In der schwarzen Garde glimmte schon lange unter dichter Asche der Funke des Mißmuthes, der Abneigung gegen den Häuptling. Lips Tullian hatte, nebst den Unteranführern, seine Auserwählten, denen er sein Vertrauen, seine Freundschaft, seine Achtung auffallend bethätigte, die er auch bei Unternehmungen, wo reicher Lohn zu ernten war, und bei mancher Vertheilung der Beute auf Kosten der allgemeinen Rechte mit leidenschaftlicher Vorliebe berücksichtigte, während er die übrigen Mitglieder der Bande als niedrigen Janhagel, als Sclaven seiner Willkühr betrachtete, und in seiner rasch aufwallenden Hitze mit despotischer Härte mißhandelte. Jokel war ein Liebling der meisten von der Bande; bei Lips Tullian viel geltend wegen seiner Schlauheit und seines Muthes, wo die größte Gefahr war, aber stets von ihm mit herrischer Macht in engere Schranken zurückgedrängt, als der Geringste der Uebrigen, da Jokel schon manchen kühnen Versuch gemacht hatte, seine Fesseln zu brechen, seinen Oberherrn von dem Höhenpunkt seiner Stellung herabzustürzen und sich dahin aufzuschwingen. Daß Lips Tullian ihn einst eine volle Woche, mit Stricken gebunden, in dem Keller einer Diebesherberge bei Wasser und Brod schmachten ließ, und zwar eines geringen Versehens wegen, daß Lips Tullian ihn oft blutig geschlagen hatte, darüber konnte Jokel sich nie beruhigen. Er lechzte nach Rache, aber je heißer die Flamme der Rachsucht in seinem verwilderten Herzen aufschlug, desto geschmeidiger wurde der tückische Heuchler. An Lips Tullians Wachsamkeit zertrümmerte so mancher seiner Pläne, den Jokel zu seines Feindes Vernichtung ersonnen hatte. Da führte ihn der Zufall Marianen zu. Wollust und Raubsucht, aber noch viel mächtiger seine unbezähmbare Begierde, sich an dem verhaßten Häuptling zu rächen, erzeugten die thierische Gewalthat und den Raub von ihm an Marianen geübt.
Außer denen von Lips Tullians erwählter Umgebung würde keiner an den vom Hauptmann für vogelfrei erklärten Jokel Hand angelegt haben.
Als Hentzschel und Schickel den gefangenen Jokel am Stricke herbei schleppten, erhob sich unter den gemeinen Räubern ein Freudengeschrei; es war aber nicht der Ausbruch der Freude, nun den Feind in seines Feindes Händen zu wissen, sondern der frohen Hoffnung, der Hauptmann werde Gnade für Recht ergehen lassen, und den Brauchbaren wieder in ihrer Mitte aufnehmen. Sie erstarrten vor Entsetzen, als Lips Tullian das Todesurtheil aussprach, sie jubelten laut bei dem Rufe der Gnade. Von Einem Geiste beseelt, von gleichem Verlangen beherrscht, Jokel an ihrer Spitze zu sehen, hatten sie in größter Schnelle geheime Abrede genommen, und den Ungar und Bastian abgesandt, um ihrem Lieblinge zu erklären, daß sie von nun an nur unter ihm dienen wollen, daher noch mehrere Gleichgesinnte unter den andern abwesenden Abtheilungen sammeln, und bei erster Gelegenheit Lips Tullian verlassen werden. Sie glaubten noch immer Bastian und den Ungar auf Werbung für Jokel, als dieser und ihre Abgesandten schon in ihrem schauderhaften Grabe den Tod der furchtbarsten Qualen, der gräßlichsten Verzweiflung gestorben waren.
Nur Einer unter Jokels eifrigsten Anhängern, der Welsche genannt, theilte nicht lange den Wahn der Uebrigen. Er hatte ein Gespräch zwischen Sarberg und Lehmann belauscht; worin Jokels erwähnt wurde, nur mit wenigen Worten, die ihm aber zur Genüge sagten, Jokel, Bastian und der Ungar seien nicht mehr unter den Lebenden. Er vertraute sich Niemandem; er allein wollte den Schleier dieses Geheimnisses lüften; die Sinnlichkeit sollte ihm ihre hülfreiche Hand bieten.
