LI.
Der Aufenthalt in Polen und Philipps erster Mord.

O ich fühl’ es, dieses Weib,
Wenn ihr sie schnell nicht meinem Blick entzieht,
Ruft Sünd’ in’s Dasein, außerordentlich,
Wie ihre Schönheit; einzig, wie sie selbst.
Friedr. Hebbel.

Drei Jahre hatte Philipp in Brüssel gelebt. Es waren die schönsten, die seligsten Tage seines Lebens. Durch strenge Pflichterfüllung, durch einen unbescholtenen Wandel hatte er sich Vertrauen und Achtung erworben, und seine und Josephinens Liebe war so innig, und ihre Herzen fühlten sich in einem so reinen, ununterbrochenen Genusse des innern Friedens und der häuslichen Glückseligkeit, daß sie gar keine andern Wünsche kannten, als daß es immer so bleiben möchte.

Jetzt starb der Gouverneur Graf von Hillmer. Sein Neffe und Erbe, ein junger Wüstling, der in Paris, in London, in Wien sein Geld und sein Leben verschwelgte, flog, auf die Nachricht von seines Oheims Tode, aus Wien herbei, nahm die reiche Erbschaft in Empfang, verkaufte alle Einrichtung, Pferde und Wagen, lohnte die Dienerschaft ab, und eilte mit seinem, beinahe unermeßlichen Vermögen dahin, wo sich ihm die reichsten und mannigfaltigsten Genüsse boten.

Philipp hatte sein und seiner Josephine Vermögen im Laufe dieser Zeit, wo sich durch den Pferdehandel viel gewinnen ließ sehr vermehrt. Philipp verstand dieses Geschäft. In zwei Jahren hatte er sein Capital verdoppelt, und in den drei folgenden durch Unglücksfälle, betrügerische Lieferanten, durch die Entweichung seines Hauptgläubigers und durch ein schnell ausgebrochenes, furchtbar um sich greifendes Feuer, welches die schönsten und theuersten seiner Pferde vernichtete, kaum mehr so viel im Vermögen, um mit Josephinen einige Monate hindurch ohne Nahrungssorgen leben zu können.

Grade in dieser Zeit hielt sich zu Brüssel der Graf Wiczenik, ein reicher Pole, auf, der seine vielen Güter in der Gegend von Pyzdey hatte. Er lernte Philipp kennen, überzeugte sich von seinen Kenntnissen, und trug ihm eine Stallmeisterstelle mit einem sehr beträchtlichem Gehalte an. Freudig ging Philipp in den Antrag ein und sah dem Wiedergewinn seines verlornen Vermögens mit Zuversicht entgegen, da ihm der Graf seine bedeutende jährliche Lieferung von Remonten für die preußische leichte Reiterei gegen eine sehr mäßige Pacht überließ.

Auch in Polens Steppen, auf dem prachtvollen, aber sehr einsam gelegenen Schlosse des Grafen lebten Philipp und Josephine wieder so glücklich, wie sie in Brüssel gelebt hatten.

Drei Monate lebte Philipp an der Seite seiner Gattin und in seinem neuen Berufe auf dem gräflichen Schlosse recht froh und glücklich. Nach und nach aber wurde Josephine betrübt und Philipp fand sie oft mit verweinten Augen. Vergeblich bat er, ihm ihren geheimen Kummer zu entdecken, sie erklärte dies für Heimweh nach ihrem Vaterlande und für Launen, über die sie sich keine Rechenschaft geben könnte. In dieser Zeit übergab ihm der Graf die Oberleitung seiner beiden Gestüte, welcher neue Beruf seine Zeit so in Anspruch nahm, durch vieles Hin- und Herreisen, daß er oft viele Tage und Wochen lang seine Josephine nicht zu sehen bekam. Ihr immer zunehmend seltsames verschlossenes und trauriges Wesen fiel ihm aber immer mehr auf und er gewann die Ueberzeugung, daß ein tiefer, geheimer Schmerz mit scharfem Zahne an den Fäden ihres Lebens nage. Da warf er sich vor ihr nieder und flehte sie an mit der ganzen Gewalt seiner heißen Liebe, ihm ihr Geheimniß zu erschließen. Nun vermochte Josephine nicht länger zu schweigen. Mit erlöschenden Blicken vertraute sie ihm, daß Graf Wiczenik ihr schon seit längerer Zeit entehrende Anträge mache, ja, daß er sich erfrecht habe, sie einst in sehr früher Morgenstunde in ihrem Bette zu überfallen, und es ihr nur geglückt sei, durch den kräftigsten Widerstand und durch die Erscheinung der Mägde, die ihr heftiges Geschrei um Hilfe herbei geführt habe, sich seinem wüthendem Anfalle zu entreißen.

