Wenzel ging voran, und dieser folgte ihm, das Pferd am Zügel führend. Es ging nur selten und immer nur eine kurze Strecke auf gebahntem Pfade fort; im Hochholze und über Waldwiesen schritten sie schweigend dahin, denn jeder war mit sich selbst zu sehr beschäftigt.
„Wir sind am Ziele!“ — sprach Wenzel, als sie in einem schluchtähnlichen Thale auf einer, von felsigen Hügeln dicht umgürteten Stelle angekommen waren. Befremdet schaute jener umher, er sah nichts, als Steinmassen, hohe dunkle Fichten und wildrankendes Gestrippe. Und doch sollte er hier, nach Wenzels Versicherung, gute Herberge und gute Gesellschaft finden? Es kam ihm der Gedanke, auf diesen schauerlich-einsamen Platz gelockt worden zu sein, um ermordet und beraubt zu werden; er fühlte sich dem baumlangen Kolosse nicht gewachsen, doch war er fest entschlossen, sein Leben so theuer als möglich zu verkaufen.
Was er nach einigen Augenblicken sah, minderte zwar seinen Argwohn, mehrte aber seine Befremdung. Wenzel hatte den Arm bis an die Schulter in eine Felsenspalte gesteckt und seine Bewegung zeigte, daß er an einer Glocke ziehe. Bald darauf ertönte ein dreimaliger Hahnenruf, den Wenzel eben so erwiederte. Jetzt kam um den Felsen herum ein Kerl, eine Büchse unter dem Arme, einen furchtbar großen, immer knurrender herandrängenden Fanghund an einer Kette haltend. „Masel toff Köng rodl’ ich den tuftesten Kaper in unsere Bingertei[3]!“ — rief Wenzel. — Mit wild freundlichem Lächeln reichte der Kerl dem Fremden die Hand, schmeichelnd sprang der Bullenbeißer an Wenzel hinauf und beschnoberte dann den Fremden, mit feindlichen Blicken ihn beobachtend.
Es ging nun um den Felsen hin. Ein großer Haufen Laub und Reißig lag auf einem Flecke. Schnell war ein Theil davon durch Wenzel und seinen Kameraden hinweggeräumt, eine Fallthüre wurde sichtbar, und als diese aufgehoben war, zeigte sich ein ziemlich breiter, nicht zu abschüssiger Gang in die Tiefe, der für ein Pferd Raum genug hatte. Das Pferd wurde von Wenzel hinabgeführt, während der Andere im Augenblicke Licht geschlagen und eine Wachskerze angezündet hatte. Man gelangte in ziemlicher Tiefe auf einen Platz, der ganz ausgebrettert war, drei bis vier Pferde faßte und mit einem Vorrathe von Hafer und Heu versehen war. Der Brandfuchs wurde abgesattelt, getränkt, gefüttert, und nun ging es aufwärts, wo man die Fallthüre niederließ und sie wieder sorgfältig bedeckte.
Wenzel kletterte nun den Felsen hinauf, hieß seinen Begleiter ihm folgen und der Kerl mit dem Hunde schloß den Zug. Man kam an eine Oeffnung, durch welche man kriechen mußte, dann in einen Gang, der hoch und breit genug war, um aufrecht darin fortzukommen.
Wenzel pfiff auf einer Diebespfeife, sein Kamerad verrammelte die Oeffnung mit Steinen, mit einem starken Querbalken, und aus der Ferne flammte ihnen das sprühende Licht einer Fackel entgegen.
Es war ein junger Bursche von wildem, trotzigem Aussehen, der mit der Fackel daher kam, Wenzel mit einem Freudengeschrei begrüßte, den Fremden scharf beschaute, und dann mit seiner Leuchte voran schritt.
Der Gang führte abwärts. Gesang und Lachen erscholl aus der Tiefe, eine Thüre wurde geöffnet, und der Fremde starrte mit sprachlosem Erstaunen und festgewurzeltem Fuße die sich ihm darbietenden Erscheinungen an.
Eine Höhle, von Felsenwänden umschlossen und von sehr weitem Umfange, war von unzähligen Fackeln, die in den Felsenritzen steckten, erleuchtet. In der Mitte stand eine lange Tafel, an einer Wand hin lief ein hoch aufgeschichtetes Strohlager, über welchem Flinten, Säbel, Pistolen, Messer und Beile hingen. Ganz im Hintergrunde brannte ein Feuer, von Kochtöpfen umgeben. An der Tafel saßen mehrere Männer mit einigen sehr hübschen Dirnen, andere lagen auf dem Strohlager, andere bereiteten Speise.
Auf den Ruf des Fackelträgers: „Der schwarze Wenzel ist da!“ — sprang alles auf und jauchzte dem sehr beliebten Kameraden entgegen, mit Grüßen und Fragen ihn umdrängend.
Des Fremden Eintritt machte das Jauchzen und die Begrüßungen und die Fragen plötzlich verstummen. Als aber Wenzel der Bande den Fremdling als einen Gesellen ankündigte, und als er erzählte, wie der neue Geselle den Liebensteiner, ihren Todfeind, auf freier Straße am hellen Morgen erschlagen, und wie er sich im traulichen Gespräche und in der Erzählung seines Jugendlebens als den tuftesten Chochem, Ganof und Chasnemalochner[4] genügend beurkundet habe, da ward der Jubel zum betäubenden Gebrülle, der Fremde an die Tafel gezogen, eine große Kanne Wein ihm vorgesetzt, und er mußte mit Allen auf treueste Brüderschaft anstoßen.
Eine Dirne, deren Buhle vor Kurzem auf dem Rabensteine vollendet hatte, trug sich ihm gleich mit aller Frechheit zur Nafkine[5] an, und er war schon so tief gesunken, daß er nicht mehr seiner Jumello dachte, daß er mit schamloser Lust solch einer Verworfenen sich hingab.
Wenzel ließ nun die Männer einen Kreis um sich und den neuen Genossen schließen. Es herrschte die tiefste Stille. Der Fremde wurde aufgefordert, der Bande den Eid der Treue zu schwören. Er schwor einen gräßlichen Eid. Am Schlusse des Eides streifte Wenzel den linken Aermel seines Rockes zurück, ritzte sich mit der scharfen Spitze seines Messers eine Ader, fing das Blut in die Hirnschale eines Todtenschädels auf, und der neue Räuber leerte den grauenvollen Becher, seinen Eid und seine Treue durch den Bluttrunk bekräftigend. —
In der Bande war eingeführt, daß jedes Mitglied einen Namen führe, den ihm die Bande gebe. Der Fremde erbat die Begünstigung, von nun an Lips Tullian genannt zu werden, da er schon in seiner Kindheit von einem Tullian gehört habe, der vor zwei Jahrhunderten als gefürchteter Räuber und Mörder in Ungarn und Slavonien gelebt hatte. Einstimmig wurde ihm dieser Name gegeben.
Nun ging es zum Mahle, zum Zechen und Schwelgen, und als Lips Tullian das Geld, um welches ihm der eben gegenwärtige Haupt-Baldoverer[6] der Bande, ein Jude, des Liebensteiners Roß abgekauft hatte, der Gesellschaft zum Ankaufe von Branntwein überließ, hatte er sich gleich Alle zu den innigsten Freunden gemacht. —