Der Welsche hatte eine Zuhälterin, die Sarberg im Stillen leidenschaftlich liebte. Dem scharfen Auge des Welschen entging Sarbergs heftige Neigung nicht. Er kannte seiner Dirne Schlauheit und Buhlerkünste; ihr allein vertraute er die erlauschten Worte, und auf sein Verlangen übernahm sie Sarbergs Ausforschung unter der Maske der Erhörung und der Gegenliebe. Sarberg hing an Lips Tullian mit beispielloser Treue; seinen Schwur, Jokels und seiner beiden Gefährten Ermordung als das tiefste Geheimniß zu bewahren, würde er nicht unter den allergrausamsten Händen der Folterknechte gebrochen haben; aber Liebe und Sinnlichkeit zerrissen die ehernen Bande seiner Treue, seines Schweigens. In einem unglücklichen Momente, wo die geübte Buhlerin seine Sinnlichkeit zur verzehrenden Flamme angefacht, wo er im Sinnenrausche alle innere Kraft, alle Besonnenheit verloren hatte, da entlockte ihm die schlaue Dirne sein Geheimniß.
Auf einem abgelegenen Platze sammelte der Welsche seine Vertrauten, und theilte ihnen das grausame Ende ihres Lieblings und ihrer wackern Kameraden mit.
Sie erstarrten. Die Erstarrung wurde zum heftigsten Ergrimmen, zur unbezähmbaren Wuth gegen Lips Tullian und seine Lieblinge.
Der Welsche wollte ihnen rathen, die Gelegenheit, wann Lips Tullian allein sei, abzulauern und ihn dann niederzustechen. Die Wüthenden hörten ihn nicht. Sie stürmten in das Haus, wo Lips Tullian mit Marianen und seinen Erwählten unter lärmender Fröhlichkeit zechten. Ein fürchterlicher Kampf begann.[35]
Mehr als viermal überlegen waren Lips Tullians Feinde, aber sein und der Seinigen Muth hielt der Uebermacht die Wage. Säbel, Knittel und Messer vermochten nicht, die Angreifenden zum Siege zu führen; das Feuergewehr that es.
Der Welsche schoß mit seiner Doppelpistole Sarberg und Eckold nieder, ein anderer Schuß machte Lehmann sinken.
Mit erneuerter Wuth drang nun der Haufe auf die kleine Schaar los; Lips Tullian sollte nicht getödtet, sondern unverletzt gefangen werden, um Jockels furchtbares Loos zu theilen. Jetzt sanken Schöneck und Schickel, jetzt stürzte Mariane, von einem furchtbaren Hiebe getroffen, mit gespaltenem Kopfe zur Erde. —
„Ergib Dich!“ — brüllte ein Räuber und stürzte mit vorgehaltenem Stuhle auf Lips Tullian los. Er faßte den Stuhl mit riesiger Kraft, stieß den Räuber zu Boden, schlug furchtbar um sich, erreichte ein offenes Fenster und sprang durch dasselbe auf den Hof. Er floh querfeld dem Walde zu.
Die Räuber folgten ihm im schnellsten Laufe. Er hatte einen Vorsprung von kaum hundert Schritten; er erreichte den Wald und war gerettet.
Ohne Hut, mit nichts an Kleidern und Wäsche versehen, als was er am Leibe trug, und einige Thaler in der Tasche und blos mit seinem Säbel bewaffnet, dabei aus mehreren Wunden blutend, die ihm in der Hitze des Kampfes geschlagen worden, ungeachtet die Räuber seinen ganz unverletzten Körper ihrer allergrausamsten Rache opfern wollten, eilte Lips Tullian im Walde fort, vermied Fahrwege und Fußpfade und hielt nur auf Augenblicke in Dickichten an, um Athem zu schöpfen und zu lauschen, ob ihm noch Verfolgung drohe.
So war er einige Stunden mit großer Anstrengung dahin geeilt, als ihn seine Kräfte verließen und er an einer zufällig gefundenen Quelle niedersank, die ihm zur Reinigung seiner Wunden, zur Stillung des brennenden Durstes sehr wohlthätig wurde. Die Ermattung machte ihn bald einschlafen.