler-Rollen, Gold- und Silbergeräthen so viel, als seine Taschen faßten, löschte alle Lichter aus, verriegelte sehr sorgfältig die Hausthüre, und entfernte sich durch das Hinterpförtchen.
So schnell als die Last seiner gefüllten Taschen erlaubte, eilte er auf das nächste Dorf, wo sich Hentzschel, als Pferdehändler figurirend, seit des Hauptmanns Ankunft in Halle mit zwei Pferden aufhielt und diese, wie verabredet war, jeden Abend gesattelt in Bereitschaft hatte.
Lips Tullian gab das bekannte Zeichen, Hentzschel zog seine Pferde aus dem Stalle, und es ging die ganze Nacht durch im scharfen Trabe.
Mit Tagesanbruch bog Hentzschel, dem Lips Tullian für seinen Antheil das Gold und die Thaler-Rollen gegeben hatte, in der Nähe einer Poststation mit seinen Pferden von der Landstraße abseits, und Lips Tullian nahm einen Wagen bis an die Thore von Dresden.
Mit einem Raube von mehr als 20,000 Thalern an Geldwerth schlich er bei eingebrochener Nacht durch die Straßen von Dresden seiner abgelegenen Wohnung zu.