Starr vor Entsetzen hatte Philipp Josephinens Klage gehört; es ward ihm jetzt klar, warum ihn der Graf so sehr mit Geschäften überhäufe — daß es geschehe, um den lästigen Gatten zu entfernen. Sein Entsetzen ward zum furchtbaren Zorn; er riß eine Pistole von der Wand, um den Lüstling, der seine Ehre schänden, seine und des edelsten Weibes Lebensruhe auf immer zerstören wollte, niederzuschießen.

In diesem verhängnißvollen Augenblicke trat der Graf in das Zimmer. Josephine bebte vor Entsetzen zurück.

L. Oeser in Neusalza.
Der erste Mord.


GRÖSSERES BILD

„Elender Wollüstling!“ brüllte der rasende Philipp, und, von seinem Schusse getroffen, stürzte der Graf wimmernd zur Erde.[37] —

Der Schuß rief die gesammte Dienerschaft zusammen. Beim Anblicke des bluttriefenden, hingestreckten Gebieters bebten sie zurück in unthätiger Erstarrung; sie erriethen schnell, was da geschehen; Philipps todtbleiches Gesicht, das wild-glasige Auge, die losgebrannte Pistole in der schlaff herabhängenden, zitternden Hand, sprachen die That klar aus.

„Bringt mich aus dieser Mordhöhle und jenen in des Thurmes tiefsten Kerker!“ — stöhnte der Graf seinen Dienern zu.

Auf sanften, sorglichen Händen wurde er in das Schloß getragen, Philipp in das grauenvollste Gefängniß des Thurmes geschleppt und mit schwerer Kette an einem Mauerringe angeschlossen.

Philipp erwartete in seinem Kerker nichts zu wissen als den Tod. Da öffnete sich nach mehreren Wochen zur ungewöhnlichen Stunde eines Abends seine Kerkerthüre. Nicht der Wärter, sondern ein Mann von riesiger Gestalt und furchtbarem Aussehen trat mit einer brennenden Fackel in das Gefängniß, löste Philipps Fessel, vertauschte dessen beinahe vermodertes Gewand mit einem reinlichen Anzuge, verband ihm die Augen, drohte mit dem Tode beim ersten Laute, und führte ihn ins Freie. Ein gellender Pfiff, und ein Wagen rollte flüchtig daher.

Philipp wurde hineingehoben, und im scharfen Trabe ging es dahin.

Am zweiten Morgen erreichte Philipp auf diese seltsame Weise die schlesische Grenze. Philipp mußte hier aussteigen. Man gab ihm einen Beutel mit Geld und die Warnung, wenn ihm sein Leben lieb sei, nie mehr die Grenze von Polen zu betreten. Schnell wandte der Wagen um und rollte zurück. Bald war er den Augen des nachstarrenden Philipps entschwunden.

In dem Geldbeutel schimmerte ihm ein Zettel entgegen, worauf er Josephinens Schriftzüge entdeckte. Diese schrieb:

„Der Graf war nur leicht verwundet, aber schon im Augenblicke seines Falles Dein Tod beschlossen.

Ich habe Dich gerettet, ich habe meine Tugend, meine Seligkeit, mein Leben für Deine Freiheit hingegeben. In dem Augenblicke, als man Deine Fesseln löste, ward ich das verzweifelnde Opfer der wildesten Sinnlichkeit. Wenn diese Zeilen in Deiner Hand sind, habe ich bereits vollendet. Der Dolch ist geschliffen, die Hand zuckt nach ihm. Lebe wohl, vergieb meinem Mörder, und bete für Deine Josephine.“ —

Mit einem schrecklichen Gefühle hatte Philipp Josephinens Worte gelesen; es war das Gefühl des heftigsten Schmerzes. Aber der Schmerz wurde immer gewaltsamer hinweggestoßen von der Wuth der Verzweiflung. Rasend sprang Philipp auf, warf sich auf die Kniee und schwur mit brüllender Stimme den gräßlichen Eid: „von diesem Augenblicke an nur dem furchtbarsten Hasse gegen die Menschheit anzugehören, und die versengende Glut dieses Hasses und der Rachsucht in den Thränen der Beraubten, in dem Blute der Ermordeten zu kühlen.“

Was Philipp Schönknecht geschworen, hat Lips Tullian schauderhaft erfüllt.

[37] Hierzu die Abbildung im 4. Heft. „Der erste Mord.“