17.
Französierungen, Polonisierungen und andere Metamorphosierungen der Neuzeit.

Die in Kap. 16 geschilderten Latinisierungen fanden eine bemerkenswerte Fortsetzung in der neuesten Zeit. Das infolge der traurigen staatlichen Verhältnisse gesunkene Nationalgefühl der Deutschen hatte schon seit dem Dreißigjährigen Kriege eine bei andern Völkern unerhörte Schwäche hervortreten lassen, die sich in Mißachtung des Heimischen und Überschätzung alles Fremden kundgab.[80] Daher in der Literatur die sklavische Nachahmung fremder Muster, in der Sprache die Überschwemmung mit fremden, namentlich französischen Wörtern. Auf einzelnen Gebieten überwunden trat diese einmal vorhandene Schwäche und Krankheit wieder in andern Symptomen hervor — neuerdings in der Unsitte, in fremden Landen seinen deutschen Namen zu entdeutschen, zu französieren, polonisieren, madjarisieren, wie es gerade kommt.

So werden denn in Frankreich die Namen verfranzöselt:[81] ein Solger nennt sich Saulier, ein Nagler — Naguiller, ein Witzel — Ficelle, ein Kleemann — Clément und ein Vogler schämt sich seines schönen deutschen Namens, nicht Vogler mehr — er wohnt ja in Paris — nein, Fouclair! mag auch das Französisch, welches er spricht, noch recht sehr seine Abstammung aus Deutschland, vielleicht speziell aus Thüringen verraten.

Besonders ungerechtfertigt und tadelnswert ist es, wenn dergleichen in Deutschland selbst geschieht, wenn sich z. B. ein Dessauer — Dessoir nennt, um durch diesen aufgehefteten französischen Lappen seinem Namen ein vornehmeres Aussehen zu geben, oder wenn echt deutsche Namen mit französischen Accenten versehen werden: Nägelé, Schultsé (!), Salingré, Ledérer.

Während diese Französelei sich häufig bei Schauspielern findet, veritalienern sich Sänger und Sängerinnen: der Schwabe Stiegele in Stighelli, die Sängerinnen Crüwell in Cruvelli, Röder in Rodani (!) — als ob Deutsche nicht singen könnten und alles, was gut singt, aus Italien herstammen müßte.

Wie im Westen die Namen französiert werden, so werden sie im Osten polonisiert. Ein Feldmann benamset sich klangvoller Feldmanowski, ein Krauthofer zunächst Krauthofski, dann aber, damit doch ja nicht eine Faser einer deutschen Kohlrübe an ihm hängen bleibe: Krótowski. Wird keine polnische Endung angehängt, so muß wenigstens die Schreibung eine polnische sein: Szuman (Schumann), Szrajber (Schreiber), Szulc (Schulz).[82]

Man sollte dergleichen nicht für möglich halten, da die polnische Nation doch in geringerer Achtung steht (s. „polnische Wirtschaft“, „polnischer Reichstag“) und die deutsche sich stets überlegen gezeigt hat, und doch geschieht es. Hieraus erklärt sich zum Teil das erneute Vordringen des Slawischen in manchen östlichen Bezirken Preußens. Es wäre nicht möglich gewesen, wenn die Deutschen in polnischer Umgebung die Fahne ihrer Nationalität immer hochgehalten hätten, wenn sie nicht in jämmerlicher Schwäche ihr Deutschtum verleugnet, ja zum Teil sich den Polen im Kampfe gegen ihr Vaterland, gegen deutsche Sprache und Nationalität angeschlossen hätten. So weigerte sich ein Gutsbesitzer Arndt (!) bei Gnesen, an einer in deutscher Sprache geführten Gerichtsverhandlung teilzunehmen, weil er — ein Pole sei. Entartete Deutsche sind vielfach gerade die Vorkämpfer der Polen und Tschechen.

In Österreich schließen sich an die Slawisierungen deutscher Namen in den slawischen Landstrichen Madjarisierungen in Ungarn. Die öffentlichen Blätter haben in neuerer Zeit häufig lange Listen österreichischer Staatsbürger gebracht, denen auf ihren Antrag Madjarisierung ihres Namens bewilligt worden. Am bekanntesten unter diesen Talmi-Madjaren ist der berühmte Reisende Vambéry, dessen Name nichts weiter ist als eine Verdrehung aus Bamberger. Ähnlich hat sich ein Hundsdörfer in Hunfalvy, ein Benkert in Kertbeny, ein Schedel in Toldy umgewandelt, der dann als Sekretär der ungarischen Akademie der Wissenschaften im ungarischen Unterrichtsrate gegen seine Muttersprache wütete und die nichtmadjarischen Nationalitäten Knall und Fall zu Madjaren zu machen suchte.

In Amerika endlich werden die Namen anglisiert: Schmid in Smith, Grünbaum in Greenbaum.

Diese Umwandlung ist übrigens verhältnismäßig am unschuldigsten, da es mehr nur Umsetzung aus einer Mundart in die andere, aus der hochdeutschen in die angelsächsische ist. Wenn aber auf diesem Wege ein so schöner Name wie Rosenkrantz in Rosecrans entstellt wird, so tritt auch hier wiederum das Widerwärtige dieser Erscheinung hervor.

Alles in allem — es ist eine sehr betrübende Erscheinung. Daß auf diese Weise echtdeutsche Namen verhunzt werden, ist noch das Geringere. Schlimmer ist, was damit unvermeidlich zusammenhängt. Wer sich seines ehrlichen deutschen Namens schämt, der schämt sich auch seiner Sprache, seiner Nationalität, seines Vaterlandes und sucht sie sobald wie möglich abzustreifen, er wird Franzose, Pole, Madjare, Slowene, Slowake, was es sei — nur ja nicht Deutscher bleiben![83] Einem Franzosen, einem Engländer, Italiener würde es nicht einfallen, seinen Namen einer fremden Sprache zuliebe zu entstellen — dem Deutschen war es vorbehalten, sich so wegzuwerfen!

Ein edler Stolz — das ist es, was dem Deutschen in den letzten Jahrhunderten nur zu sehr gefehlt hat. Und doch hätte er wohl Ursache, auf sein Vaterland stolz zu sein! auf das Land der Guttenberg und Luther, der Leibnitz und Humboldt, der Goethe und Schiller, der Scharnhorst, Stein und Bismarck!